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Full text of "Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften"

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Sitzungsberichte der Kaiserlichen 
Akademie der Wissenschaften , ... 


Kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien. 
Philosophisch-Historische Klasse 






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SITZUNGSBERICHTE 


DER KAISERLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE. 


VIERZIGSTER BAND. 


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WIEN. 

AUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

IN COXMIS8ION BEI KARL GEROLD’S SOHN, BUCHHÄNDLER DER KAIS. AKADEMIE 
DER WISSENSCHAFTEN. 

1862 . 


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SITZUNGSBERICHTE 


DEIt 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE 

DER KAISERLICHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


VIERZIGSTER BAND. 

Jahrgang 1862. — Heft I bis V. 

(JUit 4 «nftln.) 




C 

WIEN. 

AUS DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

IN COMMISSION BEI KARL OEROLD’S SOHN. BUCHHÄNDLER DER KAIS. AKADEMIE 
DER WISSENSCHAFTEN. 

1862. 


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V 


INHALT. 


Stil« 

Sitzung vom 4. Juni 1862. 

Müller Friedrich , Über die Spreche der Avgh&nen (Pr/to) * 3 

Sitzung vom 18. Juni 1862. 

Hehn, Motive der jonischen Säule. (Mit 1 Tafel.) 18 

Sitzung vom 25. Juni 1862. 

Ernennungen 26 

Fiedler, Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen 

Kirche im sechzehnten Jahrhunderte 27 

Sitzung vom 9. Juli 1862. 

Pfizmaier, Die Würdentriger Tsiuen-pu-I, Su-kuang, Yü-ting-kue und 

deren Gesinnungsgenossen 131 

Siegel, Die Lombarda-Commentare. Eine rechtsgescbichtliche Unter- 
suchung 164 

Sitzung vom 16. Juli 1862. 

Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne. Ein Beitrag zur deutschen 

Mythologie 177 

Sitzung vom 23. Juli 1862. 

Miklorich , Über die nominale Composition im Serbischen 230 

Gindelg, Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614 . . — 

Bischof, Das alte Recht der Armenier in Lemher g 255 

Verzeichnis* der eingegangenen Druckschriften. Juni, Juli 303 

Sitzung vom 8. October 1862. 

Joseph v. Arneth, Archäologische Analekten. (Mit 2 Tafeln.) 309 

Sitzung vom 15. October 1862. 

^3 Mussofie ,_ Handschriftliche Studien. 1 365 

Sitzung vom 22. October 1862. 

Pfizmaier , Tschin-thang, Fürst-Zertriimmerer von Hu 396 

Verzeichniss der eingegangenen Druckschriften 439 


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VI 


Seile 

Sitzung vom 5. November 1862. 

Ficker, Die Reiclishofhenmten der slaufischen Periode 447 

Sitzung vom 12. November 1862. 

v. Schlechte, Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow 
(in der Mitte des vorigen Jahrhunderts). Ein topographisch- 
ethnographischer Beitrag zur Kenntniss der damaligen Türkei 550 

Sitzung vom 19. November 1862. 

O jft ermann , 2 ur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz . . 594 

Sitzung vom 3. December 1862. 

Müller , Friedrich, Zendstudien. 1 635 

Sitzung vom 10. December 1862. 

Pfizmaier, Die Geschichte des Hauses Thal-ksng 645 

Sitzung vom 17. December 1862. 

Joe. v. Ameth , Archäologische Analekteu. (Mit 1 Tafel.) 697 

Verzeichntes der eingegangeneu Druckschriften. November, December . 717 


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SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

PH ILOSO PHIS CH- BIS TO RISC HE CL ASSE. 

XL. BAND. I. HEFT. 

JAHRGANG 1862. — JUNI. 


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SITZUNG VOM 4. JUNI 1862. 


Vorgelegt t 

Uber die Sprache der Avghdnen ( Pa% to). 

Von Dr. Friedrich llller, 

Deeeut der allgemeinen Sprachwissenschaft an der Wiener Universität. 

Man sollte glauben , dass seit der Veröffentlichung der vortreff- 
lichen Ewald’schen Abhandlung über das Paj(to (Zeilschr. für Kunde 
des Morgenlandes, Bd. II, S.28S) die Ansicht über diese Sprache und 
das sie redende Volk sich berichtigt habe und der lange gehegte 
Irrthum über die semitische Abstammung der Avghänen nie wieder 
aufgenommen werden könne. Dem ist aber nicht so; sondern neuere, 
besonders in England erschienene Werke darüber beweisen das 
Gegentheil. Es hat also den Anschein, da man eine Nichtkenntniss 
jener Arbeit nicht voraussetzen kann, dass die sprachwissenschaft- 
lichen Gründe den betreffenden Schriftstellern nicht schlagend 
genug schienen gegenüber der von den Avghänen selbst über ihre 
Abstammung gehegten Tradition. Indem ich nun in der vorliegenden 
Abhandlung dieses Problem — da mir umfassenderes Material als 
meinen Vorgängern zu Gebote steht — noch einmal zu untersuchen 
mich unterfange, will ich, nachdem für die Männer der Wissen- 
schaft die indogermanische Natur des Pa^to unzweifelhaft feststeht, 
dabei einen Schritt weiter thun und die Frage, ob es dem dräni- 
schen oder dem indischen Sprachkreise beizuzählen sei — denn 
nur zwischen diesen beiden bleibt die Wahl möglich — nach den 
vorhandenen Mitteln zu einer vollgiltigen Entscheidung zu bringen 
versuchen. 

1 ° 


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4 


Dr. K r. Müller 


Dabei will ich jedoch meine Arbeit insofern begrenzen, als ich 
mich vor der Hand auf das Lautliche beschränke, die Formenlehre 
aber unberührt lasse. Ich glaube, dass dieser Umstande es uns auch 
ermöglichen wird, die Sache schärfer zu fassen und den innern 
Charakter der Sprache besser zu durchschauen. Dabei mag diese 
Skizze als ein Versuch einer wissenschaftlichen avghänisehen Laut- 
lehre, an meine ähnlichen Arbeiten über Armenisch und Neupersisch 
sich anschliessend, gelten. 

Das Avghänische ist bestimmt der dränischen Sprachgruppe 
beizuzählen und zwar vor allem andern wegen jener Lauteigenthüm- 
keiten, die es als eine entschieden dränische Sprache charakterisi- 
ren. Diese sind: 

I. Übergang einer alten Gutturalmedia, die im Sanskrit als 

^ auftritt, in j 9 j, z. B. : jj ( zar ) tausend = neup. ( hazdr ) 9 

armen. <^« 7 » (hazar), altbaktr. ( hazanra ) 9 Skr. sahasra; 

*X> (zrali) Herz = altb. ( zeredhaem ), Skr. hrdayam ; 

fzahj ich = neup. dialektisch j\ ( az) 9 ebenso ossetisch, altb.^ttf* 
(aztm) 9 Skr. aham ; (zabah ) Zunge = neup. ( zabän ) 9 

altb. -**»^ 0 * (hizva) 9 Skr. gihvd ; (ziyar) g**lb = neup. ijj 
(zard) 9 altb. (zairita) 9 Skr. harita; iSjjj (vrizi) Reis = 

Skr. vrthi ; (mdz) 9 Präsensstamm v. Jl** (mital) harnen =arm. 

(mizH), altb._ftc (miz) 9 Skr. mih, lat. mingo . 

II. Übergang der alten, im Sanskrit auftretenden Lautgruppe sv 

in j>* 9 z. B.: (khüb) Schlaf = neup. ( khfab ) 9 arm. 

(ijun) 9 altbaktr. ($afna) 9 Skr. svapna ; Jj>- (khör) 

Schwester = neup.^^i- (khFähar), altb. ( qanliarttj. Skr. 

xvasar; Jjy*- ( khwaral ) essen = neup. OJjy- (khFardan), 

altbaktr. (khpal ) selbst = altbaktr. 

* 

( qaepaithya ). altpers. uvdipasiya, Skr. sva + einem Elemente, 
das als zweites Glied in suo-pte 9 i-pse enthalten ist; ( khdi ) 

süss = arm. C4 a P% r J* Skr. 8v ddu. 

III. Übergang des v nach älterem p.in p 9 z. B. : (spai) 

Hund, im Neupersischen dialektisch L*» (sipdj 9 altb. ■* 0 * ($pd) 9 
Skr. gvan; (spin) weiss = Pehlewt (spmak) rein, 

heilig, vgl. neup. (sipdd) 9 altb. (gpaeta) 9 Skr. gvdta; 

”T 


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Uber die Sprache der Avghänen. 


5 


jC» (spaz) sechs, oder jLi pag); (sparas) sechzehn, 

vgl. altb. (khshvas), armen. ^ (we%). 

Da nun das Avghänische den grössten Theil des Schatzes 
seiner geschriebenen Sprache aus dem Persischen entlehnt, so liegt 
der Gedanke nahe, die als Beispiele angeführten Wörter mögen 
etwa dem persischen Sprachschätze angehören. Dieser Einwand 
lässt sich aber durch die Bemerkung beseitigen, dass das Avghänische 
nur aus der persischen Schriftsprache Wörter entlehnt, in dieser 
aber alle angeführten Formen nicht Vorkommen. Viele derselben 
tragen im Gegentheile ein sehr altes und eigenthümliches Gepräge 
an sich, dass schon desswegen an eine Entlehnung gar nicht gedacht 
werden kann. 

Wir wollen hier einige solcher herausheben und beleuchten, 
was gewiss zur Vervollständigung der Charakteristik des Avghäni- 
schen nicht wenig beitragen wird, (spdras) „sechzehn“ 

— eine Form, die nur einer öränischen Sprache angehören kann — 
ist durch und durch echt avghänisch. Der erste Theil, spä. ist 
offenbar das altbaktrische (khshvas) „sechs“, das uns in 

den modernen öränischen Idiomen nirgends in jener alterthümlichen 
Gestalt wie in dem avghänischen (spaz) begegnet, während 
der zweite Theil das altbaktrische 1 ***3 (dagan) „zehn“ mit Über- 
gang des Dentals in die Liquida r [über dieses echt avghänische 
Lautgesetz vergl. weiter unten] wiedergibt. (zfah) „Herz“ — 
das altbaktrische tX3*^S^ (zörödhaem) — kommt bekanntlich im 
Neupersischen weder in der Schriftsprache noch in einem der Dia- 
lekte vor, sondern ist die Form (dil) — nach einem dem West- 
indischen eigenthümlichen Lautgesetze — eingetreten. Nur der 
östliche kurdische Dialekt besitzt eine Form, die entfernt an die 
unsere anklingt, nämlich (zik), sich aber in Betracht der 
ursprünglichen Gestalt mit ihr nicht messen kann. Die Form y 
( yaw ) »eins“, viel alterthümlicher als das neupers. (y a ^) 0» 
stimmt schön zum altbaktrischen -*»kj* (aeva ) ; ebenso übertrifft 
die Form (dri) „drei“ das neupersische ^ (sih) an Alter- 
thümlichkeit insofern, als sie das erste Element vor der Assibilation 


*) Darüber vergl. meine Bemerkungen in den Beiträgen von Kuhn und Schleicher, 

Bd. IU, S. 253 ff. 


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6 


i>r. F r. Müller 


gewahrt und das zweite rein erhalten hat. Die avghänische Form 
( zabah ) „Zunge“ ist altertümlicher als das neupersische i>\*j 
( zabdn ) oder die Pärst-Forin ( hizvdn ), da sie wegen des 

noßh mangelnden, erst später angetretenen Suffixes dn dem alt- 
baktrischen ( hizva ) näher steht. Das Wort ^ ( ghar ) „Berg“ 

fehlt bekanntlich dem Neupersischen ganz; sein Vertreter lautet 
dort (köh), das in dem kaufa der Keilinschriften sich wieder- 
findet; schön stimmt aber unsere Form zu dem altbaktrischen 
(gairi), das wir zur Bezeichnung desselben Begriffes im Alt- 
indischen und im Slavischen wieder finden. 

Ich glaube, dass es aus diesen kurzen Zügen Jedermann klar 
sein wird, wohin wir das Pa*^to einzureihen haben. Es ist unzweifel- 
haft eine öränische Sprache, und berücksichtigt man das Terrain, 
woher die Einwanderung der Avghänen stattfand und wo heutzutage 
das Pa^to gesprochen wird, so kann es nicht zweifelhaft sein, dass 
wir in demselben jene Sprache vor uns haben, die als unmittel- 
barer, wenn auch vielfach entarteter Nachkomme des Altbaktrischen 
gelten kann. 

Haben wir nun damit im Pa^to eine echt öränische Sprache 
erkannt, so ist es unsere nächste Aufgabe, dasselbe von den anderen 
verwandten Sprachen, besonders dem Neupersischen, gehörig zu 
unterscheiden. Wir heben zu diesem Behufe folgende Merkmale 
desselben hervor: 

I. Verwandelt das Pa^to den Dental (wahrscheinlich durch den 
Cerebrallaut hindurch) häufig in die Liquiden l,r — ein Lautgesetz, 
das dem Persischen bekanntlich ganz und gar abgeht — , z. B. : 
jM ( pldr ) Vater = neup. j Jo ( pidar ), altbaktr. (pitart ), 

Skr . pitar; (%alör) vier = neup. (öihdr), altbaktr. 

( öathwart ), Skr. 6 atvar; ^ ( sal ) hundert = neup. Jui 
( sad ) oder Juo (sad), altb (gctta), Skr. gata; J-cL ( khpal ) 
selbst = altb. -**>&*»OM*ZL(<jaepaithya) ; ^ (las) zehn = neup. 
aj ( dah ), alth. \ *«-5 (dagan); (sparas) sechzehn =* altb. 

(khsvas) -f- (dagan) \ (milu) Bär = altslav. 

„Honigesser“, Bezeichnung für den Bären; JJ (lal) 
geben, machen = alth. (da). Skr. da und dhd\ Jjul (lidal) 
sehen, (Idmah) Auge = neup. CJJoJ ( didan ), vergl. altbaktr. 


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Uber die Sprache der Avghänen. 


7 


( döithra ) Auge; J J (laral) halten = altbaktr. ft} (dört) 
halten. Skr. dhr. 

II. Hält es sich von der im Neupersischen in der Schriftsprache 
sich findenden Ausstossung des v als f frei, z. B. : (spai) Hund 

= neup. jL» (sag) = sfag , nur dialektisch Lw (sipa); (var) 
Thür = neup. j* (dar) = dfar, nur dialektisch y (bar). 

HI. Hat es das v im Anlaute nicht wie das Neupersische in g 
umgewandelt oder in b erhärtet, z. B. : (wäwrah) Schnee = 

altbaktr. (vafra), neup. sj>y (barf)\ (wanah) Baum = 
altb. (vana), neup. y (bun) [in Zusammensetzungen]; ^ 
( w6) Wind = neup. (bdd), altb. ( vdta ), Skr. vata. Im 

Gegentheile hat das Pa^to oft dort, wo ein Labial stand, diesen 
erweicht, durch welches Verfahren es sich mit den neupersischen 
Dialekten berührt, z. B. : (wrör) Bruder = neup. ( bird - 

dar), altb. (bratarS); tjjjj (wruzah) Augenbraue = neup. 

jy\ (abru). Skr. bhru; (kötar) Taube = neup. ( kabd - 

tar). Skr. kapöta ; (tdv) Hitze = neupers. sJt (tdb); 
(pdsvdn) Wächter = neup. oLA* ( pdsbdin ) 9 armenisch 
(pahpan); Jjj (wral) tragen = neup. (burdan), altbaktr. 
ft) (b&ri)* Skr. bhr ; (wuz) Ziege = neup. j (buz), altb. 

(buza). Dieser erweichte Labial fiel sogar manchmal spur- 
los ab, z. B.: jjj (rör) Bruder, Nebenform von (wrör). 

Mit dieser Erweichung theilt es mit den neupersischen Dia- 
lekten die Verkürzung und Verschleifnng der Formen, z. B.: 
(khör) Schwester = neup. (khfdhar); ( zod) Sohn 

= neup. \j (zddah); ty (swah) Huf eines vierfüssigen Thieres 

= neup. (sunb), Pehlewf naip (sumb); (soe) Hase = 
Skr. gaga\ £ (mac) Biene, vgl. neup. (magas) Fliege, altb. 

(makhshi); jy (mör) Mutter = neupers. ^->1* (madar), 
altbaktr. (matard); (wror) Bruder = neupers. 

(birddar)y altbaktr. ^****1) ( brdtarö )\ y (wo) Wind = neup. 
(bdd) 9 altb. -***»!? (vdta). 

Nachdem wir mit diesen kurzen Merkmalen das Pa-^to im 
Verhältniss zum Neupersischen — wie ich glaube — hinlänglich 


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8 


Dr. F r. Möller 


charakterisirt haben, wollen wir zur Darstellung der Lautverhält- 
nisse desselben übergehen. 

Dem, was wir oben über das Pa/to bemerkt haben, ent- 
sprechend, schliessen sich seine Laute ganz dem Lautsysteme des 
dränischen Spracbkreises an. Wir finden nämlich, was den Con- 
sonantismus betrifft, die Classen der Gutturalen, Palatalen, Dentalen 
und Labialen, sowohl Tenuis als Media, entwickelt. Aspiraten finden 
wir nur in der ersten Classe (Tenuis und Media) vor; die den 
persischen Dialekten eigene Aspirate der labialen Tenuis fehlt dem 
Pa^to ganz; sie findet sich nur in fremden Wörtern vor und wird 
auch da oft durch die einfache Tenuis ersetzt. Ferner finden wir 
ror die zwei weichen öränischen Spiranten j und J, die beiden 
Zischlaute ^ und wovon auch hier der erstere seinem Ur- 
sprünge nach palataler, der zweite cerebro-dentaler Natur ist, den 
Hauchlaut a, die Liquiden J, j, die Nasale p O und die beiden 
Halbvocale 

Mit diesen allen öränischen Sprachen zukommenden Lauten ist 
aber das avghänische Lautsystem nicht abgeschlossen, sondern es 
zählt noch ftinf eigentümliche Laute, nämlich ^ (mit doppeltem 
Werthe), j deren Ursprung und Aussprache wir am Ende 
darlegen wollen. Nebstdem finden wir noch JL, Cj, die aber als 
sogenannte Cerebrale indischen Ursprungs sind und strenge ge- 
nommen nicht hierher gehören. 

Wir wollen also die einzelnen Lautgruppen nach den Organen, 
wie sie von hinten nach vorne folgen, betrachten. 

I, Gottorale. 

J t jr ^ i 4 

.i) (k) entspricht altem Ar, im Altbaktrischen 5, im Neu- 
persischen ,i), im Sanskrit ^ 7 , z. B. : JlT (kdl) Jahr = Skr. 
kdla „Zeit“. ( kral ) machen «= neupers. ö (kardan), altb. 

(k&rö) 9 Skr. kr. (kasr) jünger, kleiner = neupers. & 
( kih ), altb. >**5 (kagu). ^^^kötarj Taube = neup. (ka- 
bötar ), Skr. kapöta. (köz) krumm, vgl. Skr. kvbija „höckerig 44 . 

(kanal) graben = altb. (kati) y neup. ( kandan ) 9 


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Ober die Sprache der AvghAnen. 


9 


Skr. khan. ( mazak ) Maus = Skr. musliika. (likal) 

schreiben = Skr. likh. 

^ (kh) entspricht altem k, im Altbaktrischen < 4 *, im Neu- 
persischen im Sanskrit 3FT, z. B. : (malakh ) Heu- 
schrecke = neup. ( marakh ) , armen. Jl u P u.fa (marakh). 

(pökh) gekocht = neup. (pukhtah ) 9 Skr. paö [statt pdk\ 
JjusL ( khandal ) verlachen = neupers. OJüjJsL ( khandidan ). ^ 
( mukh ) Vordertheil, Antlitz = Skr. mukha. 

Eigenthömlich den Iränischen Sprachen ist die durch darauf 
folgendes v entstandene Verhärtung des aus altem 8 hervorgegange- 
nen A, besonders im Anlaute» zu für welches Lautgesetz wir 
gleich am Anfänge Beispiele angeführt haben. 

jJ* (g) entspricht altem g 9 im Altbaktrischen <ß, im Neu- 
persischen ; manchmal aber ist jJ*, wie im Neupersischen» aus 
altem k erweicht. Im Sanskrit steht ihm sowohl ^ als ^ gegen- 
über; z. B.: L>J&j (zangün) Knie, altbaktr. (zangra) 

Fuss, auch ( zanra ), (zanhra), Skr. ganghä , Hüfte. 

(&9 ar ) Leber = neup. (g*g ar )> Sanskr. yakrt. 

( grdn ) schwer = neupers. ö]^ (gardn), Sanskr. guru . 

( gumaral ) übergeben = neupers. ( gumastan ). 

£ (gh) entspricht altem g 9 im Altbaktrischen t*, auch <ß, im 
Neupersischen im Sanskrit z. B. : (darghal) 

Lügner, vergl. altbaktr. ( draogha ) Betrug, neupers. (yJ* 

( dardgh ) 9 Skr. druh. Je (ghar) Berg = altb. ( gairi ) 9 

Skr. giri. ( ’ghwaz ) Ohr = altb. ( gaosha ), neup. 

Cg6i). 

Was den Laut * (h) anlangt, so scheint er wie im Neu- 
persischen doppelter Natur zu sein , und zwar I. gutturaler, wohin 
ich den Fall (drdh) Falschheit = neupers. (dardgh) 

rechne, II. dentaler, wofür mir zwar kein sicherer Fall bekannt ist; 
aber durch den Übergang des sv in scheint auch der Übergang 
des 8 in h sichergestellt zu sein. 


% 


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10 


Dr. Fr. Müller 


II. Palatale. 

£ £ j S c l u- 

^(c) entspricht einem alten k t im Altbaktrischen r, im Neu- 
persischen im Sanskrit 9FT. In dieser Eigenschaft kommt der 

Laut im Avghänischen selten vor; mir ist kein Wort, in dem er 
vorkommt, bekannt, das man als entschieden avghänisch und nicht 
etwa aus dem Persischen entlehnt betrachten könnte. Sowohl in 
ersterem als letzterem Falle tritt dafür ^ ein. Manchmal hat sich, 
wie mir dünkt, ^ aus einem alten Guttural durch Verschmelzung 
mit einem folgenden Zischlaute entwickelt, z. B. : £ (mad) oder 
^ (madai) Biene, das wohl unzweifelhaft mit dem sanskritischen 
makshikd „Fliege“ identisch ist. 

^ (§) entspricht altem g , im Altbaktrischen im Neu- 
persischen im Sanskrit Es ist aber sowohl in echt avghäni- 

schen Wörtern eben so selten in Gebrauch wie indem dafür ^ 
eintrat, als auch in den aus dem Peisischen entlehnten, welche man 
lieber nach Art der avghänischen umbildete. Wir werden daher auf 
die hierher gehörigen Fälle unter ^ zurückkommen. 

Die beiden echt öränischen Laute j ( % ) und j (z) ent- 
sprechen vollkommen den altbaktrischen ^ un d neupers. j und 

j , armen, ^und «*. In Bezug auf den Gebrauch gilt dasselbe, was 
im Pärsf und den neupersischen Dialekten stattfindet, ja der Ge- 
brauch ist im Avghänischen ein so freier, dass man den einen 
Laut mit gänzlicher Aufgebung des andern anwenden darf. (Vergl. 
Memoiren der St. Petersburger Akademie, Ser. VI, T. V [anno 1845], 
pag. 439.) 

Was die Genesis dieser beiden Laute betrifft, so sind sie ent- 
weder I. in der unter S. 2 angegebenen Weise entstanden, oder 
II. haben sieh aus schon in älterer Zeit auflretenden Palatalen ent- 
wickelt, z. B. : jj (wuz) Ziege = neup. j ( buz ), altbaktr.j^») 
( buza ) 9 vergl. unser „Bock“. (zarddal) alt werden, jjj 

(zöt) alt, vgl. altb. ( zaurva ) Alter, arm. (gär) alt. Skr. 

§arat , griech. yipovr-. (zmakah) Erde = altb. ( zöma ), 

neup, (zamin), griech. yata . L>J&j (zangun) Knie, altbaktr. 


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Über die Sprache der Avghdnen. 


11 


(zangra) Fuss, Skr. (jangha Schenkel. iJjj (zod) Sohn 
= neup. a jIj ( zddah ) 9 altbaktr. (zdta), vgl. Sanskr. gan-, 

griech. yev-. ( zaral ) schreien, vergl. Skr. gr. 1 ( ztodk ) 

Leben, neupers. (ztstan) lebend sein, vgl. Skr. gtv. 

Wir sehen in allen diesen Fällen ein Herabsinken des palatalen 
Lautes, anfangs nur der Media — wie im Altbaktrischen — zur 
weichen Spirans, dem im Neupersischen auch die Tennis, nach 
Herabsetzung zur Media, in vielen Fällen folgt. Das Armenische ist 
hierin noch weiter gegangen, indem es die Media ganz in eine 
Spirans (*-) umgewandelt und nebstdem eine weitere Spirans ( 4 t) 
entwickelt hat. Als Resultate derselben Lautbewegung sind die 
beiden Laute (hart) und ^ (weich) anzusehen, von denen in 
der Aussprache ersterer einem ts, dem armenischen letzterer 
einem rfs, dem armenischen & entsprechend, gleichkommen. Wir um- 
schreiben sie also, wie die beiden armenischen Laute, durch 3 ;, C 

^ entspricht also altem Ar, im Altbaktrischen r, im Neu- 
persischen im Sanskrit^, z. H.: jj 1^. faalor) vier = altb. 
(dathwarö), neupers. j \ *>• (dihdr), Skr. datvar. 
trinken = neup. (daaidan). (% arman ) Leder 

= neupers. ( darmanj, Sanskr. darman . (%adir} 

Sonnenschirm = neup. (dddir), Skr. dattra. AjU* födrah) 

Mittel = neup. ajU- ( ddrah ). (%arkh) Kreis = neupers. 

( darkh ), Skr. dakra „Rad“, vgl. griech. xoxAoc» lat. circus . 

^ (CJ entspricht altem g 9 im Altbaktrischen im Neu- 
persischen im Sanskrit oft ist es aber aus älterein d her- 
vorgegangen und entspricht also altbaktr. r» Sanskrit z. B.: 
franCJ Mühe, Beschwerde = neupers. C ran §)- 
(khorZah) Nichte [Schwesterstochter] = neup. ( khd - 

har-zadahj. (zan^tr) Kette = neup. (zandjir). 

frwaCJ Tag = neup .jjj ( roz ), altb. ( raodö ). 

Neben diesen dem Avghänischen eigenthiimlichen zwei Lauten 
kommt hier noch ein dritter (j) zu betrachten, der sich unmittelbar 
an j und j anschliesst und als spitzer und schärfer als j beschrie- 
ben wird. Seine innige Verwandtschaft mit j, die auf gleichen 


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12 


Dr. Fr. M fi 1 I e r 


Ursprung schliessen lasst, ist klar; man vergleiche (Zwdk) 9 
jjj-j (Zwand) Leben = ( zwäk ) 9 ( zwand ) . Er bildet 

aber auch eine Abschwächung aus älterem s, g 9 z. B. : -j&(£paZ) 
sechs = altbaktr. •**»£ gi» ( khshvaa ) 9 neupers. (**)• & 
( ghwai ) Ohr = altbaktr. (gaosha), neup. (9^0- 

yl (laZ) klein, vgl. Sanskr. lig „klein sein“. In dein Worte -jyw 
( kh6Z ) „söss“ durfte j in ähnlicher Weise durch g hindurch au9 
einem Guttural entstanden sein, der in dem armen, (i a pyr) 

und dem damit identischen caa^rkk sich wiederfindet. 

entspricht einem alten Guttural, im Altbaktrischen ", im 

Neupersischen im Sanskrit ^T, z. B.: ^ \ (ds) Pferd, 

' . * 

( aspah) Stute = altbaktr. (appo?, neup. (asp) 9 Skr. 
agva. äjL (sdrah) Kälte, (s6r) kalt = altbaktr. -*»*^** 
(gar&ta) 9 neup. (sard), armen. gpu,u*%u. L (%rtanal) kalt 

werden, gefrieren, vergl. griech. xpuog. (spai) Hund == altb. 
«cm» (gpd) % Sanskr. gvan 9 griech. xua>v. C^Opin) weiss = 
Pehlewf -jfcWDD (spinäk) rein, vergl. altb. ( gpaeta ) 9 Skr. 

gveta, neup. ju**» (sipöd). ( sal ) hundert = altb. (gata) 9 

Skr. gata, neup. X* (sad), griech. £ xaröv. ly» (awah) Huf eines 
vierfQssigen Thieres = altbaktr. -»&»» ( gafa), Sanskr. gapha 9 neup. 
( mnb ). 

III. Dentale. 

0 J J* Jl 

o (0 entspricht altem t 9 im Altbaktrischen ?, im Neu- 
persischen O , im Sanskrit r^, z. B. : (stayal) preisen 

= altbaktr. (gtu) 9 neupers. ( sutüdan) , Skr. stu. 

(kdtar) Taube = neup. (kabdtar), Skr. kapdta . In Ajy 
(turah) Schwert = armen. ( sur) 9 altb. ( guwn ) scheint 

O aus abgeplattet zu sein, wie wir im westlichen Kurdischen yj 
( tir) satt = neup. jy>(sir) finden. Häufig findet altes t im Avghäni- 
schen seinen Vertreter in J , wie wir bereits oben gesehen haben. 

J (df/ entspricht altem rf, im Altbaktrischen 5, <\, im Neu- 
persischen J, j, im Sanskrit oft ist es aber aus altem t 


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Über die Sprache der Arghlneo. 


13 


abgeschwächt, z. B. : JLita (ddral) beissen = neup. (dari- 

dan ), altb. ^ (d&rö), Skr. df. ( darghal ) Lügner, vgl. altb. 

( draogha ), neup. (darögh), Sanskr. druh. 

(doghax) Hölle, Unterwelt = neup. (dözakh), altb. 

( duzaka ). djJ ( dwah ) zwei = altb. ( dva ), Skr. dvdu . tJj* 

(dri) drei = altb. ( thr% ), Sanskr. tri , neup. aber ( sih ) . 
Gleich altem t wird auch altes d im Avghänischen durch J 
vertreten.* 

CO • Sein Werth und seine Aussprache sind, wie bekannt» 
ursprünglich gleich dem des sanskritischen man kann es aber 
im Allgemeinen auf dränischem Gebiete als Vertreter des nicht in h 
übergegangenen dentalen s, das mit dem ohnehin nur eine Spielart 
desselben bildenden sogenannten cerebralen 8 zusammenfiel, be- 
trachten. Es entspricht also altem *, im Altbaktrischen jjö , im 
Neupersisehen ^J» 9 im Sanskrit z. B.: -jrC> (SpaZ) sechs 

— altbakfr. ( khshvas ), neupers. (sas). ( Späh ) 

Nacht = neup. wJj (sab ) 9 altb. ( khshapart ) 9 Sanskr. 

kshapas . ( spün ) Schäfer = neupers. ( subdn ). 

(iwal) gehen, sein = neup. O Ju» (Sudan). 

Statt des ^ , das nur von den westlichen Avghänen gebraucht 
wird, haben die östlichen das einen Laut, der in der Aus- 
sprache an unser palatales ch in den Wörtern „gleich**, „seicht** 
erinnert und den ich daher mit-/ umschreibe. Er geht wie das 
auf einen alten Dental zurück; seltener liegt ihm, wie dem neu- 
persischen^ [in (sdkh) Zweig = Sanskr. gdkhd , 
(sunudan) hören = Sanskr. gru, griech. xAo-], ein Guttural zu 
Grunde; z.B. : ( u x) Kamel = altb . ( ustra) 9 Skr .ushfra 9 

neupers. jC> (sutur). J-Ij (ba%al) schenken = neup. ijxSJltS 
( bakhsidan ). (%a^al) trinken = neup. ö ( castdan) . 

(duxman) Feind = neupers. (dusman). 

(kwSxal) schreiben , vgl. neup. (ni-wistan), altpers. ni- 

pistanaiy. (x^^h) Zweig = neupers. (sdkh), Sanskr. 

gdkhd . (aoxnh) Thräne = Skr. agru, griech. ddxpo. In 

(XP<* h) Fuss = neup. (pdi), altbaktr. (pddha) ist das 
v j ein ziemlich schwer zu erklärendes prosthetisches Element, 


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14 


t)r. Kr. Müller 


vielleicht ist es wie im altbaktr. "vnjxly ( khahta ) — Sanskr. sthA 
gutturaler Natur. 

IT. Labiale. 


(p) entspricht altem p , im Altbaktrischen o, im Neu- 
persischen ^ , auch v-* , im Sanskrit ^ , z. B. : ,Jll> (pdlal) 
beschützen, vergl. Skr. pAlayAmi. ^ CP ar ) darüber = altb. *1**o> 
( upairi ), Skr. upari. jil» (plär) Vater = neup. jJü (pidar), 
altb. ( patari ), Skr. pitar . ^ (plan) weit, breit = altb. 

-*t*i*o (pathana), neup. ^ ( pahan ), lat. planus. Ajy ( pürah ) 
voll, vgl. neup.^ (pur), Sanskr. purna. (späh) Nacht = altb. 
*1*e>*flg(A* (khshaparö), Skr. kshapas. a** (/pah) Fuss = neup. 
(pAi) 9 altb. (padha). Skr. pAda. (khpal) selbst = 

altb. -*”i**öK3*eL (jaepaithya). 

Nebstdem entspricht ^ altem v, wofür am Anfänge hin- 
reichend Beispiele angeführt wurden. 

Die Aspirate o (f) fehlt dem Avghänischen ganz, wofür es v-/ 
substituirt, und zwar nicht nur in einheimischen, sondern auch in 
fremden Wörtern, z. B. : (iplAs) Armuth = arab. 

(iflAs). AÜ (pitnah) Unglück, Aufstand = arab. Alli (ßnah). 

(prdkh) breit, weit == neup. (firakh). Jjjy (parva- 
ral) ernähren = neup. (fafwardan). 

s-j (b) entspricht altem b, im Altbaktrischen^), im Neu- 
persischen , im Sanskrit z. B. : (ba/al) schenken 

= neup. (baklisidan). Manchmal ist eine Erweichung 

aus älterem p , z. B.: (khüb) Schlaf = neupers. 

(khfAb), altb. -*^*cl (qafna). Skr. svapna , griech. Sttvoc; wie- 
wohl das Avghänische nicht so weit geht, wie das Neupersische, 
z. B. : ^ (p ar ) °^ en = neup. y (bar), altb. *1**o> (upairi), 

'OyJZt (spün) Hirt = neup. oL* (rnbdn), armen. *y«*A (pan). In 
* * 
anderen Fällen ist v-> eine Erhärtung aus v, z. B. : A (zabah) 

Zunge = altb. -*>>^*o , (hizva). Skr. gihvA. 

Wie wir bereits oben gesehen haben, werden altes p und b 
oft zu v erweicht. 


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Über die Spreche der Avghtuen. 


15 


V. Liquida« und Nasale. 

J J J f 

Bekanntlich fehlt dem Altbaktrischen und Altpersischen ein 
Ausdruck für l; die neueren dänischen Sprachen gebrauchen es 
aber sehr häufig, auch selbst da, wo alle verwandten Sprachen r 
zeigen. Im Avghänischen ist J (l) kein seltener Buchstabe und 
zwar einerseits als Vertreter eines alten l 9 r, andererseits als Ver- 
treter eines alten Dentalen, sowohl t als d. Für letzteren Fall 
wurden schon anfangs Beispiele angegeben, für den ersteren mögen 
folgende dienen: (awlal) waschen, vergl. Sanskr. plu, griech. 

7rluva>. JU# (pdlal) schützen = Skr. pdlaydmi. ( daldal ) 

gebrochen, vgl. altb. (niz-darddair-ydf), Skr. rfr. 

( Idr ) Weg = altbaktr. ( ratha ), neup. &\j (rdh). 

( iikal ') schreiben = Skr. likh. 

j (r) entspricht altem r, im Altbaktrischen \ im Neupersischen 
j, im Sanskrit z. B.: (wrdr) Bruder = altbaktr. 

( brdtar) , neup. ( biradar ) t Sanskr. bhrdtar. (awrah) 

Wolke = neup. ^ \ (abr), Skr. abhra. ^ (par) oben = altb. 

(upairi), neup. ^ (bar). Skr. upari, griech. bn£p. 

( pldr ) Vater = altbaktr. ( piiard ), neup. jJ* ( pidar ), Skr. 

pitar. jjh*. (%al6r) vier = altb. (dathward), neup. 

( dihdr), Skr. datcar. 

Neben j besitzen die Avghänen noch einen weiteren r-Laut, 
den sie mit j (r) bezeichnen und der, was seinen Werth und seine 
Aussprache betrifft, dem der Armenier [vgl. darüber meine Ab- 
handlung: Beiträge zur Lautlehre der armenischen Sprache, S. 27] 
gleichkommt, z. B. : Jj^l (avrfal) tragen, auch ( wral ), vgl. 

armen. (barnal) erheben, altb. tfi) (berd), neup. 

C burdan ) 9 Skr. bhr. (khwaral) essen = altb. (far)> 

neup. (khFardan). (ddral) beissen, vgl. neupers. 

(daridan). (*rah) Herz, vergl. altbaktr. 

( zdrddhaem ). J J*x> (zarddal) alt werden, arm. b-tr P (djdr) alt. 


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16 


Dr. Fr. Müller 


Skr. tfarat. (sara h) Kälte = neup. ( sard ), altb. gareta. 

jjf (kfal) machen = neup. (kardan), altbaktr. (kört). 
Skr. Ar. j* (mar) todt, (mral) sterben = neupers. 

( murdan ), arm. (meranil), altb. ( mir ä). Skr. mr. 

^ (m) und O (n) entsprechen vollkommen den neupersischen 
p l> ; Beispiele dafür sind aus den Fällen, die angeführt wurden, 
genug zu ersehen. 

TI. lalbvoeale. 

<-$ s 

Sie entsprechen vor Allem alten y und v; ob ersteres im 
Avghänischen ebenso wie im Neupersischen im Anlaute in ^ ver- 
wandelt wird, lässt sich nicht bestimmen, da jene Wörter, in denen 
eine solche Veränderung sich findet dem Neupersi- 

schen entlehnt sein können. Dass v im Anlaute häufiger als im Neu- 
persischen (wo es meist entweder in ^ sich verhärtet oder in 
übergeht) auftritt, ebenso häufig aus älterem p oder b erweicht sich 
findet, haben wir schon oben zu bemerken Gelegenheit gehabt. 

V o c a 1 e. 

Was das Vocalsystem des Pa^to anlangt, so stimmt es im 
Ganzen vollkommen zu dem System des Pärsf. Es hat die drei 
Kürzen a, i, u nebst deren Längen d , i, ü, und sowohl die offenen 
als die geschlossenen Diphthonge d, 6 — ai, au. Die Bezeich- 
nung der Längen und Diphthonge geschieht wie im Neupersischen 
mittelst der Halbvocale ^ und j, und die Unterscheidung des ^ 
und ^ und 4^"» die ä ' teren Persischen da war, in dem 

jetzt gesprochenen aber — wenigstens im westlichen Theile — ganz 
abhanden gekommen ist, findet sich im Avghänischen bis auf den 
heutigen Tag noch vollständig erhalten. Das Pa^to hat also auch hier 
ein gutes Stück Alterthum gegenüber dem Neupersischen bewahrt. 

In gleicher Weise stellt sich das Pa^to durch die Möglichkeit 
von Consonantenverbindungen im Anlaute an die Seite der älteren 
persischen Dialekte. Das Neupersische duldet bekanntlich nur ein- 
fachen consonantischen Anlaut, wornach ältere Consonantenverbin- 
dungen im Anlaut durch Vocaleinschub getrennt werden müssen. 


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Über die Sprache der ArghAnen. 


17 


Ich glaube, diese Skizze wird hinreichen, die von mir oben 
ausgesprochene Ansicht zu rechtfertigen. Mancher wird vielleicht 
zu wenig Belege f&r diese oder jene Behauptung angeführt finden. 
Wenn er aber bedenkt, dass ich mich bemüht habe, nur unzweifel- 
haft avghänische Formen zu citiren und jedes Wort, bei dem der 
leiseste Verdacht persischen Ursprungs entstehen könnte, bei Seite 
zu lassen, wird er es — in Erwägung des Umstandes, dass der 
jetzige Wortvorrath des Pa^to, besonders des geschriebenen, meist 
aus persischen und arabischen Wörtern besteht — bei dem Gegebe- 
nen bewenden lassen. Und sollte Jemand in das Resultat noch 
Zweifel setzen, so hoffe ich ihn in einer nächsten Abhandlung, in 
der ich den Formenbau des Pa^to als echt öränisch darlegen will, 
von der Richtigkeit desselben zu Überzeugen. 


Sitzb. d. phil.-hizt. CI. XXXIX. Bd. I. Hfl. 


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18 


Hahu 


SITZUNG VOM 18. JUNI 1862. 


Vorgclegti 

Motive der jonischen Säule. 

Von JtbinHetrgT. Iiki. 

(Mit 1 Tafel.) 

(Vergolegt in dor Sitxnng vom 25. Juni 1862.) 

Seit geraumer Zeit lagen einige grosse Seeschnecken von der 
Gattung, welche die Naturwissenschaft dolium galea nennt (s. Fig. 
IV und VI), unbeachtet auf meinen Tischen, bis mich ein zuftlliger 
Blick auf die grosse Ähnlichkeit ihres Gewindes mit der Volute des 
jonischen Säulenknaufes aufmerksam machte. Die Proportionen schie- 
nen mir dieselben zu sein und der Unterschied bestand nur darin, 
dass die Oberfläche der Gewinde an den Gehäusen convex, die der 
jonischen Volute aber mehr oder weniger concav sind. Um daher 
die concave Seite der Gehäusewindungen untersuchen zu können, 
liess ich eine Schnecke zersägen, und der erste Blick auf diese 
innere Seite bestätigte meine Vermuthung vollkommen, dass diese 
Schnecke das Motiv der jonischen Volute abgegeben haben möchte. 

Ich liess nun Alles aufkaufen, was von dieser Schneckenart auf 
dem Platze vorhanden war, und brachte davon an zwanzig Stöcke 
zusammen, von welchen ich zur weiteren Untersuchung mehrere zer- 
theilen liess. Bei der Betrachtung der inneren Seiten bemerkte ich, 
dass sich nicht nur das Hauptgewinde concav präsentire, sondern dass 
auch die auf der Aussenseite sich als Wülste ( torus ) zeigenden 
Hippen des Gehäuses im innern Hohlkehlen (Trochilen) bilden, die 
nicht nur in Bezug auf ihre Structur , sondern auch in Bezug auf ihr 


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Motive der jonischen Säule. 


19 


Verhältniss zu einander grosse Ähnlichkeit mit den Cannelüren der 
jonischen Säule hatten, indem die Anschlösse dieser Hohlkehlen 
keinen scharfen Winkel bilden, wie sie die dorische Cannelirung 
zeigt, sondern sich zu runden Bogen abstumpfen, welche sich bei 
alten Exemplaren in einen ebenen Stern verflächen. Natürlich begann 
ich nach dieser Beobachtung die Rippen der verschiedenen Gehäuse 
zu zählen, um zu sehen, ob deren Anzahl etwa mit den Vorschrift- 
liehen 24 Cannelören der jonischen Säule öbereinstimmen, stiess 
jedoch hiebei auf die Schwierigkeit, dass sich in allen mir zu Gebote 
stehenden Gehäusen, neben den ausgebildeten Rippen auch eine 
Anzahl verkümmerter von sehr verschiedener Entwickelung vorfanden, 
auch konnte ich weder an der äussern noch an der innern Seite 
des Gehäuses irgend ein festes Unterscheidungszeichen, für diese 
nicht zur vollen Entwickelung gekommenen Rippen aufünden. 

Die unternommenen Zählungen gaben aber als Durchscbnitts- 
summe 22 ausgebildete und 4 verkümmerte Rippen, welche auf 
der innern Seite eine markirte und nicht allzu disproportionirte 
Cannelüre zeigen. Mithin lässt sich der Seeschnecke zwar nicht 
der Beweis entnehmen, dass der Anzahl ihrer Rippen die Anzahl 
der jonischen Cannelüren geradezu entnommen worden sei , aber 
im Hinbliek auf die übrigen der Schnecke entnommenen Motive, 
erscheint diese annähernde Übereinstimmung der Cannelürenzahl bei 
Schnecke und Säule immerhin als ein merkwürdiger Zufall. 

Eine weitere Untersuchung der innern Seite des Gehäuses 
führte endlich zu der Wahrnehmung, dass mit Hilfe von Stücken, 
welche sowohl dem obern als dem untern Ende der Gehäuslippe 
entnommen werden können, sich das die beiden Voluten ver- 
bindende Glied, der sogenannte Canal mit seiner nach abwärts 
geschweiften Curve hersteilen lasse, doch waltet dabei der Unter- 
schied ob, dass die* Cannelüren des mit den Schneckenstücken 
gebildeten Canals concentrisch sind, während die Cannelüren des 
Canals der jonischen Säule nach abwärts zunehmende Curven 
beschreiben. 

In Folge dieser Beobachtungen suchte ich mir nun den Ursprung 
und die Entwickelung dieser Ornamente ganz aus der Tonnenschnecke 
ungefähr auf folgendem Wege zu erklären. Ebenso gut wie heut zu 
Tage neapolitanische Fischer aus dem Muschel- und Schneckenwerk 

ihres Strandes schöne Festons zu verfertigen und damit an hohen 

2 * 


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20 


Hahn 


Festagen ihre Kirchen zu schmücken verstehen, dürften wohl auch 
schon im Alterthume die Küstenbewohner zu den zierlichen Erzeug- 
nissen ihres Strandes gegriffen haben, wenn es die an diesem gele- 
genen Heiligthümer ihrer Götter zu schmücken galt, und es wäre 
nicht undenkbar, dass auf ähnliche Weise aus den zu Guirlanden 
an einander gereihten kleinen Porzellanschnecken in allmählicher 
Entwickelung auch der das jonische Tempelgebälke zierende Perlen- 
stab geworden sei. 

Unter dem Muschelwerk des Mittelmeeres zeichnet sich aber 
die ihm eigenthümliche Tonnenschnecke nicht nur durch ihre Grösse 
aus, denn sie erreicht mitunter die Grösse eines Menschenkopfes, 
sondern auch durch die grosse Schönheit ihres Gewindes und dessen 
Rippen. Sie gewährt ausserdem noch den Vortheil, sich leicht an 
eine senkrechte Fläche befestigen zu lassen, denn da der Spindel- 
canal nicht verwachsen ist, sondern offen steht, so braucht man nur 
einen kleinen Holzspiess schief in die Fläche einzuschlagen, um daran 
das Schneckengehäuse in der Art spiessen zu können, dass es mit 
seiner grossen Mündung auf der Fläche ruht. 

Nun erscheinen aber, wie dies schon das Dasein der Capitäler 
beweist, die durch die Berührung der senkrechten Stützen mit den 
auf ihnen ruhenden Querbalken entstehenden Winkel vorzugsweise 
zur Ausschmückung einzuladen, und dort mag man denn auch vor- 
zugsweise diese grossen Tonnenschnecken befestiget und unter sie 
etwa auch noch Blumen und Zweige, rund um das obere Schaftende 
gebunden haben ; da aber alle Schnecken dieser Gattung, gleich der 
grossen Mehrzahl aller Gasteropoden, ihre Öffnung auf der rechten 
Seite haben, so wäre eine das Auge befriedigende Ausschmückung 
des obern Schaftendes nur dadurch möglich, dass sie als ein mäch- 
tiger Wulst, rings um die Säule herum mit der Aussenlippe nach 
oben gerichtet, aneinander gereiht wurden, wobei dann ihre Wirbel- 
seite einen Winkel von etwa 45 Graden zu der rundgedachten Säulen- 
fläche bildete. 

Um aber die Schnecken zu dieser Verwendung noch handsamer 
zu machen, braucht man nur ihr spitzzulaufendes Hintertheil abzu- 
schlagen und deren Wirbelfläche aneinander zu reihen. Nach mehreren 
vergeblichen Versuchen gelang es mit den in dieser Weise zugerich- 
teten Schneckenhäusern ein Capitäl herzustellen, dessen Abbildung 
die Fig. I der Beilage gibt. 


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Motive der jonischen Sfiule. 


21 


Die einseitige Richtung sämmtlicher Voluten des so erhaltenen 
Naturcapitäls gewährte jedoch für dieses tragende Glied nicht die 
nöthige Ruhe und Geschlossenheit und vielleicht mochte auch ein 
solcher Wulst, wegen seiner weiten Ausladung über die Frontseite 
des Säulenschaftes und des Gebälkes zur tektonischen Darstellung 
nicht geeignet erscheinen. Da nun aber die Baukunst einmal ein 
schönes architektonisches Motiv mit dem Verbindungswinkel zweier 
Hauptglieder in Beziehung gebracht, vorfand, so versuchte sie sich 
so lange an demselben, bis sie ihm die ihren Anforderungen entspre- 
chende Gestalt abgewonnen hatte. 

Dem zu Folge blieben von dem früheren Volutenwulste nur 
zwei Schnecken zur Ausschmückung der beiden zwischen dem Säulen- 
schafte und dem Gebälke entstehenden Winkel übrig. 

Da aber die beiden Naturschnecken sich nach der rechten 
Seite hin öffnen, so bilden sie an und für sich keinen symmetrischen 
Gegensatz. Um nun diesen zu erhalten, lag der Gedanke sehr nahe, 
ein Gehäuse zu zerschneiden, und diese als Gegenstücke zu benützen 
(s. Fig. II). Sobald aber einmal ein Gehäuse zerschnitten war, konnte 
bei Vergleichung der äussern convexen und der innern concaven 
Seite seiner obern Hälfte kein Zweifel darüber bestehen, dass diese 
innere Seite, als die weit aus schönere den Vorzug verdiene, und es 
wurde von nun an diese Seite als das Modell für die Construction 
der jonischen Voluten angenommen, und zur Herstellung des vom 
Auge geforderten befriedigenden Abschlusses auf architektonischem 
Wege, das dem Naturgehäuse entsprechende Gegenstück construirt. 
Hieraus erklärt sich dann sowohl die concave Form der Volutenflächen, 
als auch der Schwung der zwischen den beiden Voluten laufenden 
Verbindungslinien, welche sich aus dem einer innern Aussenlippe ent- 
nommenen Stücke desselben Gehäuses hersteilen lassen, und dem 
entsprechend gaben dann die auf diesem Stücke befindlichen Canne- 
lirungen das Motiv zu den auf dem die beiden Voluten verbindenden 
Canalstücke der jonischen Capitäler amgebrachten feinen und nach 
abwärts geschwungenen Cannelüren. Erblickt man aber in der Ton- 
nenschnecke das Motiv zu der jonischen Volute und der jonischen 
Cannelüre, so ergibt sich der Gedanke gleichsam von selbst, das 
Motiv zu den den Echinus des jonischen Capitäls zierenden Eiern in 
dem gleichen Naturbereiche zu suchen, und hierbei fällt dann der Blick 
sogleich auf dieCypräa oder Porzellanschnecke (s.Fig. V),weil sie alle 


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22 


Haha 


hiezu erforderlichen Eigenschaften darbietet, nämlich eine dem archi- 
tektonischen Ei rollkommen entsprechend orale, schildartige Ausbau- 
chung und eine dieser entgegengesetzte Flächenseite, welche in der 
sie durchschneidendem Mündungsspalte des Gehäuses eine bequeme 
Gelegenheit zur Befestigung an einer senkrechten oder sonst geeig- 
neten Fläche liefert. Ja die zwischen der Spindel und dem Aussen- 
rande am obern und untern Ende des Gehäuses befindlichen Aus- 
wüchse, welche die rolle Symmetrie desselben stören, möchten riel- 
leicht die rahmenartige Einfassung des architektonischen Eies erklären, 
und auf deren ursprüngliche Bestimmung hinweisen, diese die symme- 
trische Form des Gehäuses störenden Theile dem Blicke zu entziehen. 

So weit war ich mit meinen Beobachtungen gekommen, als so- 
wohl die Schwierigkeit die auf der Seitenansicht des jonischen 
Capitäls angebrachten Polster mit dem gefundenen Naturmotire in 
Verbindung zu bringen, als auch der Wunsch, die Gewinde der 
Tonuenschnecke mit den Gewinden der jonischen Volute wissen- 
schaftlich zu vergleichen und den Regeln der Kunst entsprechende 
Modelle mit den Schneckenvoluten herzustellen, mir das Bedürfniss 
fühlbar machte, meine Beobachtungen mit einem Manne vom Fache 
durchzusprechen. 

Ich lud daher Ernst Zitier, welcher als Stellvertreter des 
Herrn Erophilus Hansen den Bau der Athener Akademie leitet, zu 
einer Besprechung nach Syra ein, und derselbe war so freundlich 
meiuer Einladung zu folgen, sich der Untersuchung aller aufgewor- 
fenen Fragen mit grossem Eifer zu widmen, und sowohl die Masse 
für das zu verfertigende Modell, nach den Proportionen der Capiäler 
des Niketempels (s. Fig. 111) auf der Arkropolis zu Athen anzugeben, 
als auch die Arbeit selbst zu leiten. 

Herr Ziller untersuchte auf meine Bitte zuerst die Spirale der 
Tonnenschnecke; er fand sie mit den Proportionen der Spirale der 
jonischen Volute vollkommen übereinstimmend, und erklärte auch 
die Form der Porzellanschnecke den Proportionen der jonischen 
Eier entsprechend, sobald deren obere und untere Auswüchse durch 
den sie umgebenden Rahmen verdeckt werden. 

Weit grössere Schwierigkeiten machte dagegen die Beantwor- 
tung der Fragen: ob der spitze Theil des Gehäuses der Tonnen- 
schnecke auch das Motiv zu den Polstern des jonischen Capitäls in 
der Seitenansicht abgegeben habe. 


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Motive der jonischen Säule. 


23 


Den Haupteinwand dagegen bilden die durchaus convexen 
Linien, welche dieses Gehäuse darbietet, während die jonischen 
Polster aus coorexen Curven bestehen; hierauf Hesse sich jedoch 
erwiedern, dass nachdem einmal statt der convexen Aussenseite der 
obern Schneckenhälfte die concave innere Seite als Modell für die 
Volute angenommen war, die Verwandlung der convexen Linien der 
Polster in concave als eine natürliche Folge jenes Tausches betrach- 
tet werden könnte. Die weiteren Gründe, welche sich für die Bejahung 
der Frage anführen lassen, sind folgende : Bringt man ein Gehäuse der 
Tonnenschnecke in die Stellung, in welcher es auf der jonischen 
Volute erscheint, d. h. richtet man den äussern Mündungsrand in 
der Art nach oben, dass sowohl dieser Rand als die auf dem Gehäuse 
laufenden Rippen und die Volutenfläche der Spitze senkrecht zu 
stehen kommen, so erscheint nicht nur die Axe der Spindel von der 
Sehneekenspitze gegen den Schneckennabel ansteigend, sondern 
auch die untere Contour der Schnecke wie bei dem Säulenpolster 
weit steiler gegen den Nabel aufgewunden, als die obere Contour 
sich zu ihm herabsenkend. 

Herr Zitier mass den Neigungswinkel von 12 in die erwähnte 
Stellung gebrachten Gehäusen, und fand denselben im Durchschnitte 
wie 1 — 11. Die Axe der Polsterhälfte des Niketempels fand sich 
diesem Durchschnitte entsprechend, um ein Eilftel ihrer Länge höher 
gestellt als die von dem Centrum des Volutenauges auslaufende Axe. 
Bei den Capitälern des Erechteums zeigte sich dagegen ein viel 
bedeutenderer Unterschied, denn hier beträgt er fast ein Viertel der 
Axenlänge der Polsterhälfte. 

Die durchgehenden Cannelüren der Polster des Erechteums 
und die in der Mitte des Niketempels angebrachten stimmen trotz 
der abweichenden Proportionen zwischen Steg und Hohlkehle in ihren 
Dimensionen mit den Cannelüren der Schäfte, sobald man Hohlkehle 
und Steg zusammengenommen als Einheit betrachtet. Und da es nach 
dem Obigen nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass die inneren Canne- 
lüren der Tonnenschnecke das Motiv zu der jonischen Schaftcanne- 
lüre abgaben, so Hessen sich die auf die Knaufpolster übertragenen 
Cannelüren als die concav gedachten Rippen der Tonnenschnecke 
und mithin als ein weiteres Anzeichen betrachten, dass sich die 
jonischen Polster aus der Seitenansicht der Tonnenschnecke ent- 
wickelt haben. 


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24 


Haha 


Herr Zitier ist geneigter die eigentümliche Form des joni- 
schen Polsters einfach aus dem architektonischen Bedürfnisse abzu- 
leiten, die Frontansicht der Volute von den rückstehenden Gliedern 
frei zu halten, dem jonischen Polster durch dessen gegen die Mitte 
zu ansteigende Aufwindung grössere Leichtigkeit zu geben und zu- 
gleich die Ornamente des Knaufes und Schaftes den Augen blos zu 
legen. Ich wünschte dagegen durch die Aufzählung der obigen An- 
zeichen die Forschung zu einer weitern Prüfung der Frage zu 
reizen, ob die Architectur nicht etwa auch die Anleitung zur Errei- 
chung jener Zwecke von der Form des Naturmotivs fiir die Volute 
empfangen habe. 

Gestatten Sie mir nur noch einen kurzen Rückblick auf die sich 
aus unserer Untersuchung der Tonnenschnecke ergebenden Resultate : 

1. Das Gewinde der Tonnenschnecke des Mittelmeeres ent- 
spricht sowohl in der Zahl seiner Umgänge als in der Construction 
seiner Spirale der Volute des jonischen Capitäls. 

2. Mit der innern Seite des Aussenrandes des Gehäuses der 
Tonnenschnecke, lassen sich die über den Canal des jonischen 
Knaufes laufenden Verbindungscurven beider Voluten wenigstens an- 
nähernd hersteilen. 

3. Die convexen Rippen der Aussenseite dieses Gehäuses ver- 
wandeln sich auf der innern Seite in Cannelüren, welche grosse 
Ähnlichkeit mit den Cannelüren des jonischen Säulenschaftes haben, 
und sogar ihre Anzahl entspricht annähernd der Anzahl der jonischen 
Cannelüren. 

4. Die Form der den Echinus des jonischen Capitäls schmücken- 
den und den sogenanuten Eierstab bildenden Eier, entspricht der 
Form der auch im Mittelmeer vorfindlichen Porzellanscbnecken. 

An diese Ansicht über die der jonischen Säulenordnung zu 
Grunde liegenden Naturmotive erlaube ich mir schliesslich einige 
nicht uninteressante Folgerungen zu reihen. 

Wer in der Tonnenschnecke die Motive zur jonischen Säule 
erblickt, der kann wohl die Entstehung dieser Säule nur in ein 
Küstenland versetzen, weil nur in einem solchen die zu ihrer Bilduug 
erforderliche Vertrautheit mit den betreffenden Seeproducten voraus- 
gesetzt werden kann. 

Das jonische Capitäl könnte demnach auch ein Marine- oder 
Küstencapitäl genannt werden, und aus diesem Grunde möchte 


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Motive der jonischen Säule. 25 

daher auch da wo die Wahl . erlaubt ist, die jonische Ordnung bei 
allen Marinebauten den Vorzug verdienen. 

Auch wäre in der obigen Auffassung die Möglichkeit gegeben, 
die jonische Volute nicht blos als eine Ausschmückung oder weitere 
Fortbildung der dorischen Säulenordnung aufzufassen, denn sie könnte 
nun, als bereits mit der jonischen Säule verbunden, gedacht werden, 
bevor man für diese etwa den Echinus aus der dorischen Ordnung 
herüber nahm, und die etwa für die dorische Ordnung gebildeten 
Proportionen analog auf die jonische Ordnung anwandte. Wenn man 
in der Tonnenschnecke nicht nur die Motive der jonischen Volute, 
sondern auch jene zur jonischen Cannelüre erkennt, so würde sich 
sogar die Frage eröffnen, ob nicht etwa die dorische Säule ihre 
Cannelirung von der jonischen Säule entlehnt und ihrem Charakter 
angepasst habe. 

Scheint doch überhaupt das Dasein von Gegensätzen und die 
hieraus entstehende Spannung wesentliche Vorbedingung för jede 
menschliche Entwickelung und daher die hohe Ausbildung der griechi- 
schen Architectur nur durch die Voraussetzung solcher Gegensätze 
erklärlich zu sein. Wenn wir nun aber die hellenische Architectur 
den schönsten Theil ihrer Motive der Muschelwelt ihrer Meere ent- 
nehmen sehen, so dürfte wohl die Frage erlaubt sein, ob sich nicht 
etwa der uns nun eröffneten Muschelwelt des Erdballes, deren Formen 
schon desswegen den architektonischen verwandter sein müssen, als 
die der Pflanzenwelt, weil sie sich nicht wie diese auf organischem 
Wege von innen nach aussen, sondern durch äussern Zusatz ent- 
wickeln, wenigstens eine Nachlese für unsere Architectur abgewinnen 
Hesse, wenn auch deren Hauptfbrm, die Volute, bereits von den Alten 
erschöpft worden zu sein scheint. 


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26 


Ernennungen. 


SITZUNG VOM 25. JUNI 1862. 


Erieimgei. 

Seine k. k. Apostol. Majestät haben mit a. h. Entschliessung 
Tom 14. d. M. die Wahl des wirkt, geheimen Rathes und Staats- 
ministers Anton Ritter yon Schmerling zum inländischen Ehren- 
mitgliede der kaiserl. Akademie allergnädigst zu genehmigen 
geruht. 

Mit derselben a. h. Entschliessung haben Se. k. k. Apostol. 
Majestät zu wirklichen Mitgliedern der kaiserl. Akademie der Wis- 
senschaften für die philosophisch-historische Classe: 

den Professor der dassischen Philologie an der Universität zu 
Wien, Dr. Johann Vahlen und den Vice-Director des geheimen 
Haus-, Hof- und Staatsarchives, Alfred Ritter von Arneth aller- 
gnädigst zu ernennen und die von der Akademie getroffenen Wahlen 
des Archivars der Stadt Prag, K. J. Erben, des Ministerial-Secre- 
tärs im Staatsministerium, Dr. Gustav Hei der und des Professors 
der deutschen Rechtsgeschichte an der Universität in Wien, Dr. 
Heinrich Siegel zu correspondirenden inländischen Mitgliedern 
und des Professors an der Universität zu Bonn, Otto Jahn so wie 
des Tribunalrathes zu Lille, Charles Edmond Henri de C ous se- 
in aker zu correspondirenden ausländischen Mitgliedern der philo- 
sophisch-historischen Classe der kaiserl. Akademie der Wissen- 
schaften allergnädigst zu genehmigen geruht. 


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F i • d 1 • r, Eia Verauch der Vereialgung der rusiiachea mit d. röm. Kirche. 27 


Vergelegts 

Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römi- 
schen Kirche im sechzehnten Jahrhunderte 

Von Joseph Fiedler. 

I. 

Bis zum neunten Jahrhundert bewahrte die christliche Kirche 
die yolle unverletzte Einheit. Der ganze Klerus des Orients und 
Occidents verehrte den Apostel Petrus und dessen Nachfolger auf 
dem Stuhle zu Rom als das Haupt und den Mittelpunct derselben. 
In der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts trat Photius, Patriarch 
von Constantinopel , mit Neuerungen auf und veranlasste die welt- 
historische Spaltung» welche die christliche Welt in zwei Hälften 
zerriss. Die grössere derselben, der Westen, blieb ihren bisherigen 
religiösen Anschauungen treu, der Osten nahm die von dem neuen 
Glaubenslehfer proclamirte Doctrin an. 

Gleichzeitig (366 — 867) wurde auch der erste Same des 
Christenthums im russischen Reiche von Constantinopel aus gesäet. 
Derselbe wuchs jedoch erst dann zum lebenskräftigen das ganze 
Land beschattenden Baume auf, als der GrossfQrst Wladimir die 
Taufe durch den Metropoliten von Cherson feierlich annahm und 
seine Unterthanen zur Nachfolge im Grossen bewog (938). 

Die griechische Kirche erhielt dadurch einen wesentlichen 
Zuwachs und sie wusste ihren Einfluss auf die Neupflanzung dadurch 
zu wahren, dass dem Patriarchen von Constantinopel die Ernennung 


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Joseph Fiedler 


28 

des geistlichen Oberhauptes in Russland, des Metropoliten ron Kiew, 
Vorbehalten blieb. 

Die natürliche Folge dieser durch Ursprung und Abhängigkeit 
entstandenen Verbindung der griechischen und russischen Kirche 
war, dass die Ansichten der älteren über das Verhältniss «um Abend- 
lande auch für die jüngere massgebend wurden; dass die Trennung 
im Haupte und den Gliedern von der einen vollzogen, von der andern 
dem ganzen Umfange nach adoptirt wurde. 

Unter den vielen fruchtlosen Versuchen, welche seit dem 
zwölften Jahrhunderte zur Wiedervereinigung der einen oder der 
anderen mit der Mutterkirche gemacht wurden, waren es vorzugs- 
weise zwei, die einige Aussicht eines günstigen Erfolges boten. 

Der erste fand Statt am zweiten Concil zu Lyon (1274). Es 
gelang zwar, die Vereinigung der griechischen Kirche mit der römi- 
schen zu Stande zu bringen; allein nach zehn Jahren wurde sie 
wieder vom Kaiser Andronikus zerrissen. 

Der zweite geschah in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts und führte zum Concil ron Ferrara, welches später nach 
Florenz verlegt wurde. Nach langen Verhandlungen wurde endlich 
am 6. Juli 1438 die Vereinigungsformel unterzeichnet. Der Metro- 
polit Isidor von Moskau (dem spätem Sitze des Metropoliten, 
nachdem derselbe zuerst von Kiew nach Wladimir [1299] und 
von da nach Moskau [1328] verlegt worden war) nahm an dem 
Zustandekommen der Union lebhaften Antheil , allein sein Eifer für 
dieselbe erstarb in Folge des Widerspruchs des GrossfQrsten Vasilji 
Vasiljevid. 

Dieser Fürst war es auch, der die bisherige Stellung der russi- 
schen Kirche der griechischen gegenüber wesentlich dadurch 
änderte , dass er Isidors Nachfolger aus eigener Machtvollkommen- 
heit ernannte und denselben blos den Bischöfen zur Anerkennung 
vorstellte (1447). Ivan Vasiljevid III. sein Nachfolger löste endlich das 
letzte Band der Abhängigkeit von dem Patriarchate zu Constanti- 
nopel durch die in eigener Person vorgenommene Investitur des 
Metropoliten von Moskau mit dem Hirtenstabe und die Übertragung 
der Kirchenhoheit auf die Person des Qrossftirsten. 

Durch diese Vorgänge gewann die russische Kirche die volle 
Selbstständigkeit und die nachfolgenden Vereinigungsversuche wurden 
auch immer direct mit dieser aufgenommen; allein sie änderten 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 

ihre Natur darin, dass sie aus einer rein religiösen Angelegenheit au 
einer Frage der hohen Politik umgestaltet wurden , als welche man 
sie auch von nun an behandelte f ). 

II. 

Es ist ausser allem Zweifel, dass in der zweiten Hälfte des 
fünfzehnten Jahrhunderts Verbindungen zwischen dem päpstlichen 
Stuhle und dem russischen Hofe bestanden, welche die Zuröckfüh- 
rung des letzteren in den Schooss der katholischen Kirche zum 
Gegenstände hatten. 

Im Jahre 1469 war der russische Gesandte Ivan Fräsin bei 
P. Paul II. *) und derselbe am 17. Jänner 1472 bei P. Sixtus IV. *). 

Ganz bestimmt erzählt Albertus Campensis (Pighius) von sei- 
nem Vater gehört zu haben , dass vor ungefähr 60 oder 66 Jahren 
(als er sein Schreiben „De Moscovia“ an P. Clemens VH. geschrie- 
ben hatte, was ungefähr 1623 — 1624 geschehen sein dQrfte), ent- 
weder der Grossfhrst Ivan Vasiljevid III. oder sein Vorgänger 
Gesandte an den Papst geschickt habe, die Vereinigung zu bewerk- 
stelligen. Der damalige Papst mehr seinen als Christi Vortheil an- 
strebend, habe einen sehr grossen („ingens“) jährlichen Tribut zum 
Zeichen und als Anerkennung des Gehorsams von ihm gefordert. 
Die Gesandten haben ihn nach ihrer Rückkehr zum grossen Ärger- 
niss der benachbarten christlichen Fürsten vermocht, im Schisma zu 
verbleiben, des Argumentes sich sehr geschickt bedienend, der 
griechische Glaube sei jedenfalls besser als der katholische, da 
diesem nicht das Heil der Seelen sondern nur das Geld aller Völker 
am Herzen liege *). 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es eine der beiden Ge- 
sandtschaften Fräsin 's war, da die Rechnung des Albert von Kämpen 


*) H. J. Schmitt, Kritische Geschichte der neugriechisch, u. der russisch. Kirche. 

Mains 1840. — Walter, Lehrbuch des Kirchen rechts. Bonn 1842. p. 50—61. 

*) Derselbe wird es auch gewesen sein, für den Paul II. in dem Schreiben v. 14. Oct. 
1470 von dem Könige Kasimir von Polen den freien Durchzug durch sein Reich 
nnd die dazu gehörigen Lander begehrte. S. The ine r, Velera Monum. Polon. etc. 
II. p. 167. Nr. CCV. 

>) Adelung, Kritische Übersicht der Reisenden in Russland. I. p. 183. Anm. 

4 ) De Moscovia etc. .Albertus Campensis. Venet. apud Paulum girardum 
MDXLI1I. f. 9—10. 


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30 


Joseph Fiedler 


die Jahre 1471 — 1484 ergibt» wo der russische Gesandte io Rom 
gewesen ist *)• 

Aus Dlugosz ist bekannt» dass im Jahre 1474 ein Venetianer 
Namens Antonius, nach Moskau gegangen war „quaedam negotia 
Summi Pontificis illic apud Principem Moscoviae acturus* *). 

Am 7. September 1484 schrieb P. Sixtus IV. an den König 
von Polen, sein Gesandter Stanislaus v. Buszenyn, Domherr von 
Gnesen» habe vorgebracht von ihm (dem Könige) brieflich instruirt 
worden zu sein, dass der Grossftirst durch Gesandte die Verleihung 
des Kaiser- oder Königstitels bei dem heil. Stuhle erwirken wolle. 
Der König sein Herr bitte daher wegen der Wichtigkeit der Sache 
und zur Vermeidung des ihm drohenden Nachtheiles früher seine 
Gesandten abzuwarten, ehe an die Erwägung der Sache gegangeu 
würde. Dem Könige sei aber seine (des Papstes) Gesinnung bekaunt, 
der alles wünsche, was zu seinem Vortheile dienen oder zur 
Erhöhung seiner Würde beitragen könnte. Er möge auch überzeugt 
sein, dass, wenn Gesandte des Grossfürsten anlangen würden , man 
nur mit vielem Bedachte und nach reifer Überlegung in der Sache 
vorgehen und seine Gesandten gerne früher vernehmen werde, wenn 
sie rechtzeitig abgeschickt werden *). 

Unter P. Alexander VI. *) befanden sich russische Gesandte in 
Rom „componeodarum rerum causa * allein es kam zu keinem 
Abschlüsse *). 

1812 — 1813 erbat sich der Grossf&rst Vasilji Ivanovid von 
dem ihm sehr befreundeten König Johann von Dänemark den 
sichern Durchzug für seine Gesandten an den Papst und dessen 
Verwendung bei diesem, um Zulassung jener zu dem eben tagen- 
den fünften lateranensischen Concil. Der fast gleichzeitig einge- 
tretene Tod des Königs Johann (20. Februar 1813) und des Papstes 
Julius 11. (19. Februar 1813) war jedoch Ursache, dass sie gar 
nicht abgingen •). 


') Adelung, 1. c. I. p. 182. Anm. 

*) Dlusgoss, Histor. Pol. XIII. p. 509. — C i a m p i , Bibliogr. critic. II. p. 21. 
*) Theiner, I. c. II. p. 230. Nr. CCLVI. 

*) Gew. 11. und gekr. 28. August 1492. 

*) B e i I a g e II« 

•) Paulus, Jovius, De legatione Miscouitica in Alberti de Starcievics: Historiae 
Ruthenicae Scriptores exteri. I. p. 4. — Albertus Campensis, 1. c. fol. 10 
erzählt dasselbe und fugt bei, dass es der in Rom anwesende Banaler des Kdnigs 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirch e. 31 

Io den ersten Regierungsjahren P. Leo X., Alexander s VI. Nach- 
folgers waren die Beziehungen zwischen Moskau und Rom minder 
freundlicher Art *)» da der Papst durch die öffentlichen Dankfeste, 
welche er aus Anlass des von den Polen über die Russen am Dnieper 
(8. September 1814) erfochtenen blutigen Sieges in Rom abhalten 
lies*, das Selbstgefühl des russischen Hofes und Volkes empfindlich 
verletzt hatte. 

Ein lebhafterer Verkehr entspann sich zwischen Leo X. *) und 
dem Grossförsten Vasilji erst in der zweiten Hälfte der Regierung 
des ersteren, so, dass später P. Clemens VH. in einer Zuschrift an 
diesen erklären konnte, er erinnere sich sehr wohl : n pie memorie 
leone X predecessore et fratre pertruele nostro universalem eccle - 

siam regente recordamur cum magna spe et letitia nostra 

non semel ab eo ad te amicissime atque humanissime scriptum 
fuisse* . Was den Papst dazu bewogen haben mochte, glauben wir 
aus einem Actenstücke entnehmen zu können, welches in dieser 
Richtung die interessantesten Aufschlüsse enthält Papst Leo X. 

▼ou Dänemark, Erzbischof Eneas von Drontheim (Nidrosiensium) dem Papste Hadrian 
VI., ihm selbst und anderen bestätigt habe (afBrmauit). 
i) Paulus Jovins I. c. |b 4. — Stanislaus Oricovius (Oraecbowski) schreibt 
darüber in Orat in Foner. Sigism. apud Pisto r. Tom. III. pag. 49: Quibus devictis 
(Moscbis) tanta gratulatio omnium est subaecuta ut etiam Rotuae a Leone X. sup- 
plicatio Sigismundi nomine decerneretur singulari genere verborum et numero 
dien«. Cum enini in Leonis Senatu Nicolaus Wolski, legatus hic Sendomiriensia 
Ceetellanna, exposuisset et genus hostium, et victoriae moduro, res digna Patribus 
Iltis est visa publica ipsius urbis Romae et gratulatione et supplicatione singulari. 
Supplicalum itaque fuit, totaque urbe dies festus atque ludi eius victoriae nomine 
fuerant instituti, dolente ac moerente Maximiliano Caesare (welcher damals mit 
Polen gespannt war und eine Allians mit Russland gegen dasselbe durch Georg 
Schuilaenpamer unterhandeln liess), qui captivos etiam ipsos per hunc ipsum 
Nicolaum Volski Leoni missos intercoepit in Moscoviamque contra ius gentium 
reraisit. — Vgl. C i a m p i , Bibliogr. critica. 1. p. SS u. Acta Tomiciana IR. p. 7. 
*) Wohl ist P i s o (nach Ciampi ein Venetianer) von dem Papste Leo X. in Folge des 
vom K. Sigismund von Polen durch den Erzbischof von Gran gestellten Ansuchens 
mit Friedensan trägen an die kriegführenden Nächte abgeschickt worden. Allein 
die grosse 8chlacht am Dnieper, zu welcher er gerade gekommen war und über 
deren für die Polen überaus günstigen Ausgang er seine Freude unverbolen aus- 
sprach,' liess die von ihm nicht sehr gewünschte Weiterreise zum Grossfiirsten 
Vasilji wegfallen. Siehe: Epistola Pisonis ad Joannem Coritiuro apud Pistor. III. 
p. I. — Piso orator pape, cum conficiende pacis cujus causa venerat, nulla spes 
superesset, non sdita Noscovia (quod gratum ei acciderat) donatus a rege ac ho- 
noratus, Vilna in Italiam re versus est. ActaTomiciana. III. p. 7. Jakob Piso 
war nach dieser Quelle protouotarius sedis apostolicae und ein Unterthan des Königs 
Wladislaus von Ungern uud Böbmeu „cum autem vrae Natis subditus et istius 


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32 


Joseph Fiedler 


hatte mehreren Cardinälen, namentlich dem Cardinal Sta. Croce, de 
Grassis, Protector des Königreiches Polen, von Ancona und einem 
vierten (vielleicht Quatuor Sanctorum?), der sich als Verfasser des- 
selben immer nur in der ersten Person anf&hrt, anbefohlen, zu 
erwägen , welche Aufträge dem von ihm zum Nuntius am polnischen 
Hofe ernannten Bischöfe v. Castellamare zu geben wären. Diese 
Commission versammelte sich im Hause eines der Collegen, des 
Cardinais Sta. Croce, wo unter Mitwirkung des polnischen Gesandten 
Johann v. Lasko, Erzbischofs von Gnesen, mehrere Gegenstände in 
Vorschlag gebracht und besprochen wurden. 

Ober die gepflogenen Verhandlungen wurde von dem unge- 
nannten Cardinal ein Protokoll verfasst, dessen in die Form eines 
Berichtes gebrachter Inhalt dem Papste unterbreitet wurde. 

In diesem Berichte werden die von dem polnischen Gesandten 
in Anregung gebrachten Verhandlungs-Gegenstände folgendermassen 
angegeben : 

1. Eintracht zwischen dem Könige von Polen und dem deutschen 
Orden; 

2. klug geführte Unterhandlungen des Königs von Polen mit dem 
Grossfärsten von Russland über den Vorschlag, ob er nicht zum 
Gehorsam gegen die römische Kirche und den päpstlichen Stuhl 
zurückkehren und dem Nuntius einen Geleitsbrief geben wollte, damit 
er in Begleitung einiger polnischer und dänischer Herren sicher zu 
ihm kommen und über einige Gegenstände verhandeln könnte, 
welche eben so sehr dem heiligen Stuhle als dem Grossfärsten selbst 
zur Ehre gereichen würden, und zwar darüber, ob der Grossfürst 
dem katholischen Glauben anhängen und jene Versprechungen halten 
würde, die vou den Griechen und den Russen selbst unter Papst 
Eugen IV. dem florentinischen Concil gemacht worden sind. Der- 
selbe Nuntius sollte dann auch Augenzeuge der Vollziehung der 
letzteren sein. Ein Mittel zur Erreichung des Zieles wäre die Erhe- 
bung des Grossfürsten zum Könige und die Errichtung eines König- 
reiches aus den ihm unterworfenen Ländern. 

Regni (Hungariae) indigena existat." K. Sigismund empfahl ihn seinem Bruder als 
Lehrer für dessen Thronfolger Ludwig. Er rühmt ihn besonders wegen seiner aus- 
gebreiteten Sprachkenntnisse, so wie wegen der Versprechungen, die Piso bei der 
mit ihm über den Unterricht Ludwig's gehabten Unterredung gemacht hatte. Im 
gleichen Sinne schrieb er auch an deu Erzbischof ron Gran. — Acta Tom i- 
ciana III. p. 284. Nr. CCCXLIII und CCCXLIV. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 33 

Der polnische Gesandte war der Ansicht, dass sein Gebieter 
die Glaubenseinigung des Grossfürsten nicht übel aufnehmen würde, 
ja er bat Se. Heiligkeit um die Zustandebringung derselben, die 
Hoffnung aussprechend, der Grossfürst werde den ihm gemachten 
Antrag gerne annehmen und ein Anhänger des katholischen Glaubens 
werden, da der König von Überläufern erfahren hätte, dass schon 
des Grossfürsten Vater dieselbe Gesinnung gehegt habe und es sehr 
wahrscheinlich sei, dass der Sohn in gleicher Weise derselben bei- 
treten und die Ausführung des Vorhabens seines Vaters gestatten 
werde. Es sei dies um so mehr zu erwarten, als der König von 
Dänemark anderweitig Sr. Heiligkeit dieselbe Absicht des Gross- 
fürsten zur Kenntniss gebracht habe. Diese müsse bei dem Gross- 
fürsten sicher vorhanden sein, da er wahrgenommen haben würde, 
dass er bei jedem kriegerischen Anprall von den Polen geworfen 
werde und dies durch offenbare Fügung Gottes geschehe, die 
Wenigen über Viele den Sieg davontragen lasse. Der Nuntius könne 
daher mit sich nehmen die Acten des florentinischen Concils und die 
Instructionen, die dem Fr. Franciscus de Potentia, Procurator des 
Minoritenordens und Nuntius nach Russland, gegeben worden sind, 
woraus ersehen werden könne, welche Vorschläge den Russen 
rücksichtlich der Glaubensartikel zu machen wären *)• 

Wir haben diesem Actenstücke eine grössere Aufmerksamkeit 
geschenkt, da wir ganz im Widerspruche mit den Traditionen und 
der bisherigen Politik der Krone Polens den Gesandten derselben 
die Einigung der beiden Kirchen anregen und befürworten sehen. 
Wenige Jahre darnach, als die Angelegenheit ernstlich in Verhand- 
lung genommen wurde, verwandelte sich der zu der früheren 
Anschauungsweise zurückgekehrte polnische Hof in den heftigsten 
Gegner derselben und erwarb sich das unbestreitbare Verdienst, das 
schon halb gesicherte Zustandekommen des Ausgleiches durch das 
Aufgebot aussergewöhnlicher Mittel hintertrieben zu haben. 

Wahrscheinlich in Folge dieser Verhandlungen befand sich im 
Jahre 1518 der Dominicanermönch Nikolaus Sambirg als päpstlicher 
Nuntius in Moskau. Durch den an Papst Leo X. über seine Thätigkeit 
erstatteten Bericht fand sich dieser bewogen, in dem Schreiben aus 
Montefiascone vom 1. October d. J. *) ihm seine Zufriedenheit über 

*) C i a rn p i , I. c. I, p. 232. 

*) Theioer, I. c. p. 378. Nr. CCCCVI. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. I. Hfl. 3 


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34 


Joseph Fiedler 


die bisherigen Erfolge sowie die Erwartung eines erfreulichen Schlusses 
auszudrücken. Die Anträge wegen der Standeserhöhung des Gross- 
fürsten wolle der Papst nach dem Benehmen desselben behandeln. Es 
sei ihm jetzt die Gelegenheit geboten, die höchsten Ehrentitel 
in der Christenheit zu erwerben. Wenn er nämlich dem allgemeinen 
Bunde der christlichen Pürsten beigetreten und zu der Expedition 
gegen die Türken beigetragen haben werde, wolle er ihn unter der 
Bedingung in den Schooss der Kirche aufnehmen, dass er jene 
Satzungen beobachte, unter welchen auf dem Concil zu Florenz die 
Vereinigung der orientalischen und occidentalischen Kirche zwischen 
dem Papste Eugen IV. und dem K. Paläologus zu Stande gekommen 
ist, ihn auch mit dem Königstitel schmücken und zu seinen theuersten 
Söhnen zählen. Der Papst ermächtigte auch Sambirg, diese Ver- 
sprechungen dem Grossfürsten zu machen und die Versicherung zu 
geben, dass er alles genehm halten werde, was auf den eben bezeich- 
neten Grundlagen mit demselben ausgemacht werden würde. 

Kurz darauf scheint es der päpstliche Stuhl für erspriesslich 
gehalten zu haben, sich mit dem Grossfürsten zur weiteren Verfol- 
gung der angebahnten Schritte in engere Verbindung zu setzen. Es 
wurde dazu der Bischof Zacharias (Ferreri) von Garda*)» Haus- 
prälat und geheimer Referendar des Papstes gewählt, welcher als 
Nuntius mit einem Schreiben Leo’s X., ddo. 19. September 1819 
an Vasilji Ivanovid abging. 

In diesem beruft sich der heilige Vater auf die ihm von glaub- 
würdigen Personen zugekommeneu Berichte über die Geneigtheit 
des Grossfürsten zur Herstellung der Einigkeit zwischen der russi- 
schen und römischen Kirche, drückt seine Freude über dieses gott- 
gefällige Vorhaben aus, ersucht den Grossfürsten seine Gedanken 
dem Nuntius als einer vollständig glaubwürdigen Person ohne Rück- 
halt zu eröffnen und deutet demselben die Gewährung nicht gewöhn- 
licher Vorlheile leise an a ). 

Aus der Hauptinstruction für den Bischof Zacharias, ddo. 
1. November 3 ) und der Nebeninstruction für dessen Mitbotschafter 

') ln dem bei Th einer, I. c. II. p. 403. Nr. CCCCXVIII abgedruckteo Passbriefe für 
ihn und seinen Genossen Jobanu de Thedaldis (equitem auratum) ddo. IS. Sep- 
tember 1519 wird er episcopus „Sardicenis" genannt. 

*) C i a m p i , I. c. 111. p. 46. — Turgenev, Historica Ruasiae Monumente etc. 
Petrop. 1841. Bd. I. p. 128. Nr. CXXIV. 

Ciampi, I. c. 11. p. 24 erwähnt diese Instruction als vorhanden in der „Bibliotheca 


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Eio Versuch der Vereinigung der russischen mH der römischen Kirche. 38 


Johann von Thedaldis, ddo. 2. November 1819 *), geht hervor, dass 
Papst Leo X. einen fünfjährigen Waffenstillstand unter allen christ- 
lichen Regenten zu Stande bringen und diesen Zeitraum zu einer 
allgemeinen Expedition gegen die Feinde des Namens Christi be- 
nützen wollte. 

Er trug daher dem Nuntius auf, den König von Polen, welchem 
bei diesem Werke ein nicht unwesentlicher Antheil zugedacht 
war» um seine Ansicht über das Project überhaupt so wie über die 
zu dessen Durchführung nöthigen und zweckmässigen Mittel zu befra- 
gen und denselben zu versichern, dass der Papst im Vereine mit den 
Cardinälen für alles Nöthige sorgen werde. Da aber zwischen dem 
Könige von Polen und dem deutschen Orden einige Differenzen bestan- 
den haben, sollte er denKönig zum Frieden mit dem Orden ermahnen, 
und sich, wenn er diesen dazu geueigt gefunden, selbst dafür wäre 
und der König es billigte, zu dem Grossmeister Albrecht von Bran- 
denburg, Sigismund’s Schwestersohn, persönlich begeben, und den- 
selben zur Schliessung des Friedens mit Polen in eindringlicher 
Weise ermahnen. 

Zu gleicher Zeit beschloss auch. der Papst, nachdem er von dem 
Botschafter des Königs von Polen, Erasmus Ciolek, Bischof von Plock 
gehört hatte, dass der polnische Staatsschatz durch die schweren und 
langdauernden Kriege mit Moskau so erschöpft sei, dass der König 
die gewohnten Kämpfe gegen die Ungläubigen aufzugeben genötbigt 
war, den Grossfürsten von Moskau durch den Nuntius Zacharias per- 
sönlich ermahnen zu lassen, dass er den wahren Glauben Christi 


di PulaviaMS. Tom. X. tranacriptum ex Bibliotheca Zalusciana.“ — Sie ist abgedruckt 
io Acta Tomiciana V. p. 188. 

i) Acta Tomiciana V. p. 1S7. 

*) Et propterea cum ex renerabili Fratre Erasmo, episcopo plocensi, sue M**» apud nos 
oratore intellexerimus , eandem Mtm. suam propler diuturna et maxima beila cum 
duce Moscovie gesta, pecuniis adeo exhaustam esse, ut a bellis, que ad versus turcas 
et Tartaros aliasque in fidel es gentes gerere consueverat quasi desistere cogatur, 
animo nostro cogitavimus ipsum ducem Moscovie per Ftem. tuam hortari ac monere, 
ut ueram Christi fidem agnoscere et ad obedientiam s. rom. ecclesie redire et cum 
Sermo. rege — ut verum Christianum decet — quiete et pacifice degere velit. Quod 
futurum in domino speramus cum non solum ex dicto episcopo plocensi audiverimus, 
sed etiam a cbarissiroo in Christo filio nostro, christierno, Danie rege, per ejus 
literas certiores facti fuerimus, ipsum Ducem Moscovie ad hoc sponte sua jam pridem 
bene dispositum et inclinatum esse. Meminerimusque, dum in minoribus constituti 
eaaemus, ejus patrem similis animi atque propositi fuisse et ad f. mem. Alexandrum 
VI. predecessorem nostrum suos oratores misisse, qui animum ac prositum huius modi 

3 * 


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36 


Joseph Fiedler 


anerkenne, zum Gehorsam gegen die heilige römische Kirche zurück- 
kehre und mit dem Könige von Polen im Frieden lebe. 

Er glaubte einen günstigen Erfolg hoffen zu können, da er nicht 
allein von dem polnischen Botschafter vernommen hat , sondern 
ihm auch von dem Könige Christian von Dänemark brieflich berichtet 
worden ist, dass der Grossfürst aus freien Stücken und von früher 
her dazu geneigt sei; ja er erinnerte sich sogar aus seiner früheren 
Zeit, dass der Vater des jetzigen Fürsten von dem gleichen Wun- 
sche beseelt, Gesandte an Papst Alexander VI. geschickt hat, um ihm 
die beabsichtigte Vereinigung mit der römischen Kirche zu eröffnen. 

Der Nuntius erhielt den Auftrag, dem Könige Sigismund den 
Beschluss des Papstes mitzutheilen, und wenn dieser mit der Reise 
nach Moskau einverstanden wäre, ihn anzugehen, dass er dem Nun- 
tius ein sicheres Geleite und angemessenes Gefolge gebe, um sicher 
hin- und zurückgehen zu können, so wie auch, dass er ihm die genau 
formulirten Bedingungen des künftigen Friedens einhändige, auf 
deren alleiniger Grundlage er denselben mit dem Grossfürsten 
unterhandeln sollte. Auch wurde ihm, wie stets, die Wahrung der 
Würde und Ehre des Papstes und des heiligen Stuhles zur beson- 
deren Pflicht gemacht. 

Früher jedoch bevor der Hauptnuntius Bischof Zacharias auf- 
brechen würde, sollte sich sein Genosse Johann von Thedaldis allein 
zum Grossfürsten begehen, um dessen Gemüth zu erforschen *), und 

pium christianam fidem agnoscendi et ad obedieatiam ss. rom. eccl. redeundi signifi- 
carent. Ftas. igitur tua postquam eidem Sermo. regi consilium nostrum coromunica- 
verit si Mti. sue videbitnr, ut ad dictum Ducem premissorum causa te transferas, 
eam nostro notnine rogabis , ut pro nostro et hujus sancte sedis honore de tali 
non modo salvo conductu per dictum ducem prestando , sed etiam comitiva tibi 
provideat, ut tuto ire atque redire valeas ac pacis inter ipsam et prefatum Ducem 
ineunde conventiones et capitula tibi consignet tuque juxta conventiones et capitula 
hujusmodi et non aliter pacem ipsam cum dicto dnce tractabis — nostrum tarnen et 
dicte sedis honorem nunquam postponendo — ac ita solerter apte prudenterqoe te 
gerendo, ut a nobis merito valeas commendari. — — — Datum Rome apud 
S. Petrum sub annulo piscatoris die prima Novembris MDXIX., pontificatus nostri 
anno VII. — Acta To mi c ia n a V. p. 188 — 189. 

*) — — Postquam igitur apud eundem regem commissa vobis diligenter executi 
fueritis ipsique regi visum fuerit, ut ad ducem Moscovie ejus animi explorandi 
causa te eonferas, tu cum benedictione nostra iter suscipies et ad dictum duceqk 
proficiscaris. Quo cum perveneris ipsum debita cum reverentia et humanitate allo- 
queris nobisque de sancto ejus orthodoxam fidem agnoscendi ac debitam nobis et 
huic saucte sedi obedientiain prestandi et cum dicto Sigismundo rege perpetuam 
pacem faciendi proposito, relatum fuisse dices, nosque propterea eidem Zacha* 


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Ein Versnob der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 37 

demselben mit aller schuldigen Ehrerbietung vortragen, dass der 
Papst Ober sein Vorhaben sich mit dem heiligen Stuhle zu vereinen 
und mit dem Könige von Polen Frieden zu schliessen , berichtet 
worden sei, und wenn dem so wäre, dem Nuntius Zacharias Ferreri 
den Befehl gegeben habe, zu ihm zu reisen, um ihm den Willen 
des Papstes und des Königs von Polen bekannt zu geben. Fände er 
den Grossfürsten zur Union und zum Frieden mit Polen disponirt, so 
solle er von ihm das sichere Geleite für den Bischof und dessen nöthige 
Begleitung begehren ; wenn nicht, so sölle er doch dahin wirken, 
dass der Grossfürst einen Waffenstillstand mit dem König von Polen 
eingebe, der den Wünschen desselben und der ihm mitgegebeuen 
Commission entspräche. Hierauf solle er seine Rückreise autreten und 
Bericht erstatten. 

Es ist nicht ersichtlich, ob und wann die Nuntien die ihnen 
aufgetragene Reise nach Moskau unternommen haben. Man könnte 
sogar an deren Zustandekommen zweifeln, wenn man in einem spä- 
teren Schreiben des Königs von Polen an den Papst liest 1 ), dass er 
dieselbe nicht für schicklich und sicher genug halte und bitte, der 
heilige Vater möge dem Bischöfe Zacharias erlauben, die ihm für 
Lithauen und Moskau gegebenen Facultäten während der Dauer 
eines Jahres in Polen ausüben zu dürfen. 


riae epo et nuncio mandasse, ut ai Uli animo ait preditua ad eum se transferat 
eique nostram ac dicti regia meutern declaret. Si ergo ipsum ducein circa pre- 
missa bene diapoaitum eaae ac dictum epiacopum et nuncium libenter midi re veile 
cogooveria. ab eo requires, ut de sufficieuti aolvo cnnductu veniendi, atandi ac 
redeondi ipai ejuaque ueceaaarie comitire provideat. Quodai prefatum ducem ad 
veram Cbriati fidero cognoacendam obedieotiamque nobia et dicte sedi apoatolice 
preaUndam minime inclinatum eaae, nec ab aliquo peravaderi poase iotelliges, nihi- 
lominua efficere curabia, ut cum dicto Sigiamundo rege induciaa, quaa idem rex 
optaverit, et de quibua apecialem tibi commiasionem dederit, ineat, quibus iuitis 
et peractia reditum ad noa parabia interimque noa de omnibua et aingulia premi- 
aia certiorea redere non preterroitta*. Datum Rome apud S. Petrum aub anuulo 
piacatoria die aecunda Novembrif a. d. MDXIX. pontificatua nostri anno septimo. 
— Acta Tom icianaV. p. 187 — 188. 

') Nam qnod ad profeet ionein in Moacoviam attinet, quia res aliter se multo habet, 
quam ait eidem Scti. vre. perauasum, nec decena, nec antis tutum, ut illic irent 
puUvi; verum aupplico i lli enixe, ut pro bonore suo et iiioo popiilorumque meoruin 
eommodo ac etiam digniUte, concedere dignetur eaadem facultatea rev. dno. Za- 
charie, epo. gardiensi, ad annum duntaxat in regno et dominiia meis Polonie 
exercendas, quaa illi ad ducatum Lithuanie et Moacovie conceasit. Nam illic 
nullius pene usus esse posaunt proptcr multitudinem incolarum ritus greci et 
raram necesaitatem ejus modi facuUatum, qne illic hominibua incuinbiint, Krit hec 


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Joseph Fiedler 


Ein oder zwei Jahre später ging Paul Centurione aus der 
gleichnamigen genuesischen Patricierfamilie abstammend mit Em- 
pfehlungsschreiben des Papstes Leo X. in Handelsangelegenheiten 
(mercaturae causa) nach Moskau. Der Hauptzweck seiner Reise be- 
stand eigentlich darin, den russischen Hof für sein Project wegen 
Eröffnung eines neuen Weges für Specereien aus Indien zu gewinnen. 
Da dieser grösstentheils Russland durchschneiden sollte, glaubte er es 
durch persönliche Darlegung der an Zöllen und wohlfeilerem Preise der 
Waaren för denselben sich ergebenden Vortheile, welche bisher den Por- 
tugiesen als Monopolisten im reichsten Masse zuflossen , zu bewirken. 
Es sollten dieselben nämlich vom Indus in den Oxus, von diesem in das 
kaspische Meer, dann in die Wolga und endlich nach Riga gebracht 
werden, von wo sie durch die Schiffe der Hansa weiter verführt würden. 
Sein Plan scheiterte an dem Bedenken des Grossfürsten Vasilji Iva- 
novid, einem unbekannten Fremdlinge die Gegenden zu eröffnen, 
welche den Zugang zum kaspischen Meere und zu Persien bildeten 1 ). 

In seinen mercantilen Bestrebungen verunglückt, wechselte 
Centurione die Rolle, indem er die eines Diplomaten übernahm. 
Während seines längeren Aufenthaltes in Moskau und bei deo öfte- 
ren Berührungen mit den dortigen Hofleuten fand er wiederholt 
Gelegenheit, sich mit diesen über die Nützlichkeit der Vereinigung 
beider Kirchen zu unterhalten. Diese Unterredungen mögen die 
Veranlassung gewesen sein, dass ihm der Grossfürst bei seiner Ab- 
reise ein Schreiben an den Papst Hadrian VI., den Nachfolger des 
inzwischen verstorbenen Leo X. (1. Dec. 1521) mitgab, worin er 
mit vielem Wortgepränge seine Zuneigung gegen den Papst an den 
Tag legte, welche durch die von der Curie nach der Niederlage der 
Russen am Dnieper abgehaltenen Dankgebete bedeutend erkaltet war. 

Bei dem Tode Papst Hadrian VI. (24. Sept. 1523) war Paul 
Centurione zu einer zweiten Reise nach Moskau vorbereitet, die ihn 
auch dessen Nachfolger Papst Clemens VII. antreten Hess. Dieser gab 
ihm ein Schreiben an Vasilji (ddo. 25. Mai 1524) mit, worin er ihn 
unter Berufung auf die unter seinen Vorgängern den Päpsten Ale- 
xander VI. und Leo X. stattgehabten gleichen Verhandlungen auf das 
Wohlwollendste ermahnte, die Majestät der römischen Kirche an- 


res mihi non vulgariter grata et subditis meis utili», cum ea que isthinc ex Urbe 
aut Hungaria petuntur hic domi haben possint. — Acta Tomiciana, V. p.240. 
f ) Paulus Jorius, I. c. I. p. 3. — Adelung, I. c. I. p. 177. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 39 


zuerkennen und nach Vereinigung der beiden Kirchen ein immer- 
währendes Bündniss zu schliessen, was für ihn (Grossfiirsten) sehr 
ehrenvoll werden dürfte, da er ihm krallt seiner päpstlichen Gewalt 
den Königstitel verleihen wollte *). Vasilji hatte nämlich geglaubt, 
dass die Verleihung desselben ein Recht des Papstes sei, nachdem er 
erfahren hatte, dass dieser auch dem Kaiser das Diadem und den 
Scepter ertheile. Übrigens scheint ihn dieser Glaube doch nicht 
gehindert zu haben, denselben auch früher vom Kaiser Maximilian I. 
zu begehren *). 

Centurione reiste nach Moskau ab und wurde daselbst von 
Vasilji sehr freundlich empfangen. Er hielt sich volle zwei Monate 
am russischen Hofe auf, und nachdem er sich neuerdings von der 
Unausfuhrbarkeit seines indischen Projectes überzeugt hatte, trat er 
wahrscheinlich erst im Jahre 1525 von dem russischen Gesandten 
an den Papst Namens Demeter Jerasimov (Demetrius Erasmus) 
begleitet, die Rückreise an. 

König Sigismund I. vonPolen, welcher Centurione auf der Hinreise 
in Allem forderlich gewesen war, gab dem Heimkehrenden ein war- 
mes Empfehlungsschreiben (ddo. Krakau 8. Juni 1525) an den Papst 
mit, worin er sein vorgerücktes Alter und dürftigen Vermögens- 
verhältnisse betonend, die Gnade und Grossmutb des heil. Vaters 
für ihn in Anspruch nahm •). 

Der Papst nahm den Gesandten des Grossfürsten auf das Glän- 
zendste auf, räumte ihm den prächtigsten Theil des Vaticans zur 
Wohnung ein, kleidete ihn in Seide und wies ihm als Begleiter und 
Dolmetsch aller weltlichen und göttlichen Dinge Franz Cheregatti, 
Bischof von Abruzzo (Aprutinuin) zu, einen Mann, den er zu den 
weitesten und wichtigsten Missionen verwendet hatte. Nach eini- 
gen Tagen der Ruhe erschien Demeter vor dem Papste, bezeugte 


ft) Beilage II. 

*) »Temporibus etiam fere Leonis X. Pont. Max. Idein Basilius a Maximiliano Cesare 
Regium honorem arobiebat instantissime cuius protextu (sic) etiam tune evenisset 
ad communionem ecclesiae Romanae, si Poloni maebinationibus res ipsa non fuisseft 
etiam tone interturbata. Quod Rever. D. Hierouym. Baibus Episcopus Uurgensis 
Hlustrissimi Ferdinandi Archiducis Austriae apud apostolicam sedem nuperime 
orator, qui istis rebus presens interfuerat Tuae sanctitatis praedecessori Adriano VI. 
mihi et aliis pluribus affirmavit." — Albertus Camp, I. c. f. 10. 

*) Turgenev, Hist. Russ. Mon. I. p. IZ9. Nr. CXXV. — Tbeiner, Vetera Monum. 
Polon. et Lith. II. p. 430. 


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Joseph Fiedler 


demselben die gewöhnliche Verehrung des Fusskusses und über- 
reichte demselben in seinem und seines hohen Senders Namen die 
in Zobelpelzen bestehenden Geschenke und ein Schreiben des 
Grossfürsten ddo. 3. April 1625 *), welches zuerst ?on ihm und 
Centurione, dann aber von dem Dolmetsch Nikolaus Siccensis *) aus 
dem russischen Texte in das Lateinische übersetzt wurde. Der Inhalt 
desselben war folgender: Die durch den Genueser Bürger Paul Cen- 
turione überschickten Ermahnungen des Papstes wegen Einigung im 
Glauben mit ihm und den übrigen christlichen Fürsten und wegen 
Hilfeleistung gegen den gemeinsamen Erbfeind mit dem Beisatze, 
dass seine (des Grossfürsten) Gesandten überall sichern Weg und 
Zutritt finden werden, damit man endlich erfahren könne, durch 
welche Mittel eine ewige Vereinigung und Freundschaft angebahnt 
werden könnte, — haben ihm sehr Wohlgefallen. Er schicke darum 
mit diesem Schreiben (seinen Gesandten) Erasmus ab und mit ihm 
Paul Centurione zurück. Der Papst wolle Demetrius (Erasmus) bald 
abfertigen ünd sicher zurückschicken. Dasselbe wolle auch er thun, 
wenn mit diesem päpstliche Gesandte an ihn geschickt werden 
sollten, damit er solchergestalt sowohl durch mündliche Darstellung 
als schriftlich belehrt werde, wie das Werk angefangen, behandelt 
und zu Stande gebracht werden könnte und wenn er dann daraus 
die allgemeine Übereinstimmung wahrgenommen haben würde, be- 
stimmen zu können, was ferner zu geschehen habe. Bis dahin wolle 
er wie bisher standhaft gegen die Ungläubigen und Feinde des 
Namens Christi streiten. 

Demeter JerasimoY erkrankte in Rom in Folge des so grossen 
Klimawechsels an einem schweren Fieber, erholte sich aber bald 


Die Dntirung desselben lautet: „Datum in civitate nostra Moscovia anno ab initio 
mundi septimo millesimo tricesiroo“. Tertia Aprilis, was dem 3. April 1822 ent- 
sprechen wurde. Letzteres ist aber unmöglich, da es die Antwort auf das Schrei- 
ben des Papstes vom 8. Mai 1824 ist, und Centurione sich im Monate Juni 1828 
in Gesellschaft des russischen Gesandten auf der Rückreise nach Rom am polni- 
schen Hofe befand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Übersetzer das Datum 
nicht vollständig wiedergab, welches entweder anno — — septimo millesimo tri— 
cesimo tertio. Tertia Aprilis; oder tricesimo tertio. Mense Aprili zu lauten gehabt 
hätte, was allerdings der allein richtigen Jahreszahl 1828 entsprechen würde. 

*) In dem Frammento concernente la legazione di Dernetrio Erasmio ecc. in Tur- 
genev's Hist. Russ. Monuments etc. Petropoli 1841. Bd. I. p. 131. Nr. CXXVII. 
heisst er „interprete Schiavone Nicolo da Sebenico“; und bei Ciampi, Bibliog. 
critica etc. etc. I. p. 86. „Niccola Siksenski.“ 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen milder römischen Kirche. 41 


wieder, so dass er trotz seines Alters von 60 Jahren im Stande war, 
den Feierlichkeiten am Feste der hh. Cosmas und Damian, so wie 
dem Consistorium beizu wohnen, worin der von seiner Sendung 
nach Ungern rückgekehrte Cardinal Campeggio vom Papste und 
allen Hofwürden empfangen wurde, so wie auch die Kirchen und 
die Oberreste der einstigen Herrlichkeit Roms zu besuchen. Er 
war ein (namentlich in der heil. Schrift) sehr unterrichteter und 
gewandter Mann, der schon früher als Abgeordneter an die Höfe 
der Könige von Dänemark und Schweden, des deutschen Grossmei- 
sters und des Kaisers Maximilian I. geschickt worden war. Man hielt 
ihn auch für den Träger wichtiger geheimer Aufträge des Gross- 
fürsten, die er in den Privataudienzen Vorbringen werde 1 ). 

Nachdem sich Jerasimov aller seiner Aufträge entledigt hatte, 
trat er von dem Papste mit ehrenvollen Geschenken bedacht, die 
Rückreise an. Begleitet war er von dem Bischöfe Franz (de Potentia) 
von Scare, welchen der Papst am 14. October 1625 zum Legaten an 
den GrossfÖrsten in Vorschlag gebracht hatte, und welcher auch als 
solcher durch Beschluss des h. Collegiums genehmigt wurde *). 

Als Hauptzweck der Thätigkeit des Legaten in Moskau wurde 
bezeichnet, den Grossfürsten dahin zu vermögen, dass er in Gemein- 
schaft mit den übrigen christlichen Fürsten gegen die Türken 
rüsten und zu den Waffen greifen möchte. 

In dem Creditive vom 18. November 1525 drückt der Papst 
seine volle Befriedigung über die Sendung des Demetrius an ihn 
aus, den er als einen sehr geschickten und in der Ausführung der 
ihm gewordenen Aufträge genauen Mann bezeichnet. Dem Inhalte 
des ihm überbrachten Schreibens des Grossfürsten, dass dieser in 


*) Paulas Jor ins I. c. I. p. 4. — „Frammento“ ecc. bei Turgener, Hist. Russ. 
Mob. Bd. I. p. 131, Nr. CXXVII. 

*) Anno MLXX. XIV. Octobris. Ultimo loco sun Beatitudo proposuit mittendum esse 
aliquem ad Principero Moscoviae , et fuit conclusum ut mitteretur R. D. Fran- 
ciscos de Potentia Episcopus Scarensis, qui curaret cum eodem Principe, ut una 
cum alijs Principibus cbristianis contra Turcas pro defensioue, Christianae fidei 
sese praepararet et arma caperet. — Turgenev, I. c. I. p. 388. Nr. CCM. — S care, 
in Schweden, Westgothland. — — „et quoniam ccclcaia Scannst», cui de tua 
persona per fetiois memoriae Adrianum predecessnrera nostrum fuit provisum, in 
Regno Svetiac eat , cuis tu nunquam possessionem obtinere potuisti, dices isti Regi 
serenissimo (Poloniae) oos mandaturos, ut ius tuum in gratiam ipsius Svetiae 
Regia renuntlea, • modo i II e dignam et cathoücam peraonam illi eccleaiae iubeat 
praefici Thein er, I. c. II. p. 435. Nr. CCCCLXII, * 


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Joseph Fiedler 


eine Verbindung mit dem heil. Stuhle und den übrigen christlichen 
Fürsten treten wolle, es möge daher jener einen Nuntius an ihn 
schicken , entsprechend, sende er den Bischof Johann Franz von 
Scare ab, einen Mann voll Weisheit und Geist, dessen Mühe und 
Dienstleistung er sich schon öfters in wichtigen Geschäften bedient 
habe, und mit dem er alle Angelegenheiten vertraulich bespreche. 
Dem Paul Centurione habe er nur gelegentlich, als er gerade in 
seinen eigenen Geschäften nach Moskau ging, ein Schreiben mit- 
gegeben. Es habe ihn sehr gefreut , dass dieses dem GrossfÜrsten 
angenehm gewesen sei und die Absendung eines eigenen Gesandten 
an ihn mit sehr werthvollen Geschenken zur Folge gehabt habe. 
Der Legat werde ihm (Grossfürsten) die Gedanken des Papstes 
sowohl über die Union als über die Verbindung gegen die Türken 
ganz vollständig eröffnen, er möge ihm in Allem, was er vortragen 
wird, solchen Glauben schenken, als wenn der Papst selbst zu ihm 
spräche. Auch habe der Legat noch andere in diesem Schreiben 
nicht enthaltenen Aufträge, die er mündlich Vorbringen werde. Die- 
sen wolle der GrossfÜrst ebenfalls geneigtes Gehör schenken. Er 
bitte nur Gott, dass der Grossfürst gegen ihn eben so wohl gesinnt 
sein möge, als er es gegen denselben ist, und verspreche, dass er 
und der heil. Stuhl sich im Falle des Zustandekommens der Union 
in der seine Ehre und Würde betreffenden Angelegenheit so gegen 
ihn erweisen werden, dass er durch die That erkennen solle, mit 
welchem reinen Gemüthe, treuen Glauben und unwandelbarer Liebe 
er ihm zugethan sei. Er erhielt auch ein Empfehlungsschreiben des 
Papstes an den König von Polen (18. Nov. 1525 *), worin er die 
durch Centurione angeknüpften Verbindungen mit dem russischen 
Hofe und die Gesandtschaft Demetrius Jerasimov’s als dem Könige 
bekannt voraussetzend, diesem mittheilt, dass er den Bischof von 
Scare zur Verfolgung und Beendigung derselben nach Moskau 
schicke. Bis jetzt sei er wohl in Bestrebungen dieser Art nicht 
besonders glücklich gewesen, nichts destoweniger wolle er es doch 
versuchen, ob er den Grossfiirsten nicht zur wahren katholischen 
Religion und zur Freundschaft mit den übrigen Monarchen und 
besonders mit ihm dem Könige von Polen herüber leiten könne. 
Dazu brauche er aber nothwendig seine Hilfe und Anleitung. Er 


*) Thein er, I. c. I!. p. 433. Nr. CCCCLXI. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 43 


habe daher dem Legaten den Auftrag gegeben, dem Könige seine 
Ansichten über den Gegenstand zu eröffnen und sich dessen Rath 
und Instruction über das was er zu thun und zu lassen habe, zu 
erbitten; auch solle der Legat alles aufgeben, was dem Könige 
nicht genehm wäre, da die Rücksicht für ihn alle andern weit über- 
wiege. 

Dem Legaten befahl überdies der Papst in einem eigenen 
Breve von demselben Tage, sich in allen Dingen an den Rath des 
Königs zu halten und das Werk mit ganz besonderem Augenmerk 
auf dessen Willen und Vortheil zu leiten, was er um so mehr thun 
solle, als der Papst die Gewissheit habe, dass sich der König allen 
billigen und mit seiner Ehre verträglichen Bedingungen fugen 
werde. 

Der Bischof- Legat fand (wie er an den Secretär des Papstes 
Jakob Sadoletus, Bischof v. Carpentras, berichtet 1 ) bei seiner am 
1. April 1526 in Krakau erfolgten Ankunft den König nicht. Derselbe 
befand sich in Preussen, wo das in Danzig in Aufnahme kommende 
Lutherthum seine Anwesenheit noth wendig machte. Auch die Königinn 
warabwesend. Er besuchte dieselbe in ihrem Landaufenthalte, und auf 
ihreu Rath reiste er in Gesellschaft Demetrius 1 dem Könige nach 
Marienburg nach. Er kam daselbst am 28. März an 8 ). Am folgenden 
Tage (Gründonnerstage) übergab er das päpstliche Schreiben und trug 
seine Aufträge dem Könige vor. Sie wurden von diesem und dessen 
Rathe sehr wohlgefällig und mit vielem Danke für die Güte des Papstes 
aufgenommen. Der Bescheid wurde bis nach dem Ablaufe der heil. 
Woche aufgeschoben. Am Mittwoch nach Ostern (4. April) wurde 
er zur Audienz gerufen und ihm eröffnet, der König finde es nach 
reifer Überlegung seines Vortrages für zweckmässig, dass er seine 
Reise nach Moskau fortsetze, er werde ihm die nöthigen Geleits- 
briefe und Begleitung mitgeben. Auch erhielt er auf vertraulichem 
Wege eine Instruction, welche die Ansichten des Königs und die 
Art in welcher er den Frieden unterhandelt wissen wollte enthielt. 
Er wolle den Wünschen des Papstes und dem Nutzen der Christen- 
heit nicht entgegen sein. Vor Allem möge er bei dem Grossfürsten 
die Möglichkeit des Verdachtes, das Ganze sei in Folge der Anstif- 


*) Derselbe, 1. c. II. p. 434. Nr. CCCCLII. 

*) Derselbe, I c. II. p. 439. Nr. CCCCLXXI und p. 442. Nr. CCCCLXXV. 


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Joseph Fiedler 


tung des Königs geschehen, durch eine offene Darstellung der bei 
ihm im Namen des Papstes geführten Unterhandlungen beseitigen. 
Obwohl von dem Grossfürsten schwer beleidigt, lehne er den Frie- 
den nicht ab. Ein solcher sei erst bei seiner Erhebung zum Gross- 
fürsten von Lithauen geschlossen, mit Eid und Urkunde bekräftigt 
worden. Nach dessen Bruch habe ihn der Grossfiirst mit Krieg über- 
zogen und sich Smolensks durch Verrath bemächtigt; es sei daher 
nicht wahrscheinlich, dass je ein Friede mit ihm Dauer und Bestand 
haben werde. In Anbetracht der Umstände und des Nutzens der 
Christenheit sei er wohl zufrieden, wenn der Legat dafür thätig ist, 
dass der ursprüngliche ewige Friede in der vorigen Weise und mit 
seinen Bedingungen hergestellt werde und darum auch alle nach 
dessen Bruche gemachten Eroberungen zurückgegeben werden. Auf 
dieser Fundamentalforderung solle er bei allen Friedensnegotiationen 
immerfort beharren. Wenn der Grossfiirst zur Rückgabe Smolensk 
nicht zu bewegen wäre, vorschützend, dass dasselbe erst nach dem 
Frieden erobert wurde, so sehe er nicht ein, wie der Friede zu 
Stande kommen könnte. 

Letztlich werde wohl nur wegen Verlängerung des bestehenden 
Waffenstillstandes selbst auf zehn oder mehrere Jahre zu unterhan- 
deln sein. Die Schwebe der Dinge sei ihm erträglicher, als der Ver- 
lust Smolensks; auch könne sich in Folge des Gesandten- und Han- 
delsverkehrs eine günstige Gelegenheit zum Abschlüsse des Friedens 
ergeben. Wenn daher der Grossfiirst zur Verlängerung desselben 
geneigt wäre, könne derNuntius Versprechungen wegen der Annahme 
derselben und Abschickung von Gesandten im Namen des Königs 
machen; denn es sei zu erwarten, dass er sie nur mit diesen unter- 
handeln und bestätigen würde, wie es zwischen ihnen beiden 
Gewohnheit sei *)• 

Der Legat traf in Moskau ein und es scheint, dass es ihm 
gelang, bei dem Grossfürsten für den oben angegebenen Haupt- 
wunsch des Papstes geneigtes Gehör zu finden. Seine Bemühun- 
gen, vereint mit jenen der Botschafter Kaiser Karl V. und Ferdi- 
nand I«, Graf Leonard von Nogaroli und Sigmund Freiherrn von 
Herberstein, endlich der polnischen und lithauischen Gesandten 


*) Turgenev, Hist. Russ. M onumenta. Bd. I. p. 153. CXXIX und Th einer, I. c. 
II. p. 441. Nr. CCCCLXXIV. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 45 


Peter Giska, Palatin von Polock und Capitän von Drobitzin und 
Michael Bohusz Bohutinovicz, Schatzmeister des Grossherzogthume 9 
Lithanen etc. brachten einen Waffenstillstand zwischen Russland 
und Polen zuwegen , dessen feierliche Ratification Herberstein 
beschrieben hat 1 ). 

Der Grossfürst schickte auch mit ihm zwei Gesandte an den 
heiligen Vater. In dem Creditive vom 5. December (1522) werden 
sie Hieronymus Malhaei, Sohn des Trusson, und Djak (scriba) Thi- 
motbeus Semenov, Sohn VlodighiVs, genannt 9 ). Das Accreditiv 
für dieselben vom 1. Februar 1528, sowie das Schreiben des 
Papstes an den Grossfürsten von demselben Tage •) bestätigen die- 
ses und belehren uns Ober den Zweck der Absendung der gross- 
fürstlichen Gesandten. In dem ersten sagt er: Die von ihm durch 
den Bischof Johann Franz von Scare vorgeschlagene und von dem 
Grossfürsten angenommene Freundschaft und Vereinigung (unio- 
nem) haben jetzt auch die Gesandten desselben Oberbracht und 
bestätigt, was ihm sehr angenehm sei und er hoffe, dass sie aus- 
gezeichnete Früchte für den christlichen Glauben und die ganze 
Christenheit haben werde. 

In dem zweiten schreibt er dann umständlicher, dass mit sei- 
nem rückgekehrten Botschafter die genannten Gesandten des Gross- 
fürsten angekommen und ihm Schreiben und Geschenke von diesem, 
und was ihm noch angenehmer gewesen, die Versicherung seines 
Wohlwollens sammt dem Versprechen Qberbracht haben, das9 sich 
der Grossförst mit ihm und den übrigen christlichen Fürsten gegen 
die Ungläubigen vereinigen wolle, eben so aüch, dass er den mit 
Schweden und Polen abgeschlossenen Waffenstillstand ratificirt 
habe, um nach Beilegung der Kriege an den Grenzen desto freier 
gegen den gemeinschaftlichen Feind vorgehen zu können. Er danke 
ihm sehr dafür und dies um 90 mehr, als er es seinetwillen gethan 
zu haben versichere. 

Wegen der wechselseitigen Handelsbeziehungen schickte er 
dem Grossfürsten ein zweites Schreiben, die volle Befugniss für die 


*) Herberstein, Commentarii etc. Bssil. 1551. p. 140 et aeqq. 

*) Ci&mpi, 1. c. I. p. 235 mit derselben fehlerhaften Datirung, wie oben bemerkt 
wurde. 

*) Beilage I. ff und C. 


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Joseph Fiedler 


Kaufleute enthaltend, die seiner Herrschaft unterworfenen Orte zu 
besuchen, dort sich aufzuhalten und dorthin Handel zu treiben. Wenn 
sich dieselben gemeldet haben, wolle er für deren gute Behandlung 
Sorge tragen, so wie er auch schon jetzt dem grossfürstlichen Han- 
delsmanne Alexius Basci die vollständigste Handelslicenz ertheilt habe. 

Die von dem Grossfürsten erbetenen Architekten, Maschinen- 
bauer (Machinarum conflatores et excussores) betreffend, bedaure 
er, dass das Ansuchen gerade jetzt gestellt worden ist, wo bei 
der Eroberung Roms alle Architekten getödtet oder zerstreut wur- 
den, und er nur erprobte Männer schicken möchte. So viel er übri- 
gens derselben aufbringen konnte, habe er dem Gesandten zur freien 
Wahl anheimgestellt; nach Herstellung des Friedens werde er auch 
in diesem Punkte dem Grossfürsten besser dienen können und sei- 
nen Gesandten sarnmt Geschenken (was ihm jetzt unmöglich sei) 
absenden. Er bitte den Grossfürsten, er möge nicht nur den Waffen- 
stillstand beobachten, sondern denselben vielmehr in einen ewigen 
Frieden verwandeln. Er wolle sieb auch mit allem Eifer und seiner 
ganzen Autorität für die Herstellung eines allgemeinen Friedens in 
der Christenheit verwenden, damit die Waffen derselben, von des 
Grossfiirsten Macht unterstützt, gegen die Feinde Christi gekehrt 
werden könnten. 

Den wie es scheint geheim gehaltenen Hauptzweck ihrer Sen- 
dung, nämlich die Aufnahme des Grossfürsten und seines Volkes in 
die Gemeinschaft der römisch-katholischen Kirche, scheinen sie nicht 
erreicht zu haben. Es ist mit klaren Worten in der Eingabe Stein- 
berg’san Kaiser Karl V., vom 4. September 1551, ausgesprochen 1 ). 

Die heimkehrenden Gesandten versah der Papst mit Passbriefen 
an sämmtliche christliche Fürsten und Jurisdictionen, die ausgedehn- 
teste Freiheit des Verkehrs für sie in Anspruch nehmend 2 ). 

Von da ab trat ein längerer Stillstand in die wechselseitigen 
Beziehungen der beiden Höfe ein. 

in. 

Im Jahre 1547, als K. Karl V. den Reichstag in Augsburg hielt, 
traf daselbst Hanns Schlitte, ein geborner Deutscher •), als Gesandter 


*) Beilage I. H. 

2 ) Beilage I. D. 

3 ) Aus Goslar. — Adelung, Krit. Übers, der Reisenden; Artikel; Slitte. I. p. 205 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. . 47 


des Grossfürsten Ivan Vasiljevid Groznoj (der Furchtbare) ein, und 
überreichte dem Kaiser das Originalschreiben seines Gewaltgebers, 
das Ansuchen desselben um Oberlassung von Gelehrten, Kflnstlern 
und Handwerkern enthaltend. Der Kaiser übergab dasselbe den 
eben versammelten Reichsständen zur sorgsamen Erwägung, welche 
nach langen Berathscblagungen sich endlich für die Gewährung 
desselben unter einigen Vorbehalten erklärten. Darauf erlaubte Kai- 
ser Karl V. mit einem Erlasse vom 30. Jänner 1548 *) dem Johann 
Schlitte in Ansehung der Freundschaft, die der Grossfiirst Vasilji zu 
seinen Vorfahren und zu ihm selbst stets getragen hat und die Ivan 
noch trägt „und zudem das wir auch in glaubliche Erfarung körnen. 
Das gemelter furst Basili vor dieser Zeit sich unter die Lateinische 
Kirche begeben wollen vnnd sollichs gesucht habe und wie wir 
glaublich bericht der itzig Furst auch geneigt sein sol zw freundli- 
cher wilfarrung“, dass er allenthalben im römischen Reiche und 
seinen Erbländern Doctores und Meister in allerlei Künsten, Glocken- 
giesser. Bergwerksverständige, Goldschmiede, Leute, so im Wasser 
suchen, Zimmerleute und Steinmetzen, sonderlich die zierliche Kir- 
chen bauen können, Brunnmeister, Papiermacher, Wundärzte und 
dergleichen Kunsterfahrene suchen, aufbringen und bestellen und 
gedachtem Fürsten in Reussen zufiihren möge; jedoch sollen weder 
er noch diese unter dem Scheine nach Russland zu ziehen, sich in 
die Türkei, Tartarei oder andere Länder der Ungläubigen begeben, 
sie ihre Künste lehren, Gemeinschaft mit ihnen haben und nichts 
wider den Kaiser, das heilige römische Reich, den König Ferdinand 
und dessen Länder unternehmen, bei dem Eide, den er Hanns 
Sehlitte persönlich geschworen hat, und welchen von den Angewor- 
benen abzunehmen der Meister des deutschen Ordens, Hermann von 
Brucknaw, als kaiserlicher Commissär beauftragt sei. 

Von dieser Bewilligung gab der Kaiser selbst dem Grossfürsten 
Nachricht. Er schrieb ihm am 31. Jänner 1548 *), dass er die von 
Schlitte gemachten Eröffnungen über seine (des Grossfürsten) 
Gesundheit und den Wunsch um Oberlassung wissenschaftlicher und 
gewerbkundiger Männer mit Wohlgefallen vernommen habe und in 
Anbetracht der Freundschaft, die zwischen dem Grossfürsten Vasilji 


*) Beilage I. 

*) B e i I a g e I . F. 


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Joseph Fiedler 


und dem Kaiser Maximilian, dem deutschen Reiche und dem 
Hause Österreich in hohem Grade stattfand, noch stattfindet und 
auch in Zukunft bestehen soll, dem Schlitte die Bewilligung ertheilt 
habe, in allen Theilen des heiligen römischen Reiches und seiner 
Erbländer für die Dienste des Grossfürsten taugliche Leute anzu- 
werben. 

Dieses Schreiben erhielt Schlitte, um es nach seiner Rück- 
kehr nach Russland dem Grossfürsten einzuhändigen. 

Mit einer nicht geringen Anzahl sehr unterrichteter, geschick- 
ter, kunstreicher und erfahrener Männer, welche er in Ausführung 
des erhaltenen Auftrages und mit Benützung der kaiserlichen Erlaub- 
nis, nach vieler Mühe, Arbeit, Geld- und Kostenaufwand zusammen- 
gebracht hatte, trat er den Rückweg an. Er nahm die Richtung nach 
Lübeck, im Vertrauen auf Grund der k. Geleits- und Passbriefe- unge- 
hindert durchziehen und sammt seinen Begleitern zuerst zu Schiffe 
nach Liefland zu gehen, um von dort zu Land nach Moskau gelangen 
zu können. Allein trotz aller k. Geleitsbriefe, des Völkerrechts, der 
goldenen Bulle Reformation, der Reichsabschiede und des verkün- 
digten Landfriedens nahmen ihn die Lübecker unter dem Vorwände 
einer in früherer Zeit contrahirten Geldschuld und ohne Rücksicht 
auf den desshalb mit seinen Gläubigern abgeschlossenen Vergleich 
und „aller sein und seiner freundschafft gleich und rechtmessigs 
erpietens“ fest und hielten ihn bis in das andere Jahr ganz muth- 
willig gefangen. Er floh aus dem Kerker und kam bis Rasseberg. 
Die Lübecker folgten ihm dahin und baten, ihn als „ ratione effracti 
carceris“ zu Hals, Hand und Haaren beklagt wieder gefänglich ein- 
ziehen zu dürfen. Durch geleistete Bürgschaft sich vor Gericht zu 
stellen, entging er der neuerlichen Gefahr, bis endlich ein guter 
Freund ihn aus dieser widerwärtigen Lage errettete und davon 
brachte. 

* 

In Ansehung dessen, dass der Wille des Grossfürsten dahin 
gerichtet sei, sich mit der römischen Kirche als ein Glied derselben 
zu vereinen und dass zu diesem Zwecke, sowie gegen die Türken, 
Tartaren und andere Ungläubige, erfahrene und verständige Werk- 
leute erforderlich sind , welche anzuwerben die Aufgabe Schlittes 
gewesen, und die er auch ohne die Verhinderung durch die Lübecker 
erreicht haben würde, nahm er kraft der vom Grossfürsten erhal- 
tenen Vollmacht und des von beiden Parteien und zwei Zeugen 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 49 


siegelten Vortrags vom 1. August 1550, den Johann Steinberg 1 ) 
zu dessen lateinischen und deutschen Kanzler auf, in der Absicht, 
dass sieh dieser bei allen Handlungen in- und ausserhalb Moskau' s, 
insbesondere aber, wenn es nöthig sein wOrde, bei dem Kaiser und 
dem Papste verwenden lasse, wofür er bei seiner Ankunft in oskau 
zur Zufriedenheit besoldet und schadlos gehalten werden solle. Auch hat 
sich Steinberg mit Rücksicht auf den Umstand , dass Grossfürst 
Vasilji im Jahre 1527 eine Botschaft wegen der Vereinigung mit 
der römischen Kirche nach Rom abgesandt hat und diese Vereinigung 
dort nicht angenommen wurde, erboten, in eigener Person nach Rom 
zu gehen und die Versicherung der Annahme in einer glaubwürdigen, 
mit dem Fiseberringe hesiegelten Urkunde zu erwirken; und wenn dies 
erfolgt sein würde, sich zur Erledigung des Werkes nach Moskau zu 
begeben. Schlitte versprach auch dem Steinberg einen Pass des 
Grossfürsten für ihn und seine Diener zu verschaffen und in das 
Haus seines Bruders iu Breslau zu schicken und ihm auf Begehren 
zustellen zu lassen. Hingegen sollte Steinberg ihn, Schlitte, in allen 
seinen Geschäften sowohl bei dem Kaiser als an allen anderen Orten 
fördern, sowie sie sich gegenseitig in Allem unterstützen sollten *). 

Der übernommenen Verpflichtung kam Steinberg zuerst da- 
durch nach, dass er in einer Eingabe, ddo. 4. September 1851*), 
an den Kaiser dessen Unterstützung und Mitwirkung zur Erreichung 
des heilsamen Werkes zu erbitten unternahm. Er stellte vor, dass der 
Grossfürst Vasilji durch eine nach Rom, im J. 1827, abgefertigte Bot- 
schaft die Vereinigung mit der römischen* Kirche angestrebt habe, 
aber damals „auf billige, trägliche und mögliche Mittel nicht an- und 
aufgenommen" werden konnte. Der gegenwärtige Grossfürst nähre 
dasselbe Vorhaben, wolle aber, ehe er sich in weitere Verhandlungen 
einlasse, von dem Papste die Versicherung haben, dass es also ge- 
schehen werde. Da nun Steinberg den Auftrag des Grossfürsten 
habe, diese zu erlangen, so habe er sich an den päpstlichen Nuntius 
gewendet, welcher die Sache sehr wohlgefällig aufgenommen und 

*) Er selbst unterschreibt sich Steinbergk und scheint dem gleichnamigen , adeligen 
Geschlechte im Clevisehen angehört zu haben , dessen zwei Mitglieder später in 
Schweden unter den Königen Gustav Adolph, Christin» und Karl Gustav zu grossem 
Einfluss und hohen Wurden gelangt sind. 

*) Beilage I. G. und in lateinischer 8prache bei Turgenev, Hist. Russ. Mon. 
Bd. I. p. 134. Nr. CXXX. 

*) Beilage I. H. 

Sitzb. d. phil.-hist.CI. XL. Bd. I. Hfl. 4 


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50 


Joseph Fiedler 


als besonders erspriesslich und rathsam erklärt habe, dass er sich 
vorerst an den Papst wende, an welchen, so wie an einige der vor- 
nehmsten Cardinäle, er ihm Fürschriften und Empfehlungen mit- 
geben wolle. Ganz besonders aber könnte er Hoffnung haben, erhört 
zu werden, wenn er auch von Sr. kaiserlichen Majestät Fürsprache 
und Förderung erlangen würde. Da dadurch zur Ausbreitung der 
wahren Religion beigetragen, der 'ganzen Christenheit Nutzen ver- 
schafft werde, und der Kaiser vor drei Jahren sich auch in diesem 
Sinne gegen den Grossfürsten schriftlich ausgesprochen habe, so 
bitte er ihn „als den obersten Vogt und einigen advokaten der hai- 
ligen Kirchen tf er möge ihm die gebotene Empfehlung an den Papst 
geben, damit er ungesäumt zu diesem gehen, und wenn er, wie 
es zu hoffen ist, guten Bescheid erhalten haben würde, in Gemein- 
schaft mit dem Grafen Philipp von Eberstein, kaiserl. Truchsess, 
der sich des heiligen Werkes mit Darstreckung seines Lebens und 
Gutes anzunehmen erbietet, sich nach Moskau begeben und das- 
selbe zu Ende richten könnte. 

,Die Vorstellungen Steinberg’s batten bei dem Kaiser den 
günstigsten Erfolg. Er gab demselben ein Empfehlungsschreiben an 
Papst Julius III., ddo. 13. September 1551 *)» worin er die Erfül- 
lung des Wunsches des Grossfürsten warm befürwortete. Er that 
es ungefähr mit folgenden Worten. Da nach dem misslungenen 
Versuche des Grossfürsten Vasilji, dessen Nachfolger Johann die 
Vereinigung mit der römischen Kirche einzugehen willens sei, wenn 
ihm billige Bedingungen angeboten und die Gewissheit der Annahme 
vom Papste gegeben werde und dessen Kanzler, der Überbringer 
dieses Schreibens, nur aus diesem Grunde zu ihm reise, so empfehle 
er ihm diese nicht nur nicht abzuweisende , sondern mit bereiten 
Händen aufzunehmende Angelegenheit ganz angelegentlich, aus 
ganzem Herzen und zwar mit gutem Grunde. Die bedeutende Ver- 
grösserung der christlichen Staaten durch das Hinzukommen eines so 
ausgedehnten Gebietes, die Vortheile für die Erhaltung und Aus- 
breitung der heiligen Religion, endlich die Hoffnung zur Wieder- 
erlangung der heiligen Orte, seien leicht ersichtlich. Der Papst möge 
daher die Wichtigkeit des Gegenstandes reiflich erwägen, die hie- 
mit gebotene Gelegenheit zur Verherrlichung des heiligen Stuhles 


Hormayer's Taschenbuch 1831», p.37. — Lun?, Corrcspond. K.Karl V'. III. p. 78. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 51 


und Ausbreitung der .Religion durch ein so ausgezeichnetes Glied 
nicht von sich weisen und die freiwillig angebotene Unterwerfung 
und Treue nicht allein annehmen, sondern sogar in jeder Weise 
dazu einladen, insbesondere aber durch die Vorlage solcher Bedin- 
gungen und Mittel , woraus hervorginge , dass er in dem ganzen 
Geschäfte nur die Ehre Gottes, Eintracht und Einigkeit des Glaubens 
und der Religion; des Fürsten, dessen Volkes und Aller Seelen- 
heil im Auge habe. Dadurch werde er ein dem Herrn , der auf der 
Erde lebend verheissen hat, dass es nur einen Hirten und einen 
Schafstall geben werde, gefälliges Werk verrichten, sieb selbst, 
durch den der Herr so Grosses vollbracht hat, unsterblichen Ruhm 
und dem Kaiser, der einen solchen Zuwachs des christlichen Wesens 
zu erleben wünscht, grosse Freude bereiten. 

Auch der Nuntius am Kaiserhofe Pietro Bertano, Bischof vonFano, 
versah Steinberg mit einem Empfehlungsschreiben an den Papst 
(ddo. 14. September 1551) *) des Inhalts : Es werde zu Sr. Heiligkeit 
JohannSteinberg kommen, wegen der Unterwerfung des Fürsten 
(Re) von Moskau und seiner Völker unter den päpstlichen Stuhl; 
ein Mann der den Fürsten und dessen Völker wohl kennt und in 
nächster Verbindung mit dem Botschafter desselben am Hofe des 
Kaisers steht. Er, Nuntius, habe schon unter P. Paul III. diese Ange- 
legenheit betrieben , allein das Zustandekommen derselben keines- 
wegs erzielen können. Von dem Wunsche erfüllt, dass jetzt unter 
dem Pontificate Sr. Heiligkeit eine so grosse und wichtige Acquisi- 
tion gemacht werde, habe er nicht unterlassen wollen zu bitten, es 
möchte in Betracht gezogen werden, welche Ehre, Achtung und 
welcher Nutzen dem heiligen Stuhle und welch' unendlicher und 
ewiger Ruhm Sr. Heiligkeit daraus erwachsen würde, wenn ein so 
grosser Fürst mit seinem grossen Volke in deren Gehorsam kommen 
würde. Er sei übrigens überzeugt, dass sie nach ihrem heiligsten 
und weisesten Urtheile nichts ausser Acht lassen werde, was eines 
so grossen Werkes würdig wäre. Se. Heiligkeit möge das kaiser- 
liche Schreiben und den mündlichen Vortrag Steinberg's gnädig auf- 
nehmen. Letzterer sei den Erfahrungen zufolge, welche er während 
dessen längerer Thätigkeit am Hofe des Kaisers über ihn gesam- 
melt habe, ein ordentlicher Mann , von bescheidenem Benehmen und 


l ) Beilage I. /. 


4 * 


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52 


Joseph Fi edler 


ganz geeignet, eine so wichtige Sache zu negociren und zu Ende zu 
führen. Es werden dabei auch keine grossen Schwierigkeiten Vor- 
kommen, nachdem der Grossfärst von dem ersten Gedanken, den 
katholischen Glauben in der von dem Könige von Polen beobachteten 
Form anzunehmen aus dem Grunde abgegangen ist, weil die 
Gebräuche der letzteren von den römischen stark abweichen und er 
sich überdies Sr. Heiligkeit dadurch verpflichtet machen will, dass 
er denselben von ihr selbst annehme. Die Kosten wolle Graf Eber- 
stein (Helbersten) *), k. Würdenträger und Cavalier aus Eigenem 
tragen, wenn ihm ein Kloster in Württemberg, ein altes Patronat 
seines Hauses *) zurückgestellt würde, wie es Se. Heiligkeit aus der 
Instruction Steinberg's ersehen werde. Über das Kloster wolle er 
auf dem bevorstehenden Wege nach Flandern die nöthige Informa- 
tion einholen und darüber Bericht erstatten. 

Ganz in demselben Sinne und nicht minder warm redete der 
Nuntius der Sache und Steinberg das Wort in einem Schreiben vom 
17. September d. J. an den Cardinal Farnese, Protector des 
Königreiches Polen bei der päpstlichen Curie 8 ); und eben so warm 
legte Granvella, Bischof von Arras, Minister K. Karl V. (mit Zu- 
schrift vom 21. October 1551) die Förderung einer schnellen und 
günstigen Erledigung derselben dem spanischen Botschafter Don 
Diego Hurtado de Mendoza an das Herz 4 ). 

IV. 

Im folgenden Jahre 1552 finden wir Steinberg in Rom und es 
scheint, dass er die günstige Stellung, in welche er durch die vielen 


') Philipp II. 1523 — 1589. 1. Gemahlinn Anna v. Douliers f 1565. II. Katharina Grfifinn 
tu Stollberg-Königstein -f* 1589. 

1555 wurde er Oberst über ein Regiment deutschen Fussvolks mit 1200 Livr. 
Gehalt im Dienste des spanischen Infanten Philipp und im folgenden Jahre k. 
Landvogt und Hauptmann der vorderösterreichischen Lande. (Zehn Jahre vor 
seinem Tode wurde er von einer Gemöthskrankheit befallen, wesshalb er einen 
Curator an dem Grafen Hauprecht von Eberstein erhielt. Er soll den Wohlstand 
der Grafschaft mächtiger gefördert haben als alle seiue Vorfahren.) Imhof, Notitia 
S. R. Imp. Proc. p. 6 10. — Huhn, Baden'sches Lexikon, p. 305. — Vergl. Adelung, 
Kritische Übersicht etc. Artikel: „Eberstein*. 1. p. 191. 
z ) Wahrscheinlich Herrenalb, ein ehemals berühmtes und reiches Cistercienserkloster, 
im Jahre 1148 von Graf Berthold von Eberstein errichtet. Siehe Pfeiffer : Lexikon 
von Württemberg, p. 607. 

3 ) B e i I a g e I. K. L, 

*) Beilage I. M. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 53 


und gewichtigen Empfehlungen versetzt wurde, benützend mit aller 
Energie an die Durchführung seines Auftrages gegangen sei. Das 
erste Actenstflck, denn wir in diesem neuen Stadium der Angelegen- 
heit begegnen, ist ein Memoire Steinberg’s, ddo. 3. April 1552, an 
seinen Hauptgönner den seit 31. Mai 1550 Cardinal gewordenen 
Bischof von Faoo über die Art und Weise wie dieselbe am besten in 
Fluss gebracht werden könnte. Seine Vorschläge lauteten: 

1. Der Papst möge dem Kaiser antworten, was er zu thun 

gedenke, damit es nicht den Anschein habe, er achte wenig auf 
dessen Verwendung. , 

2. Dem Grafen Eberstein und ihm Steinberg sollen Creditive 
des Papstes an den Grossfursten gegeben werden, deren Inhalt dem 
Ermessen des Papstes und dei; mit diesem Geschäfte betrauten Car- 
dinftle anheimgestellt bleiben müsse. 

3. Es sollen ihnen auch Creditive an den Metropoliten von 
Moskau als das Haupt des russischen Klerus mitgegeben werden, 
damit er durch die aus dem Werke selbst entspringenden Vortheile 
und die ihm aus dem Zustandekommen desselben erwachsende 
Ehre und Würde angespornt werde, dasselbe eher zu befördern als 
zu hindern. 

4. Es sollen ihnen vom Papste selbst Pässe in generali et 
meliori forma gegeben werden, an alle Fürsten, dann Civil- und 
Militärpersonen, deren Gebiet sie berühren würden (mit specieller 
Erwähnung des zwischen Polen, dem deutschen Orden und Russ- 
land zu unterhandelnden Friedens). 

Der Cardinal wurde überdies um die Beförderung und Unter- 
stützung desselben bei dem Cardinal (Bernardino) Maffei inständig 
gebeten und demselben die Erkenntlichkeit des Grossfiirsten und 
Gotteslohn in Aussicht gestellt *)• 

Am 23. Mai 1552 war es ihm gegönnt, seine Commission dem 
Papste selbst vorzutragen. Er that es in folgender „Werbung“ *). 
Um nicht noch einmal Sachen vorzubringen, die Sr. Heiligkeit ohne- 
hin aus dem Schreiben des Kaisers, den Vorträgen der Cardinäle 
und Erzbischöfe, dann des kaiserl. Botschafters Mendoza zur Ge- 
nüge bekannt seien, begnüge er sich damit, vorzutragen, dass der 


*) Beilage I. O. 
*) Beilage I. S. 


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54 


Joseph Fiedler 


Grossfiirst Ivan von Moskau, wie vordem sein Vater Vasilji, das Ver- 
langen trage, sammt seinem Volke unter Vermittlung des Kaisers 
von Sr. Heiligkeit als Glied der lateinischen Kirche aufgenommen, 
von derselben, dem Haupte der Christenheit, König titulirt und mit 
den Insignien der königlichen Würde beschickt zu werden. Das 
Zustandekommen des Werkes werde nicht allein der Kirche, der 
persönlichen Würde des Papstes, sondern auch der ganzen Christen- 
heit von grossem Nutzen sein, da dadurch nicht blos ein ewiger 
Friede zwischen Polen und Russland zu Stande gebracht, sondern 
auch die Eroberung der heiligen. Orte sehr erleichtert würde. Er 
hoffe, der heilige Vater werde ihn nach seiner allbekannten Clemenz 
nicht allein an-, sondern auch erhören, damit durch die That klar 
werde, er habe bei diesem heilsamen Werke nicht so sehr seinen 
persönlichen Vortheil als die Verherrlichung Gottes und die Aus- 
breitung der Kirche, wie es seines Amtes ist, vor Augen gehabt. 
Wenn es geschehen und dem Grossförsten Ivan Vasiljerid durch 
den Grafen Philipp v. Eberstein, k. Truchsess, der sich selbstwillig 
der Gesandtschaft mit ihm unterziehen will, zur Kenntniss gebracht 
sein wird, zweifle er gar nicht, dass die Angelegenheit zu dem ge- 
wünschten Abschlüsse gebracht werden würde, da weder er noch 
der Graf irgend welche Mühe zur Erzielung desselben scheuen 
wollten. 

Die weitere Verhandlung scheint einer Congregation der Car- 
dinäle Sta. Croce, Pacieco, Putheo, Maffei und Pighino anver- 
traut worden zu sein, wobei Maffei als Stellvertreter des abwesen- 
den Cardinais Farnese, Protectors des Königreiches Polen, die 
einflussreichste Rolle gespielt haben mag. Der Papst hatte ihm auch 
befohlen, den König Sigismund II. von Polen von diesem Begehren des 
Grossfürsten von Russland zu unterrichten, da er in einer so herr- 
lichen ( speciosa ) und von so vielen Protectoren beschützten Sache 
ohne sein Vorwissen nichts entscheiden wolle. 

Der König von Polen und seine Räthe sahen diese Unterneh- 
mung des Grossfürsten einerseits für den päpstlichen Stuhl ohne 
Nutzen und andererseits für Polen nicht nur als bedenklich, sondern 
sogar im höchsten Grade staatsgefährlich an. Die Gründe für diese 
Ansicht wurden sehr weitläufig in der Instruction für den Gesandten 
Polens an den päpstlichen Hof, Albert Cryczki, Secretär des Königs, 
auseinandergesetzt, worin er auch den gemessenen Befehl erhielt, bei 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 55 


dem Papste und den Cardinälen alles anzuwenden, dass dem Anbrin- 
gen Steinberg's keine Folge gegeben werde. Es ist gewiss nicht 
uninteressant, den Standpunct in so authentischer Weise kennen zu 
lernen, den Polen in dieser Frage einnahm. 

Der Cardinal Maffei — sagt die Instruction *) — habe dem 
Könige im Aufträge des Papstes das Begehren des GrossfQrsten mit- 
get heilt, das Schreiben ihn jedoch auf der Rückreise aus Lithauen 
nach Polen erreicht. Da er seine Räthe nicht bei sich gehabt, habe er 
vorläufig den Cardinal gebeten, er möge dem heiligen Vater in seinem 
Namen für die Mittheilung Dank sagen und einen Aufschub der Erle- 
digung erwirken. Jetzt nach glücklicher Rückkehr und nach 
geschehener Einvernehmung der Senatoren, antworte er dem Papste. 
Er danke demselben zuerst, dass er mit Rücksicht auf die Wichtig- 
keit des Umstandes, dem Könige sei als Nachbarn der Charakter des 
moskowitischen Volkes wohl bekannt, dem Cardinal Maffei den 
Auftrag gegeben habe, ihn davon in Kenntniss zu setzen. 

Dem Moskowiter sei kein Ernst mit der Religion , da er nichts 
mehr hasse, als die römische Kirche und den Papst, und der 
angeborne Stolz des Fürsten und des Volkes nie eine Autorität über 
sich anerkennen werde. Es sei nur die Titelsucht des ersteren, 
der sich auch schon Kaiser genannt wissen wollte, worüber er 
mit den Nachbarvölkern in grossen Streit gerathen ist, die ihn 
dazu führe. Nach Erreichung seines Zweckes werde er wieder zur 
alten Art zurückkehren. 

Die Geschichte und die Oberlieferung zeigen, dass mehrere 
moskowitische Fürsten und zwar von den ersten Monarchen in der 
Christenzeit unterstützt, dasselbe bei mehreren Päpsten angestrebt 
haben, jedoch immer ohne Erfolg. 

Auf dieselbe Weise hatte Herzog Daniel von Halid vom Papste 
Innocenz erwirkt, dass er Opitz als Legaten a latere an ihn absandte, 
welcher den Fürsten im Glauben wohl unterrichtet fand und dem- 
selben nach abgelegtem Versprechen des Gehorsams gegen den Papst 
das Diadem aufsetzte. Darauf schickte aber der Fürst den Legaten nach 
Hause und war ein noch erbitterterer Gegner des Papstes, wie vordem. 

Aus der bei seinen zahlreichen Unterthanen griechischen Be- 
kenntnisses gesammelten Erfahrung wisse der König, wie zähe sie 


( ) Beilage IV. 


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56 


Joseph Fiedler 


an ihren Kirchengebräuchen hängen, dass ein Jeder lieber in der 
niedrigsten Stellung werde verharren als unter der Autorität des 
Papstes auf hohem Posten stehen wollen. Schon Erzbischof Isidor 
von Kiew erklärte sich sammt seinen Begleitern auf dem florentini- 
schen Concil für die römische Kirche und wurde mit dem Cardinals- 
hute geschmückt und mit Aufträgen des Papstes zu den Moskowitern 
geschickt, von diesen jedoch auf das Unwürdigste empfangen, so, 
dass er nur durch Flucht dem Tode entging und zwar aus keinem 
andern Grunde, als des Hasses wegen, der daselbst gegen die 
römische Kirche herrscht 

Dieser Wankelmuth sei den Päpsten Alexander VI. und Leo X. 
nur zu gut bekannt und die Ursache gewesen, dass Grossfürst Vasilji, 
welcher dieselbe Würde durch eine feierliche Gesandtschaft und mit 
grossen Versprechungen sollicitirte, trotz der Verwendung K. Maxi- 
milian I. und anderer angesehenen Potentaten, nichts erreicht habe. 

Auch Hessen die Russen die heilige Schrift, die ein Unterthan 
seines verstorbenen Vaters in die russische Sprache übersetzt hatte 
und erscheinen liess, öffentlich verbrennen, weil die Übersetzung 
von einem Katholikeu und in polnischen Landen gemacht war. 

Es liege ferner Polen daran, dass Russland den Königstitel nicht 
erlange, weil dadurch die Wiedereroberung der von den Russen dem 
polnischen Reiche entrissenen Gebiete Russlands erschwert würde; 
und die zu Polen gehörigen Ruthenen sich bestimmen lassen könnten, 
zu den gleichgläubigen Russen abzufallen *), zumal, wenn sie sehen 
würden, dass der Papst die Dogmen derselben anerkenne. Daraus 
müsste auch nothwendiger Weise eiu schwerer Krieg entstehen. 

DieRuthenen trügen es jetzt schon sehr schwer, einem anders- 
gläubigen Könige unterthan zu sein und den Katholiken nachstehen zu 
müssen. Die Würde der katholischen Mächte würde es ferner nicht 
erlauben, dass ihr Kirchenoberhaupt von einem barbarisehen Volke 
hintergangen werde. Da die Könige von Polen die Art und Weise 
der Russen kennen, alles zu versprechen, wenn sie etwas anstreben; 
so haben sie stets als Wächter der Kirche und Euthüller ( indices) 
russischen Verrathes die Päpste davor gewarnt und diese ihnen 


*) Seotiunt multi ex iis (Ruthenis) secreto (ui creditur) pro Mosco aulla alia magis, 
quam Religionis causa. Eam enim per omnia commuuem habent, tranafugerentque 
passim multi, nisi exploratam Mosci tyrannidem formidarent (1514) — Epistola 
Pisoois ad Joan. Coritium in Pi stör. Script, rer. Pol. III. p. 3. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 57 


immer Folge gegeben. So wie es seinen Vorfahrern den Königen 
Johann Albert, Alexander und seinem Vater Sigismund angenehm 
gewesen, so hoffe er auch, dass seine Stimme gehört werde. 

Der Papst werde auch wegen eines sehr zweifelhaften Gewin- 
nes bewährte Glieder der Kirche sich nicht entfremden wollen. Polen 
# sei immer getreu gewesen. Ganz das Gegentheil habe immer bei den 
Russen stattgefunden. Sie seien zur Schande des christlichen Namens 
in die Gemeinschaft der Katholiken eingetreten und wieder abgefallen. 

Alles dieses sei von so arger Beschaffenheit, dass es sehr oft 
Grund zum Kriege mit den Moskowitern abgegeben habe, und würden 
diese ihre Wünsche erreichen , so wäre nur noch mehr Anlass dazu. 
An ein^n dauernden Frieden zwischen Polen und Russland sei nicht 
zu denken, wenn auch davon in den dem Grossßirsten vorzulegen- 
den Bedingungen Erwähnung geschehe; denn so lange die Mosko- 
witer den entrissenen Theil Russlands nicht zurückgestellt haben, 
könne keine Rede davon sein. 

Selbst wenn zwischen beiden Mächten Friede würde, sei nicht 
zu erwarten, dass Russland gegen die Türken würde Hilfe leisten 
können, wenn man dessen Entfernung und den Umstand bedenkt, 
dass es nur durch Polen jenen beikommen könne. Wenn dies 
Polen auch zuliesse, so würden die beutegierigen Russen mit den 
solche Räubereien nicht duldenden Polen zusammenstossen.Zu Wasser 
seien die Russen ganz unerfahren, daher sie dort keinen Beistand 
werden gewähren können, und würde man sie wassergeübt machen 
wollen, so ^äre davon mehr Nach- als Vortheil zu gewärtigen sein, 
da sie den ihnen sowie allen nördlichen Völkern eigenen Raubge- 
lüsten nieht widerstehen und darum zu Wasser noch schädlicher 
werden würden. 

Es wäre sogar zu fürchten , dass die Russen Polen am Kriege 
gegen die Türken hiudern wollten. 

Die Moldauer und Walachen griechischen Bekenntnisses wären 
vielleicht für den römischen Stuhl zu gewinnen. Dieselben würden 
aber im Schisma um so hartnäckiger verharren, wenn sie sähen, dass 
der schismatische Russe sogar mit der Königswürde geziert werde. 
Der Papst möge daher überlegen, was er in der Sache thun wolle. 
Den Cardinälen als Hütern des christlichen Staates liege es ob, den 
Papst so zu berathen, dass er nicht leichtgläubig oder durch Jemands 
Bitten bewogen sich selbst und den heiligen Stuhl preisgebe, Polen 


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Joseph Fiedler 


Schaden zufüge und christliche Mächte dem Kriege überliefere. — 
Ohne Zweifel durch die Einwirkung des polnischen Botschafters, 
der in Folge der oben umständlich angeführten Aufträge alle An- 
strengungen gemacht haben wird, den ihm von seinem Sender als 
staatsgefährlich bezeichneten Plan zu vereiteln, bestimmt, beeilte 
sich der Cardinal MafTei nicht sehr denselben zu fordern. Steinberg 
diese absichtliche Verschleppung und deren Grund wahrnehmend, 
wendete sich beschwerdeweise zuerst an den Cardinal Pacieco, dann 
an die Congregation selbst. In dem Memorial, welches er dem ersten 
überreichte, stellte er vor, dass er seit 16 Monaten das Geschäft 
betreibe. Dasselbe sei dem Cardinal MafTei anvertraut, dessen 
viele Arbeiten ihm wenig Zeit dazu übrig lassen, und da er zugleich 
die Stelle des Cardinais Farnese, als Patron des Königreiches Polen 
einnehme und wahrscheinlich von dem polnischen Botschafter im ent- 
gegengesetzten Sinne beeinflusst werde, so wäre es der Mühe werth, 
dasselbe einem andern und zwar dem Cardinal von Fano zu übergeben, 
welcher schon seit einigen Jahren davon ganz genau unterrichtet sei. 
Der Cardinal Pacieco möge die Sache bei dem Papste in diesem Sinne 
Vorbringen *)• 

In der zweiten ungefähr zwei Monate später übergebenen Ein- 
gabe an die früher bezeichnete Special -Congregation 2 ) ging er nach 
vorausgeschickter kurzer Darlegung der bisher eingetretenen Ver- 
zögerungen der Angelegenheit auf die Sache selbst ein, den bis- 
herigen Standpunct derselben und die zunächst nothwendig zu 
ergreifenden Schritte vorlegend. Er sagte : Der Kaiser hat an den 
Papst ein eigenes Schreiben gerichtet, das der Cardinal Matfei in 
Händen hat. Er selbst sollicitire dieselbe seit siebzehn Monaten. Der 
Cardinal von Fano hat desshalb schon vor t> Jahren an Papst Paul III. 
geschrieben , und sich neuerdings bei dem Papst Julius III. ver- 
wendet. Dieser hat dieselbe nicht allein als eine nicht zu vernach- 
lässigende anerkannt, sondern deren Erledigung trotz aller gemachten 
Einwendungen im letzten Consistorium in Gegenwart der Cardinäle 
MafTei und Fano anbefohlen. 

Gegenwärtig wird nichts anderes begehrt, als dass der Papst 
dem Grossfürsten durch den Grafen von Eberstein und ihn Steinberg 


4 ) Beilage I. P. 
*) B e il age 1. Q. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 59 


bedeuten möge, er wolle von des Kaisers Schreiben und seiner, 
Steinberg’s Mühewaltung ausgehend, die Petita gewähren und, falls 
es genehm ist, auch billige und mit des Grossfärsten Ehre verträg- 
liche Bedingungen beifügen. 

Der auf diese Art benachrichtigte GrossfQrst werde dann zur 
Vollendung des Werkes seine Gesandten schicken. 

Am Tage zuvor habe Johann Axelius in Steinberg’s Namen den 
Cardinälen Putheo und Pighino die Bedingungen in Kürze vorgetra- 
gen, die beiden gefallen zu haben scheinen, und die Pighino, mit 
welchem darüber umständlicher verhandelt wurde, wenn es belieben 
sollte, vorlegen werde. 

Diese Bedingungen <)> die schon früher über Auftrag derCardinäle 
von Augsburg und Maffei dem Papste überreicht und nun in Form 
eines Memoires der Congregation der zu diesem Geschäfte benann- 
ten Cardinäle vorgelegt wurden, und über welche hinaus von Eber- 
stein und Steinberg nichts unterhandelt werden soll, ausser wenn 
es zum offenbaren Vortheile des päpstlichen Stuhles gereicht, lauten: 

1. Der Grossfürst vom Papste König titulirt und als solcher in 
der ganzen (christlichen) Welt publicirt, soll gehalten sein, seine 
Gesandten an den Papst zu schicken mit dem officiellen Aufträge 
(mandatis publicis) dem päpstlichem Stuhle Treue und Gehorsam 
zu schwören. Er soll vom Erzbischöfe von Moskau als Primas des 
Reiches gekrönt werden, wobei er den obigen Eid in die Hände des 
Primas ablegen wird. Im ersten Jahre nach seiner Krönung schickt 
er seine Gesandte nach Rom zur Ablegung desselben Obedienz- 
Eides. 

2. Zu jedem neu gewählten Papste soll der König im ersten 
Pontificaljahre nach Gewohnheit der übrigen Fürsten seine Gesandten 
schicken, um demselben Treue und Gehorsam zu schwören. 

3. Der Primas des Königreiches Moskau soll in herkömmlicher 
Weise gewählt werden, die Bestätigung aber vom Papste erhalten, 
der ihm auch das Pallium verleiht. Er ist Primas des Reiches und 
Legatus natus und legt nach der Bestätigung entweder persönlich 
oder durch seine Bevollmächtigten den Eid der Treue und des 
Gehorsams ab. Wegen der grossen Entlegenheit der Provinz Moskau 
übergibt der Primas den Erzbischöfen das Pallium, bestätigt die 


*) Beilage I. R. 


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Joseph Fiedler 


anderen ordnungsmässig eingesetzten Bischöfe im Namen des Papstes 
und nimmt ihnen bei der Bestätigung und Übergabe des Palliums den 
Eid des Gehorsams für den Papst und sich als dessen Legaten. 

4. König und Primas schwören, alle Mühe anwenden zu wollen, 
dass die russische Kirche mit der römischen als der Mutter aller 
übrigen Kirchen auf der Welt so schnell und ruhig als nur möglich 
rereinigt werde. 

8. Der ganzen Christenheit wird es zum wesentlichen Vortheile 
gereichen, wenn der Papst, wie es ihm, dann dem Cardinal Maffei 
und anderen Cardinälen gleich am Anfänge der Verhandlung vorgestellt 
wurde, seine Autorität an wendet, um einen festen Frieden zwischen 
dem Grossfhrsten von Moskau, dem Könige von Polen, dem deut- 
schen Orden und den Ständen Lieflands zu Stande zu bringen, damit 
sie dann desto bequemer und leichter die Waffen gegen die Türken 
und Tartaren kehren könnten. 

Gerade in dem Augenblicke als es schien, dass die Negotiationen 
in ein günstiges Stadium treten würden, geriethen dieselben neuerlich 
in die Gefahr des Stillstandes durch die Abreise des wärmsten und 
einflussreichsten Förderers derselben, des Cardinais von Fano, nach 
der Lombardie. 

Dieser schrieb darüber am 3. Mai 1883 an den Grafen von Eber- 
stein Folgendes: Er werde von Steinberg erfahren haben, durch 
welche Gründe das Geschäft aufgehalten und was alles von dem polni- 
schen Botschafter (welcher eigens desshalb nach Rom geschickt wurde), 
dagegen vorgebracht worden sei. Nichts desto weniger habe er es bei 
dem Papste und einigen der vornehmsten Cardinäle so befördert, dass 
jener in dem letzten Consistorium angeordnet habe, dasselbe solle 
ohne Rücksicht auf die Einstreuungen des Botschafters in drei Tagen 
erledigt werden. Dies sei aber wegen seines Unwohlseins und 
späteren Abreise in die Lombardie nicht geschehen, doch habe er 
dasselbe bei seinem Abgänge den Cardinälen Pacieco, Putheo und 
Pighino so lebhaft empfohlen, dass er nicht zweifle, Steinberg — den 
er ihm sehr empfehle — werde nächstens seine Abfertigung erhalten. 


*) B e i I a g e I. £. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 61 


y. 

Am 17. März 1553 erschien der Schwager des Königs von Polen *). 
Herzog (Dux) Nikolaus von Radzivil, Kanzler und Oberstmarschall 
des Grossherzogthums Lithauen, als Botschafter bei K. Ferdinand I., 
um wegen der Heirat seines Königs mit der Erzherzoginn Katharina, 
verwitweten Herzoginn von Mantua, zu unterhandeln und zugleich 
gegen die warme Förderung des russischen Religionswerkes von 
Seite des kaiserlichen Hofes lebhafte Vorstellungen zu machen. 

In der öffentlichen Audienz, die er wenige Tage nach seiner 
Ankunft erhalten hatte, überreichte er eine die letztere Angelegen- 
heit betreffende Staatsschrift 8 ), worin er im Namen des Königs sagt: 
Sein König habe in Erfahrung gebracht, dass sich der Gross- 
fürst von Moskau bei K. Karl V. um die Verleihung der königlichen 
Krone und Titels bewerbe, und da er seinen Wunsch ohne Vereini- 
gung mit der römischen Kirche nicht leicht erreichen könne, habe 
er sich auch für diese entschieden, und der Kaiser sich sehr ein- 
dringlich bei dem Papste verwendet, dass er in den Schooss der 
römischen Kirche aufgenommen werde. 

Den König seinen Herrn wundere es gar nicht, dass der Gross- 
fürst diese von seinen Vorfahren mit allem Eifer betriebene Angele- 
genheit neuerdings aufgenommen habe; sehr stark müsse es ihn aber 
wundern, dass der Kaiser seinen bittersten Feind so begünstige und 
wegen dessen Schmückung mit der Königskrone so grosse Sorge trage. 

Die freundschaftlichen Verhältnisse des Königs mit dem Hause 
Österreich, sowie wechselseitige Verträge, für deren Erhaltung und 
Fortbildung der König immer auf das Gewissenhafteste besorgt war, 
hätten ihn zu der Hoffnung berechtigen dürfen, dass der Kaiser 
ihn von diesen Bestrebungen des Grossfürsten in Kenntniss setzen 
und seinen Gegner in keiner Weise unterstützen werde. Nachdem er 
jetzt dennoch mit vielem Schmerze das Gegentheil erfahren habe, so 
könne er es nicht so sehr einem Übelwollen als vielmehr dem Um- 
stande zuschreiben, dass es von dem Kaiser, dessen Geist durch 
so viele Geschäfte in Anspruch genommen werde, durch allerlei Vor- 
spiegelungen und zwar vorzugsweise durch das Vorgeben der Aus- 


') Er war der Bruder der zweiten Gemahlinn Sigismund's II. Barbara v. Radzivil 1550. 
*) Beilage III. 


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dehnung der Grenzen des göttlichen Wortes und des gegen die Türken 
zu leistenden Beistandes erschlichen worden sei. 

Der König von Polen selbst ein eifriger Förderer des christ- 
lichen Glaubens, würde dem Grossfürsten zur Erreichung seines 
Wunsches behilflich gewesen sein, wenn er darin mehr als einen 
blossen Deckmantel für dessen Ehrgeiz und den Willen, zwischen ihm 
und dem Kaiser Zwietrachtsamen zu säen, erkannt hätte. Das Wesen 
der Moskowiter so wie aller Russen bestehe in dem Hasse und in 
der Verfolgung des römischen Glaubens und seiner Bekenner, und 
wenn sie dennoch zur Erlangung der Königskrone und des Königs- 
titels die Annahme des ihnen auf das Höchste verhassten Glaubens 
versprechen, so thun sie es nur darum, weil sie gewohnt sind ihre 
Versprechen entweder gar nicht oder nur bis zur Erreichung des 
gewünschten Zieles zu halten. 

Auch von der versprochenen Türkenhilfe sei nichts zu erwar- 
ten, denn nicht nur dass die Russen den übrigen Christen, so oft sie 
in einem Glaubenskriege begriffen waren, alle möglichen Hindernisse 
bereitet und sie von ihrem frommen Werke abzuziehen gesucht 
haben, so ist auch die Entfernung so gross, dass sie, wenn 
auch der König die Bewilligung zu dem nöthigen Durchzuge durch 
seine Länder geben würde, mit einem Heere gar nicht ankommen 
könnten. An die Ertheilung dieser Bewilligung sei aber bei den räu- 
berischen Gewohnheiten der Russen gar nicht zu denken. 

Schon die Vorfahrer des Königs haben diesen Ehrgeiz der 
Russen bekämpft, und sein Vater das Gelingen ihrer Absicht sowohl 
durch gewichtige Vorstellungen bei den übrigen christlichen Mäch- 
ten als durch siegreiche Waffen hintertrieben. Auch Kaiser Maximi- 
lian I. habe trotz der Freundschaft mit dem denselben Zweck unter 
gleichem Vorwände anstrebenden Grossfiirsten Vasilji und trotz 
des Entschlusses ihn darin zu unterstützen, in Folge der von der 
Feindseligkeit der Russen gegen die römische Kirche erhaltenen 
Proben, dies nicht nur nicht gethan, sondern eifrig dagegen gear- 
beitet. Er habe daher geglaubt, sich vor Allem an K. Ferdinand des 
Kaisers Bruder wenden zu müssen, da er in ihm mehr einen wahren 
Vater als den Schwiegervater verehre und das grösste Zutrauen zu 
ihm habe, dass er bedenken möge, ob der Kaiser, wenn er mit Wissen 
und Wollen und ohne alle Rücksicht auf den König so handelt, den 
zwischen den beiden Regentenhäusern bestehenden freundschaft- 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 63 


liehen Verhältnissen Rechnung trage. Sollte er aber von der Ansicht 
geleitet werden, das Reich Gottes auszudehnen, so sei es zwar für 
den König weniger schmerzlich, doch sage er voraus, dass der 
Grossfurst sein Versprechen entweder gar nicht oder nur so lange 
halten werde, bis er seinen Zweck erreicht hat. K. Ferdinand wolle 
daher bei dem Kaiser dahin wirken, dass der Grossfurst nicht dahin 
gelange. Der König wäre sogar bereit, wenn es K. Ferdinand für nöthig 
hielte, einen Botschafter an den Kaiser zu senden. Er hoffe K. Ferdi- 
nand werde es bei dem Kaiser erwirken, dass er den Grossfürsten 
nicht unterstütze, sondern dem Papste erkläre, dass er nach dem 
Beispiele K. Maximilian I. nicht wünsche , dass der Grossfürst mit 
dem Königstitel ausgezeichnet werde. — 

K. Ferdinand scheint die Sache so wichtig und dringend gefun- 
den zu haben, dass er den Botschafter schon am 24. März 1SS3 
also mit der grössten Beschleunigung die schriftliche Antwort 1 ) zu- 
stellen liess: er habe bisher von dem Wunsche des Grossfürsten nicht 
gehört, halte es aber für gerathener, dass er sich vorerst schriftlich 
bei dem Kaiser um den Stand der Angelegenheit erkundige und 
darüber informiren lasse, und wenn er erführe, dass etwas dergleichen 
im Werke sei, den Kaiser ermahne, dass er davon ablasse. Sollte je- 
doch schon etwas geschehen aein , so wolle er seinen ganzen Ein- 
fluss bei dem Kaiser anwenden, dass er sich ganz im Sinne der Vor- 
stellungen des Botschafters gegen den Papst erkläre und des Königs 
Bemühungen bei demselben unterstütze. Die Antwort des Kaisers 
werde er ihm sogleich mittheilen. Die Reise des Botschafters zum 
Kaiser (wozu er beglaubigt und instruirt sei) halte er jetzt nicht fiir 
nöthig, er möge lieber bis zur Einlangung der kaiserlichen Antwort 
an seinem Hofe bleiben. Letztere werde darüber entscheiden, ob die 
Botschaft dahin nothwendig sei oder nicht, und es sei von da viel 
leichter zum Kaiser zu gelangen, als wenn er nach. Polen zurückge- 
kehrt sein würde. Wegen Erlangung einer schnellen Antwort, wolle 
er einen eigenen Curier an den Kaiser schicken und sowohl seinem 
Botschafter als seinem Agenten am Hofe des Kaisers den Auftrag er- 
theilen, dass sie im Nachforschen und Verhandeln keinen Fleiss sparen. 

An demselben Tage, wo Radziwil diese Antwort erhalten hatte» 
schrieb K. Ferdinand 1. ganz im Sinne derselben an seinen kaiser- 


») Beilage VI. 


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Joseph Fiedler 


liehen Bruder *) und legte wegen besserer Information eine Abschrift 
der Eingabe des Botschafters und der ihm ertheilten Antwort bei. 
Er machte in dem Schreiben die Ansicht geltend, die weit grössere 
Wahrscheinlichkeit spreche dafür, dass der König von Polen in den 
allgemeinen Angelegenheiten der Christenheit sowohl mit Rücksicht 
auf die Türken als Frankreich (welche Mächte beide in jenen 
Gegenden viele Praktiken unterhalten), viel mehr Schaden anrichten 
könnte, wenn man ihm Anlass zur gerechten UnzuTriedenheit geben 
würde. Zugleich bat er um Angabe dessen, was er dem Botschafter 
im Namen des Kaisers antworten solle. 

Am 11. April 1583 erfolgte die Antwort des Kaisers an K. 
Ferdinand 2 ). Dieser wurde ersucht, dem Botschafter im Namen 
des Kaisers zu erklären, er möge es nicht befremdlich finden, dass 
er geneigt gewesen sei, den Grossfürsten in seiner in Rom 
betriebenen Angelegenheit zu unterstützen , da es ihm nicht 
bekannt war, dass dieselbe etwas dem polnischen Hofe präjudicir- 
liches enthalte und der Grossfürst seine Bemühungen auf eine so 
ehrenvolle Grundlage, wie die Vereinigung mit der katholischen 
Kirche, gründete und eine so bedeutende Erweiterung derselben in 
Aussicht stellte. Doch belehrt, dass hierin für den König von Polen 
ein Nachtheil liege und dass der Gcossfürst unter diesem fingirten 
heiligen Scheine nur seine Privatvortheile verfolge, wolle er seinem 
demnächst nach Rom abgehenden Gesandten den Auftrag geben, 
dem h. Vater eigens zu erklären, dass er nicht allein eine dem 
Könige von Polen nachtheilige Sache nicht befördern wolle, sondern, 
dass er ihn bitte, er möge in seinen weiteren Entschlüssen dem 
Gegentheile des von dem Grossfursten Begehrten seine Aufmerksam- 
keit schenken und sich nicht zu einem Schritte bestimmen lassen, 
der in der Absicht unternommen, ungewisse Freynde zu gewinnen, 
gewisse und altbewährte Verbündete, die sich als so feste Anhänger 
des Glaubens gezeigt haben, benachtheiligen würde. Dies sei übri- 
gens seiner Ansicht nach dasjenige, was der König von Polen allen- 
falls von ihm verlangen könnte. 

Diese Antwort theilte K. Ferdinand dem polnischen Botschafter 
in Abschrift mit, der sich inzwischen in Wiener-Neustadt aufgehalten 


*) Beilage VII. 
8) Beilage VIII. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 65 


und benachrichtigte den Kaiser davon am 27. April *) mit dem Bei- 
satze, er glaube, der König werde sich damit zufrieden stellen; sollte 
er aber noch irgend etwas begehren, werde er den Kaiser sogleich 
davon in Kenntniss setzen. 

In demselben Sinne schrieb auch K. Ferdinand am Anfänge Mai's 
zweimal an den Papst. Das Antwortbreve vom 27. Hai 1663 *) 
spricht von der Befriedigung, die der h. Vater darin finde, dass 
er in einer und derselben Sache sowohl K. Ferdinand als K. Sigis- 
mund zu Willen sein könne; er habe die Begehren des Grossfürsten 
schon früher verworfen. 

Eben so klar und bestimmt hatte sich der Papst über die Ableh- 
nung schon in dem Breve vom 16. April 1663 *) an den Erzbischof 
Nikolaus von Gnesen und die Bischöfe Andreas von Krakau, Johann 
von Vladislav, Andreas von Posen und Samuel von Chelm ausgespro- 
chen und dieselbe mit der bei ihm schon früher vorhanden 
gewesenen Übereinstimmung mit den vom K. Sigismund II. vom 
Beginne an und von ihnen in der Eingabe vom 16. Februar d. J. 
gegen die Aufrichtigkeit des Verlangens des Grossfürsten nach den 
Union erhobenen Bedenken motivirt', und dieselben zugleich ver- 
sichert, auch in Zukunft nur nach vorausgegangener Einvernehmung 
des Königs und des polnischen Episcopats hierüber Beschluss fassen 
zu wollen. 


VI. 

Trotz der directen Abweisung, wie sie Papst Julius III. dem 
K. Ferdinand 1. und den polnischen Bischöfen meldete, scheint man 
am päpstlichen Hofe die Frage nicht allein von dem politischen 
Standpuncte, welcher in den Breven den Sieg feierte, angesehen zu 
haben, sondern eine einflussreiche besonders von dem Cardinal von 
Fano geleitete Partei alles daran gesetzt zu haben, die dem Gelingen 
derselben entgegenstehenden Hindernisse zu beseitigen. Ob bei 
dieser das reine religiöse Interesse oder nur eine von der obigen 


*) Beilage IX. 

2 ) Beilage X. 

2 ) . . . „Moscouita* Principis postulaLi reiecimu.s nee quidquam ullo lempore de eo 

per noi slatuetur, quin el cum islo prtesLantissiino Rege, et vobiscum etiain prius 
communicemus“. — Ravnaldus, Annal. Eccles. Tom XXI. Pari. II. A. 1553. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. 1. Hfl. 5 


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Joseph Fiedler* 


verschiedene politische Anschauung massgebend gewesen sei, können 
wir nicht entscheiden, so viel ist jedoch gewiss, dass die fortge- 
setzten Bemühungen Steinberg's dennoch nicht ganz resultatlos ge- 
blieben sind. Er betrieb auch sein Geschäft mit aller Anstrengung 
und täglich bei den Cardinälen, welchen es der Cardinal von Fano 
bei seiner Abreise empfohlen hatte. 

Ohne Rücksicht auf den neuerlichen Befehl des Papstes an Car- 
dinal Maffei, binnen drei Tagen die Expedition für Steinberg zu 
machen, wurde es doch von mehreren Gegnern so nachdrücklich 
bekämpft, dass ernstlich zu befürchten stand, es werde gar nie zu 
Stande kommen, wenn es nicht dem Cardinal Maffei abgenommen 
und in andere Hände gelegt würde. 

Diese Schwierigkeiten entmuthigten Steinberg so sehr, dass er 
beschloss, unverrichteter Dinge abzureisen. Bevor er es tbat, wollte 
er sich noch in einem Memoire *) dem Papste schriftlich empfehlen. 
Der Eingang desselben enthielt den Dank für das Wohlwollen, womit 
der heil. Vater die ihm anvertraute Commission aufnahm und deren 
schnelle Erledigung neuerdings anbefahl. Dann fuhr er fort: durch 
welche Umstände dieselbe hintertrieben, könne er nicht angehen, da 
er wahrgenommen habe, dass der Papst in allen Dingen seinem hohen 
Amte nachgekommen sei. Er tränke ihm dafür im Namen des Gross- 
fürsten und werde sich Mühe geben, diesem seine Geneigtheit und 
fast väterliche Liebe gebührend zu berichten, und er zweifle nicht, 
dass jener Alles aufbieten werde, sie zu verdienen. Er bedauere 
nur, dass er in dieser wichtigen Angelegenheit dem Grossfürsten 
nicht eine Antwort bringen könne, die Gott gefällig, für den Papst 
ehrenvoll, dem Grossfürsten erwünscht und dessen Unterthanen so 
wie der ganzen Christenheit fruchtbringend und heilsam gewesen 
wäre. Zum Abschiede bitte er um den apostolischen Segen. 

Bevor jedoch Steinberg imStande war dieses Memoire zu über- 
geben, gelangte dessen Inhalt zur Kenntniss der Cardinäle Salviati 
und Imola, die ihn zu sich beriefen und ermahnten von seinen Solli- 
citationen nicht ahzulassen und noch weniger unverrichteter Dinge 
abzureisen, sie selbst würden die Sache in ihren Schutz nehmen 
und sie dem Papste so anempfehlen, dass sie trotz aller entgegen- 
stehenden Hindernisse dennoch erledigt werden würde. Obwohl sie es 


»j Beilage I T. 


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Eie Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 67 


anfänglich thaten, blieb doch ihre Verwendung ohne allen Erfolg, 
weil sie den Cardinal Maffei nicht verletzen wollten, der sich 
der Ausführung des ihm gewordenen Auftrages aus allen Kräften 
widersetzte. 

Zur Beförderung des Zweckes übergab Steinberg zuerst ein 
gemeinschaftliches Memoire *) an die beiden Cardinäle, als sie in 
das Consistorium gingen, worin er neben dem bisher Erwirkten auf 
dasjenige hin wies, was wenigstens zur Einleitung der weiteren Ver- 
handlung zu geschehen hätte, und sich dabei als neuen Bestimmungs- 
grund auf die von Papst Pius 11. an Sultan Mohammet II. abgeschickte 
Gesandtschaft berief, um ihn zur Annahme des Christenthums zu be- 
wegen; — dann ein zweites 2 ) an den Cardinal Salviati allein wegen 
Erwirkung des Auftrags zur Ausfertigung der schon beschlossenen 
Schreiben an den Grosstursten durch den päpstlichen Secretär Paul 
Sadoletus, Bischof von Carpentras (Carpentoratensis), und Übergabe 
derselben an ihn Bittsteller. 

Während dieses vor sich ging, starb plötzlich der Cardinal 
Maffei (16. Juli 1SS3, im vierzigsten Jahre), und es fehlte nicht 
an einflussreichen Personen , welche keinen Anstand nahmen zu be- 
haupten, es sei aus Strafe geschehen, weil er vom persönlichen Vor- 
theile geleitet den günstigen Ausgang des moskowitischen Geschäftes 
verhindert habe. Diese sprachen Steinberg Muth zu, dass er seine 
Sache nicht aufgeben möge. Nach Behebung dieses wichtigsten Hin- 
dernisses werde er gewiss bald abgefertigt werden. Sie riethen, die- 
selbe, ihre Entwicklung und gegenwärtigen Standpunct dem Bischof- 
Sacristan und Beichtvater des Papstes umständlich darzulegen, zu 
welchem sie ihn auch führen wollten. Dieser werde kraft seiner Liehe 
zur heil. Kirche und in Anbetracht des frommen und wahrhaft christli- 
chen Werkes den Schutz desselben übernehmen und dem Papste in 
einer Weise anempfehlen, dass es in Kürze, im nöthigen Falle selbst 
durch eine Appellation an das Gewissen Seiner Heiligkeit, gelingen 
solle. Dies geschah auch, und nachdem der Sacristan sich über das 
Wesen der Sache informirt hatte, wendete er nicht allein für seine 
Person alle Mühe an, sondern vermochte auch den Cardinal von Trani 
(de Cuppis), Decan des Cardinaiscollegiums, sie mit seiner Autorität 
bei dem Papste zu fördern. Derselben hatte nämlich, als dieselbe 

*) Beilage I. V. 

*) Beilage I. V. 

o* 


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Joseph Fiedler 


Angelegenheit unter Papst Clemens VII. im Zuge war, die Verhand- 
lungen geleitet. 

Steinberg übergab diesem zwei Memoriale; das erste am 13. Sep- 
tember 1553 1 ) f worin er die Absendung der nöthigen Schreiben an 
die Hauptpersonen betrieb; und das zweite am 2. October desselben 
Jahres a ), in welchem er an die Rückkunft des Erzbischofs Marcus 
Antonius Maffei, Protonotars des h. Stuhles aus Polen «) anknüpfend, 
um die endliche Erledigung des seit zwei vollen Jahren in der 
Schwebe befindlichen Gegenstandes eindringlich bat. Ein gleichlau- 
tendes Memoire hatte er auch dem Cardinal Mignanello überreicht. 

Der Cardinal von Trani wusste endlich den Papst zu überzeugen, 
dass es zur Bekräftigung des Werkes noth wendig sei, eigene Schreiben, 
die er zu diesem Behufe selbst abfassen liess, an den Grossftirsten 
von Moskau, den dortigen Metropoliten, Kaiser Karl V., K. Ferdinand 1. 
und den König von Polen abzusenden. 

Die bis zur Approbation des Papstes fertigen Concepte der 
Schreiben sind äusserst interessante Äctenstücke, da sie nicht nur 
den Standpunct enthüllen, den der heilige Stuhl den verschiedene 
Interessen verteidigenden Hauptpersonen gegenüber einnahm, son- 
dern auch die Bedingungen enthalten, unter denen er das Zustande- 
kommen der Einigung als möglich ansah. 

In dem Schreiben an den Grossfürsten *) sagt der Papst : Aus 
dem Schreiben K. Karl V. und dem Vortrage Steinberg's habe er 
ersehen, dass der Grossfürst nach dem Beispiele seines Vaters 
Vasilji sich und seine Länder mit der römischen Kirche zu vereini- 
gen, als Glied dieser anerkannt, im ganzen Erdkreise als solches 
verkündigt und mit den Insignien der königlichen Würde beschickt 
zu werden wünsche. Als Statthalter Christi, dessen Hauptpfiicht in 
dem Zurückführen der Verirrten bestehe, werde er ihn mit offenen 
Armen empfangen. Ein vorzügliches Hilfsmittel, dazu zu gelangen, 
würde aber der Abschluss des Friedens mit Polen, den Ständen 
Lieflands und allen anderen christlichen Fürsten sein, damit sie sich 
nach Herstellung des Friedens zu Hause insgesammt und mit allen 
Kräften gegen die Türken und Tataren, des christlichen Namens 

') B e i I » g e I. W. 

*) Beilage I. X. 

3 ) Er war ein Bruder des Card. Bernardino MaflTei. — S. Ciaceonius, Vitae et res 
gestae Pontif. etc. Rom 1630. II. p. 1706 und Beilage X am Ende. 

4 ) B ei I ag e I. Z. 


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Bin Versuch der Vereiniguug der russischen mit der römischen Kirche. 69 


gemeinsame Feinde, wenden könnten. Die Bedingungen, welche ihm 
billig und seinen Ländern angemessen geschienen haben, habe er 
dem Grafen von Eberstein und Johann Steinberg, den Überbringern 
dieses Schreibens, abergeben. Wenn er mit diesen Bedingungen 
und dem Friedensvorschlage übereinstimme, so möge er seine mit 
der zur Beendigung des Werkes erforderlichen Vollmacht versehenen 
Gesandten nach Rom senden, damit sie von der väterlichen Liebe 
des Papstes gegen ihn Kenntniss nehmen. — 

Die Bedingungen, unter welchen die Union in Rom zugelassen 
werden wollte, sind genau in der Instruction *) formulirt, die für die 
beiden genannten Mittelsmänner bestimmt war. 

Dieselben sollten dem Grossfürsten deu apostolischen Gruss 
und die Versicherung väterlicher Zuneigung melden. Dem Wunsche 
desselben nach der Wiedervereinigung mit der katholischen Kirche 
und der Auszeichnung mit der königlichen Würde wolle der Papst 
gerne willfahren, wenn der Großfürst folgende Bedingungen 
eingeht : 

a) Soll der Grossfürst unter gerechten und der Ehre nicht 
widerstrebenden Bedingungen Frieden schliessen mit dem Könige 
von Polen, den Ständen Lieflands und anderen angrenzenden christ- 
lichen Völkern, damit sie unter sich in Frieden die Waffen gegen 
den Erbfeind kehren und die Ihrigen gegen die fast täglichen Ein- 
fälle desselben vertheidigen und sicherstellen könnten. 

Wenn dies geschehen, wird der Grossftirst Ivan, von dem Papste 
nunmehr König titulirt und als solcher in der ganzen christlichen Welt 
proclamirt, in der kürzesten Zeit seine Gesandten nach Rom schicken 
mit dem ofTenen Aufträge, dem Papste und der römischen Kirche 
Treue und Gehorsam zu schwören. Er wird von dem Erzbischöfe 
von Moskau als Primas des Reiches im Namen de» Papstes gekrönt. 
Jeder zu krönende Nachfolger wird den Schwur der Treue und des 
Gehorsams in die Hände des Primas ablegen und im ersten Jahre 
nach der Krönung seine Gesandten nach Rom schicken, um dem 
Papste selbst den Gehorsam zu schwören. 

b ) Wenn nach geendigter Sedisvacanz ein neuer Papst recht- 
mässig gewählt worden, soll der König von Moskau der Gepflogen- 
heit anderer christlichen Fürsten und Potentaten gemäss im ersten 


») Beilage I. 


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Joseph Fiedler 


Pontificatjahre seine Gesandten nach Rom schicken, um dem neuge- 
wäblten und gekrönten Papste den schuldigen Eid zu leisten. 

c ) Der Primas des moskowitischen Königreiches soll nach der 
bisherigen Sitte gewählt werden. Bestätigt wird er von dem Papste, 
von dem er auch das Pallium erhält. Nach der Bestätigung ist er 
Primas des Reiches und legatuB natus , soll jedoch vor derselben 
entweder persönlich oder durch einen Bevollmächtigten den Eid der 
Treue und des Gehorsams schwören. Wegen der Entlegenheit des 
Reiches wird der Primas den Erzbischöfen das Pallium reiche-n, die 
gewählten oder kanonisch eingesetzten Bischöfe confirmiren und so- 
wohl bei der Übergabe des Pallium als der Confirmation den Eid des 
dem Papste und dem Primas immerwährend zu leistenden Gehor- 
sams und Treue abnehmen. 

d) Der König und der Primas werden eidlich angeloben, alle 
Möhe anwenden zu wollen, dass die nioskowitische Kirche so schnell 
und ruhig als es nur geschehen kann mit der römischen, der Mutter 
aller Kirchen, sich vereinige. 

Ausser den hier angegebenen Bedingungen sollen Graf Eber- 
stein und Steinberg nichts mit dem Grossfürsten verhandeln, ausser 
es wäre der Art, dass es zum augenscheinlichen Nutzen und Ruhme 
der heiligen Kirche oder zur Beförderung und Befestigung des Frie- 
dens zwischen den Mächten Russland, Polen und Liefland geeig- 
net wäre. 

An den Metropoliten von Moskau *) sollte geschrieben werden : 
Der Wunsch des Grossfursten nach Vereinigung mit der römischen 
Kirche werde ihm nicht unbekannt sein. Unter welchen Bedingungen 
dieselbe angenommen würde, werde er von Eberstein und Steinberg 
erfahren, denen er vollen Glauben schenken möge. Der Papst erwarte 
auch von ihm, dass er den Großfürsten zum Fortschreiten in dem 
heiligen Werke und zum Frieden mit Polen, Liefland und anderen 
christlichen Mächten aneifern werde. 

Bei K. Karl V. 2 ) , der aus einem warmen Beförderer des 
Ansuchens des Grossfürsteu vielleicht ein eben so eifriger als wohl 
zu beachtender Gegner desselben geworden war , schien es die 
Klugheit zu gebieten, durch ein tieferes Eingehen in die Sache 


*) Beilage I. AA. 
*) Beilage I. BB. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 71 


namentlich durch eine Widerlegung der dagegen vorgebrachten 
Einwendungen, so wie durch eine geschickte Hervorhebung der 
anzuhoffenden Vortheile, einen günstigen Eindruck zu erzielen. Man 
schrieb ihm daher: die Freude des Papstes, dass der Kaiser sich für 
die Sache verwende, sei gross gewesen, besonders da dieselbe, schon 
öfter ein Gegenstand der Verhandlungen, jetzt erst und unter seinem 
Pontificate zu Ende geführt werde. Gleich uach dem Empfange des 
kaiserlichen Schreibens und dem Berichte Steinberg's sollte dieselbe 
schleunigst expedirt werden, allein ehe noch die letzte Hand daran 
gelegt werden konnte, sei sie zur Kenntniss des Königs von Polen 
gelangt, welcher in einer eigenen Zuschrift vorläufig bat v dass sie 
ohne sein Vorwissen nicht erledigt werden möchte, später aber 
durch seinen Botschafter gegen die Gewährung derselben mehrere 
GrQnde geltend machte. 

Diese haben jedoch nicht als ausreichend geschienen ein so 
heilsames Werk abzulehnen, indem daraus dem Grossfürsten kein 
Zuwachs an Macht zugeführt, noch dem Könige von Polen ein Nach- 
theil zugefügt werde, im Gegentheile sogar die gegründete Aussicht 
vorhanden sei, dass sie unter einander zum Frieden gebracht, die 
Waffen gemeinschaftlich gegeu den Erbfeind kehren werden. Er 
bitte daher den Kaiser fortzufahren, das Werk zu unterstützen und 
auch bei seinem Bruder dahin zu wirken, dass er es selbst als ein 
heilsames ansehe und seinem Schwiegersöhne, dem König von 
Polen, dieselbe Meinung darüber beibringe. 

In demselben Sinne war auch jenes an K. Ferdinand 1. abge- 
fasst & )> welchem zur besseren Informirung auch eine Abschrift 
des Schreibens an den Kaiser mitgetheilt wurde. 

Eine besondere Berücksichtigung verdiente der König von 
Polen 3 ), da man trotz der vielfachen von ihm gegeu die Wünsche des 
Grossfürsten geltend gemachten Gründe, diesem entgegen kommen 
zu müssen glaubte. Durch eine genaue Darstellung der bisherigen 
Verhandlungen sollte, wie es scheint, die Abweisung motivirt und 
durch die Festigkeit des Tones, welche der Entwurf an den Tag 
legt, den weiteren Versuchen dieselbe zu verzögern oder ganz 
hintanzuhalten der Boden entzogen werden. 


& ) Beilage I. CC. 
*) Beilage I. DD. 


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72 


Joseph Fiedler 


Durch die in dem Schreiben des Königs — heisst es dort — 
angeführten und dann von dessen Botschafter neuerdings vorgebrach- 
ten Gründe habe sich Se. Heiligkeit bestimmen lassen, die Enderle- 
digung des moskowitischen Geschäftes volle zwei Jahre hinauszu- 
schieben in der sichern Erwartung, der König werde durch die Wich- 
tigkeit der Sache bewogen , dieselbe endlich mit dem gebührenden 
Wohlwollen aufnehmen und befördern. Nachdem es sich aber anders 
gefugt hat und die Pflicht erfordert, dass nicht allein das anvertraute 
Schaf erhalten, sondern auch nach dem Beispiele der heil. Apostel 
andere gewonnen werden, eine Pflicht, durch welche sich sogar Papst 
Pius II. bestimmen liess, den Sultan Mohammet II., ungeachtet derselbe 
gerade zu jener Zeit viele Reiche, Länder und Städte den Christen 
mit Gewalt entrissen hatte, zur Annahme des Christenthumes durch 
eine eigene Gesandtschaft aufzufordern : so könne er eine so günstige 
Gelegenheit nicht von sich weisen, noch deren Benützung länger auf- 
schieben, sondern müsse sie in aller Weise erfassen und das durch 
dieselbe Gebotene ehestens in Ausführung bringen. Er müsse dies 
um so mehr, als dadurch dem Grossfürsten kein Zuwachs an Macht 
und ihm Könige kein Nachtheil geschaffen, sondern sogar eine Ver- 
mehrung seiner Kräfte dadurch herbeigeführt werde, dass zwischen 
den beiden Mächten ein dauerhafter Friede hergestellt werde, 
welcher sie in den Stand setzt, ihre Waffen gegen den Feind der 
Christenheit zu kehren und die Grenzen ihrer Länder von den täg- 
lichen Anfällen derselben zu befreien, ja dieselben sogar mit Gottes 
Hilfe zu erweitern. Der König möge daher lieber billige Friedens- 
bedingungen vorschlagen oder ihm vorgeschlagene annehmen, der 
Papst werde es an Ermahnungen an den Grossfürsten nicht fehlen lassen. 

Diese Schreiben wären ohne Zweifel expedirt worden, wenn 
der Cardinal von Trani nicht inzwischen (am 10. December 1553) 
gestorben wäre. 

Ob sie nach seinem Tode an ihren Bestimmungsort abgingen 
oder nicht, und was aus Steinberg und seinen Negotiationen weiter 
geworden ist, können wir nicht angeben, da die Quellen gänzlich 
versiegen. 

Herr Adelung gedenkt wohl im Artikel „Eberstein“ *) eines 
Finalberichtes Eberstein's und Steinberg’s über ihre Mission nach 


*) Adelung, Kritische Übersicht der Reisenden. I. S. t39. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 73 


Moskau als im vaticanischen Archive vorhanden» welcher die endliche 
Expedition Steinberg’s und den Vollzug der Mission bestätigen 
wurde. Allein wir haben Gründe an dem Vorhandensein desselben 
zu zweifeln, da es unseren dreimaligen Bemühungen in Rom eine Ab- 
schrift desselben zu erhalten» so wie die etwa in Adelung's Nachlasse 
vorfindige Copie zu eruiren nicht gelungen ist» ein glückliches Resultat 
zu erzielen und wir überdies die Erfahrung gemacht haben, dass 
Herr v. Adelung ganz bestimmt Actenstücke an Orten wissen will, 
wo sie trotz sorgfältiger Nachforschungen nicht gefunden werden 
konnten, ja wo sich nicht einmal Spuren nachweisen lassen, dass 
sie je dort gewesen seien. 


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74 


Joseph Fiedler 


I. 

Eingabe des Alphons Gamiz an K. Maximilian II., womit er die Verhand- 
lungsacten über die von 1522 — 1553 von den Grossfürsten Russlands 
angeregte Union der russischen mit der römischen Kirche zur Information 

vorlegt. 

1569. — 22. März. 

S. C. R. M. 

Estando en este village serviendo a dios avnque indigno teniendo todo 
contento ninguna cosa me da pena que dure sino los trabajos en que v. m. se 
halla dia y noche por responder como cathoiico amparo de la cbristiandad a 
los inconvenientes que por nuestros peceados permite n. 8. nos venguan y 
padezcamos de cada dia y para esto serviendo con lo que puedo no ceso ordi- 
nariamente en mis sacrificios suplicar a dios de a v. m. sfuerca y salud para 
sufrir y pasar adelante con bucn animo en todo lo que tiene comen^ado ansi en 
vngria como en alemana y en nuestra religion christiana y tenguo mucba con- 
fian^a que me promete y asegura que en dias de v. m. ba de caer la tirania del 
turco en vngria y en su imperio dara orden de paz y verdadera religion que 
sperando tan buen successo como este justo es que con toda alegria y conten- 
tamiento pase v. m. por trabajos tan pesados y continuos como de cada dia se 
ofrescen. 

Teniendo aviso de la nialdad que el rey de polonia agora nuevamente ha 
hecho no contento con las pasadas he me acordado de la felicissima memoria 
del emperador maximiliano bisabuelo de v. m. que avnque no alcanco las fuer^as 
que v. m. pero con manas y diligencias supo aumentar la casa de austria y ven- 
garse de sus enemigos como tanbien del rey de polonia confederandose con el 
duque de moscouia cuya amistad siempre dura y el ano de 1526 vinieron em- 
baxadores de alli al emperador don fernando mi senor y de vienna al emperador 
carlos y estuuieron en valladolid y el ano de 38 viniendo otros embaxadores 
also misino despues que hizieron en vienna su embaxada embarcazon en 
genoua para el emperador carlos que estaba en villafr&nca de ni^a y los turcos 
que el rey francisco de francia tenia en mursella y otros puertos los prendieron 
y emviaron al dicho rey francisco el quäl tomandoles vuas riquissimas pie^as 
de zebelinas que trayan para su m. le emvio los personages y criados quasi des- 
nudos a villafranca adonde por su mandato y orden de mosiur de granvella 
yo les administre lo necessario mientras alli fueron y despues que morio basilio 
y succedio en aquellos stados el duque juan este procuro emviar embaxadores 
para confederacion de aquella amistad con la casa de austria y emviando al 
emperador carlos vn su caneiller aleman llamado Johaues stembergius se queria 
sometir a la yglesia de roma que ellos llaman de occidente con solo pedir titulo 
de rey de sus terras lo quäl admitio su m. con mucba voluntad y scriuio sobre 
ello al papa Jullio como tanbien en vida de basilio lo avia hecho para lo mismo 
* demente septimo y estonces digo en tpo de Jullio vbiera efetto lo n- 


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Eio Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 75 


pedia si la felice memoria del emperador don fernando mi s. nolo storbara 
por lo que el rey viejo de polonia y la reyna bona su muger negociaron y tra- 
taron de! casamiento de la reyna ysabel de buena memoria con su hijo y viendo 
agora lo que este ha becho ha me parescido traer a v. m. a la memoria lo que 
ariba digo y embiarle las copias de las cartas que sobre esto se scriuieron de 
todas partes para que vistas v. m. ordene et probea lo que mas a su servicio 
convengua que a mi ver por este camino se podria dar al de polonia tanto en 
que entender que se arepentiese de las desverguencas y maldades que ba come- 
tido vltra que tanbien tiene ocupado lo mejor del grand maestre de prusia 
v. m. perdone si esto diere fastidio que lo hago con aquel animo que siempre 
tobe a su servicio y me durara mientras uiuicre. n. s. la s. c. r. m. guarde 
y prospere muchos anos con victoria de sus enemigos de armentia a 22 de 
mar^o 1567 

de v. m. 

menor criado y seruidor que sus cesareos pies y manos besä 
A. Gamiz m. p. 

Original im k. k. Hausarchive. 


Beilages 

Literae IQagnl Woseouitarum Ducls Basllij ad Clemenleui Papain VII. 


Beatissimo in Christo Patri ac Dno Domino Cleinentj Diuina prouidentia 
Sacrosanctae Romanae Ecclesiae pastori. 

Basilius Diuina fauente Clementia Imperator Vniuersorum Rhutenorum 
Hagous Dux et Princeps Volodimeriae, Moscouiae, Nouogradiae, Ploscouiae, Smo- 
lentiae, Iferiae, Ingariae, Permiae, Bolgariae. Dominator et Magnus Princeps 
InferiorisNovogradiae, Cernigouiae, Raslauiae, Volothiae,Rostouiae, Jaroslauiae, 
Belloseriae, Vdoriae, Obdoriae et Candiniae etc. 


1522 . 
3. April. 

Moskau. 

A. 


Beatissime Pater 


Misistis nobis Paulum Ciuctn Genuensem a ) cum literis quibus nos vti vobis- 
cumet alijs Principibus Christianis in Causa Religionis conuenire, adeoqucnostram 
opera aduersus Christiani nominis hostes ferre velimus monetis atque hortamini, 
significantes quod Legatis nostris via et accessus vbique tutus esse debeat, vt 
tan dom his medijs interuenientibus sciri possit, qua racione haec causa ad 
ineundam perpetuam inter nos vnionem necessitudinem et amiticiam suscipienda 
esset: Quae nobis summopere placent. 

Proinde hisce literis dileetum ac fidelem nostrum Erasmivm ad vos desti- 
nauimus, remittentes etiam vna paulum illum Genuesem praecainurque vt nobis 
Demetrium quam primum remittatis, effieientes quo sine periculo tutus in nostras 


Es scheint der in der Beilage VII genannte „liceneiado“ fiamiz, Agent K. Ferdinand I. 
bei K. Karl V. zu sein ; eine in der Sache mitthätig gewesene, somit gut unterrichtete 
Persönlichkeit 

*) Dasselbe Schreiben aber in einer ganz andern Fassung findet sich in dampf s : Biblio- 
graph ia critica delle antiche Corrispondenze etc. dell'ltalia colla Russia, colla Polo- 
nia et altre parti settentriouali etc. Firenze 1834. Vol. I. p. 57. 


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76 


Joseph Fiedler 


1528. 
1. Febr. 

B. 


1528. 
i. Febr. 

C. 


*> 


diciones redire possit. Idem et nos si quando Vestros legatos vna cum ipso 
miseritispraestabimur, vt iia tarn familiari colloquio, quam scriptis admoneamur, 
quomodo ac via hoc negocium commode et suscipi tractari ac confici possit, 
ita vt si ex hoc vnanimem omnium christianorum sententiam deprehenderimus: et 
nos quid ampliu8 factum opus sit statuere et cum reliquisChristianis Principibus 
conuenire possimus, interim vero mediante diuino auxilio veluti hactenus fecimus 
aduersus intideles ac christiani nominis hostes strenue dimicabimus. Datum in 
Dostro Dominio et Ciuitate Moscouia anno ab Exordio Mundi 7030. Tercia die 
Mensis April is etc. 

Literae Cleinentls Papae TU. ad ISagnuin loscoultaruin Duceui Basllluui scriptae etc« 

Dilecte fili Sa lutem et Apostolicam benedictionem etc. Amiciciam etvnionem 
nobiscum tuam, per venerabilem fratrem Joannem Francis cum Episcopum Scaren- 
sem prius tibi propositam, et postea per te acceptatam, nunc Oratores tui dilecti 
filij Hieremias Matthei filius Trusona , et scriba tuus Trusona , et scriba tuus Thi - 
motheus Semenoua , filius Vlodighina , tuo nomine plenius nobis retulerunt et 
confirmarunf, quod nobis merito fuit gratissimum. Cum enim omnes nostrae curae 
ad bonum Vniuersale omnium Christi tidelium et fidei Christianae exaltationem 
intentae sint, speramus ex hoc preeclaros fructus eidem fidei Christianae etVni- 
uersis Christi fidelibus secuturos esse. Ita enim religio, bonitas, celsitudoque 
animi tui nobis pollicetur. Datum in Ciuitate nostra Vrbeuetana sub annulo pis- 
catoris die j* Februarij MD XX VIII, Pontificatus nostri Anno Quinto. 

Allae lltterae elusdem Papae Cleinentls ad prefatuui Ducem Baslllum. 

Dilecte filiSulutem et Apostolicam benedictionem etc. Cum Venerabilifratre 
Joanne Francisco Episcopo Scarensi oratore ad te nostro venerunt ad nos Ora- 
tores tui, Dilecti filij Hieremias Matthei filius Trusona et scriba tuus Thimotheus 
Semenoua, filius Vlodighina , qui nobis a te literas et munera, et quod multo 
fuit gratius tuam beneuolentiam standique nobiscum, et cum Christianis caeteris 
aduersus infideles Voluntatem et Vnionem altulerunt, accessit his et pietas tua 
in confirmatis cum Suecijs et cum Rege Poloni» initis inducijs, vt paratis fini- 
timis, liberior aduersus Christi hostes esse posses. Itaque et de literis Oratori- 
busque ac muneribus tuis et de humanitate per te eidem Episcopo exhibita , ac 
confirmatis ac initis inducijs supradictis gratias tibi magnas agimus aliquando 
eciammaiores, quod nostra quoque causa te idfecisse testatus es. — De Comercio 
autem nostrorum Mercatorum mutuo, ita probauimus, vt pergratum et id hr.bueri- 
mus, Itaque mittemus ad te alias literas nostras, liberam eisdem tuis Mercatoribus 
licentiam concedentes, vt ad nostra loca venire, et tuto in eis comorari et nego- 
ciarj possint, cumque ipsi venerint, et nos id scire curauerint, bengne eos 
tractari in terris nostris faciemus, sicut et tuo Mercatori Alexio Basci pote- 
statem nunc fecimus emendi quecumque in terris nostris voluisset. Quae au- 
tem a nobis per Oratores petijsti De Architectis et Machinarum Conflatoribus 
et excussoribus ad te mittendis, dolemus ea nunc incidisse tempora vt in hoc 
sicuti cupimus in omnibus, tibi gratificari nequeamus. Vrbe enim Roma sicuti 
ex tuis audies, crudeliter direpta, omnes fere Architecti nostri vcl interempt' 


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Eiu Versuch der Vereinigung: der russischen mit der römischen Kirche. 77 


vel dissipati fuerunt, nec ad te nisi fidos et nobis probatos raittere uolamus. 
Vtcumque tarnen nobis in hac perturbacione licitum est, quos potuimus con- 
quisiuiinus, et ex his quos Oratores tui voluerunt ad te mittimus, Quod si ali- 
quando ea, quam speramus et praecamur a Domino redierit optata tranquilli- 
tas, vtque cbristianos principes pacare et contra Communem fidei hostem arma 
conuertere Valearaus, tune quidem et in hac et quauis alia re nobis per deum 
licita nostrum erga te paternum amorem tibi uberius quam nunc faccre potui- 
mus exhibere conabimur, ac tune quoque nostrum ad te oratorem cum nostris 
muneribus, id quod et nunc tempora probibuerunt mittemus, interim uero 
Tuam Nob'*“ et hortamur et rogamus plurimum in deo Domino, vt non 
modo has inducias conseruare, quod tuae fidei, sed eiusdem dei causa in per- 
petuam pacem, quod tuae eximiae pietatis erit transferre velis, idem enim nos 
et illis persuadere, vt facere velint annitemur, omnemque insuper operam 
Studium et auctoritatem nostram ponemus in . ceterorum Cbristianorum pace 
procurända, armisque vna tecum pro ebristi fide aduersus christi hostes con- 
uertendis ac tempore et racionibus suscipiendi belli significandis sperantes 
in domino Ihesu cui hanc pietatem ad sui nominis defensionem praestare 
debemus, vt reliquae Cbristianitatis Vires tua proxima et magna potentia 
adiuta, eidem Deo honorem, Suite snnctae fidei exaltationem, et christianis 
omnibus securitatem, tuae vero Nobilitati praeter coelestia praemia, tibi a 
Deo parate, et in terris summam gloriam et nominis ac Imperij tui propaga- 
cionem sint perpetuo allaturae. Datum in Ciuitate nostra Vrbe Vetana sub 
annulo Piscatoris Die j“ Februarij M.D.XXV1II Pontificatus nostri anno Quinto. 

Salaus Conductus eiusdem Pontificis Clemeutis Oratoribus Msscouiticis Concessus. 

Vniuersis et singulis ebristi fidelibus ad quos bae literae nostrae per- 
uenerint Salutem et apostolicam benedictionem etc. Cupientes dilectis filiis Ora- 
toribus Dilecti filij Nobilis Viri Basilij Ducis Moscouiae praesentium exhibi- 
toribus, a nobis nostra cum benedietione et gratia discedentibus tutum ubique 
iter et liberum transitum esse, Omnes Reges, Principes, Duces, Marchiones 
Comites, Barones, Domicellos, Respublicas, Comunitates et particulares per- 
sonas hortamur in Domino, subdictis vero nostris nobis et Santitati Aposto- 
licae sedi mediate vel immediate subjcctis in virtute sanctae obedientiae ac 
sub excommunicationis latae sententiae nostrique poena arbitrij, omnibusque 
legatis, Vicelegatis nostris et nostrurum terrurum Gubernatoribus prneci- 
pimus et mandamus, quatenus dictos oratores cum quotquot fuerint eorum 
Seruitoribus, vel cum comitibus equitibus vel peditibus, rebusque et Valisijs 
nec non Caruagijs et Bulgetis eorum uniuersis, et sine ulla datij, gabelae 
Vectigalis fundi, nauis, passus, pontis, portus aut cuiusuis alterius indicti 
vel indicendi oneris solucione, non solum ingredi, transire commorariue per 
nostra et vestra loca permittatis et facialis, ac de victu alijsque opportunis 
pro honesto pretio eis prouideatis, sed et pro nostra in nos et banc Sanctain 
Sedem Apostolicam reuerentia de Seorta Comitiua et Salvo Conductu si opus 
fuerit, et ipsi Oratores Vos duxerint requirendos, benigne prosequamini. 
Quod erit nobis Valde gratum. Datum Orueti sub annulo Piscatoris Die p* 
Februarij M. D. XXVIII, Pontificatus nostri anno Quinto. 


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1528 . 
1. Febr. 

D. 



78 


Joseph Fiedler 


1548. 
30. üb* 

E. 


Der Rom. k. Halft. Pasport dem Moscowltischen Gesanteu Bansen Schleiften augestelt 

vnd gegeben. 

Wir Karl etc. Bekennen offendtlich mit diessem brieff vnd thun kundt 
allermenniglich , als vns vnser vnd des Reichs lieber getreuwer Hans Schleitte 
furpracht vnd zu erkennen geben, wie der Durchleuchtig Grossmechtig Fürst, 
Herr Johan Fürst vnd Herr in Reussen Herezog zw Volodomery. zw Moskaw, 
zw Neugraden, zw Pleskaw, zw Tferj, Ingern, Penien, vrthy vnnd Bulgarn, etc. 
Vnser Lieber Freundt ihne verschienener Zeit ersucht, vnd des auch glaub- 
würdigen schein vnder seinem aufgetrucktcn Insigel vorfertigen vnd zustellen 
lassenn, szo er vns alsbalt in original furpracht hat, sich vmb etlich geschikte 
Personen als nemlich Doctores vnd Maister in allerley kunsten Glockengiesser 
Bergkvorstendige Goldschmitte, Leuthe so im Wasser suchen auch Zimmerleuth 
vnnd Steinineczen sonderlich die zierliche Kirchen pauwen können : Prun- 
maister, Pappier Macher, Wundtärcze vnd dergleichen Kunsterfarne zu bewerben, 
vnd dieselbigen seiner Lieb zuzuefuren, vnd vns darauf demütiglieh angerotfen 
vnd gepettenn. Das wir Ihme solliche Personen, allenthalber im hailigen Reiche 
desselbigen Zugethanen vnd vnsern Erblichen Furstenthumbmen Landen Ober- 
keitten vnd gepieten zu suchen, vnd gedachtem Fürsten in Reussen vnd 
Moskawen zuzefuren zw gönnen vnd erlauhenn gnedigleich geruchtcn, Di« 
weil wir dan gemeltem vnserin lieben Frenndt dem Fürsten zw Reussen in 
ansehung der guten neigung szo weylandt seiner Lieb vatter Herr Basilj 
Hocherfurst zw Reussen löblicher gedechtnus zw vnsern vorfarn vnd vns 
getragen vnnd gemelter furst Johan zw vns gleicher massen noch tregt, 
Zwdem das wir auch in glaubliche erfarung körnen. Das gemelter Fürst 
Basilij vor dieser Zeit sich vnther die Lateinische Kirchen hegeben wollen , 
vnnd sollichs gesucht habe, vnd wie wir glaublich bericht der itzig Furst 
auch gneigt sein sol f zw freundtlicher wilfarung gneigt sein , Demnach haben 
wir gedachten. Hans Schleitten gnediglieh zugelassen, gegont vnd erlaubt, 
lassen zw, gönnen vnnd erlauben ihme auch hiemit wissentlich in kraflft diess 
brieffs, also das Er allenthalben im hayligen Reich desselben Zugethanen 
vnnd vnsern Erblichen Furstenthumbmen, Landen, Oberkaitten vnd Gepieten, 
solliche Obberurte personen suchen aufbringen vnnd bestellen, vnnd gedachtem 
Fürsten in Reussen zufuren magk, von allermenniglich vnuorhindert, Doch der- 
gestalt, das wedder Er noch dieselben Personen die er also aufbringen wirdet, 
vnther dem schein in Reussen zuzeihen sieh in Turckey Tartharey oder ander 
vnglaubige Landt mit nichtem begeben, auch dieselbigen Vnglaübigen Ire Künste 
vnd Handtwercke nit berichten, leren noch vntherweissen, noch einige gemein- 
Schaft mit Ihnen haben, Darzw auch widder vns vnsern Freundtlichen Lieben 
Brüdern Herrn Ferdinanden Römischen zu Hungern vnnd Bhem König etc. Das 
haylig Reich desselbigen Zugethanen, auch vnsere vnnd iczgedachts vnsers 
Bruders des Rom. Königs Erblichen Königreichen Furstenthumbmen Landen 
vnd Leuthen zw nachtheil in sollichen fremden vnd vnglaübigen Landen, nichts 
vornhemen practiciren noch handelen sollen, baimlich noch öffentlich in gar 
keine Weisse alles bey dem aydt vnd pflichten, so vns der gedacht Hans 
Schleitte in eigener Person leiblich gethan hat, vnd alle die so Er also wie 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 79 


obstehet, in Reussen vnd Moskaw za zeihen aufbringen oder bescheiden wirdet, 
Vnserm vnd des Reichs Fürsten vnd Lieben Andechtigen Hermen von Brucknaw 
Maistern Teaschs Ordens in Leyflandt, dene wir hierin zw vnserm Kayserlichen 
Commissarien verordenet, vnd solliche pflicht von Ihnen vnd Irem Iden Zwnhe- 
men hiemit in Crafft dieses brieffs empfohlen, vnd an vnser Stadt auch thun 
sollen. Vnnd begern demnach an alle vnd jegliche Churfursten, Fürsten, gast- 
lichen vnd weltlichen Prelaten, Grauen, Freyhern, Rittern, Knechten, Haupt- 
leutten, Landvögtten, Pflegern, Verwesern, Amptleutten, Schulthaissen Bürger- 
meistern, Richtern, Retten, Burgern vnd Gemainden, Auch andere vnsere des 
hailigen Reichs vnd vnserer Erblichen Furstenthumb vnd Landen vntherthanen 
vnd getreuwen. In was wirden, Stants oder wessens die sein, gnedigs vleis in 
Crafft diesses brieffs den vnsern ernstlich beuelendt. Das sie gedachten Hansen 
Schleitten solliche obberurte Personen allenthalben in vnseren vnnd iren Fur- 
stenthumbmen Landen. Oberkeitten vnd gepieten, who vnd an welchen enden er 
die bekomen magk, guthwillig volgen, dieselben on alle weygerung bestellen, 
vnnd aufbringen auch sampt ihnen sich in Reussen begeben, vnd allenthalber 
durch vnsere vnd Ire Furstenthumb Lande Herschaft Stette Flecken. Oberkaidt 
vnd gepiett zw wasser vnd Lande frey vnverhindert vnd vnaufgehalten durch- 
zeihen passieren vnd gedachtem vnserm Freundt dem Herezogen zu Reussen 
zwseihen lassen vnnd nit gestatten das sie daran dvreh Jemants verhindert 
bekümmert, aufgehalten beleidiget noch besebwerdt werden, in gar keine weisse, 
daran thun sie vnsern gefelligen willen, vnd ernstliche mainung. Mit orkundt 
diese briefs mit vnserm Kayserlichen anhangenden Insiegel besigelt. Gegeben 
in Vnser vnnd des Rychs Stadt Augspurgk am 30. tage des Manats Januarj 
Nach Christi gebort funfzehen hundert vnd im acht vnd vierzigstem, vnsers 
Kayserthumbs im 28. vnnd vnser Reiche im 32 jaren. 

Carolus m. p. Maximilians m. p. 

Ctpla Hterarum Sacrae €aesareae Maitis ad Magnum Moscouitarum Durem De annt 

1548 etc. 

Carolus Quintus diuina fauente Clementia Romanoruin Imperator semper 
augustus, ac Rex Germaniae, Hispaniae, vtriusque Siciliae, Hierusalem, Hun- 
garie, Dalmatiae, Croatiae et Archidux Austriae, Dux Burgundiae, Brabantiae, 
Comes Habspurgi, Flandriae, Tirolis etc. Serenissmo ac potentissimo Principi 
Domino Johanni magno Duci Russiae, Volodameriae, Muschouiae, Nouogradiae, 
Plescouiae, Smolensiae, Iferiae, Jugariae, Bothiae, Permiae, Bulgariae, Amico 
nostro Charissimo salutem, et mutui amoris amicitiaeque nostrae continuum 
augmentum. Sercnissime ac potentissiine princeps amice Charissime. Qui 
litteras Serenitati vestrae redditurus est, Cum huc ad nos venisset, et ostensis 
mandatis, quae a vestra Serenitate acceperat et de Valetudine et rebus Sereni- 
tatis uestrae, quibus petit viros aliquot, et literis eruditos, rerum aliarum 
peritos ex hoc Imperio Germanico et ditionibus nris haereditariis concedi, 
quorum opera Serenitas vra in Illustranda ditione sua uti posset, Vtrunque sane 
iibenter audiuimus, Idque praecipue ob eam quae Serenitati vestrae nobiscum et 
cum caeteris Christiani orbis principibus Christianae fidei et Religionis, quae 


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1S48. 
81. JSan. 

F. 



80 


Joseph Fiedler 


1550. 
1. Aug. 

G. 


communis esi professio, tum pro ueteri illa neoessitudine foederis amicitiae quae 
Serenissimo quondam principi Basilio Magno Duci Russiae et Sereniftatis vrae 
genitori. Cum Diuo Cesare Maximiliano Auo uro Colendissimo Augustae rae- 
moriae primum, deinde nobiscum ac cum Serenissimo ac potentissimo Principe 
Domino Ferdinando Romanorum Hungariae, Bohemiae Rege, fratre nostro 
Charissimo, sacroque Imperio Romano et inclita domo nostra Austriae, jam 
olim intercessit, et Serenitati frae adhuc intercedit, Itaque postulatis huius 
intemuntii vestrae Serenitatis tanto etiam libentius annuimus, facta Illi potes- 
tate quacunque parte vellet in sacro Imperio et ditione nostra homines ad 
ministeria Seren, vestrae aptos conquirendi, qui si acceptam prouinciam recte 
exequentur, In bona spe sumus nostrorum hominum operam esse vestrae Sere- 
nitati gratam et eins ditioni illustrandae commodam, ac Reip. Christianae magno 
usui atque ornamento istis in locis futuram esse. Quod reliquum est Seren itatem 
vestram (quae sibi de nobis omne Studium ofGciumque veri amici polliceri 
potest) recte valere optamus et omnia fausta foeliciaque precamur. Datae in 
Ciuitate nostra Imperiali Augusta Vindelicorum Die ultima mensis Januarii. 
Anno Domini Millesimo Quingentesimo Quadragesimo octauo, Imperij nostri 
vigesimo octavo. Et regnorum nostrorum Trigesimo Tertio. 

Carolus. 

Johann Steinbergers Bestallung anno der wennlger Zabel 50 anfgerfcht. 

Kundt vnd zu wissen sey jdermanniglich das so vnd nachdem der Durch- 
leuchtest Grossmechtigst furst und herr, herr Johannes hoher Fürst in der 
Moskaw, des jungstverschienenen sieben und verzigsten Jars den Ehr- vnnd 
Namhaftigen Hans Schleitten in das hailige Reich Teuscher Nacion mit beuelich 
seiner Grosfurstlichen Durchleuchtigkeit etliche gelernte auch allerhandt kunst- 
reiche erfarne Bergk: Baw vnnd Handtwerksleuthe aufzubringen, vnd hochst- 
gedachter Grosf. Durch: in die Moskaw zuzefuren abgefertiget, alles nach laud 
vnnd Inhalt seiner öffentlichen Mandata vnd zw der behoff zugestelten abferti- 
gung brieff, damit aber nhun bemelter geschickter mit berurten gelernten, auch 
Baw vnd Werckleuthen, was er der also auf vnd zu wege bringen wurdt, so viel 
sicherer dorchkomen, vnd vngehindert passiren auch sunst das sein gewerbe 
vnd geschefft, dem hailigen reich, noch derselbigen zugethanen, vnd verwanthen 
Christlichen gelidern nit endtgegen noch zuwidder sein, mocht beargwhont wer- 
denn,So hatersich mitsollichen seinen endtpfangenen offenen Mandaten vnd abfer- 
tigungbrieffen den negsten zw der Rom. Kay. Mait. vnsernallergnedigsten Herrn 
gegen Augspurgk auf den gehaltenen Reichstagk verfugt, Irer Kay. Mait. solliche 
seine gewerbe und beuelich vnderthanigst zuerkennen geben, mit demütiger 
bitt ihne zw der notturfft, wegen seines gnedigsten Herrn des Grosfursten, mit 
notwendigen glaits vnd passprieffen ailergnedigst zu versehen. Weil dan Ire Kay. 
Mait. auss meher erwhenls Schleitten Vorbringen, habenden Beuelichen vnd sunst 
befunden. Das sich icziger Grosfurst als Irer Durchl. geliebter Herr Vater 
Basilius etc. milter gedechnus auch gethan, vmb vnser haylige wäre christliche 
Religion annheme, vnd sich derwegen mit der hailigen christlichen vnd Apo- 
stolischen Kirchen zu uergleichcn begort. So haben Sie ihme auch die dero vnd 
anderer vrsachen halb darin auslrüglich angezogen vnd vermelt aufs aller stadt- 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 81 

ligst verfertigen vnd neben andern brieffen an hochermelte Grosf. D. Bestellen 
lassen, darauf er sich mit einer anzahel seher gelernter geschickter, kunst- 
reicher vnd erfarner leudt, so er nit mit wonniger mühe, arbeit, geltspildung 
vnd Kosten auf vnd zu wege bracht erhoben, vnd seinen Weck auf Lübeck 
sugenhomen, der hoffnung aldo auf solliche Kayserliche pasaprieff vnd gnedigst 
mitgethailts glaidt , nit allein vngehindert dorch zu zeihen, sondern auch mit 
schieffen vnd andern: damit er sampt den seinen erstlich in Liefflandt vnd da- 
dannen vort nach der Moskaw vorderlich komen mocht beuordert su werden, 
vnd in dem allen gemeiner v olckerrecht neben iczerwenten Kayserlichen glaits- 
brieffen ersprieslich genossen su haben. Nichts desto wenniger aber vnd dessen 
allen vobetracht seint die von Lübeck ungezueiffelt auf anstifften vnd weitleuf- 
tigen bericht mergedachts Hansen Scbleitten widderwertigen vnd misgonner zu- 
gefaren, Ihne ohne einige gegebene oder befugte vrsachen dem ausgebrachten 
Kayserlichen glaidt, gemeinenem Volker auch andern beschriebenen Rechten 
Güldener Bull Reformacion, Reichsabscheiden auch ausgekünftten hoch ver- 
poenten Landtfreiden stracks vnd aufs höchst zuendtgegen, Vnther einem 
gesuchten schein etlicher vormeinten geltschulde halb auch vnbetracht er sich 
derwegen mit seinen gläubigem vorgleichen gefenglich eingezogen, auch in 
sollichen schweren vnbillichen Haften vber alle sein vnd seiner freundtschaflft 
gleich vnd rechtmessigs erpietens bis ins ander Jar gancz mutwilliger weis ent- 
halten, das sich lecslich Got der almechtig seines teglichen seufzens vnd whe- 
dagens als der euaers notthelffer erbarmen lassen vnd ihme daraus gancz wun- 
derbarleicher weis geboltfen, also das Er bis gegen Rassebergk auf die Frey- 
heit komen, dohin sie ihme guolgt vnd wie wol sie zuuor nie degers stadt, noch 
der Sachen vor ire person zuthunde haben wollen, allererst iren gefassethen 
uidigen widderwillen an den tagk geben, vnd ihne Scbleitten Ratione effracti 
carceris zu hals handt vnd hären beclagt, mit bit ihne widderumb gefengleich 
einzuziehen, solt er aber nhun sollicher vorstehenden beschwerung oberig vnd 
endtladen sein, hat er aldo dem Rechten stadt zuthun, auch dessen endtlicher 
erorterung auszuwarten angeloben müssen. Weil aber nhun sollichs gelobnus 
so metu carceris vnd aus forcht der gefengnus erzungen an ihm selbst nichtig 
vnd von keinen wirden, so hat ihne aus Schickung göttlicher gnaden ein guther 
freundt aus seiner widderwertigen handen weitter errettet vnd endtlich dauon 
bracht Weil es aber nhun an dem das wie oben zum thail vormelt, sich meher 
vnd hoehgedachte Grosf. D. mit der heiligen Apostolischen Kirchen zu uerei- 
nigen auch dero als ein gleidt beyzupflichten in Vorhaben derwegen vnd damit 
nhun sollichs dorch milde vorleihung gütlicher gnaden ins werk bracht, auch 
endtlich erhalten, wirdet Grosf. D. nicht allein gelernter, sondern allerhandt 
erfarner leudt, damit nit allein solliche christliche Religion auf vnd angericht, 
sondern auch gegen die vnglaubige Tartarn Turcken vnd andere feinde christ- 
liche namens bedorffen vnd von notten haben, vnnd nhun derhalben wie gehört 
obgemelter Hans Schleitte abgefertiget, vnd die aufzubringen beuelich sollichs 
auch schon wie er dorch die von Lübeck gerurter gestalt nit were vorhindert 
worden ins werk gericht vnd volfurdt. Damit aber nhun algleichwol sollich 
christlich iotent vnd Vorhaben zw nachth&il ganczer gemeinen Christenheit 
ferner nit aufgehalten oder vorhindert, sondern zw ausbreittung gottlichs Na- 
Sitsb. d. phil.-hist. CI. XL. 1. Bd . Hfl. 6 


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82 


Joseph Fiedler 


mens, vnd erhaltung vnser waren Religion alles Vermögens vnd mit höchstem 
VJeis vorsecz vnd beuordert, auch zw derbehoff ein sicher pass vnd anders darzw 
nottwendig vnnd deinstleich erlangt, So hat sich gemelter Hans Schleitte darauf 
mit dem Erharn vnnd Ehrenvhesten Johan Steinberger eingelassen vnd ihne 
crafft seines habenden gewalts vnd beuclichs hochgemelter Grosf. D. zw guthem 
vor ihren Lateinischen vnd Teuschen Canczler auf vnnd angenhomen, tliut das 
auch hiemit vnnd in crafft dieses briues also vnd dergestalt das er sich in allen 
liandelungen vnd Sachen in oder ausserhalbe der Moskaw zuuorrichten gebrau- 
chen lassen soll vnd will, vnd sonderlich nach dem es wie obdeducirt an dem, 
das sich hochernente Grosf. D. mit der Lateinischen christlichen vnd waren 
apostolischen Kirchen zuuorgleichcn, auch die Rechten religion Primatiuae 
Ecclesiae in iren forstenthumbmen Landen Oberkeitten vnd gebeitten anzu- 
richten bedacht vnd endtschlossen, vnd nhun derhalb zu beuorderung der Sachen 
nött sein will das die Bähst, haij. auch villeicht die Rom. Kay. Mait. derwegen 
ersucht, vnd vmb beuorderung diesses christlichen Vorhabens angelangt werden 
mussten, so soll er auch in dem von hochgemeltem Grosf. vornehmlich vnd vor 
andern geschickt vnd gebraucht werden, ihme auch ohne das, was er also racione 
legacionis oder sunst erlangen wirdet, so bald er in der Moskaw ankumpt von 
Grosf. D. ein erliche stadtliche besoldung vnd vnderhaltung damit er seher wol 
zufrieden gemacht werden, Vnd nach dem es am tage vnd vnlaugbar das wei- 
landt der auch dorchleuchtigst grosmechtigst Fürst vnd Herr Herr Basili etwan 
hoher Fürst in der Moskaw etc. diesses iczigcn Grosf. geliehster herr vater 
hochlöblicher gedenckcn, sich dergestalt wie angezeigt mit der heiligen Kircheu 
zuuorgleichen in emsigen Vorhaben gestanden auch zu uolfurung sollichs ires 
intents ire oratores vnd geschickten anno der wenniger zuhel 27 gegen Rom an 
die Babst. hail. abgefertiget, aber domals auf gepurliche vnd tregliclie mittel, 
nit auf oder angenohmen werden mögen, damit sich aber nhun, nuch icziger 
Grosfurst, soliieher abschleglichen mittel vnd Weigerung in gleichnus nit zu 
befaren, sondern das sie vor ein gleidt der heiligen christlichen Kirchen sampt 
olle iren Landen leuthen vnderthanen vnd verwanthen auf ir weilter ansuchen 
endtlich vnd gewislich angenommen werden sollen, zuuor nach aller notturfft 
auch ohne vorgebliche grosse rnkosten versichert. So hat sich vorerwhenler 
Stcinbergk der Sachen allenthalber zum besten erpotten, auch hiemit ver- 
pflicht obligert vnd verhafft, das er sich eigener person erheben vnd vorderlich 
gegen Rom zw der Babst. hail. verfugen vnd solliche Versicherung vormittelst 
gotlicher Vorleihung in glnubwirdigem schein vnd sub annulo piscatorio erlangen 
vnd ausbringen wolle, vnd wan sollichs also geschehen, damit den negsten zw 
Grosf. D. in die Moskaw auf das sollich christlich werck zu erweitterung got- 
lichs Namens auch vieler seien hail vnd Seligkeit ferner vnd zum vorderlichsten 
möge vorricht werden. Es sol vnd wil auch oft benenntter Hans Sehleilt, Ihme 
Steinbergen ein schrifftlich pasport von viel vnd hochgedachtem Grosfursten 
damit er sampt seinen dienern vnd zugethanenn feylich passiren auch vberal 
sicher dorchkomen möge zum vorderlichsten auspringen, vnd das gegen Bres- 
law in seins Schleitten Bruders haus vorschaffen vnd Steinbergen auf sein 
begeren zustellen lassen. Vnd nachdem nhun auch gemelter Steinbergk hier- 
durch zw einem Moskauwischen Canczler vnd Deiner bestellet auf- vnd angenho- 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 83 


men, so wil sich auch demnach geporen das er sich dickerwhents Hans Schleit- 
ten sache gewerbe vnd gescheffte darin er von Grosf. Durch, veritfoge ange- 
reihter Mandata vnd beuelich ausgeschickt annheme, vnd do es von dem 
Sehleitten gesucht» bey hochgemeldter Kay. Mait. vnd sunst mit allem getreuwen 
vleiss beuordern helffe, wie er ibme dan sollichs zugesagt: vnd das einer denn 
andern in dem vnd sunst allen erlichen aufrichtigen vnd billichen Sachen in 
sonderm beuelich haben auch ehren vnd vordem sollen vnd wollen, auch hiemit 
diesse abrede vnd bestallung zw beiderseits in alle iren puncten artikelen clau- 
sulen meinung vnd effecten stet vhest vnd gancz vnvcrbruchlich halten, auch 
dawidder vnder einigem gesuchten schein nit thun vornhemen oder handelen 
noch sollichs gethan werden vorschaffen oder vorhencken in gar keine weis 
noch wege alles getreulich vnd sonder geferde. vnd des zw noch mererOrkundt 
vnd warhafftigem gezeugnus haben die Erbarn vnd Ehrnvhesten Christoffel von 
Weisbergk vnd Herbert von Langen beyde Rom. Kay. Mait. Oberste als die 
sollichs vorhandelt, jre angeporne pietschaffte neben dickbemelter Steinbergs 
vnd Sehleitten pietsebiere wissentlich unthen auf spacium dieses bestalbrieues 
dene sie auch zugeleich den parchem mit eigenen handen vnderschrieben thun 
drucken, weis heschehen am tage vincula petri welcher war der erste tagk 
diesses lauffenden fünfzigsten Jars. 

Io dem lateinischen Texte bei Tu r gen er, Hist. Runs. Mon. 1. p. 137 lautet die 
Dalirung: „Facta et transacta sunt haec in civitate Minden«», in die Vincula Petri, qui 
erat prima dies roensis Augusti anno Domini MDL". 


Werbung der Rom. Kay. Malt, den 4. September anno 1551 , vorbracht daranff Ich nlt 
allein goedlgst gehört, sondern auch wie aus nachvolgenden lrer Mal mir an die Babst. 

Hall, mltgethallten vorsehrlefft iu ersehen guthen beschetdt erlangt. 

Aller Gnedigster Herr Kayser. 

Ewer Kay. Mait. wissen sich zueiffcls ohne aller gnedigst zu entsinnenn, 
wie vnd welcher gestalt der Durchleuchtigst Grosmechtigst Fürst vnd Herr 
Herr Basilj weylandt Hoher Fürst in Reussen vnd derMoskaw etc. vorscheinener 
Zeit willens gewesen sich mit der hailigen Christlichen Kirchen zuuorgleichen, 
vnd dero als ein geleidt zu vnthergeben wie dan seine Grosf. D. damit sollich 
sein christlich vornhemen ins werck beuordert eine stadtliche Bothschaft anno 
der wenniger zahel 27 gegen Rom an die Bab. hail. derbalb abgefertigett. Weil 
aber sein Grosf. D. domals auf billiche tregliche vnd mögliche mittel nit mögen 
auf vnnd angenhomen werden, Ist solch? Christiichs Intent nit zw geringem 
nachthail der ganzen gemeinen Christenheit auch vieler seien hail vnd Seligkeit 
bishero angestellet worden. Weil es aber aller gnedigster Herr Kayser nhun an 
dem das diesser iezregerender Grosfurst Johans eben des Vorhabens wie seiner 
Durch!, herr vater Löblicher gedencken gewesen ist, sich auch gleichs vhals 
mit der lateinischen Kirchen zu uoreinigen vnnd dero (so weit Ihme sollichs 
ohne suchung eigenes nuczen auf billiche Gotselige mittel widderfaren mocht, 
des auch von der Babst. Hail. zuuor gewislich also zu geschehen vorstendiget, 
als ein gleidt beyzupfliebten endtschlossen, Ich auch sollichs von seiner Grosf. 

6 * 


1551. 
4. Sept. 

H. 


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84 


Joseph Fiedler 


D. wegen bey der Babt. Hail. zu suchen beuelich, So habe ich demnach nit vnder- 
lassen, sondern diesse Sachen an den Nuncium Apostolicum so icz alhier an E. 
Kay. Malt, hoff aufs vleissigist gelangt, vnd lassen ihne ire Ebrwirden den handel 
seher wol gefallen auch darauf vor gutht vnd Ratsam angesehen, das ich mich 
zum vorderlichsten an die Babst. hayl. verfugt hette, wolten sie mir zw der not- 
torfft an ire Hailigkeit auch etlich von den vornhemsten Cardinelen so diesse 
Sachen mit allem getreuwen vleiss zu beuordern wissen, auch an ihne garnichts.so 
zw ausrichtung dieses handeis deinstlich erwinden lassen wurden, vorschrifTt vnd 
Commendatitias mit geben, vngezweifTelter zuuorsicht jch wurde in sollicher 
Christlichen sache nit allein gnedigst gehört, sondern auch endtlich erhöret 
werden, zuuorderst do ich auch von E. Kay. Mait. an höchst gemelt Babt. Hail. 
Vorschub vnnd gnedigste vorderung hierin ausbringen vndt erlangen wurdt. 
Nachdem nhun sollichs vornhemen, do es also vormittelst gotlicher vorleihung, 
vnd E. Kay. Mait. gnedigsten beuorderung ins werk bracht, nit allein zw aus- 
breittung Gotlichs Namens, auch erweiterung vnd erhaltung vnser waren religion 
deinstlich sondern darüber der ganczen gemeinen Christenheit in so viele wege 
vordersam vnnd erspreisslich, in betrachtung weil vnder andern daraus nit ein 
klein hofnung das hailige Landt widderumb zu recuperiren endtstehen vnnd 
endtlich eruolgen mochte, Vnnd nhun auch E. Kay. Mait dessen sie sich in iren 
schriefften hochstbenentten Grosfursten Johan vor dreihen Jaren zugeschickt 
gegen S. Grosf. D. vornhemenn lassen, auch ohne das diesse Sachen in gnedigen 
beuelich haben vnd mit gnaden zu beuordern geneigt sein werden. So gelanget 
derwegen allen an E. Kay. Mait. als dem Obersten Vogt vnd einigen aduocaten 
der hailigen Kirchen, mein vnderthanigst hochvleissig bitt, E. Kay. Malt geru- 
chen mir wegen höchst erwhents Grosfursten solliche an die Bab. hail. gebetene 
Vor8chriefft zu beuorderung der Sachen allergnedigst mitzutbailen, Wil ich mich 
damit vngeseumet gegen Rom zw Irer hail. vorfugen, vnd wen ich darauf, wie 
ich oberzelter vrsachen halb endtlich zugeschehen hoffe guthen bescheidt in 
glaubwürdigem schein wie sich» gepurt erlange, Wil ich mich alsdan, sampt 
dem Wolgebornen Herrn philipsen Graffen zw Eberstain E. Kay. Malt Truchsas 
der sich sollichs Hailsames vnd aller gemeinen Christenheit nutzlichs Vorhaben, 
mit darstreckung leibs vnnd guts thut erpieten, vorderlich erbebenn vnd den 
negsten nach der Moskaw zw Grosf. D. die Sachen vormittelst milter vorleihung 
gotlicher gnaden, endtlich vnd vnuorzuglich ins werck zu richten, reisen, 

E. Kay. Malt wollen sich hierin allergnedigst erzeigen, das wirdet ohne das es 
viel vnd hochernenter Grosfurstliche D. deren wolgemelter Griff vnd ich sollichs 
mit hocbstenn Vleis romen vnd vormelden wollen vngzweyfelt iderzeit freundt- 
lich zu uordeinengnncz willig sein, werden auch got der almechtig E. Kay. Malt 
als ein hochrumlich Christlichs werk mit langweriger gesundtheit gelugseliger 
regerung vnd guthem zustande alhier zeitlich vnd hernach ewigwerender Selig- 
keit rechleich erstatten, do ichs auch vor mich zuuordeinen weis erkent ich 
mich als ein vnderthanigster vnd E. Kay. Malt gehorsamer Vnderthan schuldig 
were es auch iderzeit ganz willig 

E. Rom. Kay. Mait 


Vnderthanigster vnd Gehorsamester 
Johan Steinbergk. 


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Eiu Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 


Beatissimo in Christo Patri et Domino Dno 
Julio Tertio Diuina Prouidentia 
Sacrosanctae Romanae ac Vniuer- 
salis Ecclesiae Pontifici Max. 

Dno nro Reuerendissimo . 

Folgt; Beatissime pater Dne. Reuerendissime, anni sunt ex quo nobis significatum 
est, Sereoissimum quondam etc. etc. (Gedruckt bei Lans: Corr. K. Karl’sV. 111. pag. 73.) 

Literae Cemmendatitlae R mi Fanensls ad Pontlflcem Jullum III. 

Pojt pedum oscula beatorum. 

Beatissime Padre. Viene m. Giouanni Todesco con lettere di S. M u alla 
Beatitudine V. per dirle come altre uolte il Re de Moscouiti fu de animo con li 
soi populi di sottomettersi alla osseruantia della sede Apostolica et ritornare 
alla Christians Catholica Religione, il quäl m. Giouanni hauendo molta cogni- 
tione di quel Re et populi Moscouitti, et strettissiraa conuersatione d*uno suo 
Ambasciatore gia aquesta corte, etsspendo con quanta facilita si consegiurebbe 
questa santa opera con l'aiuto et fauore di V. B»« se e offerto al presente di 
rolersi interponere, et affaticarsi in persona a questo negotio, et perche io nel 
tempo della felice memoria di papa Paolo mossi gia la detta pratica ne essendo 
cisi possuto attendere albora per alcuni rispetti, et desiderando io che nel Pon- 
tificato della Santita V. si facesse un tanto et si degno acquisto no ho uoluto 
lasciare di aupplicarla a douer* considerare, quanto honore utile et che repu- 
tatione la sede Apostolica ne guadagnarebbe con la infinita et perpetua laude 
di V. Santita, se un ai gründe Re et populi venissero alla deuotion di quella, la 
quäle so certo che col suo sanctissimo et prudentissimo Juditio non preter- 
mettera cosa nissuna degna de lei in tal materia. V. B ne uedra le lettere di 
S. Maesta et udira quello che m. Giouanni le dira in presentia al quäle si 
degnera ascoltarlo benignamente, et considerare la qualita della persona che in 
uero per la lunga pratica di lui in questa Corte et per quanto l'ho cognosciuto 
jo cognosco essere huomo da bene, et di modeste et destrissime maniere, et 
atto non solo a trattar la detta causa, ma per condurla a honissimo fine, Per me 
credo non ci habbia da esser difficulta hauendo uoluto quel Re pigliare i riti et 
cerimonie catholicae ecclesiae dal Re di Polonia, raa essendosi certificato, che 
quelle osseruantie della Religione sono diuersae et differenti molto dalla Chiesa 
Romana et risoluto obligarsi a quella di Roma, et accetarla della Santita V. et 
per euitar la spesa che si potria fare per questo magneggio, Il Conte di Helber- 
sten rificiale Imperiale di S. Maesta et Caualiere di rare qualita come informato 
della uolunta del Re Moscouita si oflerisce spontaneamente spender tutto il 
denaro necessario per mantenere m. Giouanni appresso il detto Re finche duri 
la pratica, pur che a lui ai restituischi un Mooasterio nel paese di Birtimbergo 
antico juspatronato di casa sua comme la Santita V. potra uedere per una 
instructione che m. Giouanni porta, et del quäl Monasterio io ne pigliaro infor- 
matione a pieno nel uiaggio che si fara per fiandra, et daronne raguaglio a 
V. B* li cui Santissimi piedi bacio piu humilmente che so et posso, di Augusta 
alli 14. di Settembre 1551. D. V. S. 

Humil* 0 seruo il Veacouo di Fano. 


isst. 

I. Sept. 

J. 


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86 


Joseph Fiedler 


1551. 
17. Sept. 

K. 


1551. 
17. Sept. 

L. 


AI Cardinal Farneslo. 

R““ signor mio osseruandissimo. 

AI tempo di Papa Paolo fe: re: si hebbe gia qualche pratica di riceuerc 
alla ubedientia della sede Apostolica il Re de Moscouiti, il quäle haueua animo 
di uiuere insieme con li suoi populi sotto la deuotione et osseruanza de riti et 
cerimonie ecclesiastice, il che per no so quali rispetti alhora non fu essequito et 
intendendosi che questo Principe perseuera nella medesima buona et santa opi- 
nione, il presente m. Giouanni Todesco che e bene informato del desiderio di 
quel Re se ne uienne a Sua Santita con lettere di S. Maesta Cesarea caldissime 
in fauore et raccom&ndatione die questa causa, la quäle essendo di tanta consi- 
deratione, quanta e all i tempi presenti ne ho uolutoscriuere aS. Bne et racco- 
mandarle il detto m. Giouanni, che se offerisce andar io persona a trattar questo 
negotio, il quäle venendo ad effetto V. S. Rma. po considerare di quanta dignita 
et reputatione sara un cosi fatto acquisto alla sede Apostolica et laude et 
honore di S. Bne., onde ho uoluto scriuere a. V. S. R ma accio prieghi, eshorti 
et persuadi anchora N. S re a consentire et prestare ogni fauore a questa causa, 
non ui interuenendo raassime alcuna spesa di S. B ne , per che col prefato m. 
Giouanni andra in compagnia il Conte di Helbersten honoratissimo Caualiere et 
Vfilciale Imperiale di S. Maesta Cesarea, che spendera di suo quanto sara 
necessario per tutta questa negotiatione,Ne in ricompensa desidera altro che un 
Monasterio nel suo Conta gia antico juspatronato di Casa sua. Tutto questo 
V. S. R aa intendera diffusamente da m. Giouanni, che certo e bonissima per- 
sona, et in questa Corte assai cognosciuto per destro et maneroso huomo et 
pieno di modestia, tutto qUello che V. S. R“‘ fara in fauor di lui et del 
negotio stesso sara corrispondente alla buona mente sua, et degno del uirtuo- 
sissimo suo animo, che so esser cupidissimo della grandeza et utile di santa 
sede, ne uolendo dirle altro me le raccomando et offero di buon core. Augusta 
li 17 Settembre 1551. D. V. S. R“- 

A Farneslo. 

Illustrissimo et Reuerendissimo Signore et padrone osseruandissimo. 

Essendossi gia trattato al tempo di papa Paolo s. m. di raccogliere il Re 
de Moscouiti alla ubidientia della sede apostolica il quäl Re ha mostrato desi- 
derar sempre di uenir insieme con e suoi popoli alla deuotione et osseruanza 
de riti et cerimonie ecclesiastice ne si essendo potuto alhora per alcuni ri- 
spetti mandar innanzi il negotio : hora par che Dio habbia preparato il tempo di 
essequirlo. Per la quäl cagione il m. Giouanni Todesco uiene a S. B oe con lettere 
caldissime di S. M u Cesarea, si per render le conto di questo, come bene infor- 
mato della openione del Re, et monstrarle la facilita di tale negotio , si per 
ofterirse di andarui in persona a trattarlo. Et perche io uedo di quanta impor- 
tantia et reputatione sia per douer esser alla sede apostolica un cosi fatto 
acquisto, ne ho uoluto seruire a S. B ne * senza l’aiuto et fauor di cui nulla cosa 
in cio si puo adoperare. Priego adunque V. S. IU m * la quäl so quanto e cupida 
del honor et grandezza di santa sede, che uoglia persuadere S. S te a questa 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 


santa opera, et bauer insieme per raccomandulo il detto m. Giouanni, et pre- 
stargli in simil caso ogni auo fauor possibile, che certe e persona non solo 
niodesta et di buone conditioni, ma molto destra et manerosa et attissima al 
raaneggio di questa causa per quellocbe per le attioni sue se ueduto lungamente 
in questa corte, et tanto piu si deue fauorire il negotio, quanto che non solo si 
ha huomo che si proferisce ad una cosi degna impresa roa ancho chi uuole- et 
con la persona et col denaro proprio tentarne la essecutione, Et questo e ilConte 
di Eberstein, cauallier honorato et Yfficiale Imperiale di S. Mta. Cesarea che 
andara in compagnia del detto m. Giouanni pur che allui in contracambio se resti- 
tuissa un Monasterio juspatronato antico di casa sua nel paese di Birtemberge 
V. S. Ill ma intendera da m. Giouanni ogni cosa piu distesamente, pero io non uoglio 
allargarmi piu oltra, et perche so non manchnra di quelli oltimi et degni vffic* 
che alla bonta del animo suo purissimo et Santo si conuengono, le cui man; 
bacio humilmente, et in gratia ine raccomando. Di Augusta li XVII. di Settembre 
1551. V. s. III"» et R“*. 

Al euibaxador del euiperador en Rouia. 

Muy illustre Senor. 

Ahunque scriuiendo Su Magd, a V. S. con el ileuador de la presente Io 2 { 5 Q 1 e * 
que alla vera por el gran duque de Moscouia, pudiera yo scusar de hazerlo M. 
toda via por ser cosa que resulta en vtil y acrecentamiento de la Chrisliandad. 
y que como tal es razon abracarla y fauorecerla en todo no he querido dexar 
de suplicar por mi parte a V. S. que conforme a lo que su mag 4 scriue quiera 
encaminai y ayudar al que alla en nombre del dicho gran duque para que sele 
haga ensu negocioybreue y buen despacbo de aquel todo el favor y merced que 
el mismo negocio merece Guarde nuestro Senor la muy illustre persona deV. S. 
con el acrecentamiento de estado que desea. De Augusta a 21 de Octobre 1551. 

Seruidor muy cierto 
y buen hermano de V. S. 

El obispo de Arras. 

Werbung der Babstllehen Halligkeit den 23. Mal anno 1552. vorbrach(t). 

Beatissime Pater quamius racio iniunctse mihi prouincise plane exigere vide- 
atur, vt Sanctitatis Vestr® causam ob quam sollicitandam huc venerim et quo vsque ^ 
superioribus annis in ea progressum, ct postea a toto illo negotio huc vsque 
cessatum sit, ordine et ad longum tempus commemorem, tarnen cum Sanctitas 
Vestra ista ferme omnia tarn ex Sacrae Cesareae Maiestatis quam aliorum 
Cardinaliuin Archiepiscoporum et Illusiris Domini Didici (sic) de Mendoza 
Oratoris hic Caesarij literis, illi a me debita devocione et rcuerentia oblatis 
satis abunde perceperit, adeo etiam ut ncfas videri possit semel bene 
atque dilucide explicata retexere et ita superuacanea prolixitate Sanctitati 
Vestrae eciam alias, hoc praeserim tempore satis occupatse ac infinitis prope 
tarn Ecclesiasticis quam Secularibus negotijs obstrictae molestus esse, 
sufficiat ergo Sanctitatem Vcstrain semel cognouisse, Serenissimum ac Potentis- 


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Joseph Fiedler 


simum Principem ac Dominum Dominum Joannem Magnum Moscouitarum 

* Ducem Dominum meum Clementissimum (sicuti quondam a Progenitore ipaius 
Magno Duce Basilio pie memoriae quoque factum esse eonstat) percupere sesq 
vna cum Populo sibi subiecto a Sanctitate Vestra, accedente auctoritate Sacrae 
Cesarae Maiestatia recipi membrum Latinae et Sacrosanctae apostolicae Eccle- 
siae atque a Sanctitate Vestra tamquam eius capite Rex dici Regiaque insignia 
sibi mitti, ed quod hoc negotium si ita veluti confido roediante diuina et 
Sanctitatis Vestrae ope equis condicionibus et mediis interuenientibus ad 
optatum finein deduceretur, citra controversiam non solum ad amplificandam 
Diuina* Maiestalis gloriam sed et Sanctitatis Vestrae laudem adeoque tolius 
Christianae reipublicae propagacionem ac incrementum magno Tsui futurum 
esse: Siquidem bac occasione et auctoritate Sanctitatis Vestrae intercedente, 
non solum firma atque perpetua pax inter Serenissimum Poloniae Regem 
Liuoniae Status et iamdictum Magnum Ducem (quod antecessores Sanctitatis 
Vestrae foelicis recordationis elapsis temporibus tantopere quesierunt, eon- 
stitui atque firmari, sed et terra Sancta non ita difficile recuperari possit. 
Qua propter eciam non diffido, Sanctitatem Vestram me in hoc tarn pio ac 
plane christiano negocio pro paterna ac innata sua summa bonitate, et passim 
apud omnespraedicataClementia non solum benignissime audituram, sed et exau- 
dituram esse, Ita vt res ipsa testetur: Sanctitatem Vestram in hoc toto negocio 
nihil aliud quam ea, quae ad illustrandam omnipotentis Dei gloriam, Sacrosanctae 
Ecclesiae propagacionem et officium Sanctitatis Vestrae pertinere videbuntur, spec- 
tasse et queaijsee, quod si Sanctitas Vestra quemadmodum spero fecerit idque 
Serenissimo principi Joanni Domino meo Clementiasimo per generosum Philip- 
pum Comitem abEberstain dictaeCaesareae Maiestatis dapiferum (ipse enim hanc 
Legacionis prouinciam una roecum subibit) et me significaverit, minime equidem 
dubitabo, quin haec Caussa totiea licet sine aliquo certo effectu agitata auum et 
quidem optatum sorcietur finem. Qua quidem in re Dominus Comes et ego 
nihil laboris aut impensae subterfugiemus donec ei extrema manus foeliciter fuerit 
imposita. Deus Opt. Max. velit Sanctitatem Vestram iu hoc et omnibus sacro- 
sanctae Ecclesiae suae sancto suo spiritu regere, eamque nobis ac toti Orbi Chri- 
stiano quam diutissime incolumen conseruare. 

Memerlale R"° atque III“* Cardinall Fanensl exhlbitum 3. die aprllts anno 1552. 

iss« Quamuis Sacra Caesarea Maiestas ad promovendum hoc negocium Moscovi- 

s. April, ticum veluti inter caetera et literis ab ea ad Summura Pontificem datis lucedarius 
apparet, satis sit propensa, eam tarnen credo ad id multo fore propensiorem si 
8ummus Pontifex Suae Maiestati rescriberet eamque quid in hac caussa facere 
statuisset,vserciorem redderet, Ita vt sua maiestas ipsius commendacionem penea 
Suam Sanctitatem non fuisse exiguam neque vulgarem deprehendere possit. 

Pneterea eciam oronino necessarium erit veluti R”* atque Ul aa Dominacio 
Vestra vel sine roonitore facile conjicere poterit, Vt a Summo Pontifice praefato 
- Comiti de Eberstain ac mihi quoque literae ad magnum Moscouitarum Ducem, 
quo is, quando eo venerimns, nostrse relacioni in hoc fidem habest, dentur; qua- 
les autem cuiusquo tenoris illas esse conueniat et quamuis hoc ipsum partim 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 89 

ex Cesaree Maiestatia literis, partim eciam ex mea summo Pontifici facta rela- 
cione foraan satis intelligi possit, ea tarnen vt decet Summi Pontificia ac 
Reuereodissirnorum Cardinalium (quibua hoc negocium ?t percepi expediendum 
eat commissum) meliori ac saniori iudicio relinquenda sunt, qui procul dubio 
nihil quod ad promouendum hoc tarn pium honestum ac quidem vniuerse reipu- 
blicae Christiane tarn magno vaui futurum negotium pertinere videbitur in ijs 
pretermittunt. 

Deinde cum R““ Archiepiscopus Moscouiensis, qui eo loco vbi Magnus 
Dux sedem habet, metropolitam obtinet, cui etiam tamquam aupremo reliqui 
Episcopi omnes obediunt,sine dubio tractationi huius cauase intererit, non abs re 
fore opinor, ai nobis ad ipsum etiam litere Credenciales vt vocant siue plene 
fidei traderentur, vt ipse de vtilitate huius negotii , item dignitate atque honore, 
quem ipse confecto negotio inde consequi poterit, admonitusillud nonremoretur, 
sed pociua obuiia manibua excipiat amplectatur atque promoueat. 

Vltimo uero, vt quo nunc eciam tarn longum ac satis periculosum iter 
tuto suscipere ac conficere queamus, reliquum erit ?t Summus Pontifex nobis ad 
hoc literas Salui Conductus in generali ac meliori forma conceptaa ad Reges 
Principes ac reliquos Status tarn Ecclesiasticoa quam Ciuiles, quorum diciones 
nobis adeunde ac peragraode erunt (ita tarnen quod Serenissimi Regis Polonie 
ac Magistri Militum theutonici ordinis in Liuonia vt in priori Instructione admo- 
nitum est ideo quod de perpetua pace inter ipsoa et Magnum ducem constituenda 
agendum ac tractandum sit, peculiaris fiat mencio) benignissime concedere 
dignetur. Que quidem omnia R"* atque III“* Dominacio Vestra pro singulari auo 
erga Sacrosanctam Ecclesiam et Christianam reropublicam amore huiusque 
negocii cum necessitate tum quoque coromodiori expedicione sibi commissa esse 
▼elit, et quatenus vsus exegerit, tarn apud Summum Pontificem quam eciam 
R*“ Cardinalem Mapheum sicuti hactenus Summa fide et diligentia fecit, et 
adhuc optime facere poterit, ne grauetur, eam eciam atque eciam et rogo et ob- 
testor. Quod si quemadmodum confido fecerit, id sane preterquam quod Sere- 
nissimus Moscouitarum Dux cui hoc mediante Divino auxilio diligenti commemo- 
racione aignificabo procul dubio gratissimo (non dicam amplius) animo accipiet, 
eciam Deus Opt. Max. cuius est hec causa R“* atque 111" Dominacioni Vestra; 
hic proaperitate vite ac posthac perenni beatitudine cumulatissime remunerabit. 
Ego vero ai hoc pro mea tenuitate vnquam vlla racione demereri potero semper 
pro virili annitar 

R“* atque 111** Dominacioni Vestre 
Deditissimua atque obae- 
quentissimus Cliena 
Joannes Steinbergius. 

Memoriale Cardinali Paceco exhibitum. 

Rev** atque 111** Domine ac Patrone obseruandissime. 

Sola R** atque 111** Dominacionis Vestre fretus humanitate auauaaum ipsius 
patrocinium implorare, quod eo libencius spero impendet, quo causa ipaa pia 
ac iusta uel ine tacente optimi atque amplissimi cuiusque viri atque adeo ipsius 
Summi Pontificia fauore longe est dignisaima. 


s. D. 
P. 


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90 


Joseph Fiedler 


S. D. 

Q- 


Totos integros sedecim roenses procuro vt Magous Moscouitarum Dux 
Joannes Dominus meus clementissimus accedente auctoriate et voluntate Sacr» 
C»sare» Maiestatis recipiatur mfembrum latin» Ecclesia, atque ab iliius Capite 
Summo Portifice Romano Rex dicatur Regiaque illi Insignia mittantur, quod 
profecto non tantopere expeteret, nisi id ipsum Quod latini omnes de Ecclesia 
et Pontifice Romano sentiunt ipse quoque sentiret. 

Cause atque Peticionis huius expedicio Commissa estR" # atque III“* Cardi- 
nal! Mapheo, sed quia is multis impeditur negociis, neque presenti commode 
vacare possit, vel propterea maxime quod loco R* 1 atque III“ 1 Farnesij Regno 
Polonico patrocinatur atque iliius Regni Orator nescio quid adferat, quo hoc 
negocium Moscouiticum forsan moretur, opere prccium est, vt alteri et si placet 
Sanctitati Su» R“ # et 111** Fanensi illud eommitatur, quando quidem tlle de toto 
isto negocio optime atque ante aliquot annos est instructus. Precor R"“" atque 
111"““ Dominacionem Vestram vt h»c su® Sanctitati referre velit atque negotij 
confectionem rogare et commendare officio fungetur pio planeque Christiano et 
se digno. R"* atque 111"* Dominacionis Vestre 

Addictissimus atque 
Obsequentissimus Cliens 

Joannes Sie inbergiu s. 


R"" atque lll" 1 “ Cardl oallbus Sanct« Crusis, P&cleco, Putheo, Mapheo et Piglno 
Domlnls mels obseruandlsslinls. 

R"‘ atque 111"' Domini Patroni obseruandissimi. Joannes Magnus Moscoui- 
tarum Dux infrascripta petit 

Recipi Membrum Latin» Ecclesie 
A Summo Pontifice Rex dici Regiaque sibi insignia mitti. 

Super hac Magni Ducis Peticione Ceoar ad Pontificem Literas dedit eas 
habet penes se Re" M atque IU" aa Mapheus. Joannes Steinbergius iam integros 
XVII hic Rom» sollicitat , R“°' vero Fanensis de tota re et negocio optime 
instructus, ante quinquennium ad Paulum UI. foelicis recordationis scripsit, 
atque hoc tempore Julio tercio rem omnem ita exposuit, vt ille non modo non 
negligendam sed primo quoque tempore nullis allegacionibus in contrarium 
forsan factis obstantibus expediendam in superiori Consistorio Reuerendissimis 
Mapheo et Fanensi presentibus censuerit mandaueritque. 

Atque in presentiarum nihil aliud petitur, quam vt Papa per Ulustrem 
Comifem ab Eberstain et Joannem Steinbergium Magno Duci signifieet, petita 
concedere veile, a literis Cesare» Maiestatis et Joannis Stcinbergii procura- 
tione si placet exordium sumendo, et si videbitur condiciones »quas et honestas 
adiungat, quomodo enim alias horum dictis fidem habebit Dux Moscus? Ipse 
autem Dux ita cercior factus mittet ex tune Romam suos legatos, qui omnem 
rem conficient. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 


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Heri Joannes axelius R #M de putheo atque Pighinum meo atque huius 
negocii nomine conueniens summatim condiciones attigit, qu® vis® atque tocius 
negocij series vtriquc placere eas R m,u Pighinus cum quo prolixius est actum 
si videbitur in medium adferre non grauabitur. 

R" ,ri " ac Hl— r — D. D. Vestrarum 


Obsequentissimus ac 
Deuotissimus Cliens 

* , Joannes Steinbergius. 

Gedruckt bei Ciampi, I. c. III. p. 47. — Turgenev, Hist. Russ. Mon. Bd. I. 
p. 135. CXXXI. 


flemorfale In quo referuntur Condiciones negocij Moscouitici, qu&ruin superlus facta 
est menclo et lain antea Suinino Pontißci ex inandalo Eev“ ort,m Cardlnallum Augu- 
stanl et Map hei eihibitnui, et nunc Denuo R Mis atque III Cardinal! bus Sand» 
Crücls, Pacleco, Puteo atque Plghiuo oblatum. 

Condiciones quibus Summus Pontifex dignabitur Regijs Insigniis ornare 
Magnum Moscouitarum Ducem atque illum sub vnione sacrosanct» Apostolic® 
Ecclesi» recipere Ipse Summus Pontifex prsescribet pr«ter quas nihil erit lici- 
tum Comiti de Eberstain, et Joanni Steinbergio Nuncijs su® Sanctitatis ad 
prtediclum Ducem profecturis agere, nisi si qu® erunt res huiusmodi qu® non- 
oioi in euidentem Sacrosanct® Ecclesi® vtilitatem et honorem vcrgi possint: 
et quidem infrascript® non videntur esse a negotio alien®: 

Pr im um, vt Magnus Dux Joannes Rex a Summo Pontifice appellandus et 
per uniueraum orbem christianum publicandus teneatur mittere ad Suam Sanc- 
titatem Suos legatos cum Mandatis publicis, iurandi fidelitatem et obedientiam 
eidem $anctifati Su® et Sanct® Romane Ecclesi®, qui Rex coronabitur a 
Primate Regni Archiepiscopo Moscouiensi nomine Pontificis Romani, Jurabitque 
Rex et pro tempore coronandus in manus dicti Primatis fidelitatem et obedien- 
tiam Sanct® apostolic® ecclesi® et mittet primo coronacionis anno Romam 
Suos Legatos ad iurandum Pontißci obedientiam. 

Item, quociescunque contigerit vacareSedem Romanam atque alium eidem 
legitime pr®fici Pontificem, teneatur tune existens Rex Mpscouitarum more 
aliorum christiaiii orbis Principum, et Potentatum mittere in primo Pontifi- 
catus anno suos legatos ad iurandum obedientiam et fidelitatem Pontißci Electo 
et Coronato. 

Item, vt Primas Regni Moscouitici eligatur vel constituatur buevsque 
obseruato inore, ita tarnen quod ille teneatur confirmari a Summo Pontifice, et 
ab eo pallium recipere , eritque is confirmatus, primas Regni et legatus Natus 
Sanct® Roman® Ecclesi®, qui corfirmandus vel ipse prssens, vel per suum 
procuratorem legitimum ßdelitutis obedien(i®que iurabit iuramentum, csterum 
ob longinquitatem Prouinci® Moscouitic® is primas conßrmatus, pallia dabit 
Dicionis illius Archiepiscopis, omnesque alios Episcopos electos et Caiholice 
constitutos nomine Sacrosanct® Apostolic» Ecclesi» confirmabit, et ab eis- 


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S. D. 

R. 



92 


Joseph Fiedler 


1553. 
3. Mai. 

S. 


dem in confirmacione huiusmodi et palli tradicione recipiet iuramen um 
fidelitatis et obedienciae Summo Pontifici Romano in perpetuum praestandi et 
sibi tamquam Legato Nato Dictse Romanse Ecclesise. 

Item, dabunt omnem operam idque se facturos iurabunt cum Princeps 
Moscouitarum tum Primas Regni, vt Moscouitana Ecclesia, quanto citius et tran- 
quillius fieri possit, conueniat et vniatur cum Sacrosancta Apostolica Ecclesia 
matre omnium totius orbis Ecclesiarum. 

E re autem tocius Christianse Reipublicae ent, si Summus Pontifex sicuti ab 
initio ipsi Pontifici, Reuerendissimo Cardinali Mapheo et aliis Cardinalibus 
sepius est significatum, interponat suam auctoritatera vt firma perpetuaque Pax 
fiat et stabiliatur inter Moscouitarum Principem Regem Polonise et Milites 
Liuonise aliosque Liuonise Status vt ipsi firma Pace fruentes facilius commodius 
et expeditius in tartaros atque Turcas arma vertere possint. 

Litera Re 0 " atque III* 1 Cardinalls Fanensls ad Phlllppum Comltem de Eberstaln. 

Illustris Domine Comes quibua raciouibus ac impedimentis Negocium illud 
Moscouiticum hactenus rerooratum sit et quomodo sese in hoc Serenissimi 
Polonise Regis Orator (qui ob hanc causam Romam missus) nobis opposuerit, 
illa omnia ex nostro Joanne Steinbergio cognoscere licebit Nos tarnen qua 
Potuimus fide et diligencia hanc causam vt meretur et Summo Pontifici et pra- 
cipuis quibusdaro Cardinalibus ita eciam quod Sua Sanctitas in Consistorio 
proxime habito ipsa nobis significauerit , quod illi omnino placeat: vt hoc 
negocium allegacionibus prsefati Oratori non obstantibus omnino et quidem in 
triduo expediatur. Quamuis autem hoc non sit aubsequutum, partim propter 
aduersam nostram ualetudiuem, qua interea temporis laborauimus, partim eciam 
quod nobis iam in Lombardiam concedendum erat, factum est: discedentes 
tarnen hoc negocium R* u atque III* 1 * Cardinalibus Pacieco, Putheo ac Pighino 
ita commendauimus , quod non dubitamus prsedictum Joannem Steinbergk: 
suam et quam tanto tempore summo studio ac diligencia procurabit breui habi- 
turam expedicionem , quse T. 111. Dominacioni cui nos ac prsefatum Joannem 
Steinbergium quam officiosissime commendamus coelare minime voluimus. 
Data Romse 111. die Maij anno etc. LI1I. 

Cardinalis Fanensis 
manu propria subscripsit. 

Et quamuis post Reuerendissimi fanensis discessum penes supradictos Car - 
dinales, quibus hoc negocium ab III "* Dominacione Sua vt supra ostensum est 
commendatum erat, singulis diebus, summa sedulitate ac diligencia pro confec- 
tione negotii sollicitauerim : tarnen hanc non obstante quod a Summo Pontifice 
Cardinali Mapheo denuo et quidem in triduo expediendum cammissa esset a 
quibusdam priuatam vtilitatem publico bono ac commodo prccf er entibus ita aperte 
oppugnari deprehendi , quod nisi causa hcsc aliis committeretur , eam raro aut 
numquam expedittim iri proinde eciam negocio inconfecto omnino discedere et 
Summo Pontifici me ita vt sequitur commendare constituu 


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Bin Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 93 


Beatlsslme Pater. 

Posteaquam Sanctitas Vra me in illo Serenissimi Moscouitarum Dueis domini 
mei clementissimi negotio pro solita sua summa bonitate non solum benignisaime 
audierit, rerum etiam hoc iamquam pium hooestum ac sacro sanctae Ecclesiae 
adeoque unirersae Reipubiicae Cbristinae non solum ad defendendam sed ei ad 
propagandam orthodoxem religionem nostram multis nominibus profuturum, 
primo quoque tempore expediendum censuerit coraraiseritque, et quamius postea 
eciam Serenissimi Poloniae Regis Orator sine rlla causa sese expedicioni huius 
negocii opposuerit illamque impedire conatus sit: Sanctitas Vestra nihilominus 
tarnen et aUegacionibus in contrarium fortassis ab eo factis non obstantibus 
causam hanc Rererendissimo Mapbeo denuo ac ueluti saepius ostensum in triduo 
eonficiendam inpraesentia Rev*‘ atque 111 Cardinalis fanensis iniunxit, qua vero 
de causa haec tarn pia ac plane Christiane commissio ita ut debuit non sit expe- 
dita me equidem fugit, Caeterum cum Sanctitas Vestra in hac re omnino suo 
officio functa esse rideatur, Proinde illi eciam Suae Serenitatis nomine gracias 
quam maximaa ago : et quoque promitto me summa et ex qua debeo fide et 
diligencia Suae Serenitati hunc Sanctitatis vestrae erga se propeosum animum 
ac amorem plane paternum cum debita exhibitae humanitatis et beneuolenciae 
commemoracione significaturum, nihil omnino dubitans quin Sereuitas Sua pro 
innata gratitudine et animi sui in referenda gracia promptitudine id sumroo 
studio demereri conabitur, Dolet me tarnen summopere quod Suae Serenitati: 
prout haec causa Sanctitatis Vestrae et optimorum quorumdam iudicio merebatur 
non tale responsum quod Deo Optimo Maximo in primis acceptum, Sanctitati 
Vestrae honorificum, ipsi vero Magno Duci tanto desiderio exoptatum, suisque 
subditis adeoque rniuersae reipubiicae Cbristinae ita frugiferum et salutare 
fuisset, referre potuero: Beatitudini Vestrae quam nobis ac toti orhi Christiane 
oronipotens Deus quam diutissime incolumen conaerret, me quam deuotissime 
commendo: enixe rogans vti me paterna sua benedictione quo hoc tarn longum 
iter eo foelicius et ingredi et absoluere valeam, impertire dignetur. 

Sed nescio qua racione hac mea intentio antequam actum deduceretur : ad 
R m9tmm Cardinalium Saluiati ac Imolae noticiam peruenerit, qui me ad se voca- 
tum monuerunt et hortati sunt, ne a causa desisterem aut re inconfecta discede - 
rem: se enim patrocinium huius negocii suscepturos, Summoque Pontifici ita 
commendaturos, vt t andern remotis obstaculis expediretur, et quumuis hoc inicio 
praestitere, nihil tarnen in ejfectu , eo quod Cardinalem Mapheum ( qui sese 
habita racione iniunctae atque acceptatae commissionis totis viribus huic nego - 
cio opponebat) offendere voluerunt , nihil fuit subsequutum. 

Seqoens Metnorlale elusdem ferme sentencl&e cum superlorl R a> * atque 111 
Cardinallbus Saluiati et Imolae cum Ingredlrentur conslstorlum exblbltum est. 

R“‘ atque III Domini Patroni obserrandissimi. 

Joannes Magnus Moscoritarum Dux etc. a Romano Pontiflce infra scripta petit. 

Recepi MembrumLatinae et Sacrosanctae Apostolicae Ecclesiae et asuinmo 


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S. D. 

T. 


s. I). 
U. 



94 


Joseph Fiedler 


S. D. 

V. 


Pontifice Romano accedcnte Sacrae Caesareae Maiestatis auctoritate Rex dici, ac 
per Universum Orbem Christianum publicari sibique Regia insignia mitti etc. 

Super hac Magni Ducis petitione Caesarea Maiestas ad Pontificem literas 
dedit eas habet apud se R“ u * Mapheus. Joannes Steinbergius XX menses Romae 
procurauit, Reverendissimus uero Fanensis de toto negocio optime instructus, 
ante quinquennium ad foelicis recordacionis Paulum IU. soripsit, atque hoc tem- 
pore Julio UI. rem omnem ita clare atque dilucide exposuit, ut ille non modo 
non negligendam sed primo quoque tempore nullis allegationibus in contrarium 
fortasse adductis obstantibus, expediendam et in consistorio die Lunae post 
misericordias Domini habito Praedictis Cardinalibus Mapheo et Fanensi praesen- 
tibus censuerit mandaueritque. 

Atque in praesentiarnm nihil aliud petitur quam vt Summus Pontifex 
per Ulustrem Comitem ab Eberstain et Joannem Steinbergium Magno Duci signi- 
ficet (a literis Caesareae Maiestatis et Steinbergii procuracione si videbitur 
exordium faciens) se petita concedere veile, quomodo enim alias horum dicti 
fidem habebit Dux Moscus? et si placebit Condiciones aequas et honestas adiungat 
ipso dux cercior factus mittet et tempore Romain suos Legatos qui rem omnem 
conficient. 

Ante dies aliquot R“ u Putheo, Pighino ac nonnullis alijs Cardinalibus 
quaedam Condiciones oblatae sunt, quae iliis atque adeo totius negocii seriea 
vtique placere visae sunt, nec immerito cum illis cognitum atque animadversum 
sit Pium II. Pontificem Maximum et Vigilantissimum vel ultro suos nunctios ad 
Mahometem II. Turcarum Imperatoren) cum literis misisse, quibus illum ad sus- 
cipiendam Christi fidem pie ac sancte hortabatur, tnntum abfuit, quod vitro 
venientem neglexisset, condiciones quarum supra facta est mencio a tergo 
ascripsi. 


Meuiorlale Cardinal! Salulati de hoc negotlo quam optime Instrurto In consistorio 

oblatum. 

R“ # atque III*' Domine obserunndissime. 

Rogo R w,m atque Ill m,m DOminationem Vestram ut negocii Moscouitici plane 
Christiani memoriam habere velit apud Suum Sanctitatem: Vt tandem confici 
possit, vnas peto literas a Sun Sanctitate quibus cercior reddatur Magnus Dux 
Moscouiae, suam Sanctitatem cupere et veile illum membrum Sacrosanelie 
Apostolicae Ecclesiae recipere, ipsumque Regiis insigniis ornare. Vt quam 
primum huc mittat Suos legatos ad iurandum Pontifici et sacrosantae Ecclesi® 
obedienciam et fidelitatem, quae omnia lacius R m * Dominacioni Vestrae, atque 
eciam condiciones a negocio pro vt et Summo Pontifici multisque Cardinalibus 
visum fuit minime alienas exposui. Sua Sanctitas ’iussit istius modi literas 
confici ac mihi tradi. Quid uero Cardinalem Mapheum raoueat quod eas non 
conficiat ipse nouit. Cuperem igitur a Suae Sanctitatis Sccretario Carpcn- 
toratensi, illas scribi ac mihi tradi, vt negocium tandem expediri possit, quod 
quidem huiusmodi est, vt Sanctitati Suae serapiternam laudem ac Vniuersae 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 95 


Rei public® Christiane tantarumque Regionum quibus longe Inteque Duzimperat 
accessione raaximum commodum ac contra Tartaros et Turcas firmissimum 
Präsidium sit allaturum. 

R" atque III“ Dominacioois Vestr© 

obsequentissimus cliens 
Joannes Steinbergius. 

Interim dum hec ita vt prefertur agerentur Cardinalis Map heu 8 subito 
moritur, nec defuerunt, qui affirmare ausi sunt Deum opt. Max . tpsius in hoc 
negocio Moscouitico summa improbitate ac perfidia, eo quod priuatam vtäitatem 
bono publico non sine animce suce dispendio prcetulisset ita ultum esse, qui me 
eciam vt bono animo essem causamque hone minime desererem hortati sunt, su- 
blato enim hoc impedimento eam breui expeditum iri pre se ferebant, suadentes 
r t totum hoc negocium et quovsque in eo progressum quibusue in terminis 
modo versetur, R Domino Sacristano Episcopo N. ac Summi Pontificis Con- 
fessori ad quem me sicuti et fecere deducere vellent , ordine explicarem, illum 
enim pro suo erga Sacrosanctam ecclesiam amore huius tarn sanctee piae ac 
plane Christiane Cause onus et patrocinium non gravatim suscepturum, Sum- 
moque Pontifici ita commendaturum, vt dempta mora tandem expediretur in hoc 
eius conscienciam si opus esset onerando. Quod cum ita factum esset Sacristanus 
re cognita pii ac Christiani hominis officio functus in hoc negocio conficiendo non 
solum quoad suam personam omnem operam collocauit, verum eciam B mmm at- 
que Illustrissimum Tranensem Sacri: Cardinalium Collegii Decanum vt ipse sua 
auctoritate illum penes suam Sanctitatem adiutaret, commouit, qui eciam percepto 
negocio ad ulteriorem meam sollicitacionem et sequentium memorialium exhibi- 
cionem Pontifici persuasit , quod Sua Sanctitas pro confirmacione negocii infra 
scriptas literas quas iam dictus Heuer endiss imus Tranensis ex iussu Pontificis 
ita concipi curauit, vt Magnum Moscouitarum Ducem quam Sacram Cesaream ac 
Romanam Hegiam Maiestatem nec non eciam Polonie Regem se daturam sit - 
pollicita, que eciam nisi mors prefati Cardinalis trani interuenisset , absque 
dubio iamdudum essent expedite. 


Memorltle R~* Cardinal! Tranensl Sacri Deeano In Conslslorlo 13. Septeuibrls anno 

1553 habito oblatuin. 


R** atque III"* Dotnine obseruandissime. 


Quo Vero nunc quod reiiquum est, eciam istae literae ad ineundam cum Sere- 
nissimo Poloniae Rege firmain stabilem atque perpetuam pacem ineundam non 
solum vtiles sed omnino necessariae ad Magnum Moscouitarum Ducem ac ante 
omnia eciam ad Sacram Caesaream et Romanam Regiam Maiestatem etc. mature 
expediantur, id sane aSummo Pontifice nemo melius atque R"“ atque lll"* Domi- 
nacio Vestra obtinebit: si quidem eorum quae ante hac tempore Clementis Papae 
VII. foelicis memoriae acta, facta, et ad praefatum Magnum Ducem scripta sunt 
maiorem testera Ill m * Dominacio Vestra vt quae istis rebus tractandis non solum 
interfuerit sed vt intellexi et praefuerit, habere poterit neminem. Proinde Ill m *“ 


1553. 
13. Sept. 

w. 


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A 



96 


Joseph Fiedler 


1553. 
*. Oct. 

X. 


8. D. 

T. 


Dominacionem Vestrara sumroopere et rogo et obtestor quo hoc negocium Summo 
Pontißci et fide tc diligencit qua hactenus et aroplecti et ita comniendare velit, vt 
tandem cum immortali pontificis laude et summa Saerosanct© Ecdesiae adeoque 
totius reipublicae Chriatianae utilitate et coramodo auum et quem meretur sorcia- 
tur effectum. Id praeterquam quod Deus Opt. Max. III rt Domioacioni Vestrae tarn- 
quam pium acCbristiaoum opus abunde remunerabit eg o quoque hoc ipsum Magno 
Duci et qua debeo diligencit comraemorabo, nihil omnino duhitans, Serenitas 
Sua hoc pro solita gratidudine demereri conabitur. 

Sequltnr aliud eldem Cardinall Tranensl In eenslstorie 3. die aetobris celebrate ditnm. 

Poatquam R*" Archiepiscopus Marcus Anthonius Mapheus etc. iam ex legt- 
cione polonica sit reversus, Summoque Pontifici procul dubio quid in illa causa 
Moscouitica sibi a Sua Sanctitate commissa atque iniuncta effectum sit retulerit, 
Idcirco Ul"*" Dominicacionem Vestram eciara atque eciam rogo, quo hoc nego- 
cium per integrum biennium nunc a me sollicitaturo vt hactenus fecit pro sua 
summa benignitate complectens super hoc cum summo Pontifice loqui alque 
Sanctitati Suau ita commendare dignetur: vt tandem ea racione pro vt ipsi 
Summo Pontifici ac eciam 111"" Dominacioni Vestr© visum fuit, expedTiri possit hoc 
praeterquam, quod Ul“* Dominacio Vestra officio fungetur bono ac se digno 
etiam omnipotens Deus illi hic prospero rerum successu ac posthac perenni 
gaudio cumulatissime remunerabit 

ßiutdem ferme tenoris Memoriale eodemque tempore Reuerendissimo Car - 
dinali Mignaneüo praesentatum est. 

Reliqua memorialia singulis eomütorys Diuersis Cardinaiibus pro cxpedi- 
cione huius negocii tradita , cum sint ferme eiusdem tenoris cum superioribus et 
ob id magis tediosa quam ad instructionem Causae necessaria ea hic lubens dedi- 
taque opera omitto. 

Literae Julfj III. Pentlflcls Max. ad Magnum Moseeultarnm Ducem expedlendae In 
baue sentendam saluo tarnen Suae Sanctitati s bene placlto meliorique Indlcle ex 
mandato Cardlnalls Tranl conceptae sunt 

Salutem et apostolicam benedictionem. Haud sane mediocri nostro ac 
fratrum nostrorum Sanctse Romanse Ecclesi© Cardinalium gaudio et animi 
Istfcia ex literis Dilectissimi filij nostri Caroli V. Romanorum imperatoris 
semper augusti etc. atque idem nobilis viri Joannis Steinbergii nobis facta 
relacione intelleximus, Serenitatem tuam veluti a Serenissimo Basilio quondain 
Magno Moscouitarum Duce etc. Serenitatis tuae progenitore laudabilis meroori© 
tempore Clementis Septiroi Prsdecessoris nostri felicis recordacionis, quoque 
factum accepimus, sumroopere cupere, se suasque Diciones cum sacrosancta 
Romana et Apostolica Ecclesia coniungere atque a nobis memhrum eiusdem 
ecclesi© declarari ac per uniuersum orbem Christianum publicari, Regiaque 
sibi insignia mitti. Cum itaque nostrum qui licet indigni Saluatoris nostri Jhesu 
Chrj vices hic in terra gerimus sit officium, non solum ouem Pastoris sui 
legitimi vocem audientem conseruare ac errantem reducere. Verum eciam 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 97 

nlienam ab ouile omni atudio ac laborc in omnipotcntis Dei laudem orthodoxac 
fidei ac sacrosanct® religionia nostr® augmentum conquirere, equidem Sereni- 
tatem Tuam cum populo sibi aubiecto libenliasiine atque obuiis manibus susci- 
piemus, praeaertim ubi illam pr®dicta aerio et ex toto animo desiderare cognos- 
ecmus, cuiua quidem rei efficacissimum argumentum erit, si cum Serenissimo 
Poloni® Rege Liuoni® Statibus» atque alijs Christianis Potentatibus filijs nostria 
dilectissimis firmam perpetuamque Pacem (id quo fiat non solum Votis omnibus 
exoptamus, sed et Serenitatem tuam in Domino sunimopere et rogamua et oble- 
stamur) iniuerit, vel saltem, quod per ae quominus illa aequia et honestis con- 
dicionibus inita ait non steterit omnibus testatum fecerit, vt ita ex Serenitatia 
tu® ad nostram gregern accessione, Pax quoque Religionis Virtutumque omnium 
atque scienciarum vel vnica alumna nccessisse cum nostra ac bonorum omnium 
vnanimi summaque leticia dici possit, ita enim fiet vt rebus internis in tranquillo 
collocatia doinesticoque timore sublato expedicius alacriusque in Tartharoa 
atqueTurcas communea Christian! nominis hostes Serenitas tua cum alijs Christiani 
Orbis Principibus vnanimiter arma vertere atque inde Dei omnipotentis auxilio 
glorioaam victoriam ac numquam intermorituram laudem reportare possit. Con- 
dicionea autem qu® nobia vis® sunt ®quiores ac dicionibus Serenitatis tu® 
aecominodaciores, lllustri Comiti ab Gberstain et prsnominato Joanni Stein- 
bergio qui Serenitati tu® pr®sentes literas nostras reddituri sunt, dedimus, qua 
si Serenitati tu® atque item qu® supra de firmanda atque in perpetuum stabili- 
cnda pace scripsimus, placebunt, et vbi Serenitas tua ad nos suoa legatos cum 
aufficientibus mandatis totius negocii conficiendi gracia mittet, dabimus omnino 
operam, vt illi intelligant nostrum crga Serenitatem tuam aflectum atque amo- 
rem minime vulgarem sed plane paternum esse. Deus Opt. Max. Serenitati tuae 
propositum intentionem et Consilia ad amplificandam diuini nominis sui glo- 
riam, Sacrosanct® Catholic® Ecclesi® incrementum, Sua ac subditorum suorum 
aniraarum salutem cum prospera rerum administracione gubernet eamque ab 
omni aduersitatc quam diutissime incolumen conseruet. Datum. 

Tltulus Magnl Moscoultarum Duds. 

Serenissimo ac Potentissimo Domino Domino Johanni Vniuersorum Ruthe- 
norum Imperator! Magno Duci ac Principi Volodomeri®, Smolenci®, Inferi®, 
Ingari®, Permi®, Bolgari® Dominatori et Magno Principi, Inferioris Nouogar- 
di®, Cernigoui® Rasani® Volothi® Rostoui®, Jaroslaui® Bellosori® Vdori® 
Obdori® et Condini® etc. 

Gedruckt bei Ciampi, l.c. III. p. 47 mit der vollständigen Dalirung: Datum Rom© 
apud S. Petrum sub annuloPiscatoris die 1. Augusti anno 1550. Pontif. nostri an. 1. — Ein 
anderes Exemplar desselben Schreibens bis zu den Worten: „firmam perpetuamque Paccin“ 
befindet sich ebendaselbst, I. c. I. p. 245 mit derselben Datirung, nur ist dort statt des hier 
innerhalb der Klammern Enthaltenen und des folgenden nachstehende 1 !* Passus: „Condi- 
tiooes autem qu© nohis vis© sunt ©quiores et ditionibus Serenitatis Tu© accomodatiores 
illusstrissimo Comiti ab Herbestain et pr©nominato Joanni Stembergio dedimus". Dann 
folgen die Bedingungen ron Beil. I. Z. mit Weglassung der zweiten Bedingung. — Das- 
selbe auch hei Turgenev, Hist. Russ. Mon. Bd. f. p. IAO. Nr. CXXXII1. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Rd. I. Hft. 7 


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Joseph Fiedler 


Instruclio Jnlil III. Pontiflcls Maxim! qua breulssline ostendltur qo!4 Illostrls Comes 
ab Eberstain et Joannes Steinberglas suae Sanctitatls nomine enm Magno Mosco- 
ultarum Duce agere debeant. 

Z. Primo summi Ponteficis nomine Serenissimum ac potentissimum Dominum 

Dominum Joannem Magnum Valodomeriae et Moscoiqae Ducem etc. Apostolica 
benedictione plurimaque salute impertire debent, pronamque ipsius voluotatem 
ac plane paternum affectum erga suam serenitatem significare debent subiun- 
gentes quod si Ser. su® in rebus gerendis ac gubernandis pro voto et animi sen- 
tentia succcderent nihil suae Sanctitati vel graciusvel auditu iucundius esse posse, 
ldque ob hanc maximecausam, quod Sanctitas sua tarn ex sacrae C®sare« Maiestatis, 
Reverendissimi Cardinaiis de Fano, et aliorum literis ad ipsam ea de re scriptis, 
quam Joannis Steinbergij procuratione cogaoucrit, Serenitatem Suam Patris sui 
Basilii Laudatissiniae memori® vestigiis insistentem Sacrosanctae Apostolicae ac 
latinae Ecclesiae subscripere (sic),ac modo sibi aequaeCondiciones adhoc propo- 
nantur, et quodmembrum eiusdem suscipi Regijsque insigniis ornari debeat certo 
confirmelur sese vna cum subditis suis ei conjungere Teile, in quo quidem tarn 
sancto proposito vt Deus Opt. Max. suam Serenitatem quo hoc ad optatum 
finem cum suo simulque omnium Christianorum summo commodo vtilitate atque 

. tranquillitate foeliciter deducere queat, confirmet Suam Sanctitatem seduio 
oraturam ac ouem vitro venientem, non modo non neglecturam, sed tamquam 
desideratissimam obuiis vlnis amplexuram, adeoque in toto hoc negocio se ita 
exhibituram, vt res ipsa testetur Suam Sanctitatem omnino Suo functam officio 
et in his omnibus nihil aliud, quam Dei omnipotentis gloriam Sacrosanctae 
Ecclesiae Apostolicae propagacionem ac ipsius ducis et Subditorum suorum 
communem nobiscum animarum salutem spectasse et quaeaiisse dummodo sua 
Sercnitas eciam sequentibus condicionibus vt honestis aequis pijs ac in com- 
munionemtotius ChristianaeReipublicae vtilitatem tranquilitatemque vergentibus 
annuat atque subscribat. 

Et quidem primo vt sua Serenitas cum Serenissimo Poloniae Rege, 
Liuoniae Statibus atque alijs finitimis et Christianis principibus, propter raciones 
in literis suae Sanctitatis ea de re ad ipsam datis pro parte expressas stabilem 
atque perpetuam pacem iustis tarnen atque honestis condicionibus interuenien- 
tibus ineat, ita fiet, vt ipsi inter se firrna pace fruentes facilius commodius 
etexpeditius in nefandos agrorum cominunium depopulatores Tartharos etperpe- 
tuos Christiani nominis hostes Turcas arma vertere et se suosque a pestiferis 
illis ac quotidianis ferme incursionibus defendere ac in tuto collocare possint. 

Quo facto consequens erit vt Magnus Dux Joannes Rex a Summo Pontifice 
appellandus ac per Vniuersum Orbem Christianum publicandus primo quoque 
tempore, mittat Romam suos Legatos cum mandalis publicis, iurandi fidelitatem 
et ohodientiam cidem Sanctitati Suae et Sacrosanctae Romanae Ecclesiae qui 
Rex coronabitur a primate Rcgni, Archiepiscopo Moscoucnsi nomine Pontificis 
Romani iurabitque Rex, et pro tempore eoronandus in manus dicti Primalis 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 99 


fidelitatem et obedientiam Sanctae Roraanae Ecclesiae et mittet primo Corona- 
cionis anno Romain suos Legatos ad iurandam Pontifici obedientiam. 

Item quotieacunque contigerit vacare Sedem atque alium eidem legitime 
prefici Pontificem teneatur tune existens Rex Moscouitarum more aliorum Chri- 
stiani orbis Principum et Potentaturo, mittere io primo Pontificatus anno Romam 
Suos Legatos ad iurandum obedienciain et fidelitatem Pontifici Electo et 
Coronato, 

Item ut Primas Regni Moscouitici eligatur vel conslituatur hue vsque 
obseruato more, ita tarnen, quod ille teneatur confirmari a summo Pontifioe et ab 
eodem Pallium recipere/Eritque is* eonfirmatus primas Regni et Legatus natus 
sanctae Romanae Ecclesiae qui confirmandus vel ipse praesens vel per suum 
procuratorem legitimum, fidelitatis obedientiaeque iurabit iuramentum. Caete- 
rum ob loogiaquitatein Prouinciae Moscouiticae Is primas eonfirmatus pallia 
dakit Dicionis illhia omnibus Archiepiscöpis, atque alios episcopos electos 
vel canonice constitutos confirmabit, et ah eisdem in confirmacione eiusmodi 
siue Pallii tradicione recipiet iuramentum fidelitatis et obedienciae Summo Pon- 
tifici Romano in perpetuum praestandi et sibi tamquam Legato Nato dictae Ro- 
manae Ecclesiae. 

Item dabunt omnem operam idque se facturos iurabunt, cum Princeps Mos- 
couitarum tum Primas Regni, ut Moscouitana Ecclesia, quanto citius et tranquil- 
lius fieri possit, conveniat atque vniatur cum Sacrosancta Apostolica Ecclesia 
matre omnium totius Orbis terrarum Ecclesiarum. 

Praeter hic enumeratas condiciones nihil licebit praefatis Comiti Eberstain 
et Joanni Steinbergio ad Magnum Ducem profecturis Summi Pontificis nomine 
cum Sua Serenitate agere, nisi si quae erunt res huiusmodi, quae nonnisi in 
cuidentem Sacrosanctae Ecclesiae vtilitatem et honorem vergi possint vel ad 
erigendam stabiliendamque inter dictos potentatus ac Livoniae ordines firm am 
pacem idonea atque accommodata visa fuerint. 

Ein Fragment dieser Instruction bis zu den Worten : — „luto collocare possint* 
befindet sich beiTurganev; Hist. Russ. Mon. I. p. 139, Nr. CXXXII. 


Julius III. Pontifex Maximus ad Archleplscopuiu Moscsulensem. 

Salulem et Apostolicam benedictionem etc. Quamuis ea quae Superioribus A A. 
annis a Serenissimo Principe Basilio quondam Magno Moscouitarum Duce augu- 
stae memoriae penes praedecessorem nostrum Clementem papam VII. foelicis 
recordacionis, de Moscouitana ecclesia cum hoc sancta Apostolica et latina 
Ecclesia coniungenda facta et agitata fuerint, ac modo apud nos Serenissimi 
Principis Vestri Joannis: (vt qui charissimo progenitori Suo praefato Duci 
Basilio non modo in Regno, sed et Religione quantum intelligimus succedere 
flagitat) denuo nunc procurentur sollicitenturque: Tuae fraternitati esse quam 
notissima minime dubitemus. Praeterea tarnen eam et de nostra hac in re sen- 
tentia et quibus mediis praedictam Unionen) et Religionis nostrae ab utraqui 
parte concordiam commode atque cum summo Principis vestri et omnium Chri- 

7 * 


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100 


Joseph Fiedler 


stianorum Potentatnum ac Statuum tranquillitate nostrorumque omnium anima- 
rum salute inchoari ac foeliciter perfici posse senciamus. Tuam fraternitatem per 
Illustrem Comitem ab Eberstain ac nohilem Virum Joannem Steinbergium (qui 
illi praesentcs exhibituri sunt) cerciorem reddere voluirous rogantes, quo eos 
nostro nomine non grauatim audire et in hoc plenam fidem tribuere, adeoque 
ipsum mngnum Ducem, vt in tarn Sancto proposito grauiter pergere, ac 
monitis nostris vt piis ita et fidelissimis de ineundo cum Poloniae Rege, Liuoniae 
Statibus, alijsque Christianis Potentatibus filijs nostris dilcctissimis stabili 
perpetuaque pace non grauatim annuere dignetur, veluti optime poterit, 
ac tuam fraternitatem pro sua aequanimitate summa cum diligentia facturam 
nobis pollicemur, modis omnibus et inouere et hortari velit, ita futurum con- 
fidimus, ut pace hoc modo constituta ipsi arma sua coniiungant, et pocius in 
intideles Thartharos imanesque Turcas Christiani Sanguinis perpetuos hostes, 
quam sui ipsius Yiscera unanimiter conuertant, quibus mediante diuino auxilio 
superatis tandein pacis exoptatae commodis foeliciter perfrui possint In hoc 
fraternitas tua praeterquam quod illi et honori et magno vsui futurum eri t, se 
digno pio ac plane Christiano .... 


Elusdetn Pontlficls Jullt ad Sacrarn Caesareara Malestatein Literae. 


BB. 


Salutem et Apostolicam benedictionem etc. Dilectissime filj, quantain animi 
leticiam nobis ac R mia fratribus nostris Sanctae Romanae Ecclesiae Cordinali- 
bus tune Maiestatis literae de Magno Moscouitarum Duce, una cum populo sibi 
subiecto, in gremium Ecclesiae (quod redeuntibus, imo etiam alienis ab ouile 
nullo vnquam tempore clausura esse debet) suscipicndo attulerint, Verbis satis 
consequi non potest, quod Deus Opt. Max. rem tanti momenti, adeoque Vniversae 
reipublicae Christianae tarn magno usui futuram, et io lies superioribus annis 
licet sine aliqua fruge agitatam nunc demuin sub nostro Pontiticatu idque potis- 
simum tuae Maiestatis patrocinio fidelissimo ad efTectum deduci Veile videatur, 
Id circo eciam statim atque ex Maiestatis tuae literis et Joannis Steinbergij 
ipsius Magni Ducis Cancellarij relatione negotio eognito, ld primo quoque tem- 
pore et quidem anno elapso expediendum commisimus, qua vero ralione acci- 
derit, quod hoc ipsum antequam ei extrema manus imponeretur ad Serenissimi 
Poloniae Regis notitiam peruenerit nos fugit , qui quidem Rex ad nos literas 
dedit, quibus licet hanc rem piam, ac plane Christianam esse fateretur, rogauit 
tarnen ne nisi sc prius audito expediretur, et quamuis non ita multo post quo- 
que suum oratorem hac ipsa de caussa ad nos destinauerit et etiam nönnulla, 
quamobrein Magno Duci petita non concedenda putarit in medium adferri 
curauerit, ea tarnen non ejusmodi Visa sunt, quod rem, cum ad defendendam, 
tum quoque propagandam religionem nostram, quam sancti Apostoli ac Mar- 
tyres semper vita pociorem duxerunf, ita utilem impedire deberent, praesertim 
cum ex hac nostra Concessione Potentiae Magni Moscouitarum Ducis nihil acce- 
dere neque decere vel eciam vllatenus in prueiudicium Poloniae regis redundare 
possil, imo quod praeterea eciam in bona spe summus btiius rei oceasione fir- 
mam atque perpetuam pacem equis medijshonestisqueconditionibus inlervenion- 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 101 

tibus: inter Poloniae Regem et praedictum Magnum Ducem constitui posse, ut 
ita omni odio et simultate si quae unquam intercesserint penitus sublatis ipsi 
inter se concordes viribusque conjunctis pocius in nefandos grassatores Tar- 
tkaros, atque indictos Christiani nominis kostcs Turcas, qui sacrosanctam Dei 
Ecclesiam misere lacerant quam in sui ipsius Viseera unanimiter arma vertant, 
id quo fiat aequidem nihil laboris aut diligentiae praetermittemus, sed utrumque 
tarn Poloniae Regem quam Magnum Moseouitarum Ducem sedulo monebimus 
atque hortabimur, Jam Tua Majestas nobis exoranda est, uti nobis opitulari et 
hanc causam eo quo ceperit animo promovere, Dilectumque filiutn nostrum 
Ferdinanduni Romanorum Hungariae ac Bohcmiae Regem etc. Fratrem suum 
longe charissimum quo hanc causam per se piam et amplissimi cuiusque viri, 
adeoque eciam Regiae Suae Maiestatis fauore et patrocinio longe dignissimam 
pro singulari ac innata sua aequanimitate atque amore quo sanctam apostolicam 
Ecclesiam prosequitur amplecti : Suaeque Maiestatis Genero Poloniae Regi ita 
commendare velit, ne ipse nobis praesentem occasionem Sacrosanctae Ecclesiae 
tarn insigni membro, adeoque eciam cum Suae Serenitatis atque omnium Chri- 
8tianorumcommodosummaquetranquillitateaugendae v elabiatqueefifluercpaciatur 
sed totis viribus pocius promoueut, suisque scriptis id quod etnos facturi sumus 
ad hoc sedulo etmoncre et hortari velit. Hoc praetcrquam quod Mattas Tua sibi 
hac racione praelibatum Magnum Ducem perpetua ainiciciae necessitudine de- 
vinctum reddiderit eciam omnipotens Deus cuius est haec causa illi procul dubio 
hic dexteritate vilae prosperoque rerum succcssu et posthac pcrenni beatitudine 
abunde rcmunerabit. 


Elnsdetn Julij III ad Ferdinandum Roiuanonnn Regem Literae. 

Salutem et Apostolicam benedictionem etc. Dileclissime iilj. Quid Magni 
Moseouitarum Ducis nomine superioribus annis a praedecessoribus nostris prae- 
cipue vero Clemente VII. foelicis recordationis petitum sit et modo eciam a nobis 
petatur hoc Mait. tua praeterquam quod ei alias satis animadversum esse 
putamus, partim ex Caesareae Mait. fratris tui amantissimi literis ad nos ea de 
re datis (quarum exemplar siue Copiam ut vocant hisce inclusam Mait. tuse 
transmittimus) partim eciam Joannis Steinbergij ipsius Ducis Canccllarij qui 
Mait. tuae has literas nostras redditurus est relacione si videbitur intelligere 
poterit. Cuius quidem rei plane piac ae Christianae magnitudinem cum Summa 
utilitate coniunctam, si Mait. tua pro summa sua prudenlia vt ineretur ad animi 
'udicium reuocauerit, aequidem facile videbit, praesentem et tarn magni motnenti 
occassionem rei bene gerendae, nempe quae viribus vestris cum Magni ducis 
coniunctis adv e rsus intidcles Cythas ac Turcicam rabiein illa ex parte nobis ac 
uniuersae Christianita ti firmissimum praesidium tulissimumque propugnaculum 
abunde polücetur, neutiquam rejieiendam, sed vltra oblatam obuijs manibus 
cxcipiendam atque amplectandarn esse: ldque adeo mngis, quod ex hac nostra 
concessione Potenciae Magni Ducis nihil quiequam accedere, neque eciam 
Poloniae Regis(vt hanc vlterius remoraretur) decedere aut nostro quidam iu- 
dicio ipsi vllum praej udicium parcre poterit sed re bene considerata utrisque 


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Joseph Fiedler 


non solum ad tuendos verum etiam propagandos fines suos maximopere profutura 
ait, siquidem vel hac sola occasione, firma atque perpetua pax (quam praede- 
cessores nostri tanto studio procurarunt) inter ipsos constitui atque atabiliri 
possit, id quo fiat sane pro virili totisque viribus annitemur, nobia certissime 
persuadentea Maiestatem tuam omni sinistra suspicione si forsan qua moueri 
possit penitus semota idem sedulo facturam , et tarn Poloniae Regem Generum 
ut aui amantissimum ita et obsequentissimum quam ipsum Magnum Ducem pro 
mutuailla amicitiae necessitudine, quam sibi iam olim cum ipso intercessisse 
percepimus ad hoc diligeutissime bortaturam, quo consequuto futurum spcra- 
mus ut omni odio ac simultate penitus sublata , ipsi firma pace fruentes vnanimi 
conaensu arma in foedissimoa agrorum comrounium depopulatores Tartharos 
ac crudelissimos Cbristiani nominis bostes Turcas conuertant, Id faxit Deus 
Optimus Max: qui Sacrosanctam Ecclesiam Suam tarn care partam: pro immensa 
potentia, gracia ac misericordia sua, defendat et adaugeat, Mait tuam in pro- 
apero rerum successu ab omni adversitatequam diutissime incolumen conseruet. 
Datum Romae etc. 

Efusdeiu Julij III. ad Serenissluiuin Poloniae Regein Literae etc. 

DD. Salutem et Apostolicam benedictionem etc. Dilecte filj. Expeditionem negotij 

Moscouitici: quae superioribus annis penes praedccessorem nostrum Clementem 
septimum pie memoriae fuit sollicitata, et nunc apud nos denuo sollicitatur, 
partim Serenitatis Tuae literis ea de causa ad nos datis partim etiam ijs quae 
postea ab oratore tuo allata sunt adducti : eam hucusque et per integrum bien- 
nium distulimus, nobis persuadentea interim Serenitatem Tuam de huius rei 
magnitudine quae nobis ac universae Reipublicae Christianae tan tum spei atque 
praesidij cum ad tuendam tum eciam propagandam religionem nostram allatura 
sitadmonitam, eam qua par estbenevolentiaamplexuramacpromoturam.Caeterum 
cum longe aliter euenire intelligamus et praeterea quoque consideremus nos 
ratione incumbentis officij non solum ouem pastoris sui legitim! vocem audientem 
conseruare v<jrum eciam vestigijs Sanctorum Apostolorum religiöse insistentes, 
vitae quoque periculo subeundo alienam ab ovile sumtno studio conquirere de- 
bere, id quod eciam absque dubio Pium secundum praedccessorem nostrum foelicis 
recordafionis commouit, quod Machometem II. Turcarum lmperatorem non ob- 
stante quod eo ipso tempore tot regna ditiones Civitates et oppida Cristianis 
violenta manu eripuerat, atque sub Tyrannidem suam redegerat, ut fidem Christi 
et religionem nostram amplectaretur missis ad eum legatis, pie ac sancte hör- 
tatus sit, Proinde Serenitas tua iam vel sine Monitore intelügere poterit, quod 
omnino nulla vel saltem probabili de causa praesentem oceasionem huius sanctae 
sedis taminsigni membro augendae negligere, aut diutius suspendere, sed vitro, 
oblatam, modis omnibus amplecti, ac primo quoque tempore expedire conueniat, 
idque eo magis, quod hac nostra concessione Magni Ducis potentiae nihil acce- 
dere neque eciam tuae quicquam decedere aut vllum praejudicium parere possit 
imo veluti ex sequentibus patebit, ad vires vestras vtrimque augendas maximo- 
pere profutura sit, eo quod in bona spe simus hac vel sola racione quoque 
stabilem, atque perpetuam pacem in qua procuranda praedecessores nostri vt 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 103 

eonstat usqne adeo fuere solieiti, inter tuam Serenitatem : et Magnum Moscoui- 
tarura Ducem aequis conditionibus intercedentibus prius eonstitui posse, qua 
fruentes omnique simultate et odio si quod unquam interuenerit penitus seposito: 
armisque restris coniunctis ea pocius in nefandos Tartaros (qui subditis vestris 
in deformem seruitutem abductis, Comunes agros, recentia incendijs atque ra- 
pinis obnixe foedant, perpetuo depopulantur) ac immanissimos Christiani 
sanguinis perpetuos hostes Tureas, sanctamque Christi Ecclesiam miscre in- 
festantes, quam viscera vestra vnanimiter conuertatis, Ita futurum erit: quod ab 
utraque parte non solum fines restros a quotidianis ac pestiferis illis incursioni- 
bus defendetis, sed deo foeliciter aspirante devictis hostibus et propagabitis, 
quo circa nunc Tuae Serenitatis erit occasionein hanc rei tarn bene gerendae 
non modo non negligere aut aspernari, sed aequas pacis condiciones modis 
omnibus et proponere et propositas vicissim suscipere, Quantum ad nos attinet 
Magnum Ducem sedulo et donec rem omnem confeccrimus monere et hort&ri non 
desistemus. Omnipotentem Deum enixe rogaturi quo pro immensa sua bonitate 
nostros conatus in hoc ad amplificandam Diuini nominis sui gloriam dirigat, 
nobisque riam huius rei foeliciter atque tarn Serenitatis Tuae quam omnium 
Christianorum summo commodo ac tranquillitate nec non ipsius Magni Ducis et 
subditorum suorum communi nobiscum animarum salute conficicndae common- 
stret Tuamque serenitatem in prospero rerum gubernandarum statu quam diu- 
tissime conseruet. 

Aos der dem span. Original beiliegenden gleichzeitigen Abschrift im k. k. geheimen Haua- 
archire. 


II. 


Breve P. Clemens VII. an den 6rossfnrsten Vasilji Ivanovic von Moskau 
1524. 25. Mai. Rom. 

Exfutplutn hreuls sanctisslml dnl nostrl elementis septlml ad ducem Moscoulf 
Clemens pp VII« 

Dilecte fili salutem et apostolicam benedietionem locutus est nobiscum 
Dilectus fiiius paulus centurio ciuis Genuensis de nobilitate tua plurimum 
eaque narrauit que partim antea noueramus partim quf nosse et intelligere ma- 
gnopere desiderabamus: nam eximiam virtutem tuam et in omnibus arduis rebus 
magnitudinem auimi splendoremque dignum tanti principis gloria habebamus 
nos jarapridem cognitum quod uero ut ipse paulus nobis retulit optima mente et 
voluntate erga rempublicam Christianam et apostolicam hanc sedem esses ali- 
quamque inter nos coniunctionera arctioris vinculi et beniuolenti$ quam nos 
omni affectu optamus, Tu quoque non aspernaturus esses, hoc nobis supra om- 
nia audire et cognoscere fuit iocundissimum, presertim cum memores apprime 
simus quam erga te amicam et beneuolam seroper gesserimus voluntatem : Nam et 
tempore felicis Recordationis alexandri pap® VI. pr^decessoris nostri cum tui legati 
componendarum (ut audiueramus) rerum causa in vrbc roma versarentur mag- 
num dolorem accepimus nihil fuisse concluaum et deinde pie memorie leone X° 


1524. 
25. Mti. 


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104 


JosephFiedler 


predeccssore et fratre patruele nostro universalem ecclesiam regentc cum ali- 
quantum apud ipsum auctoritate valeremus: recordamur cum magna spe et 
letitia nostra non semel ab eo ad te amicissime atque humanissime scriptum 
fuisse quo etiam temporis idem paulus ipsius leonis literis in sui comendationem 
ad te allatis multa se a liberalitate consecutum fuisse affirmat. Sed hoc 
sanctum amoris et amiciti^ fedus, quod tibi cum apostoiica sede intercedere op- 
tauimus semper si summus et omnipotens deus concederet nobis ut nos ipsi 
tecum ad ipsius dei honorem et communem utriusque nostrum voluptatem face- 
emus: profecto tanto nos diuinitus beneficio affectos arbitraremur: quo maius 
ullum u« desiderare possumus tibi uero et benignitati tu$: si te nobis facilera 
et promptum pr^beres: perpetuam gratiam deberemus. Cum igitur nobis paulus 
affirmarat se iterum ad nobilitatem tuam veile reuerti has omnino ad te literas 
dare decreuimus quas siue per manus pauli siue alterius cuiusuis accepturus 
esses quia propter longinquitatem itineris et vi$ discrimina unius hominis salus 
sepe periditari potest hortamur et oramus nobilitatem tuam, ut amico animo et 
benigna mente legas et perspicias nostrasque pr^ces et promissiones ita ad 
animum tuum propitia voluntate sinas peruenire si ex uero amoris affectu et ex 
nostra paterna erga te mente et caritate procedere videbuntur. Nos tili caris- 
■me ita amauimus semper nobilitatem tuam propter virtutis famara animique 
prestantiam ut nihil ardentiusoptaremus quam te esse in communi sententia nobis- 
cum cum aliquo cristianitatis corpore et presertim cum sede apostoiica omnibus 
rfebus unanimem atque coniunctum qvod adhuc factum est (superiorum tem- 
porum ut potuimus intelligere) culpa: Nunc vero diuino admirabili beneßtio 
sedem petri obtinentibus, quid caus$ esse debeat cur tu nobis amicitiam et 
societatem tuam sitientibus non pari studio amoris respondeas, ac tanto desi- 
derio nostro modo humanitatem tuam accomodes: Nostra dignitas eiusmodi 
est: et ita in excelso posita ut multi pares tui maximum illi honorem habere 
soliti sint Sed nos qui uere Christi vicarij esse cupimus a quo humilitatis exem- 
plo imprimis sumus eruditi omnem nostram dignitatem non in expectando ut 
rogemur: sed in rogando et precando ponimus, si modo nostra deprecatio Deo 
accepta sit illis ipsis, quos rogamus utilis et honorißca, hoc igitur animo petimus 
atefili carissime utcontra? nos eum affectum prebeas:in federe quidemet amici- 
tiam equalem et tanquam fratrem : in aroore filium sicut te nos paterna caritate 
desideramus complecti quod si deo meutern tuam recte inspirante nobiscum et 
cum sancta sede hac unanimis esse institueris ut siue per nuntium tuum hoini- 
nem a te electum cui conßdcre possimus siue alia quapiam uia et ratione de 
tua optima erga nos mente et parata nostris desideriis voluntate nos certiores 
efleceris intelliges et re ipsa experiere: Nos tantam gerere tui honoris et tue 
amplificande dignitatis curam ut nunquam te in hoc coosilium cogitationemque 
ineunde nobiscum amicitie et coniunctionis venisse p^niteat sicut supradictus 
paulus aut pro eo aliquis alter tecum copiosius loquetur cui fidem iu bis habere 
eum tua gratia et benignitate prosequi non grauaberis. 

Datum rom^ di XXV, maij 1524. anno primo. 

(Sanuto. 3b. io fine.) — Gedruckt bei Ciampi, 1 c. 1. p. 233. Ex MS. Barbe- 
rino 1Ä97. 


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Eil» Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 


III. 

Memoire des Herzogs Radezivil, Botschafters K. Sigmund’s von Polen, 
an K. Ferdinand I. 

Stert ac Ser“* Regia Ma u ‘ Dttnine Due Cleiueotisslme etc. 

Factus est non ita pridern certior Ser““* Rex meus Principem Moschorum 
diadema et titulos regios a Cesarea Ma ta pelcre, quos quin nisi se catholicae 
apostolicaeque sedi coniungat, consequi forte nullo modo possit, id quoque 
eum faeere decreuisse, ae ea de re Caesaream Ma fe “ ad S ma “ D. N. diligenter 
scripsisse, postulate, ut is in gremium Ecclesiae assumatur. 

Quae res quia et ante hac, cum a patre, tum a plerisque alijs ipsius Moschi 
maioribus sit omnibus modis affectata. non niiratur quidem Ma u * sua, id nunc 
quoque Moschum tarn diligenter conari, sed quod homini isti, cum quo grauis- 
simaa iustissimasque inimicitiarum causas bähet. Caesarea Ma u * tantopero 
faueat , ac tantam de eo regia dignitate ornando curam agat in eo maxima 
admiratione vacare nullo modo potest. 

Nain quod multae ac variae etedemque maximae necessitudinis causae, arc- 
tissimaque amoris et conjunctionis vincula cum Inelyta domo Austriaca M' 1 
intercedant ac foederis prseterea mutui sanctissimae pactiones illi acccsserint, 
que omnia illius M u * summa religione tueri et conseruare non modo non 
destiterit unquam, verum etiam summa quaeque obseruantissimi et beneuolen- 
tissimifratrisofficia ad colendam confirmandamque muluam amicitiam accommo- 
data Caesareae suae Ma“ caeterisque eius famiiiae omnibus praestare atque 
declarare semper summopere studuerit, existiinat parem sibi quoque in ea 
nunc re referri debuisse gratiam, ut de istis hostis sui conatibus per Caesaream 
M**" fieret certior, et ij ipsi conatus ab ea ratione nulla iuuarentur, quibus 
iuuandis ac prouebendis uirium quidem nihil, caeteruin ferociae confidentiae- 
que nonnibil , spe seu uanapotius, vt quidem Ser“ 0 * Rex meus credit fauoris 
Caesarei iactatione accessura esse illi genti contra eius M‘ rm videatur. 

Postulabant id cquidem communia utrinque amoris et coniunctionis sua- 
rum Maiestatuni vincula, postulabant e® leges, quas in amicitia constanter 
colenda, sibi invicem seruanda imposuerunt et quas M (a> regia ita semper eusto- 
dienda esse oxistimauit, ut nihil eorum, quae ad M‘ ew Caesaream pertinere vi- 
derentur non celerrime perferri a se debere ad ipsius M‘ r “ putaret, denique 
postulabant id etiam ipsa foederis icti prsescripta, quibus diserte cauetur ne al- 
ter alterius hosti, ulla se ratione , uel fautorem, uel adiutorem prsebere in 
auimum inducat. 

Nunc autem, quod accidisse secus ad Reginm M u * perferatur non potest 
id quidem M Ut ipsius non cum dolore ferrc, sed tarnen Caesaream M‘ ,m de qua 
sibi omnia, quse de coniunctissiino amicissimoque iure debent, pollicetur, tan- 
quam non ex equo voluntati erga ipsam sme respondentem aut minus tenacem 
foederis et amieUtte-secum mutuo initae, non incusat, sed obreptum esse in boc 


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106 


Joseph Fiedler 


M u illius aliis grauissimis occupationibus distracte arbitraretur , idque aiue re- 
ligionis et Ecclesie Catholice finium propagandorum pretextu siue specie 
auxilij contra Turcam a Moscho forte promissi. 

In quo si Cesarea M u> religionis Christiane propagande studio adducta, 
Moschum forte adiuuat, est quoque Regie M u idem prorsua animus atque uo- 
luntas, ut nomenChristianum eccleaiamque Dei, maximis quibuaquepopulorum ad 
unitatem religionis sese adiungentium accessionibus augeri propagarique uehe- 
menter cupiat; eamque ob causam non solum non impediturns, verum etiam 
sumraopere adiuturus fuisset Moschum» si eum religionis et coniungendi Eccle- 
sie desiderio duci potius quam falsam religionis speciem ambitioni sue prete- 
xere » et si non simultatem » certe scrupulum aliquem atque suspitionem 
alienatorum animorum inter se et Cesaream M lm injicere veile crederet. 

Sed profecto hoc est semperque fuit Moschorum et omnium Russorum 
ingenium atque natura» ut nihil in vita, quam Romane Ecclesie religionem qui- 
que eam rctinent, maiori odio ex professo prosequantur» semperque prosecuti 
sint» et nihilominus tarnen» ut optatum diadematis titulorumque regiorum 
splendorem» uel hac ipsa religionis specie pretexenda, aliquando tandera adi- 
pisci possint, non dubitent id quod unum omnium maxime execrantur» susceptu- 
ros se amplexurosque polliceri » cum neque id quod polliceantur prestare 
soleant, nec diutius quam potiantur optato» promissorum et iusiurandi religione 
teneantur, quod plerisque et quidem illustribus exemplis possit sine ncgotio 
confirmari. 

Iam uero contra Turcas nemini Christianorum Moschosauxilio unquam esse 
futuros, inde satis constare potest» quod non solum sint ceteris Christianis a 
se dissentientibus infensissiihi, eosque quoties aliquibus pijs bellis occupati sunt, 
impedire et a pio studio retrahere conantur, sed etiam quod tanlo a Turcis di- 
stent locorum interuallo , ul si maxime etiam aliquando , forte contra ingenium 
suum vellent, non possint tarnen incoluinen exercitum ad confligendum cum 
Turcis educere. Nam si per ditiones Majestatis Regie ipsius etiam permissu 
iter facere vellent, longissimus is maximeque implicitus et proptcrea diu- 
turni temporis circuitus esset, preter quem nullus alius transitus est» nisi forte 
per vastissimas Scytbarum solitudines, qoas tarnen armis peruias sibi facere 
necesse haberent, obsistente gente ea, que cum Turcis religione consentit, 
Moschos autem ipsos usque ad patrum nostrorum memoriam tributarios habuit. 

Accedit etiam et illud quod Regia Maiestas nunquam illum per ditiones 
suas cum exercitu transire pati posset, presentim cum ea gens uiuere rapto 
consueuerit iniuriasque passim qua transit inferre soleat, populi uero Maiesta- 
tis ipsius sint iniuriarum impacientissimi, ita ut in ipso transitu sit Moschus cum 
Ulis satis et belli et difficultatum habiturus. 

Ob quas quidem causas maiores Maiestatis ipsius impedire hanc Moscho- 
rum ambitionem summo studio soliti sunt, ac alii quidem alijs modis ei obsti- 
terunt, Diuus autem Sigismundus parens Maiestatis ipsius non solum grauibus 
uerisque rationibus apud christianos Principes Moschi conatus impediuit, sed 
armis etiam contra eum sumptis inuisam esse Deo vanam relligionem foelici 
victorie successu docuit. Diuusque Maximiüanus Sacre ac Ser”* Regie Maie- 
statis auus, quamuis Basilio Moscorum Duci, huius qui nunc Moscouiam obtinet 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 107 

Patri, diadema itidem per similem religionis speciem affectanti, auxilio esse 
statuisset, tarnen re explorata et probe a Principibus Moschouiae vicinis roaximc- 
que roajoribus Maiestatis ipsius comperta atque cognita quantopere scilicet in 
ritibus suis scismaticis amplectendis pertinax et a Romanse ecclesi« doctrina, 
auersa atque aliena ea gens esset, tum quam esset ad deficiendum recidendum- 
que propensa et parata, non solum auxilio et authoritate adesse deinceps non 
voluit, verum etiam modis omnibus, illi ipsi Basilio, ne quod ambiebat conse- 
queretur, obstitit. 

Quod idem cum hsec quoque Csesarea Maiestas propter varias magnasque 
necessitudines, quse illi totique Domui Austriacse cum ipsius Regia Maiestate 
intercedunt et propter antegressa maiorum suorum exempla merilo facere debere 
videatur, posteaquam authoritate sua Moseho patrocinari dicitur, nemini id 
alteri ipsius Regia Maiestas significandüm putauit, quam Sacrse Maiestati 
Yestne, fratri nimirum Csesarese Maiestatis germano, cum quod non in soceri 
magis quam Patris loco Sacram Maiestatem Vestram habest, tum quod ipsius 
obseruatissima sit, amorique et beneuolentise illius paternse magnopere confidat. 

Quapropter rogat Ser"" Rex meus plurimum si Sacrse Regise Maiestati 
Yestrse constat, Csesaream Maiestatem scientem prudentemque nulla Maiestatis 
ipsius ratione habita id facere Regia Maiestas Yestra vti iudicaret, an tantis 
amicitise vinculis, tantis et tot necessitudinibus, quse Maiestati ipsius cum in- 
clyta Domo Austriaca intercedunt, satis ab ipsius Csesarea Maiestate fiat. 

Si autem Sacra Regia Maiestas Yestra existimat (quod Serenissimus quo- 
que Rex meusipse existimare sibique persuaderemavult) Maiestati Caesarese non 
aliud esse propositum, quam ut Ecclesia Romana Moschicse nationis ad Chrislia- 
nismum aecessione augeatur, minus id quidem Rbgise Maiestati ipsius dolen- 
dura erit eo nomine, sed prsemonet tarnen et prsedicit Maiestas illius, aut non 
facturum esse Moschujp id quod pollicetur, licet adeo simulet, aut certe non 
diutius seruaturum quam voti compos fiat, cui cum sit Maiestatis ipsius hostis, 
nihilominus tarnen Csesarea Maiestas non minimum fauoris exhibere in eo conatu 
videtur. 

Itaque rogat Ser"" Rex meus, uti sacra Regia Maiestas Yestra, Csesaream 
Maiestatem necessitudinis, quse illi cum ipsius Maiestate non leuis neque vna 
intercedit, fraterne admoneat, ct quid eius ipsius causa in huc uunc flagita- 
tione Moschica declarare illi Csesaream Maiestatem oportuerit, vtque deindc 
ita se operamque suam Regia Maiestas Yestra apud ipsius Maiestatem inter- 
ponat, ne Moschus diademate titulisque regijs propter objectam religionis 
speciem exornetur, quo etiam inde Ser""* Rex ineus re ipsa cognoscat, quam 
magni Sacra Maiestas Yestra suam erga se obscruantiam faciat. Quod si sacra 
regia Maiestas vestra Ser"* Regi ineo mittendum esse ea de re ad Csesaream 
Ma 1 *" oratorem ipsius putat, erit id sacra Maiestas illius facere parata quando 
quidem maiores Maiestatis ipsius videlicet Diuus Joannes Albertus, et Diuus 
Alexander patrui, omni ratione apud sanctam sedem Apostolicam , et apud 
alios Christianen Principes similem conatum Moschi impedienduin sibi esse 
putauerunt. 

In quo sperat regia Maiestas ipsius sacram regiam Maiestatem vestram 
pro paterno in se animo id curaturam esse, ut Csesarea Maiestas non modo ne 


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Joseph Fiedler 


Moschi ambitionem authoritate et commendatione sua deinceps adiuuet, sed ut 
etiam propter causas a Regia ipsius Maiestate breuiter eommemorafas, sumrno 
Pontifici ae id ipsum, ut Moscus Rex renuncietur non cupere, imo Diui Maxi- 
miliani aui sui exemplo contrariuin optare ostendat 

Hoc Sacr© Regi© Maiestatis vestr© officium, Ser" 04 Rex meus omnibus 
studijs amiciti© et filialis obseruanti© plenis referre illi summa voluntatis 
promptitudine conabitur. 

A tergo: Copia propositionis Oratoris Poloni Regi© Maiestati fact©. 

Abschrift im k. k. Hausarchive. 


IV. 

Instruction des Königs von Polen für seinen Botschafter an Papst 

Julius III. 
s. D. 

Instructio ad culus pr&scrlptum orator reglus cum summt Pontlfice acturus est. 

Legatione de religione et Anuatis verbis quam modestissimis exposita, 
dicet Orator noster; post disccssum ex Polonia suum, missas esse ad nos 
R al Dni Cardinalis Maphei literas, quibus is nos S ai D. N. voluntate et mandato 
certiores facit, Moschorura Principem diadema titulumque Regium affectare, 
eique ambitioni su©, speciem Religionis, quam se amplexurum, ac in pote- 
statem Sanct© Roman© Gcclesi© concessurum polliceatur, pr©texere, ad eam- 
que rem facilius impetrandam magnis quorundam intercessionibus niti. 

Addit pr«terea S“"“ D. N. de re tarn speeiosa tantisque adiutoribus nitente 
nihil prius statuere uoluisse, quam nostram quoque hae de re sententiam ac 
voluntatem cognosceret. In quo et si nos quidem S al D“ 1 N. pietatem erga nos 
hominesque nostros prorsus paternam agnoscamus, indeque quanti nos faciat et 
quantopere sit de rationibus nostris sollicita manifesto vidcamus, atque eo 
noinine gratos rt nos memoresque cognoscat, nulla simus obseruantissimi filij 
in S Ua eius officia unquam pr©termissuri ; eo tarnen tempore quo nobis R* 1 Dni 
Cardinalis Maphei liter© reddit© sunt, quod in Poloniam ex Lithuania redeuntes 
in itinere essemus, neque de re tanta absentibus consiliarijs nostris delibera- 
tionem susciperc possemus, nihil nos aliud pr©stitisse, quam quod Rev“““ Domi- 
num Cardinalem ut S“° D. N. gratias propterea noinine nostro ageret, remque 
totam Moscouitieam aliquandiu differi peteret, rogauimus, nunc iam, huc 
quum incolumes Dei beneficio venerimus, senatoresque nostros ea de re sen- 
tentiam rogauerimus, 8“ eius nos respondere. 

Ac primum quidem summas nos S“ eius eo nomine gratias agere prorsus- 
que paternum id esse agnoscere , quod quum non ignoraret non parum id 
nostra referre, sciretque Moschi populi ingenium et mores propter ipsam vicini— 
tatem nobis inprimis cognitos et perspectos esse, non solum ßeri nos de re 
tanta voluerit certiores, verum etiam R®'’ D“° Cardinali Mapheo id negotij dedc- 
rit, vt nos adhortaretur, quo diligenter perpenderemus et signißcaremus, qu© 
ad id interesse iudicemus quid nobis populisque nostris expediat , quid reli- 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 109 

gionis christianae acSedis apostolicae rationibus et dignitati conducat quod deni- 
que cum S (i . eius tum caeteris Christianis Principibus maxime gratum futurum 
esse puteraus, Interea uero S‘ # “ eius de re tanta nihil nisi sententia et volun- 
täte nostra cognita statuere voluisse, suinmum hoc et certum ©sse S lia eius 
paterni in nos Regnumque ac ditiones nostras animi testimonium, cuius memoria 
nunquam sit apud nos intermoritura, quin potius omnibus modis nos operam 
daturos et elaboraturos esse, vt (quo gratum animum nostrum in S ( * m eius 
possimus declarare) addictissimam obseruantiam nostram et omnia obsequen- 
tissimi filij officia S u eius cumulate probemus. 

Dicet deinde nihil nobis in tota vita noatra eo gratius nihil optatiusaccidere 
posse, quam si Ecclesia Christianse nomen atque gloria maximis ac creherrimis 
quibusque accessionibus longe lateque propagetur, Ideoque maximum nos 
hoc tempore ex ea re quam Rmus D. Cardinalis S mt D. N. iussu nuncinrit, vo- 
luptatem fuisse capturos si quod tarn speciose prsetexitur, aut non simulate pro- 
mitti, aut quoquomodo promittatur, diuturnum firmumque fore crederemus, sed 
nimirum neque religionis Studio religio prsetexitur, neque id quod petitur, 
religionis rationibus dignitatique conducit. Neque enim verisimile est, Mosch um 
apud quem nihil Romanae Ecclesise pontificisque eius nomen inuisum magis est, 
relicto Grsecorum schismate, veram sacrosanctse Romanse Ecclesise religionem 
uere et ex animo amplexurum aut se propter insitam genti superbiam alicui 
subjecturum, vt eius Maiestatem et authoritatem agnoscat, sed cum insana 
quadam nouorum titulorum accessione ardeat, quos iam sibi nullius authoritate 
usurpat, Caesaremque se appellari et dici vult et hoc nomine magnas cum finiti- 
mis populis contentiones suscipit, ut regio diademate et appellatione ornetur 
promissurum facturumque omnia, vbi vero id quod tantopere ambit consequutu s 
fuerit, ad ingenium rediturum, id nemini dubium videri debere. 

Accepisse enim nos cum ex Annalibus certissimis temporum testibus tum 
exipsis muximorum optimorumque virorum etiam num uiuentium proximeque de- 
roortuorumsermonibus ssepiusiamidipsum ab aliis atque alijsMoschorum Ducibus 
modis omnibus esse tentatum , nunquam tarnen tantum, ut, quod affectabant, 
assequerentur, speciosos eorum conatus eflficere potuisse. Licet enim et Sumrai 
Pontifices, quorum iam ante in re implorabatur authoritas, et nonnulli Christian*! 
Principes, et ii quidem summi, qui Moschis apud sanctam sedem apostolicam 
prsecibus alijsque omnibus modis adiutores se praebuerant, ij fuerint qui nihil 
prsetermittere veile uiderentur quod ad propagandam Ecclesise Romanae siue adeo 
Catholicae authoritatem pertineret: sua tarnen semper Moschis in schismate et 
errorihus mordicus retinendis pertinacia, et in salutaribus uere religionis 
dogmatibus leui qtiauis de causa identidem rejiciendis inconstantia , tantum ad 
huc ad id adipiscendum obstitit, ut eo, quo nunc vires intendunt nunquam 
peruenire potuerint. 

Ambiuisse idem olim eodem modo atque praetextu Danielem Haliciensium 
(quse prouincia non contemnenda pars Russise nunc in ditione nostra sit) Ducem 
et impetrasse ab Innocentio Pontifice Maximo, cum iustissima impetrandi causa 
esse videretur, rnissum esse Opizonem legatum apostolicum de latere, qui ei satis 
ut uidebatur, inslructo in fideCatholica, et sub obedientia Romani Pontißcis se una 
cum suis omnibus fore semper promittenti et ritu solemni iurato diademn impo- 


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Joseph Fiedler 


suerit, sed non diutius eum fidem datam seruasse, quam id, quod coneupierat 
adeptus sit, mox enim dimisso legato eum ad ingenium redijise, et acerbiorem 
etiam quam prius hostem Catholicis ex profesao fuisse. 

Nos quoque ipsi, qui prouintijs et ditionibus nostria Moscouie finitimis 
maximam partein Russiee omnis conditionis homines, quiGraecorum sectsesecta- 
tores sunt, habemus, experientia magistra, quotidie animaduertimus quam per- 
tinax sit ea gens in suis ritibus amplectendis, quam difficulter ab eis auellatur, 
quam inconstanter in uera Romanae Gcclesiae religione persistat, etsi enim ob 
singuläres aliquas rarasque virtutes, dexteritatemque in rebus agendis et merita 
in Rempublieara nonnnllis eorum per nos majoresqae nostros mtgsn interdum 
dignitatis obtigit accessio, quia tarnen ante adeptam dignitatem submittere se 
Romanse Ecclesise Doctrinse atque authoritati illos necesse est, rarissimus est, 
qui non malit contemptissimus uiuere, dummodo illi suos ritus retinere liceat 
quam in excelsissimo quoque honoris ac dignitatis gradu ad Romanam se Ecde- 
siam adiungens collocari. 

Jam uero auorum nostrorum memoria, Isidorum Metropolitam Kiouise, quae 
Metropolis totius Russise et ipsa in Ditione nostra est, publice ad florentinum 
concilium venisse et Romanae Ecclesiae una cum alijs Grsßcis, qui tune aderant 
sese subdidisse, ornatumque galero Cardinalitio ab Eugenio Pontifice cum man- 
datis sedis apostoliese ad eam gentem remissum esse, cum autem ad Moschos 
peruenisset indignissime tractatum et rebus omnibus spoliatum fuga uix mortem 
euitasse, non ob aliud quam odio Romani nominis atque Ecclesiae. 

Hinc Smo 0. N. quid sibi Ecclesiaeque ac Principibus Christianis de 
Moscborum consiliis, quae nunc susceperunt, deque Constantia polliceri debeat, 
metiendum et aestimandum esse, nofam nobis esse eius nationis inconstatiam, 
notam fluxam incertamque fidem, notam pertinatiam, notos mores longissime a 
▼era pietate et Romana Ecclessia discrepantes, Eos quaecunque illis dignitatis 
titulorumque fiat accessio, nunquam sui dissimiles esse futuros, ac facturos 
quidem esse omnia, ut optatos titulos assequantur, sed ijs adeptis, nihilo sanc- 
tiorem apud illos Jurisiurandi religionem esse futuram, quam olim fuerit apud 
Danielem Haliciensium Regem, cuius iam supra meminimus. 

Non ignorasse hoc Alexandrum quartum et Leonem Decimum Pontifices 
Maximos; (taque cum Basilius, huius, qui nunc Moschis praeest, pater itidem vt 
hic nunc diadema ab ipsis maiore etiam contentione et maturiore setate atque 
consilio, splendida legatione Romam missa peteret, multaque largiretur atque 
omnia pollicitaretur, ac Caesarem Maximilianum et alios quosdam christianos 
Principes itidem suffragatores haberet, nihil tarnen eum impetrasse. Nec sane 
dehinc ullum praeter vana promissa extitisse in eo, uel in Moscorum quopiam 
propensse erga Romanam et Catholicam Ecclesiam voluntatis argumentum, quin 
cum Diuo parente nostro regnante quidam de subditis eius pio studio duclus 
sacram scripturam lingua Russica imprimi et in lucem aedi currasset, et ad 
Moschos Yenisset, publice eos libros iussu Principis concrematos esse, propterea 
quod a Romanae ecclesiae addicto, et in locis eiusdem authoritati subjectis editi 
essent. Tantum est genti insitum odium latini et Romani nominis; ita ut quamuis 
sancti deigrati se in potestate Romani Pootificis fore, neutiquam credendum sit, 
ex animo id promitti, aut certum firmum ac diuturnum fore. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 111 

Sed nostra etiam populorumque nostrorum , ne omnino Moschus Rex 
appelletur, eo ingenio cum sint, non parum Interesse, quum enim olim maiorej 
nostri magnis grauibusque bellis, quae tum cum Schythis gerebantur, fuissent 
occupati, Moschum certam Russiae partem Ditionibus nostris per dolum et 
simulationem pacis ademisse, eaque de causa maiores nostros diuumque Sigis- 
mundum parentem nostrum maxima atrocissimaque bella cum patre huius, qui 
nunc Moscbouiam obtinet, non maiori alacritate quam fortitudine et foelicilate 
gesisse. Eius ipsius Russiae maiorem potioremque partem atque adeo sedem 
ipsam prscipuam quam Dei maiorumque nostrorum beneficio teneamus t nolumus 
omnino ab eis degenerasse uideri, eorumque non esse sirailes, quin aliquando 
quod maioribus nostris ademptum est, si ultronon restituatur, armis repeiamus. 
Et si videamus nos quidem vt reliquorum Christianorum Principum, ita nostrum 
etiam esse, idque et proponere et optare nobissoliti sumus, vt rebus rationibusque 
Regni Ditionumque nostra rum probe constitutis, in communem potius nomiois 
et sanguinis Cbristiani hostem, ea ipsa arma verteremus. Ac seire nos quidem 
non in titulis neque in Diadematis gloria atque splendore spem victoriae esse 
repositam, Ideoque nihilo tune potiorem formidabilioreraue , si quod affoctat, 
consequatur, Moschum esse futurum possequenos et yelle nostrum patrimonium 
etiam a Cbristiano Rege armis repetere. Licet enim Christianorum Principum 
in hoc exeropla, quod inter se ipsi bella gerant minime probemus, probarique 
recte non posse satis videamus, quum totam banc potentiam omnes opes non in 
nostramet viscera, sed in communem Christiani nominis hostem potius conuertere 
merito debeamus; quia tarnen (ut iam commemorauimus) nostrum nobis repetere 
et pulckrum et honestum, ita propter iusiurandum etiam necessarium atque deli- 
beratum est, alio nobis arma nostra necessario erunt conuertenda, satis autero 
nobis persuasum esse S“ D. N. (quo est cum in nos tum in rem Cbristianam 
animo) ex quo quod Cbristiani inter nos bello et armis ageinus, voluptatem 
non esse capturum. 

Suspicari nos quidem certe, si Moschus diademate titulisque regijs ornetur 
Ruthenos, qui in imperio potestateque nostra sunt, ad euin tanquam rituum pa- 
tronum ac professorem leuissima quaque sollicitatione inuitatos, a nobis dcficcre 
conaturos, priesertim quod sibi persuadebunt ab ipso, atque ita ad se quoque 
stare Pontificem cum primoribus ecclessis Romane, et quasi approbare sua dog- 
mata, quod cum ille quidem omnibus viribus laboraturus sit, nos autem contra 
ne omnino fieri possit, obsistere et contendere cogitemus, non poterit ulla 
ratione, ne ad bellum et muliorum exercituum tristissiinum interitum res euadat, 
prohiberi. Jam enim indc ab initioRutbenis graue et molestum est, non sui Ritus 
Regibus parere, vbi posthabeantur ijs, qui ecclessis Romane parent. 

Atque id quidem minus nos mouet, sed illud in primis curandum et mo- 
dis omnibus cauendum esse, ne ecclessis Romans dignitati ac nomini, ne ejus 
Pnesidi Summo Pontifici ne nobis etiam Principibus Christians religionis sectato- 
ribus roultum detrahi, ac qusdam ignominis nota inuri videatur, si a natione 
tarn barbara tamque pertinaci, non piis modo viris, sed ipsius etiam pietatis 
matri atque altrici Ecclesis illudatur, Id quod certe tametsi procul omen auerti 
cupiamus, vere videmur prsdicere et affirmare posse. Jam enim nos ostendisse 
nationem Moscham, nihil non polliceri, nihil non proferre, nihil non dissimulare 


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Joseph Fiedler 


et simulare solere, si qua modo eius quod expetunt atque ambiunt adipiscendi 
$pcs affulserit, easque ob causas maiores nostros pro sua pietate ac christiani 
nominis defendendi studio hoc in more positum habuisse, ut quoties simili am- 
bitione flagrantes Moschi religionis speciem praetexerunt, toties se illi tanquam 
custodes et fraudis Moscouitic« indices opponercnt, sanctamque sedem aposto- 
licamnetemere vanishominibus,cupiditate diadematis quiduis pollicentibus fidem 
habcndam esseputaret, prsemonerent. Dari hoc solitum esse maioribus nostris 
Diuis Polouise Regibus a S mi * Romanse Ecclessise Praesidibus, vt quurn maxime id 
quod nunc ambiunt Moschi aflectarent, nulla tarnen ratione propter pertinacise in 
erroribus et simul inconstantiae culpam, optatum consequi posset. Gratissimum id 
esse Diuo Joanni Alberto et Aletfendro patruis nostris, Alexandrum Pontificem 
Maximum gratificatum esse, Leonem deeimum Diuo Sigismundo parenti nostro, 
nunc quoque nos sperare, ut quemadmodum maiores in hoc nostros merito 
sequimur, quum magnis eos rationibus ducisoiitos animaduertamus, ita S" u * quo- 
que Dominus Noster eorum, quorum locum diuinitus obtinet, authoritatem atque 
eadem de re sententiam, et ecclessise Dei, et sua nostra aliorumque Christianorum 
Principum causa facile sit secuturus. 

Alioquietiam atque etiam videndumesse, ne dum S taa eius unico membro eo- 
que incerto corpus Christianse ecclesise augeri recte posse existimat, alia, quorum 
hoc pacem tranquillitatemque perturbat, a se et S u sede alienet. Summa sem- 
per obseruantia maiores nostri legitimam S ta Sedis Apostolicse authoritatem 
atque doctrinam uenerati amplexique sunt, eorumque nos vestigijs libenter in- 
sistere non minus pulchrum et honestum quam pium et sanctum esse cogitantes, 
in ea religione, quam a maioribus nostris per manus traditam accepimus, in 
qua nati atque educati sumus, quam ex salubcrrimis Matris Sanctse Ecclesise 
vberibus hausimus, pro qua nulla bic unquam pericula declinare consuetum est, 
cuius laudem et gloriam integram, vt maiores nostri seruarent, sanguinem spiri- 
tum vitam profundere non dubitarunt, in ea inquam religione honestum piumque 
putarunt constantissime perdurare. In Moschis omnia esse cootraria, nunquam 
eos religionis et pietatis cupiditate hanc cum Romana ecclesia coniunctionem, 
ssepe quidem ambitione expetisse eos, qui in Ecclessiam Romanse aliquando reci- 
piebantur, cum magna christiani nominis ignominia deficere, et ad errores redire 
consueuisse, nomen ipsum Ecclessise Romanse, vt de re nihil addamus, esse illis 
exosissimum, non pro Christo eos sed contra Christianos bella gessisse, in Omni- 
bus incertam dubiamque eorum fidem esse semperque fuisse. Quse singula 
quum tanta tamque detestanda sint, vt magnara soepe (sic) belli materiam 
maioribus nostris contra illos suscipiendi prsebuerint, magis eciam ac magis 
deinceps, si optata consequantur, videri esse prsebitura, indeque exundantissi- 
mos sanguinis humani fontes facile esse profluxuros. 

Neque vero Summum Pontificem ullam pacem iuter nos et Moschum firmam 
sperare debere, licet eius rei in conditionibus Moscbo proponendis mentioncm 
factam esse videamus. Nam ut alias acerrimorum odiorum et inimicitiarum cau- 
sas taceamus, nisi eam Russiae patrimonij nostri partem, quam nunc quoque 
Moschus per Yim obtinet recuperemus, pax inter nos nulla unquam constitui 
poterit. Quod si etiam aliquando pax inter nos constituatur; non sperandmn 
tarnen esse, vt Moschus nobis alijs vt Christianis Principibus contra Turcam pu- 


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Ein Versuch der Vereinigung der rassischen mit der römischen Kirche. 113 

gnsntibus sit adfuturus, ijs enim locorum interuallis Moschus a Turcis distat, 
Tt si maxime uelit, non possit tarnen nisi per Ditiones nostras, idque longissimo 
maximeque implicito circuitu ad bellum contra Turcara gerendum contendere. 

Quod quidem si aliquando nobis perroittentibus fieri accideret; satis ille 
profecto belli cum populis nostris rapinarum iniurias non patientibus priusquam 
ad Turcam perueniret, esset habiturus. Mari autem etiamsi eodem cursus 
dirigi possit; ita tarnen Moschos rei nautiese expertes et ignaros esse, vt fru- 
stra sit ab illis ullum contra eum hostem nobis alijsue Christianis Principibus 
auxilium expectandum, quod si quis existimet, aeque eos ac caeteros homines 
nauigationi assuefieri posse, periculum esse, ne plus eo ipso mali quam boni 
Christianis afferatur. Qoum enim non Moschi tantum sed alias etiam barbarse 
nationes, quarum solum magis ad septemtrionem porrectum est, ad rapinas et 
excursiones siue natura, siue perpetua quadam eaque retustissima consuetudine 
maxime propendeant continereque se non possint, quo minus alias atque alias 
Christianis iniurias lucri cupiditate quotidie fere inferant; non dubium esse, 
multo id illis facilius fere, si maritimis etiam uiribus ralere acceperint. 

Multo etiam magis xerendum esse, ne diademote sumpto nos Moschus sit 
maiorum suorum exemplo impedire conaturus, si nos forte cum Turca bellum 
gereudum suscipiamus. 

Ac Valaehi quidem et Moldaui, qui et ipsi Grsecos ritus sequentes, Chri- 
stianis se hoc tempore addicere et contra Turcas propemodum deuouere inci- 
piunt , ut etiam spes sit aliquando eos in potestatem S‘“ sedis Apostolicae con- 
cessuros esse, facile in retinendo scbismate suo confirmabuntur, si Moschum 
eiusdem schismatis sectatorem Regij nominis dignitate ac splendore ornatum 
intelligaot. 

Deliberandum itaque et deligendum esse S"* D‘* nostro illi ne genti tarn 
barbare, tarn feroci, tarn ab omni humanitate et religionis fidei dictorumque 
Constantia aliense, an nobis potius populisque nostris, qui post agnitam suscep- 
tamque Christi reiigionem nunquam nos a Sancta Sede apostolica abduci passi 
simus, gratificaturus sit. 

Caeterum ab amplissimo Collegio Cardinalium, qui tanquam in specula 
Reipublice Christianse coliocati, a consiiiis sunt S“ eius, postulare nos maiorem 
in modum, ut in hac parte nobis potius sedi Apostolicse addictis, et sequa iusta- 
que petentibus, quam barbaro et schismatico homini, et ab ista ipsa sede sem- 
per alienissimo, reiigionem ambitionis gratis simulanti faueant, ac suadendo, 
orando et monendo apud S‘ ,w eius perficiant, ne facilitate et credulitate sua, 
aut importunis cuiusquam precibus permota, et se sedemque istam sacrosanctam 
ludibrio exponat, et in maiorem etiam contemptum adducat, et nobis Ditioni- 
busque nostris incommodet, et vero Cbristianos Principes ciuili bello inter se. 
commitat, fore id consentaneum eorum officio, et nobis nostrisque imprimis 
gratum. 

A tergo: Exemplar Instructionis ad Pontificem Maximum. 

Abschrift im k. k. Hausarchire. 


Sit zb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 1. Hfl. 


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Joseph Fiedler 


V. 

Instruction des Königs von Polen für seinen Botschafter an K. Karl V. 

s. d. 


Instructlo, ad culus praescrlptum Orator noster cum Caesarea Halestate nomine 

nostro acturus slt. 

Principio mutuum amorem nostrum Maieatati Cesaree nomine nostro 
commendet: eique et commodam, diuturnamque raletudinem et optatissimos 
quosque rerum omnium ac caeptorum euentua verbis nostris precetur. 

Dicat deinde: certis nos authoribus cognouisse, Moschorum Principem 
per Catholice religionis amplectende, auique sub potestatem sancte sedia 
apostolice Romanse aubmittendi speciem, diadema, titulosque Regios affectare, 
Majestatisque Csesareae authoritatem his temporibus implorasse, et propterea 
ab ipsa sanclissimo D. nostro, et ipsum et eius conatus diligenter commendatos. 

Cum autem et maioribus nostris, cum Moscorum Ducibus magna atque 
atrocia bella saepe fuerint, et nobis cum isto, qui nunc Moschis praeest, iustis- 
sime inimicitiarum causse intercedant, cum inclyta vero domo Austriaca magne 
nos contra et multse necessitudines, atque adeo seterna etiam amicicise foedera 
coniunxerint: sperasse nos eum ex tot necessitudinibus fructum, persuasumque 
omnino habuisse, Csesaream Majestatem nunquain eum, quem nobis hostem pater- 
num esse non ignoret, ulla ratione adiuturam, ac de ornamentis eius solicitam 
futuram fuisse, quin potius et iudicaturam id nobis, et num ea ipsa res, quam 
Moschustenfaret,nostra populorumque nostrorum, quicquam interesset, ex nobis 
potissimum quaesituram, atque deinceps pro eo ac ex nobis comperisset, sua 
autboritate Mosci conatus, vel adjuturam, vel impedituram fuisse. 

Nunc quod secus accidisse experiamur, dum scilicet neque sit nobis ea 
de re significatum, et Moschus ab eo, qui cum arctissima nos eterne ami- 
citise vincula coniungere debuisse videantur, nobis nihil tale suspicantibus ad- 
juvetur: non posse nos sane id non dolenter ferre, ipsique adeo Mattj Csesare« 
amice non conqucri. 

Ac estimamus nos quidem duabus potissimum rebus, Maiestatem Cesa- 
ream ad adiuvandos Moschi conatus adductam esse, quod scilicet et Christiane 
religionis nomen, gentis accessione vult augeri, et hanc ipsam gentem si contra 
Turcas bellum gerendüm sit, non ociosam, sed reliquis Cbristianis auxilio futu- 
ram esse arbitretur. 

Sed si Mattas eius religionis propagande, et nominis Cbristiani augendi 
Studio, Moschum in hac parte adiuuat: esse nos quoque eos, qui nomen Chri- 
stianum, ecclesiamque Catholicam, cui presit Romanus Pontifex roaximus qui- 
busque pluriinorum populorum ad religionis unitatem sesc adiungentium ac- 
cessionibus augeri longeque ac late propagari percupiamus, eamque ob causam 
non solum non impedituros nos Moschi conatus, sed etiam depositis, vel dissi- 
mulatis inimicitiis summopere adjuturos fuisse, si pio eum vere religionis desi 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 115 


derio potius ducj, quam speciem tanium religionis ambitioni au® prstexere cre- 
deremua. 

Sed nimirum id esse, fuisseque semper Moschi populi ingenium atque 
naturam vt nihil illi quidem in vita exprofesso maiori odio quam Romans ecclesi® 
nomen ac religionem, eosque qui ea retinent, prosequantur proaecutique sint 
et tarnen non dubitent id quoque quod unum omnium maxime execrentur aus- 
cepturos ae amplexurosque polliceri vt optatum Diadematis titulorumque regio* 
rum splendorem, vel hac ipsa religionis specie calidissime prsetexenda adipisci 
posaint: ne quam diutiuaque optatis potiantur promissorum, et iuriaiurandi reli* 
gionem illis sanctam esse solere. Quod multis exemplis ex vetere et recentiore 
historia petitis comprobari possit 

Auxilio etiam contra Turcas nemini christianorum Moschos esse futuros, 
non aolum quod sint christiania infensissimi, nullumque vnquam beneuolenti® 
argumentum Cbristianis exhibuerint: aed etiam quod tanto a Turcis distent 
locorum intervallo, ut ai maxime etiam aliquando forte vellent, non possint 
tarnen contra Turcas incolumem exercitum educere: Quod ai per ditionea no- 
atras iter facere nostro permissu cum exercitu vellent; longiaaimum eum, 
maximeque implicitum et propterea diuturni temporis circuitum esse, prceter 
•um nullum alium transitum esse, nisi forte per vastiasimaa Scitharum aolitu* 
dinea ubi etiam non minus negotij babituri essent cum ijs, quibua de religione 
cum Turcis convenit, et quibus Moschi ipsi usque ad Patrum noatrorum memo- 
riam seruiuissent Jam uero nos quoque Moschum per ditionea nostras nunquaiq 
cum exercitu transire permittere posaemus. Esse nimirum hominea qui viucre 
rapto, Populos autem nostros iniuriarum esse impacientisaimos. ltaque in ipso 
transitu satis Moscho cum populis nostris esset belli futurum. Quoniam igitur 
neque iuuare Christianam Rempublicam Moschi contra barbaroa possent, non 
nunquam etiam inaiores nostros pijs ejusmodi bellia impeditos distinuerint. Et 
non semel olim etiam pr® se tulerint ae ad unitatem et societatem ecclesi® 
Catholic® accessuros et tarnen fefellerint, ob eas cauaas inaiores nostros im- 
pedire hanc Moscborum callidam ambitionem summo atudio solitos esse, uc 
alios quidem alijs modis obstitjsse. Diuum autem Sigismundum Parentem no- 
strum non solum grauibus verisque rationibua apud Christianoa Principes Mos- 
cbi conatus impediuisse. sed armis etiam contra eum sumptis, inuisam esse 
Deo vanam religionis simulationem, fttlici victori® successu docuisse. 

Diuuin etiam Maximilianum Mattis Cffisare® auum, licet initio Baailio Mos- 
cborum Duci diadema ibidem olim per similem religionis speciem affectanti 
rogatua auxilio esse statuisset, tarnen re explorata, et probe ex Principibus 
christiania Moschoui® vicinia maximeque maioribus nostris comperta etcognita, 
quantopere acilicet Moschi in schismatis ritibus amplectendis pertinaces, et a 
Roman® ecclesi® doctrina auersi atque alieni essent, tum quam essent ad dea- 
ciscendum, recidendumque propensi, et parati, non solum auxilio et authoritate 
•dease noluisse, verum etiam modis omnibus ne quod ambiebat Basilius adipis* 
ceretur, obstitisse. 

Quod idem quum^hsc quoque C®sarea Mattas propter variaa magnasque 
neceasitudinea, qu® illi totique domui Austriac® nobiscum intercedunt et prop- 
ter antegressa maiorum suorum exeinpla, merito facere debere videatur, Pr®- 

8 * 


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Joseph Fiedler 


sertim cum insita genti pertinacia non sit permissura, vt Romanae ecclesiae 
dignitas, eorum accessione augeatur, sperare nos futurum esse, vt Moschi am- 
bitionem non modo authoritate sua deinceps non adiuvet, Sed etiam vt summo 
Pontifici se Moscho non fauere, neque cum ulla re auctum et ornatum cupere, 
Imo quod Diuus Maximilianus olim fecerit, contrarium optare dedaret. lnde 
nos quanti Maltas eius nos faciat, consians et perpetuum nostrum advcrsus se 
Studium sestimaturos et judicaturos esse. Futuramque nobis esse eam rem tan- 
topere gratam, quanto studio et cura ne optata Moschus consequatur labora- 
mus. Neque -vero intelligere nos cur ille regium titulum tantopere appetat, et 
ambiat, qui Caesaris et Imperatoris nomen barbara et insana arrogantia per se 
iam sibi ipse usurpet, et finitiinis populis, qui se eo titulo dedignantur, arma 
intentet. 

Reliqua prudentiae et üdei in nos oratoris nostri cotnmittimus etc. 

Aterqo: Exemplum instructionis Oratoris Regis Poloniae etc. ad Caesa- 
ream M*' ra . 

Abschrift im k. k. Hausarchive. 


VI. 

Antwort K. Ferdinands I. für den Botschafter des Königs von Polen. 

1553. 24. März. 

Sacra Romanorum Hungariie Bohemiaeque etc. regia Ma ( ” Dominus noster 
clementissimus benigno admodum animo in teil exi t scriptum quod Mus“" Prin- 
ceps Dominus Nicolaus Radziwil Dux in Olicka et Niesswijcz Palatinus vilnen - 
sis, cancellarius et supremus Marscalcus magni Ducatus Lithuanice Brestensis 
ßorisonensis, Schawliensisque Capitaneus Ser rol et Ei ml Principis Domini Sigis- 
mundi augusti Regis Poloniae magni Ducis Lithuaniae ac Russiae, Prussiae etc. 
praelibatae, sacrse Romanorum etc. regiae Ma' u filij et consanguinei charissimi 
Orator dignissimus regiae suae Ma u exhibuit, nomine praefati Ser w ‘ Domini Regis 
Poloniae. rcgi® eius Ma“ ostendendo quod Ser u * eius regia haud ita pridem 
cerlior reddita sit, Sacratissimam Romanorum Imperatoriam Ma le " praefatae 
Romanorum Regiae Ma tU fratrem et Dominum cbarissimum diligenter ad S a ** 
D. N. Summum Pontificem in fauorem Principis Moschorum, ut scilicet Sanc u ' 
eius Principem illum in gremium Sanctae matris Ecclesiae Romanae assumerc 
dignarelur, scripsisse, quo deinceps diademate et titulis regijs a Ma >e sua 
Caesarea exornari posset, idque Ser 1 '® regiam Poloniae nonnihil admirari, 
propterea quod ista Ma'“ suae Caesareae commendatio et fauor et cura quam de 
praedicti Moschorum Principis dignitate exaugenda suscepit, absque Ser‘“ eius 
praescitu a Ma“ Caesarea suscepta sit, nulla ratione habita multarum ac variarum 
maximarumque necessitudinum et arctissimorum amoris atque coniunctionis 
vinculorum, quae regiae suae Ma u cum indyta Domo Austriaca a roultis temporibus 
hucusque quasi per manus ab vtriusque Ma tU et Ser Ua eorum maioribus tradita 
intercedant, praeterea nec attentis sanctissimis mutui fcederis pactionibus, quae 
viuculis illis amoris et necessitudinis accesserunt, quae omnia Ser'“, eius regia 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 117 


sua ex parte summa semper religione bactenus tueri ac conseruari curauerit, 
superinde a prselibata Romanorum etc. regia Ma‘* summo studio petendo atque 
rogando, si iam dictse regia Ma“ uere constet, prafatam Casaream Ma u “ hanc 
commendationem et fauorem supramemorati Moschorum Principis prudentem 
atque scientem, oulla ut dictum est, Ser*' Regia Polonia ratione habita susce- 
pisse, quod regia eius Ma 1 “ perpendere velit, an hac ratione a Ma ,# Casarea tot 
et tantis amicitia et necessitudinum vinculis, quibus Ser 1 “ eius cum Ser“* 
Austriaca familia colligata sit, satisfiat, sin autem Casarea eius Ma Ua hoc pro 
sapedicto Moschorum Principe egisset non alia intentione, quam ut Sancta 
Ecclesia Romana Moschica nationis ad eius obedientiam ac gremium accessione 
augeatur, quod tune regia eius Ma 1 “ Casaream Ma'* m necessitudinis, qua Ma u 
Sua Csesarea cum Ser 1 * regia Polonia non levis neque una intercedit, fraterne 
admoneat, atque se apud Casaream Suam Ma 1 *“ ita interponat, ne Moschus 
diademate titulisque regijs, propter obiectam religionis speciem exornetur, 
nam si regia erus Ma“ opera pretium videatur, tune Ser"* eius specialem hac 
ipsa de causa oratorem ad Sacratissimam eius Imperatoriam Ma 1 ** ablegare, 
paratam esse et sperare, quod Regia eius Ma 1 ** pro paterno suo in Ser Um eius 
animo id curatura sit, vt Ma tM Casarea non solum Moschi Principis ambitionein 
authoritate ac commendatione sua non adiuuet, sed summo Pontifici quoque id 
ipsum renunctiet, atque se contrarium potius optare ostendat etc. Ad hec pra- 
libata sacra Romanorum etc. Regia Ma 1 " 111"* Domino Oratori benigne respondet, 
se recenti memoria tenere omoia illa syncera amicitia beneuolentia ac neces- 
situdinum vincula, qua a multis usque temporibus inter Ser m,m istam Dornum 
suam Austriacam ac Ser**' Polonia Reges bactenus semper interccsserunt, et 
recordari etiam pactionum foederis nuper utrinque confirmati et renouati, adeo 
se Ser*" eius omni tempore ut charissimum filium et consanguineum suum 
paterno plane amore et beneuolentia complexum fuisse, eundemque animum et 
eandem voluntatem se in posterum quoque erga eius Ser 1 ** constanter declara- 
turam atque se in eo loco Ser 1 *" eius habiturum esse, quo piissimus parens 
amantissimum filium merito habere solet et debet. affirmat etiam Regia eius 
Ma- se summo desiderio teneri et optare, rt Ser ,u eius tanquam charissimi filij 
et consanguinei sui et Regni sui indyti ac reliquarum prouintiarum et Domi- 
niorum suorum dignitatem, honorem, eommodum et incrementum plurimum 
iuuare, fauere et exaugere queat, nullamque huius amicissim® candid® et 
patern® voluntatis su® re ipsa declarand« seu patefaciend® occasioncm ncglectu- 
ram esse oflert^ prout regia sua Ma (M idem quoque a Ser u eius filialis obser- 
uantiae Studium eundem amorem, eandem Yoluntatem, eademque amantissimi et 
synceri animi officia hactenus sensit, et in futurum etiam se illa accepturum esse 
non dubitat. Quantum vero ad summam legationis et petitionis supradicti lll*! 
Domini Oratoris attinet, nempe quod Princeps Moschorum diadema et titulos 
regios ambiat et ut hoc suum desiderium a prselibata Sua Csesarea Ma 1 * tanto 
facilius obtineat, se ad gremium ac obedientiam S. R. E. accessurum ofTerat, et 
quod propterea a Csesarea Ma 1 * Beatitudini apostolicse diligentissime commen" 
datus esse dicatur, de hijs regia ejus Ma u * ante hac ne unum quidem verbum 
unquam audiuit uel intellexit, sed iudicat et censet regia eius Ma u * non abs re 
forc, ut de hijs ad ipsammet Casaream eius Ma‘ ,m causa Ser“* eius scribat atque 


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Joseph FieH ler 


a Csesarea cius Ma‘* de istis negotijs copiose informetur et casu quo compererit 
tale quidpiam agitari, aut iam etiam agitatuin et traetatum fuisse, Regia eius 
Ma'** prselibatam Csesaream Ma u “ fraterne admonebit et Omnibus modis et 
rationibus a proposito reuocare studebit, imo si quid iam in tali negotio actum 
fuisset, Regia eius Ma 1 ** non prsetermittet authoritatem suam tanto studio penes 
Csesaream eius Ma 1 *® interponere , et eandem fraterne ac enixe hortari et per* 
mouere, ut attentis causis et rationibus per Dominum Oratorem Ser lu eius 
nomine deductis , in prsememoratam eiusdem petitionem benigniter ac fraterne 
annuere, et ita etiam se S m9 D. N. deelarare, ac eandem petitionem Ser 11 * eius 
apud suam quoque Sanctitatem sedulo, benigniter ac fraterne fouere et pro* 
mouere dignetur, et quicquid praelibata Imperatoria Ma ta * regise Suse Ma 11 desuper 
respondebit, hoc regia eius Ma 1 " Ser“* Dno Regi Polonise statim quidem prompte 
parataque foret, paterne et amicabiliter indicare, sed quia sacra Regia eius Ma 1 ** 
intellexit prsenominatum Illus“ Dominum Oratorem a Ser®* Rege et Dojnino suo 
in mandatis habere, si regise eius Ma u videatur, vt specialis Orator hac de causa 
ad Imperatoriam Ma'*® a Ser 1 * eius mittatur, ut ipsemet quoque idem legationis 
munus suscipiat, ideo existimat Regia eius Ma taa satius et consultius fore euüdem 
Illus™ Dominum Oratorem in aula Regise suae Ma ,la interim subsistere, donec 
Regia sua Ma laa a prsefata Csesarea Ma 1 * responsum ad literas super hoc negotio 
acceperit, ut mox eo allato a regia Sua Ma‘* cognoscere possit, an sibi hoc iter 
ad aulam Imperatorise Mais subeundum sit uel non, attento quod ex Aula regise 
eius Ma 11 * longe facilius atque commodius iter ad aulam Imperialam habiturus 
sit, atque si prius in Poloniam rediret et inde postea informatione demum a 
regia eius Ma u allata talem profectionem ad Csesaream eius Ma ten> instituerit, 
cseterum quo citius regia eius Ma 1 " ab Imperatoria Ma 1 * responsum accipere 
possit, iam parata est Ma 1 ** sua regia per proprium tabellarium de negotio 
hoc Imperatorise Ma 11 scribere idemque suis Oratoribus et Agentibus etiam, 
quos ad praesens in curia Imperiali habet, diligenter inuestigandum et trac- 
tandum demandare, ac quicquid intellexerit, de eo in gratiam Ser 11 * eius 
Illu®““ Dominum Oratorem pro paterno et maximo in Eandem Ser 1 *® eius 
amore suo confestim abunde edocebit, simulque ipsi mentem ac opinionem 
suam expresse significabit, num ei hac de causa ad ssepedictam Csesaream 
Ma 1 *® a Ser ,a eius pergendum esse censeat nec ne, nam regia eius Ma taa vt ante- 
dictum est, tum in hijs, tum in alijs omnibus quoquo tempore et loco cupidis* 
sima est, Ser u ® eius tanquam cbarissimum filium et consanguineum suum omnibus 
amicissimi et paterni animi studijs prosequi. Id quod regia eius Ma 1 ** prsefato 
Illu"* Domino Oratori benigne respondere uoluit. 

A tergo: Copia Responsi Sacrse Ro. etc. Regise Ma 11 * Illu®* Domino Oratori 
Polono dati Die xxiiij mensis Martij Anno Dni MDLiij. 

Minute im k. k. Hauaarchire. * 

Gedruckt beiTurgeuev, Histor. Ruaa. Mon. Bd. I. p. 141. Nr. CXXXIV. 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 119 

VII. 

Schreiben K. Ferdinand I. an K. Karl V. 

1553. 24. MSrz. 

Monseigneur. Xe xvij de ce mois arriua Icy pour ambassadeur du Roy de 
polongne son beaufrere le Duc nicolas Radliwel queVre. M te - a naguaires erige 
en duc de Olicha et Nieswicz, lequel apres auoir demande audience publique et 
fait lea offices generaulx. aussi presente ses lettres de credenee, mabaille le sur- 
plus de sa Charge par escript teile quil plaira a vre. M te - veoir et entendre par 
la eopie que J'enuoie a Martin de Guzman en cas quil sort encoirea pardela et 
licenciado gamez. se fondant la dite Charge , Comme si vre. M 1 «- voulsist pro- 
znouuoip le duc de Moscouia a la dignite et tiltre Royal , Et en eust fait les 
poursuites deuers le pape, dont le dit Roy de polongne se sentiroit extreme- 
ment greue pour lea causes contenues ou dit escript, et entre autres quil dit 
ce seroit fauoriser contre luy ses ennemys et par ce contrauenir aux traictez 
qu il a auec Vre. M u moy et nre. maison d’austrice, me priant pour conclusion 
que pour estre frere germain de vre. M u je la voulsisse persuadcr et tenir la 
main affin qu eile ne se laissast aucunement induyre a ehoses que seroient si 
griefues au dit Roy de polongne prenant en ce exemple a furent de tres louable 
memoire messeigneurs nos predecesseurs ausquelz dicu absoille, qui auoient 
bien este sollicitez de mesme chose, mais point que se y fussent onques laisse 
induyre, offrant aussi le dit ambassadeur sil me sembloit conuenir de tant faire 
que le dit Roy depecheroit pour ce propre ambassadeur deuers Vre. M le comme 
plus particulierement est contenu en la dite copie, Surquoy luy ay monseigneur 
Respondu, que je nay jamais de bouche ou par escript entendu de Vre. M la ny 
daotre comme aussi est la pure verite que icelle fut este par )e djt duc deMos- 
couie sollicitee de ce que dessus, moins qu eile en deust auoir fait instance, je, 
•ne pouois aussi croire que Vre. dite M ,# voulsist condescendre en chose quel- 
conque que puist estre contraire aux traictez passez auec le dit Roy de po- 
longe, et me tenant de ce assehure ne me sembloit besoing d’ennoyer ambassa- 
deur expres deuers Vre. M t# mais que je fairois moy mesme loffice et en escri- 
purois a Icelle, Et de la Responce qu eile m en feroit aduiserois le dit Roy de 
polongne, ne deubtant quelle seroit teile qu il auroit occasion en prendre tout 
raisonable contentement, ainsi qu il plaira a Vre. dite M‘* aussi veoir par la copie 
de ma dit Responce^ Et a la verite monseigneur oultre les raisons contenuz ou 
dit escript il me sembleroit que vre. dite M‘* ne se doibt laisser induyre de 
prejudicier au dit Roy de polongne, pour gratifier au dit Duc de Moscouia pour 
leur qualitez tant diuerses, n’ayant le dit de Moscouia moyen faire seruice ny 
a dieu a la chretienite ny aussi a vre. M u et nos communs affaires, nestoit que 
le dit Roy de polongne nous fut ennemy que n est a present, ou par contraire 
le dit de polongne peult beaucop mesures mesmes en ceste saison tant pour 
Respeet du turc, comme aussi du Roy de france, qui tient cellepart bien grandes 
practiques comme vre. M u scait, ausquelles il trouueroit plus de correspon- 
dence donnant vre. dite M“ au dit Roy de polongne juste occasion de Resente- 


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Joseph Fiedler 


120 

ment au grant prejudice de tous affaires tant puhlicques de la chretiente que 
de notres particuliers, Suppliant pour ce vre. M‘" tant treahumblement que je 
puis y auoir tout bon Regard et au plustot me faire sauoir ce que deburay 
Respondre de sa part au dit Roy de polongne sur ce que dessus veullant )e dit 
ambassadeur icy actendre la dite Response, ainsi que jay commande aus dites 
de Guzman et Gamez en faire de ma part treshumble instance a vre. dite M‘\ 
Et j en Receuray bonneur et plaisir singulier cc scait le createur etc. 

De Gratz ce xxiiij* de Mars 1553. 

Aus einem Copiar des k. k. Hausarchivs. 


VIII. 

Antwort K. Kart V. an K. Ferdinand I. 

1553. 11. April. 

Monseigneur mon bon frere. Je commenceray ceste par ce que toucbe le 
differend dentre les euesques de wirtzbourg et bamberg et le marquis Albert, 
pour appaiser le quel corame vous auez ja entendu aucuns princes sestoient 
dernicrement assemblez a eydelberg, mais quelque diligence quilz y aient faicte 
et les grandes offres que de son couste I a faitz le dit euesque de Wirtzbourg 
Ion na sceu paruenir au dit accord Et se soot departies les parties indignees 
selon que les dits princes mont aduerty me Requerans de deffendre Aus 
dits parties les Armes et a la Reste Regarder comme ces troubles se pour- 
roient composer pour euiter linconuenient quen pourroit aduenir ja apparant, 
par ce que des deux costeez Ion se fait fort de gens de guerre. Et pour 
satisfaire a leur aduis je scripz aus dits parties afin quelles cessent les 
armes et separent letirs gens de guerre, Et pour expedient pour pouoir 
resercher moiens d’appoincter les dits differendz, m a semble conuenir de les 
remectre a vne assemblee de princes du plus grand nombre la quelle se 
doigd tenir a francfort au seizieme du mois proch&in, et faiz convocquer a cest 
effect au dit lieu tous ceulx treuuarent dernierement a passau et oultre iceulx les 
duc Jeban fredericq et lantgraue de bessen, pour estre aussi eulx des princi- 
paulx de la germanie, les aduertissant que ce soit pour regarder de moyenner 
quelque accord entre les dessusdits et dauantaige entre les duc de brunswyck 
nobles du dit pays et la mesme ville, et aussi pour en cas que par le moien que 
j ay mis en auant des commissaires quentendront a la liquidacion que ja de 
long temps se debat entre le duc mauris et le dit duc Jeban fredericq, les 
autres differendz dentre eulx ne se puissent convenablement vuyder, Lon en 
traicte aussi en la dite assemblee a la quelle je delibere denvoyer de ma part 
trois commissaires asscauoir les contes deConinckstayn et de solms et le eon- 
seilier de haze et vous prie y vouloir aussi envoier les'Votres pour joinctement 
vacquer a si bonne euure, Et si dieu veult quen ceste plus grande assemblee 
lesdits differendz se puissent appaiser ce sera vne bien bonne euure et convc- 
nable a la (in que vous et moy tenons de rendre paisible ce saint empire et 
preparer toutes choses pour plus convenablement et paisiblement pouuoir 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 121 


negocier en la dielte prochayne, Oultre ce que en ceste assemblee des diuises 
qui se pourront passer entre ceulx quy sy treuueront, se pourroit prendre 
quelque ouuerture de ce que conuiendroit pour procurer le dit Repoz publique 
et se ouarir la matiere de Sorte que cela pourroit faciliter la negociation sur ce 
point en la dite diette, et peult estre se feront ouuerturcs qui pourront seruir 
pour lighes et confeder&iions a ce propoz, auec ce que sil n en succede autre 
mieulx, du moros pourroit y estre que sur lexpectacion du succes et resolucion 
de lassemblee les troules (sic) demereroient suspenduz du moins quant a 1 
exeeution selon quon voit souuent aduenir que ceulx qui ont envie de mouvoir 
quelque chose, tiennent respect a le difTerer jusques a veoir lissue des assem- 
blees, Et en fin Ion cognoistradu moins le desir que jay desercher tous moiens 
pour procurer la dite tranquillite contre lopinion que aucuns malignement ont 
voulu semer al encontre de moy. Et pour vous informer plus particulierement 
de ceste mienne determinacion et du chemin qu il me semble 1 on y doit tenir 
je feray joindre a ceste copie des lettres que les princes assemblez au dit 
eydelberg mont escript et del instruction que je donne a mes dits commissaires 
et pieces y seruans. 

I ay entendu ce que m auez esoript quant a lambassadeur que le Roy de 
polongne a envoie deuers vous ensemble la responce que luy auez donne, Bit me 
conformant a votres aduis vous luy pourrez respondre de ma part quil ne doit 
treuuer est ränge quant ores jeusse eu indination a fauoriser le duc de moscouya 
en la poursuite quil faisoit a Rome puisque je n estoie informe qu il y eust en ce 
chose que peut porter prejudice au dit S r Roy de Polongne , Et faisant le dit 
duc de moscouya sa poursuite auec si könnest e pretexte comme est celluy de se 
vouloir soubmectre et tous ses pays a l obeissance de notre mere saincte eglise, 
augmentant par ce boult si grandement notre catholique religion, Mais estant 
aduerty que le dit S' Roy de Polongne y pourroit auoir prejudice el que le dit 
duc y pourroit tenir fin faincte et simulee pour ses desseingz particuliers que 
seroient de prejudice au dit S r Roy de polongne , je ne fauldray d en charger a 
celluy que je dois presentement envoier a Rome qu il declaire bien expressement 
a sa S*' que non seulement je ne vouldroie pretendre chose que fut au prejudice 
du dit S r Roy, mais dauantaige qu il le supplie de ma part qu il veulle tenir 
Regard a la poursuite qu il vouldra faire au contraire de celle du dit duc de 
moscouya , Sans se laisser persuader a chose que pour gaigner amys incertains 
peult estre de prejudice a ceulx qui le sont certains et anciens et qui se sont 
tourjours monstrez si ferme en la Religion , quest a mon aduis conforme a ce que 
le dit Roy de Polongne peult desirer que je face . 

Au Regard du mariaige dont le dit Ambassadeur vous a parle pour la du* 
chesse douaigiere de mantoua madame ma nyeee votre fille avec le dit S r Roy 
de Polongne, j ay entendu par les lettres de Votre main la Response que luy 
auez donnee et selon que je puis entendre par icelle, vous aurez ja passe plus 
auant a enchennuer la negociation auec les considerations contenues en vos 
dites lettres. Et de mon coustel n y a a dire autre chose sy non que j auray le 
mesme contentement de sa bonne collocation que si c estoit ma propre fille pour 
1 amour es 1 affection que je luy porte comme a teile et de mesme aussi a 
toutes ses seurs. 


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122 


Joseph Fiedler 


Je prins I aulre jour vne purge sans la quelle je tiens qu il fut este 
impossible me soubstenir, telz estoient les humeurs dont icelles m a faict quitte, 
mais le combat pour y parvenir fut si grand que bien peu s en eust faillu que 
je n y soie demeure taot se treuua la nature alteree et opprimee et des humeurs 
de la purge, mais en 6n la nature se treuuant deschargee a Reprins vng petit 
de force el commence grnces a dieu a me reflaire, contunuant 1 eau de bois et 
le bain en icelle que jay encommance, Et pour me treuuer en ceste eure je 
respondz a celle de votre main comme vous vees par celle de secretaire A tant 
etc. De bruxelles le xj* d auril 1553. 

Aus einem Copiar des k. k. Hausarchivs. 


IX. 

Auszug aus dem Schreiben K. Ferdinand’s I. an K. Karl V. ddo. Öden- 
burg, 27. April 1553. 

I ay monseigneur fait tenir a l'ambassadeur du Roy de polongne la copie 
de la Responce que Vre. M h ma faicte sur ce que de person mesme il m auoit 
propose quant a la practique du duc de Moscouia estant le dit ambassadeur 
demeure a neugtadt quatre lieues d icy pour estre ce lieu en ceste assemblee 
assez estroit de logis, Je pense aussi monseigneur que dicelle se trouuera satis- 
fait, En cas tout effors qu il y voulsist encoires pretendre quelque autre chose 
que ne pense je ne fauldray d en aduertir Vre. dite M 1 * etc. 

Ebendaselbst. 


X. 

Breve P. Julius III. an K. Ferdinand I. 

1553. 27. Mai. 

Julius Papa UI. 

Charissime in Christo fili noster salutem et apostolicam benedictionein. 
Bin» Maiestatis tuse literae ad nos ineunte Maio scriptae, ualde nobis fuerunt 
grataB; quod per utrasque earum occasio nobis oblata est, tum Maiestati ipsi 
tuae, quam toto animo semper atque omni paterno affectu sumus prosecuti, tum 
etiam charissimo in christo filio nostro Sigismundo Augusto Poloniae Regi Ser"* 
eum quo multas et graues amoris ac necessitudinis causas habemus gratificandi : 
Nam de negocio Moscouitici Ducis, quod Maiestas tua tarn multis uerbis asserit, 
si illius petitioni per nos concederetur, nequaquam religioni reique publicae 
christianae utile fore; ipsi autem Polonise Regi eiusque regni et Prouinciarum 
rebus ualde incommoduro multis nominibus futurum uehementer gauisi sumus, 
nos tarn antea prefati Ducis postulata, in ipsius Polonios Regie gratiam abie - 
ciese nostrumque erga praefatum Sigismundum Augustum Studium Maiestatis 
simul tuae desiderio fuisse consentiens. Altera fuit petitio Maiestatis tuae, quae 
pertinet ad dispensationem cum charissima in christo filia nostra Chaterina tuae 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 123 

Maiestatis nata, ut scilicet legum impedimento soluta, prsfato Sigismundo 
Augusto Polonis Regi, per nostram atque huius sancts Sedis indulgentiam 
nubere possit. Ea res cum non ita usitata aut facilis consensu esset, statim 
aduocauimus nobis consilium Venerabilium fratrum nostrorum sancts Romans 
ecclesis Cardinalium. Qui nobiscum simul in eam sententiam frequentes ierunt, 
eam esse persons tus auctoritatem et dignitatem, tantaque tua in recta et 
catholica Dei fide conseruanda officia; erga nos autem atque hanc apostolicam 
Sedem tarn sincerum esse Studium et cultum: tantas uero ex ista duorum prs- 
stantissimorum Regum Sanguinis animorumque coniunctione commoditates ad 
communem christianorum populorum utilitatem esse propositas; ut tus Maie- 
statis petitioni illud concedendum esset prout ex nostris desuper confectis 
literis intelliget. Reliquum est, ut de istiusmodi nuptijs, dignitatis, concordis 
et benevoleotis plenis, eidem tus Maiestati, ipsique simul Sigismundo Augusto 
Regi, amicissimo animo gratulemur, Deuraque supplices oremus, ut hoc matri- 
monium uestris Regijs utriusque familijs atque uniuerso christiano populo 
faustum et felix esse uelit et ut illud omnibus optatis euentibus sua benedic- 
tione fscundet. Hsc autem omnia expressius ex dilecto filio Marco Antonio 
Mapbso sancts apostolics sedis protonotario quem dedita opera ad ipsum 
Ser“*“ Poloniae Regem Nuntium mittimus, Maiestas tua intelliget; atque ab 
eodem prsfats dispensationis literas accipiet. Datum Roms apud sanctum 
Petrum sub Annulo Piscatoris die xxvij May M. D. Liij ; Pontificalus Nostri Anno 
Quarto. 

Pau. Sadoletus Carpent. 

A tergo: 

Charissimo in Christo filio nostro Ferdinando Romanorum ac Vngaris 
Boemis Regi illustri. 

Orig. Breve auf Perg. im k. k. Hansarchive. 


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Verzeichnis.« der eingegangenen Druckschriften. 


125 


VKRZKICBMSS 

DER 

EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(JUNI 1862.) 

ademia. Real, de la Historia, Memorial histörico Espaiiol, Tomo 
VI. Cuaderno 21, 22, 24. Madrid, 1853; Tomos VII— XIV, 
1854 — 1862; 8°. — Historia general y natural de las Indias. 
Por D. Jos6 Amador de los Ri os. Tomos UI & IV. Madrid, 
1853 & 1855; kl. Folio. — Cdrtes de los antiguos Reinos de 
Leon y Castilla. Tomo I». Madrid, 1861; kl. Folio. — Memorias 
de D. Fernando IV de Castilla. Por D. Antonio Benavides. 
Tomos I & II. Madrid, 1860; 4®. — Munda Pompejana, Memoria 
premiada. Por D. Jose y D. Manuel Olivier Hurtado. Madrid, 
1861; kl. 4°* — Noticias sobre la vida, escritos y viajes del 
Rmo. P. Mtro. Fr. Enrique Florez. Por Fr. Francisco Mendez. 
2 d *edicion. Madrid, 1860; 8°. — Jan er, D. Florencio, Condi- 
cion social de los Moriscos de Espaiia. Madrid, 1857; 8°. — 
Idem , Examen de los sucesos y eircunstancias que motivaron 
el compromiso de Caspe. Madrid, 1855; 8°. — Rosell, Don 
Cayetano , Historia del combate naval de Lepanto. Madrid, 
1 853; 8°* — De la E s c o s u r a y H e v i a , Juicio critico del feuda- 
lisrno en Espana. Madrid, 1856; 8°. — Don Josd Arias y 
Miranda, Examen critico-bistörico del influjo que tuvo en el. 
comercio, industria y poblacion de Espana su dominacion en 
Amdrica. Madrid, 1854; 8°. — Indice de los documentns pro- 
cedentes de los Monasterios y conventos suprimidos. Seccion P 
Castilla y Leon. Tomo I. Madrid, 1861; 8°. — Coleccion de 
Cortes de los antiguos Reinos de Espaiia. Catälogo. Madrid, 
1855; 8°. — Discursos leidos en las sesiones publicas. Madrid, 
1858; 8°. — Discursos trienales de los Sres. Directores 


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126 


Verzeichnis» 


Ballesteros y Duque San Miguel en 1852 & 1859; 8°. — 
Discurso sobre el estado de los estudios histdricos en Espaiia 
durante el reinado de Carlos II. Por Don Carlos Ramon F ort. 
Madrid, 1860; 8°. — Noticia de las actas leidas en junta 
publica del 1° de Julio de 1860. Por Don Pedro Sa bau. 
Madrid, 1860; 8°. 

Academie Royale des Sciences, des lettres et des beaux-arts de 
Belgique, Memoires. Tome XXXIII. Bruxelles, 1861; 4°. — 
Mdmoires eouronnes et Mdmoires des savants dtrangers. 
Tome XXX. Bruxelles, 1857 — 1861; 4°. — Memoires eouronnes 
et autres Mdmoires. Collection in 8°. Tomes XI & XII. Bruxelles, 
1861 & 1862. — Bulletins, 30“ e Annde, 2“ e Sdrie, Tomes XIXII. 
Bruxelles, 1861 ; 8°. — Comptes rendus des seances de la Com- 
mission Royale d'hisloire, 3 me Serie, Tome IIP. Bruxelles, 1862; 
8°. — Annuaire. 28* Annde 1862. Bruxelles 12®- — Gachard, 
Actes des £tats Gdndraux des Pays-Bas. 1556 — 1585. Notices 
chronologiques et analytiques. Tome I r . 6 septembre 1576 — 
14 aoüt 1578. Bruxelles, 1861; 8®. 

— de Stanislas, Rdponse du President aux trois rdeipiendaires 
dans la sdance publique du 22 Mai 1861. Nancy, 1862; 8®. 

Accademia, Regia, di Scienze,, Lettere ed Arti di Modena, 
Memorie. Tomo IIL Con 3 tavole. Modena, 1861; 4®* 

Akademie der Wissenschaften, Königl. Bayer., zu München, 
Sitzungsberichte, 1861, II. Heft 3. München, 1861; 8®. — 
Abhandlungen der histor. Classe. IX. Band, I. Abtheilung. 
München, 1862; 4®. — Cornelius, C. A., Studien zur Ge- 
schichte des Bauernkrieges. — Fallmerayer, J. Ph., Das 
Albanesische Element in Griechenland. III. Abtheilung. — 
Kunstmann, Friedrich, Valentin Ferdinand^ Beschreibung 
der Serra Leoa mit einer Einleitung über die Seefahrten nach 
der Westküste Afrika's im 14. Jahrhunderte. (Aus den Ab- 
handlungen der Königl. Bayer. Akad. d. W. III. CI. IX. Bd. 
I. Abthlg.) München, 1861; 4®. — Martius, C. Fr. Ph. v.. 
Zum Gedächtniss an Jean Baptiste Biot. — Siebold, C. 
Th. E. v.. Über Parthenogenesis. München, 1862; 4®. — 
Mitglieder-Verzeichniss. 1862. München; 4®. 

American Journal of Science and Arfs, Vol. XXXIII, No. 98. New 
Haven, 1862; 8®. 


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der eingegangenen Druckschriften. 


127 


Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. IX. Jahrgang, 
Nr. 1 — 3. Nürnberg, 1862; 4». 

Ausstellungsbuch, österreichisches. (Special-Katalog über die 
Londoner Ausstellung. Deutsch, englisch und französisch.) 
Wien. 1862; kl. 4®. 

Austria, XIV. Jahrgang, XXI. — XXV. Heft. Wien, 1862; 8°. 

Berlin, Universität, Akademische Gelegenheitssehriften aus den 
Jahren 1861 — 1862. Berlin; 4®. 

Boletin bibliogräfico Espaiiol, Ahe III, No. 10. Madrid, 1862; 8®. 

Gent, Universität, Akademische Gelegenheitsschriften. Gent, 
1858 & 1859; 8®. 

Gesellschaft, Provincial Utrecht'sche , für Kunst und Wissen- 
schaft. Aanteckeningen van het Verhandelde in de Sectie-Ver- 
gaderingen, 1859, 1860, 1861. Te Utrecht; 8®. — Verslag 
van het Verhandelde in de algemeene Vergadering, 1860 & 
1861. Te Utrecht; 8®. — Clapadere, Edouard, Recherches 
sur Involution des araignöes. Avec 8p!anches. (Memoire, auquel 
la Sociötd des Arts et Sciences d’Utrecht a döcerne une medaille 
d'or.) Utrecht, 1862; 4®. — Semper Karl, Entwickelungs- 
geschichte der Ampullaria polita Deshayes, nebst Mitthei- 
lungen über die Entwickelungsgeschichte einiger anderen Gastro- 
poden aus den Tropen. (Eine von der Utrechter Gesellschaft für 
Kunst und Wissenschaft gekrönte Preisschrift.) Mit 4 Tafeln. 
Utrecht, 1862; 4®. 

Göttingen, Universität, Akademische Gelegenheitsschriften aus den 
Jahren 1861 — 1862. Berlin, Göttingen, Leipzig; 4® & 8®. 

Greifswald, Universität, Akademische Gelegenheitsschriften aus 
den Jahren 1 861 — 1862. Braunschweig & Greifswald; 4® & 8®. 

lstituto, I. R., Veneto di scienze, lettere ed arti, Atti. Tomo VH°, 
Serie 3% Disp. 6 Ä , Venezia, 1861 — 1862; 8°. 

Kanitz, F., Serbisch-byzantinische Monumente. Wien, 1862; gr. Fol. 

Leier, Matthias, Kärntisches Wörterbuch. Mit einem Anhänge: 
Weihnacht-Spiele und Lieder aus Kärnten. (Mit Unterstützung 
der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien herausge- 
geben.) Leipzig, 1862; kl. 4®. 

Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Baudenkmale. VII. Jahrgang, Nr. 6. Wien, 
1862; 4®. 


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128 Verzeichniss der eingegangenen Druckschriften. 

Societe d’archdologie de Lorraine, La salle des cerfs ct tout ce 
qu’elle a vu. Nancy, 1862; 8°. 

— lmpdriale d’dmulation d'Abbeville. Memoires. 1857, 1858, 
1859 & 1860. Abbeville, 1861 ; 8«. 

Society, Royal Geographical, of London, Proceedings. Vol. VI, 
No. 2. London, 1862; 8°. 

Verein, historischer, von Oberpfalz und Regensburg, Verhandlun- 
gen. XX. Band (XII. Band der neuen Folge). Mit 2 lithogr. 
Tafeln. Regensburg, 1861; 8°. 


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SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

PHI LOSOPHISC H- H ISTORISCHE CL ASSE. 

XL. BAND. II. HEFT. 

JAHRGANG 1862. — JULI. 


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131 


SITZUNG VOM 9. JULI 1862. 


Vorgelegt: 

Die Würdenträger Tsiuen-pu-I , Su-kuang , Yü-ting-kue und 
deren Gesinnungsgenossen . 

Von dem w. M. Dp. August Pfisnaler. 

Das wechselvolle Schicksal der Würdenträger von Han, ihr 
bewegtes und gefahrvolles Leben, die Mannigfaltigkeit und vielfache 
Verzweigung ihrer Geschäfte finden in den von der Geschichte auf- 
bewahrten Nachrichten über ihr Wirken hinreichende Beleuchtung. 
Während jedoch die meisten dieser Angestellten, ungeachtet ihres 
oft sehr überlegenen Geistes, auf den von ihnen betretenen Wegen 
strauchelten und zu Grunde gingen, wurde es verhältnissmässig nur 
Wenigen möglich, durch Klugheit und Redlichkeit sich vor dem 
Falle zu bewahren und ein gutes Ende zu nehmen. 

Zu der Zahl der Letzteren gehören sechs in dieser Abhandlung 
vorgeführte Würdenträger, welche, nicht immer die höchsten Stellen 
bekleidend, nicht durch ihr schnelles Emporkommen Aufsehen 
erregend, auch nicht durch grosse Thaten glänzend, blos durch ihre 
seltenen, eine und dieselbe Gesinnung bedingenden Eigenschaften 
des Geistes und Herzens Gegenstand der Verehrung ihrer Zeit- 
genossen wurden. Dieselben sind Tsiuen-pü-I, Su-kuang, Yü-ting- 
kue, Sie-kuang-te, Ping-tang und Peng-siuen. 

In Rücksicht auf die Gleichartigkeit ihrer Eigenschaften wird 
in den Urtheilen über diese Männer jedes Einzelnen auf überein- 
stimmende Weise mit Lobsprüchen gedacht. Tsiuen-pü-I, heisst es 

9 * 


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132 


Dr. P f i z in a i e r 


in der Geschichte, lernte und schloss sich an die Lenkung. Er 
blickte herab auf die Ereignisse und liess sich nicht beirren. Sofort 
legte erden Grund zu einem bleibenden Namen, sein Anfang und 
sein Ende sind rühmlich. Su-kuang brachte zur Ausführung des 
Stillstehens und der Genügsamkeit Entwürfe und entkam der Um- 
strickung der Schande und des Verderbens. Er steht ebenfalls mit 
jhm in der Reihe. Yü-ting-kue, Vater und Sohn, erbarmten sich der 
Verwitweten, verstanden sich auf die Untersuchung in den Gefäng- 
nissen und wurden in dem Amte verlässliche Diener. Sie-kuang-te 
bewahrte den Ruhm der Aufhängung des Wagens. Ping-tang war 
auf seinen Umzügen beseelt von Ehrgefühl. Peng-siuen erblickte den 
Abgrund und hielt inne. Sie waren verschieden von denen, die vor 
Allem nur die Sorge haben, dass sie es können verlieren. 

Nicht ohne Grund werden, wie aus dem Gesagten zu ersehen, 
diese Männer den anderen Würdenträgern gegenüber gestellt, deren 
einziger Kummer es ist, dass sie ihr Amt verlieren können, und 
welche desshalb Unrecht begehen. Auf solche um ihr Amt besorgte 
Männer hat zuerst Khung-tse aufmerksam gemacht, indem er ihr 
Verhalten aus Verstocktheit, d. i. einer der Menschlichkeit entgegen- 
gesetzten Eigenschaft, herleitet. Die Worte, mit denen er dies aus- 
sprach, lauten in dem Lün-yü: Dem verstockten Manne darf nicht 
gestattet werden, dem Gebieter zu dienen. Wenn er es noch nicht 
erlangt hat, so hat er die Sorge, wie er es könne erlangen. Wenn 
er es bereits erlangt hat, so hat er die Sorge, dass er es könne ver- 
lieren. Hat er vor Allem die Sorge, dass er es könne verlieren, so 
gibt es nichts, wozu er am Ende nicht fähig wäre. 

Tsiuen»i»o-l. 

Tsiuen-pü-I, dessen Jünglingsname fl 
Man-tbsien, war in der Landschaft Pö-hai geboren. In seiner Jugend 
verlegte er sich auf das Werk „Frühling und Herbst“ und ward der 
Vertreter der Gelehrsamkeit in seiner Landschaft. Dabei hielt er 
sich in seinem öffentlichen Auftreten streng an die Gebräuche, so 
dass sein Name in dem ganzen Landstriche und in der Landschaft 
zu Berühmtheit gelangte. 

Gegen das Ende der Lenkung des Allhalters Hiao-wu bildeten 
sich in den Landschaften und Fürstenländern Räuber- und Mörder- 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-I, Surkuaog, Yü-ting-kue etc. 


133 


banden. Pao-sching-tschi, der auch bei dem Ereignisse des Wurm- 
frasses der Beschwörer *) thätig gewesen, erhielt die Stelle eines 
„gerade mit dem Finger zeigenden Gesandten“, in welcher Eigen- 
schaft er, in ein Kleid von fünf Farben gekleidet und in der Hand 
eine Axt haltend, die Räuber und Mörder verfolgte und festnahm. 
Indem er auf diese Weise die Landschaften und Fürstenländer unter- 
suchte und durchforschte, erreichte er im Osten die Ufer des Meeres. 
Oberall, wohin er gelangte, strafte er diejenigen, welche dem 
Befehle nicht gehorchten, auf Grundlage der bei der Zusammen- 
ziehung eines Heeres geltenden Bestimmungen. Er war daher in 
den Landschaften und Fürstenländern angesehen und gefürchtet. 

Pao-sching-tschi hatte von der Weisheit Tsiuen-pü-rs im All- 
gemeinen Kunde erhalten. Bei seiner Ankunft in Po-hai schickte er 
einen Angestellten der Gerichte zu Tsiuen-pü-I mit der Bitte, dass 
dieser ihn besuchen möge. Tsiuen-pü-I setzte auf das Haupt eine 
sogenannte Mütze des „vortretenden Weisen“ und umgürtete ein an 
der Spitze mit einem hölzernen Knopfe von der Gestalt einer kno- 
spenden Wasserlinse versehenes Schwert. Seine Seite behängte er 
mit einem Ring und Halbring von weissem Edelstein. Ausserdem 
trug er ein Kleid mit einem grossen Brustlatz und einem breiten 
Gürtel. 

In dem erwähnten stattlichen Anzuge erschien er vor demThore 
Pao-sching-tschi’s und überreichte die mit seinem Namen beschrie- 
bene Platte. Die unter dem Thore befindlichen Leute wollten ihn 
veranlassen, das Schwert abzulegen, aber Tsiuen-pü-I erwiederte : 
Das Schwert ist die kriegerische Vorkehrung des Weisheitsfreun- 
des, dasjenige, wodurch er schirmt seinen Leib, es darf nicht abge- 
legt werden. Ich bitte, mich zurückziehen zu dürfen. 

Die Angestellten brachten ihrem Gebieter die Meldung. Pao- 
sching-tschi öffnete die Seitenthüre und bat den Gast, dass er ein- 
treten möge. Indem er dies that, sah er von ferne die ehrwürdige 
und ernste Gestalt Tsiuen-pü-Fs so wie dessen wunderbare Kleidung 
und Kopfbedeckung. Pao-sching-tschi schleppte in seiner Eile die 
Schuhe, in welche er nicht mit den Fersen getreten war, an den 
Füssen nach und ging Tsiuen-pü-I entgegen, mit dem er hierauf zu 
der Halle emporstieg. 

*) ln der Abhandlung über dieses Ereiguiss wird Pao-sching-tsclii’s bei den Nachrich- 
ten über Lieu-khie-li gedacht. 


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134 


l)r.^ P f i z m a i e r 


Nachdem Beide sich niedergelassen, stützte sieh Tsiuen-pü-I 
mit den Händen auf den Fussboden und sprach: Ich vermass mich, 
verborgen zu leben an den Gestaden des Meeres und zu kennen Pao- 
kung-tse's *) gefürchteten Namen schon lange Zeit. Jetzt ward mir 
vergönnt, von Angesicht mit ihm zusammenzutreffen und ein Wort 
zu ihm zu sagen. Wer, indess er auftritt als Angestellter der Ge- 
richte, zu unbiegsam ist, wird gebrochen. Wer zu biegsam ist, wird 
abgesetzt. Bei der Geltendmachung des Schreckens erweist man den 
Menschen Gnade, dann erst setzt man in den Boden die Verdienste, 
verbreitet den Namen und besitzt immerwährend den Segen des 
Himmels. 

Pao-sching-tschi erkannte aus diesen Worten, dass Tsiuen-pu-I 
kein gewöhnlicher Mensch sei. Er nahm dessen Ermahnungen ehr- 
erbietig an und richtete sich im Umgänge mit ihm ganz nach dem 
Geiste der Gebräuche. Seine Fragen an ihn bezogen sich auf die 
Woblthaten, die man in dem gegenwärtigen Zeitalter zu erweisen, 
und die Handlungen, die man in demselben zu verrichten habe. Die 
unter dem Thore Pao-tsching-tschi's weilenden und für die Geschäfte 
zugetheilten Männer waren ausgewählte Gerichtsbeamte der Land- 
striche und Landschaften. Als diese Angestellten das Ohr hinneigten 
und Tsiuen-pu-I zuhörten, entsetzten sich alle ohne Ausnahme über 
dessen Worte. Erst als die Dunkelheit des Abends einbraeh, war er 
mit seiner Rede zu Ende und entfernte sich. 

Pao-schiog-tschi empfahl hierauf angelegentlich Tsiuen-pu-I, 
der die Aufforderung erhielt, sich zu den „öffentlichen Wagen“, 
d. i. an den Ort, wo Urkunden eingereicht wurden und die Vorge- 
ladenen erschienen, zu begeben und zum „stechenden Vermerker* 

des Landstriches ^ Tsing ernannt wurde. 

Nach dem Tode des Allhalters Hiao-wu und in dem ersten 
Jahre des Allhalters Hiao- tschau (86 vor uns. Zeitr.) setzte sich 

^|J Lieu-schi, der Enkel des Königs Hiao von Tsi, mit den 

gewaltigen und hervorragenden Männern der Landschaften und 
Förstenländer zu dem Zwecke, einen Aufstand gegen Han zu 
erregen, in Verbindung und gedachte dabei früher Tsiuen-pu-I, den 


■> t 




Kung-tse war Pao-sching-UchPs JÜDglingsname. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pu-I, Su-kuang, Yü-ting-kue etc. 


135 


stechenden Vermerker des Landstriches Tsing, tödten zu lassen. 
Dieser Anschlag wurde jedoch entdeckt, worauf sämmtlicbe Ver- 
schworene festgenommen und, nachdem sie ihre Schuld bekannt, 
hingerichtet wurden. 

Tsiuen-pu-I ward nach diesem Ereignisse zum Aufseher des 
Gebietes der Hauptstadt des Himmelssohnes ernannt und erhielt ein 
Geschenk von hundertmal zehntausend Geldstücken. In dieser Stel- 
lung ward er sowohl von den Angestellten als dem Volke der Haupt- 
stadt des Himmelssohnes seines ehrwürdigen Äusseren und seiner 
Treue willen geachtet So oft er eine Untersuchung in den Kreisen 
vornahm, kehrten auch Leute, welche bisher in den Gefängnissen 
verwahrt gewesen, in ihre Heimath zurüek. 

Auf die zuletzt erwähnte Handlungsweise war auch die Mutter 
Tsiuen-pu-I*s von Einfluss. Diese richtete nämlich bei einer solchen 
Gelegenheit an ihren Sohn ohne Umstände die Frage, wie viele Men- 
schen er demLeben wiedergegeben habe. Wenn Tsiuen-pu-I, was in 
den meisten Fällen geschah, viele Menschen dadurch, dass er in seiner 
Meldung an den Hof deren Verbrechen als leicht hinstellte, demLeben 
wiedergegeben hatte, freute sich seine Mutter, lachte und genoss Speise 
und Trank, während ihre Worte von denen, deren sie sich zu ande- 
ren Zeiten zu bedienen pflegte, verschieden waren. Wenn er hin- 
gegen, was auch bisweilen geschah, für keinen Einzigen die Ent- 
lassung aus dem Gefängnisse erwirkt hatte , zürnte seine Mutter und 
verschmähte es, Speise zu sich zu nehmen. Tsiuen-pu-I war daher 
als Gerichtsbeamter zwar streng, aber nicht verderblich. 

Im fünften Jahre des Zeitraumes Schi-yuen (82 vor uns. Zeitr.) 
versetzte ein ungewöhnliches Ereigniss die Hauptstadt Tschang-ngan 
in Aufregung. Ein Mann, der einen mit gelben Farren bespannten 
Wagen bestiegen und eine gelbe mit Schildkröten und Schlangen 
bemalte Fahne aufgesteckt hatte, begab sich, mit einem gelben 
Schlepprock und einer gelben Umhüllung des Schlepprockes ange- 
than, zu der nördlichen Thorwarte des Himmelssohnes und nannte 
sich den Nachfolger von dem Geschlechte Wei. Dieser Sohn des 
Allhalters Hiao - wu hatte sich neun Jahre früher bei dem Ereig- 
nisse des Wurmfrasses der Beschwörer selbst getödtet und hätte 
sich demnach jetzt, wenn die Angabe wahr gewesen, als recht- 
mässiger Nachfolger des Himmelssohnes Hiao-wu noch am Leben 
befunden. 


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136 


Dr. P f i z m a i e r 


Das Amt der öffentlichen Wagen» wo die für den Hof bestimm- 
ten Meldungen in Empfang genommen wurden, brachte den Vorfall 
sogleich zur Kenntniss des Himmelssohnes. Eine höchste Verkün- 
dung befahl den Fürsten, Erlauchten, Heerführern und den mit einem 
Gehalte von zweitausend Scheffeln Angestellten , den Fremdling in 
Augenschein zu nehmen und sich zu äussern, ob sie in ihm den Sohn 
des Allbalters wieder erkennten. Unterdessen hatte sich innerhalb der 
Mauern von Tschang-ngan eine nahe an zehntausend Köpfe starke 
Menge yon Angestellten und Volk versammelt, um den Angekom- 
menen zu sehen. Der Heerführer der Rechten fand es für nöthig, 
die bewaffnete Macht unter die Thorwarte zu führen, um gegen 
unvorhergesehene Fälle geschützt zu sein. 

De? Landesgehilfe, der oberste Vermerker und die mit einem 
Gehalte von zweitausend Scheffeln Angestellten, welche jetzt herbei- 
gekommen waren, blieben unschlüssig stehen und getrauten sich 
nicht, ein Wort zu reden. Zuletzt erschien auch Tsiuen-pü-I, der 
Aufseher des Gebietes der Hauptstadt. Derselbe schrie sofort die 
unter ihm stehenden Angestellten zornig an und Hess den Fremdling 
festnebmen und binden. 

Einige Angestellte hielten ein solches Vorgeben für bedenklich 
und sprachen: Ob er es ist oder nicht ist, kann man noch nicht 
wissen. Möge man einstweilen bedächtig zu Werke gehen. 

Tsiuen-pü-I erwiederte: Was habt ihr, o sämmtliche Gebie- 
ter, von dem Nachfolger des Geschlechtes Wei zu besorgen? 
Einst widersetzte sich Khuai-I dem Befehle und floh aus dem Lande. 
Tschi stellte sich ihm entgegen und gewährte ihm keinen Einlass 1 ). 
Der Frühling und Herbst hält dies für recht. Der Nachfolger des 
Geschlechtes Wei hat sich eines Verbrechens schuldig gemacht 
gegen den früheren Allhalter. Er ist geflohen und nicht sofort 
gestorben. Wenn er jetzt kommt und sich stellt an diesem Orte, so 
ist er ein Verbrecher. — Hierauf schickte er den Unbekannten in das 
Geföngniss, wo in Folge einer höchsten Verkündung die Unter- 
suchung eingeleitet ward. 

*) Khuai-I, der zur Nachfolge bestimmte Sohn des Fürsten Liug von Wei, war nach Ver- 
eitelung einer von ihm beabsichtigten Gewaltthat aus dem Laude geilcheu. Nach dem 

Tode des Fürsten Ling ward Tschi, der Sohn Khuai-l's, zum Fürsten von 

Wei erhoben. Als hierauf Khuai-I mit Hilfe Tschao-yaug's von Tsin zurückkehren 
wollte, widersetzte sich ihm sein eigener Sohn Tschi mit Waffengewalt; 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-I, Su-kuang, Yü-tiog-kae etc. . 


137 


Der Himmelssohn und der erste Heerführer Ho-kuang wünsch- 
ten Tsiuen-pü-I sogleich bei der Kunde von dessen Einschreiten 
Glück und sprachen dabei: Die Fürsten, die Erlauchten und 
grossen Diener sollen Gebrauch machen yon der Kunst der richt- 
schnurmässigen Bücher und in’s Licht stellen die grosse Gerechtig- 
keit. Hierdurch fallt ihr Name schwerer in’s Gewicht als die Vor- 
halle des Hofes. 

Sämmtliche Würdenträger hatten die Überzeugung, dass sie 
Tsiuen-pü-I nicht gleicbkommen. Der erste Heerführer Ho-kuang 
war Willens, ihn mit seiner Tochter zu vermalen, aber Tsiuen-pü-I 
weigerte sich entschieden und mochte dem Wunsche des Heer- 
führers nicht nachkommen. Nach längerer Zeit ward er krankheits- 
halber als Aufseher des Gebietes der Hauptstadt des Himmelssohnes 
entlassen und starb in seinem Hause, was in den Urkunden von 
Tschang-ngan Yerzeichnet ward *)• 

Der in späterer Zeit', im dritten Jahre des Zeitraumes Pen-schi 
(71 vor uns. Zeitr.), mit der Würde eines Aufsehers des Gebietes 
der Hauptstadt des Himmelssohnes bekleidete, durch seine grosse 

Hinneigung zu dem Volke bekannte Tschao-kuang-han 

sagte Yon sich selbst: Wo es gilt, zu wehren dem Verrath, Einhalt 
zu thun dem Unrechten Wandel unter den Angestellten und dem 
Volke, endlich in Sachen der Vorhalle des Hofes komme ich Tsiuen- 
pü-I bei weitem nicht gleich. 

Unmittelbar nach dem oben erwähnten Ereigniss leitete der 
oberste Richter gegen den in Haft befindlichen Unbekannten die 
Untersuchung ein, deren endliches Ergebniss war, dass der Mann, 
der sich für den Sohn des Allhalters Hiao - wu ausgegeben, ein 


Betrüger sei. Derselbe war eigentlich ein Eingeborener von ^ 
Hia-yang»), sein Geschlechtsname war Sching, sein Kindesname 
Fang-sui. Er hatte in letzter Zeit auf dem Gebiete des 


*) Wie in dem Verzeichnisse der Würdenträger von Han zu finden, ward Tsiuen-pu-I 
im ersten Jahre des Zeitraumes Schi y neu (86 vor uns. Zeitr.) zum Aufseher des 
Gebietes der Hauptstadt des Hiromelssohues eruannt und starb, nachdem er krank- 
heitshalber seines Amtes entlassen worden , in dem fünften Jahre desselben Zeit- 
raumes (82 vor uns. Zeitr.), also noch in dem nämlichen Jahre, in welchem er 
den vorgeblichen Sohn des Allhalters Hiao-wu verhaften liess. 

*) Das heutige Han-tsching, Kreis Si-ugau iu Scben-si. 


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138 


Dr. Pf i z m a i e r 


Kreises Hu, wo der Nachfolger von dem Gesehlechte Wei den Tod 
gefunden, seinen Aufenthalt genommen und daselbst die Wahrsage- 
kunst ausgeöbt. Ein ehemaliger Hausgenosse des Nachfolgers war 
einst zu Sching-fang-sui gekommen, um sich wahrsagen zu lassen, 
und hatte ihm bei dieser Gelegenheit gesagt: Du hast in deiner 
Gestalt und in deinem Aussehen grosse Ähnlichkeit mit dem Nach- 
folger von dem Gesehlechte Wei. — Sching-fang-sui beschloss, von 
diesen Worten Nutzen zu ziehen und machte sich sogleich Hoff- 
nung, dass er zu Ansehen und Reichthum gelangen werde. Um 
diesen Zweck zu erreichen, begab er sich, indem er sich den Namen 
des Nachfolgers von Han beilegte, zu der Thorwarte des Himmels- 
sohnes. 

Um sich vollkommen zu überzeugen , hatte der oberste Richter 
mehrere Menschen, welche als Mitbewohner des Gaues und der Gasse 
den erwähnten Sching-fang-sui genau kannten, unter ihnen eineu 

gewissen jjj^ Tsch'hang - thsung - lo, vorladen lassen. 

Sching-fang-sui ward hierauf des Betruges und der Ruchlosigkeit 
schuldig erkannt und auf dem östlichen Verkaufsräume von Tschang- 
ngan in der Mitte des Leibes entzweigehauen. Nach Einigen war der 


Geschlechtsname dieses Mannes Tsch’hang und der Kindesname 
Yen-nien, wesswegen er in der Geschichte des Allhalters 
Hiao-tschao unter dem Namen Tsch’hang-yen-nien erwähnt wird. . 


Sn-kuang. 


Mi Su-kuang, dessen Jünglingsname ^ Tschung- 
ung, war auf dem Gebiete j||j Lan-ling 1 ) in der Landschaft 


Tung-hai geboren. In seiner Jugend war er ein Freund des Lernens 
und erläuterte das Werk „Frühling und Herbst“. Während er indem 
väterlichen Hause weilte, kamen aus fernen Gegenden Männer, welche 
ihn in den Wissenschaften unterrichteten. Seine Kenntnisse wurden 
in dem Masse berücksichtigt, dass er nach Tschang-ngan berufen 
und daselbst zum Hofgelehrten und grossen Würdenträger der 
grossen Mitte ernannt wurde. 


*) Das heutige Yi, Kreis Yen-tscbeu io Schan-tung. 


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Die Würdenträger Taiuen-pü-1, Su-kuang, Yü-ting-kue etc. 


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Als im dritten Jahre des Zeitraumes Ti-tsie (67 vor uns.Zeitr.) 
der Allhalter Hiao-siuen seinen Sohn zum Nachfolger einsetzte, 
wählte er Ping-ke *) zum grossen Zugesellten, Su-kuang zum kleinen 
Zugesellten des Nachfolgers. Einige Monate später erhielt Ping-ke 
die Stelle eines obersten vermerkenden Grossen, worauf Su-kuang 
za der Stelle eines grossen Zugesellten des Nachfolgers befördert 
wurde. 

Scheu, ein Sohn von Su-kuang’s älterem Bruder, mit dem 
Jünglingsnamen auch Kung-tse genannt, war ebenfalls in 


der Eigenschaft als Weiser und Vortrefflicher befördert und als 
Befehlshaber des Hauses des Nachfolgers angestellt worden. Dieser 
Su- scheu schätzte die Gebräuche, war ehrerbietig gegen Andere 
und besass bei einem lebhaften Geiste die Gabe der Rede. Wenn der 
Allhalter Siuen das Wohngebäude des Nachfolgers besuchte, ging 
Su-scheu dem hohen Gaste bittend entgegen und beantwortete dessen 
Fragen. Wenn dann der Wein aufgetragen wurde und die Feier 
begann, reichte er den Becher und bot dem Himmelssohne das Ge- 
schenk auf dessen langes Leben. Dabei waren seine Worte und sein 
Benehmen gemessen und zierlich, so dass der Himmelssohn an ihm 
das grösste Wohlgefallen hatte. 

Der zu dem Nachfolger in dem Verhältnisse eines Grossvaters 
yod mütterlicher Seite stehende, zu den Emporkömmlingen gezählte 

p^pHiü-pe, Fürst von JES^ Ping-ngen a ), rechnete auf die 
Unmündigkeit des Nachfolgers und machte an dem Hofe die Anzeige, 
dass er seinen eigenen jüngeren Bruder Schün*) beauftragt 
habe, das Haus des Nachfolgers zu beschützen und zu überwachen. 


•) Ping-ke ist in der Abhandlung: »Das Ereigniss des Wurmfrasses der Beschwörer“ 
der Gegenstand eines besonderen Abschnittes. 

*) In dem Verzeichnisse der zu den mütterlichen Verwandtschaften des Himmelssohnes 


gehörenden Lehensfürslen von Han wird dieser Mann 





Hiü-kuang- 


han genannt. Derselbe war der Vater der von dem Geschlechte Hiü stammenden 
»erhabenen Königin»“ von dem Geschlechte Hin, welche ihrerseits die Mutter des 
sur Nachfolge bestimmten Sohnes des Allhalters Hia-sinen. 


3 ) Dieser 


Hiu - schön 


erscheint ebenfalls unter 


den Lehensfürsten 


von Han. 


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140 


Dr. P f i z m a i e r 


Der Himmelssohn befragte desshalb Su - kuang. Dieser ant- 
wortete: Der Nachfolger ist der Gehilfe und Genosse des Landes, 
der Freund des Lehrers des Landesfürsten. Gr ist gewiss in der 
Welt ein glänzender und hervorragender Mann. Es ziemt sich nicht, 
dass er allein in seine Nähe ziehe die auswärtigen Häuser, das Ge- 
schlecht Hiü. Auch besitzt der Nachfolger einen grossen Zugesellten, 
einen kleinen Zugesellten, mit den Untergebenen der Ämter ist er 
bereits versehen. Wenn man jetzt wieder heissen wollte Schün 
überwachen des Nachfolgers Haus, würde man zur Schau stellen 
dessen Erniedrigung. Dies ist nicht das Mittel, auszubreiten des 
Nachfolgers Tugend in der Welt. 

Der Himmelssohn fand diese Worte vortrefflich und erwähnte 
sie wieder vor dem Landesgehilfen Wei-siang. Dieser Würdenträger 
legte zum Zeichen, dass er sich gedemüthigt fühle, seine Mütze ab 
und entschuldigte sich mit den Worten: Dies ist, was ich und 
Menschen meiner Art nicht im Stande sind zu erreichen. , 

Su-kuang hatte auf diese Weise seine Fähigkeiten und seinen 
Einfluss geltend gemacht , und er erhielt mehrmals Belohnungen und 
Geschenke. So oft der Nachfolger an dem Hofe erschien und die 
Stufen zu der Halle des Himmelssohnes emporstieg, ging der grosse 
Zugesellte vor ihm her, während der kleine Zugesellte unmittelbar 
folgte. Vater und Sohn 1 ) übten dabei gleichzeitig das Amt von 
Lehrern und Zugesellten, was in der Vorhalle des Hofes als ein 
höchst ehrenvoller Aufzug betrachtet ward. 

Su-kuang und Su-scheu verblieben in ihrem Amte fünf Jahre. 
Der Nachfolger des Himmelssohnes war jetzt zwölf Jahre alt und 
verstand vollkommen das Werk Lün-yü und das Hiao-king. Um 
diese Zeit sprach Su-kuang zu Su-scheu: Ich habe gehört: Wer 
weiss sich zu begnügen, erfährt keine Schande. Wer weiss inne zu 
halten, geräth nicht in Gefahr. Sind die Verdienste erworben, so 
zieht man sich zurück. Dies sind die Wege des Himmels 8 ). — Jetzt 
haben wir es in dem Dienste des Hauses gebracht bis zu Angestellten 
mit dem Gehalte von zweitausend Scheffeln. Die Dienste des Hauses 
sind verrichtet, der Name ist begründet. Wenn wir, da es sich so 


& ) Su-scheu war, wie oben angegeben worden, der Bruderssohn Su-kuang's. Da jedoch 
der Letztere bei dem Ersteren Vatersstelle vertrat, werden sie, was unten noch 
zweimal geschieht, Vater und Sohn genannt. 

Dies sind Worte Lao-tse's, welche von Su-kuang angeführt werden. 


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Die Würdenträger Tsiueu-pü-1, Su-kuang, Yü-ting-kue etc. 


141 


▼erhält, uns nicht entfernen, so förchte ich, dass es uns später reuen 
wird. Wie könnte dies so gut sein, als wenn wir, Vater und Sohn, 
einander folgen, treten aus dem Durchwege und zuröckkehren des 
Alters willen nach unserem Geburtsorte? Wenn wir beschliessen in 
Langjährigkeit das Leben, wäre dies nicht auch vortrefflich ? 

Su- scheu stiess mit dem Haupte gegen den Boden und ant- 
wortete: Ich folge dem Rathe des grossen Mannes. 

Vater und Sohn veränderten sofort an einem und demselben 
Tage ihren Wohnsitz und meldeten sich krank. Nach Ablauf dreier 
Monate ward ihnen Müsse und Ruhe gewährt. Su-kuang meldete 
hierauf, dass er bedeutend krank sei und machte an dem höchsten 
Orte eine Eingabe, worin er bat, für die Bestattung seiner Gebeine 
sorgen zu dürfen. Der Himmelssohn ertheilte in Rücksicht auf die 
Jahre und die Gebrechlichkeit dieser Männer seine Genehmigung und 
machte ihnen ein Geschenk von zwanzig Gewichten Goldes, wozu 
der Nachfolger noch weitere fünfzig Gewichte schenkte. 

Bei der Abreise der beiden Männer bereiteten die Fürsten, die 
Erlauchten, die grossen Würdenträger, die alten Bekannten und die 
Söhne der Stadt au dem Wege die Feierlichkeit der Darbringung 
für die Geister und stellten sich vor dem Thore der östlichen Vor- 
stadt von Tschang-ngan in Reihen auf. Diejenigen, welche ihnen auf 
diese Weise das Geleite gaben, waren auf mehreren hundert Wagen 
angelangt, und sie entfernten sich erst wieder, nachdem sie auf das 
Herzlichste Abschied genommen. Die Menschen, welche sich an dem 
Wege eingefunden hatten, um die Scheidenden zu sehen, riefen ein- 
stimmig: Wie weise die zwei Grossen des Landes ! — Einige waren 
bei diesem Anlasse von Trauer erfüllt und vergossen Thränen. 

Nachdem Su-kuang an dem Orte seiner Heimath angekommen, 
gab er täglich Auftrag, dass in seinem Hause Wein und Speisen 
hergerichtet und aufgestellt werden. Dabei lud er seine Verwandten 
und ehemaligen Gäste ein und vergnügte sich mit ihnen. In der 
Zwischenzeit fragte er mehrmals, wie viel von dem Golde seines 
Hauses noch übrig sei, worauf er Theile davon schnell verkaufte und 
damit seine Auslagen bestritt. 

Nach einem Jahre wandten sich endlich die Söhne und Enkel 
Su-kuang's im Geheimen an dessen Bruder und diejenigen bejahrten 
Männer, zu welchen er Liebe und Vertrauen hatte, mit den Worten: 
Die Söhne und Enkel hatten gehofft, dass sie zu den Zeiten des 


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142 


Dr. P f i z m a i • r 


Gebieters einigermassen den Grund legen werden zu dem Betriebe 
eines Geschäftes. Jetzt werden Speise und Trank täglich verbrauch* 
und werden bald zu Ende gehen. Es ziemt sich, dass ihr, als ob es 
von euch, o Menschen des Stabes, ausginge, mit dem Gebieter 
sprechet und ihn ermahnet, anzukaufen Felder und Häuser. 

Die bejahrten Leute trugen zu einer günstigen Zeit Su-kuang 
dieses Anliegen vor. Su-kuang erwiederte: Wie sollte ich vergess- 
iich sein in meinem Alter, so dass ich nicht gedächte der Söhne und 
Enkel? Ich nahm Rücksicht darauf, dass ich aus früherer Zeit be- 
sitze Felder und Hütten. Wenn ich heisse meine Söhne und Enkel 
anstrengen ihre Kraft in deren Mitte, so genügt dies, ihnen Kleider 
und Speise zu verschaffen, so dass sie sämmtlichen Menschen gleich- 
gestellt sind. Wenn ich jetzt die Felder durch neue vermehren und 
daraus übermässigen Vortheil ziehen wollte, so würde ich meine 
Söhne und' Enkel nur lehren den Leichtsinn. 

Ist man weise und besitzt viele Güter, so schadet dies unserer 
Gesinnung. Ist man thöricht und besitzt viele Güter, so vermehrt 
dies unsere Fehler. Auch ist der Reiche der Gegenstand des Hasses 
der Menge der Menschen. Wenn ich nicht mehr sein werde und 
nachdem ich belehrt und umgestaltet habe meine Söhne und Enkel, 
will ich nicht vermehren ihre Fehler und erwecken deu Hass. 

Auch ist dieses Gold etwas, wodurch höchstweise Gebieter in 
ihrer Gnade ernähren die alten Diener. Wenn ich mich daher freue 
mit den Genossen der Heimath, wenn die Verwandten des Namens in 
Gemeinschaft bewirthet werden von jenem Geschenke, indess ich 
verlebe meine noch übrigen Tage, sollte ich dies nicht auch dürfen? 

Die Verwandten Su-kuang’s unterwarfen sich mit Freuden die- 
sem Ausspruche. Sowohl Su-kuang als Su-scheu nahmen nach Errei- 
chung des Alters ein gutes Ende. 


Yü-ting-koe. 

* 

ir* -41 /fe Q 

/t J Yü-ting-kue, dessen Jünglingsname 52 

Man-thsien, stammte aus SR Tan in der Landschaft des östlichen 

Meeres. Dessen Vater ^ -J- Yü-kung war ein Vermerker der 
Gefängnisse des Kreises und bekleidete in der Landschaft die Stelle 
eines § Kiue-tsao, d. i. eines entscheidenden, durch seinen 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-1, Su-kuang, Yü-tiog-kue etc. 


143 


Aasspruch die Untersuchung der Verbrechen leitenden Gerichts- 
beamten. Bei den vorkommenden Verbrechen entschied er gerecht, 
und wo die Aussprüche dem Buchstaben des Gesetzes gemäss erfolg- 
ten, erregte dasjenige, was durch Yü-kung entschieden worden, nie- 
mals Unzufriedenheit. In der Landschaft errichtete man ihm noch bei 
seinen Lebzeiten einen Anbetungsort, der mit Namen „Anbetungsort 
Yü-kung’*“ genannt ward. 

Während der Amtstätigkeit Yü-kung’s erregte die Verurtei- 
lung des später berühmt gewordenen „älternliebenden Weibes“ 
grosses Aufsehen. Dieses Weib, welches in der Landschaft des öst- 
lichen Meeresiebte, war frühzeitig Witwe geworden, zudem auch 
kinderlos geblieben und pflegte ihre Schwiegermutter mit der 
grössten Sorgfalt. Die Schwiegermutter wollte sie wieder vermälen, 
worein jedoch das älternliebende Weib durchaus nicht willigte. Die 
Schwiegermutter äusserte sich daher gegen ihre Nachbarn: Das 
älternliebende Weib dient mir mit Sorgfalt und Mühe. Ich bedaure, 
dass sie, die kinderlos ist, bewahrt ihr Witwenthum. Ich bin alt und 
falle ihr schon lange zur Last. Was kann ich, indess ich rüstig bin, 
beginnen ? — Nach einiger Zeit erhängte sich die Schwiegermutter, 
um dem älternliebenden Weibe nicht zur Last zu fallen. 

Die Tochter der Schwiegermutter machte hierauf bei den 
Gerichten die Anzeige, dass ihre Mutter durch jenes Weib getödtet 
worden. Die Angestellten der Gerichte nahmen das älternliebende 
Weib fest, welches anfänglich die That leugnete, später jedoch, als 
man sie zu überführen suchte, der Wahrheit zuwider sich schuldig 
bekannte. Als die Urkunde der Gerichtsverhandlung an das oberste 
Amt der Landschaft eingesendet wurde, war Yü-kung der Meinung 
dass dieses Weib , welches ihre Schwiegermutter länger als zehn 
Jahre gepflegt habe und durch ihre Älternliebe bekannt sei, unmög- 
lich die That verübt haben könne. Der Statthalter der Landschaft 
gab jedoch diesen Gründen kein Gehör. Yü-kung, der dessen Ansicht 
zwar bestritt, aber seine eigene Meinung nicht zur Geltung bringen 
konnte, nahm die Urkunde der Gerichtsverhandlung in die Arme 
und beweinte den Vorgang öffentlich in dem obersten Amte der Land- 
schaft. Zu gleicher Zeit entschuldigte er sich wegen Unwohlsein 


t) Dasselbe ist übrigens nickt das alternliebende Weib, welches in der Abhandlung: 
„Die Menschenabtheilung der wandernden Schirmgewaltigen“ bei den über Yuen" 
sch? gebrachten Nachrichten erwähnt worden. 


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144 


Dr. Pfizmaier 


und legte seine Stelle nieder. Der Statthalter fällte endlich das 
Urtheil, welches auf Hinrichtung des älternliebenden Weibes lautete. 

Nach diesem Ereignisse entstand in der Landschaft des östlichen 
Meeres eine durch drei Jahre anhaltende Dürre. Der Statthalter 
nahm seine Zuflucht selbst zur Wahrsagekunst, am die Ursache 
dieser ungewöhnlichen Erscheinung zu erfahren. Dabei äusserte 
sich Yü-kung: Das äJternliebende Weib hätte nicht sterben sollen. 
Vordem hat der Statthalter mit Gewalt die Sache entschieden. Das 
Unglück hat offenbar hierin seinen Grund. — Hierauf liess der Statt- 
halter ein Rind schlachten, brachte auf dem Grabhügel des ältern- 
liebenden Weibes die Gabe der Geister dar und versah das Grab mit 
einer Gedenkplatte. Sobald dieses geschehen, erfolgte, wie ange- 
geben wird, ausgiebiger Regen und das Getreide war zur Erntezeit 
gereift. Dieses Ereignisses willen ward Yü-kung in der Landschaft 
der Gegenstand grosser Hochachtung und Verehrung. 

Yü-ting-kue lernte in seiner Jugend die Gesetzkunde bei seinem 
Vater Yü-kung. Nach dem Tode des Vaters wurde er ebenfalls ein 
Vermerker für die Gefängnisse und bekleidete die Stelle eines ent- 
scheidenden, durch seinen Ausspruch die Untersuchung der Ver- 
brechen leitenden Gerichtsbeamten. Zudem war er ein aushelfender 
Vermerker des Beruhigers des Vorhofes, in welcher Eigenschaft er 

die Bestimmung erhielt, in Gemeinschaft mit dem ijl Tschung- 

sching, einem der beiden Gehilfen des obersten Vermerkers, den 
Geschäften nachzugehen und die Untersuchung gegen Empörer zu 
führen. Seiner hohen Begabung willen ward er zu einem dem ober- 
sten Vermerker aufwartenden Angestellten befördert, hierauf, was mit 
der Zuweisung eines anderen Wirkungskreises verbunden war, zum 
Tschung-sching „mittleren Gehil fen“ des obersten Vermerkers ernannt. 

Nach dem Tode des Allhalters Tschao (74 vor uns. Zeitr.) ward 
der König von Tschang-yi nach Tsehang-ngan berufen und zur Würde 
des Himmelssohnes erhoben. Da dieser König sofort nach seiner Erhe- 
bung sich den Ausschweifungen und Lastern ergab, überreichte Yü- 
ting-kue an dem Hofe einen Aufsatz, worin er dem Könige in Bezug auf 
dessen Lebenswandel Vorstellungen machte. Alsbald nachher der König 
von Tschang-yi abgesetzt und an dessen Stelle der Allhalter Siuen 
erhoben wurde, leitete der oberste Heerführer Ho-kuang dieGeschäfte 

des äjjl 'fpl Schang - schu „Vorstehers der grossen Urkunden“, 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-I, Sa-keang, Yii-ting-kue etc. 


145 


wobei er die einzelnen Meldungen an dem Hofe berücksichtigte. 
Sämmtliche Würdenträger, welche dem Könige Yon Tschang-yi 
seines Wandels wegen Vorstellungen gemacht hatten, wurden jetzt, 
indem sie die niederen Stufen übersprangen, zu höheren Ämtern 
bestimmt, bei welchem Anlässe auch Yü-ting-kue zu einem Grossen 
des glänzenden Gehaltes ernannt ward. In dieser Eigenschaft brachte 
er auch die Geschäfte des Vorstehers der grossen Urkunden zurecht, 
wobei er vielfach mit Geschäften betraut und verwendet wurde. 

Nachdem er einige Jahre später zu eioem mit dem Namen 
Scbui-heng belegten „Beruhiger der Hauptstadt“, mit welchem Amte 
die Aufsicht über die Abgaben von den Teichen und Gärten verbun-. 
den war, ernannt worden, erhielt er (69 vor uns. Zeitr.), und zwar 
wieder mit Überspringung der niederen Stufen, die Stelle eine s 
„Beruhigers des Vorhofes“ (obersten Richters). 

Sobald sich Yü-ting-kue im Besitze der letztgenannten hohen 
Würde befand, suchte ersieh einen Lehrer und lepnte das Werk 
„Frühling und Herbst“. Indem er in den Händen das richtschnur- 
massige Buch hielt, sass er mit dem Angesichte nach Norden gekehrt 
und beobachtete genau die für einen Jünger geltenden Gebräuche. 
Als ein bescheidener und ehrerbietiger Mann schätzte er die Gelehr- 
ten, welche sich mit der Kunst der richtschnurmässigen Bücher 
befassten, überaus hoch Selbst die Niedriggestellten und Ärmlichen 
unter ihnen, so wie diejenigen, welche sich zu Fuss zu ihm begaben, 
behandelte er wie seines Gleichen, wobei. er seine Güte und Hoch- 
achtung gegen sie auf ausnehmende Weise bekundete. Bei allen 
Männern des Lernens erfreute er sich daher des besten Rufes. 

Wo Yü-ting-kue als Richter zweifelhafte Fälle entschied, liess 
er bei der Auslegung des Gesetzes die Billigkeit walten und sein 
Bestreben ging dahin, sich gegen Hilflose und Witwen mitleidig zu 
zeigen. Wo die Beschaffenheit des Verbrechens zweifelhaft war, 
legte er das leichtere Vergehen zu Grunde, und in allen Fällen 
untersuchte er mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit. In der Vorhalle 
des Hofes ertheilte man ihm daher Lobsprüche, indem man sagte: 
Als Tsch'hang-schi-tschi *) der Berubiger des Vorhofes war, gab 





Tsch'haog-schi-tschi wurde im dritten Jahre des Allhalters 


Hiao-wen (177 ror uns. Zeitr.) cum Beruhiger des Vorhofes ernannt. 


SiUb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 11. Hft. 


10 


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Dr. P f i z m a i e r 


es in der Welt kein mit Gewalt überfuhrtes Volk. Als Yü-ting-ku£ 
der Bernhiger des Yorhofes war, befand sich das Volk yon selbst in 
der Lage, dass es nicht mit Gewalt überführt ward *). 

Yü-ting-kue war übrigens ein so starker Weintrinker, dass er 
selbst von mehreren grossen Krügen *) Weines nicht angegriffen 
wurde. Wenn er in den Monaten des Winters die Angestellten zu 
Berathungen über Fälle von Verbrechen einlud , trank er ebenfalls 
Wein, wodurch sein Geist an Reinheit und Helle gewann. 

Nachdem- er durch achtzehn Jahre Beruhiger des Yorhofes 
gewesen , ward er zu einem anderen Amte versetzt und (62 vor 
uns. Zeitr.) zum obersten vermerkenden Grossen ernannt. Im dritten 
Jahre des Zeitraumes Kan-lu (61 vor uns. Zeitr.) ward er an der 
Stelle des mit Tode abgegangenen Hoang-pa zum Landesgehilfen 
ernannt und erhielt bei dieser Gelegenheit das Lehen eines Fürsten 

von jTEj Si-ping. 

Im dritten Jahre der Ernennung Yü-ting-kue s zum Landes- 
gehilfen (49 vor uns. Zeitr.) starb der Allhalter Siuen, und auch 
der neue Allhalter Yuen ehrte und schätzte Yü-ting-kue als einen 

verlässlichen alten Diener. Um diese Zeit war ¥ x nt Tschin- 

Wan-nien, der Yü-ting-kue in dessen früherem Amte nachfolgte, der 
oberste vermerkende Grosse. Während der acht Jahre, dass beide 
Männer zugleich im Amte waren, entstand zwischen ihnen bei ihren 
Erörterungen und Berathungen niemals eine Meinungsverschieden- 
heit. Als später (44 vor uns. Zeitr.) ß] M Kun g-y Q an der 

Stelle Tschin - wan - nien’s zum obersten vermerkenden Grossen 
ernannt ward, war dessen Meinung öfters derjenigen Yü-ting-kue’s 
entgegengesetzt. 

Da Yü-ting-kue, einsichtsvoll und in den Geschäften der Len- 
kung erfahren, immer nur Bewährtes Yoranstellte, so ward dasjenige 


*) Durch den oberaten Richter Tsch’hang - sehT - tachi wurden nur gerechte Urtheile 
gefallt, wesshalb das Volk niemals eines Verbrechens mit Gewalt fiberfuhrt ward. 
Zur Zeit Yü-ting-kuö’s wusste das Volk, dass man sich bei den Urtheilssprfichen 
von Beweggründen der Grossmuth und Billigkeit leiten lasse, wesshalb es ihm 
nicht in den Sinn kam, dass es mit Gewalt eines Verbrechens fiberfuhrt werden 
könne. 

*) Das Weinmass 
Tu oder „Nössel*. 


Schi entsprach einem grossen Kruge und enthielt zehn ..V |— 


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Die Würdenträger Täitien-pü-J, Su-kuang, Yu-liiig-ktie etc. 


147 


was er als Landesgehilfe rieth, für ausführbar gehalten. Die Ver- 
hältnisse hatten sich jedoch ungünstiger gestaltet. Nicht allein, dass 
der Himmelssohn erst seit Kurzem die Lenkung angetreten hatte, 
waren anch die Länder im Osten des Durchweges alljährlich von 
Unglück und Schaden heimgesucht worden, und das Volk jener 
Gegenden, welches seine Wohnsitze verliess, trat in den Durchweg. 
Diejenigen, welche an dem Hofe Eingaben machten und die Sache 
auseinandersetzten, schoben alle Schuld auf die grossen Würden- 
träger. 

Der Himmelssohn beschied daher mehrmals an Hoftagen *) den 
Landesgehilfen und den obersten Vermerker zu sich, damit sie gleich 
bei ihrem Eintritte die einzelnen höchsten Verkündungen in Empfang 
nehmen. Bei dieser Gelegenheit stellte er sie in Bezug auf ihre 
Amtsgeschäfte mit folgenden Worten zur Rede: Schlechte Ange- 
stellte der Gerichte verfehlen die Mörder und haben in Verdacht das 
vortreffliche Volk. Es kommt so weit, dass Unschuldige sterben. 
Bisweilen kommen Räuber und Mörder zum Vorschein, die Ange- 
stellten der Gerichte verfolgen sie nicht eifrig und binden im Oegen- 
theil die Verlusttragenden. Später wagen es diese nicht, noch ein- 
mal etwas anzuzeigen, aus diesem Grunde breitet sich das Übel 
immer mehr aus. Das Volk wird häufig mit Gewalt der Verbrechen 
überführt und verknüpft. Die Landstriche und Landschaften sind 
nicht zurecht gestellt. Diejenigen, die nach einander an dem höch- 
sten Orte Eingaben machen, drängen sich an der Thorwarte und in 
dem Vorhofe. 

Die Angestellten der zweitausend Scheffel werden gewählt 
und erhoben ohne Rücksicht auf ihre Gediegenheit, desswegen sind 
unter den Inhabern der Würden viele nicht verlässlich in ihrem 
Amte. Auf den Feldern des Volkes ereignen sich Unglück und 
Schaden. Die Angestellten mögen nicht das Übel beseitigen, sie 
sammeln mit Hast die Abgaben von den Feldern und verdoppeln 
dadurch die Drangsale. Im Osten des Durchweges hat das herum- 
ziehende Volk viel zu leiden von Hunger und Kälte, von Krankheiten 
und Seuchen. Es ward bereits erlassen eine höchste Verkündung, 
dass die Angestellten flugs leeren mögen die Scheunen, öffnen die 
Vorrathshäuser, um das Volk aufzurichten und zu retten. Ich 


l ) Der Himinelsaohn gab alle fünf Tage einmal an dem Hofe Gehör. 

10 * 


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Dr. P f i z m a i e v 


beschenkte die Frierenden mit Kleidern bis zum Frühling, und ich 
fürchte noch immer, dass sie nicht werden genügen. 

Was werden jetzt der Landesgehilfe und der oberste Ver- 
merker Willens sein zu veranstalten, um den Weg zu versehliessen 
diesem Ungemach? Möget ihr, indess ihr vollständig äussert über 
jedes Einzelne eure Gedanken, darlegen meine, des Himmelssohnes, 
Fehler und Verirrungen. 

Die Antwort Yü-ting-kue’s auf diese Vorwürfe war eine Ein- 
gabe, worin er wegen seiner Vergehen um Entschuldigung bat. 

Im ersten Jahre des Zeitraumes Yung-kuang (43 vor uns. Zeitr.) 
gab es im Frühling Rauhfrost und im Sommer Kälte. Dabei war die 
Sonne grün von Farbe und glanzlos. Der Himmelssohn stellte jetzt 
nochmals in einer einzelnen höchsten Verkündung seine grossen 
Würdenträger folgendermassen zur Rede: Die Leibwächter, welche 
aus den östlichen Gegenden ankommen, sagen, dass unter dem Volke 
Väter und Söhne einander verlassen 1 )* Sind der Landesgehilfe, der 
oberste Vermerker, die mit der Untersuchung der Dinge betrauten 
Angestellten versteckt und reden nicht? Es wird der Fall sein, dass 
diejenigen, welche aus den östlichen Gegenden ankommen, hier noch 
hinzufügen und vermehren. Jedoch warum gehen die gegenseitigen 
Widersprüche so weit? Ich will wissen, was an der Sache Wahres ist. 

In der gegenwärtigen Zeit lässt sich in Bezug auf die Ernte 
des Jahres noch nichts im Voraus wissen. Ob Wassernoth, ob 
Trockenheit entstehe, der Kummer darüber ist nicht gering. Von den 
Dingen, welche die Fürsten und Erlauchten thun konnten, um zu ver- 
hindern, was sich noch nicht ereignet, um zu Hilfe zu kommen bei 
dem, was sich bereits ereignet, wird nicht ein jedes der Wahrheit 
gemäss vorgetragen*). Möge es nichts geben, das ihr mir vorenthaltet. 

Yü-ting-kue ward in Folge dieser Verkündung von Furcht 
befallen und machte eine Eingabe, in der er die Schuld sich selbst 
beimass. . Zugleich schickte er die ihm verliehene Abdrucksmarke 
eines Lehensfürsten zurück und bat um die Erlaubniss, für die 
Bestattung seiner Gebeine Sorge tragen zu dürfen. 

Der Himmelssohn gab hierauf zur Antwort: Du, o Gebieter, 
standest zur Seite meiner, des Himmelssohnes, Selbstheit und 


4 ) Sie thun die«, weil sie bei der eingetretenen Hungersnolh einnnder nicht ernähre» 
können. 

*) Es ist sonst nicht Angemessen, hier aber Alles ohne Ausnahme Hede zu strhen. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-1, Su-kuing, Yü-ting-kue etc. 


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getrautest dich nicht, sorglos zu sein und zu ruhen. Die Angelegen- 
heiten der zehntausend Gegenden haben ihre grosse Eintragung 
gefunden durch dich, o Gebieter. Diejenigen, die im Stande, frei 
von Fehlern zu bleiben, sind allein die höchstweisen Menschen. 

In der gegenwärtigen Zeit hat man übernommen die Ernie- 
drigung von Tscheu und Thsin. Gewohnheiten und Umgestaltung 
gehen allmählich ein, das Volk hält wenig auf Gebräuche und 
Gerechtigkeit. Die Stoffe der Finsterniss und des Lichtes sind nicht 
in der richtigen Übereinstimmung. Wenn Brandschäden und Unglück 
hereinbrechen, ist es nicht ein und dasselbe Ende, an dem sie ent- 
stehen. Seit höchstweise Menschen überlassen an ihres Gleichen die 
Eintragung, wagen sie es*nicht, dabei ausschliesslich zu handeln. 
Um wie viel weniger thun dies diejenigen, welche keine höchst- 
weisen Menschen? Tag und Nacht denke ich darüber nach, woher 
es kommt, dass ich noch nicht im Stande, vollständig geltend zu 
machen die Erleuchtung. 

Das richtschnurmässige Buch sagt: Wenn die zehntausend 
Gegenden sich etwas zu Schulden kommen lassen, so liegt die Schuld 
davon an mir, dem Himmelssohne, selbst. — Bist du, o Gebieter, auch 
betraut mit einem Amte, wozu hast du nöthig, ausschliesslich zu 
handeln? Mögest du dich bestreben, zu untersuchen die Landschaften 
und Fürstenländer. Die Statthalter und Laudesgehilfen *), die Hirten 
der Landschaften, welche nicht die rechten Menschen, mögest du sie 
nicht heissen lange Zeit morden das Volk. Mögest du ewig in den 
Händen halten Seil und Leitfaden, dir angelegen sein lassen, auf das 
Äusserste anzustrengen das scharfe Gehör, das scharfe Gesicht. 
Mögest du dich zwingen, Speise zu dir zu nehmen und wachen über 
deine Krankheit. 

Yü-ting-kue meldete nach dieser Erwiederung seine bedeutende 
Erkrankung und begehrte dringend seinen Abschied. Der Himmels- 
sohn schenkte ihm hierauf einen bequemen Wagen sammt einem 
Viergespann, ferner sechzig Gewichte Goldes, und enthob ihn seiner 
Amtsthätigkeit. Yü-ting-kue begab sich sofort zu seinem jüngeren 
Bruder, wo er nach einigen Jahren (41 vor uns. Zeitr.) in einem 
Alter von mehr als siebenzig Jahren starb. Er erhielt nach seinem 
Tode den Namen Lehensfürst Ngan. 


*) Die Laodrsgehillen in den Ländern der Lehen'fiirsten. 


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Dr. P f i z m a i e r 


Sein Sohn und Nachfolger in dem Lehensfürstenthume Si-ping 
hiess mit Namen 7k Yung. Dieser Sohn war in seiner frühen 

Jugend ein Freund des Weines und liess sich viele Fehler und 
Missgriffe zu Schulden kommen. Gegen sein dreissigstes Lebensjahr 
jedoch ging er in sich und führte einen anständigen Lebenswandel. 
Während der Amtstätigkeit seines Vaters war er nach einander ein 
im Inneren Aufwartender, ein Anführer der Leibwächter und ein 
Hiao-wei von Tschang-schui. Nach dem Tode Yü-ting-kue's beging 
Yü-yung dieTrauer den Gebräuchen gemäss, und sein grosse Altern- 
liebe bekundender Wandel ward in der Welt bekannt. Aus diesem 
Grunde ward er in seiner Eigenschaft als Lehensfürst der Reihe 
zugleich ein Kuang-lö-hiün „ Verdienst* des glänzenden Gehaltes“ 
für die „zerstreuten Reiter“ und brachte es bis zu einem obersten 
vermerkenden Grossen. 

Yü-yung war mit der Allhalterstochter Schi von 

Kuan-tao vermählt. Dieselbe war die älteste Tochter des Allhalters 
Siuen und die Muhme des Allhalters Sching. Unter den weisen und w 
einen tadellosen Lebenswandel führenden Männern war Yü-yung vor 
allen übrigen zu ihrem Gemahle erkoren worden. Um dieselbe Zeit 
war auch der Himmelssohn willens, Yü-yung zu seinem Landes- 
gehilfen zu ernennen. 

Als Yü-yung (20 vor uns. Zeitr.) starb, folgte ihm dessen Sohn 

Tien in dem Lehensfürstenthume. Dieser Sohn Tien war jedoch 
aus der Art geschlagen und führte einen wenig erbaulichen Lebens- 
wandel. 

In Bezug auf Yü-kung, den Vater Yü-ting-kue*s, wird noch 
erzählt, dass einst das Thor der Gasse, welche er bewohnte, ein- 
stürzte. Während die Väter und Greise der Gasse damit beschäftigt 
waren, dieses Thor in Gemeinschaft wieder herzustellen, äusserte 
sich Yü-kung gegen sie mit folgenden Worten: Ihr müsset ein wenig 
erhöhen und vergrössern das Thor der Gasse, so dass es fassen 
kann ein Viergespann und einen hochgedeckten Wagen. Ich habe 
geleitet die Untersuchung in den Gefängnissen und im Verborgenen 
viele Wohlthaten erwiesen. Ich habe noch niemals einen Menschen 
mit Gewalt überführt. Unter meinen Söhnen und Enkeln werden 
gewiss einige sich emporschwingen. — Diese Vorhersagung ging in 
so ferne in Erfüllung, als Yü-ting-kue Landesgehilfe, Yü-yung 


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Die Würdenträger Tsiuen-pfi-I, Su-kuang, Yü-ting-kue etc. 


151 


oberster vermerkender Grosser ward, ingleichen das Fürstenthum, 
mit welchem der Erstere belehnt wurde, sich auf dessen Nachkommen 
vererbte. 

Der oben genannte Yü-tien befand sich übrigens durch drei- 
undvierzig Jahre im Besitze seines Lehenfürstenthums, welches end- 
lich in dem ersten Jahre des Zeitraumes Keng-schi (23 uns. Zeitr.) 
inmitten der damals waltenden allgemeinen Zerrüttung zu Grunde ging. 

Sie-kuang-te. 

Sie-kuang-te führte den Jünglingsnamen 
Tschang-king und war auf dem Gebiete Siang in der Land- 
schaft Pei geboren. Ursprünglich ertheilte er in dem Fürstenlande Tsu 
Unterricht in der Lehre von den Gedichten des Landes Lu. Unter 

anderen dienten ihm auch Kung-sching und ^ Kung- 

sche, die später zu Berühmtheit gelangten und von den Zeitgenossen 
„die beiden Männerndes Geschlechtes Kung“ genannt wurden, als 
ihrem Lehrer. 

Als (59 vor uns. Zeitr.) ^ Siao -wang - tschi 

zum ersten vermerkenden Grossen ernannt ward, entfernte er Sie- 
kuang-te aus dessen Wirkungskreise und verlieh ihm eine Stelle in 
dem Amte des obersten Vermerkers. Dabei zog er ihn mehrmals in 
Geschäften zu Rathe und überzeugte sich von dessen Tüchtigkeit. 
Hierauf ward Sie-kuang-te in Erwägung, dass er vermöge seiner 
Kenntniss der richtschnurmässigen Bücher und seines trefflichen 
Wandels für ein Amt an dem Hofe von Han geeignet, zum Hofgelehrten 

ernannt, in welcher Stellung er an den in dem Söller 

Schi-khiü 1 ) stattfindenden Erörterungen theilnahm. Noch später 
ward er im Amte versetzt und erhielt die Stelle eines Grossen, 
dessen Pflicht es war, dem Himmelssohne Vorstellungen zu machen. 
Im fünften Jahre des Zeitraumes Thsu-yuen (44 vor uns. Zeitr.) 

wurde der die Stelle eines Tschang-sin-schao^fu 


*) Der Allhalter Siuen hatte in dem dritten Jahre des Zeitraumes Kan-Iu (51 ror 
uns. Zeitr.) eine Verkündung erlassen , der gemäss sämmlliche Gelehrte sich in 
dem Söller Schi-khiü wegen der Auslegung der fünf richtschnurmässigen Bücher 
au bernthen hatten. 


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152 


Dr. Pfiimiier 


„kleinen Versammlungshauses von Tschang-sin“ *), d. i. Leiters des 
Hauses der Gemahlinn des Himmelssohnes bekleidende ^ ^ 

Kung-yö, zum obersten vermerkenden Grossen ernannt, worauf 
Sie-kuang-te an dessen Stelle in das Amt eines Leiters des Hauses 
der Gemahlinn des Himmelssohnes eingesetzt ward. Als Kung-yü 
schon im sechsten Monate nach seiner Erhebung starb, ward Sie- 
kung-te wieder an dessen Stelle zum obersten vermerkenden Grossen 
ernannt. 

Sie-kuang-te war ursprünglich ein milder, angenehmer und 
überaus freisinniger Mann. Als er jedoch einer der drei Fürsten 
geworden, redete er ohne Umschweife, machte dem Himmelssohne 
Vorstellungen und bestritt die Meinpng Anderer. Während der ersten 
zehn Tage nach der Erhebung dieses neuen obersten Vermerkers 
begab sich der Himmelssohn nach Kan-tsiuen. Nachdem die Feier 
an dem grossen Anbetungsorte der Vorwerke beendet, verlängerte 
er seinen Aufenthalt daselbst und beschäftigte sich mit Pfeilschiessen 
und Jagen. Sie-kuang-te machte sofort eine Eingabe, in der er Fol- 
gendes sagte: Ich vermass mich, zu sehen, dass die Länder im 
Osten des Durchweges erschöpft auf das Äusserste, dass diejenigen, 
die das Volk unter den Menschen, auswandern und sich zerstreuen. 
Du, vor dem ich stehe unter den Stufen, lassest täglich schlagen die 
Glocken des zu Grunde gegangenen Thsin, hörst die Klangspiele 
Yon Tsching und Wei. Ich bin in Wahrheit darob tief betrübt. Jetzt 
sind Kriegsanführer und Streiter ausgesetzt der Sonne, befinden sich 
unter freiem Himmel. Die Obrigkeiten, die ihnen folgen, sind ange- 
strengt und ermüdet. Es ist zu wünschen, dass du, vor dem ich 
stehe unter den Stufen, schleunigst zurückkehrest in dein Wohn- 
gebäude, dass dft daran denkest, mit den hundert Geschlechtern 
dich zu betrüben und zu freuen. Die Welt wäre dann überaus glück- 
lich. — Auf diese Vorstellung trat der Himmelssohn noch an dem 
nämlichen Tage den Rückweg an. 

Noch in dem Herbste desselben Jahres feierte der Himmelssohn 
die Darbringung des schweren Weines in dem Ahnenheiligthume 
der Han. Zu diesem Behufe verliess er die Hauptstadt durch das 


l ) Tschang-siu Ist der Name des damals von der Gemahlinn dea Himinelssohnes 
bewohnten Gebäudes. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pü-I, Su-knang, Yü-ting-kue etc. 


153 


„bequeme Thor“ *) und war hierauf Willens, sich auf die in dem Flusse 
Wei liegenden gedeckten Schiffe zu begeben. Sie-kuang-te, der den 
Wagen besteigen sollte, nahm die Mütze ab, senkte das Haupt zu 
Boden und sprach: Es ziemt sich, über die Brücke zu fahren. — 
Der Himmelssohn bedeutete ihm: Der Grosse des Landes bedeckt 
sich mit der Mütze. — Sie-kuang-te erwiederte: Wenn du, vor dem 
ich stehe unter den Stufen, mir nicht Gehör gibst, so schneide ich 
mir den Hals ab und beflecke mit Blut die Räder des Wagens. Du, 
vor dem ich stehe unter den Stufen, wirst dann nicht dazu kommen, 
das Ahnenheiligthum zu betreten *). 

Auf den Himmelssohn machten diese Worte einen üblen Eindruck. 

Tsch’hang-meng, der an der Spitze des Wagenzuges fah- 
rende Grosse „des glänzenden Gehaltes“ *), trat jetzt vor und sprach : 
Ich habe gehört: Wenn der Gebieter höchstweise, ist der Diener 
geradsinnig. Die Schiffe besteigen, ist gefährlich. Sich zur Brücke 
begeben, gewährt Sicherheit. Ein höchstweiser Gebieter besteigt 
nicht das Gefährliche. Den Wertendes obersten vermerkenden Grossen 
kann Gehör geschenkt werden. — Der Himmelssohn erwiederte 
hierauf: Ein verständiger Mensch, sollte er sich nicht auf diese 
Weise benehmen? 4 ). — In Folge dessen fuhr man über die Brücke. 

Ungefähr einen Monat nach der hier erzählten Begebenheit bat 
Sie-kuang-te bei dem Anlasse, dass die Ernte schlecht ausgefallen 
und das Volk auswanderte, gemeinschaftlich mit dem Landesgehilfeu 
Yü-ting-kue und Ä * Sse-kao, dem grossen Vorsteher der 
Pferde und Heerführer der Wagen und Reiter 5 ), um die Erlaubnis.*, 


! ) 


*) 


4 ) 

5 ) 


Das erste Thor, welches sich an der Südseite der Stadtmauern von Tschang-ngan 


in westlicher Richtung befand, führte den Namen 



Pien-raeu »das 


bequeme Thor“. 

Da die Handlungsweise des Himmelasohnes ungebührlich ist , würde er es durch- 
aus nicht daliin bringen, dass für ihn ein Ahnenheiligthum errichtet würde. Nach 
Anderen vertragt sich der Anblick eines Todten oder Verwundeten nicht mit der 
Schicklichkeit und Reinheit, und der Himmelssohn dürfte dann nicht in das Ahneu- 
heiligthuin eintreten. 

Sowohl „das Verdienst des glanzenden Gehaltes“, als „der Grosse des glänzen- 
den Gehaltes“ waren Anführer der Leibwache. 

Die Worte, mit denen man Vorstellungen macht und die Meinung Anderer bestreitet, 
sollen so gut gewählt sein, wie diejenigen Tscb'hang>m<»ng'». 

Derselbe stammte von dem Vater der „vortrefflichen Gemahlinn“ von dem Ge- 
schlechte Sse, welche Letztere in der Abhandlung: „Das Ereigniss des Wurm- 
frassea der Beschwörer“ vorgekominen. 


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154 


Dr. Pfizmai er 


für die Bestattung seiner Gebeine Sorge tragen zu dürfen. Der 
Himmelssohn schenkte einem jeden von ihnen einen bequemen 
Wagen, ein Viergespann und sechzig Gewichte Goldes, indem er 
sie zugleich ihrer Amtstätigkeit enthob. 

Sie-kuang-te war im Ganzen zehn Monate oberster vermerkender 
Grosser gewesen, als er seine Entlassung erhielt. Er schlug hierauf 
den Weg nach Osten ein und kehrte in seine Heimath zurück, wo 
ihn der Statthalter von Pei, der ihm bis an die Markscheide der 
Landschaft entgegen gezogen war, erwartete. Die Landschaft Pei 
erwies Sie-kuang-te die Ehre, den bequemen Wagen, den er von 
dem Himmelssohne zum Geschenk erhalten, in ihrem Versammlungs- 
hause aufzuhängen, damit er Söhnen und Enkeln zum Andenken diene. 


Plng-tang. 


E9 T P»n& -tang führte die Jünglingsnamen /u?\ 4 

Tse-sse. Dessen Grossvater war mit einem Vermögen von hundertmal 


zehntausend Geldstücken aus der Gegend von 0 T Hia-yi in 
dem Lande Liang nach ^ Ping - ling in dem Kreise der 

Hauptstadt des Himmelssohnes übersiedelt. In seiner frühen Jugend 
war Ping -tang ein Angestellter für denVerkehr mit den fremd- 
ländischen Gästen, in welcher Eigenschaft er die Gebräuche in 
Gang brachte, bei Erwerbung von Verdiensten behilflich war und 
zunächst den Ta-hung-liü, den Vorgesetzten des Amtes für den Ver- 
kehr mit den fremdländischen Gästen, vertrat. Dabei zeigte er in 
seinen Aufsätzen und im Lernen Umsicht und Genauigkeit. 

Später ward er zum Befehlshaber der Stadt i* Tschang- 
siiin in jpj Schün-yang 1 ) und zuletzt, wegen seiner Geschick- 
lichkeit in der Auslegung der massgebenden Bücher, zum Hof- 
gelehrten ernannt. Die Fürsten und Erlauchten an dem Hofe von Han 
zogen Ping- tang hervor, damit er sich mit ihnen bespreche und 
berathe, ihnen seine Auslegungen mittheile und seine Dienste dem 
Inneren widme. So oft sich Brandschäden oder Absonderlichkeiten 
ereigneten, brachte Ping-tang unbedenklich die Kunst der mass- 


*) Das heutige Yü-tscheu in Ho-nan. 


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Die Wurdentrfiger Tsiuen-ptt-I, Su-kuang, Yu-tiug-kue etc. 


155 


gebenden Bücher in Anwendung und sprach von Gelingen und Fehl- 
schlagen. In der Zierlichkeit des Aufsatzes vermochte er zwar die 

berühmten Männer Siao - wang - tschi und Khuang-heng 

nicht zu erreichen, aber der Geist seiner Aufsätze und seine Erwä- 
gungen waren dieselben. 

Zur Zeit des Allhalters Yuen waren in Folge eines Vortrages 
des damaligen Landesgehilfen ^ _*|l Wei-hiuen-sching die 

Gärten bei den Grabmälern der Gemahlinn von dem Geschlechte Wei 
und ihres Sohnes, des bei dem Ereignisse des Wurmfrasses der 
Beschwörer zu Grunde gegangenen Nachfolgers Li, so wie die in 
den Landschaften und Fürstenländern befindlichen Ahnenheiligthümer 
des Stammvaters des Hauses Han aufgelassen worden. Ping-tang 
überreichte jetzt in Bezug auf die letztere Verfügung dem Himmels- 
sohne den folgenden Aufsatz: 

Ich habe gehört, dass Khung-tse sagte: Wenn Jemand als König 
lenkt, so bedarf er eines Geschlechtsalters, dann erst wird er mensch- 
lich 1 )- — Binnen dreissig Jahren sind der Weg und die Tugend in 
Übereinstimmung und verbunden, verfertigt man die Gebräuche, 
bringt empor das Klangspiel, so dass schlagende Wetter und Schä- 
digungen nicht entstehen, Unglück und Aufruhr nicht ihr Haupt 
erheben. 

Jetzt bat das höchstweise Han empfangen den Befehl und führt 
die Lenkung der Könige. Es setzt fort die Weisheit, übernimmt die 
Beschäftigung durch mehr als zweihundert Jahre. Eifrig bestrebt, 
zeigt es keine Saumseligkeit, Lenkung und Erlässe bestehen in ihrer 
Reinheit Gleichwohl* sind die Sitten und Gewohnheiten noch nicht 
in Übereinstimmung, die StofTe der Finsterniss und des Lichtes sind 
noch nicht zu einander gestellt, Brandunglück und Schäden sind 
mehrmals zum Vorschein gekommen. Sollte dies wohl die Bedeutung 
haben, dass die grosse Grundlage noch nicht errichtet worden? 
Woher kommt es, dass die Umgestaltung der Tugend aufgehört hat, 
dass der Aufforderung nicht Folge geleistet wird schon so lange 
Zeit? ' 

Unglück und Glück sind nicht umsonst, es geschieht gewiss 
aus einem Anlass, dass sie herbeikommen. Es gebührt sich, 

i) Wer die Weit lenkt, brnucht einen Zeitraum von dreissig Jahren, bis der Weg 
der Menschlichkeit vollendet wird. 


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j 



156 


Dr. Pfizmaier 


aufmerksam die Spuren zu verfolgen auf ihrem Wege und ange- 
legentlich sich zu befassen mit ihrer Grundlage. 

Ehemals war der allhaltende Yao gekehrt mit dem Angesicht 
nach Süden und führte die Lenkung. Vor Allem war er im Stande 
zu erleuchten die erhabene Tugend, um einander zu nähern die 
neun Verwandtschaften, und die Umgestaltung erstreckte sich auf 
die zehntausend Länder 1 )* 

Das Buch der Älternliebe sagt: Unter den Angeborenheiten des 
Himmels und der Erde ist der Mensch die vornehmste. Bei dem 
Wandel des Menschen ist nichts grösser al9 die Älternliebe. Bei 
der Älternliebe ist nichts* grösser als die Ehrfurcht vor dem Vater. 
Bei der Ehrfurcht vor dem Vater ist nichts grösser als die Gleich- 
stellung mit dem Himmel, und hierzu war der Fürst von Tscheu der 
Mensch. — Der älternliebende Sohn bringt gut in Ausführung den 
Willen der Menschen. Der Fürst von Tscheu hatte bereits vollendet 
die Beschäftigung der Könige Wen und Wu, und er verfertigte und 
erfand Gebräuche und Klangspiel, richtete ein die Sache der Ehr- 
furcht vor dem Vater, der Gleichstellung mit dem Himmel. Er 
wusste, dass König Wen es nicht wünschte, als Sohn herabzublicken 
auf den Vater, desswegen liess er mit Verzichtleistung ihn folgen in 
der Reihe. Nach oben erhob er auf den Gipfel Heu-tsf und stellte 
ihn gleich mit dem Himmel. Dies ist die Tugend der höchstweisen 
Menschen, es ging ihnen nichts über die Älternliebe. 

Des erhabenen Allhalters Kao höchstweise Tugend nahm in 
Empfang den Befehl und besass die Welt. Er ehrte den grossen 
höchsten Allhalter *) gleichsam wie Wen und Wu von Tscheu nach- 
träglich als Könige walten Hessen den grossen König «) und den 
Letztgeborenen des Königs 4 ). Auf diese Weise ist der Stammvater 
von Han derjenige, den die späteren Nachfolger ehren sollen, indem 

l ) Aus dem Buche der Yü, wo von Yao gesagt wird: Er war im Staude zu erleuch- 
ten die erhabene Tugend, um einander zu nähern die neun Verwandtschaften. 
Sind die neun Verwandtschaften mit einander befreundet, so schmückt inan mit 
Glanz die hundert Geschlechter. Sind die hundert Geschlechter beleuchtet mit 
Glauz, so bringt man insgesammt zur Übereinstimmung die zehntausend Lander. 

*) Dieser Ehrenname wurde dem Vater des Gründers des Hauses Han nachträglich 
verliehen. 

3 ) Tan-fu , der Grossvater des Königs Wen von Tscheu, erhielt nachträglich den 
Namen Ta-wang »der grosse König**. 

*) Tschung-ynng, der Vater des Königs Wen von Tscheu, erhielt nachträglich den 
Natnen Wang-ki „der Letztgeborene des Königs**. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pu-l, Su-kuang, Yö-ting-kue etc. 157 

sie ihm darreichen in grosser Ausdehnung, in yollem Masse, und es 
ist dies das Höchste die Tugend und Alternliebe. 

Das Buch sagt: Wenn man auf richtige Weise verehrt das 
Alterthum, emporstellt die Verdienste, begründet die Angelegen- 
heiten, kann man durch die Jahre der Ewigkeit fortsetzen die zu 
Grunde gegangenen Selbstheiten *)• 

Der Himmelssohn beherzigte diese Worte und erliess eine 
höchste Verkündung, worin die Wiederherstellung der Ahnenheilig- 
thümer des Stammvaters des Hauses Han befohlen ward. 

Ping-tang ward jetzt ohne Verzug als Gesandter ausgeschickt, 
indem er den Auftrag erhielt, für das ausgewanderte Volk in dem 
Landstriche Yeu thätig zu sein. Bei dieser Gelegenheit wurde er zu 
einem mit Meldungen an dem Hofe sich befassenden „stechenden 
Vermerker“ 8 ) mit einem Gehalte von zweitausend Scheffeln beför- 
dert, in welcher Eigenschaft er den Gutgesinnten seine Theilnahme 
bezeigte und sie durch wohlwollende Güte an sich zog. Dabei sprach 
er es aus, dass man die Benützung der Salzteiche der Landschaft 
Pö-hai, wo bisher nur von den Obrigkeiten Salz gesotten wurde, für 
den Augenblick nicht mehr verbieten möge, da hierdurch der Noth 
des Volkes abgeholfen werde könne. Die eilf Männer, welche an den 
von ihm besuchten Orten beurtheilt wurden und Stellen für seine 
Rundreise erhielten, hatten ganz besondere Befähigung zu ihrem Amte. 

Zu einem anderen Amte versetzt, erhielt er zunächst bei dem 
Landesgehilfen die Stelle eines „dem Rechte Vorstehenden“. Einer 
Ausserachtlassung der Gesetze schuldig erkannt, ward er mit einem 
niedrigeren Range wieder zu einem anderen Amte versetzt und zu 
einem „stechenden Vermerker“ der Landschaft Sö-fang 8 ) ernannt. 

Nach einiger Zeit ward er wieder an den Hof berufen und zu 
einem Grossen „der grossen Mitte“ ernannt, in welcher Eigenschaft 


*) Diese Worte aus den grossen Eidschwuren sind, wie Sse-ku angibt, von der heute 
vorhandenen Zusummenfugung dieses Werkes verschieden. Sie lauten daselbst: Wenn 
man im Stande, auf richtige Weise tu erforschen die Wege des Alterthuins und 
dadurch begründet die Verdienste, begründet die Angelegenheiten , so kann man 
durch lange Jahre theilhaflig werden des Landes. 

*) Ein siechender Vermerker halte die Landschaften , mit deren Untersuchung er 
betrant war, tu bereisen. Sein Gehalt betrug In früherer Zeit sechshundert, in 
späterer Zeit zweitausend Scheffel. 

3 ) Diese »m äussersten IVordwesten gelegene Landschaft war erst durch den Allhalter 
Hiao-wn gebildet worden und die zur Überwachung derselben bestimmten „sleebeH- 
den Vermerker“ standen im Range niedriger. 


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1S8 


Dr. P f i s maier 


er seine Dienste dem Inneren widmete. Indem er hierauf ohne 
Unterbrechung zu anderen Ämtern versetzt wurde, erhielt er nach 
einander die Stellen eines „kleinen Versammlungshauses von Tscbang- 
sin“, d. i. Leiters des Hauses der Gemahlinn des Himmelssohnes, 
eines Ta-hung-liü, d. i. Vorgesetzten des Amtes für den Verkehr 
mit den fremdländischen Gästen (IS vor uns. Zeitr.), und eines 
„Verdienstes des glänzenden Gehaltes“, d. i. Anführers der Leib- 
wache. 

Zu den Zeiten des Allhalters Sching (19 vor un9. Zeitr.) waren 
grosse Mengen Volkes zur Übersiedlung nach dem in der Umgebung 

der Hauptstadt des Himmelssohnes gelegenen Gebiete ^ 

Tschang-ling, wo eine neue Stadt gebaut wurde, gezwungen worden. 
Noch vor der letzten Beförderung Ping-tang’s hatte der als Schmeichler 
bekai\nte, die Stelle eines „Beruhigers der Leibwache“ bekleidende 


^ Tschün-yü-tschang, der ein Sohn der älteren Schwe- 


ster der Gemahlinn des Himmelssohnes, an dem Hofe gemeldet, dass 
die Ansiedlung von Tschang-ling nicht bewerkstelligt werden könne. 
Der Himmelssohn schickte die bezügliche Eingabe an die Inhaber 
der Vorsteherämter zur Begutachtung, wobei Ping-tang als seine 
Meinung äusserte, dass, wenn die Arbeiten durch eine Reihe von 
Jahren fortgesetzt würden, die Ansiedlung endlich zu Stande kommen 
könne. 

Nachdem der Himmelssohn den Bau von Tschang-ling bereits 
eingestellt und das daselbst zur Ansässigmachung gezwungene Volk 
in die Heimath entlassen hatte, schickte er in Betracht, dass Tschün- 
yü-tschang an der Spitze des Baues gestanden und seine Redlichkeit 
in der Eingabe bewährt habe, den Gegenstand nochmals an die 
Fürsten und Erlauchten, welche darüber berathen sollten, ob Tschün- 
yü-tschang mit Land zu belehnen sei. Ping-tang äusserte wieder als 
seine Meinung, dass Tschün-yü-tschang zwar jeinen guten Ausspruch 
gethan, dies jedoch kein Verdienst sei, für welches ihm eine Lehens- 
stufe gebühre. Aus diesem Anlasse ward Ping-tang schuldig erkannt, 
bei der früheren Berathung nicht die richtige Meinung geäussert zu 
haben. Er ward daher mit einem niedrigeren Range zu einem 
anderen Amte versetzt und zum Statthalter von Khiü-lö ernannt. 

Gleich nach der letztgenannten Verfügung belehnte der 
Himmelssohn den „Beruhiger der Leibwache“ Tschü-yü-tsehang 


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Die Würdenträger Tsiueu-pü-I, Su-kuuiig, Yü-ting-kue etc. 


159 


mit einem Fürstenthume. Ping-tang erhielt in Berücksichtigung, dass 
er die in den massgebenden Büchern vorkommenden Verdienste 
des Königs Yü 1 ) erläutert hatte, den Auftrag, als Gesandter seiue 
Thätigkeit dem gelben Flusse zuzuwenden. Zu dem Range eines 
„Beruhigers der Hauptstadt“ für die Reiterschaaren erhoben, leitete 
er die Arbeiten an den Dämmen des gelben Flusses. 

Als der Allhalter Ngai (6 vor uns. Zeitr.) zur Lenkung ge- 
langte, berief er Ping-tang an den Hof und ernanute ihn zu einem 
Grossen des „glänzenden Gehaltes“. Nachdem dieser das Amt 
„sämmtlicher Angestellten“ und der „zerstreuten Reiterschaaren“, 
womit die Aufsicht über die Wagen des Himmelssohnes verbunden 
war, erhalten, wurde er (ß vor uns. Zeitr.) wieder Kuang-lö-hiün, 
hierauf oberster vermerkender Grosser und zuletzt Landesgehilfe. 
Zu den drei letztgenannten Ämtern gelangte er in einem und dem- 
selben Jahre. 

Weil jetzt der Winter eingetreten war, um welche Zeit keine 
Einsetzung von Lehensfürsten stattfand, wurde Ping-tang noch im 
Winter vorläufig nur die Rangstufe eines Lehensiiirsten innerhalb 
des Durch weges verliehen. Im Frühling des nächsten Jahres liess ihn 
der Himmelssohu durch einen eigenen Abgesandten vorladen , indem 
er ihn mit einem Förstenthume belehnen wollte. Ping-tang war jedoch 
ernstlich erkrankt und leistete der Vorladung keine Folge. 

Daheim wurde Ping-tang von Einigen, mit den Worten aufge- 
fordert: Kannst du dich denn nicht mit Gewalt erheben, in Empfang 
nehmen die Abdrucksmarke eines Lehensfürsten und sorgen für die 
Söhne und Enkel? 

Ping-tang antwortete: Ich befinde mich auf einer hohen Stufe 
des Ranges und habe bereits auf dem Rücken getragen Zurechtwei- 
sungen, die roh von mir verschluckt wurden. Wenn ich mich erhebe, 
in Empfang nehme die Abdrucksmarke eines Lehensfürsten, hierauf 
zurückkehre zu meinem Lager und sterbe, so habe ich im Tode noch 
ein Oberbleibsel von Schuld. Wenn ich mich aber nicht erhebe, 
so sorge ich dadurch für die Söhne und Enkel. — Sofort machte 


*) In den „Verdiensten des Königs Yii“, welche das Buch der Schling entfallt, wird 
ersählt, wie Yü die Wasser leitete, Bergen und Flüssen , Höhen und Tiefen ihre 
Eintfaeilung gab. Ping-tang hatte diesen Theil der massgebenden Bücher erläutert, 
und er erhielt desshalb den Auftrag, seine Thätigkeit dem gelben Flusse zuztt- 
wenden. 


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160 


Dr. P f i x ro «t i e r 


er eine Eingabe, worin er um die Erlaubnis bat, für die Bestattung 
seiner Gebeine Sorge tragen zu dürfen. 

Der Himmelssohn ertheilte hierauf die folgende Antwort: Ich 
der Himmelssohn habe ausgewählt unter der Menge und ernannt 
dich, o Gebieter, zum Landesgehilfen. Dass du Einblick hast in die 
Geschichte, sind der Tage wenige. Die Stoffe der Finsterniss und 
des Lichtes sind nicht in Übereinstimmung gebracht. Im Winter gibt 
es keinen grossen Schnee, die Dürre des Sommers erzeugt Brand- 
unglück. Wenn ich, der Himmelssohn, nicht die Tugend besitze, 
warum sollte dies nothwendig sein, o Gebieter, deine Schuld? Warum 
reichst du, o Gebieter, argwöhnisch hinauf ein Schreiben und bittest 
hinsichtlich deiner Gebeine, gibst zurück die Rangstufe und die Stadt 
eines Lehensfürsten des Landes innerhalb des Durch weges und 
heissest den Vorsteher der Buchführer feiern? Ich schenke dir, o 
Gebieter, eine nährende Kuh und von dem vortrefflichsten Ehren- 
weine zehn Krüge. Mögest du, o Gebieter, trachten anzuwenden die 
Heilmittel und dich dadurch festhalten. 

Ping-tang starb ungefähr einen Monat nach der hier erwähnten 


Anmeldung seines Rücktrittes (4 vor uns. Zeitr). Sein Sohn ^ 

Yen gelangte wegen seiner Kenntniss der massgebenden Bücher 
zuletzt zu der Würde eines „grossen Vorstehers der Scharen", 
was mit der Würde eines Landesgehilfen gleichbedeutend 1 ), und 


erhielt das Lehen eines Fürsten von 


Fang-hiang. Es wird 


bemerkt, dass seit der Erhebung von Han nebst Wei- 

hien*) nur noch bei Ping-tang der Fall vorgekommen, dass der Sohn 
eines Landesgehilfen zu dieser schon im Besitze seines Vaters 
befindlichen hohen Würde emporgestiegen. 


Peng-sinen. 

B Peng-siuen führte den Jünglingsnamen Tse- 

pei und stammte aus Yang-hia s ) in dem Königslande Hoai- 

Der Allhalter Ngai veränderte (im J. 1 uns. Zeitr.) den Namen „Landesgehilfe“ und 
setzte dafür „der grosse Vorsteher der Schaaren“. 

*) Wei-hien wurde von dem Allhalter Siuen im dritten Jahre des Zeitraumes Pen-sehi 
(71 vor uns. Zeitr.) znm Landesgehilfen ernannt. Dessen Sohn, der Landesgehilfe 
Wei-liiuen-sching, ist an einer vorhergehenden Stelle bei Ping-tang erwähnt worden. 
3 ) Diis heutige Thai-kang, Kreis Tschiu-licu in Ho-nan. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pu-J, Sn-knang, Yii-ting-kue etc. 161 

yang. Er bearbeitete das Buch der Verwandlungen und ward, nach- 
dem er dem berühmten ^ Tsch’hang-yü als seinem Lehrer 

gedient, zum Hofgelehrten erhoben. Zu einer andern Stelle versetzt, 
ward er endlich der grosse Zugesellte, d. i. Landesgehilfe 1 ) des 
Königs von Tung-ping. 

Tsch’hang-yü ward indessen, da er auch der Lehrer des All- 
halters gewesen, an dem Hofe geehrt und des Vertrauens gewürdigt, 
und er empfahl Peng-siuen als einen Mann, der in den massgebenden 
Büchern bewandert, dabei von strenger und ernster Gemüthsart, mit 
den Angelegenheiten der Lenkung betraut werden könne. Peng-siuen 
trat daher in das Gebiet des Himmelssohnes, wo er (14 vor uns. 
Zeitr.) zum Fu-fung der Rechten „ Aufseher des Gebietes der 
Hauptstadt des Himmelssohnes* 4 ernannt wurde. Zu einem anderen 
Amte versetzt, ward er (13 Yor uns. Zeitr.) zunächst „Beruhiger 
des Vorhofes 44 . Da jedoch um diese Zeit ein Gesetz erlassen wurde, 
demgemäss die Eingeborenen der Königsländer sich nicht in der 
Hauptstadt des Himmelssohnes aufhalten durften, so trat auch Peng- 
siuen als Eingeborener des Königslandes Hoai-yang bald aus dem 
Gebiete dieser Hauptstadt und wurde zum Statthalter von Thai-yuen 
ernannt. Nach einigen Jahren kehrte er jedoch zurück und wurde 
zuerst (8 vor uns. Zeitr.) „grosser Vorsteher des Ackerbaues* 4 , hier- 
auf (7 vor uqs. Zeitr.) „das Verdienst des glänzenden Gehaltes 44 und 
noch in demselben Jahre „Heerführer der Rechten* 4 . 

Als der Allhalter Hiao-ngai zur Lenkung gelangte, ward Peng- 
siuen (6 vor uns. Zeitr.) zu einer anderen Heeresabtheilung als 
„Heerführer der Linken 44 versetzt. Ungefähr ein Jahr nach dieser 
Ernennung wollte es der Himmelssohn dahin bringen, dass die 
wichtigsten Stellen bei der bewaffneten Macht von Mitgliedern der 

Geschlechter "J Ting und /Jf|| Fu *) bekleidet werden. Er schickte 

daher an Peng-siuen ein Rohrbret, auf welchem er ihn von seiner 
Absetzung mit folgenden Worten verständigte : 

Die Inhaber 'der Vorsteherämter haben mehrmals an dem Hofe 
Bericht erstattet und gesagt: Die Menschen der Länder der Lehens- 
fürsten dürfen nicht übernachten an dem Orte der Leibwache. Für 

*) Die Landesgehilfen der Lehenkönige wurden damals „Zugesellte“ genannt. 

*) Die Mutter des Allhalters Ngai war von dem Gescblechte Ting. Dessen Gemahlinn war 
von dem Geschlechte Fu. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. II. Hft. 11 


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162 


Dr. P f i e m a i e r 


die Heerführer ziemt es sich nicht, zu beaufsichtigen die Waffen und 
Pferde und einzunehmen eine hohe Rangstufe. Ich, der Himmelssohn, 
bedachte, dass du, o Heerführer, betraut bist mit der wichtigen Stelle 
eines Anführers von Han, dass aber dein Sohn überdies in früherer 
Zeit sich vermählt hat mit der Tochter des Königs von Hoai-yang. 
Die Verbindung wurde nicht getrennt, es ist dies gegen die Gesetze 
des Landes. Ich heisse Man *), den Grossen des glänzenden Gehaltes, 
schenken dir, o Heerführer, gelbes Gold fünfzig Gewichte, einen 
bequemen Wagen und ein Viergespann. Mögest du hinaufreichen 
die Abdrucksmarke und das breite Band eines Heerführers der Linken 
und als Lehensfürst des Landes innerhalb des Durchweges zurück- 
kehren in dein Haus. 

Nachdem Peng-siuen bereits mehrere Jahre seiner Amtstätig- 
keit enthoben war, wurde er von dem „Vorstellungen machenden“ 

Grossen Pao-siuen zu wiederholten Malen empfohlen. Als 

endlich in dem ersten Jahre des Zeitraumes Yuen-scheu (1 vor uns. 
Zeitr.) im ersten Monate und am ersten Tage des Neumonds eine 
Sonnenfinsterniss eintrat, richtete Pao-siuen nochmals an den Him- 
melssohn Worte in Betreff Peng-siuen's , worauf dieser an den Hof 
berufen und zum Grossen „des glänzenden Gehaltes“ ernannt wurde. 
Im folgenden Jahre wurde Peng-siuen oberster vermerkender Grosser 
und allsogleich wieder „grosser Vorsteher der Räume“*), wobei 
er das Lehen eines Fürsten von Tschang-ping erhielt. 

Als der Allhalter Ngai (das Jahr vor dem J. 1 uns. Zeitr.) starb, 
wurde Wang-mang, damals Fürst von Sin-tu, grosser Vorsteher der 
Pferde und setzte sich, indem er im Namen des unmündigen Allhalters 
Ping die Zügel der Lenkung ergriff, in den ausschliesslichen Besitz 
der Macht. Bei diesem Anlass sandte Peng-siuen an den Hof eine 
Eingabe, worin er um seine Enthebung bat und sagte: Die drei 


*) Man ist der Kindesname. Der vollständige Name dieses Würdenträger» wurde 

nicht aufgefunden. 

*) Der Allhalter Scbing hatte im ersten Jahre des Zeitraumes Nui-ho (S ror uns. Zeitr.) 
den Namen „oberster vermerkender Grosser" in den eines „grossen Vorstehers der 
Räume" verwandelt. Nachdem der Allhalter Ngai im zweiten Jahre des Zeitraumes 
Kieu-ping (5 vor uns. Zeitr.), den Namen „oberster vermerkender Grosser" wieder 
eingeführt, wurde ira zweiten Jahre des Zeitraumes Yuen-scheu (das Jahr vordem 
J. 1 uns. Zeitr.) der Name „grosser Vorsteher der Schaaren" nochmals an dessen 
Stelle gesetzt. 


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Die Würdenträger Tsiuen-pu-l, Sn-kuang, Yii-ting-kue etc. 


163 


Fürsten sind die Füsse des dreifüssigen Kessels, indess sie stützen 
den Gebieter. Wenn ein Fuss die Last nicht mehr erträgt, so macht 
er Umstürzen und durch einander gerathen den vortrefflichen Inhalt. 
Heine Begabung und Beschaffenheit sind seicht und geringfügig. 
Meine Jahre sind diejenigen des Alters und des hohen Alters. Ich 
lag öfters darnieder an Krankheiten, ich bin schwachsinnig, verwirrt 
und vergesslich. Es ist mein Wunsch, zurückzugeben die Abdrucks- 
marke und das breite Band des grossen Vorstehers der Räume und 
des Lehensfürsten von Tschang-ping, zu bitten hinsichtlich meiner 
Gebeine, zurückzukehren in die Gasse meiner Heimath und zu warten, 
bis ich mit dem Leibe ausfülle einen Wassergraben. 

Wang-nang erstattete über diese Eingabe Bericht, worauf die 
an dem Hofe die erste Stelle einnehmende Königinn von dem 
Geschlechte Wang Folgendes antwortete: Ich bedenke, dass du, o 
Gebieter, Einsicht hast in die Geschäfte erst der Tage wenige, dass 
deine Verdienste und deine Tugend noch nicht anerkannt worden. 
Du wirst bedrängt durch das Alter und hohe Alter, schwachsinnig, 
verwirrt, hast du nichts, wodurch du stützen könntest Land und Haus, 
beruhigen das grosse Innere. Ich heisse Fung *) , das Verdienst des 
glänzenden Gehaltes, Zusammenlegen die höchste Verkündung. 
Mögest du, o Gebieter, hinaufreichen die Abdrucksmarke und das 
breite Band des grossen Vorstehers der Räume und dich gemächlich 
begeben in dein Land. 

Wang-mang verdross es, dass Peng-siuen um die Versetzung 
in den Ruhestand nachgesucht hatte. Daher kam es, dass dieser 
Würdenträger nicht, wie früher zu den Zeiten des Allhalters Ngai, 
bei seinem Austritte mit einer gewissen Menge Goldes, einem beque- 
men Wagen und einem Viergespann beschenkt wurde. 

Peng-siuen starb nach einigen Jahren (J. 4 uns. Zeitr.) in 
seinem Fürstenthume und erhielt nach seinem Tode den Namen 

Lehensfürst J;j=j Kliing. In dem Lehenfürstenthume folgte ihm sein 

Sohn und (J. 18 uns. Zeitr.) sein Enkel. Nach dem Untergange 
Wang-mang's (J. 23 uns. Zeitr.) w ard auch der Fürst von Tschang- 
ping seines Lehens verlustig. 


*) Der vollständige Name des Würdenträgers, der damals die Stelle eines „Verdienstes 
des glänzenden Gehaltes* bekleidete, ist ^P=P Kliien-fung. 


11 * 


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164 


Heinrich Siege 


Die Lombarda-Commentare. 

Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung. 

Von dem c. M. lelnrlch Siegel. 

Gegen Ende des eilften Jahrhunderts waren nach längerer 
Arbeit von mehreren Rechtskundigen die bisher immer blos chrono- 
logisch zusammengestellten zahlreichen Edicte langobardischer 
Könige zu einem stofflich gegliederten wohlgeordneten Ganzen ver- 
einigt worden. Die Sammlung, welche den Namen über longobardae 
oder lombardae erhielt, wurde sodann im zwölften Jahrhundert 
commentirt, und davon geben namentlich zwei Schriftwerke Zeug- 
niss, welche als Lombarda-Commentare des Ariprand und Albert im 
Jahre 1855 zum ersten Male im Drucke veröffentlicht worden sind. 

Die Anschauung von dem Walten und Wirken einer Wissen- 
schaft auf der Grundlage des langobardischen Rechtes, Yon der Weise 
ihrer Thätigkeit und dem Gange ihrer Entwickelung verdankt die 
Gegenwart Johannes Merkel, dessen „ Geschichte des Lango- 
bardenrechtes“ *)> auf den umfassendsten handschriftlichen Studien 
beruhend, die Bahn gebrochen und zugleich den Grund gelegt hat» 
während August Anschützin den Hauptfragen durchweg über- 
einstimmend mit Merkel Einzelnes fester zu begründen und weiter 
zu führen gesucht hat 8 ). Die Ansichten dieser beiden Gelehrten 


*) Berlin, 1850. Eine italienische Übersetzung, wozu der Verfasser einzelne neue 
Bemerkungen in Noten lieferte, ist von Bollati gefertigt in den Memorie e Docu- 
menti inediti spettanti alla Storia del Diritto ltaliano del medio Aevo. Vol. unico. 
Torino, 1857 als erster Kascikel erschienen. 

*) Vergl. besonders die Einleitung zu seiner Ausgabe der Lombarda-Commentare. 


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Die Lombarda-Commentare. 


165 


sind in allen Puncten zur ungetheilten Herrschaft gelangt, und dabei, 
auch nachdem durch die Veröffentlichung der Commentare eine 
wichtige Erkenntnissquelle allgemeiner Benützung zugänglich und 
theilweise wenigstens eine Prüfung der bestehenden Auffassung 
möglich geworden, unangefochten geblieben. Nichts desto weniger 
erscheinen jene Ansichten in mehreren Puncten, welche mit der der 
Lombarda zugewandten commentirenden Thätigkeit in Verbindung 
stehen, als irrig, wie im Folgenden an der Hand eben dieser Com- 
mentare nachgewiesen werden soll. 


I. 

Die Commentare oder, wie man sie auch nennen kann, 
die Summen zur Lombarda *) werden als das Erzeugnis einer 
schriftstellerisch wirkenden Thätigkeit betrachtet. Allein dieselben 
bekunden nur eine mündliche Bechtslehre, die ihren Sitz an der 
Schule zu Bologna hatte 1 ). Die Commentare sind nicht verfasst wor- 
den in der Absicht, dass sie von Anderen wieder abgeschrieben 
werden und so vervielfältigt in weiten. Kreisen Verbreitung finden 
sollen; die Commentare sind verfasst worden, um von dem Katheder 
herab vor einem Auditorium gelesen zu werden. Die erhaltenen 
Handschriften aber sind Hefte von Scholaren, die dem mündlichen 
Vortrage nachgeschrieben wurden. Zum Beweise hiefhr darf man 
sich allerdings nicht darauf berufen, dass fast in jedem Titel von 
ihm die Rede, qui tractat, supponit, loquitur, posuit, disseruit u. s. w., 
wobei man an des Commentators Worte denken möchte, die vom 
Standpuncte des Schülers wiedergegeben werden; denn aus mehre- 
ren Stellen*) geht hervor, dass uuter dem Namenlosen nicht der 


*) Nur in einer der Handschriften findet sich die Bezaiehnung comroenta. In allen 
anderen fehlen Überschriften. Dagegen wird daa Bruchstück eines weiteren Com-' 
meutars «uiomulae Aliprandi genannt (Anschütz, Commentare 194), uud ferner 
verzeichnet Belhman, Archiv für allere deutsche Geschichte 10, 412 Summe legum 
Longobardornm. 

*) Mit Rücksicht daranf, dass die Zeugnisse von den Werken der Glossatoren des 
römischen Rechtes insgesammt umgekehrt als Vortrage und nicht als Bücher auf- 
gefasst wurden, sagt Savigny, Geschichte des römische» Rechtes im M. A. 3, 
556 : „Es ist ganz unrichtig, wenn mnn nach einer sehr gewöhnlichen Vorstel- 
lung die wirkliche Verschiedenheit beider Arten der Mittheilung übersieht*. 

*) Vergl. I, 3, S. IS: Cumque plerumque homicidia consilium prevenit , prius de mor- 
tis consilio ut maioris ponit. Si ergo de morte alter iu * • quie consiliatu* fuerit , 
XX tolidot componat , nisi cum rege contiliaiue fuerit, quo casu nec ipse nec heres 


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166 


Heinrich Siegel 


Lehrer sondern der Gesetzgeber verstanden wird, der Dictator, wie es 
einmal geradezu heisst 1 ). Wohl aber beweisen die mehrfach wieder- 
kehrenden Wendungen : audisti 8 ), audimus ®), audisti — nunc audi 4 ), 
audistis *), audistis — nunc audite •) und audivimus 7 ) aufs Klarste, dass 
der Commentator zu einem Hörer oder vor mehreren Hörern spricht. 
Der Zweck eines solchen commentirenden oder summirenden Lehr- 
vortrages war aber der, in das Rechtsstudium einzufahren, dem an- 
gehenden Juristen eine Herrschaft öber den Stoff im Allgemeinen 
zu verschaffen; desshalb wurde jeweils das Gefüge der einzelnen 
Theile, woraus die Lombarda bestand, aufgewiesen und erklärt, zu 
diesem Behufe wurde ferner von Titel zu Titel der Inhalt der darin 
aufgenommenen Satzungen übersichtlich mitgetheilt, und dabei 
mussten denn natürlich auch die Ansichten von Juristen über Gesetze 
eine Berücksichtigung finden. 


II. 

Als die Männer, von welchen die beiden Commentare herrühren, 
gelten allgemein die beiden berühmtesten langobardischen Juristen 
des zwölften Jahrhunderts: Ariprand undAIbert. Allein weder dieser 


ejus tenetur. Quod magit litigii tollendi causa quam c ontrarii intellec - 
tu» generandi posuit ; I, 4, S. 19*: In hoc enim loco, ubi dicit (sei licet 
Liutprandus in cd. 71) „ minus non“, vana et confusa solet esse litte ra , u. a. m. 

*) Vergl. 1, 35, S. 68*. — Es liegt freilich eiu Irrthum au Grunde, wenn der Gesetz- 
geber regelmässig gerade mit Beziehung auf die Composition der Lombarda, die 
Stellung und Ordnung der verschiedenen Theile in dem Werke genannt wird, 
ein Irrthum, der um so auffallender ist, als es im zwölften Jahrhundert doch nicht 
unbekannt war, dass eben jene Arbeit von mehreren Recbtsgelehrten vollbracht 
worden war. Vergl. des Albacrucius geschichtliche Einleitung zur Lombarda bei 
Anschiitz, Commentare 7. Ob ferner dann mit diesem einen Irrthum noch der weitere 
sich verband, dass der Gesetzgeber König Rother gewesen sei, lässt sich kaum 
entscheiden. Denn wenn auch die Commentatoren ihre Vorträge mit dem Satze 
anhoben: expositurus ergo Longobardorum iura Rot har a criminibus meritissime 
exordium cepit, so muss diese Bemerkung nicht noth wendig auf die Lombarda 
bezogen werden, indem das erste Gesetz, mit welchem das systematische Gesetz- 
buch beginnt, zugleich auch das erste der von König Rother erlassenen Edicte ist. 

*) I, 14, S. 36*. 

») I, 24, S. 50. 11, 56, S. 189*. 

«) I, 11 pr. S. 31*. II, 13, S. 35*. 

*) 1, 14. S. 36*. 

•) 1, 13, S. 35*. II, 43, S. 156*. 

7) I, 34, S. 135*. 11, 37, S. 145*. 11, 49, S. 163* 


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Die Lombarda-Commentare. 167 

noch jener hat die uns bezeugten commentirenden oder summiren- 
den Lehrvorträge an der Schule zu Bologna gehalten. 

Die Ansicht, dass der eine und zwar der erste der beiden Com- 
mentare von Ariprand sei, gründet sich darauf 1 ), dass ihm der- 
selbe in einer der drei bekannten Handschriften wirklich zuge- 
schrieben wird. Der Codex Vaticanus Reginae Sueciae 1060 führt 
Fol. 59 die Titelüberschrift: Ariprandi coinenta incipiunt 2 ). Diese 
Worte, an deren Inhalt unzweifelhaft festzuhalten wäre, wenn nicht 
andere Gründe ihre Unrichtigkeit unwiderleglich aufwiesen, waren 
sichtlich das Hinderniss, dass man der Frage nach der Urheberschaft 
weiter nachforschte, in Folge dessen die Wahrheit so lange ver- 
borgen bleiben konnte. Denn Wird nur die Frage einmal aufgeworfen, 
so stellt sich auch bei dem mehrfachen Gegensätze der Meinungen 
welche der Commentator einerseits und Ariprand andererseits ver- 
treten, sofort heraus, dass die beiden unmöglich eine und dieselbe 
Person sein können. 

Dieses Widerspiel der Ansichten wird aber in folgenden Puncten 
bezeugt. 

1. Im Lorabardenreiche mochte wohl häufig der Fall vorge- 
kommen sein, dass einer durch einen andern zum Meineide verleitet, 
zu einer Brandstiftung in Wohnhütten und zur gewaltsamen Entfüh- 
rung von Frauen und Mädchen veranlasst wurde, weil König Liut- 
prand gerade mit Rücksicht und in Beschränkung auf die genannten 
Verbrechen Strafen für den intellectüellen Urheber festsetzte. Das 
Edict*) bestimmte: Si quis über homo ad alium liberum hominem 
Consilium dederit de periurare, aut casam alienam incendere, ubi 
homo cum rebus suis inhabitat, aut mulierem alienam, aut puellara 
tollere aut rapere, et causa approbata fuerit, componat pro illicito con- 
silio, quod contra rationem ministravit, solid C : ita sane ut inter ista 
capitula quae diximus, unde compositio per ipsum datur, qui ipsum 
malum fecit, sol. DCCCC, ipse consiliator componat sol C. Et unde 
compositio fit de sol. CCC, consiliator componat sol L. Et si minus 
de solidis CCC fuerit ipsa compositio, consiliator componat sol. XL, 
minus non. 


i) S. Merkel a. a. 0. 36. Anschiitz a. a. 0. XIX, XX. 
*) Anschutz a. a. O. XV. 

*) Walter, corpuajur. germ. 1, 786. 


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168 


Heinrich Siegel 


Aas diesem Gesetze, welches in der Lombarda Aufnahme fand 
unter dem Titel: de illicito consilio (I, 4), leitete nun der Com* 
men tato r den allgemeinen Grundsatz ab: wer den Anlass gibt zu 
irgend einem Verbrechen, ist strafbar; nur haftet der eine in ge* 
ringerem, der andere in höherem Masse je nach der Beschaffenheit 
des begangenen Verbrechens. Um diesen Unterschied und zugleich 
das Verhältnis der Busse des Rathgebers zu der des Thäters zu 
veranschaulichen, verbi gratia, führt er sodann die Bestimmungen 
obigen Gesetzes in der Weise an, dass er sagt: Zum Beispiele, wo 
der Thäter 900 Schillinge büsst, wie bei einer Entführung, da trifft 
den Urheber eine Strafe von 100 Schillingen; wo der Thäter 300 
Schillinge zahlen muss, wie bei der Brandlegung, da macht sich der 
Urheber einer Strafe von KO Schilling schuldig. Verwirkt der 
Thäter endlich weniger als 300 Schillinge, wie ein Meineidiger, so 
zahlt der Urheber des Verbrechens blos 40 Schillinge; indess kann 
letzterer auch noch weniger zahlen müssen, wenn nämlich für den 
Thäter selbst eine Strafsumme, die weniger als 40 Schillinge 
beträgt, festgesetzt ist *)• 

Ganz anders als der Commentator fasste dagegen Ariprand, 
wie wir aus dem zweiten Commentare erfahren, die Bestimmungen 
des Liutprand’schen Gesetzes auf. Uie darin einem Rathgeber ange- 
drohten Strafen sind, sagt er, nur für den festgesetzt, der entweder 
eines Meineides, einer Brandlegung oder eines Frauenraubes Ur- 
heber ist. Und zum Beweise für die Richtigkeit seiner Auffassung 
beruft er sich auf die Worte des Gesetzes: ita sane ut infra ista t ria 
capitula. Wenn, um den Gegensatz in der Auffassung des Commen- 
tators und Ariprand’s an einem Beispiele zu zeigen. Jemand einen 
Andern zur Erbrechung eines Grabes und Beraubung des Todten 
veranlasst, so ist nach Ariprand’s Meinung derjenige, von welchem 
der Anschlag zu diesem Verbrechen ausging, straflos, es liegt ja 
kein Meineid vor, und keine Brandstiftung und kein Frauenraub. 
Nach des Commentators Auseinandersetzung aber muss er 100 Schil- 


ft ) Id dem letzten Passus ist ein Comma versetzt, wodurch das Verstiodniss erschwert 
wird. Richtig interpunctirt lautet die Stelle: minus vero in hi» tribu» tantum capi- 
tuli» non (sc. consiliator componit ) % in aliis in minus tenetur , cum et ipse princi - 
paiis in minus aliquando tencatur. Hierdurch ist Wilds, Strafrecht der Geranien 
629 widerlegt. 


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Die Lombarda-Commeutare. 


169 


linge büssen, als intellectueller Urheber eines Verbrechens, das für 
den Thäter gesetzlich *) die Strafe yon 900 Schillingen nach sich 
zieht*). 

2. Hinsichtlich der Büssung von Wunden ist der Commen- 
tator (I, 7) der Meinung, dass die Dienste und der Lohn des Arztes 
nicht in Anschlag gebracht werden dürfen bei Freien, sondern nur 
bei Eigenleuten und Aldionen. Diese Meinung wurde, wie wir aus 
dem zweiten Commentare erfahren, yon Einigen getheilt, nur nicht 
yon Ariprand, der sie vielmehr, und Albert stimmt mit ihm über- 
ein, für absurdum et inconsultum erklärt hat. 

3. Wenn Jemand mehrere Söhne hinterlässt, so haben auf die 
gesammte väterliche Erbschaft alle einen Anspruch zu gleichen 
Theilen, vorausgesetzt, dass der Vater nicht einen bevorzugt hat 
wegen seiner besseren Dienste. Das Recht, einen solchen Vorzug 
einzuräumen, steht aber dem Vater in dem Masse zu, dass er beim 
Vorhandensein von zwei Söhnen einem den dritten Theil als Voraus 
zuwenden kann und so fort in entsprechendem Verhältnisse, wenn 
er mehr als zwei Söhne hinterlässt. 

Nach des Commentators Meinung (II, 20), der sich auch 
Albert angeschlossen, gelten nun die gleichen Grundsätze auch für 
die Töchter, ßadem, sagt er, in filiabus meliorandis obtinente ra- 
tione 8 ). Aber auch hier ist Ariprand i) * * 4 ) entgegengesetzter Ansicht, 
indem er folgendermassen argumentirt. Wie der Söhne Voraus nach 
der Legitima sich bemisst, so muss sich auch der der Töchter nach 
ihr bestimmen. Die Legitima der Söhne ist aber die ganze Erbschaft, 
während die mehrerer Töchter blos in der Hälfte besteht. Wenn daher 
zwei Töchter vorhanden sind, so kommen auf die Bevorzugte vier 
Zwölftel. Und da weiter der Vater die andere Hälfte, welche nicht 
die Legitima ist, ganz als Voraus zuwenden kann, so empfangt mög- 


i) S. ed. Rotharis 15 (I. 2. lomb. I, 12). 

*) Der »weite ComtnenlaLor, der mit dem ersten vollkommen übereinstimint, er- 
wähnt daher neben dem Frauenranb auch dieses und noch ein drittes Verbrechen, 
S. 19*. Und Albert sagt, wie aus dem zweiten Commentar ersichtlich ist, im 
Widerstreit gegen Ariprand : Uta tria capitula gcneralia esse, et — ubi — lex 
nullam consiliatori indicit penam , ibi temper secundum isla tria capitula propor- 
tionaliter subcondesccndendum in compositione consiliatoris esse. 

*) Anschtttz 113*. 

*) Anschütz 113*, 114*. 


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170 Heinrich Siegel 

licherweise die eine Tochter zehn Zwölftel» während die andere 
mit zwei Zwölftel sich begnügen muss. 

4. In Ansehung der Strafe, welche den Richter wegen Ver- 
schleppung einer Rechtssache trifft, unterscheidet der Commen- 
tator (II, 41), ob dieselbe in Absichtlichkeit oder in blosser Fahr- 
lässigkeit ihren Grund habe. Während unter der ersten Voraus- 
setzung die Strafsumme z. B. 20 Schillinge betragen soll, ausge- 
nommen in vier Fällen, wo das Wergeid und Amt verwirkt wird, so 
soll derselbe Richter unter der zweiten Vor»v Setzung blos zwölf 
Schillinge schulden. Nach Ar iprand’s Meinung wird dagegen nicht 
unterschieden. Sive dolo sive negligentia, sagt er, dilatavit, supra- 
dicto modo (nämlich nach dem Modus, den der Commentator blos 
für dolose Rechtsverzögerung gelten lässt) minor et maior iudex 
puniatur, ausgenommen die Fälle, welche hier als fünf gezählt 
werden, in denen er sein Wergeid zahlen muss und das Amt verliert, 
wenn nämlich die Verschleppung ihren Grund hat in der Rücksicht- 
nahme auf einen vornehmen Herrn *) oder veranlasst wurde durch 
verwandtschaftliche oder freundschaftliche Rücksichten, durch 
Bestechung oder Hass *). 

5. Für eine Wunde (ferita), die einem Freien versetzt wird, 
sind als Busse drei Schillinge zu zahlen, für zwei Wunden sechs, 
für drei neun und für vier zwölf Schillinge. Wenn noch mehr Wun- 
den beigebracht werden, so bleiben sie, wie das Gesetz, ed. Rotha- 
ris 43, sagt, ungezählt. 

Der Commentator hat ebensowenig den vorausgehenden als 
den von den feritae handelnden Titel der Lombarda (6, I) und so- 
mit auch nicht das genannte Gesetz, welches als lex 3 in demselben 
aufgenommen ist, commentirt. Er wendet sich unmittelbar von dem 
vierten Titel: de illicito consilio zum siebenten: de plagis, wie der 
Eingang des Commentars zu letzterem zeigt, indem es da heisst: 


*) Vergl. du Fresne ed. Henschel s. v. gasindium (familia, familiaritas) : ai illiua 
rationem habuerit, cujus gasindus est. 3, 490 8 . 

*) Einer dritteu, der strengsten, Meinung ist, wie nebenbei bemerkt werden mag, 
Albert. Er stimmt mit dem Commentator darin uberein, dass der Unterschied von 
Absicht und Fahrlässigkeit von Bedeutung sei, dagegen bestimmt er die Wirkungen 
anders. Die Strafe, die nach des Commentators Ansicht im Falle des dolus begründet 
ist, soll nach seiner Meinung bei blosser negligentia eintreten, und ubicumque 
(iudex) dolum commisit, et houorem amiitat et widrigelt coiuponat. 


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Die Lotnbarda-Comraentare. 171 

facto consilio factum aliquando sequitur, merito de plagis 
loquitur. 

Dagegen hat, wie wir aus dem zweiten Commentare erfahren 
und aus einer Glosse *) ersehen, Ariprand wohl eine Ansicht aus- 
gesprochen Ober eine an die Schlussbestimmung jenes Gesetzes 
sich knöpfende Streitfrage. Er ist der Meinung, dass mehr als eine 
Wunde (feritue) niemals gezählt werden, auch dann nicht, wenn 
verschiedene Glieder dadurch verletzt sind, während Albert sagt, 
dass nur vier Wunden und nicht mehr an einem und demselben 
Gliede in Ansatz gebracht werden, dass dagegen auch mehr zu 
zählen und zu bössen sind, wenn sie an mehreren Gliedern sich 
finden. Bei dieser Sachlage könnte nun freilich Ariprand immer 
* noch der Commentator sein; die erwähnte Meinung hätte allerdings 
nicht in dem Commentar Baum gefunden, sie würde blos als Glosse 
ausgesprochen worden sein. Allein ein weiterer Umstand, der hier 
in Betracht kommt, schliesst diese Möglichkeit aus. In dem folgen- 
den Titel nämlich, wo es sich um eine vollkommen übereinstimmende 
gesetzliche Bestimmung hinsichtlich der plagae 2 ) handelt*), trägt 
der Commentator die Ansicht vor, welche Albert gerade im Gegen- 
sätze zu Ariprand für die feritae aufgestellt und vertheidigt hat. Si 
in diversis membris (sc. plage fuerint facte) quantecumque 
fuerint 4 ), numerabuntur 5 ). 

6. Gestützt auf solche Beweise*) vermag ich denn auch den 
in dem Commentare zum 89. Titel des zweiten Buches auf die Aus- 
einandersetzung: qui provocando repetit, quia rem concessam facit, 
secundum Ariprandum, et si iterum convictus fuerit, tenetur in nichi- 
lum folgenden Satz : set in hoc sibi non consentio nimmermehr als 


*) S. dieselbe bei Anschutz XXIV, Note 1. 

2 ) Worin sachlich der Unterschied zwischen plaga und ferita bestand, erhellt nicht. 
Du Fresne ed. Henschel gibt ferita durch vulnus und plagare durch vulnerare 
wieder. Vgl. 3, 231 » ; 5,284*. 

*) Vgl. ed. Rotharis 45 (I. 1. lomb. I, 7). 

«) Der zweite Commentator setzt hinzu ; ut tarn dictum e*t y nämlich io dem voraus- 
gehenden von den feritae handelnden Titel. 

ft ) Mit Unrecht sagt daher Ansehuti XXIV, Note 1 : „Ariprand hat den Titel I, 6 
übergangen , die in der Glosse vorgetragene Meinung findet sich jedoch bei 
Ariprand I, 7*. 

*) Es wurden blos solche Stellen beuützt , wo handschriftlich ohne jede Variante 
der Name Ariprand's beglaubigt ist; doch soll nicht unerwähnt bleiben, dass ein 


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172 


Heinrich Siegel 


einen späteren Zusatz zu erkennen 1 ). In den Handschriften erscheint 
diese Erklärung nicht als beigefügt. Sie muss daher, wie Anschütz 
selbst sagt, auch schon in den Originaihandschriften gestanden 
haben. Ferner weist die Erklärung an sich, die Rede in der ersten 
Person, nicht auf einen Zusatz. Diese Sprechweise kommt, wenn- 
gleich selten, noch an anderen Orten vor. So heisst es II, 88: idem 
in testibus quidam dicunt, quibus non consentio. Ferner steht mehr- 
mals: dixi, so I, 19 und II, 13. Zu einem späteren Zusatze hat man 
also die Erklärung nur aus dem Grunde gestempelt, weil der Com- 
mentator darin in einen Widerspruch zu Ariprand tritt, während 
die beiden doch eine und dieselbe Person sein sollen. Da letzteres 
aber nicht der Fall ist, wie aus anderen Stellen erwiesen worden 2 ), 
so gibt jener vermeintliche Zusatz nur einen weiteren Beleg für 
unsere Behauptung. 


weiterer Beleg in I, 36 enthalten wäre , wenn die in dem zweiten Com m entere 
von der allerdings besseren Handschrift, dem Codex Bononiensis, dem Ariprand, statt 
dessen der Codex Parisiensis 4617 einen Leuprandua nennt, zugeschriebene Mei- 
nung wirklich von demselben herrühren würde. Denn während bei der Frage nach 
der Haftung des Herrn für die Handlungen des Eigenmannes der Commentator den 
Satz ausspricht, dass ersterer durch blosse Übergabe des letzteren in einzelnen 
Fallen befreit werde „ut De homicidiis liberorum Si quis ex levi et De iniuriis 
mulicrum lege ultima u , heisst es im zweiten Commentare im Anschlüsse hieran: 
secundum quosdam. Set Aripran du» et Albertue in hoc concordant quod et in 
lege ultima lege De iniuriis mulierum et servum debet tradere et LX so Udo» 
praestare. Noch mehr fehlt es an der für eine Beweisführung nothwendigen 
sicheren Grundlage hinsichtlich II, 51. Zwar wird auch hier eine der Meinung 
des Commentators nicht entsprechende Ansicht in dem besseren Codex (Paris!' 
ensis 4615) dem Ariprand zugeschrieben; allein der Codex Vatieanus setzt statt 
des Ariprand quosdam, und dann geben die beiden Handschriften nebst dem Ton 
II, 56 ab auch für den ersten Commentar in Betracht kommenden Codex Bono- 
niensis in II, 59, S. 191 1 eine jener geradezu widersprechende Meinung als die 
des Ariprand. 

*) So Anschütz Commentare XX. 

*) Damit entffillt denn auch jeglicher Grund, die Stellen in I, 17, 8. 42 1 ; II, 12, 
8. 92 1 ; vgl. I, 15, S. 38, Note 9; I, 19, S. 46, Note 31 , welche eines marchio 
Erwähnung thun, mit dem Herausgeber S. XX gleichfalls für Zusätze zu erklären, 
wogegen bereits Merkel in der italienischen Übersetzung seines Werkes 8. 43, 
Note 51 sich ausgesprochen hat. Die Veranlassuug dazu gaben offenbar die Stellen 
in II, 12, S. 92 1 . Und allerdings wäre es sehr seltsam, wenn jemand seine Mei- 
nungen über früher streitige Puncte noch anführen würde, während ein entge- 
gengesetzter fester Gericbtsgebrauch darüber sich gebildet hat. Dagegen lässt 
sich sehr wohl begreifen, dass ein dritter der Ansicht eines in grossem Ansehen 
stehenden Juristen auch dauu noch gedenkt, wenn ihr der Gerichtsgebrauch 
bereits derogirt bat. 


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Die Lombarda-Commentare. 


173 


Gegenüber diesen vielfältigen Beweisgründen darf nun die 
Bemerkung: Ariprandi commenta incipiunt als ein einfacher Irrthum 
bezeichnet werden. Es ist ein Irrthum, der keineswegs ohne Bei- 
spiel dasteht *), und überdies unschwer seine Erklärung findet. „In 
einer Zeit, worin keine gedruckten Bücher vorhanden waren, konnte, 
wie Savigny*) sagt, ein solcher Irrthum über den Verfasser sehr 
leicht entstehen.“ 

Nicht einmal ein solcher Irrthum liegt bezüglich des Verfassers 
des zweiten Commentares vor. Die Ansicht, dass er von Albert 
herrühre, gründet sich blos auf folgende Betrachtungen, einmal 
darauf, dass in den Auseinandersetzungen dieses Commentares 
regelmässig die Meinungen von Ariprand und Albert einander gegen- 
über gestellt werden«), und weiter darauf, dass „Auszüge aus 
diesem Werke in der Contraria a domnio Vacella facta mit der Sigle 
des Albert stehen“ 4 ). Allein die ersterwähnte Thatsache beweist 
nur, dass, während zu der Zeit da der erste Commentator las, der 
bedeutendste Jurist Ariprand war, dessen Ansichten daher stets mit 
seinem Namen genannt werden, in der späteren Zeit daneben ein 
zweiter Glossator in grossem Ansehen stand. Albert, vielfach ein 
Gegner von Ariprand, dessen Meinungen daher gleichfalls nament- 
lich von dem späteren Commentator mitgetheilt wurden«). Und die 
zweite Thatsache, auf welche Anschütz sich beruft, zeigt blos, dass 
Vacella gleich dem Commentator Ansichten des Albert referirt. Ge- 
bricht es sonach für die Behauptung der Identität zwischen Albert 
und dem zweiten Commentator an jeglichem Anhaltspuncte, so kann 
auch hier die Unmöglichkeit, dass Albert der Commentator war, 
auf's Bündigste nachgewiesen werden. 


*) Wie bekennt tragt eine Zusammenstellung und Verarbeitung der echten Beda'schen 
Bussordnung in fünf verschiedenen Handschriften Beda’s Namen. Ja in einer der- 
selben wird Beda ausdrücklich als Verfasser bezeichnet, und dennoch ist i n diesem 
Werke, wie die Auffindung zweier Münchener Handschriften durch Hillebrand 
unwiderleglich ergeben hat, nicht das echte Beda'sche Poenitentiale enthalten. 
Vgl. Wasserschieben, die Bussordnungen der abendländischen Kirche 38. 

*) Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter 4, 298. 

*) Darauf gestützt hat Merkel 38 Albert für den Commentator erklärt. 

4 ) Diesen weiteren Beweisgrund hat Anschütz XXI beigebracht. 

ft ) Welches Ansehen gerade diese beiden Juristen genossen haben, geht auch daraus 
hervor, dass Vacella in süiu***- contraria eine Zusammenstellung ihrer Meinungen 
unter Beifügung seiner eigenen Ansichten gibt. Auscbütz XXIV. 


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174 


Heinrich Siegel 


Hinsichtlich der Frage, ob eine Schwester oder Tante erben 
könne, wenn ein Bruder vorhanden sei, standen sich Albert und 
Ariprand *) schroff gegenüber. Der Commentator stellt (II, 14) die 
beiden Ansichten neben einander. Albert meint: wenn ein Bruder da 
ist, so kann niemals eine weibliche SeitenYerwandte erben, sie sei 
auch wer sie sei. Ariprand dagegen behauptet, dass auch unter der 
gegebenen Voraussetzung in zwei Fällen die Spindel gerufen werde, 
nämlich einmal die Schwester des Verstorbenen mit seiner Tochter, 
d. i. ihrer Nichte unter Ausschluss des Bruders des Verstorbenen, 
und zweitens die Tante des Verstorbenen in Gemeinschaft mit dessen 
Bruder, d. i. ihrem Neffen a ). Zum Beweise dieser seiner Behaup- 
tung beruft er sich auf l. 22 (ed. Liutprand. 4) und 1. 26 (ed. Liut- 
prand. 146) Lomb. de successionibus II, 14. Dagegen erklärt sich 
nun allerdings der Commentator. So viel kann nach seinem Ver- 
ständnisse der erwähnten Gesetze nicht aus denselben geschlossen 
werden. Set tot intellectus, lauten seine Worte, recte ex illis sc. 
legibus percipi non potest. Allein nimmermehr bekennt sich der 
Commentator mit dieser Bemerkung zu der Meinung des Albert, 
vielmehr tritt er in die Mitte zwischen beide, wie auch die bereits 
vorausgegangene Erörterung zeigt. Im Gegensätze zu Albert hat der 
Commentator bereits mit Ariprand») dahin sich einverstanden er- 
klärt, dass Schwestern allerdings, aber auch nur sie und nicht Tan- 
ten, trotz des Bruders erben können, ja mit Ausschluss desselben 
wirklich erben. S. p. 98*: Interdum tarnen ex latere veniunt feminae 
cum descendentibus, ut sorores in capillo cum filia Longobardi et 
hoc fratre non existente secundum Alber tum. Set Aliprandus 
dicebat, quod sorores in capillo preferuntur fratre existente et est 
Casus*). 

III. 

Als Ergebniss der bisherigen Ausführungen stellt sich hervor: 
im Anschlüsse an die Lombarda wurden summirende oder cominen- 


i) Nach dem Codex Paris. 461? Leuprandus, woranf hier nichts aiikommt. 

*) Siehe S. 103*, 104*, vgl. S. 98* 

*) Im Codex Paris. 4617 u. Cod. Vatic. corr. post. Leuprandus. Vgl. Not<* 1 dieser Seite. 
4 ) Die Frage über das Verhfiltniss der hier dem Ariprand (im Cod. Paris. 4617 und Codex 
Vatic. corr. post, dem Leuprand) zugeschriehenen Ansicht und derjenigen, welche 
in dem ersten Commentare ebenfalls als eine Meinung Ariprand’« (nach Cod. Vatic. 
freilich Eriprand's) mitgetheilt wird, kann hier unerortert hleiheu. Ihre ßeanl- 


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Die Lorabarda-Commentare. 


175 


tirende Vorlesungen zu Bologna üblich. Vorträge dieser Art wurden 
aber nicht gehalten von Ariprand und Albert. Diese auch in den 
Commenfaren vielgenannten Juristen müssen daher in anderer Weise 
thätig geworden sein. Ohne Zweifel waren sie Richter. Ein Ariprand 
wird öfter in ungedruckten Urkunden aus der Zeit Heinrich’ s V. iu- 
dex d. imperatoris genannt 1 ); den Namen Albert aber fuhrt nach- 
weisbar eine grosse Anzahl von iudices aus der Mitte des zwölften 
Jahrhunderts *). Und da ist nun weiter ein zweifaches möglich. 
Entweder wurden sie blos als Richter thätig , während dritte die 
von ihnen in solchen Fällen, wo das Gesetz verschiedenem Verständ- 
nisse Raum liess, in den ergangenen Urtheilen aufgestellten und 
begründeten rechtlichen Meinungen sammelten und als Glossen 
formulirten, oder die letzteren führen unmittelbar auf Ariprand und 
Albert zurück, welche ausserdem, dass sie Recht sprachen, selbst 
noch als Glossatoren lehrend und jedenfalls schriftstellerisch wirk- 
sam waren *). In dem einen wie in dem anderen Falle aber erschei- 
nen gegenüber den Commentaren die Glossen als das Ursprüngliche, 
wie denn auch geschichtlich die gl »ssirende Thätigkeit der com- 
mentirenden vorangeht, welch* letztere erst seit der Entstehung der 
Lombarda anhebt und in stetem Zusammenhänge mit ihr sich voll- 
zieht 4 ). Daher sind Glossen niemals aus den Commentaren gebildet 
worden 5 ), vielmehr haben umgekehrt die Commentatoren aus den 
Glossen, zumal aus denen eines Ariprand und Albert geschöpft und 


Wortung, ohne Bedeutung für die Frage, ob nach den Ausführungen des zweiten 
Commentars dessen Urheber Albert sein könne, bleibt besser bis zu einer Aus- 
gabe der Glosse verschoben. 

1 ) Siehe Merkel S. 61, Note 49, vgl. Anschütz XIX. 

*) Siehe Anschütz XXI. 

*) Zur Vergleichung dient einerseits, was Merkel 28, 29 über die Wirksamkeit der 
Pfalzrichter zu Pavia am Ende des zehnten bis hinein in den Anfang des eilften 
Jahrhunderts sägt, und andererseits, was Savigny a. a. 0. 3, 557, 558 von der 
schriftstellerischen Thätigkeit der Glossatoren des römischen Rechtes bemerkt hat. 

4 ) Der sogenannte Neapolitaner Commentar, noch vor der Lombarda zu Pavia in den 
Jahren 1057 — 1087 entstanden (Merkel 13, 15), ist nach den Andeutungen Mer- 
kers nicht eine Summe oder ein Commentar in diesem Sinne. Er enthalt vielmehr 
Glossen und Formeln, welche zum Pnpienser Rechtsbuche geschrieben am Ende 
des eilften Jahrhunderts auf die Lombarda übertragen wurden. Vgl. S. 25 a. E. 
S. 28, vgl. S. 53, Note 11, S. 29. 

Wie für einen Theil der Glossen Merke] 36—41 und Anschütz Commentare XXIII, 
XXIV insbesondere Note 1, XXVI und Jahrbuch für gern, deutsch. Recht 2. 475 
behaupten. 


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176 


Heinrich Siegel, Die Loraharda-Commcntare. 


bei der Aufgabe, die ihnen gestellt war, nur zu einem kleinen Tbeile 
den reichen Schatz verwerthen können. So wird unsere Thätigkeit 
und Aufmerksamkeit der Glosse und ihrer Ausgabe zugewiesen. In 
noch höherem Masse erkennen wir nach diesen Untersuchungen die 
tiefe Wahrheit, welche Merkel in den schönen Schlussworten seines 
Werkes ausgesprochen : Und wenn erst alle Handschriften der 
Lombarda für jenen Zweck erschöpfend untersucht und bekannt 
sein werden, wenn mit diesem handschriftlichen Material der Grund 
zur Gelehrtengeschichte gelegt ist, dann wird es gelingen einen 
uns bisher fremd und verborgen gebliebenen Theil der Rechtsge- 
schichte nicht blos in seinem ganzen Umfang, sondern auch in 
seinem Einfluss auf die Schule des römischen Rechts, ja in seinem 
Zusammenhang mit unserem deutschen Rechte klar und wahrhaftig 
darzustellen, im Geiste Savigny’s, der diese Bahn gebrochen und 
den Ort gezeigt hat, wo Nachkommende den Schatz heben sollen. 


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177 


SITZUNG VOM 16. JULI 1862. 

Vsrgelegti 

Johannissegen und G ertrudenminne. 

Ein Beitrag zur deutschen Mythologie. 

Von Dr. Igiai V. liigerle, 

Professor «a der k. k. Universität so Innsbruck. 

Noch lebt in Baiern *), Tirol *), Vorarlberg *), Schwaben *), in 
einigen Gegenden Österreichs *) und Böhmens •), sowie im Hildes- 
heimischen 7 ) die alte Sitte fort, den Johannissegen oder die Johannis- 
minne zu weihen und zu trinken. Am Beginne des vorigen Jahrhun- 
derts war dieser Brauch noch viel weiter verbreitet 8 ). Der Wein 
wird am Gedächtnisstage des heil. Johannes Evangel. (27. Decem- 
ber) Vormittags in der Kirche vom Priester gesegnet. Die Segens- 
formel fehlt im Missale romanum *), findet sich aber in Ritualen und 
Sammlungen von Benedictionen oft **). In froheren Zeiten reichte 


*) Bavaria I. 387, 398. Quitzmann 250. Leoprechting, 211. 

*) Tiroler Sitten, Nr. 924—928. 

*) Vonbun’s Beiträge, 133. 

Meier, Sagen. 467. Birlinger, VolksthSml. II. 111 ft. 

*) Pritz, Überbleibsel, 62. 

«) Mfindl. Mittheilung. 

V) Seifart, Sagen II, 192. Grimm, Myth. 55. 

•) Usitatissiranm »»st in Germania, die S. Joannis Evangelisten, benedicere vinuu, 
quod vocamus S. Joannis Seegen. Grelseri op. omn. t. V, p. II, 268 b. 

•) Ebendort. 

10 ) Ein Hituale der Constanzer Wöcese vom Jahre 1781 schreibt Folgendes vor: 
Sacerdos juxta liistoriam de s. Joanne Evangelista toxicatum poculuin benedi 
cente ac bibente, benedicturns vina, alba, vel superpelliceo, et stola allii colo- 
Sitzb. d. phil -hist. CI. XL. Bd. II. Hfl. 12 


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178 


Dr. Ignaz V. Zingerle 


der Priester den geweihten Wein am Communiongitter oder am 
Altäre den Gläubigen mit den Worten: bibe amorem Sti. Joannis in 
nomine patris et filii et spiritus sancti *). Heute scheint diese Gepflo- 
genheit grösstentheils aufgegeben zu sein, doch kommt sie noch hie 
und dort, z. B. in Oberbaiern und im Hildesheim’schen *) vor. Ge- 
wöhnlich wird jetzt der yon einem Hausyater in die Kirche gebrachte 
Wein nach der Weihe nach Hause getragen und dort zum Theile in 
feierlicher Weise getrunken, zum Theile in die Weinfässer geleert 
oder aufbewahrt. Ehemals trank man den Johannissegen nüchtern *); 
jetzt trinkt man den nach Hause genommenen entweder vor oder 
nach Tische. Birlinger berichtet darüber ans dem Rayensbur- 
gischen: Jeder Bauer nimmt seinen Johannissegen, etwa eine Mass, 
oft noch mehr guten rothen Wein mit nach Hause. Rother muss es 
sein. Kommt man yon der Kirche heim, so werden Mutter, Kinder, 
Knechte und Mägde, bis zum einfachsten Hirtenbuben herab zusam- 
mengerufen, und Alles setzt sich um den Tisch herum. Der Haus- 
yater trinkt zuerst aus dem Becher und sodann macht er die Runde 
am ganzen Tische, sogar das Kind in der Wiege muss St. Johannis- 
wein trinken. Dessgleichen ist St. Johannissegen im Wirthshause 
zu treffen. Der Wirth lässt ziemlich viel Wein zur Kirche tragen 
und davon bekommen Nachbarn, Stammgäste und solche ärmere Leute 


ris indutus, atana in cornu epistolae, vino extra dictum cornu juxta »e in mensa 
posito , et vaaia apertis dicat: nos te Deutn in auxilium nostrnm invocamaa, 
cujus audito nomine serpens conquieacit, draco fugit, vipera silet, et subdola 
ista, quae dicitur rana iuquieta, torpeacit, acorpio extinguitur, regulua vincitur, 
squalongus nihil noxium operatur, et omnia venenota, et adliuc fortiora anima- 
lia noxia terrentur. Toi, Doinine, extingue omnes diaholicas fraudes, et omnes 
humano generi adversantes nequilias, et hunc liquorem vini, per interceasionera 
sancti Joannis Evangelistae, tua virtute benefdieito , et omnes ex eo gustantes 

ab omni malo custodias, et ad regnum gloriae tuae perdncaa. Deus, cujus 

potestate Joannes Evangelista venenosi potus digcssit toxicum, benefdicere 
dignare hanc creaturam vini, ut omnes ex eo gustantes, expulso toto genere 
nocivo, infuso tuae beuef diclionis myaterio, in auimo et corpore mereantur mi- 
sericorditer exhilarari. — — Deuique vinum in vase mundo (non calice) por- 
rigens populo ad bibendum dicat: Bibe amorem sancti Joannis in nomine patris* 
et filii, et spiritus sancti. Andere Weiheformeln enthüll Gelasii de Cilia the- 
saurus benedictiouum, pag. ]9 und ein sacerdotale conformatum ad consuetu- 
dinem ecclesiae Romauae aliarumque ecclesiarum. Venetiis 1567. Vgl. Greta er, 
t. V, p. II, 268 b. 

*) De Cilia, p. 20. ^ 

*) Bavaria I, 387. Sei fort II, 192. 

Idque gustare mos ante omnein alium potum. Greiser V, 11, 268 b. 


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Johannistegen und Gertrudenminne. 


179 


die keinen Wein aufzubringen vermochten , zu trinken *). Zu Bai- 
singen muss von dem St. Johannisweine, den man aus der Kirche 
mitgenommen bat. Jedermann trinken. Der Vater und die Mutter 
fangen an and so gehts um den Tisch herum, indem jeder sagt : 

Was roer et g'hairt, 

Soll mer et weere *). 

In der Oberndorfer Gegend sagt man beim St. Johanniswein- 
trinkeu : 

Gruss dich Gott, Bruder gut! 

Wir haben getrunken Christi Blut; 

Gott Vater mit mir. 

Gott Sohn mit dir, 

Gott heiliger Geist mit uns beiden. 

Dass wir glücklich von einander scheiden *). 

Nach dem feierlichen Rundtranke geht der Hausvater in den 
Keller und schottet unter Gebet 4 ), oder mit Hersagung der Formel: 

Am Johannissegen 
ist alles gelegen 5 ) 

in jedes Fass einige Tropfen des gesegneten Weines. Dadurch soll 
alles Böse vom Keller abgehalten, das zu rasche Ausgehen oder 
Verderben des Weines verhindert werden •). 

Den Anlass zur Weihe des Johannisweines soll die alte Legende 
gegeben haben, der zu Folge der Götzendiener Aristodemus dem 
heil. Johannes vergifteten Wein zum Trinken mit der Erklärung 
Oberreichte, Christ werden zu wollen, wenn der Apostel den Becher 
ohne Nachtheil leeren würde. Der Heilige trank hierauf den Gift- 


*) Volksthüml. II, 110. 

») Ebend. 111. 

*) Ebend. 112. 

*) Birlinger II, 112. Tiroler Sitten, Nr. 927. 

*) Vonbon, Beitr. 134. Vgl. Meier, Sagen 467. 

•) BIrlinger II, 112. Tirol. Sitten, Nr. 927. 

Schon Greta er bemerkt: Nec desunt qoi inde etiaro in alia vini dolia , rene- 
ficiorum avertendorum gratia, aliquid huiua consecrati vini infundant. Nec even- 
tos pietatein proborumque exspectationem fallere solet I. c. Vgl. Greta er I, 
201 a. Das» Hexen dem Volkagiauben zufolge gerne in Kellern zusprachen, und 
ihr Unwesen trieben, melden uns Sagen und Processacten. Tirol. Hexenproces>c, 
40 Tirol. Sagen, Nr. 541. 

12 * 


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180 


Dr. Igua* V. Zingerle 


becher, ohne Schaden zu nehmen *). Darauf nehmen auch die 
Gebete der Kirche bei der Weinweihe Bezug, denn es heisst: Deus 
cujus potestate b. Joannes Evangelista potum yenenosum et toxicum 
digessit *)od. deus, cujus potestate Joannes Evangelista venenosi potus 
digessit toxicum*). Und desshalb glauben die Leute,* dass der 
geweihte, oder der mit St. Johannissegen vermischte Wein ihnen 
eben so wenig schaden könne, als der Giftbecher dem Evangelisten 
Nachtheil gebracht hat, ja dass derjenige, der am 27. December 
davon trinke, das ganze Jahr hindurch vor Vergiftung und Verhexung 
gesichert bleibe *). Man glaubt, dass er gegen den Blitz *) und das 
Vermeintwerden*), sowie gegen andere Gefahren schütze. Die 
Kirche spricht aber bei der Weihe die Bitte aus: 1. dass alle davon 
trinkenden vor jedem Übel bewahrt werden, 2. dass sie mit der 
Fülle göttlichen Segens beschenkt werden, 3. dass sie verdienen, 
an Leibund Seele erheitert zu werden 7 ), 4. dass sie zum Reiche 
der Herrlichkeit kommen *). 

Allein nicht nur am Feste des Evangelisten, zur Zeit der Win- 
tersonnenwende, sondern auch am Gedächtnisstage des Täufers, am 
Sommersonn wendfeste, trinkt man Jobannissegen. Meier berichtet 
darüber aus Schwaben: Am 24. Juni trank man noch vor einigen 
Jahrzehenten in Rotenburg a. N. den Johannissegen oder Johannis- 
trunk. Man stellte Tische und Stühle vor’s Haus und die Nachbarn 
nebst Bekannten und Verwandten setzten sich hier zusammen. Wenn 
manche Nachbarn auch das ganze Jahr hindurch sich angefeindet 
hatten , so mussten sie an diesem Tage sich aussöhnen und mit 
einander essen. Der eine brachte Brot, der andere Fleisch, *ein 
dritter Wein u. s. w., dann ass und trank man auf offener Strasse 
und sang lustige Lieder dazu bis tief in die Nacht. In der neuesten 
Zeit hat man diese alte gute Sitte wieder eingeführt — Eben so 
wird noch in Heilbronn Abends auf der Strasse der Johannissegen 


*) Legend« aure«, ed. Gr aase, p. 59. Passion»! ed. Hahn, p. 238, 77. 

*J Venet. Sacerdotale. Gretser, I. c. 

*) Constanz. rit. Vonbon's Beitr. 134. De Cilia, p. 21. 

4 ) Vergl. Gretser, I. c. Meier, Sagen 467. Birlinger II, 111. 

») Tirol. Sitten, Nr. 926. 

•) Ebend., Nr. 928. 

*)'Ut omnes ex eo gustantes expulso toto genere nocivo , infuso tuae henediclionis 
mysterio in auima et corpore mereantur misericorditer exhilarari. De Cilia 21. 
Gretser, I. c. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


181 


getrunken. Ein solches gemeinsames Essen hielten früher auch die 
Zünfte in Oberlingen am See 1 ). — Der Johannistag mit seinen 
Trinkgelagen wird in Schwaben das Versöhnungsfest genannt»). 
In Nürnberg war es eine alte Sitte, am 24. Juni den Johannissegen 
zu trinken, damit ein warmer und fruchtbarer Sommer erfolgen 
möge *). 

Aber auch ausser den beiden Johannisfesten wird Wein 
geweiht, denn auch bei Trauungen wird er vom Priester gesegnet, 
dem Brautpaare und dessen Zeugen und Verwandten gereicht. In 
dieser Segensformel *) wird der Name des heil. Johannes zwar nicht 
erwähnt, das Volk nennt aber dessenungeachtet diesen Trunk ein- 
stimmig Johannissegen oder Johannisminne. Die Sitte, bei Trauungen 
geweihten Wein zu trinken, lebt noch in Tirol *), Oberbaiern •), 
Oberpfalz 7 ) fort. Dahn berichtet darüber aus Oberbaiern: Nach 
der Trauung erfolgt ein Opfergang mit Niederlegung von kleinen 
Spenden auf die Stufen des Altars, dessen Schluss die Ausspendung 
des vom Priester geweihten Johannisweiues an das Brautpaar, viel- 
fach auch an alle Gäste bildet. Dabei geht das Brautpaar voran und 
trinkt» dreimal, ihm folgen das Kranz- und Ehrenpaar, dann die 


*) Sagen, p. 4 28. 

•) Bi r 1 in g er II, 110. 

*) Panier II, 239. 

4 ) Nach de Cilia lautet «ie : Adjutorium no ström etc. Dominus robiscum etc. 
Orerous. Domine sancte, pater omnipotens, aeterne Deus, bonorum omnium dator 
et conservator: qui Inter reliquas creaturas tuas vinum, in hoininum susten- 
tationein et (aetitiam, ex fructu urarum prodire jussisti, quique per unigenitum 
filium tuum Dominum uostrum Jesum Christum in nuptiis in Cana Galilaeae aquam 
in vinum roirabiliter permutasti, et Sacramentum pretiosissimi sanguinis ejusdem 
Filii tut in vini materia sauctißcari fecisti : te supplices deprecamur ac petimus, 
nt hanc creaturam vini benefdicere et sanctificare digneris, ut fanuli tui et fa- 
mulae, ex eo gustantes animae et corporis recipiant sospitatem et te omnium 
gratiarum largitorem sine fine coilaudent. Per eundem Christum Dominum nostrum 
Amen. — Apergat aqua benedicta in modum crucis, nihil dicens. Posten vinum 
distribuitur per minus Uicoruro -in mundo profano vase, primum quidem sponsis, 
tum aliis Christi fidelibus, qui nuptiis intersunt Omnibus modeste gustantibus. 
p. 213. 

) Tirol. Sitten, Nr. 923. Bei grossen Hocbieitsau feigen tragen 6 »junge Knechte" 
den Wein, der geweiht werden soll , in grossen sinnernen Kannen in die Kirche. 
Zillerthal. 

•) Leoprechting 243. Bavaria I, 387 und 398. Wolf, Zeitschrift II, 127 
Qnitxmann, 89, 251, 258. 

7 ) Schön werth, aus der Oberpfals I, 87. 


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182 Dr. Ignaz V. Zingerle 

übrigen ; am unteren Inn wird nur dem Brautpaare vom Pfarrer, den 
andern Gästen vom Hochzeitlader der Kelch gereicht *)• Letzteres 
ist auch in Tirol üblich. 

Ist in den bisher genannten Fällen der Johanniswein geweiht 
und auf eine bestimmte Zeit oder einen kirchlichen Act beschränkt, so 
begegnet uns noch eine Sitte, bei welcher der Johannissegen weder 
durch eine kirchliche Ceremonie, noch durch ein Fest bestimmt 
wird. Es ist dies der Brauch, vor dem Abschiede St. Johannissegen 
zu trinken, der einst in Deutschland weit verbreitet, nun meines 
Wissens grösstentheils erloschen ist. Dem Scheidenden trank man 
die Johannisminne zu, dass er Glück und Schutz auf der Reise 
habe *). Zuerst mochte sie wohl vom Priester geweiht gewesen 
sein, oder wenigstens war der Abschiedstrunk mit gesegnetem 
Weine vermischt. Später jedoch, als damit schon Missbrauch 
getrieben wurde, und man selbst den letzten Trunk im Wirthshause 
St. Johannissegen nannte, fehlte jede kirchliche Weihe. Über die 
Entartung dieser schönen Sitte, Johannissegen beim Abschiede zu 
trinken, schreibt schon Gretser: „Verum haec etiam consuetudo 
bibendi in honorem Sanctorum, in ahusum tandem migravit* nec 
tarn ad honorem, quam dehonorationem Coelitum tendere coepit* 
dum multi nominibus Sanctorum, quasi illicio utentes, et se et alios 
nimio potu ingurgitant ac sepeliunt. — Idem non injuria dixeris de 
benedictione S. Joannis, quae jam jam abituris oflertur. Quae sine 
dubio a pietate et ab observantia in sanctum Apostolum originem 
traxit. Quia enim traditur, venenum sine ullo damno bibisse, ideo 
christiana vetustas hunc haustum, vel potius delibationem vini intro- 
duxit, ut meritis Apostoli, quidquid potus sumptum esset, id ad utili- 
tatem animae ac corporis cederet, et ut hac benedicta clausula potus 
intra viscera immissus , quasi obsignaretur. Propterea haustus SU. 
Joannis pauxillulum quiddam continet. Bibens enim hoc valedicto- 
rium poculum non tarn bibit, quam libat, et supremis labris vinum 
tangit. Quae consuetudo non est damnanda, sed potius laudanda, si 
maneat intra debitos terminos. Sed vitiis excrescentibus, immane 


*) Bavaria, 1, 398. 

9 ) Quocirca benedictio S. Joannis non tantum ipso festo S. Joannis, sed quocunque 
tempore, cum amici a se mutuo digrediuntur , usurpari consuevit, tametsi fre- 
quenter non sine abusu. Gretser V, II, 268. 


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Johannissegen und Gertrudenminue. 


183 


quantum etiam haustus iste excreverit, dum non tantum sobriis, sed 
et jam ebriis offertur et importune etiam ingeritur, nee semel, sed 
saepius, poculis capacibus, quae fuuditus exsiccare necesse sit, nisi 
cum mala gratia abire velis, ut proinde omnem henedictionem ab hoc 
haustu tarn immoderato exulare oporteat" *). Die Sille, beim Schei- 
den Johannissegen zu trinken, hat sich nur in einigen Gegenden 
Baierns *) erhalten. Einen interessanten Bericht über das Trinken 
des Johannisweines vor der Abreise gibt uns Panzer*). Vor der 
Abfahrt eines Salzzuges von Passau nach Regensburg, brachte der 
Seilträger aus dem Seilnachen einen Plutzer 4 ) Wein, füllte einen 
kleinen Becher und sprach zu den vorüberreitenden Rossleuten: 
„bring euch den heiligen Johannissegen ! - leerte den Becher, 
schwang ihn rückwärts über den Kopf und goss einige Tropfen aus. 
Daun reichte er jedem der Rossleute den gefüllten Becher und jeder 
sprach: „In Gottes Namen den heiligen Johannissegen - , leerte den 
Becher, schwang ihn rückwärts über den Kopf und goss einige 
Tropfen aus. Hatten alle getrunken, so sprach der Seilträger : „lu 
Gottes Namen fahren wir! - Er fuhr unter beständigem Seilaus- 
werfen zurück an den Hohenauer *) und übergab das Seil dem 
Sesstaler, welcher es in die Schwing einmachte und das Zeichen 
zur Abfahrt gab: „hohm in goz.n nam! - . Inzwischen war der Seil- 
träger auf den Hohenauer gestiegen und hatte dem Sesstaler den 
Plutzer mit Wein hingestellt. Der Sesstaler brachte nun den Johan- 
nissegen dem Seilträger, dieser dem Bruckknecht, dieser dem Seil- 
bigler, dieser dem Bussknecht u. s. f. und jedesmal wurden obige 
Worte gesprochen und einige Tropfen rückwärts ausgegossen. — 
Am Johannistage, nach der Kirche, bringt man sich im Haus den 
Johannissegen mit geweihtem Weine, dann giesst man einige 


1) Oper* y, II, 201. 

*) Bavaria I, 387. Quitzroaun, 250 und 251. In Schwaben mahnt an diese Sitte 
der oben milgetbeilte Spruch: „Grüss dich Gott Bruder gut« etc. Birl. II, 
112 . 

*) Beitrige II, 231. 

4) Ein Heukelgefäsa mit weitem Bauche, engem Halse und kleinem Boden. 

*) Die Hohenau, das grösste der Schiffe, mit 1750 Centner Ladung. Auf diesem 
befanden sich der Hohenauersesstaler , der den ganzen Salzzug befehligte, der 
Seil träger, Steuermaon, Bruckknecht, welcher das Seil in dem der Hohenau 
seitwirts angeblngten Nachen führt, der Seiibigler, welcher die Knöpfe in das 
Seil macht, und der Koch. Panzer II, 230. 


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184 


Dr. (gnit V. Zingerle 


Tropfen auf den Fisch zeug und auf die Waidziln und spricht dabei: 
.„im goz.n naml" — Merkwürdig ist hier das Ausgiessen einiger 
Tropfen rückwärts über den Kopf, das uns an alte Trankopfer mahnt 
Alle die bisher berührten Bräuche leben noch fort oder sind erst 
vor wenigen Jahrzehenten erloschen. Man könnte demnach glauben, 
dass die Sitte, Johanniswein zu trinken, eine verhältnissmässig 
junge sei, wie dies Schmid in Wetzeris Kirchenlexikon 1 ) meint 
Dem ist aber nicht so. Wir finden den Brauch vor wichtigen, gefahr- 
vollen Unternehmungen oder bei Abschieden Johanniswein zu trinken, 
schon in früher Zeit. Eben so wenig fehlen Anspielungen auf diese 
Sitte bei mittelalterlichen Dichtern. Hartmann von Aue kennt sie 
bereits , denn als Erec den fürchterlichen Kampf im Baumgarten 
bestehen sollte, vernahm er eine heilige Messe zu Ehren des heit 
Geistes, kehrte dann zum Frühstücke und trank St. Johannissegen 
vor seiner Ausfahrt: 

einen trunc man im dar truoc 

und träne sant Johannes segen. Erec. 8650. 

Im Minnekloster*) heisst es: 

Sie sprach: „gesell got müez din pflegen! 

trinc vor sant Johans segen \ a 

ich sprach: „frou, dai tuon ich gern. 

des sol ich iuch billich gewern*. 

ir junefrou stant ouch da bi. 

sie sprach: „als lieb ich dir si, 

nim daz guldin köpfelin 

und bring uns dar inn guoten win“. 

diu junefrou mit dem win drät kam, 

min gespil den köpf nam. 

si sprach: „geselle trinc mit mir, 

als ich sin wol gunne dir. 

. trinc sant Johannes minne 
und hab in dinem sinne 
der drier künige namen, 


*) Es scheint diese Sitte gar nicht alt za sein. V, 769. 
*) Lassberg, Liedersaal 11, pag. 26 1. 




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Johannissegen und Gertrudenminne. 


185 


daz wir rroelich ze samen 
schiere komen muezen 
' und unser sund hie buezen“. 

und: 

ich däht d.d an daz gröene bet 

und an sant Johans minne, 

daz was mir rast in minem sinne *)• 

In Dietrich’ s erster Au sfahrt liest man: 

auf sassen die zwen kune man, 
man raicht in dar die Schilde, 
zwei sper nach ritterlicher art; 
auch sant Johannes minn und segen 
den fürsten da gegeben wart. — 

44. Er ward gehaischet und gemant, 
ein kapelan bracht in zu hant, 
die herren trunken beide, 
gesegnet waz die reine flut: 
wer in da trank, der waz behüt 
vor schaden und Yor leide, 
der junge furst und der hub an 
zu trinken an der stunde, 
her Hildebrant sich bas besan, 
er trank die schalen zu gründe, 
er sprach: „wol auf nun, in den tan! 
uns Yon dem ungetauften man 
auch nimmer leit geschehen kan“. 

In der Weinprobe steht: 

der zwolft brüht mir sant Johans segen 
und tet min wunderlich pflegen *). 

Oft wird die Sitte, vor dem Abschiede St. Johannisininne zu 
trinken» in der älteren Oswaldlegende «) erwähnt, z. B. : 

er gap im sant Johannisminne 

und enpfalh in der himelischen kuniginne V. 610 

*) Ebendaselbst II, pag. 364. 

*) Liedersaal III, 336. 

’) Ed. E tlinülte r. 


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186 


Dr Ignaz V. Zingerle 


sie gap im sant Johannis minne 

und enpfalh in der himelischen kuniginne V. 1127. 

dö gap er im sant Johannis minne V. 1225. 

Im Morolf wird er genannt: 

— wir wellen trinken sant Johans segen 

und weilen uns scheiden ?on dein heidenschen lant. 

V. 3 103. 

In Clara Hätzlerin's Liederbuch heisst es: 

Behalt mich in dem hertzen dein 

setz sant Johannes ze purgen mir, 

das du chomest gesunt her wider schier *). 

Zum letzten Male begegnete er mir im schonen Volksliede „St. 
Gertrud“: 

St. Gertrud gedacht in ihrem Muth, 

In das Elend zu gehn, das war nicht gut. 

Könnt ich doch dem Reuter helfen, ja helfen. 

Könnt ich dem Reuter helfen. 

Jetzt bring ich dir auch der Namen drei, 

Gott Vater, Sohn und heilger Geist, 

St. Johann sei eur Geleiter an grün Haide, 

St. Johann sei eur Geleit. 

Der Teufel antwortet mit Bezug auf diesen Trunk spfiter dem 
Ritter: 

Hättest du den letzten Trunk nicht gethan, 

Wie wurd ich mit dir getanzet han, 

Mit dir und deinen Gesellen, zu der Hellen, 

* Mit dir und deinen Gesellen a ). 

Oswald von Wolkenstein *) nennt Johanuisminne in einem 
Minneliede: 

Dye magt Hess in mit synnen 

rynnen 

in den grans 

ft ) Ed. Haitaus, pag. 191b. 

2 ) Simrock, Volkslieder, pag. 149. Vgl. Wolfs Niederliind. Sageo. Nr. 359. 

8 ) Ed. B. Weber XXIX, 3, 36. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


187 


durch weysse zendlein zynncn 
der mynue 
sand Johanns. 

Die vom Gelage nufbrechonden Gäste tranken auch St. Johan- 
uisminne und wähnten, sich mit dem Namen des Heiligen gegen 
schädliche Wirkungen des Weines schützen zu können, ln den 
Fastnachtspielen des XV. Jahrhunderts wird dieser Brauch öfters 
erwähnt, lm Spiele von zwei Eheleuten heisst es: 

Herr wirt, nu haisset uns einschenken, 
so woll wir mit sand Johans minn trinken 
. und uns dan heben unser strass, 
dass man mer leut zu euch herein lass *)• 

Im Spiele von drei bösen Weibern steht: 

knecht, pring uns sand Johanns minnen, 
es ist zeit, das wir gangen von hinnen *). 

Im Liede: „wer essen wil, der geen zum tisch“ heisst es: 

wirt gib ms sandt Johans wein 
aide ich far dahin *). 

Ich lasse die mir noch bekannten Belege folgen: 

wurd es eben, wie man sagt, Sant Johannes segen und 
das henkermahl syn. A. Blaurer 9. Sept. 1531 *). 

In einem Schauspiele von Salomon's Urtheil sagt die rechte 
Hutter zum Kinde, das ihr die Henker entreissen wollen : 

ach saug noch eins zu guter letz 
und drink nun Sanct Johannes drunk 5 ). 

Leicht begreiflich ist es, dass sich der Humor schon früher 
des Brauches, beim Scheiden aus der Schenke St. Johannissegen zu 
trinken, bemächtigte und desselben spottete. So sagt Neithart in 
dem nach ihm benannten Spiele: 


») Keller, Fastnachtsp. Nr. 167, 27. 

*) Ebendaselbst, 468, 19. 

*) Wolf, mylh. Zeitschrift, 1 468. 

4) Bei Wal ebner, ßotzheim, 8. 177. 

*) Baumgart, Judicium Salomonis 1561. K. b. — Weint. Jahrbuch, VI, 29.* 


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188 


Dr. Ignaz V. Zingerle 


„Ser lieben herren, trinket mit mir! 

Da ist guoter wein inn. 

Ich han gesegent sand Johanns minn 
Für Strauchen, für feil, für alles übel“ *). 

und scherzend gab man sich das Räthsel auf, welcher Heilige der 
grösste Füller sei und antwortete: Johannes der Evangelist, denn 
wenn einer zu viel getrunken hat, das9 er kaum lallen kann, so muss 
er noch St. Johannis Segen trinken *). Ein Dichter vom Ende des 
XV. Jahrhunderts hat das Johannissegnen schon zu einem Schwanke*) 
benutzt. Er schildert uns ein Pantaiding im Himmel. Da führt der 
heil. Nikolaus Klage gegen St. Johannes und sagt: 

„Ich klag hie Ober sant Johans : 

Ich geniess sein nimmer umb ein gans. 

Wan nun ietzund der herbst trit an, 

Gelert, bauren, frauen und man 
Froelich trinkent an für sich dar; 

Das wart dan aus das lange jar. 

Wan ein trinker dan sol zu haus, 

So spricht er : „wirt, nun geh heraus 
Und trag noch her sant Johans nam ! tf 
So trinkens, das sie werden lam, 

Haubt, hend und fuess und al ir glit; 

So mag er niendert einen trit. 

Der fuerman, der da fueren sol. 

Der wirt dan also flaschen vol, 

Das er dan schilt gleich wie ein pock; 

Wa bei dem weg dan stet ein stock, 

Den grfisset er für einen man 
Und ruert in mit der deichsei an. 

Durch dorn und standen er sich strauft; 

So leit er dan vor muede und schlauft, 

Das man zue lest in kaum erweckt; 

Wan er tief in der pfützen steckt, 


*) Keller, Fastnachtspiele 432, 21. 

*) Rat bv ekel in. Hamborg 1594, S. 10. Wein». Jahrb. VI, 29. 
*) t Keller, altd. Erzihlnngen, pag. 32. Wein». Jahrb. VI, 30. 


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Joliantiisstgen und Gertrudenminne. 


18 » 


So rueft und schreit er bitterlich 
Und bit mich dan ganz inniklich : 

„Hilf himel, her sant Nicola!“ 

So ist Johannes niendert da, 

Das er mir bei gestanden wer: 

So nent er mich ein nothelfer; 

So han ich ungemach von im 
Und hilf im aus der lachen hin. 

Als bald ich das selb nicht entue, 

So redt er mir gar übel zue 

Und spricht, ich sei ein man on solt. 

Ob das Johannes leugnen wolt, 

Das wil ich ziehen auf sein eid, 

Von im geschieht mir grosses leid* 4 . 

Gott stellt nun St. Johannes zur Rede. Dieser beruft sich auf 
die anderen Heiligen: 

Fragt die heiling umbhin all; 

Was bin ich im darum verfall, 

Wil ich im bald herwider kern. 

Er weist gar wol, ich schwer nit gern. 

Petrus, zuerst darüber befragt, antwortet: 

— wer trinkt sant Johaus minn 
Und tuet es um des glaubens gwinn, 

Da von kan er nit vol wem. 

Solts Johannes wider kern, 

Wan sant Niclaus kem in solch schwer; 

Mich deucht nicht, das es billich wer. 

Ein Ungenannter spricht: 

— „es gschicht bei guetem wein. 

Die grossen krueg und flaschen schwer, 

Die macht Johannes alle 1er; 

So wirt manger weist nit wie, 

So get es im gar übel ie. 

Sant Niclaus hilf muess bei im sein. 

Urteil ich auf die gwissen mein: 


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190 


Dr. Ignaz V. Zin geile 


Johannes hast es wol yerschuldt, 

Nun kom sein ab und gwin sein huld!‘ 

Auch St. Bartholomäus erkennt des Eyangelisten Schuld an: 

Es trinkt oft einr sant Johans nam, 

Das er wirt strauchens nimmer an ; 

Kan ron Strauchen nit gesagen, 

Das fallen muess er auch wagen 
Mit seinem haubt über ein bank. 

In macht der guete wein so krank, 

Das er sein vater nit erkent 
Und get bürzfelen bei der wend. 

Da ist^Johannes schuldig an, 

Der selb die red wol teilen kan“. 

St. Andreas meint aber, man schiebe dem heil. Johannes zu 
viel Schuld zu. Die Hauptschuld habe St. Bernhart i). 

„Ich weiss ein, ob ers merken wil, 

Von dem es alles sambt geschieht ; 

Der stet und spricht kein wörtle nicht. 

Das ist der dort, sant Bernhart, 

Der tuet morgens die ersten fart ; 

Man hebt mit im zue trinken an 
Und lat des tags auch nit davon“. 

Gott, als Vorsitzender, schlägt am Ende einen Sühneversuch 

vor : 

„Die meist schuld hat sant Bernhart. 

Johannes ist in grossem wart (?) 

Gen sant Niclaus, als ich verste ; 

Und het Johans geklaget, 

Des kaemt ir beidenthalb zue schad. 

Drumb, Beruhart, kauf Johan ein lad 
Und tues auf den nechsten kirchtag, 

Da er sein brief ein legen mag 


i) Godeke (Wcim. Jihrb., VI, 30) weist nach, dass auch sonst der Bernhard's- 
trunk vorkomme, z. ß. «Etlicher hat ein trunk gespart. Der kam und trank ein 
Bernhart. Itehhensliu“. Vgl altd Bl. I, 4t 3. „Se hin, trink ein guten Pernhart 
Das dir kein geluek schad. Fastnachtspiele 432, 10. 


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Johannissegen und Gertrudenmiune. 


191 


Und sein Schreibzeug darein behalt 
So sol Johans herwider bald 
Sank Niclas auch ein erung tuen ; 

Damit so komt es wol zue suen: 

Zwen hendschuech zue der ersten weich“. 

Der Vergleich gelingt, obwohl St. Nikolaus sich nur mit Mühe 
dazu bewegen lässt. Gerade der Übergang des Johannissegen in 
Scherzreden und Schwänke bezeugt uns, wie allgemein verbreitet 
und volksthQmlich dieser Brauch gewesen war. 

Auch den Ursprung und die Bedeutung des Johannissegen 
berühren Dichter des XVI. Jahrhunderts. Burkhart Waldis sagt: 

Von dem schreibt man und sagt dabey, 

Das in des keisers tyrauney 
Mit yiler drauung dahin zwungen, 

Endlich durch pein so weit gedrungen, 

Mordlichen gift vor alln must trinken. 

Meinten, er wurd bald nidjnrsinken 
Und sterben fort in einem nu. 

Doch schickt im gott sein gnade zu, 

Das im der boese trunk nicht schadt. 

Draus das bapstum getreumet hat: 

Wer solchs auf disen tagbedenkt, 

In seinem namen wein einschenkt 
Und bringt also ein trunk zu wegen. 

Das nennens sanct Johannes segen. 

Da gehn dann ire pfaffen hin 
Auf vorteil und auf guten gwin, 

Gross kannen weins aufs altar setzen, 

Etlich latinisch wort drein schwetzen. 

Darumb sich dann die leute dringen 
Und trinken all, die gelt mitbringen. 

Sie han auch kleine ktiechlin bdacht, 

Mit wein genetzt und abgemacht. 

Die braucht man gegem winter steif 
Wider die boese luft und reif. 

Sauft jeder hausman an dem tag, 

Das er stark kreftig werden mag. 


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192 


Dr. I g n r i V. Z i n g e r I e 


Die weiber auch den glauben hon, 

Trinken sie vil so werdens schon 4 ). 

Eine Legende 8 ) des XVI. Jahrhunderts: „in der glasweiss 
Hans Vogels . vrsprung S. Johannes segens* hat die Schlussworte: 

der papst Pelagius anfing, 

dass man segnen sollt den weine 

an Sanct Johannes tag alleine, 

dass jederman den segen tranck. *' 

also name zu danck 

ein anfang Sanct Johannessegen. 

Allein nicht nur Gedichte, auch Urkunden und Chroniken 
bezeugen uns die Verbreitung und Hochhaltung des dem Lieblings- 
jünger geweihten Weines. In einer Plassenburgischen Urkunde von 
1484 vermacht Jemand an ein Gotteshaus fünf Gulden zu Wein, am 
„sanndt Johannstag zu Weyhnachten, so man dem Volck pfligt aus 
dem Kelch sanndt Johanns Mynn zu geben* *). „Ein Gut, davon 
man Sand Giligen Kirchen zu Pegnitz jarlich drittbalb Mass Wein, 
zu den Weihnachten, Sannd Johanns Mynn dienen soll* 4 ). Anno 
1466 liess in Regensburg am Neujahrstage nach alter Gewohnheit 
der Ruth ein Amt und dreissig Messen halten , nach welchem St. 
Johanns Minnetrunk gereicht wurde 6 ). Anno 1431 wurde ebendort 
beim Aufbruche des dortigen Zuzuges gegen die Hussen, Wein zu 
St Johannisminne geweiht *). „St. Johannissegen ward abthan* 


D „Das Paepstisch Reich", 3, 5. Weim. Jahrh. VI, 28. 

*) Id einer Meistersängerhandschrift aus der grossherzogl. Bibliothek za Weimar 
(Mscr. Q. 507). Der Inhalt ist der Legende von der heil. Gertrud nahe ver- 
wandt; Ein reicher Börger in Mainz wird arm und verspricht, sich dem Teufel 
nach zwölf Jahren zu stellen, wenn derselbe ihn für diese Zeit mit Geld ver- 
sehen wolle. Der Teufel lässt ihn wirklich einen Schatz finden. Als nun am 
letzten Tage des zwölften Jahres der Börger sich an den ausgemachten Ort 
begeben will, um sich dem Bösen zu stellen, empfiehlt ihm seine Tochter vorher 
SL Johannis Segen zu trinken. Der Burger thal dies, und als er dann init dem 
Teufel Zusammentritt, vermag ihm dieser nichts weiter anzuthun, als ihn gehörig 
zu kratzen. So kehrt der Börger gerettet nach Hause zurück und erzählt allen 
die Geschichte. Wolfs mylh. Zeitschrift 111, 300. 

8) Schm eil er II, 593. 

Mon. boica, XXV, 531. Schmeiler II, 593. 

6 ) Schmeiler, ebendaselbst. 

«) Gemeiner Regensburgische Chronik III, 22, 401. IV, 382. — Schme er, eben- 
daselbst. 


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Johannissegen uod Gertradenminne. 


193 


Pflum., Annal. 1523 — 1531 *). „Solle der Siechenmagdt alle Nacht 
eine zwey Massige Kanten mit gutem alten Wein gegeben werden den 
krankhen zu einem Sant Johannes Seegen* Bi b erac h , Chronik *). 

Die angeführten Zeugnisse mögen genügen *). Aus ihnen 
ergibt sich u nbestreitbar, dass die Sitte, Johannissegen zu trinken, 
tief in die Vorzeit zurückreiche , da schon Hart mann von Aue als 
bekannt sie vorführt , und dass sie im XV. Jahrhundert allgemein 
üblich war. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich ferner, wann und 
zu welchem Zwecke man den geweihten Wein getrunken habe. Man 
nahm ihn am Feste, um gegen Zauberei , namentlich Vergiftung *) 
und schädliche Speisen gesichert zu sein. Er schützt den Trinker 
vor Blitz ft ), macht den Mann kräftig und das Weib schön «) und ver- 
hilft dem Kranken zur Genesung 7 ). Ihn trank man am 24. Juni, 
damit ein warmer und fruchtbarer Sommer folgen möge 8 ). Und er 
durfte bei dem Dankopfer für die Ernte in manchen Orten nicht 
fehlen •). Man trank Johannissegen bei Trauungen , damit die Ehe 
gesegnet, fruchtbar und glücklich werde. Der Scheidende leerte 
dem Heiligen zu Ehren den Becher, damit er vor bösen Zufällen 
gesichert sei. Glück auf dem Wege und freudige Heimkehr finde. 
Vor einem schwierigen und gefahrvollen Unternehmen trank man 
Johanniswein, damit ein gutes Ende das mühsame Werk kröne. In 
allen diesen Fällen handelt es sich vorzüglich um Erlangung von 
Schutz und Frieden *®), Fruchtbarkeit und Jahressegen. 


*) Birlinger II, 111. 

*) Ebendort. 

*) Grimm (Mythol. 54) verweist noch auf die Stellen: „sant Johannes namen 
trinken“. Altd. Bl. 1, 413. „Diz ist sancte Johans minne“. Cod. pal. 364, 158. 
„S. Johans segen trinken“. Ans heim 3, 416. „Johanssegen“. Fischart, 
Gesch. K1. 99 b. Simpliciss. 2, 262. 

4 ) „Johannes Erangelista a veneno conservat“. H a u p t’s Zeit. I, 144. „Johannes zu 
behneten hat. Das eim getrunken gift nicht schad“. B. Wal dis päpstl. Reich 
3, 13. 

») Tiroler Sitten, Nr. 926. 

«) Weim. Jahrb VI, 29. 

*) Bavaria I, 387. 

») Panzer II, 239. 

•) Ein rothes Gründonnerstagei, ein Kranzl, geweihtes Salz, alles mit einigen Tropfeu 
Johanniswein begossen, werden in ein PSckl zusammengebunden, in die erste 
Garbe gelegt und, wenn abgedroschen ist, in's Ofenfeuer geworfen. Loching in 
Niederbaiern. Panzer II, 212. Das Antiasskreuz, das in der Mitte eines jeden 
Ackers aufgesteckt wurde, begoss man auch mit Johanniswein. Ebend. 

*•) Meier 428. Birlinger II, 110. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 11. Hft 13 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


Es fragt sich nun , woher stammt diese alte weitverbreitete 
Sitte? was war ihre älteste Bedeutung? J. Grimm gab schon auf 
beide Fragen Bescheid, indem er nachwies, dass derartige Minne- 
tränke aus dem Heidenthume stammen und sie ursprünglich die 
Bedeutung von Trankopfern gehabt haben. Wie es uralter und ver- 
breiteter Brauch war, den Hausgöttern bei feierlicher Mahlzeit einen 
Theil der Speise zurückzustellen und namentlich der Berhta und 
Hulda eine Schüssel mit Brei hingesetzt wurde, liess man die Götter 
auch den feierlichen Trank mitgeniessen. Aus dem Gefässe pflegte 
der Trinkende, ehe er selbst genoss, etwas für den Gott oder Haus- 
geist hinzugiessen *). Einen Abwesenden oder Verstorbenen pflegte 
man zu ehren, indem man seiner bei Versammlung und Mahlzeit 
erwähnte, und auf sein Andenken einen Becher leerte. Dieser 
Becher, dieser Trunk wurde altn. erfi dryckja, und wiederum minni 
genannt. Bei festlichen Opfern und Gelagen ward des Gottes oder 
der Götter gedacht und Minne getrunken 2 ). Grimm weist aus 
nordischen Quellen nach, dass Odhin's, Thor's und anderer Götter 
Minne geleert wurde. Aber nicht nur im Norden, selbst im südlichen 
Deutschland galt diese Sitte. Denn Bischof Aribo von Freysing *) 
berichtet, dass zu Heimram’s Zeiten, also zu Anfang des VIII. Jahr- 
hunderts, die Baiern noch solche Neulinge im Christentfiume waren, 
dass die Väter aus demselben Kelche ihren Söhnen die Minne Christi 
und der Heidengötter zutranken. Hingen die alten Deutschen selbst 
nach ihrer Bekehrung noch zäh und treu an heidnischen Sitten und 
Gebräuchen, so galt dies besonders in Bezug der Opfergelage und 
des Minnetrinkens. Denn der schon von Tacitus *) erwähnte Hang 
zum Trinken lebte bei unseren Ahnen noch fort. Desshalb durften 
die Glaubensprediger und Priester an ein völliges Ausrotten solcher 
beliebter Überkommnisse des Heidenthums nicht denken. Sie mussten 
einen anderen Weg einschlagen, der, wenn nicht schnell, doch all- 
mählich zum gewünschten Ziele führte. Sie Hessen den alten heidni- 


i) Myth. 52. 

*) Ebendort 53. 

3 ) Sed hahitatores ejus (regiouis) neophiti eo in tempore idiolatriam ex ae radici- 
tus non exstirpaverunt, quia ut patres calicem Christi communem et daemoni- 
orum suis quoque filiis propioabant. Vitu Heniramroi Act. SS. 22 Sept. c. 7. 
Quitzmann, 250. 

*) Gertn. e. 23. 


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Johaonistegen und Gertrodenminne. 


195 


sehen Sitten und Bräuchen die möglichste Schonung angedeihen, 
liessen die alten zu Ehren der Götter üblichen Feste und Feierlich* 
keiten fortbestehen, schoben aber an die Stelle der betreffenden 
heidnischen Gottheiten christliche Heilige unter. Lehrreich über 
dies Vorgehen bei Einführung des Christenthums ist ein Brief Gre- 
gor des Grossen an den Abt Melittus in Frankreich. Er schreibt: 
Cum vero vos Deus omnipotens ad reverendissimum virum fratrem 
n ostrum Augustinum Episcopum perduxerit, dicite ei, quid diu me- 
cum de causa Anglorum cogitans tractavi videlicet, quia fana ido- 
lorum destrui in eadem gente minime debeant, sed ipsa quae in eis 
sunt idola destruantur. Aqua benedicta fiat in fanis aspergatur, alta- 
ria construantur, reliquiae ponantur, quia si fana eadem bene con- 
structa sunt, necesse est, ut a cultu daemonum in obsequium veri 
Dei debeant commutari, ut dum gens ipsa eadem fana non videt 
destrui, de corde errorem deponat, et Deum verum cognoscens ac 
adorans ad loca, quae consuevit, familiarius concurrat. Et quia 
boves solent in sacrificiis daemonum multas occidere, debethis etiam 
hac de re aliqua solemnitas immutari, ut die dedicationis vel nata- 
litiis sanctorum martyrum, quorum illic reliquiae ponuntur, taber- 
nacula sibi circa easdem ecclesias, quae ex fanis commutatae sunt, 
de ramis arborum faciant et religiosis conviviis solemnitatem cele- 
brent. Nec diabolo jam animalia immolent, sed ad laudem Dei in 
esum suum animalia occidant, et donatori ornnium de satietate sua 
gratias referant, ut dum eis aliqua exterius gaudia reservantur, ad 
interiora gaudia consentire facilius valeant. Nam duris mentibus si- 
mul omnia abscidere impossibile esse non dubium est, quia is qui 
locum summum ascendere nititur, necesse est, ut gradibus vel pas- 
sibus, non autem saltibus elevetur. Sic Israelitico populo in Egypto 
Domiuus se quidem innotuit; sed tarnen eis sacrificiorum usus, quos 
diabolo solebant exhibere, in cultu proprio reservavit, ut eis in 
sacrificio suo animalia immolare praeciperet; quatenus, cor mutu- 
antes aliud de sacrificio amitterent, aliud retinuerent, ut etsi ipsa 
essent animalia, quae offerre consueverant, verumtamen Deo haec et 
non idolis immolantes, jam sacrificia ipsa non essent. Haec igitur 
dilectionem tuam praedicto fratri necesse estdicere, ut ipse, in prae- 
senti illic positus, perpendat qualiter omnia debeat dispensare* *). 


*) Ep LXXVI. Migne op. Gregorii III, p. 1215. 


13 * 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


Solche Aufträge gab somit der grosse Kirchenlehrer dem Bischof 
Augustinus, damit die Angelsachsen fQr die neue Lehre leichter 
gewonnen würden. Die alten Cultusstätten sollen beibehalten, aber 
Heiligen geweiht werden. Die altherkömmlichen Opfermahle .sollen 
zu Ehren der Heiligen begangen werden. So traten Heilige in Sitten 
und Bräuchen an die Stelle der alten Götter, wie schon Theodo- 
r et us von Alexandrien (f 488) bemerkt hatte: „Unser Herr Gott 
hat seine Märtyrer an die Stelle unserer Götter gesetzt, die er den 
Geschäften dieser nachgehen hiess“. Die Bekehrer forschten, um die 
Götter desto leichter durch Heilige in den Augen des Volkes zu ver- 
drängen, sorgsam nach Analogien zwischen beiden und setzten den 
Heiligen, der Ähnlichkeiten mit dem Gotte hatte, an die Stelle des 
letzteren. So wissen wir bestimmt, dass der heil. Bonifaz und andere 
Missionäre die altqn Heiligthümer Wuotan’s dem heil. Michael *) 
oder Martin *) weihten. An die Stelle des Donar trat Petrus *), wäh- 
rend Maria, „die hohe Frau“ an die Stätte Frouwa's *), Hulda's und 
Berhta's gesetzt wurde. Katharina 5 ) vertrat die Sunna. Den drei 
Nonnen wurden die drei heiligen Schwestern *) substituirt. Dass 
man bei der Verchristlichung des Miunetrinkens in ähnlicher Weise 
vorging, die heidnische Sitte fortleben liess, an die Stelle des 
Gottes aber einen Heiligen setzte, dafür haben wir ein schlagendes 
Zeugniss aus dem Norden, auf das schon Grimm hingewiesen hat 7 ). 
Von Olaf Tryggweson erzählt nämlich Oddo monachus in dessen 
Leben, c. 24: „ex Eoo mari veniens Olaus ad insulam Norvigiae 
Mostur nominatam adplicuit . hic noctu innotuit ipsi sanctus Martinus 
episcopus dicens illi: moris in his terris esse solet, cum convivia 
celebrentur, in memoriam Thoreri, Odini et aliorum asarum scyphos 
evacuare . hunc ut mutes volo atque ut in mei memoriam in poste- 
rum bibatur, tua cura efficias . vetus autem ilfa consuetudo ut depo- 


*) Wolfs Beitrüge I, 32. S imrock, 276. 

*) W o I f • Beitr. I, 38. S i m r o c k, Myth. 275. Q u i t z m a n n, 37. 

*) Wolfs Beitr. I, Sl. 

4) Grimms Myth. 248. Wolfs Beitr. I, 148. 

ft ) Mannhart's Gölterwelt, 314. Pfeiffer’s Germania VI, 214. Ostergabe des 
Meraner Lesevereins 1860, p. 13 b. 

Simrock's Myth. 382 ff. Quitzmann, 155. Tiroler Sagen, p. 21. 
i) Myth. 53. 


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Johannissegen und Gertrudeominne. 


197 


natur conveniens est“ 1 ). Dort ward seitdem Martin zu Ehren die 
Minne getrunken« die bisher den Göttern gegolten hatte. Aber auch 
in Deutschland ward der Minnetrank Heiligen anstatt den Göttern 
geleert. Schon Karl der Grosse schritt gegen die Minne des heil. 
Stephan ein, der an Frös (Freys) Stelle getreten war*). Wir sind 
desshalb vollkommen zur Annahme berechtigt, dass auch dem Johan- 
nissegen ein alter Minnetrunk zu Grunde liege und dass dabei der 
Apostel an die Stelle eines alten Gottes getreten sei. Es fragt sich 
nun, welchen Gott der Evangelist vertrete. Um zu einem sicheren 
Resultate zu gelangen, müssen wir uns zunächst die Vorstellung des 
Volkes von Johannes vergegenwärtigen und dann unter den alten 
Göttern Umschau halten, ob keiner derselben Analogien dazu biete. 
Johannes der Evangelist gilt unter den zwölf Aposteln als der 
schönste, liebenswürdigste, freundlichste. Er wird im Abendlande 
immer als blühender Jüngling, sitzend dargestellt. Bart und Waffen 
fehlen ihm. Seine Tunica ist grasgrün, sein Mantel roth. Als Attri- 
but führt er den Kelch. Er heisst seit uralter Zeit der Jünger der 
Liebe und des Friedens. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: 
„Kindlein liebet euch!“ Er ist Verfasser der Apokalypse und gilt als 
solcher als der Prophet des neuen Bundes, als der Seher der 
Zukunft. Sein Fest wird am 27. December, drei Tage nach der 
Wintersonnenwende gefeiert. An diesem Tage wird vorzüglich die 
Johannisminne geweiht und getrunken. Aus den an ihm haftenden 
Glauben geht hervor, dass man den Apostel als Spender des Segens 
und der Fruchtbarkeit , als Beschützer der Ehen ansehe und ver- 
ehre. Durch den ihm geweihten Trank glaubten Männer Stärke, 
Frauen Schönheit, Reisende Glück zu erhalten. — Bei den zwei 
obersten Göttern Wuotan und Donar forschen wir vergebens nach 
Ähnlichkeit. Sie sind vorzüglich als Götter des Kampfes gedacht, 
reitend in glänzender Rüstung. Als der dritte Gott, durch Macht, 
Ruhm und Verehrung ausgezeichnet, begegnet uns in der altnor- 
dischen Götterwelt Freyr, dessen Name in deutscher Sprache Frd 


ft ) K ei stier, Antiquit. septentrion. et celtic., p. 358; vgl. histor. Olari Tryggwii 
filii ex vet. serm. lat. reddit. I, 303. Wolf, Beitr. I, 44. K. Maurer, Bekeh- 
rung des no. weg. Stammes II, 285. 

*) Omnino prohibendum est omnibus ebrielatis maium et islas conjurationes , quas 
faciunt per S. Stefaoum aut per nos aut per fifios nostrot prohibemus. Schau- 
nat, Conc. Germ. I, p. 286, cap. III, anni 789. 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


lauten würde *)• Freyr ist der trefflichste unter den zwölf Äsen *). 
Er ist der beste von allen, die über die Götterbrücke Bifröst zu 
Asgard's hoher Halle reiten. Keine Maid und keines Mannes Weib 
macht er weinen und löst jedem die Bande *). Wegen seiner Schön- 
heit heisst er der klare, der schimmernde *). Er wurde jugendlich 5 ) 
und auf einem Stuhle sitzend dargestellt *). Während andere 
Götter Waffen fuhren, fehlt ihm das Schwert, denn er gab seine 
leuchtende Waffe, welche sich von selbst gegen die Brut der Reif- 
riesen schwang, dem Diener Skirnir, als dieser auszog, für seinen 
Herrn um die leuchtende Gerdhr zu werben 7 ). Freyr waltete über 
dem Regen und Sonnenschein, wie über der Erde Ergrünen und 
Wachsthum *). Ihm kommen desshalb unter den Farben die grüne 

*) Grimm, Myth. 190. 

*) Der Sohn hiess Freyr und die Tochter Freyja. Sie waren schön von Antlitz und 
mächtig. Freyr ist der trefflichste unter den Äsen. Gylfagiouing c. 24. * 

*) Freyr er beztr 
allra ballridha 
asa gördhum i; 
mey bann ne graetir, 
nö inanns konu, 

ok leysir or höptum hvern. Oegisdrekka, Str. 37. 

4) skirum Frey 

nytum Njardhar bur. G r i in n i s m a 1, St. 43. 

») Mannhart, Götterwelt, p. 237. 

•) Gr im m, Myth. 197. 

7 ) Gulli keypta 

ldztu Gymis döttur, 

ok seldir thitt svä sverdh ; 

en er Muspells synir 

ridha Myrkvidh yfir, 

veizta thu thd, vesall ! hve thu vegr. 

Oegisdrekka, Str. 42. Im Gylfaginuing c. 37 heisst es: »Da antwortete Skir- 
nir und sagte, er wolle die Botschaft werben, wenn ihm Freyr sein Schwert 
gebe. Das war ein so gutes Schwert, dass es von selbst focht, Und Freyr Hess 

es ihm daran nicht mangeln und gab ihm das Schwert. — Das ist die Ursache, 

warum Freyr kein Schwert hatte, als er mit Heia stritt und ihn mit einem Hirsch- 
horn erschlug. Da sprach Gangleri: Es ist sehr zu verwundern, dass ein solcher 
Häuptling w'ie Freyr ist, sein Schwert hingah ohne ein gleich gutes zu behalten. 
Ein erschrecklicher Schaden war ihm das, als er mit jenem Beli kämpfte und 

ich glaube gewiss, dass ihn da seine Gabe gereute. Da antwortete Har: Es lag 

wenig daran als er dem Beli begegnete, denn Freyr hatte ihn mit der Hand 
tödten können; aber es kann geschehen, dass es dem Freyr übler dünkt sein 
Schwert zu missen, wenn Muspel's Söhne zu streiten kommen". Simrock’s 
Edda, p. 301. Vgl. G y I f. c. 51. 

„Er herrscht über Regen und Sonnenschein und das Wachslhum der Erde. Gyl- 
f a g i n n i n g c. 24. 


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Johanissegen und Gertrudenminne. 


199 


die Farbe des Grases, und die rothe, die der Blumen und Blüthen, 
zu. Freyr, der strahlende Sonnengott, galt als Spender der Frucht- 
barkeit, der Liebe und des Friedens. „Ihn soll man anrufen um 
Fruchtbarkeit und Frieden* sagt die jüng. Edda «)• Adam von Bre- 
men, der Freyr Fricco nennt, schildert ihn auch als Gott des Frie- 
dens und der Liebe: „tertius est Fricco pacem voluptatemque lar- 
giens mortalibus, cujus etiam simulacrum fingunt ingenti priapo* 2 ), 
Bei Opfermahlen wurde der zweite Vollbecher dem Niördr und 
Freyr um ein gutes Jahr und Frieden geleert a ). Er wurde selbst 
der Friedselige genannt. Als König Olaf Tryggweson das Bild Frey ’s 
in Drontheim stürzte, sagten die alten Verehrer desselben, er habe 
oft mit ihnen geredet, ihnen die Z uku nft vorh erg esa gt, gute 
Ernte und Frieden geschenkt. Daher schrieb man ihm auch 
den Frödhfrieden zu. In seinem Tempel zu Thverä duldete der Gott 
keine Waffen. Kein Mörder oder Geächteter durfte das Heiligthum 
betreten 4 ). Er galt aber auch, wie wir gerade gehört, als Verkün- 
diger der Zukunft *). 

Als Gott der Liebe und Fruchtbarkeit war er der Schützer der 
Ehen. Ihm wurden bei Hochzeiten Opfer gebracht, ihm die Minne 
geleert «). 

Freyr hatte das beste Schiff 7 ). Als Besitzer dieses Schiffes 
war er zweifelsohne Patron der Seefahrer und anderer Reisender, 
denen er Frieden und Schutz spendete. 

Am meisten verehrte man Freyr um die Mittwinterzeit. Der 
dreiwöchentliche Julfriede, während dessen alle Fehden schweigen 


1) Gylfag., c. 24. 

*) Grimm, Myth. 193. 

3 ) Maurer, Bekehrung des norweg. Stammes I, 157, A. 15. IF, 200. — Sepp 
Heidenthum II, 341. — M a n n h a r t, Götterwelt 240. 

*) Mannhart, Götterwelt 240. 

a ) M a n n h a r t, German. Mythen, 247. 

®) 8i nuptiae celebrantur (sacrificia offerunt) Fricconi. Adam v. Bremen. Grimm, 
Myth. 193. 

7 ) Skidbladnir ist das beste Schiff und das künstlichste. Gewisse Zwerge, Iwaldi’a 
Söhne schufen Skidbladnir und gaben das Schiff dem Freyr; es ist so gross, dass 
alle Äsen mit ihrem Gewaffen und Heergeräthe am Bord sein können, und so- 
bald die Segel aufgezogen sind, hat es Fahrwind, wohin es auch steuert. Und 
will man es nicht gebrauchen, die See damit zu befahren, so ist es aus so vielen 
Stucken und mit so grosser Kunst gemacht, dass man es wie ein Tuch zusam- 
menfalten und in seiner Tasche tragen kann. G y I f a g i n n i n g, c. 43. 


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200 


Dr. Ig na t V. Zingerle 


mussten, leitete das grosse Fest der Wintersonnenwende, das Jul- 
fest, ein. Es begann seit König Hakon des Alten Zeit in Norwegen in 
der Mittwintersnacht und dauerte drei Nächte, somit vom 25. bis 
27. December *). Auf das feierliche Opfer im Tempel vor Freys 
Bild folgte am Abend ein grosses Gastgebot, wobei allerlei Spiele 
ausgeföhrt und das ausgedehnteste Gastrecht geübt wurde. Sogar 
den Vögeln des Himmels setzte man eine Garbe mitleidig vor die 
Thüre a ). Zum Nachtmahl trugen die Diener den dem Freyr und der 
Freyja geweihten Sühneber (sönargaltr) auf den Tisch und man 
legte darauf das Gelübde ab, im beginnenden Jahre grosse und 
kühne Thaten zu thun. So liess König Heidhreckr einen Eber auf- 
ziehen, so gross wie man nur einen finden konnte und so schön, dass 
jedes Haar desselben von Gold zu sein schien. Diesen brachte man 
am Julabende in die Halle vor den König. Dieser legte die eine 
Hand auf sein Haupt, die andere auf die Borsten seines Rückens und 
gelobte ein Abenteuer, die Mannen folgten dem Beispiele des Königs 
nach. Am Julabend führte man den Sühneber vor, ein jeder Mann 
legte die Hände auf ihn und schwor. Noch jetzt wird in Ostergoth- 
land am Julabend ein mit einer Schweinshaut überzogener Block 
(jülbucken) auf den Tisch gesetzt. Der Hausvater tritt heran und 
schwört, in dem nun beginnenden Jahre ein treuer Hausvater und 
liebevoller Herr gegen seine Dienstleute sein zu wollen. Dann legen 
die Hausfrau und das Gesinde ebenfalls das Gelübde treuer Pflicht- 
erfüllung ab. — An anderen Orten aber backt man Kuchen von 
Roggen oder Weizenmehl in Ebergestalt. Dieser gebackene Juleber 
wird gegen 12 Uhr Abends in die Stube getragen, nachdem dem 
Vieh etwas Brot, Bier und Salz gespendet ist. Der schwedische 
Bauer bewahrt ihn bis zum Frühjahre auf, um bei der Aussaat Stücke 
davon in das Saatgefäss zu legen, andere, den pflügenden Pferden 
unter den Hafer zu mischen, das übrige dem säenden Knechte vor- 
zusetzen; auch die Hüterjungen empfangen einen Antheil, wenn sie 
die Kühe zum ersten Male heimtreiben. Von dem allen hofft man 
gesegnete Ernte und reichlichen Milchertrag 8 ). — Nachdem in 


*) K. Maurer, Einführung I, 159; II, 425. 

2 ) In einigen Gegenden Süddeutschlands streut man noch in dieser Nacht Getreide 
für die Vögel aufs Hausdach. 

*J M a n n h a r t, Götterwelt 240. 


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Johannissegen and Gertrndenmiane. 


201 


Norwegen das Christenthum eingeführt war, wurden zur Zeit des 
Julfestes dennoch festliche Gelage angeordnet und gehalten. So 
enthält das Gulathingsslag, §. 7 die Bestimmung *): »»Eine Bierbe- 
reitung haben wir noch geheissen zu machen dem Bauern und der 
Hausfrau zu gleichen Theilen und das zu weihen die heilige Nacht 
(d. h. den 25. December) zu Christs Ehren und der Sancta Maria, 
für gutes Jahr und für Frieden (til ars ok til fridhar) 8 ). Wenn aber 
nicht so geschieht, so soll man dafür büssen mit 3 Mark an den 
Bischof* etc. 

Vergleicht man das früher über St. Johannes Mitgetheilte mit 
dem eben Gesagten, so ergibt sich eine Reihe von Analogien. 
Johannes ist der freundlichste und schönste unter den Aposteln, 
Freyr unter den 12 Äsen. Beide werden jung, waffenlos und sitzend 
dargestellt. Beiden kommen dieselben Farben zu. Johannes führt 
den Becher als Attribut, vermuthlich hatte auch Freyr, dem zu Ehren 
die grössten Biergelage stattfanden, dessen Minne getrunken wurde, 
der mit einem Horn den Beli erschlug, ein Trinkhorn als Zeichen. 
Johannes ist der Jünger der Liebe, Freyr der Gott der Liebe und 
des Friedens. Die Feste beider fallen zusammen. Zu Freyr’s Ehren 
trank man den Vollbecher um ein gutes Jahr und Frieden , man 
trinkt Johannissegen , damit ein fruchtbarer Sommer werde. Bei 
Trauungen trinkt man Johannisminne, bei Hochzeiten opferte man 
dem Freyr. Beide spenden Eheglück. Der alte Gott, wie der heil. 
Evangelist sind Verkündiger der Zukunft. Freyr hatte das beste 
SchifT, bei ihm gelobte man auf Abenteuer auszuziehen. Vor der 
Reise trank man St. Johannissegen um Glück zu haben , man trank 
ihn, bevor man ein Abenteuer bestand •). Wir haben hier schon so 
viele und so auffallende Ähnlichkeiten zwischen dem alten Gotte 
und dem Apostel, dass wir annehmen müssen, der Lieblingsjünger 
sei von den Glaubenspredigern dem Freyr substituirt worden. Diese 
Annahme wird aber durch noch zwei Stücke bekräftigt. In der jün- 
geren Edda heisst es: „Freyr herrscht über Regen und Sonnen- 
schein* *). Von den Kleidern des heil. Johannes liest man: „Sie 


i) Vgl. Maurer, ßinf. I, 159; II, 427. 

8 ) Dies stimmt wörtlich zur jung. Edda: „und ihn (Freyr) soll man anrufen , um 
Fruchtbarkeit und Frieden“. Gylfaginning, c. 24. 

*) E r e c 8650. Dietriches erste Ausfahrt, Str. 43 uud 44. 

4 ) G j I f a g i n n i ng, c. 24. 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


glänzen bis heutzutage reich an Wundern. Werden sie zur Zeit der 
Trockenheit im Freien ausgeklopft, so bringen sie Regen, bei Regen- 
gössen führen sie den heiteren Himmel zurück" *). Wie Freyr 
Regen und Sonnenschein gewährt, so spenden dies hier die Kleider 
des Apostels. Einen merkwürdigen Beleg aber, dass der Name 
Johannes mit Freyr auch sonst in Beziehung stehe, gibt uns eines 
der schönsten und ältesten deutschen Märchen, das vom treuen 
Johannes *). Schon J. W. Wolf hat gezeigt, dass darin ein Freyr- 
Mythus liege 9 ). Es erzählt: Ein alter todtkranker König rief seinen 
liebsten Diener, den getreuen Johannes zu sich und empfahl ihm 
seinen Sohn. „Nach meinem Tode“ sprach er, „sollst du ihm das 
ganze Schloss zeigen, aber die letzte Kammer sollst du ihm nicht 
weisen, denn in ihr steht das Bild der Königstochter vom goldenen 
Dache verborgen. Wenn er dies erblickt, wird er eine heftige 
Leidenschaft zu ihr empfinden und ihretwegen in grosse Gefahren 
geraten“. Der treue Diener versprach den Wunsch seines Herrn 
zu erfüllen. Nach dem Tode des Vaters nahm der Prinz von der 
reichen Burg Besitz und ward vom treuen Johann darin herumge- 
führt, er merkte aber bald, dass der Diener immer an einer Thüre 
vorüberging. Von Neugierde ergriffen, was in diesem Zimmer sei, 
zwang er den Johannes, dasselbe zu öffnen. Da erblickte er das 
Bildniss der Jungfrau, das gar herrlich war und von Gold und Edel- 
steinen glänzte. Er fiel vor Liebe ohnmächtig zur Erde nieder und 
als er wieder zu Sinnen kam, sprach er: „Meine Liebe zu ihr ist 
sogross, wenn alle Blätter an den Bäumen Zungen wären, sie 
könntens nicht aussagen. Mein Leben setze ich daran sie zu erlangen. 
Du bist mein treuer Johannes, du musst mir beistehen“. Der Diener 
besann sich lange, wie die Sache anzufangen wäre, denn es hielt 
schwer, nur vor das Angesicht der Königstochter zu kommen. End- 
lich sprach er zum Könige: „Alles was sie um sich hat ist von 
Gold, Tische, Stühle und alles Hausgeräth. In deinem Schatze liegen 
fünf Tonnen Goldes, lass eine von den Goldschmieden des Reiches 
verarbeiten zu allerhand Gefässen und Gerätschaften, zu allerhand 
Vögeln, Gewild und wunderbaren Thieren, das wird ihr gefallen. 


*) Bagatta adrairanda orbis christiani I, 177. 
*) Grimm, Märchen I, 30. 

8 ) Beiträge I, 23 and 103. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


203 


wir wollen damit hinfabren und unser Glück versuchen." Der König 
Hess alle Goldschmiede herbeikommen, die mussten Tag und Nacht 
arbeiten, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig waren. Als alles 
auf ein Schiff geladen war, zogen der König und sein treuer Diener 
Kaufmannskleider an, um sich ganz unkenntlich zu machen *). Dann 
fuhren sie über das Meer zur Stadt , worin die Königstochter vom 
goldenen Dache wohnte. Der treue Johannes suöhte sich nun aller- 
lei yon den Goldsachen zusammen, stieg an's Land und ging gerade 
nach dem königlichen Schlosse. — Als er in den Schlosshof kam, 
stand da beim Brunnen ein schönes Mädchen , das hatte zwei gol- 
dene Eimer in der Hand und schöpfte damit. Und als es das blin- 
kende Wasser forttragen wollte, sah es den fremden Mann und 
fragte, wer er wäre. Da antwortete er: ich bin ein Kaufmann und 
öffnete sein Schürzchen und liess sie hineinschauen. Da rief sie: 
„ei, was für schönes Goldzeug!“ und sprach: „Das muss die Königs- 
tochter sehen, die hat so grosse Freude an den Goldsachen, dass 
sie euch alles abkauft“. Es nahm ihn bei der Hand und führte ihn 
hinauf, denn es war die Kammerjungfer. Als die Königstochter die 
Waare sah, war sie ganz vergnügt und sprach; „Es ist so schön 
gearbeitet, dass ich dir alles abkaufen will“. Aber Johannes be- 
merkte darauf: „ich bin nur der Diener von einem reichen Kauf- 
mann: was ich hier habe ist nichts gegen das, was mein Herr auf 
seinem Schiffe stehen hat“. Da wurde sie immer neugieriger, dass 
sie endlich sagte: „führe mich hin zu dem Schiffe, ich will selbst 
hingehen und deines Herrn Schätze betrachten“. Da führte sie der 
getreue Johannes zu dem Schiffe hin und war ganz freudig, und der 
König, als er sie erblickte, sah, dass ihre Schönheit noch grösser 
war, als das Bild sie dargestellt hatte und meinte nicht anders als 
das Herz wolle ihm zerspringen. Nun stieg sie in das Schiff und 
betrachtete all die Schätze. Indessen aber flog das Schiff davon, wie 
ein Vogel in der Luft. Nachdem sie alles betrachtet hatte, wollte 
sie heim. Als sie aber an des Schiffes Rand kam, sah sie, dass es 
fern vom Lande auf hohem Meere ging und mit vollen Segeln fort- 
eilte. „Ach!“ rief sie erschrocken, „ich bin betrogen und in die 
Gewalt eines Kaufmannes gerathen; lieber wollte ich sterben“. Der 


‘) Eia alter Zug, der uns auch sonst begegnet. G u d r u n , Str. 290 ff. Oswaldle- 
gende ed. E 1 1 m u 1 1 e r, 2015 ff. 


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König aber fasste sie bei der Hand und sprach: „ein Kaufmann bin 
ich nicht, ich bin ein König und nicht geringer an Geburt als du 
bist: aber dass ich dich mit List entführt habe, das ist aus Ober- 
grosser Liebe geschehen. Das erste Mal , als ich dein Bildniss 
gesehen habe, bin ich ohnmächtig zur Erde gefallen“. Als die 
Königstochter dies hörte , ward ihr Herz ihm geneigt, so dass sie 
gerne einwilligte seine Gemahlinn zu werden. Das Märchen — spinnt 
sich noch weiter fort und erzählt uns ?on der bewundernswerthen 
Treue und Opferwilligkeit des Johannes gegen seinen Herrn. Zu 
unserem Zwecke genügt der angeführte Theil, denn dieser erinnert 
uns lebhaft an die Mythe von Freyr und Gerdhr, die uns in Skirnis- 
mäl *) der älteren Edda und im Gylfaginning, c. 37 erhalten ist. 
Ich tbeile sie mit *): „Gymir hiess eiii Mann und seine Frau Oer- 
boda; sie war Bergriesengeschlechts. Deren Tochter ist Gerda, 
die schönste aller Frauen. Eines Tages war Freyr auf Hlidskialf *) 
gegangen und sah auf alle Welten, Als er nach Norden blickte, 
sah er in einem Gehege ein grosses und schönes Haus. Zu diesem 
Hause ging ein Mädchen, und als sie die Hände erhob um die Thüre 
zu öffnen, da leuchteten von ihren Händen Luft und Wasser und alle 
Welten strahlten von ihr wieder. Und so rächte sich seine Ver- 
messenheit an ihm, sich an diese heilige Stätte zu setzen, dass er 
harmvoll hinwegging. Und als er heimkam, sprach er nicht, auch 
mochte er weder schlafen noch trinken und Niemand wagte es, das 
Wort an ihn zu richten. Da liess Niörd den Skirnir, Freys Diener, 
zu sich rufen und bat ihn, zu Freyr zu gehen, mit ihm zu reden und 
zu fragen, warum er so zornig sei, dass er mit Niemand reden wolle. 
Skirnir sagte er wolle gehen, aber ungern, denn er versehe sich 
übler Antwort von ihm. Und als er zu Freyr kam, fragte er, warum 
Freyr so finster sei und mit Niemand rede. Da antwortete Freyr 
und sagte, er habe ein schönes Weib gesehen und um ihretwillen 
sei er so harmvoll, dass er nicht länger leben möge, wenn er sie 
nicht haben solle. „Und nun sollst du fahren und für mich um sie 
bitten und sie mit dir heimführen, ob ihr Vater wolle oder nicht und 
will dir das wohl lohnen.“ Da antwortete Skirnir und sagte, er 


*) Edda V. Möhina, p. 71. 

*) Nach S i m r o c k'a Übersetzung. Edda, p. 33 und 301. 
*) Odhin's Hochsitz. S. Grimm, Mytli., p. 124. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


205 


wolle die Botschaft werben , wenn ihm Freyr sein Schwert gebe. 
Das war ein so gutes Schwert, dass es von selbst focht. Und Freyr 
liess es ihm daran nicht mangeln und gab ihm das Schwert und 
auch sein rasches Ross. Skirnir fuhr gen Jötunheim zu Gymir’s 
Wohnung. Da waren wQthige Hunde an die ThQre des hölzernen 
Zaunes gebunden, der Gerda's Saal umschloss. Er ritt dahin, wo der 
Viehhirt am Hügel sass und fragte ihn, wie er mit der schönen Maid 
sprechen könne. Der Hirt mahnt ihn vom Beginnen ab. Gerda hatte 
aber den Hufschlag vernommen und fragt ihre Magd, welch’ Getöse 
dies sei? Diese antwortet: 

Ein Mann ist hier aussen von der Mähre gestiegen 
Und lässt sie im Grase grasen. 

Gerda befiehlt ihn einzuladen in den Saal zu treten und milden 
Meth zu trinken. Er folgt der Einladung und bietet Gerda eilf all- 
goldene Äpfel an, ihre Liebe für Freyr zu kaufen *)» Sie will aber 
von Mannes Minne nichts wissen und schlägt die Äpfel aus. Da 
bietet er ihr den wunderbaren Ring Draupnir an *) , allein auch 
diesen lehnt sie ab. Nun droht er ihr, mit dem Schwerte das Leben 
zu nehmen, und erhebt dann eine Beschwörung, in Folge deren 
Gerda ihren Sinn wartdelt. Sie spricht zu Skirnir: 

Heil sei dir vielmehr, Held, und nimm den Eiskelch 
Firnen Methes voll. 

Ahnte mir doch nie, dass ich einen würde 
Vom Stamme der Wanen wählen 

und dann sagt sie zu , nach neun Nächten im stillen Walde Barri, 
dem Freyr der Minne Freude zu gönnen. 


1) Epli ellifu 

her hefi ek algullin, 

thau mun ek ther, Gerdhr! gefa, 

fridh at kaupa, 

at thu thdr Frey kredhir 

dleidhastan Ufa. Skirniamrfl, Str. 19. 

*) Bang ek thdr th i gef, 
thann er brendr var 
medh ongum Ödhins syni; 
rftta eru jafnhöfgir, 
er af drjupja 

ena niundu hverja ndtt. Str. 21. 


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206 


Dr. Ignaz V. Zi ngerle 


Das Märchen und die Mythe haben so viele verwandte Zöge, 
dass Wolf mit Recht in jenem die verblasste Göttersage wieder 
erkennt *). Der Königssohn tritt in’s verbotene Zimmer und sieht 
dort das Bild der schönheitstrahlenden Prinzess. Freyr besteigt den 
ihm versagten Hochsitz des Odhin und erblickt von dort die schim- 
mernde Gerda. Beide entbrennen in verzehrender Liebe» beiden 
steht ein treuer Diener tröstend und helfend zur Seite. Johannes 
bemerkt» dass alles» was die Königstochter um sich habe» von Gold 
sei. Dies klingt wie eine Übersetzung der Worte Freys: 

Ihre Arme leuchteten und Luft und Meer 
Schimmerten von dem Scheine 8 ). 

Im Märchen geht der treue Johannes in die Königsburg» in 
der Mythe der treue Skirnir zum Riesenhause. Johannes trifft ein 
Mädchen am Brunnen, das ihn zur Königstochter fuhrt» den Skirmir 
meldet eine Magd der Gerda an. Johannes zeigt der Königstochter 
die kunstreichen Goldsachen» Skirnir der Riesentochter die eilf 
Goldäpfel und den kostbaren Ring Draupnir. Die Prinzess sagt, sie 
wolle lieber sterben als eines Kaufmanns Gemahlinn werden. Gerda 
spricht : 

% 

Noch mag ich und Freyr, so lange wir athmen beide, 

Ie zusammen sein *). 

Als der entführten Prinzess der König sich zu erkennen gibt, 
wird sie ihm geneigt; als Skirnir den göttlichen Zauber spricht, 
wandelt sich Gerda’s Sinn und sie verspricht dem Freyr Minne. 
— Der analogen Zöge gibt es hier so viele, dass sich die Ver- 
wandtschaft zwischen beiden nicht leugnen lässt. Aber, könnte man 
einwenden, im Märchen vertritt Johannes den Skirnir und nicht 
Freyr. Allein das genügt uns, der Name des Heiligen, der an Freys 
Stelle getreten ist, kommt darin vor. Es findet sich dies ja auch 
sonst, dass sich der alte Name erhalten hat, aber nicht mehr an der 
eigentlichen Person haftet. Der Name ist vom Herrn auf den Diener 
herabgerückt worden, wie wir einen ähnlichen Fall am Knechte 
Ruprecht haben. Nikolaus vertritt den umwandelnden , segenspen- 


Beiträge I, 103. 

*) Skirnismrfl, Str. 6. 
*) Ebend., Str. 20. 


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Johannissegen uod Gertrudenminne. 


207 


denden Odhin, aber nicht er führt den alten Beinamen des höchsten 
Gottes *) , sondern der ihn begleitende Diener a ). Das bei späteren 
Überarbeitungen alter Mythen die Namen verschoben worden sind, 
zeigt uns auch die prosaische Oswaldlegende im Leben der Heiligen. 
Hier führt nicht der heil. Oswald, der die Stelle WuotarTs vertritt, 
den Namen Guodan, sondern eine Nebenperson*). In ähnlicher 
Weise ist auch der Name Johannes in der als Märchen fortlebenden 
Mythe herabgedrückt worden. 

Aus dem bisher Beigebracbten ergibt sich, dass im deutschen 
Volksglauben und Volksbrauche Johannes der Evangelist an die 
Stelle des Freyr (Frö) getreten, dass der Johannissegen aus der 
Freysminne entstanden ist, dass die vom 25. — 27. December 
üblichen Gebräuche grösstentheils Reste des Freyscultus sind 4 ). 
Diesem Sonnengotte, dessen Symbol das Rad war, wurden die 
Weihnachts- und Johannisfeuer angezündet und die Scheiben 
geschlagen 5 ). Allein nicht nur zur Wintersonnenwende wurde 
Freys Fest gefeiert, auch die Sommersonnenwende, wenn der Stand 
der Sonne sich wieder neigt, ward ihm geheiligt. Daraus erklärt 
sich , dass am Feste Johann des Täufers auch Minne getrunken 
wurde, damit ein warmer und fruchtbarer Sommer folge «), und dass 
an diesem Tage das Versöhnungsfest 7 ) begangen wird. Daher 
rühren die Johannisfeuer 8 ), die auch an diesem Tage jetzt noch 


*) .Hruodperaht“, d. i. der RuhmglSnzende. 

*) Vgl. K u h n in H a u p t's Zeitschrift V, 482. Menzel's .Odhin“ 92. — 8 i m- 
r o c k, Myth. 276. Grimm, Myth. 472 und 889. Weinhold, Weihnachts- 
spiele, p. 8. 

*) Meine Schrift: .Die Oswaldlegende“, p. 96. 

4 ) Auch Stephan war an Freys Stelle getreten und die an seinem Feste haftenden 
Sitten sind auf den Gott des Friedens und der Fruchtbarkeit zu beziehen. 
Wolf, Beit. I, 117; II, 92 ff. Q u i t z m a n n, 91. Die von Karl dem Grossen 
verbotene Stephansminne hatte auch dem Freyr ursprünglich gegolten. Q u i t z- 
m a n n, 250. 

5 ) Wolf, Beit I, 120. 

6 ) Panzer II, 239. Birlinger bemerkt: Was den Minnetrunk anbelongt, wie 
man in Rottenburg bis auf unsere Zeit herein zu thun pflegte, so darf man nicht 
vergessen, dass das .Minnetrinken sowohl zu Ehren des Johannes Evang., wie zu 
Ehren des Täufers geschah ; beide wurden zusammen genommen, wie bei kirch- 
lichen Stiftungen. II, 102. 

7 ) Birlinger II, 110. 

•) Birlinger II, 96—108. Panzer I, 214 ff.; II, 239. Tiroler Sitteii, Nr. 775bis 
777. M o n t a n u s, 33. Kuhn, Norddeutsche Sagen, p. 390. Wolf, Zeitschrift 


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208 Dr. Ignaz V. Zingerle 

von den Hügeln leuchten, und die Sitte, brennende Räder von den 
Hohen zu rollen *). 

Auf Freyr, den Gott der Liebe und Fruchtbarkeit, weist die 
Sitte, dass die Ledigen und Kinder je paarweise (ein Knabe und 
ein Mädchen) über das Johannisfeuer springen und dabei rufen : 

Sant Johannes Segen, 

Lass meiner Mutter und deiner Mutter 
’s Werg drei Ellen hoch werden *). 

Das Rad ist Symbol der Sonne *) und kann nur Freyr gelten, 
der die Sonne scheinen lässt und über die Fruchtbarkeit der Erde 
herrscht. Auf Freyr sind auch die an diesem Tage üblichen Liebes- 
orakel *), dasSchmücken der Häuser *) und des Viehs mitKränzen«) 
und Maien, so wie andere Gebräuche zu beziehen. Eben so deuten 
die Nussbaumzweige 7 ) beim Johannisfeuer und an den Häusern auf 
unsern Gott, denn die Nuss ist ein uraltes Symbol der Fruchtbar- 
keit 8 ). Die Kohle, vom Johannisfeuer genommen »), schützt gegen 
unzählige Übel , wie die geweihte Johannisminne. Werdas Feuer 
umtanzt oder übersprungen hatte, der blieb das Jahr hindurch von 


III, 31. Verna leken, Alpensagen, p. 372. Vernaleken, Mythen, p. 307. 
Meier, Schwab. Sagen, p. 423. Bavaria I, 373. Grimm, Myth. 5S6 ff. Nork, 
Festkalender 409. 

*) Meier, Schwab. Sagen, p. 424. 

*) B i r I i n g e r II, 104, 105. Meier, SchwSb. Sagen, p. 423. Panzer 1, 214 — 
216. Bavaria I, 374. 

*) Grimm, Myth. 578, Kuhn, Herabkunft des Feuers, 4 8 ff. Mannhart, Göt- 
terwelt, p. 104. 

«) Kuhn, Weatphil. II, 176. Nork, Festkalender 419. 

4) Nork, Festkalender 433. Kuhn, Westphil. Sagen II, 173. Kuhn, Norddeutsche 
Sagen, p. 391. Einen interessanten Beleg gibt Schmitz: Die Kinder machten 
am Johannistage Krinze und Sträusse von „Johannisblumen und Jungfrauflachs" 
und warfen selbe auf die Dächer. Einige Zeit hierauf, wenn die wilden Stachel- 
beeren zeitig wareu, sammelten sich an einem Sonntagsnachmitlage alle Kinder 
um ein altes Mütterchen, nahmen die jetzt welken Kranze und StrSusse und 
zogen betend aus dem Orte. Die KrSnze wurdeu nun auf einen Haufen gelegt und 
angezündet und hierauf liefen die Kinder mit den noch brennenden Sträussen an 
die wilden Stachelbeerhecken und berSucberten dieselben. Von nun an durften sie 
wilde Stachelbeeren essen. Etiler Sitten, p. 42. 

°) Schmitz, Eitler Sitten, p. 42. Kuhn, Norddeutsche Sageo, p. 393. 

7 ) Kuhn, Westphil. Sagen II, 173. Grimm, Myth. 588. 

*) W o 1 Ts Zeitschrift III, 95. Q u i t z m a n n, 90. 

9 ) Kuhn, Westphil. Sagen II, 173. Grimm, Mytb. 588. 


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Johannistagen and Gertrodenminne. 


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vielen Übeln, namentlich Tom Sonnenstiche und ?on Augenschmerzen 
befreit *)• Vieh, das man durchsprengte oder über die Brandstelle 
führte, wurde vor Behexung geschützt und geheilt, und die Asche des 
▼erglimmten Feuers vermehrte die Fruchtbarkeit des Bodens und 
übte grosse Heilkraft in vielen Dingen *). Noch hat sich in manchen 
Gegenden die Überlieferung bewahrt, dass man das Johannisfeuer 
nur durch Reibung von trockenem Holze, und zwar von Tannen- und 
Eichenholz erzeugen müsse *), wie dies bei dem Notfeuer üblich 
war % ). Das Jobannisfeuer und dessen Brände haben ganz dieselben 
schützenden und fördernden Eigenschaften, wie die Johannisminne. 
Aus allem ergibt sich, dass sowohl Johannes der Evangelist als der 
Täufer dem Freyr substituirt worden sind. Beide Johannisfeste 
waren ursprünglich Feste des alten Sonnengottes. Dass der 24. Juni 
mit seinen Tänzen und Feuern heidnischen Ursprunges ist, geht 
schon aus den Predigten der frühesten deutschen Bischöfe hervor, 
welche gegen dasselbe als heidnischen Unfug und Teufelsspuck 
eiferten. Der heil. Eligius mahnt schon im VII. Jahrhundert die 
Deutschen davon ab, dass sie an dem Johannisfeste die Sonnewend- 
lieder oder andere teuflische Gesänge (choraulas vel cantica diabo- 
lica) und Tanz und Sprünge üben, und Burchard von Worms wieder- 
holte dies Verbot in seinem Beichtspiegel im Jahre 1024 *)• 


*) Montanus, 33. Vernaleken, Mythen, p. 308, No rk, Festkalender 410. 

*) Montanus, 33. Vernaleken, Mythen, p. 309. Bavaria I, 373. 

*) Montanus, 33. 

4 ) Vgl. Grimm, Myth. 570. Wolf, Beitr. 1, 116; II, 381. Seifart FI, 135. 
Kuhn, Herabkunft des Feuers, 44. 

Montanus, 33. Dazu vergleiche man eine von Kemble (die Sachsen 1 , 
336) aus eloer Harle y’sehen Handschrift Ober den Johannisabend angeführte 
Stelle: Ejus venerandain nativitatem cum gaudio celehrabitis ; non itlo cum gau- 
dio, quo stulti, vani et prophani amatores inundi hujus, accensia ignibua per 
plateaa , turpibus et Illicitis ludibus, come.ssationibna et ebrietatibus , cubilibus 
et ioipudicitiis intendentes illam celebrare solent: Dicamua de tripudiis , quae in 
vigilia aancti Johannis fieri solent, quorum tria genera. ln vigilia enim beati 
Johannis colligunt pueri in quibusdam regionibus ossa et quaedam atia Immunda, 
et insimul cremant et exinde producitur fumus in aere. Faciunt enim brandas 
et cireuunt arva cum brandis. Tertium de rota, quam faciunt volvi: quod cum 
immonda cremant, hoc haben! ex gentiiibus. — Und da das Jobannisfeuer mit 
dem Nothfeuer zusammenfallt (Kuhn, Westphal. Sagen II, 138), so besieht 
sich auch die Stelle: 15 de igne fricato , de ligno id est Nodfyr im indicolus 
superstilion um et paganiarum, auf das Sunnwendfeuer und bezeichnet es als heid- 
nische Sitte. Bonifacii Opera cd. Migne, p. 809. 

Sitsb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. II. Hft. 14 


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Wenn wir in Johannes dem Täufer, der als Attribut die Trink- 
schale bat, wie Johannes Ev. den Kelch bei sich führt, einen Vertreter 
Freys, des Gottes der Fruchtbarkeit, sehen, erklärt sich auch die 
Beziehung des Heiligen zu den Nässen, diesen Symbolen der Fälle 
und des Lebens, worauf manche Volksglauben anspielen: Wenn 's 
am Johannistag Mittags regnet, dann gibt's keine Haselnässe *). Am 
Johannistage Mittags zwischen 11 und 1 Uhr öffnet sich die Buch- 
nässe, regnet's dann hinein, so geräth die Buchmast nicht, ist gut 
Wetter, so wird die Mast gut; nachher schliessen sich die Nässe 
wieder 2 ). Wenn 's am Johannistage nicht regnet, so gerathen, die 
Nässe gut *). Wenn's am Johannistage regnet, werden die Nässe 
wurmig und viele Mädchen schwanger 4 ). Eine Doppelnuss heisst 
in England St. John's nut *). Das Verhältniss Johann des Täufers 
zu Freyr verbreitet auch Licht über die Blumen und Kräuter, die 
nach Johannes benannt sind, und äber die Aberglauben , die sich 
daran knäpfen. Es ist nicht zu gewagt, anzunehmen, dass diese 
Pflanzen einst unserm alten Gotte geweiht waren und nach Einfüh- 
rung des Christenthums den Namen wechseln mussten. Nur durch 
diese Annahme gewinnen die Anschauungen, die das Volk von ihnen 
hegt, Sinn und Bedeutung. Da begegnet uns zunächst das allbe- 
kannte Johanniskraut (hypericum perforatum). Dies Kraut ist gut 
wider die Hexen und jeden Zauber und darf desshalb bei der 
Kräuterweihe am 15. August nicht fehlen «). In der Johannisnacht 
sammelt man Johanniskraut, das man gegen Hexerei aufhängt 7 ). In 
Niederbaiern steckt man es am Sonnwendtage kreuzweise in das 
Eck des Fensters, denn so hilft es gegen Donnerwetter 8 ). Am 
Niederrheine machen die Kinder Kränze davon am Johannismorgen 
und werfen sie auf die Hausdächer unter besonderen Liedern. Diese 


*) Kuhn, Westphal. Sagen II, 175. 

2 ) Kuhn, Norddeutsche Sagen, p. 393. 

3 ) Meier, Schwäb. Sagen, p. 429. Bechatein, Mjthe, Sage I, 163. Wolf, 
Zeitschrift III, 104. 

4) Leoprechting, Lechrain, p. 1S4. 

*) Kuhn, W'estphSI. Sagen II, 46 und 175. Über die Beziehung der Nässe zur 
Liebe uud zum Kindersegen gibt viele Belege Mannhart in Wolfs Zeitschr. 
III, 100. 

•) Tiroler Sitten, Nr. 520. Wolf, Zeitschr. I, 329. 

7 ) Kusswurm, Eibofolke II, 103. 

•) Panzer II, 299. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


211 


Kränze nennt man Johanniskronen. Auch alle die um das Johannis- 
feuer tanzten, trugen diese Johanniskrone, mit der auch hier und 
dort auf dem Lande die Heiligenbilder noch geschmückt werden. 
Diese Kränze wurden auch gegen Zauberei und Unholde aufbewahrt 
und das Kraut wurde als wirksamer Talisman dagegen getragen *)- 
Als ein Hauptmitte] gegen Zauberei und Teufelsmacht ist die Pflanze 
bei alten Botanikern auch fuga Daemonum *) oder Daemonifugium 
oder Teufelsfuchtel genannt und es heisst von ihr, sie widerstrebt 
mit solcher Gewalt den Symptomatibus, so aus Zauberei verursacht, 
dass kein anderes Gewächs noch andere Medicamente dieses Kraut 
in solchem Falle übertreflen können. Man gab davon den Hexen und 
Zauberern vor der Tortur ein, um die Wahrheit an den Tag zu brin- 
gen. Eine Arznei aus Johanniskraut und Distelsamen war unter den 
Hexenverfolgern unter dem Namen Olebanum bekannt und sollte alle 
Teufelsgewalt in den Gefolterten vernichten. Die gelöcherten 
Blätter dieser Pflanze brachten die Sage, dass der Teufel die Heil- 
kräfte dieses Krautes missgönne und dass er demselben so aufsässig 
sei, dass er es nächtlicher Weile mit Nadeln durchsteche *). Will 
man einen weiten Weg unternehmen, so pflücke man vor Sonnen- 
aufgang oder vor dem Avemarialäuten Johanniskraut und lege es in 
die Schuhe. Geschieht das, wird man nie müde werden 4 ). Die 
gelben Blüthendolden zusammengedrückt, geben einen dunkelrothen, 
dem Blute ähnlichen Saft, das Alfblut *) genannt, womit man man- 
ches Wunderliche zu Stande zu bringen vermeinte •). Die Landleute 
nennen es auch Johannisblut. — Aus Hildesheim berichtet S eifart: 
Früher suchte man, besonders auf dem Galgenberge, am Johannis- 


*) Montanus, 145, vgl. Schmitz, 42. 

*) Lonicerus, Krfiuterbuch 293. Braunschweiger Distillirbucb, p. 13. Nach Letz- 
terem umgürtete man sich damit am Johannistage und warf es auch in das 
Feuer. 

*) Montanus, 145; vgl. Braunschweiger, p. 13. 

4 ) Tiroler Sitten, Nr. 521. 

Landleute nennen die Pflanze geradezu Alfblut Montanus, 145. Der Name steht 
auch mit Freyr in Beziehung, denn Grironisiual, Str. 5 heisst es : 

Alf heim gaben dem Frejr die Götter im Anfang 
der Zeiten als Zahngebinde, 

und in Gyl fagiuning c. 17, spricht Gangleri : „So ist eine Wohnung die Alf- 
heim heisst. Da baust das Volk , das man Lichtalfeu nennt*. Die Lichtelben 
wohnen somit bei Freyr. 

•) Montan us, 35, 145. 

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212 


Dr. Ignaz V. Zingerle 


tage Mittags, Schlag zwölf Uhr das Johannisblut *), welches an der 
Wurzel der sogenannten Johannisblume (Habichtkraut, hieracium 
pilosella) hing. Das Blut, in Federkielen aufbewahrt, war heilsam 
und glückbringend; wischte man davon heimlich Jemandem etwas 
an die Kleider, so hatte er Glück im Spiele auf dem Johannis- 
markte 2 ). Früher sammelte man es in der Johannisnacht um zwölf 
Uhr. Die Blumen mussten stillschweigend ausgegraben werden. Der 
Sage nach hängt das Blut an den Wurzeln der Blume , weil einst 
ein auf dem Galgenberge unschuldig Hingerichteter geweissagt 
habe, dass sein unschuldiges Blut sich von nun an und für alle 
Zeiten auf Tag und Stunde der Hinrichtung an der Johannisblume 
finden würde, weil er eben so unschuldig sterbe, wie einst Johannes *). 
Nicht weniger bedeutungsvoll als das genannte Johanniskraut ist im 
Volksglauben der Beifuss (artemisia vulgaris) Buck,, auch Sonnen- 
wendgürtel, St. Johannisgürtel, Johanniskraut genannt. Loni- 
cerus berichtet darüber: Dies Kraut ist den gebärenden Frauen, 
wie bei den Heiden Diana, sehr behilflich. Etliche heissen's darum 
Beifuss, denn wenn man zu Fuss über Feld wandert und ein solches 
Kraut in den Schuhen bei' sich trägt, soll es vor Müdigkeit erhalten. 
Sie haben's auch in St. Johann's Nacht um's Feuer getragen, sich 
damit gegürtet und gekrönt für bös Gespenst , Unglück und Krank- 
heit des Jahres. Nennen’s desshalb St. Johann's Gürtel 4 ). Im Mittel- 
alter wurde dies Kraut gegen Teufelsspuck und als Zauberbraut 
angewendet. Noch glauben Landleute, dass der Teufel dem nichts 
anhaben könne, der dies Kraut bei sich trage. Die Wurzel, über die 
Hausthüre gelegt, sichert vor dem Einschlüpfen böser Wesen und 
gegen Feuersgefahr. An ihm hängt der Aberglaube, dass am St. 
Johannistage unter der Wurzel des Krautes Kohlen zu finden seien, 
die im rechten Zeitpuncte des Tages erhoben, zu Golde würden. 
Behexte Milch und Eier werden durch einen Schlag mit dem Bei- 
fussstengel entzaubert. Ein Arzt des XVI. Jahrhunderts sagt: 
schneide man den Beifuss unter sich und gebe ihn einer Frauens- 


*) Es ist der Saft der deutschen Cochenille coccus porphyrophora. Seifart II, 
192. 

*) Sagen aus Hildesheim II, 134. 

*) Ebend. II, 183. Das Springgras, von dem Fr. Möller in den siebenbörgitchen 
Sagen, Nr. 33 erzählt, scheint die Johannisblume zu sein. 

Krüutei buch, p. 243. Über diese Pflanze vgl. Grimm, Myth. 1161. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


213 


person, so vertreibe er die MonatsblQte, schneide man ihn aber 
Ober sich, so befördere er dieselbe *). — In Westphalen nennt man 
das sedum telephium (Fetthenne) Johanniskraut. Wer da wissen 
will, ob er ein Mädchen, das er gerne möchte, bekommen wird, 
pflanzt am Johannistage zwei solche Pflanzen neben einander. 
Wachsen sie dann mit den Kronen gegen einander, so wird er sie 
bekommen, weichen sie von einander, so bekommt er sie nicht. 
Auf gleiche Weise erforschen dasselbe auch andere, indem sie jeder 
von den beiden Pflanzen den Namen dessen geben, von dem sie es 
wissen wollen a ). Im Volmethale steckt man am Johannistage Johan- 
niskraut (sedum telephium) an die Wand und lässt von den Fami- 
liengliedern die Zweige anrühren. Wachsen die Zweige in die Höhe, 
so bleibt Gesundheit im Hause; wachsen sie abwärts, so gibts einen 
Sterbefall *). Die frischen Blätter legte mau zur Heilung auf die 
Wunden. Die am St. Johannismorgen ausgegrabene Wurzel hing 
man an einem Faden zwischen die Schultern, um die Hämorrhoiden 
su vertreiben *). 

Johannisblume 5 ) heisst das Chrysanthemum. Sie dient als 
Liebesorakel, denn Liebende reissen die einzelnen weissen Strahlen, 
blätter der Blume mit den Worten: „er (oder sie) liebt mich — 
liebt mich nicht“ ab und zählen genau, ob das letzte Blättchen mit 
einem „liebt mich“ oder „liebt mich nicht“ zusammenfällt •). 
Göthe hat diesen sinnigen Brauch in Faust verherrlicht. Wer 
weder Tag noch Nacht Ruhe in seinem Haupte hat und allezeit 
gerne bei Frauen ist, der trage diese Blume bei sieb, seine Phantasie 
und böser Wille wird in guten verwandelt 7 ). — „Die Johannisblume“, 
sagt Pröhle 8 ) „blüht Nachts zwischen eilf und zwölf Uhr und wird 
Menschen und Vieh eingegeben. Venediger haben den Samen davon 
in Schuhen und machen sich dadurch unsichtbar. Ein Köhlerknabe 
hatte solche Körner, da war er unsichtbar, sie sahen ihn nicht. 


*) Montan us, 141. 

*) Kuhn, Westphälische Sagen II, p. 176. 
*) Ebendort II, p. 177. 

*) Montanus, 14$. 

ft ) Lonicerus, 222. 

e ) Menzel, Naturkunde II, 163. 

9 ) Lonicerus, 222. 

•) Unterharzische Saeen, Nr. 327. 


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214 


Dr. Ignaz V. Zingerle 


wiewohl sie ihn hörten. Da ging der Junge in ein anderes Land und 
nahm allen Kaufleuten das Geld aus den Laden.“ Hier ist damit das 
Farrnkraut gemeint, das nach dem Volksglauben in der Mitternachts- 
stunde der Johannisnacht blüht und seinen Samen abwirft. Wer 
denselben bei sich trägt, ist unsichtbar *)• Wer ihn zum Gelde legt, 
der wird reich , denn das Geld nimmt nie ab 8 ). Wer mit einer 
Farrnblüthe in der Hand zwischen eilf und zwölf Uhr in der Johan- 
nisnacht aufs Joch steigt, findet eine Goldader 8 ). Wie in der Mitt- 
sonnenwendnacht, blüht und samet dies Kraut auch in der Christ- 
nacht 4 ). Manche Leute heften das blühende Farrnkraut oberhalb 
ihrer Hausthüre an , damit ja alles gut gehe, wohin ihre Peitsche 
beim Fuhrwerke reicht *). Am Lechrain grabt man Farrnwurzeln 
am St. Johann, und trocknet sie an freier Luft so, dass kein Sonnen- 
strahl auf sie fällt. Eine solche Wurzel schützt dann jeden Ort, wo 
sie aufgehängt wird, vor dem Wetterstreich. Ihr Name ist Johan- 
niswurz •). Betrüger schneiden die Farrnkrautwurzel im Früh- 
jahre, wenn sie die Strunkknospen treibt, zu der Gestalt einer 
Menschenhand, welche sie Johannishand oder Glückshändchen 
nennen und vorgeben, dass derjenige, welcher es bei sich trage, in 
allen Unternehmungen, vorzüglich aber bei Erwerbung von Geld 
und Gut höchst glücklich sein werde. Zu der Bereitung der Frei- 
kugeln wurde besonders der Farrnsamen angewendet. Gewehre und 
Schwerter wurden damit gefeit 7 ). Der Same bringt ßeichthum. 
Glück im Spiele und macht den Besitzer selbst fest 8 ). Wer sich 
Blüthe und Samen des Farrnkrautes in der Johannisnacht verschafft, 
dem stehen alle Schätze der Erde, ewige Macht und Jugend zu 
Gebote 9 ). Alle gesperrten und verriegelten Thüren oder sonstige 
Behältnisse öffnen sich sogleich von selbst bei Berührung mit dieser 
wunderbaren Blüthe. Mit ihrer Hilfe kann man die unter der Erde 


*) Kuhn, Westphfil. Sagen I, Z76. Mark. Sagen, p. 330. Tiroler Sitten, Nr. SOS. 

Grimm, Myth. 1160. 

*) Tiroler Sitten, Nr. SOS. 

8 ) Tiroler Sitten, Nr. 773. 

4) Tiroler Sitten, Nr. 893. B i r 1 i n g e r I, 333, 340. 

*) Panzer II, 306. Grimm, Mylh. 1160. 

•) Leoprechting, Lechrain, p. 101 . 

7 ) Montanas, 144. 

•) B i r l i n g e r I, 340. 

•) Vernaleken, Alpensagen, p. 374. 


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Johannissegen and Gertrudenrainne. 


215 


tief verborgenen Schätze finden <)• Hier fällt der blühende Farm- 
zweig mit der Springwurzel zusammen, die am Oberharz auch 
Johanniswurzel heisst. Pröhle») erzählt davon: „Vor vielen 
Jahren gab es eine wunderbare Blume, die Springwurzel oder 
aueh Johanniswurzel genannt wurde. Sie blühte nur in der 
Johannisnacht zwischen eilf und zwölf Uhr (einige sagen: unter dem 
Farrnkraut). Nur in waldigen Gegenden, wo viele edle Metalle im 
Schoosse der Erde ruhten, wurde sie dann und wann in dieser Nacht 
auf einsamen Bergwiesen gesehen. Die Berggeister wollten durch 
sie den Menschen zeigen, wo ihre Schätze zu finden wären. Die 
Blume selbst war gelb und leuchtete in der Nacht wie ein Licht. 
Sie stand niemals stille, sondern hüpfte beständig hin und her. Wer 
so glücklich war sie zu pflücken , dem zeigte sie alle Schätze der 
Erde und machte ihn dadurch sehr reich und glücklich. Vor ihr 
müssen alle Schlösser aufspringen. Ein Mann aus Klausthal sah sie 
zwischen dichten Farrn blühen“: — Aus all diesem geht hervor, dass 
die Springwurzel mit ihrer geheimnissvollen, wunderbaren Blüthe ein 
Farrnkraut ist, wie dies schon Kuhn bemerkt hat 8 ). 

Noch ist eine Pflanze zu erwähnen, nämlich das satyrium, wel- 
ches zugleich Friggjagras und St. Johannisnycklar, d. i. St. Johan- 
nisschlüssel heisst 4 ). Das Volk bringt aber dasselbe, so wie die 
Orchis mit der Wiedererlangung verlorener Mannheit in Verbin- 
dung und gibt ihnen eine phallische Beziehung 5 ). 

Alle diese Pflanzen, die nach Johannes benannt sind, schützen 
entweder vor Zauberei und Obel, oder sie bringen Glück und Reich- 
thum, Segen zu Hause und auf dem Felde. Einige von ihnen stehen 


*) Vernaleken, Mythen, p. 309. 

*) Harzsagen, p. 99. 

®) »Von ganz besonderer Wichtigkeit ist aber, dass die Springwurzel unter dem 
Farrnkraut blühen soll; die Johauniswurzel, auch Johannishand, ist nämlich de r 
Wurzelstock einer Farrnart (aspidium mas , polypodiuin f. m. Lin., hei Peter- 
mann, Pflanzenreich, S. 102). Dies Farrnkraut hat wie das Adlerfarrnkrant (pteris 
aquilina) grosse, gefiederte Blätter. Dazu kommt aber noch der Name selber 
adb. faram, faru, mhd. varam , varn, ags. fearn, der, abgesehen von dem 
epenthetischen a, das althochdeutsche Eigenheit ist und von dem hochdeutschen 
m st. n, das auf unorganischem Wechsel zu beruhen scheint, genau das ver- 
schobene skr. parna ist.“ Herabkunft des Feuers 219. Wie die Springwurzel, so 
muss auch die Wünschelruthe in der Johannisnacht geholt werden. 

*) Mannhart, Germanische Mythen, 247. 

5 ) Die Nachweise sieh in W o I fs Zeitschr. III, 261 ff. 


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216 


Dr. Ignaz V. Zlngerle 


mit Liebe und Ehe in Beziehung. Alle diese Züge und Aberglauben 
erklären sich, finden Sinn und Bedeutung nur, wenn man annimmt, 
dass sie ehemals Freyr geweiht waren, denn er spendete Reichthum 
und Jahressegen , er gab Liebeslust und glöckliche, kinderreiche 
Ehe. Alle diese Pflanzen erhalten aber ihre volle Kraft nur dann, 
wenn sie an dem Sonnenwendfeste , d. i. an dem dem Sonnengotte 
geheiligten Tage gepflöckt werden. Nur aus der Annahme, dass bei 
diesen Pflanzen der Name Johannes an den des Freyr getreten sei, 
erklärt sich ihre Beziehung zur Liebe und Ehe, denn — Johannes, der 
jungfräuliche Jünger, der selbst seine Braut der Legende zufolge 
▼erlassen hat, um nur dem Herrn zu dienen, steht mit diesen in 
keinem Verbände; eben so wenig auch Johann Bapt. — 

Unter den Thieren wird der kleine Goldkäfer (coccinella sep- 
tempunctata) *) naeh Johannes benannt. Nach dem Volksglau- 
ben können diese Thierchen das Wetter anz eigen. Man setzt 
eines auf die Hand und fordert es mit folgendem Spruche zum 
Fliegen auf : 

„Sttnnskömken flög wech, 
bring mf morgen göd wäder, 
lat' en rägen öfergän, 
lat de sunnen wedderkäm’n, 
bring mi morgen göd wäder!“ 

Fliegt der Käfer weg, so geht die Bitte in Erfüllung, andern- 
falls gibt es Regen 2 ). 

In Niederbaiern heisst er „$u wendkäfer“. Kinder setzen ihn 
auf die Hand und sprechen : 


*) Er heisst in Schweden Jungfrau Mariens Schlüsselmagd (Jungfru Marie nyckel- 
piga"). Im Frühjahre lassen ihn die Midchen auf der Hand umkriechen und 
sagen: „hon mfirker mig brudhandskar* (er bezeichnet mir die Brauthand- 

schuhe). Fliegt er weg, so achten sie, nach welcher Seite bin, denn von da 
kommt der Bräutigam. Der Käfer scheint also Bote der Liebesgöttin; aber auch 
die Zahl der schwarzen Punkte kommt in Betracht, sind ihrer mehr als sieben, 
so wird das Korn im Jahr theuer, sind ihrer weniger , so ist eine reiche Ernte 
su erwarten. Dieser Käfer wird fast in alten unseren Dialekten mythisch benannt : 
nhd. Gotteskuhlein , Gotteskalb , Herrgottskalb , HerrgoUstbierchen , Herrgotts- 
vöglein, Marieuvögleiu, Marienkäfer, Marienkalblein, Fraueokühlein. Grimm, 
Myth. 658. 

*) Kuhn, Westpbal. Sagen II, 91. Ein ähnlicher Spruch wird an St. Katharina 
gerichtet, die mit Suuna in Verbindung steht. Mannbart, Götterwelt, p. 314. 
Pfeiffer, Germania V, 214. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


217 


„Suwendkäfer flieg in Brunn, 

bring uns heut iyid morgen ein Schone Sunn *)“• 

Man setzt einen solchen Sonnenkäfer auf den Finger und fragt 
ihn wie den Kukuk: „Sunnekieken ik frage di, wi lange schall ik 
leven? Een jaar, twee jaar* u. s. f., bis der Käfer wegfliegt, dessen 
Heimath in der Sonne oder im Himmel ist In der Schweiz halten die 
Kinder den Goldkäfer auf der Hand und sprechen: „cheferli, ehe- 
ferli flug us, i getter milech ond brocka ond e silberigs Iöffeli 
dezue“. Grimm bemerkt hiezu: „Hier wird dem Käfer wie der 
Schlange Milch und Brocken geboten. Er muss dem Alterthum für 
einen Boten und Vertrauten des Gottes gehalten worden sein »)*. Da 
er aber mit der Sonne, dem Regen und der Liebe in Verbindung 
steht, kann dieser Gott kein anderer, als Freyr gewesen sein. 

Weniger bedeutungsvoll für uns ist das Johanniswürmchen, 
welches in lauen Sommernächten, namentlich zur Sonnenwendzeit, 
leuchtend umfliegt. Es dient aber auch zu abergläubischen Zwecken, 
besonders zum Giessen der Freikugeln und zur Hexensalbe 8 ). Das 
an diese Thierchen gerichtete Kinderlied ist ohne mythische Be- 
züge *). 


* . * 

* 

Neben dem Johannissegen wird im Mittelalter öfters die Ger- 
trudenminne genannt. Diese scheint im nördlichen Deutschland 
üblicher gewesen zu sein , während jener in Süddeutschland ver- 
breitet war. Die Zeugnisse, dass der heil. Gertrud Minne getrunken 
wurde, reichen tief in das Mittelalter zurück. In Eckehard's Casus 


*) Panzer II, 547. Noch weitere Kinderreime auf diesen Käfer geben S im rock, 
Kinderbuch Nr. 555 — 559. Stöber, Elsässisches Volksbüchlein I, Nr. 33S bis 
341. Schmitz, Eitler Sitten, p. 73. Bochho 1 1 , Aliemannisches Kinderlied, 
p. 92, wo er bemerkt, dass die meisten Kinderreime dasselbe als eine Milch 
ond Butter bescheerende Kuh behandeln. Es war dies Thierchen auch den Indern 
ein vorzüglich geheiligtes und heisst im Sanskrit Indragopa, Schützling des 
Gottes Indra. H a g e n’s Germania VII, 435. Ober diesen Käfer und seine Namen 
etc. vgl. M a n n h a r t's Mythen, p. 242— -255 , der eingehend naebweist, dass 
dieser Käfer im Norden Gottheiten wie Frigg, Freya und Freyr geweiht war. 

*) Myth., 658. 

*) Montanus, 35. 

4 ) Simrock, Kinderbuch Nr. 559. Stöber’« Volksbüchlein 1, Nr. 337. 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


S. Galli liest man: „amoreque, ut moris est, osculatoet epoto, lae- 
tabundi discedunt“ *). Im Rudlieb 2, 162 heisst es: 

post poscit vinum, Gertrudis amore quod haustum 
participat nos tres, postremo basia figens, 
quando vale dixit post nos gemit et benedixit 8 ). 

Im sogenannten über occultus wird dieser Sitte bei Darstel- 
lung eines Raufhandels gedacht: 

Hujus ad edictum nullus plus percutit ictum, 
sed per clamorem poscunt Gertrudis amorem *). 

Im Peregrinus, einem lateinischen Gedichte des XIII. Jahrhun- 
derts, V. 335 steht: 

et rogat, ut potent sanctae Gertrudis amore, 
ut possent omni prosperitate frui 4 ). 

Hartmann von Aue nennt auch schon diese Sitte: 

ze hant truog er im dö 

ze heiles gewinne 

sent Görtrüde minne Erec. 4018. 

In der Wiener Meerfahrt bezieht sich darauf die Stelle : 

alröst wart in dö bekant, 
daz sie wären gepfant 
von trunkenheit der sinne. 

Sant Gerdrüden minne 

wart in sider harte sür 623 5 ). 

Der holländische Geschichtschreiber Melis Stoke erzählt beim 
Jahre 1296, dass Graf Floris von Holland kurz vorher, ehe seine 
Mörder ihn in’s Freie lockten , einem derselben Gysbrecht vom 
Amstel St. Gertrudenminne zutrank: 

— drinct van der hant myn 

sinte Gheerden minne ende vaert wel °). 


*) Bei P e r t * II, 84. 

*) Grimm, Latein. Gedichte, p. 138. 

3 ) Haupt, ZeiUchr. I, 422. 

4 ) Grimm, Myth. 84. 

8 ) Hagen, Gesab. II, 483, 

# ) Mon e’a Anzeiger I, 255. 


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Jobannissegen und Gertrudenminne. 219 

Grimin tbeilt noch den Beleg mit: „varn mit sant Gärtrdde 
minne“ Amgb 336 <)* 

Die Entstehung dieser Sitte erläutern iwei holländische Ge- 
dichte *) und ein deutsches Volkslied ’). Sie erzählen : Set. Gertrud 
hatte sich von der Welt zurückgezogen, um in einem Kloster ihr 
Leben dem Dienste Gottes zu widmen. Ein Ritter aber, der sie 
schon vorher geliebt, setzte seine Bewerbungen um sie nichts desto 
weniger fort und wich nicht aus der Nähe des Klosters, wie oft auch 
Gertrude erklärte, ihrem Entschlüsse ewig treu bleiben zu wollen. 
Als er alle Bemühungen vergebens sah, rief er den Teufel um Bei- 
stand an und verschrieb demselben seine Seele nach sieben Jahren, 
wofür Satan versprach , ihn zu seinem Ziele zu führen. Aher die 
sieben Jahre verstrichen, und des Bösen Hilfe hatte nichts gefruchtet. 
Dennoch wollte er des Ritters Seele haben und dieser musste sich 
in sein Schicksal ergeben. Da erschien St. Johann Gertruden im 
Traume und kündigte ihr an, in welcher Gefahr sich der Ritter 
befinde und Gertrud, welche indessen Äbtinn des Klosters geworden 
war, sammelte nach ihrem Erwachen alsbald ihre Nonnen um sich 
und trat mit diesen vor das Klosterthor, wo derTeufel eben mit dem 
Ritter vorbeifuhr. Sie ging auf den Ritter zu und bot ihm einen 
Becher Weines und ermahnte ihn, diesen zu leeren auf den Schutz 
St. Johannis. Der Ritter folgte ihr und als er den letzten Tropfen 
kaum eingeschlürft, da flog unter gräulichem Geheul des bösen 
Feindes die Verschreibung zerrissen zu seinen Füssen. Darum malt 
man St. Gertrud, den Hirtenstab mit einer Haud haltend und mit der 
andern einen Becher und daher schreibt sich auch die Sitte, zu 
trinken aufSinte Geertenminne 4 ). Als Formel, die Minne der heil. 
Gertrud vorzutrinken, gibt Janus Douza folgende: 

— Esse scyphum hunc comitemque scyphi Gertrudis amorem, 

Propino, (et prosit) voce manuque tibi ! 5 ) 


i) Mytb., 54. 

*) Das eine in Ckignett, bydragen Bl. 392 — 411, das andere in H o f f in a n n’s 
hörne belgicae 11, p. 41—46. 

J ) Simrock's Volkslieder, p. 148. 

«) Wolf, Niederländische Sagen, Nr. 359. 

5 ) Wolf, Niederl. Sagen, p. 699. 


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Dr. Ignaz V. Zingerle 


Bilder dyk behauptet, dass man, seitdem der früher genannte 
Graf Floris von Holland seinem Verräther Gysbrecht St. Gertruden- 
minne zugetrunken habe, aus Abscheu yor dem Andenken an des 
Letzteren Schandthat nicht mehr St. Gertrudenminne, sondern St. 
Johannissegen trinke *)• Das Aufhören dieser Sitte in Holland würde 
somit schon an's Ende des XIII. Jahrhunderts fallen. St. Gertruden 
Minneglas hatte die Form eines Schiffchens *). Man trank aber nicht 
nur vor der Reise und bei anderen Gelegenheiten *) diese Minne, 
sondern rief auch die Heilige um gute Herberge an. So beginnt der 
Knecht zu rufen : 

eijä, yrouwe Sant Gedrftt! 
wie sol ich armer kneht getuon? 
sende mir einen wirt zuo, 
di min hire mit iren si. 

Rittertreue V. 252 ff. *). 

Im Gedichte: „der Reiher“ heisst es: 

Si hit ouch bi aller wochen 

sente Gedriden nie gesprochen 

noch umb kein guote herberge gebeten V. 80 5 ). 

Als es gegen Abend ging und die Stadt noch fern lag, rief der 
junge Schreiber: 

Eija, fraw sant Gerdraut, 
nu du mir gut herberg kunt, 
das ich behalt mein leip gesunt 
und das ich kein schaden enpfa! 

und bald sah er ein Dorf yor sich liegen •). Und als er nicht nur 
gutes Nachtlager, sondern auch süsse Minnefreuden bei der Frau 


i) Ebendort 

*) Le Francgh van Berkhey’» Oud hollandsch vriendschap, p. 162. Wolf» niedl. 
Sagen, p. 699. 

») Das holländische von H offmann mitgetheilte Gedicht (hör. belg. II, 41) rieth 
am Schlüsse Herren und Knechten, wo sie auch seien und wohin sie auch gingen, 
8t. Gertrudenwein zu trinken, ygl. Simroc k's Volkslieder, p. 601. 

4 ) Hagen, Gesab. 1, p. 112. 
ft) Hagen, Gesab. II, p. 167. 

•) Keil e r’s altd. Erzählungen, p. 276, 30. 


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Johanniuegen ond Gertrudenminne. 221 

gefunden hatte, musste sie die Magd wecken. Da that sie es leise. 
Der Dichter bemerkt dazu: 

Ich wen nit, sant Gerdraut, 
die der schreyber des abencz bat, 
geb der meyd den selben rat, 

Das sie ging für die tur *). 

Sie verschaffte aber nicht nur Lebenden gute Herberge, son- 
dern nahm auch die Verstorbenen in der ersten Nacht gastfreundlich 
bei sich auf. Denn es heisst in einer Aufzählung von allerlei Aber- 
glauben (in einer Handschrift des XV. Jahrhunderts): „aliqui dicunt 
quot quando anima egressa est, tune prima nocte pernoctabitcum beata 
Gertrude, secunda nocte cum archangelis, sed tertia nocte vadit 
sicut diffinitum est de ea“ *). Gertrud galt ferner als Friedensstif- 
terinn. Denn im latinarius metricus eines Andreas rector scholarum 
(Münch. HS.) finden sich unter andern Versen, worin die besondern 
patrocinia verschiedener Heiligen aufgezählt sind, auch folgende: 

0 pia Gertrudis, quae pacis commoda cudis, 
bellaque concludis, nos coeli mergito ludis »). 

Gertrud, deren Fest auf den 17. März fällt, wird überdies als 
Anbringerinn des Frühlings und als Beschützerinn des Gartenbaues 
verehrt. „Am Gertrudentage steht der Bär auf *)*, sagt man in Tirol, 
während in Baiern die Sprüche üblich sind : „Utn Gertraud geht die 
Wärm von der Erd auf“ und „Am Gertraudtag läuft die Maus am 
Rocken hinauf und beisst den Faden ab“ (d. h., es beginnt auf dem 
Lande die Arbeit ausser dem Hause *). Eine altbairische Bauernregel 
lautet : 

Gertraud 
lauft die maus 
go Feld aus •). 


*) Ebendort, p. 283, 14. 

*) Schneller in H a u p t's Zeitschr. I, 422. 

») Ebendort. 

«) Tiroler Sitten, Nr. 711. 

5) Scbmel ler's Wörterbuch II, 71. Pa ns er II, 852» 
•) Quitzmann, p. 124. 


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Dr. Ignaa V. Zingerle 


In Tirol erzählt man sich, die heil. Gertrud sei die erste Gärt- 
nerinn gewesen, desshalb solle man an ihrem Feste garteln , dann 
werden GemQse und Blumen gut gedeihen *). Am Gertrudentage die 
Gärten zu bestellen ist auch im Lechrain *) und in Österreich *) 
üblich. 

Gertrud steht auch zu den in der Erde schlummernden Schätzen 
in Beziehung, denn das nach ihr benannte Gertrudenbüchlein gilt 
als das kräftigste Mittel beim Schatzgraben. Wer ein solches Büch- 
lein hat — es soll derzeit nur mehr eines zu finden sein — kann der 
Teufel vergrabene Schätze bringen, und sich unsichtbar machen *). 
Schönwerth bemerkt: „Wer ein Gertrudenbüchl besitzt, liest es 
vom Anfang bis zu Ende, dann kommt der Teufel und bringt Geld, 
und liest man es rückwärts vom Ende bis zum Anfang, so muss er 
wieder verschwinden. Auf dem Titelblatte des Buches, wenn es ein 
rechtes ist, spinnt eineSpinnerinn am Spinnrade und eine Maus läuft 
den Faden hinauf“ 5 ). — Auf den Bildern ist St. Gertrud als Nonne 
dargestellt, die einen Hirtenstab in der einen, und ein wie ein Schiff- 
chen geformtes Gefäss in der andern Hand führt "). Oder sie trägt 
einen Rocken in der Hand, an dem eine Maus hinaufläuft oder den 
Faden abbeisst 7 ). Erstere Darstellung kommt in Holland, letztere in 
Deutschland vor. Das Buch: „Heil. Jungfrau und Äbtissin Gertraud, 
himmlische Gebether und Anmuthungen, zuerst zu Köln gedruckt im 
Jahre 1506“ stellt auf dem Titelblatte diese Heilige am Rocken 
spinnend dar, an dem drei Mäuse hinauflaufen. In ihr Kleid sind 
Zauberzeichen eingewoben. Krainische Bauernkalender bilden die 
Heilige ab mit zwei Mäuslein, die an einer Spindel mit Flachs. 


] ) Tiroler Sitten, Nr. 710. Eine Legende erzählt, dass sie selbst Biume gepflanzt 
habe: Juxta urbem Lhoram est monasterium S. Benedicti, nomine Neustadiutn, in 
qno, quia S. Gertrudis consueverat, dum appeteret brumae tempus, surculos po- 
morum sua manu iuserere intra hortulum ob divinae incarnationis venerationem 
ex eodem tempore sernper continuata propago est istius modi arbusculorum. Ba- 
gatta admiranda I, 309, 11. 

a ) Leoprechting, S. 166. 

9 ) Nach einer brieflichen Mittheilung des Lehrers Wurth. 

4 ) Tiroler Märchen 1, p. 82, Alpenburg, Mythen, p. 253. Baader Sagen, Nr. 479. 
Wolf, Beitr. II, 109. 

5 ) Oberpfalz III, 48. Die in meinen Tiroler Sagen, Nr. 589 und 591 genannten 
Hexenbücher sind Gertrudenbüchlein. 

Ä ) Wolf, Niederl. Sagen, Nr. 359 und pag. 699. 

? ) Quitzm ao n, 124. 


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Johanniasegen und Gertrudenminne. 


223 


' garn nagen, zum Zeichen, es dürfe an ihrem Festtage nicht 
gesponnen werden *). Die Maus ist in Deutschland stehendes Attri- 
but dieser Heiligen *). Die Veranlassung desselben wird aber ver- 
schieden erklärt. In Tirol erzählt man , der Teufel sei in Gestalt 
einer Maus ihr erschienen, habe den Faden der heil. Spinnerinn abge- 
bissen oder den Flachsrocken verunreinigt, um sie zum Zorne zu 
reizen. Diese Annahme kennt auch Molanus *). Nach anderen führt 
sie eine oder mehrere Mäuse, weil sie diese schädlichen Thiere vom 
Felde vertrieben haben soll *). Auch diese Legende kennt Mola- 
nus, denn, an der Stelle, wo er von den Mäusen und Ratten auf den 
Bildern der heil. Gertrud spricht, bemerkt er : „Puto hujus rei pri- 
mariam esse rationem, quam a canonicis accepi. Illi enim, cum ab 
eis peterem causam usitatae picturae, responderunt, se a senioribus 
confratribus audi visse, ex puteo, qui est in crypta ecclesiae, majores 
solere aquam adferre, qua cum adspergerent domus suas et agros, 
liberabantur a muribus. Sed nunc, addebat unus eorum, refriges- 
cente multorum charitate, sicut alibi, sic in nostra ecclesia cessant 
miracula“ *), Ein alter Glaube ist es, dass sie die Mäuse vom Spinn- 
rocken vertreibt •). Sie gilt somit als Schützerinn vor den Mäusen, 
beherrscht sie 7 ). Wie man sich in Baiern das Attribut der Maus 
erklärt, ist schon bemerkt worden 8 ). 

Der Heiligen, die Beschützerinn der Reisenden ist, wurden 
Kirchen und Capellen an Strassen und Bergübergängen geweiht •). 
Eine Gertruidenburg findet sich am südlichen Ufer der Maas 10 ). 
Eine Pflanze führt ihren Namen, denn Panzer berichtet: * Ehemals 
wurden aus Gertrautenkräutern und gelben Frauenpantoffeln Kränze 
gebunden und geweiht. Man nannte sie Mechtildenkränze. Diese 


0 Panter II, 552. Vgl. Grimm, Myth. 24S. 

*) Mentel, 8ymbolik II, 116. 

*) Hiat. imag., p. 267. 

4 ) Menzel, Symb. II, 116. 

*) Molanus, Hiat. im. I. UI, c. 11. Bagatta admiranda I, 133, 5 und 456, 27. 

•) Gertrudis murea a colia rauliemm abigit. Haupt, Zeitach. I, 144. 

7 ) Si id rock, Myth. 403. Kuhn, Westphäl. Sagen II, 8. 

8 ) Sch melier II, 71. Quittmann, 124. 

•) Weiler Gertrauden bei Rattenberg, wo am 17. Marz grosser Markt ist, Weber, 
Tirol I, 540. St. Gertraud, Dorf in Ulten. Weber’a Tirol III, 451. Auch die 
uralte Capelle auf dem Schlosse Zeuoberg bei Meran fuhrt ihren Namen. 

*°) R e 1 1 b e r g’s Kircbengeschichte II, p. 543. 


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224 


Dr. Ignaz V. Zingerle 


wurden in das Sunwendfeuer geworfen, auch auf die Felder gesteckt, 
damit der Hagel keinen Schaden Anrichten konnte *)“. — Auch ein 
Vogel steht mit ihr in Beziehung, denn in Norwegen wird der 
Schwarzspecht Gertrudsvogel genannt. Man erzählt davon: eine 
Frau, Namens Gertrud, wurde wegen ihrer Unbarmherzigkeit von 
Jesus, der mit Petrus auf der Erde wandelte, in den Schwarzspecht 
verwandelt. Der Vogel trägt noch die rotbe Haube, hackt in die 
Baumrinde nach Futter und pfeift gegen das Regen wetter, denn er 
dürstet immer und hofft zu trinken *). In Esthland sagt man, der 
Schwarzspecht sei ein verwandeltes Weib aus Worms, welches am 
Sonntage während des Gottesdienstes Brot buck. Das schwarze 
Kleid wurde auf des Herrgotts Verwünschung zu schwarzen Federn 
und in dem rothen Flecke auf dem Kopfe erkennt man noch die 
rothe Mütze 8 ). Beachtenswerth ist, dass der nämliche Vogel, der 
auch bei anderen Völkern mythische Beziehungen 4 ) hat, anderen 
Sagen zufolge die Springwurzel bringt *). Auffallend ist, dass im 
Jever 'sehen Kinderreime der Kukuk neben Gertrud genannt wird: 

Kukuk, kukuk G4rderüt 

stak dine y£r hörns herüt ®). 

Der Vollständigkeit halber schliesse ich noch folgende auf St. 
Gertrud bezügliche Sagen an: „Von der Karleburg in Franken ging 
St. Gertrud nach Neustadt. In der Nähe von Waldzell ward sie von 
Erschöpfung und Durst ergriffen. Da flog plötzlich ein Storch vor 
ihr auf und es entsprang eine Quelle, deren Wasser kranke Augen 
heilt 7 ). An einer Stelle, wo die heil. Gertrud kniete, wächst heutzu- 
tage noch kein Gras 8 ). Dies mahnt an die graslosen Stellen der 
Elbentänze. Bemerkenswerth ist, dass ein Waldfräulein, das Glück 


4 ) Beiträge I, 212. 

*) Grimm, Mythologie, 639. Ruitwurm, Sagen aus Hapsal, p. 172. Wolf, 
Zeitschr. III, 221. Wolf, Beitr. II, 109. 
a ) Russwurm, Eibofolke U, 198. Sagen aus Hapsal, p. 171. 

*) Grimm, Myth. 639. 

Ä ) Grimm, Sagen I, p. 11. Myth. 925. Meier, Sagen, p. 240. Tiroler Sitten, 
Nr. 426. Schon Konrad ▼. Megenberg p. 380 kennt diesen Glauben. 

•) Wolf, Zeitschr. III, 222. 

9 ) Archiv des historischen Vereines von Uuterfranken XIII, 3, 154. Mannbar t, 
German. Mythen, 319 

•j H e r r I e i n, Sagen 126. Wolf. Beitr. II, 30. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


225 


und Segen in’s Haus brachte, Gertraud heisst *). E ine der drei heil. 
Schwestern, deren mythische Bedeutung lange schon festgestellt ist, 
heisst Gertraud. Jede derselben trägt einen langen Stab mit einem 
Blumenkranz. Sie sind die Beschützerinnen des Dorfes, denn rings 
herum waren schon oft Viehseuchen, in Hermatshofen aber nie *). 

Wir haben bisher eine Reihe Züge kennen gelernt, welche die 
mythische Bedeutung Gertrud’s ausser Zweifel setzen. Ihr zu Ehren 
wurde von Refsenden und am Beginne des Frühlings ») Minne 
getrunken, wie alten Gottheiten. Sie gibt gute Herberge, nimmt 
Verstorbene auf, bringt den Frühling, beschützt den Gartenbau, ver- 
treibt Mäuse, spendet Schätze und stiftet Frieden. Nach ihr sind 
Pflanzen und Thiere benannt. Dass sie mit Freyr ähnliche Seiten 
hat, ergibt sich aus dem Gesagten sicher. Ihm wie ihr wird der 
Minnebecher geleert. Er wie sie stehen mit der Schifffahrt in Bezie- 
hung, beide beschützen Reisende und geben Glück, beide schenken 
Frieden und Reichthum. Das nach der Heiligen genannte Kraut wird 
in das dem Sonnengotte geweihte Feuer geworfen. Aus dieser Ver- 
wandtschaft schloss man, dass Gertrud an die Stelle Freya’s, der 
Schwester des mildesten der Äsen getreten sei 4 ). Man brachte sie 
auch mit Nehallenia oder Isis 5 ) und mit Frigg in Verbindung «). Es 
lässt sich nicht leugnen, dass St. Gertrud zu diesen Göttinnen ein- 
zelne Analogien bietet; im Grossen und Ganzen entspricht sie ihnen 
aber nicht. Die Göttinn die durch sie vertreten ist, muss innigere, 
stärkere Verwandtschaft zeigen. Wir finden deren eine, sie ist 
Gerdhr, die wir in ihren Beziehungen zu Freyr schon früher kennen 
gelernt haben. Schon ihr Name mahnt an den der Gertrud, noch 
mehr an die holländische Form Gheerde. Dass man aber bei Substi- 
tuirungen auch auf die Namen Rücksicht genommen habe, bestätigen 
uns die Wechselbeziehungen zwischen Odhin, der den Beinamen 
Aswalt führte und Oswald 7 ), zwischen Frouwa und Maria „unser 


*) Panzer II, p. 46. 

*) Panzer II, p. 157. 

*) Sepp. Heideuthum II, 341. Vergl. Am 17. März feiern die Irländer dem heil. Pa- 
tricias zu Ehren, der mit dem Klee in Verbindung gedacht wird, festliche Gelage 
und betrinken sich zu Ehren des Heiligen. N o r k, Festkalender, p. 210. 

4) Grimm, Myth. 282. Wolf, Zeitschr. III, 221. S im rock, Myth. 521. 

4) Simrock, Myth. 403. 

6 ) Simrock, Myth. 379. 

*) Meine Oswaldlegende, p. 91. 

Silzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. II. Ilft. 


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226 


Dr. Ignaz V. Zieger Je 


lieben Frau“. Gerdhr war Frey’s Gattin, denn im Hyndlulyodh Str. 29 
heisst es ausdrücklich: 

Freyr atti Gerdhi, 
hon var Gymis döttir, 
jötna aettar 
ok Aurbodhu. 

Als solche trat sie an Frey's Stelle , theilte sich in seine 
Geschäfte, wohnte mit ihm in Alfheim. Dass sie den Rocken führt, 
darf uns nicht auf Frigg oderFreya führen, denn als weibliche Gott- 
heit wurde sie gewiss auch spinnend und webend gedacht. Dies 
waren ja Geschäfte jeder Frau. Der tief liegendste Zug der Gerdhr 
besteht aber darin, dass sie eine Frühlingsgöttinn war, die aufgrü- 
nende Saat i) repräsentirte, wie uns Lüning so schön und treffend 
die Mythe von Freyr und Gerdhr erklärt: „Freyr soll die Saat aus 
dem Boden hervorlocken, aber die winterlich starre Macht der Erde 
hält sie noch gefesselt. Im Samenkorn ist die nach oben treibende 
Kraft noch nicht erwacht, es liegt noch still im dunkeln, kalten 
Schooss der Erde und will nicht hervor. Frühlingsluft und Sonnen- 
strahlen suchen die kalte Erdrinde zu durchdringen und die keimende 
Saat hervorzulocken, aber sie zögert und sträubt sich, wie die heran- 
reifende spröde Jungfrau, in deren Herz noch keine Ahnung höheren 
Lebens gedrungen ist. Doch immer treibender und mächtiger wer- 
den die Strahlen der Frühlingssonne 2 ), die starre Rinde löst sich, 
noch ein paar Nächte und die Saat steht fröhlich grünend da, der 
Umarmung des Gottes gewärtig“ *). Freyr, die Sonne, sendet seinen 
Diener, den Sonnenstrahl *) zur Gerdhr, der Saat, die noch in der 
Gewalt des Winters, in Jötunheim 5 ) ruht. Wenn wir somit diese 
glückliche Lösung annehmen, so erklärt sich, warum Gertrud, 
Gerdhr’s Vertreterinn den Frühling bringt, als Beschützerinn des 
Garten- und Feldbaues gilt, warum sie mit Feldmäusen in Beziehung 
steht und ihr zu Ehren im Frühlingsanfänge Minne getrunken wird. 
Wenn aber Gerdhr die wiedergrünende Saat bezeichnet, erklärt es 


4 ) Gerdhr vgl. gerdhi. das eingehegte Saatfeld. 
®) Wie die Besprechungen Skirnir’s. 

*) L ü n i n g’s Edda, p. 77. 

Skiruir heisst der Glanzet*, ({einiger. 

*) Vgl. G r i m in. Mytli. 408. 


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Johannissegen und Gertrudenminne. 


227 


sich auch» warum sie mit der Schifffahrt in Beziehung stand. Wenn 
die Äcker zu grönen beginnen» werden auch die Flüsse wieder fahr- 
bar und die Schiffe stossen vom Gestade. Desshalb führte sie ver- 
muthlich eben so, wie Freyr Skidbladnir besass, ein Schiff als Attri- 
but, wie Gertrud ein Glas in Form eines Schiffleins trägt. Sie galt 
desshalb mit Recht als Beschützerinn der Schiffer, wie Gertrud als 
Patronin derselben verehrt wird Ein Trinkgefäss konnte Gerdhr 
führen nicht nur aus dem Grunde, weil ihr zu Ehren Minne getrunken 
wurde, sondern weil sie auch nach der Edda den Trunk reichte. 
Denn in Skirnismäl heisst es: 

Inn bidh thü hann ganga 
i okkam sal 

ok drekka inn moera mjodh. Str. 16. 

und: 

Heill ?er thü nü heldr, syeinn! 

on tak yidh hrimkalki 

fullum forns mjadhar. Str. 37. 

Gerdhr, als Gemahlinn Frey 's, spendete, wie ihr Gatte, Reichthum, 
und schon daraus erklärt sich, dass sie Schätze verlieh, und dass Ger- 
trud auch mit dem Schatzheben in Verbindung steht. Gerdhr und die 
Schätze hängen aber auch in anderer Weise zusammen, denn sie 
repräsentirt uns die Saat, die in der Erde ruht, wie die vergrabenen 
Schätze. Sie ist aber auch als Frey’s Gemahlin die Herrin von Alf- 
heim, wo die Elben wohnen. Dass aber dieselben die Schätze 
bewachen oder sogar verfertigen, ist uns durch viele Sagen bestä- 
tiget. Aus dem Verhältnisse der Gerdhr zu den Elben ergibt sich 
auch, dass elbische Züge an ihrer Stell vertreterinn, der heil. Gertrud 
haften. Aus dem Zuge, dass Gerdhr Gebieterinn und Hausfran in Alf- 
heim war, möchte ich auch den Glauben erkläreu , dass abgeschie- 
dene Seelen in der ersten Nacht bei der heil. Gertrud Herberge 
finden. Der Edda zufolge kommen alle waffentodten Männer in die 
Walhöll zu Odhiu, andere Gestorbene wurden in Fülkvängr bei 
Freya aufgenommen, die Jungfrauen wurden bei Gefjon versammelt. 
Da die Gottheiten Odhin, Freya, Gefjon Verstorbene aufnahmen, so 


!) S iraroc-k, Mylh. 403. 

15 • 


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228 


Dr. IgDm V. Z i nge r I e 


scheint mir die Annahme nicht zu gewagt, dass auch Freyr und 
Gerdhr ihre Diener bei sich in Alfheim beherbergten 1 ). Dafür spricht 
dass seelig Verstorbene in Sagen wirklich an die Stelle der Elben 
treten, als Elben aufgefasst werden. Das Alfheim, die Wohnung 
Gerdhr’s und der Elben, scheint der Erde näher gelegen zu sein, als 
die Walhöll, die Wohnung des höchsten Gottes und der im Kampfe 
gefallenen Helden. Aber noch schöner und höher ist Hirnil. Denn im 
Gylfaginningc. 17 heisst es, nachdem vonOdhin’s Saal die Rede 
gewesen : Am südlichen Ende des Himmels ist der Palast, der Gimi 
heisst und der schönste von allen ist und glänzender als die Sonne. 
Es wird stehen bleiben, wenn sowohl Himmel als Erde vergehen und 
alle guten und rechtschaffenen Menschen aller Zeitalter werden ihn 
bewohnen. So heisst es in der Völuspa *): 

Einen Saal sah ich, lichter als die Sonne, 

Mit Gold gedeckt, auf Gimils Höhn. 

Da werden werthe Fürsten wohnen. 

Und ohne Ende der Ehre geniessen. 

Har fährt fort, dass es noch eiuen Himmel südlich und 
oberhalb von diesem gebe, welcher Andlang heisse, und noch einen 
dritten, der Windblain genannt werde und in diesen Himmeln glau- 
ben wir, sei der Palast gelegen und nur von den Lichtalben glauben 
wir diesen Palast jetzt bewohnt *). — Nach der Einführung des Christen- 
thums wurden diese Vorstellungen noch mehr getrübt und mit 
christlichen Anschauungen verquickt. Dies ist auch bei der uns über 
St. Gertrud erhaltenen Stelle der Fall: „aliqui dicunt quot quando 
anima egressa est, tune prima nocte pernoctabit cum beata Gertrude 
secunda nocte pernoctabit cum archangelis, sed tertia nocte vadit 
sicut diflinitum est de ea“ 4 ). Ich erkläre sie so: „Die abgeschiedene 


*) Dass viele Aufenthalte der Verstorbenen angenommen wurden, sagt G y I f a gin- 
nin g c. 52 : Es gibt viel gute und viel üble Aufenthalte; am besten ist's im 
Gimil zu sein. Sehr gut ist es auch für die, welche einen guten Trunk lieben 
in dem Saale, der Brimir heisst und gleichfalls im Himmel steht. Ein guter Saal 
ist auch jener, der Sindri heisst und auf den Nidabergen steht, ganz aus rothem 
Gold gebaut. Diese Säle sollen nur gute und rechtschaffene Meuschen bewohnen 
Für Meuchelmörder und Meineidige ist Nastrand bestimmt, am schlimmalen ist. 
aber der Aufenthalt in Hwergelmir. 

*) Völuspa, Str. 63. 

3 ) S i m r o c k, Edda, p. 290. 

4 ) Haupt, Zeitschr. 1, 422. 


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Johanoisaegen und Gertrudenminne. 


229 


Seele kommt zunächst in Gerdhr's Wohnung nach Alfheim, in der 
zweiten Nacht nach Valhöl *), in der dritten Nacht nach Gimil , wo 
ihr Recht gesprochen wird. Denn von Gimil heisst es: 

Da reitet der Mächtige zum Rath der Götter, 

Der Starke von Oben, der Alles steuert. 

Den Streit entscheidet er, schlichtet Zwiste 
Und ordnet ewige Satzungen an. 

Mag vielleicht diese Auffassung nicht genügen, so ist dennoch 
kein Grund vorhanden , nur wegen der genannten Stelle der Her- 
berge bei St. Gertrud, diese an die Stelle Freya’s zu setzen. 

Ich schliesse hiermit ab. Als Resultat der vorliegenden Unter- 
suchung ergab sich: St. Johannes der Evangelist trat im 
Volksglauben an die Stelle Frey's. Dasselbe gilt von 
Johannes dem Täufer. Die Feste beider Heiligen galten 
ursprünglich dem Sonnengotte, sowie die Minne, die zu 
Ehren beider Johan nes getrunken wird. Die nach Jo- 
hannes genannten Kräuter und Thier e waren ehemals 
Freyr geheiligt. Die heil. Gertrud trat an Gerda's 
Stelle. Die Gertrudenminne ward dieser Göttinn ge- 
weiht. Am 17. März, an dem noch lange Minne getrunken 
und festliche Gelage gefeiert wurden, ward einst Ger- 
da's Fest begangen. Alle auf dieseQ Tag fallenden 
Gebräuche und Glauben sind auf die Saatgöttinn zu 
beziehen. Ihr war der Schwarzspecht heijig. Es liegt 
somit der alten Sitte, Johannis- und Gertrudenminne 
zutrinken, eineder schönsten Mythen, die Mythe von 
Frey’s mächtiger Liebe zu Gerdhr zu Grunde. 


I ) Der berühmteste der Erzengel, St Michael, vertritt ja sehr häufig Odhin. Vgl. 
W o I fs Beiträge f, 32 ff. Simrock, Myth. 276. 


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230 


G i n d e I y 


SITZUNG VOM 23. JULI 1862. 


Das wirkliche Mitglied , Herr Prof. Dr. Franz Miklosich legt 
ftir die Denkschriften eine Abhandlung über die nominale Com- 
Position im Serbischen vor. Die Untersuchung umfasst: a) Die Com- 
position zweier Nomina, b) Die Composition einer Partikel mit einem 
Nomen. Der erste Theil behandelt nach einer allgemeinen Einleitung 
1. die beiordnende, 2. die determinative, 3. die Abhängigkeits- und 
4. die positive Composition. Im zweiten Theile werden zuerst die 
Compositionen mit ne und dann die mit den Präpositionen uutersucht. 


V orgelegt: 

Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 

Von Anten trindelj. 

Im Jahre 1614 berief Kaiser Mathias Ausschüsse aller Land- 
tage der österreichischen Länder nach Linz, uro sie da gemein- 
schaftlich berathen zu lassen. Die Gefahr, welche von den Türken 
drohte, wurde von ihm als Veranlassung bezeichnet und damit die 
Nothwendigkeit begründet, dass über die Abwendung derselben 
gemeinschaftliche Beschlüsse gefasst würden. Es war seit dem 
Zustandekommen der österreichischen Monarchie das erste Mal, dass 
eine solche Versammlung zu tagen begann, und es ist gewiss im 
gegenwärtigen Augenblick nicht ohne grosses Interesse, den Ver- 
lauf ihrer Berathungen kennen zu lernen. Was wir hierüber nach 
unseren Forschungen in den Archiven , namentlich denen von Wien, 
Dresden und Simancas auffinden konnten, bieten wir in der folgen- 
den Erzählung. 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


231 


Die Zerwürfnisse» in welche Kaiser Rudolf II. mit seiner Familie 
geriet, sind die wichtigste Veranlassung gewesen, dass die Stände 
Ungerns, Österreichs, Mährens und Böhmens nicht nur die Erwei- 
terung ihrer Rechte, sondern auch die gesetzlich bestimmte Frei- 
gebung des Glaubensbekenntnisses erlangten. In Folge des Zuges, 
welchen Mathias im Jahre 1608 gegen den Kaiser unternahm, 
musste sich der Letztere zur Abtretung von Ungern, Mähren und 
Österreich herbeilassen und mit Böhmen begnügen, so dass die 
früher in einer Person geeinte Monarchie nunmehr in zwei Theile 
zerfiel, bis nach Rudolfs Tode auch Böhmen in Mathias* Besitz 
kommen sollte. Allein Rudolf, anstatt mit dem sich zu begnügen, 
was ihm noch geblieben war, dachte unablässig auf den Wieder- 
gewinn des Verlorenen und griff nach jeder Gelegenheit, um seinen 
Bruder zu discreditiren und entweder zur freiwilligen oder gewalt- 
samen Abtretung des Gewonnenen zu nöthigen. Aus diesem Grunde 
gestattete er dem Erzherzog Leopold die Werbung des Passauer 
Kriegsvolkes und schlug alle Forderungen, dasselbe zu entlassen, 
rundweg ab. Dem schliesslichen Einfalle desselben in Böhmen, wel- 
cher mit Rudolf s Connivenz von Leopold veranlasst wurde, lag die 
Absicht zu Grunde, sich vollständig dieses Landes zu bemächtigen, 
die Macht der Stände zu brechen und Mathias selbst mit Gewalt zur 
Resignation zu nöthigen. Allein der Passauer Zug misslang voll- 
ständig; wohl gelangte das Kriegsvolk bis Prag, aber von hieraus 
musste es sich wieder schleunig zurückziehen, da Mathias den 
Böhmen miteinem Heere zu Hilfe eilte. Rudolf verlor nun auch die 
böhmische Krone, aber die Stände, anstatt alsbald Mathias als ihren 
Herrn anzuerkennen, hielten den Zeitpunct für passend, um Vor- 
kehrungen zu treffen, welche für die Zukunft jedes Ausschreiten der 
königlichen Macht verhindern sollten. Als das tauglichste Mittel hiezu 
schien ein Bünduiss aller Stände der einzelnen österreichischen 
Länder unter einander und die Beseitigung der Erblichkeit des 
Thrones. Sie strebten damit nach etwas, was nicht nur in ihren 
eigenen Wünschen lag, sondern was ihnen auch von dem rührigsten 
Feinde des Hauses Österreich, dem Fürsten von Anhalt, auf gehei- 
men Wegen unablässig empfohlen w urde. 

In dem Momente, wo also Mathias an die Stelle seines Bruders 
zu treten beabsichtigte und wo er von Seite der Böhmen auf eine uin 
so rückhaltslosere Aufnahme hoffen durfte, weil er sie vor allen wei- 


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G i n d e I y 


teren Excessen der Passauer allein retten konnte, in diesem Momente 
traten an ihn die Böhmen mit zwei Forderungen, welche ihm zum 
ersten Male deutlich den Abgrund zeigten, in welchen seines Bruders 
Verblendung das kaiserliche Haus gestürzt hatte. Sie lauteten: Con- 
föderation aller österreichischen Stände und keine Designation des 
Nachfolgers mehr. Mathias sollte also ein Bündniss der sämmtlichen 
Stände der Monarchie erlauben, so geartet, dass ein Ausschuss der- 
selben überall die gemeinschaftlichen Interessen wahrnehmen und 
bestimmen sollte, wann eine Verletzung derselben stattgefunden habe 
und wann mit gemeinschaftlicher Macht gegen den Verletzer aufge- 
treten werden müsse. Bisher konnte der Kaiser ohne ständische 
Bewilligung kein Heer zusammenbringen, aber auch die Stände selbst 
durften es nicht, ohne sich des Treubruches schuldig zu machen; 
nun sollte aber die bewaffnete Macht in ständische Hände übergeben 
und ihnen für immer das Recht zu ihrer Berufung und Verwendung 
zugestanden werden. 

Was ein Bündniss aller Stände der Monarchie, verbunden mit 
dem Rechte, mit gewafTneter Macht ihre Interessen zu vertreten, 
bedeute, darüber konnte sich Mathias keine Illusion machen. Sobald 
der Feldzug gegen Rudolf sein Ende nahm, musste er seine Truppen 
entlassen; alsdann war er bis auf eine Hand voll Soldaten, welche in 
Wien gewissermassen seine Leibgarde bildeten, ohne irgend ein 
stehendes Heer. In Böhmen, Mähren und Schlesien war dann keine 
Compagnie Soldaten zu sehen und nur in Ungern gab es einige tau- 
send Mann, welche aber in den gegen die Türken erbauteu Festungen 
ihre Quartiere hatten und schlechterdings ihrer Bestimmung nicht 
entfremdet werden durften. Von einem stehenden Heere war in der 
Monarchie unter Rudolf keine Rede, jede Truppenaushebung war 
allemal für einen schon entbrannten oder nicht weiter aufzuschieben- 
den Kampf bestimmt; unter Mathias konnte also noch weniger von 
der Errichtung eines solchen die Rede sein , weil die Stände nicht 
nur selbst das Recht hiezu in Anspruch nahmen, sondern auch das 
einzige Mittel dazu, das Geld, in Händen hatten und damit karger 
zu gebahren drohten, als je zuvor. Mathias sah, wie er gleich seinem 
Vorgänger zur Hilflosigkeit verurtheilt, aber zugleich dadurch 
schlimmer gestellt sein sollte, dass fortan die Stände nicht als blosse 
Opponenten am Landtage, sondern die Waffen in der Hand mit der 
Gesammtkraft des Landes ihm entgegentreten durften; dort aber. 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


233 


wo die bewaffnete Macht, ist auch der Schwer punct der Kraft; dieser 
sollte jetzt verrückt werden und nicht zu Gunsten des Königthums. 
Das war der Sinn der ständischen ConfÖderation. 

Noch mehr, die Böhmen verlangten von Mathias zugleich das 
Versprechen, es solle fortan bei Lebzeiten des regierenden Königs 
kein Nachfolger designirt werden; was sie damit wollten, wird aus 
Folgendem klar. Die Monarchie, welche Ferdinand I. unter dem Ein- 
drücke der Schlacht bei Mohacz verhältnissmässig leicht begründete, 
konnte er nicht eben so leicht auf seine Nachkommen vererben, denn 
Böhmen und Ungern nahmen ihn zu ihrem Herrscher nur unter der 
Bedingung, dass er ihr Wahlrecht anerkannte. Dennoch gelang es 
seiner Klugheit, mit Berufung ahf alte Successionsgesetze, nament- 
lich die goldene Bulle, in Böhmen sich von dieser Bedingung frei zu 
machen , und ehe er starb , galt mit Ausnahme Ungerns der Übrige 
Theil der Monarchie als erblich. Um sicher zu gehen, hatte er bei 
Lebzeiten seinen Sohn Maximilian II. da als Erben , dort als Nach- 
folger durch Wahl anerkennen lassen, und so erbte sich durch 
gleich kluges Vorgehen unter gleichen Bedingungen die Monarchie 
von Maximilian auf Rudolf II. fort. 

Aber bei einer solchen Bewegung wie die der letzten Jahre, 
wo der Kaiser selbst die Erbfolge durch Begünstigung des Erzher- 
zogs Leopold umstossen wollte und der älteste Prinz des Hauses, 
Mathias, wenn auch gezwungen durch die dringendsten Erwägungen, 
sich an die Spitze der Rebellion stellen und seinen Bruder entfernen 
musste, wäre es mehr wie sonderbar gewesen, wenn sich nicht auch 
hie und da die Stände alter Rechte erinnert und sie geltend gemacht 
hätten. Die Österreicher konnten sich allerdings auf kein Ereigniss 
berufen, das für ein Wahlrecht plaidirte, desto mehr aber die Böh- 
men, welche sich den Anschein gaben, als ob das Wahlrecht stets 
von ihnen ausgeübt worden wäre und sonach keiner neuen Anerken- 
nung bedürfe. Um es aber wirklich ausüben zu können , wollten sie 
in vorhinein jedes Hinderniss dadurch wegräumen, dass sie ihrem 
künftigen König Mathias verwehren wollten , über die Nachfolge bei 
seinen Lebzeiten zu bestimmen, sei es auch nur, um die Stände zu 
einer freien Wahl aufzufordern. An Ungern glaubten sie zu sehen, 
dass der regierende König selbst in einem Wahlreiche Macht genug 
besitze, um die Wahl nach seinem Belieben zu lenken und so die 
Erblichkeit auf diese Weise einzuführen. Wenn aber der König 


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234 


G i n d e I y 


starb und kein Nachfolger bereits gekrönt war, dann fühlten sie sich 
sicher, dass keine Macht der Erde ihr Wahlrecht beeinträchtigen 
könne. Klar und offen lag es vor, dass die Sympathien der Stände 
vornehmlich dem Kurfürsten von. Sachsen galten und dass sie diesen 
auf den böhmischen Thron zu erheben wünschten. 

Was sollte Mathias solchen Forderungen gegenüber thun? Sollte 
er mit seinem Heere nach Österreich zurückkehren und auf die böh- 
mische Krone, die ihm unter so harten Bedingungen angetragen 
wurde, verzichten? Er konnte sicher sein, dass entweder Rudolf 
oder die böhmischen Stände noch immer einen Candidaten für die- 
selbe finden würden und dass sie dann nur um so sicherer für ihn 
verloren war. Seine Begleiter aus Österreich und Ungern sympathi- 
sirten mit den Böhmen; wenn er also Jemand Anderen, als seine 
machtlosen Käthe befragte, so hörte er sich nur zur Nachgiebigkeit 
gemahnt. Er fügte sich zuletzt in das Unvermeidliche und gab den 
ständischen Forderungen nach. Im Geheimen versprach er, sobald 
es die Zeit erlaube, einen General-Landtag <) in Böhmen zu berufen, 
der die Conföderation und ihre Modalitäten mit allen übrigen Län- 
dern der Monarchie berathen und zum Abschluss bringen sollte; 
auch gab er im vorhinein dem Principe der Conföderation seine Zu- 
stimmung. Eine Urkunde wurde dabei nicht unterzeichnet. In Bezug 
auf die Nachfolge gab er ein gleiches Versprechen ab: es sollte bei 
seinen Lebzeiten über einen Nachfolger nicht verhandelt werden, 
damit die Böhmen seiner Zeit sich ungehindert ihres Wahlrechtes 
bedienen könnten. 

Aus diesen von Mathias eingegangenen Verpflichtungen kann 
man im voraus vermuthen, womit die Regierungszeit dieses Herr- 
schers ausgefüllt war; von einer Seite suchten die Stände bei ihm 
die Erfüllung der geleisteten Versprechen, von der anderen Seite 
suchte Mathias von den verderblichen Consequenzen derselben und 
somit von ihnen selbst sich frei zu machen. So wie im Jahre 1608 
die Ungern sich an die Spitze der Bewegung stellten, weil sie 
zunächst dazu wegen der türkischen Angelegenheiten gedrängt wur- 
den, so stellten sich jetzt die Böhmen an die Spitze der Opposition, 
um die Conföderation um jeden Preis zu Stande zu bringen. 

*) Unter einem böhmischen General-Landtage verstand man einen solchen, bei dem 
neben den Böhmen auch die Vertreter von Mähren, Schlesien und der Lausitz 
erschienen. 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


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Mathias hatte bei seiner Krönung in Prag im Jahre 1611 zuge- 
sagt, dass er dem ersten Landtage, den er in Böhmen berufen werde, 
die Frage wegen der Conföderation vorlegen wolle. Der bald dar- 
auf erfolgende Tod seines Bruders, des Kaisers, nöthigte ihn nach 
Deutschland zur Kaiserwahl zu reisen, und da die deutsche Krone 
auf sein Haupt Gel, zur Berufung eines Reichstages nach Regens- 
burg, wodurch nicht weniger als zwei Jahre verflossen, ohne dass 
er den Angelegenheiten seiner Monarchie grössere Aufmerksamkeit 
zuwenden konnte. Gegen das Ende des Jahres 1613 trat jedoch für 
ihn ein Moment grösserer Ruhe ein, so dass die Berufung der Land- 
tage in allen seinen Besitzungen nicht länger hindanzuhalten war; er 
selbst, wie die Stände, hatten sich indessen auf einen heissen Kampf 
um ihre gegenseitigen Interessen vorbereitet. 

Wenn man den Charakter und die Handlungsweise des Kaisers 
Mathias unparteiisch beurtbeilt und namentlich sein versöhnliches 
und entgegenkommendes Benehmen gegen Böhmen in den Jahren 
1618 und 1619 berücksichtigt, so kann man über ihn keine 
andere Meinung haben, als dass er die Ruhe liebte und ihr jedes 
mögliche und mit dieser überhaupt verträgliche Opfer zu bringen 
bereit war. Wie hätte er also nicht wünschen sollen, mit den Stän- 
den in Eintracht zu leben, da er doch selbst ihre Macht mit seiner 
eigenen Ohnmacht am besten vergleichen konnte? Wenn er dennoch 
im Laufe der Jahre 1612 und 1613 den entschiedenen Beschluss 
fasste, die ständischen Conföderationen nicht zuzugeben und lieber 
einen Kampf auf Leben und Tod zu wagen, so konnte dieser Entschluss 
nur das Resultat der Überzeugung sein, dass er zu Grunde gehen 
müsse, wenn er sein Versprechen einlösen wolle. Er wusste dass die 
Conföderation nicht das letzte Wort der Stände sei, und das heimliche 
und laute Flüstern kleiner deutscher Fürsten, welche sich darüber 
unterhielten, wem wohl nach seinem Tode die einzelnen Länder der 
Monarchie zufallen würden, konnte ihn genug über die Wünsche der 
einen und die Befürchtungen der anderen aufklären. Kam es doch 
bereits in dieser im vorhinein als gewiss angenommenen Länder- 
theilung so weit, dass der vorsichtig eund furchtsame Jakobi, von Eng- 
land von dem Kurfürsten von der Pfalz , der eben um seine Tochter 
freite, zu verstehen gab, er dürfte wohl einmal die Krone von Böhmen 
die seinige nennen. Und dies wurde nicht im Geheimen gesagt, sondern 
so, dass der spanische Gesandte davon Kenntniss nehmen konnte. 


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236 


G i n d e I y 


Wenn sich aber Mathias gegen die drohenden Gefahren, die 
entweder seiner eigenen Regierung oder dem Erbrechte seines 
Hauses drohten, nicht anders zu schützen wusste, als dass er sein 
den Böhmen gegebenes Versprechen nicht einhielt, so musste er 
auch auf die Mittel bedacht sein, den kommenden Kampf aufzu- 
nehmen. Die österreichischen Stände hatten ihm selbst im Jahre 1609, 
die böhmischen Stände im selben Jahre seinem Bruder Rudolf ge- 
zeigt, dass sie sich in kürzester Zeit zu waifnen wüssten, ohne hiezu 
eben die Erlaubniss des Souverains nöthig zu haben. Wenn sie sich 
nochmals und ohne seine Erlaubniss waffneten, so war es um ihn 
geschehen, sobald er ihnen nicht selbst mit einem Heere entgegen- 
treten konnte. Wenn ein Arzt sich lange abmüht, die Ursache einer 
Krankheit zu entdecken, so glaubt er sie schon halb besiegt zu 
haben, wenn ihm dies nach vielen Versuchen und Untersuchungen 
endlich gelungen ist, denn nun kann er das entsprechende Heilmittel 
anwenden. Durch das ganze XVI. Jahrhundert waren den deutschen 
Habsburgern unablässig von den Protestanten Verlegenheiten bereitet 
worden und man hoffte immer, deren loszuwerden, wenn der Pro- 
testantismus unterdrückt wäre. Unzweifelhaft ist es Khlesl gewesen, 
der die Quelle der Gefahren für die Herrschaft seines Herrn nicht 
länger in dem abweichenden Glaubensbekenntnisse, sondern in dem 
Unahhängigkeitssinne des Adels suchte. Statt also mit Brevier und 
Rosenkranz ihnen entgegenzutreten und sich mit ihnen herumzustrei- 
ten, ob der Apostel Petrus Bischof von Rom gewesen sei oder nicht* 
hielt er die Aufstellung einer kleinen Armee für das erspriesslichste 
Bekehrungsmittel der Stände. Während er in Frankfurt mit der 
allergrössten Mühe den Widerwillen der geistlichen Churfürsten 
gegen die Wahl Mathias' zum Kaiser zu besiegen trachtete , liess er 
die böhmischen Angelegenheiten nicht ausser Acht, sondern suchte 
bereits die Mittel in Bereitschaft zu halten, mit denen der künftigen 
Gährung entgegengetreten werden sollte. Auch Mathias überzeugte 
sich schnell genug, dass nur eine starke militärische Stellung ihn 
retten könne, und so ward denn die Errichtung einer Armee am 
kaiserlichen Hofe als dasjenige angesehen, worin sich alle Bemühung 
concentriren müsse. Alle Räthe Mathias' waren in dieser Beziehung 
nur einer Meinung. 

Gewiss, bei dem gichtkranken Mathias, der mehr wie die Hälfte 
des Jahres mit Unwohlsein kämpfte oder bettlägerig war und der 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jshre 1614. 


237 


von seinem Bruder Rudolf einen guten Theil der Unschlüssigkeit 
geerbt hatte , war mit der Errichtung einer Armee kein anderer 
Zweck verbunden, als ruhig zu herrschen. Wenn seine Umgebung 
und einige der wichtigsten Personen am Hofe von dieser künftigen 
Armee nichts Geringeres hofften , als aus den österreichischen Län- 
dern ein zweites Spanien oder Frankreich 'zu machen, so war das 
weit mehr, als dem Kaiser auch nur zu träumen einfiel. Mathias 
hatte sehr wenig Geld, um eine Armee auszurüsten, und hatte er 
auch die deutsche Krone auf sein Haupt gesetzt, so durfte er von 
daher keine Unterstützung weder an Geld noch an Mannschaft 
erwarten. Seine einzige Hoffnung bildeten Philipp III. von Spanien 
und der Papst; an diese schickte er seine Gesandten Alexander 
Ridolfi und den Grafen Collalto. 

Bei Spanien bedurfte es nicht allzu vieler Bemühungen, um ein 
günstiges Resultat zu erlangen. Philipp III. war von den Nöthen 
seines Vetters vollständig überzeugt, denn die Berichte Balthasar’s 
von Züuiga, des spanischen Gesandten in Wien, verschafften ihm die 
genaueste Kenntniss der österreichischen Zustände. Zudem hatte 
Zuniga vom ersten Augenblicke an, seit er nach Österreich gekommen 
war, die Ursache der Ohnmacht aller österreichischen Regenten 
nur in ihrer wehrlosen Lage den Ständen gegenüber gesehen und 
selbst auf die Nothwendigkeit eines kleinen Heeres hingewiesen. 
Auch trug man sich in Spanien noch immer mit der Hoffnung, die 
Niederlande wieder zu gewinnen, und da man hiezu nicht selbst 
stark genug war, so hoffte man auf eine günstige Diversion von 
Seite des Kaisers ; man durfte also diesen um keinen Preis sinken 
lassen, da man sich seiner bei so weit gehenden Plänen bedienen 
wollte. 

Wollte Mathias sicher gehen, so musste er diesen Hoffnungen 
schmeicheln und die Erwartungen, die er selbst von der Aufstellung 
eines Heeres hegte, auf das Abenteuerlichste übertreiben. Ridolfi, 
mit der Mission nach Spanien betraut (1613), betrat diesen Weg, 
begnügte sich aber nicht, blos auf die Staatsmänner einzuwirken, 
sondern versuchte dem König selbst so nahe wie möglich zu 
kommen. Zwischen der deutschen und spanischen Linie der Habs- 
burger war trotz der Trennung durch Zeit und Länder doch eine 
innige verwandtschaftliche Anhänglichkeit nie erstorben und wurde 
namentlich durch die weiblichen Glieder der Familie gehegt und 


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gepflegt. Mathias legte desshalb durch Ridolfi der alten Erzherzoginn 
Margaretha, welche, in einem Kloster in Madrid lebend, ihre Zeit 
zwischen Gebeten, strengen Bussübungen und feurigen Wünschen 
für das Wohl ihres Hauses theilte, seine Angelegenheiten an’s Herz, 
überzeugt, dass sie bei dem Könige wirksam vorbitten würde. Auch 
der Jesuit Alphons Carillo, der lange Zeit in Österreich gelebt hatte 
und mit Mathias bekannt war, eine nicht unwichtige Person, wurde um 
seine Unterstützung ersucht; er entzog sie nicht , sondern übergab 
dem König ein Memoire, worin er auf das Wärmste die Bitte Mathias* 
befürwortete. Das Resultat aller dieser Bitten und Empfehlungen 
war, dass Philipp III. seinem Vetter versprach, sobald die Noth es 
erheische, 3000 Mann in der kais. Armee mit spanischem Gelde 
zu unterhalten, und überdies ihm eine jährliche Unterstützung von 
100.000 Gulden bewilligte, welche mit dem J. 161 3 bereits flüssig war. 

An den Papst Paul V., auf welchen Mathias, wie erwähnt, auch 
einen Theil seiner Hoffnungen stützte, wurde der Graf CoIIalto abge- 
schickt (1613). In der Audienz, welche der Papst dem Gesandten 
ertheilte, schilderte der letztere die Sachlage in Österreich: Die 
Anmassungen derTürken gingen so weit, dass sie sich Siebenbürgens 
zu bemächtigen suchten, was den Kaiser nöthige, zu waffnen; 
es komme nun Alles darauf an , ob er mit eigenen Mitteln ein Heer 
zu Stande bringen wolle, oder ob er sich desshalb an seine prote- 
stantischen Unterthanen wenden solle. Im ersten Falle stehe das 
Heer in seiner Macht, im zweiten Falle seien die Ketzer die Herren 
der Armee und er vollständig in ihrer Gewalt. Von dem Beistände 
Seiner Heiligkeit und anderer christlicher Fürsten hänge es nun ab, 
ob Mathias den einen oder den anderen Weg betreten werde. Klar 
sei es, dass wenn der Kaiser selbst das Heer aufstelle, so könne er 
den Türken nicht nur besser widerstehen, sondern er sei dann auch 
alleiniger Besitzer eines Heeres in Deutschland, könne sich dessen 
gegen die einheimischen Feinde bedienen und so ganz „wunder- 
bare Wirkungen“ mit demselben hervorbringen, und dies Alles 
sei so leicht ausführbar und zugleich so folgenreich, dass der Kaiser 
in gewisser Beziehung den Türken für ihre Anmassung noch dank- 
bar sein müsse, weil sie ihm Gelegenheit geben, zu waffnen, ohne 
dass die Ketzer einen Argwohn daraus schöpfen könnten. 

Paul V., welcher um diese Zeit auf dem päpstlichen Stuhle 
sass, hatte zur Maxime seiner Regierung ein gutes Einvernehmen 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


239 


mit dem Hause Habsburg gemacht, doch ging sein Eifer für dasselbe 
nicht weiter als fromme Wünsche reichen, denn seine persönliche 
Neigung war auf seine Familie gerichtet, welche er mit einem 
riesigen Vermögen auszustatten suchte. Drei Jahre vorher hatte 
die katholische Liga in Deutschland ihn gleicherweise um Unter- 
stützung gegen die protestantische Union ersucht und trotz 
aller Bitten war von ihm nichts anderes als Versprechungen zu 
erlangen. Damals gab man in Rom zu verstehen, der Papst könne 
nicht anders handeln, weil er sich sonst die Feindschaft Hein- 
riche IV. zuziehen würde; jetzt bestand dieses Hinderniss nicht 
mehr, aber der Papst war deshalb um nichts freigehiger. Er 
antwortete dem kaiserlichen Gesandten, er sei nicht in der Lage, 
jetzt eine Geldhilfe zu leisten, wolle sich aber nach Mitteln 
umsehen und verspreche etwas im folgenden Frühjahre (1614) 
zu thun. Collalto, vorbereitet auf diese Antwort, entgegnete: sei 
auch der päpstliche Stuhl nicht augenblicklich im Besitze der 
nöthigen Geldmittel, so würden sich doch noch Wege finden, die- 
selben durch irgend ein Auskunftsmittel herbeizuschaffen , und 
der Papst thäte gut, wenn er die ganze Angelegenheit einigen 
Cardinälen zur Begutachtung übergeben wollte. Gleichwohl ging 
Paul auch nicht auf diesen Vorschlag ein, denn die Auskunftsmittel 
zur Herbeischaffung von Geld konnten füglich keine anderen sein, 
als ein Anlehen oder eine Besteuerung der geistlichen Güter, 
welche beide Wege in Rom nicht geliebt wurden. Als nun Collalto 
nach fruchtlosen Bemühungen beim Papste seine Abschiedsaudienz 
nahm, wiederholte er nochmals seine frühere Darstellung der be- 
drängten Verhältnisse des Kaisers und protestirte dann gegen das 
Betragen des heiligen Vaters, ihn für die Folgen verantwortlich 
machend, wenn der Kaiser, von den Türken und Ketzern gleich- 
massig bedrängt, unterliegen sollte. Aber nicht mit dieser Prote- 
station sich begnügend, nahm er plötzlich jenen Ton an, dessen 
sich im Mittelalter allenfalls die Hohenstaufen bedienten, wenn 
sie sich im Kampfe mit der Kirche befanden. Er erinnerte den 
Papst nämlich daran, dass er kein Souverain über seine Besitzungen 
sei, sondern Lehen vom Kaiser besitze, und dass dieser in der Noth 
zur Einziehung solcher Lehen und ihrer Veräusserung schreiten 
werde. Dem Papste mag diese Drohung etwas abgeschmackt vor- 
gekommen sein, denn sie alterirte weder seinen Gleichmuth, noch 


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vermochte sie ihn zu der verlangten Unterstützung. Wie wenig 
indessen seine Behauptungen von der Erschöpfung des päpstlichen 
Schatzes der Wirklichkeit entsprachen , ergab sich daraus , dass in 
demselben Momente, wo der Kaiser für die Verwirklichung hoch- 
fliegender Pläne nur um 60.000 Ducaten vergebens bat, der Papst 
für seinen Neffen Güter um 300.000 Ducaten ankaufte. 

Zu der misslungenen römischen Gesandtschaft gesellte sich auch 
das völlige Misslingen des Reichstages von Regensburg im Jahrel613. 
Der Kaiser hatte von demselben eine Geldsubvention unter dem 
üblichen Titel „gegen die Türkeu“ erwartet, aber hierin sich ge- 
täuscht gesehen. Die protestantischen Stände, obenan die Union, 
waren darüber völlig einig, nie und nimmer dem Kaiser eine Steuer 
zu zahlen. Schon im Jahre 1608 und nun abermals brachen sie den 
Reichstag unter allerlei falschen Vorwänden ab; der einzig wahre 
Grund war aber der Entschluss, dem Kaiser nichts von dem Gelde 
herauszugeben, womit sie ihn selbst bekämpfen wollten. Mathias 
konnte höchstens bitt weise von den katholischen Reichsgliedern etwas 
erhalten. Bei solchem Mangel an Geld konnte nun keineswegs von 
einer Eroberungspolitik die Rede sein, mochten auch im kaiserlichen 
Cabinete immerhin noch einzelne Räthe kindischen Träumereien 
nachhängen. Es war jetzt mehr wie je eine gewandte Politik den 
österreichischen Ständen gegenüber nöthig, weil diese einiges, und 
mehr als der Wahrheit gemäss war, über die Absichten des Kaisers 
auf ein Heer in Erfahrung gebracht hatten. Ihre Aufmerksamkeit 
musste von den innern Angelegenheiten abgekehrt und auf einen 
andern Gegenstand gelenkt werden. Die Türken boten in dieser 
Beziehung einen nicht nur gewünschten, sondern auch begründeten 
Vorwand, die Ausbreitung ihres Einflusses über Siebenbürgen war 
eine unbestreitbare Thatsache und für die christlichen Völker 
jedenfalls mit hoher Gefahr verbunden. Wenn es nun dem Kaiser 
gelang, mit ständischer Hilfe ein Heer zusammenzubringen, dann 
waren allerdings nicht die von Collalto geschilderten Vortheile von 
demselben zu erwarten , aber es war doch einiges gewonnen, 
wenn sich die gesammten Völker Österreichs einem solchen Ziele, 
wie die Bekämpfung der Türken, zuwandten, denn je schneller und 
glänzender da die Resultate der Anstrengung waren, desto weniger 
konnten sie verfehlen, zur Erhöhung der kaiserlichen Auctorität 
beiz u tragen. 


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Der erste österreichische Reichstag so Linz im Jahre 1614. 


241 


Es bedurfte wahrlich eines köhnen und an Hoffnungen reichen 
Geistes, der von den Ständen ein bereitwilliges Eingehen auf die 
Türkenfrage erwarten konnte; dennoch musste der Versuch gemacht 
werden, wenn man die Berathungen über die Conföderation in die 
Ferne schieben oder den unvermeidlichen Bruch aufhalten wollte. 
Man entschied sich im kaiserlichen Cabinete, die Landtage aller 
Länder zu berufen und sie einzeln aufzufordern, an der Bildung eines 
Heeres theilzunehmen, das gegen die Türken verwendet werden 
sollte. Den Anfang mit Berufung der Landtage beschloss der Kaiser 
in Böhmen zu machen , da dieses Land die wichtigste Provinz der 
Monarchie war, denn Ungern, welches ihm ehedem diesen Rang 
streitig machte, lag mit seinen schönsten Theileii zu den Füssen der 
Türken und war seit beinahe 100 Jahren den übrigen Ländern nur 
von seiner jämmerlichen Seite bekannt. Es gehörte eine nur durch 
die Noth begreifliche Entschlossenheit dazu, wenn Mathias zuerst 
es gerade mit jener Provinz aufnehmen wollte, welcher er ein Ver- 
sprechen gegeben, das er nicht mehr erfüllen wollte. Gegen Ende 
des Jahres 1613 reiste er nach Tabor, beschied dahin die obersten 
Beamten Böhmens und machte sie auf die Nothwendigkcit der Be- 
rufung eines Landtages aufmerksam. Da in Prag um diese Zeit die 
Pest wüthete, so verglich man sich dahin, dass der Landtag in Bud- 
weis tagen solle. Kaum hatte sich die Nachricht davon in Böhmen 
▼erbreitet, als sich im Lande die grösste Aufregung kund that; fast 
der ganze Adel erklärte im ersten Augenblick, er werde nicht nach 
Budweis gehen; man frug sich, warum denn nicht ein General-Landtag 
berufen worden sei, man misstraute der Stadt Budweis, weil sie ganz 
katholisch war, vor Allem aber regte die Nachricht auf, der Kaiser 
habe den obersten Beamten erklärt, der Landtag müsse sich mit der 
Bewaffnung beschäftigen, damit ein Feldzug wegen Siebenbürgens 
unternommen werden könne. Also war die Befürchtung, die man seit 
Jahr und Tag hegte, Mathias wolle eine Armee aufstellen und die 
ständische Verbindung nicht zugeben, endlich wahr geworden. Es 
gab vielleicht keine Zeit, ausser dem Jahre 1618, wo die tiähruug 
in Böhmen einen so hohen Grad erreicht hatte, wie in diesem Augen- 
blicke. Man war geneigt , einen Aufstand zu organisiren , aber die 
Dinge waren nicht reif, da ohne fremde Hilfe die Böhmen nicht auf- 
kommen konnten; nun war aber auf die stets bereiten Unterstützer 
jedes Aufstandes, den Kurfürsten von der Pfalz und den König 

Sitzb. der phil.-hist. CI. XL. Bd. II. HR. jg ' 


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242 


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von Frankreich, nicht, zu rechnen, denn der erste war minder- 
jährig, der zweite ein Knabe von kaum acht Jahren., 

Bei diesem Mangel an hinreichender Vorbereitung und bei der 
Unwahrscheinlichkeit auswärtiger Hilfe kam der Landtag in Budweis 
dennoch zu Stande, und wenn auch nicht so zahlreich wie sonst 
besucht, konnte man doch die Versammlung nicht für ein Rumpf- 
parlament ansehen, um so weniger, als die bedeutendsten Häupter 
der Opposition: Schlick, Thurn, Fels und Andere, sich einfanden. 
Der Kaiser erschien mit einem stattlichen Gefolge; in seiner 
Begleitung war der belgische General Graf Buquoy, der bis dahin 
in spanischen Diensten gestanden war und von dem man sich in die 
Ohren raunte, dass er zun) Commandanten über die künftige öster- 
reichische Armee ausersehen sei. Um diese Zeit waren die spanischen 
Truppen und ihre Anführer, welche in Belgien stationirt waren, die 
kriegsgeübtesten in Europa und ihr Ruf war selbst noch glänzender 
als ihre Kriegsthaten. Einen im spanischen Dienst geschulten General 
zu berufen, wurde natürlicher Weise in Böhmen nicht anders, denn 
als eine neue Drohung angesehen, und das Betragen der Katholiken 
selbst gab hiezu nicht geringe Veranlassung. Die Jesuiten, welche 
man, obwohl sehr mit Unrecht, als die Mitwisser aller Geheimnisse 
des kaiserlichen Cabinets ansah, Hessen dem General zu Ehren ein 
Schauspiel in Budweis aufführen, welches verblümt und unverblümt 
andeutete, was die Katholiken in Bezug auf die österreichischen 
Länder von ihm hofften und erwarteten. 

Dem am 29. Januar 1614 in Budweis eröfTneten Landtage wurde 
die bedrohliche Lage der Dinge in Ungern auseinandergesetzt und 
daran die Forderung geknüpft, die Stände sollten die Kosten zu 
Unterhaltung von 6000 Maun zu Fuss und 2000 Reitern tragen, 
ausserdem aber einen Beitrag zur Instandhaltung der ungrischen 
Grenzfestungen leisten und endlich die Bezahlung der königlichen 
Schulden auf sich nehmen. Wenn die übrigen Länder nach gleichem 
Massstabe das Heer vergrösserten, wie dies jetzt den Böhmen zuge- 
muthet wurde, so musste selbst mit Ausschluss der inner- und vor- 
derösterreichischen Länder eine Armee von 30.000 Mann zu Stande 
kommen, ungerechnet die Mannschaft, welche Mathias auf eigene 
Kosten ausrüstete und welche mit spanischem Gelde gezahlt wurde. 
Dies konnte eine Armee werden, wie man sie seit Menschengodenkeu 
nicht mehr in Österreich gesehen hatte. 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 243 

Jetzt musste der erste Zusatnmenstoss erfolgen, wenn anders 
die Stände ihre Wünsche auf eine allgemeine Conföderation nicht 
aufgahen oder des ihnen von Mathias gethanen Versprechens nicht 
vergessen hatten. Dies war nun nicht der Fall, und statt auf die 
Berathung der königlichen Propositionen einzugehen, fassten die 
Stände den Beschluss, sieh vorerst darüber zu berathen, was denn 
bezüglich der Conföderation zu geschehen habe. Da sich diesem 
oppositionellen Schritt alle Räthe des böhmischen Hof- und Kammer- 
gerichtes anschlossen, wurden sie desshalb vor den Kaiser berufen, 
der sie persönlich wegen ihrer Haltung zur Rede stellte. Die Mehrzahl 
der so Getadelten schwieg, einige entschuldigten sich und erklärten, 
sie seien nicht im mindesten gewillt gewesen , dem Kaiser nahe zu 
treten, nur Wenzel von Ruppa blieb fest und erwiederte: er sei 
durch sein Amt nicht blos dem König, sondern auch dem Lande ver- 
pflichtet. Die Opposition fühlte sich dadurch gekräfligt und der 
Landtag beharrte auch fernerhin auf dem eingeschlagenen Wege, 
indem er dringend nach der Auflösung und nach der Berufung eines 
General-Landtags verlangte. Auch ein zweiter Versuch des Kaisers, 
die Opposition dadurch zur Nachgiebigkeit zu bringen, dass er die 
vornehmsten Häupter derselben, den Grafen von Schlik, Wenzel 
von Ruppa und Wilhelm von Lobkowitz zu sich berief und sie per- 
sönlich zur Berücksichtigung seiner Wünsche aufforderte, hatte nur 
eioen höchst unvollkommenen Erfolg. Die Stände liessen zwar in 
Folge dieses Entgegenkommens von ihrer schroffen Haltung etwas 
nach, verlangten nicht mehr nach Auflösung, allein sie zeigten sich 
nur erbötig, dem Kaiser in seinem dringendsten Bedürfnisse zu helfen 
und bewilligten desshalb die fernere Erhebung der Bier- und Häuser- 
steuer. Aber damit hatte auch ihre Nachgiebigkeit ein Ende, weder 
wollten sie etwas von einer Übernahme der Schulden, am aller- 
wenigsten aber von der Ausrüstung der ihnen zugerputheten8000 Mann 
etwas wissen. Zu allem dem musste Mathias selbst diese so eng 
begrenzte Bewilligung theuer genug bezahlen, er musste nämlich 
den Ständen einen Revers ausstellen, dass er nunmehr sicher einen 
General-Landtag längstens bis zum Monat Januar 1615 berufen und 
dass er diesem vor Allem die Berathung und Iuslebeofübrung der Con- 
föderation mit Gewissheit vorlegen werde. 

Während der Verhandlungen im Landtage waren mit Ausnahme 
Ruppa's von der Opposition nur die Gestirne zweiten Ranges, wie 

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Stephan von Sternberg, Graf Schlik und Wilhelm von Lobkowitz in*s 
Gefecht geschickt worden. Thurn und Budovec, dann in zweiter 
Linie Leonhard von Fels, waren vorsichtig im Hintergrund geblieben, 
brüteten aber über desto verwegeneren Plänen. Erst nachdem die 
Stände sich so weit hatten besänftigen lassen, dass sie den kaiser- 
lichen Wünschen, wie eben erzählt, nachzugeben sich entschlossen, 
traten Thurn und Fels in den Vordergrund. Beide hatten eine Schrift 
entweder selbst entworfen oder sich entwerfen lassen, welche, an 
den Kaiser gerichtet, diesen von der Absicht eine Armee aufzustellen 
abbringen sollte. Am 26. Februar erlangten sie eine geheime Audienz 
bei Mathias und unter Versicherungen ergebenster Treue überreichten 
sie ihm ihre schriftliche Vorstellung blos in ihrem beiderseitigen 
Namen. Ohne gerade offen in derselben dem Kaiser von der Werbung 
einer Armee abzurathen, weil die Stände dies als eine Kriegserklärung 
gegen sich betrachten würden , deuteten sie doch unverblümt darauf 
hin, dass die Werbung den Kaiser den Verlust aller Kronen kosten 
dürfte. Jedes neue Kriegsheer würden die Stände so misstrauisch 
wie ehemals das Passauische betrachten, sie würden von demselben 
befürchten, dass es die Länder bedrücken, vor Allem aber, dass es die 
Freiheit bei der Königswahl unterdrücken solle. Mit ironischer 
Schmeichelei hiess es dabei: Sei. doch gegen das Passauer Volk nur 
mit höchster Anstrengung des Landes das Feld behauptet und die 
Freiheit der W ahl, welcher Mathias seine Krone danke, ge- 
sichert worden. Auch darauf wurde der Kaiser aufmerksam gemacht, 
dass wenn er selbst auf eigene Kosten Truppen werben wollte, er 
dies ohne Bewilligung der Stände weder thun, noch die geworbenen 
irgendwo einquartieren, noch auch nur durchmarschiren lassen dürfe. 
Und um alle Gründe für die beabsichtigte Werbung wegzuräumen, 
nahmen Thurn und Fels keinen Anstand , dem Kaiser den Rath zu 
geben, sich wegen Siebenbürgens keine Sorgen zu machen, das- 
selbe sich selbst zu überlassen, denn wegen der entfernten Lage 
dieses Landes habe man gar keine HofTnung auf nachhaltige Ver- 
teidigung desselben, und überhaupt sei Alles verloren, sobald man 
sich von der „lieben Mutter w , der Donau, entferne. 

Gewiss ist, dass der Kaiser beim Empfange, dieser Schrift 
weniger durch die Opposition gegen die Aufstellung eines Heeres, 
als mehr noch durch die höhnische Hinweisung auf das böhmische 
Wahlrecht gereizt worden sein mochte. Damals trug er sich noch 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


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stark mit der Hoffnung, von seiner Frau Nachkommenschaft zu 
erhalten; der beleidigte Stolz und das verletzte Familiengeföhl konnten 
ihn natürlich nicht zu einer günstigen Aufnahme der thurnischen 
Schrift bewegen und er musste durch dieselbe nur um so mehr in 
der Vorstellung bestärkt werden, dass es für ihn und seine Familie 
ohne Verminderung der ständischen Macht keine Sicherheit mehr 
gebe. Was würde er erst gesagt haben , wenn er um die Verhand- 
lungen gewusst hätte, welche einige Wochen nach dem Schlüsse 
des Budweiser Landtags Thum, Schlick und sogar Wenzel Kinsky 
mit dem Kurfürsten von Sachsen anknüpften. Durch einen Agenten, 
welchen dieser in Prag unterhielt, Hessen sie ihm sammt und sonders 
entbieten, sie wollten völlig mit dem Hause Habsburg brechen und 
ihm die Krone von Böhmen antragen. Die Schwerfälligkeit und auch 
die Rechtlichkeit des Kurfürsten waren Ursache, dass dieser Antrag 
vorerst keine Folgen hatte. 

Bei Gelegenheit des Budweiser Landtages trat zum ersten Male 
die Absicht des Kaisers, einen Reichstag, oder wie man dies damals 
bezeichnete, einen Generalconvent nach Linz zu berufen, offen her- 
vor. Im Laufe der Debatten wurde an die böhmischen Stände das 
Ansinnen gestellt, einen Ausschuss aus ihrer Mitte zu wählen, der in 
dem Generalconvent die Kriegsfrage mit beratheri helfen sollte. Die 
Stände lehnten diese Forderung völlig ab; das, was der Kaiser in 
Linz verhandeln lassen wolle, könne er eben so gut am General- 
Landtage in Prag anbringen. Sie waren nicht absolut gegen eine 
gemeinschaftliche Berathung mit den Landtagsausschüssen anderer 
Länder eingenommen und konnten es auch nicht sein, denn da zu 
su dem künftigen General-Landtage in Prag nicht blos die Länder der 
KroneBöhmen, sondern auch Vertreter aller übrigen Provinzen berufen 
werden sollten, so war da auch ein Generalconvent beisammen. Ein 
Prager Generalconvent war desshalb den Böhmen genehmer, weil der 
Kaiser vermöge des eben ausgestellten Reverses genöthigt war, daselbst 
zuerst die Conföderationsfrage erörtern zu lassen; in Linz dagegen 
war er an seinen Revers nicht gebunden und konnte seiue eigenen 
Wunsche den Ständen zur Berücksichtigung empfehlen. Gegen die 
Berufung aller österreichischen Stände an einen Ort wurde also von 
keiner Seite ein Widerspruch erhoben, die Differenz bestand allein 
bezüglich des Gegenstandes der Berathung: die Stände wollten ihre 
Angelegenheiten, der Kaiser die seinigen berathen wissen. 


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Wann die Idee, einen Generalconvent nach Linz za berufen, 
zuerst im Cabinete des Kaisers aufgetaucht ist, wissen wir nicht zu 
sagen ; weder die Acten des Wiener Archives, noch die Berichte des 
spanischen Gesandten geben darüber genügende Aufschlüsse. Wahr- 
scheinlich ist jedoch, dass der üble Verlauf des Budweiser Land- 
tages auf die Frage bringen konnte, ob denn nicht eine allen 
Landtagen vorzulegende Angelegenheit besser in Gemeinschaft als 
getrennt berücksichtigt werden dürfte. Manche von den Räthen 
erschraken vor einem Generalconvent und meinten, der Kaiser biete 
selbst Hand zu den Verschwörungen und Bündnissen der Stände, 
wenn er sie Zusammenkommen lasse. Auch der spanische Gesandte 
war dieser Ansicht und glaubte, dass ein Generalconvent die Aucto- 
rität des Kaisers beeinträchtige und dass derselbe gemeinsame 
Angelegenheiten aller Länder, wie z. B. die über Krieg und 
Frieden, nicht durch ihren Beirath, sondern nur allein entscheiden 
dürfe. Dennoch entschied sich der Kaiser für die Berufung des 
Generalconvents. Die Gefahr von den Türken war unbestreitbar da, 
und wenn Siebenbürgen in’s Bereich ihrer Macht gezogen wurde, 
so konnte dies gewiss nicht tröstlich und beruhigend auf die Öster- 
reicher, Steirer und Andere wirken. Wer einen höhern Werth darauf 
setzte, vor türkischer Unterjochung sicher zu sein, als dem Hause 
Habsburg gegenüber das ständische Wahlrecht aufrecht zu erhalten, 
konnte nicht im Zweifel sein, dass er mit aller Kraft Mathias zu 
unterstützen habe. Was Mathias nicht am Landtage von Böhmen oder 
von Mähren oder von Ungern einzeln erlangen konnte, war vielleicht 
nicht so ganz unmöglich, auf einem Reichstage durchzusetzen. Mit 
Hilfe der kleinen Provinzen, die fast sammt und sonders in Hader 
mit den grossen lebten, konnten die besten Resultate erlangt werden. 
Dass dem Cardinal Khlesl, dem Urheber dieses wichtigen Entschlusses 
die Absicht vorgeschwebt haben sollte, mit dem Linzer Reichstage 
eine Art von Reichsparlament zu inauguriren, darüber gelang es uns 
nicht, die leiseste Spur in den Archiven ausfindig zu machen; es 
hiesse aber den staatsmännischen Blick dieses Mannes sehr gering 
schätzen, wenn man nicht annehmen wollte, dass er bei der Linzer 
Versammlung Pläne für die Zukunft gefasst oder wenigstens Träume- 
reien sich hingegeben haben sollte, wie unter den Ländern der 
Monarchie eine wirksame Verbindung errichtet werden könnte. 
Träume von Staatsmännern bleiben aber nie ohne Einfluss auf ihre 


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Der erste österreichische Reichstag tu Linz im Jahre 1614. 


247 


Handlungsweise. Vor 200 Jahren war es in gewisser Beziehung weit 
leichter, sich mit solchen Einigungsplänen zu tragen, da die sprach- 
liche Verschiedenheit durch die vermittelnde Einwirkung des lateini- 
schen Idioms nicht so schroff hervortrat und damals noch jene 
Reiche, welche heutzutage als Muster von Gcsammtstaaten dastehen, 
Frankreich, Grossbritannien und Irland, ja Spanien selbst in ihrem 
Schoosse die unausgeglichensten Gegensätze trugen. 

Nach dem Schlüsse des böhmischen Landtags wurden also in 
Eile die übrigen Landtage der Monarchie berufen und ihnen gleicher- 
weise die Forderung des Kaisers wegen eines aufzustellenden Heeres 
▼orgetragen. Alle waren mehr oder weniger schwierig, aber doch 
auch verhältnissmässig sammtund sonders nachgiebiger wie Böhmen. 
An alle wurde auch die Forderung gestellt, Ausschüsse aus ihrer 
Mitte nach Linz abzuschicken. Bezüglich Böhmens befand sich der 
Kaiser in nicht geringer Schwierigkeit, da der Landtag von Budweis 
jede Sendung nach Linz abgelehnt hatte. Er half sich zuletzt damit, 
dass er den Statthaltern, den Beisitzern des Landsrechts, des Hof- 
und Kammergerichtes, so wie endlich den Defensoren den Befehl 
ertheilte, einen Ausschuss aus ihrer Mitte zu wählen und nach Linz 
zu schicken. Wahr ist, dass die genannten Räthe, so wie die Defen- 
soren alle Häupter der katholischen und protestantischen Partei in 
sich vereinten und nahezu die Hälfte der gewöhnlic hen Mitglieder- 
zahl des Landtages umfassten, aber trotz ihres moralischen Ansehens 
und ihrer Anzahl waren sie doch nicht der Landtag. Der Kaiser 
erreichte indessen seinen Zweck, da auf seinen Befehl eine Deputa- 
tion nach Linz abgefertigt ward ; sie bestand aus sieben Personen, 
darunter Adam von Waldstein, 'Wilhelm Slawata, dem Grafen von 
Thurn, Colonna von Fels und Johann von Klenau. 

Am anhänglichsten waren der kaiserlichen Familie jene Län- 
der, welche unmittelbar unter der Herrschaft der Erzherzoge Maxi- 
milian und Ferdinand standen, also Vorder- und Innerösterreich. Der 
Kaiser galt, als ältester Prinz der deutschen Linie, auch in diesen 
Ländern als der oberste Herr, abgesehen von seiner Stellung als 
Kaiser, und es entstand desshalb darüber kein Zweifel, dass man 
auch Ausschüsse aus Tirol, Steiermark u. s. w. zu berufen habe, um so 
mehr, da man sich auf ihre Ergebenheit verlassen konnte. Der Tiroler 
Landtag, aufgefordert einen Ausschuss zu wählen, that dies, theilte 
aber die Besorgnisse des spanischen Gesandten und widerriet 


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G i n d e 1 y 


den Generalconvent; es könnte nämlich in Linz leicht die Verhand- 
lung einen Gang nehmen, der nichts weniger als dem Kaiser genehm 
sein dürfte. Besser wäre es, wenn 'Mathias Vertrauens- 
personen aus den einzelnen Ländern, katholische wie 
protestantische, beriefe und einer solchen aus seiner 
eigenen Wahl hervorgegangenen Versammlung die Er- 
örterung über die einzuschlagende Politik überliesse. 

Dies konnte nun nicht mehr geschehen, so naheliegend auch 
immer die von den Tirolern angedeutete Gefahr sein mochte, es 
blieb dabei, dass die Ausschüsse in Linz Ende Juli (1614) Zusam- 
menkommen sollten. Der Versammlung sollte der grösste Glanz und 
die grösste Bedeutung gegeben werden, desshaib berief der Kaiser 
dahin seinen Bruder, den Erzherzog Maximilian, und seinen Vetter, 
deu Erzherzog Ferdinand. Auch Spanien und Belgien, von Mit- 
gliedern derselben Dynastie beherrscht, sollten vertreten sein. Für 
Philipp III. sollte der Gesandte Balthasar von Züuiga, für Erzherzog 
Albrecht der Graf Buquoy als Stellvertreter auf dem Generalconvent 
sich einfinden. Es konnte wohl nicht besser angedeutet werden, 
dass die Habsburger alle ihnen unterthanen Länder, wenn auch 
mehrfach getheilt, als einen gemeinsamen Besitz ansahen, eine An- 
schauung, die man da am stärksten hervortreten lassen mochte, wo 
sie am heftigsten angefeindet war. 

Anstatt dass der Generalconvent schon Ende Juli zusammen- 
getreten wäre, fand seine Eröffnung erst am 11. August Statt. Theils 
waren die Ausschüsse später erschienen, so zum Beispiel die schle- 
sischen erst am 9. August, theils waren unter den Erschienenen 
selbst Streitigkeiten ausgebrochen, die erst geschlichtet werden 
mussten. Die Vertreter von Steiermark, Kärnten und Krain ver- 
langten nämlich bei den Sitzungen den Vorsitz vor den Österreichern 
und unterstützten ihre Ansprüche damit, dass sie auf das höhere 
Alter ihres Herzogstitels hinwiesen. Aus einem ähnlichen Grunde 
verlangten auch die Mährer vor den Österreichern den Vorrang. 
Diese wiesen sowohl die ersteren wie die letzteren mit ihren For- 
derungen ab; gegen die Steirer erklärten sie, ihnen den Vorsitz 
nur irn eigenen Lande gestalten zu wollen, so dass also bei gemein- 
schaftlichen Zusammenkünften die Österreicher in Österreich, die 
Steirer in Steiermark den Vorrang haben sollten. Mit diesem Vor- 
schlag ward der Streit geschlichtet. Den Mährern wollten die öster- 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


249 


reicher nur dann den Vorrang einräumen, wenn sie im Vereine mit den 
Böhmen sitzen und stimmen würden, anders nicht. Die Mährer 
wollten zwar nichts davon wissen , brachten auch den Streit an den 
Kaiser, allein sie konnten keine bessere Entscheidung erlangen, da 
dieser nach anfänglicher Weigerung über den Streit zu richten 
zuletzt sein Missfallen den Mährern bezüglich ihrer Prätensionen zu 
erkennen gab. Die Vertreter der Ungern und Croaten waren zeitig 
genug erschienen. — Am 11. August um ein Uhr Nachmittags fand 
die feierliche Eröffnung des Reichstages endlich Statt. Sämmtliche 
Gesandten, etwas über 70 an der Zahl, wurden in einen Saal 
beschieden, wo sie den Kaiser an eine Tafel gelehnt trafen, umgeben 
von beiden Erzherzogen, von Züniga und Buquoy und dem Reichs- 
Vicekanzler Ulm. Der Letztere ergriff im Namen des Kaisers zuerst 
das Wort, erörterte in einer längeren Rede die Gründe, welche zur 
Berufung der Versammlung Anlass gegeben , worauf Mathias selbst 
den Inhalt des Vortrages in einigen Worten recapitulirte und dann 
die beiden Erzherzoge ersuchte, den weiteren Verhandlungen unaus- 
gesetzt beizuwohnen und ihnen zu präsidiren. Hiermit war das Cere- 
moniell der Eröffnung zu Ende. Der Kaiser entfernte sich und die ganze 
Versammlung begab sich mit ihren Präsidenten an der Spitze in den 
Speisesaal des Erzherzogs Maximilian, um da die Verhandlungen zu 
beginnen. In einem ausführlichen Vortrage wurde dem Generalconvent 
derStand der türkischen Angelegenheiten mitgetheilt. Es wurdedarauf 
hingewiesen, dass durch den gegenwärtigen Fürsten von Siebenbür- 
gen, Bethlen Gabor, dieses Land förmlich in türkische Botmässigkeit 
gefallen sei, dass jedoch bei den Siebenbürgern selbst der Wunsch 
vorherrsche, sich an die Christenheit anzuschliessen und dass sie 
desshalb Gesandte an den Kaiser abgeschickt hätten. Was die Türken 
selbst betreffe, so begnügten sie sich nicht nur nicht mit dem neu- 
erworbeneu Einflüsse in Siebenbürgen, sondern sie verlangten sogar 
vom Kaiser die Abtretung einiger ungrischen Grenzfestungen und 
verletzten übrigens durch zahlreiche Streifzüge den Frieden. Diesem 
allem entsprechend wurden den Ständen mehrere Fragen vorgelegt, 
die sich auf folgende Puncte reducirteu: 1. Ob man den Türken 
ungestraft die Verletzung des Friedens hingehen lassen dürfe, und 
ob nicht die Stände als dessen theilweise Garanten auch dessen Auf- 
rechthaltung über sich nehmen wollten. 2. Wie es mit Siebenbürgen 
zu halten, ob dasselbe den Türken überlassen werden solle oder nicht. 


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250 


G i ii d e I y 


Nach Ablesung dieser Propositionen endigte um vier Uhr Nachmittags 
die erste Versammlung des Generalconvents. Die Ausschüsse ent- 
fernten sich, um Jeder für sich ein Gutachten abzugeben. 

Nichts zeigte bis dahin , dass die Linzer Versammlung in ihren 
Berathungen eine andere Bahn betreten wollte, als die vom Kaiser 
verzeichnete ; aber ob die Ausschüsse den Wünschen des Kaisers 
entsprechend beschliessen würden, war eine andere Frage. Das 
Meiste hing von den Ungern ab. Diese, die steten Berichterstatter 
überdas Thun und Treiben derTürken, mussten am besten die Grösse 
der Gefahr erkennen, welche ihnen von denselben drohe und unter 
allen Umständen empfanden sie auch am härtesten die Schrecken des 
Krieges. Wenn sie auf die Bewaffnung und Hilfeleistung der übrigen 
Provinzen drangen , so konnten sie allenfalls verdächtigt werden, dass 
sie die Kriegsgefahr übertrieben , und es konnte behauptet werden, 
dass die Türken selbst an keinen Krieg dächten. Aber in dem Falle, 
dass die Ungern selbst keine Sorge vor dem Kriege an den Tag 
legten, dass sie zur Einhaltung des Friedens um jeden Preis rieten, 
mussten sie nicht blos als unverdächtige Zeugen gelten, sondern ihre 
Meinung auch das grösste Gewicht haben, da die Ungern selbst 
am besten wissen mussten, was ihnen fromme. 

Nun heisst es aber, dass die Ungern mit den Türken um diese 
Zeit ein Einverständniss unterhielten und dass sie sonach sich vor 
den Letzteren sicher wähnten. Der spanische Gesandte war es, der 
dieses nach Hause berichtete, und nichts ist wahrscheinlicher, als 
dass diese Nachricht in Bezug auf einige der ungrischen Häuptlinge 
ihre volle Richtigkeit hat. Die Türken waren um diese Zeit im Innern 
bereits so zerrüttet, dass sie gieriger als je nach der Unterstützung 
ungrischer und siebenbüi gischer Magnaten suchten, überzeugt, dass 
es stets Ehrgeizige genug geben würde , welche die Zerrüttung in 
ihrem Vaterlande zu einem permanenten Zustande machen würden. 
Bei der angedeuteten Schwäche des türkischen Reiches war es den 
Ungern nicht uriverborgen, dass jeder von Seite des Kaisers energisch 
geführte Krieg den christlichen Waffen und dem Kaiser zum Vortheil 
gereichen würde. Aber des Kaisers Macht zu vergrössern, dagegen 
wehrten sich die Ungern mit gleicher Beharrlichkeit wie die Böhmen. 

Dennoch durften die Ungern die Gunst des Kaisers nicht so 
leicht verscherzen. Die stolze Nation wünschte zwischen Kaiser und 
Sultan in behaglicher Unabhängigkeit zu leben; hiezu bedurfte es 


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Der erste österreichische Reichstag zu Linz im Jahre 1614. 


251 


aber doch einigen Schutzes gegen den Letzteren. Gegen die türkische 
Grenze erhob sich in Ungern eine Reihe von Grenzfestungen, welche 
fast grössere Dienste im Frieden als im Kriege leisteten. Durch 
diese Festungen wurden nämlich die selbst im Frieden nie unter- 
brochenen Streifereien der Türken im Zaum gehalten, Repressalien 
ermöglicht und überhaupt die ungrische Grenze davor bewahrt, dass 
sie bis tief in’s Innere völlig entvölkert wurde. Die Grenzfeslungen 
im Stande zu halten und mit genügender Truppenmacht zu versehen, 
dazu waren die Ungern platterdings zu arm. Unabsichtlich hatten des 
Kaisers Vorfahren in dieselben theilweise deutsche und slavische 
Besatzung gethan, hatten auch hie und. da einem Fremden das 
Commando übergeben, bis sie durch die periodisch wiederkehrenden 
Aufstände in Ungern veranlasst wurden , das, was sie früher nur 
zufällig thaten, mit Absicht zu thun. Denn nur die Festungen, welche 
überwiegend fremdes Militär hatten und in denen ein Fremder 
commandirte, waren für den Kaiser sicher; die Treue aller übrigen 
hing von Umständen ab. Was die Ungern also auf dem Linzer Con- 
vente zu erreichen suchten, war folgendes. Sie wünschten die 
Grenzfestungen in ihre Gewalt zu bekommen , und hiezu sollte der 
Generalconvent die Hand bieten, damit dasjenige Geld, welches 
Jahr aus Jahr ein die gesammten Länder auf die Festungen dem 
Kaiser zahlten, unmittelbar in ihre Hände käme. Man sieht, die 
Ungern wollten sich mit Hilfe des Kaisers die anderen Provinzen 
tributär machen* dem Kaiser aber in seinen Wünschen keineswegs 
entgegenkommen. 

Diesem allem entsprach die Antwort, welche die Ungern auf die 
kaiserlichen Propositionen abgaben. In höchst blumenreicher Sprache 
erzählten sie zuerst alle ihre Leiden, die seit dem Abschlüsse des 
Friedens von Szitva-Torok sie getroffen, und gaben zu, dass derselbe 
von den Türken unablässig gebrochen werde. Nichtsdestoweniger 
rieten sie zu keinem Krieg, sondern nur zur Absendung einer 
Gesandtschaft an den Sultan, damit dieser zurEinhaltung des Friedens 
gemahnt werde. Die Hauptsache aber war, dass sie offen erklärten, 
sie wollten in ihre Grenzhäuser weder deutsche Soldaten, noch 
deutsche Befehlshaber, überhaupt keine Volks- sondern nur eine 
Geldhilfe haben. Es sei nicht ihre Absicht damit die Deutschen zu 
beleidigen, da sie deren Tapferkeit in vielen Schlachten, die sie ver- 
eint mit ihnen geschlagen, kennen gelernt hätten, aber gewiss sei 


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0 i n d e I y 


es, dass die Unbilden, welche die Umwohner der Grenzfestungen 
?on fremden Soldaten erfuhren, arg seien. Bezüglich Siebenbürgens 
rieten sie dem Kaiser, durchaus nichts zu thun, was die Türken zu 
einem Angriffe reizen könnte. 

Die Ungern waren nicht die ersten, welche ihr Votum abgaben, 
aber es ist nicht zu zweifeln, dass die übrigen Deputirten schon im 
vorhinein um den Inhalt wussten und dass sie in ihrer Antwort da- 
durch wesentlich beeinflusst wurden. Nichtsdestoweniger fehlte es 
nicht an ergebenen Beistimmungen der Stünde. Obenan die Lausitzer, 
an deren Spitze Heinrich yon Gersdorf stand. Ohne Scheu und Rück- 
halt sprachen sie sich nach den Wünschen des Kaisers über die 
schwebenden Fragen aus. Erwarteten sie gleich vom Kaiser, dass er 
für den Frieden thätig sein werde, so erachteten sie auch die 
Kriegsgefahr für so gross, dass sie nicht umhin konnten, den Kaiser 
zu mahnen, alsogleich ein Heer von 9000 Mann aufzustellen, das 
nach Bedürfnis verdoppelt und verdreifacht werden könnte. Es 
werde zwar eifrig herumgetragen, dass, wenn einmal ein solches 
Heer aufgestellt wäre, der Kaiser sich dessen gegen die Bekenner 
der augsburgischen Confession bedienen könnte, „solchen lieder- 
lichen und falschen Suspitionen sei aber nicht nachzuhängen“, denn 
sie seien gewisslich vom Teufel eingegeben. 

Die Niederlausitzer waren also vollstöndig auf des Kaisers 
Seite. Ohne der Aufrichtigkeit ihrer Überzeugung, welche sie 
so reden Hess, nahetreten zu wollen, wird man doch nicht fehlen, 
wenn man in diesem Votum zugleich eine gegen die Böhmen 
gerichtete oppositionelle Haltung erblickt, die ihren Grund in 
mancherlei staatsrechtlichen Prätensionen der Böhmen hatte. Die 
Oberlausitzer hielten sich gerade auf der entgegengesetzten Seite 
der Niederlausitzer. Sie erklärten nicht votiren zu können, so 
lange die Böhmen , denen sie incorporirt seien , nicht ihre Mei- 
nung kund gethan hätten. Die Stände Inner- und Vorderöster- 
reichs, also die von Steiermark, Kärnten, Krain und Tirol, gaben 
ihre Meinung an die Erzherzoge ab und durch diese als ihre un- 
mittelbaren Herren gelangte sie erst an den Kaiser. Was die 
Tiroler für eine Politik empfahlen, ist uns nicht bekannt. Die 
Steirer, Kärntner und Krainer verwarfen nicht den Beginn 
des Krieges und waren geneigt, das Äusserste beizusteuern, 
wofern Böhmen, Ungern und Deutschland das Ihrige thäten; 


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Der erste österreichische Reichstag so Lin* im Jahre 1614. 253 

entzögen sich aber diese der Mithilfe, dann allerdings sei dem Kaiser 
nur zum Frieden zu rathen. 

Ganz anders und gar nicht verlockend lauteten die Voten der 
übrigen Provinzen. Die Niederösterreicher wollten den Frieden um 
jeden Preis erhalten, sie beschuldigtenden Kaiser, dass er selbst durch 
kriegerische Bewegungen die Türken gereizt habe und baten ihn, die- 
selben rückgängig zu machen; sie wünschten zwar nicht, dass Sieben- 
bürgen preisgegeben werde, aber doch auch nicht, dass man desshalb 
sich mit den Türken entzweie. Endlich sollten nach ihrer Meinung zu 
den beginnenden Verhandlungen mit den Türken wegen Erneuerung 
des Friedens ständische Ausschüsse beigezogen werden. Wenn doch 
der Krieg losbräcbe, so müsse der Kaiser bei den einzelnen Land- 
tagen und nicht bei einem solchen Generalconvent uro Hilfe ansuchen. 

Die oberösterreichischen Stände befolgten getreu das Beispiel 
ihrer Landsleute. Sie fanden keinen Grund zu der Annahme, dass 
der Sultan den Frieden brechen wolle, also eben so wenig einen 
Grund zu Rüstungen kaiserlicherseits; auch meinten sie, die türki- 
schen Streifzüge an der Grenze könnten gegen den Willen des 
Sultans unternommen worden sein. Bezüglich Siebenbürgens wollten 
sie sich in nichts einlassen, um so weniger, als ja Bethlen Gabor 
nicht als Geschöpf des Sultans anzusehen sei, denn er sei durch 
freie Wahl der Stände zum Grossfürsten erhoben worden. 

Die Schlesier waren nächst den Oberlausitzern die zweiten, 
welche kein Votum abgaben. Sie hatten eben so wenig als die Böhmen 
durch einen förmlichen Beschluss der Stände Abgeordnete nach Linz 
geschickt; die, welche dennoch dahin gereist waren, konnten sich 
nicht mit einem vollgiltigen Mandat ausweisen. Es war also voraus- 
zusehen, dass sie sich für nicht berechtigt zu irgend einer Beschluss- 
fassung erklären würden; sie zeigten jedoch auch noch dadurch eine 
feindliche Stimmung, dass sie es von sich ahlehnten, eher über die 
Türkenfrage zu urtheilen, so lange die Böhmen und Ungern, so 
wie endlich auch die Kurfürsten des Reiches nicht ihre Meinung 
geäussert hätten. 

Die Böhmen setzten ihre Opposition vom Budweiser Landtage 
fort. Ihre Abgeordneten erklärten, ohne irgend eine Vollmacht vom 
Landtage dürften sie nichts beschliessen, alles was sie thun könnten, 
sei, das Gehörte ad referendum nach Hause zu nehmen. Die Mährer 
schlossen sich im Ganzen der Haltung der Böhmen an. 


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254 Gindel y, Der erste österreichische Reichstag tu Lim im J. Ibl4. 


Am 10. August erstatteten die Erzherzoge dem Kaiser Bericht 
Ober die schriftlichen Voten aller Länderausschüsse. Da dieselben mit 
sehr geringer Ausnahme jede Unterstützung des Kaisers ablehnten, 
so rieten die Erzherzoge selbst, Mathias möge die Erneuerung des 
Friedens mit dem Sultan auf Grundlage des Vertrages von Szitva- 
Torok weiter verhandeln und bezüglich Siebenbürgens Bethlen Gabor 
zu gewinnen trachten, damit dieser von seinen Verbindungen mit den 
Türken ablasse und sich enger an die Christen anschliesse. Fünf Tage 
später berief der Kaiser selbst die Ausschüsse vor sich, dankte ihnen 
für ihre Bemühungen und versprach, an die einzelnen Landtage wegen 
der türkischen Angelegenheiten sich wenden zu wollen, wenn die 
Verhältnisse es nöthig machten. Unmittelbar darauf reisten die 
Deputaten nach Hause. Die Kosten des vierzehn Tage dauernden 
Reichstages beliefen sich auf 200.000 Gulden. 

So endete der erste österreichische Reichstag. Nachdem der 
Kaiser gefunden hatte, dass mit Ausnahme Spaniens weder in Deutsch' 
fand noch in Rom für ihn auf Unterstützung zu rechnen sei, hatte er 
seine Hoffnungen, ein achtunggebietendes Heer mit eigenen Mitteln 
auszurüsten, herabgestimmt und denVersuch gemacht, ob nicht die 
Stände selbst zur Errichtung einer Armee gegen den äusseren Feind 
die Hand bieten wollten, weil er nach Besiegung desselben auch die 
inneren Gegner im Zaum zu halten hoffte. Dieser Versuch scheiterte 
am Generalconvent zu Linz, denn fast ausnahmslos schien man es 
für ein geringeres Unglück zu halten, in die Botmässigkeit der 
Türken zu fallen, als die kaiserliche Macht zu stärken, weil diese 
dem ständischen Wahlrecht ge/ährlich werden konnte. Die folgenden 
Jahre bieten das Schauspiel eines ununterbrochenen Kampfes zwi- 
schen den Ständen und dem Kaiser. Die Böhmen drangen ohne 
Unterlass auf die Erfüllung der Zusage wegen der Conföderation und 
als sie diese nicht durchsetzen konnten, nahmen sie zuletzt durch 
den später von ihnen selbst am meisten beweinten Fenstersturz zum 
offenen Aufstand Zuflucht. Die Nachtheile, welche für eine gedeih- 
liche Entwickelung der Monarchie der spätere Sieg der absoluten 
Macht hatte, sind zu bekannt; wir wagen indessen nicht zu be- 
haupten, dass der Sieg der Stände der Monarchie eine andere 
Zukunft als die des Polenreiches verschafft hätte. 


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Bi sch off, Das alle Recht der Armenierin Lemberg. 


255 


Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 

Von Dr. Ferdinand Bischet, 

o. 5. Professor ao der k. k. Lembergcr Universität. 

Wohl schon lange beyor Lemberg eine Stadtgemeinde nach 
deutschem Rechte geworden, mögen daselbst auch Armenier bereits 
ansässig gewesen sein, welche, wie die Ruthenen und Juden, eine 
besondere Gemeinde mit ihren eigenen Obrigkeiten, dem Vogt und 
den Senioren, bildeten und hauptsächlich den Handel mit dem Aus- 
Jande, besonders mit dem Orient betreibend, nach ihren hergebrach- 
ten Rechten, Sitten und Gebräuchen lebten, die ihnen von den pol- 
nischen Königen wiederholt bestätiget und durch neue wichtige 
Rechte und Privilegien vermehrt und erweitert wurden. 

In ihrem Emporstreben gerieten sie häufig in Widerspruch 
mit der herrschenden deutschen Stadtgemeinde, namentlich über 
die Gerichtsbarkeit, über welche ein zweihundert Jahre lang sich 
hinziehender äusserst lebhafter und hartnäckiger Streit geführt 
wurde *)• Während die Armenier, auf das Herkommen sich berufend, 
keine andere Gerichtsbarkeit als die ihres eigenen Vogtes und ihrer 
Senioren anerkennen wollten , behauptete die Stadtgemeinde, auf 
Urkunden gestützt 2 ), die Armenier unterständen dem Stadtvogt, Ein 

') vgl. über dieses und das Folgende meine Abhandlung über das alte Recht der 
Armenier in Polen, in den Öaterr. Blättern für Literatur etc. (Beilage zur Wiener- 
Zeitung). Jab rg. ISS?, Nr. 28, 33, 37,39. 

2 ) Die Hauptstütze war wohl die Locationaurkunde K. Kasimir*s d. Gr. für Lemberg 
vom Jahre 1356, deren Echtheit gegen Zubrzycki von Ho pell (über die Verbrei- 
tung des Magdeburger Stadtrechtes im Gebiete des allen polnischen Reiches ost- 
wärts der Elbe) behauptet wird. Auffallend ist es jedenfalls, wie sich die Armenier 
im Besitz ihrer eigenen Vogtei bis zum Jahre 1469 und noch länger behaupten 
konuten, wenn die Stadtgemeinde jenes Kasimir’sche Privilegium wirklich besäst — 
Dasselbe ist abgedruckt in meinem Österr. Stadtrechte und Privilegien, S. 72, 
nicht nach Zubrzycki, sondern nach der Conlinnationsurkundc K. Kasimir s IV. 


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256 


F. Bischoff 


Decret des K. Kasimir IV. vom Jahre 1469 entschied gegen die 
Armenier, indem es diese dem Stadtvogt unterwarf, der aber dem 
Gericht armenische Senioren beiziehen und nach deren Ausspruch 
richten sollte. Durch spätere k. Decrete aus den Jahren 1476, IS 10 
und 1S18 wurde diese Entscheidung genauer bestimmt, so dass die 
Armenier dem städtischen Vogt und Gericht unterworfen sein , in 
gewissen Fällen — nämlich wenn es sich um unbewegliche Güter, 
Gewaltthaten, Mord und Verwundung oder Diebstahl handelt — vom 
Stadtvogte mit Stadtschöffen nach dem Magdeburgerrecht, in allen 
anderen Fällen zwar auch vom Stadtvogt aber mit armenischen 
Senioren statt der Schöffen und nach dem armenischen Recht 
gerichtet werden sollten. 

Gelegentlich eines noch im Jahre 1S18 vor ihn gebrachten 
Streites über die Gerichtscompetenz befahl der König Sigismund I. 
den Armeniern, sie sollten ihr Recht aus dem Armenischen in*s Ru- 
thenische oder Lateinische übersetzen lassen und ihm beim nächsten 
Generalconvent vorlegen. Am Tage vor Maria Verkündigung 1519 
hatten die Armenier dem König zu Krakau ihr Recht in einer latei-* 
nischen Übersetzung vorgelegt; am Samstag vor Quinquagesima 
1519 erhielt es die königliche Bestätigung. Der König sagt in der 
Bestätigungsurkunde, es habe ihm nothwendig geschienen, das in 
armenischer Sprache geschriebene und so nur den Armeniern be- 
kannte Recht durch eine Übersetzung in die lateinische Sprache 
auch dem Stadtvogt und anderen Leuten, welche mit den Armeniern 
Rechtshändel hätten, verständlich zu machen. Nach reiflicher Über- 
legung mit seinen Rälhen habe er einige Bestimmungen verändert 
und verbessert und ertheile nun dem armenischen Rechte mit Zu- 
stimmung der Reichsstände seine Genehmigung und Bekräftigung. 

Das in die Confirmationsurkunde selbst aufgenommene Recht 
besteht aus zehn nicht durch Zahlen bezeichneten und aus hundert 
vierundzwanzig gezählten, zumeist auch mit Inhaltsüberschriften 
versehenen Capiteln, von denen keines besonders lang, mehrere 
aber ganz kurz sind. Die meisten betreffen das Privat- und Straf- 
recht, einige das gerichtliche Verfahren, andere die Polizei *). Die- 
ses Rechtsdenkmal ist eine sehr lehrreiche und merkwürdige Quelle 


*) Fine übersichtliche Zusammenstellung des Inhaltes siehe in meiner in Note 1 ange- 
führten Abhandlung. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 257 

fiir die Kenntniss der Gesellschafts- , Rechts- und Staatszustände 
seiner Zeit. 

Ein beträchtliche) 1 Theil seiner Bestimmungen ist den heiligen 
Schriften des alten und neuen Testamentes entnommen, ein anderer 
wurzelt in eigentümlichen Sitten und Lebensanschauungen. Manche 
seiner Satzungen stimmen mit anderen Rechten, namentlich mit dem 
Deutschen überein. 

Die ersten sechs Capitel sind armenischen Königen zugeschrie- 
ben, manche andere enthalten gewiss uralte Rechtssätze, aber die 
yorliegende Fassung erhielt das Rechtsdenkmal vermuthlich erst 
nachdem die Armenier in Polen sesshaft geworden waren, jedenfalls 
aber vor den obenerwälinteu k. Decreten, wodurch ihre eigene 
Gerichtsbarkeit aufgehoben worden ist. Armenische Senioren und 
Priester mögen daran den wichtigsten Antheil gehabt haben. Ein- 
zelne auf einander folgende Capitel stehen im Zusammenhang mit 
einander, aber ein fester Plan in der Anordnung des Ganzen ist nicht 
wahrnehmbar. 

Die oft sehr bedeutenden Abänderungen K. Sigismunde sind 
den betreffenden Capiteln angehängt, die ältere Gestalt dieser somit 
durch dieselben nicht verändert worden. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass dieses Recht auch bei 
anderen als der Lemberger armenischen Gemeinde in Anwendung 
stand. Dafür spricht auch das Vorhandensein von Handschriften an 
verschiedenen Orten. 

Die prächtig gezierte von König Sigismund selbst gefertigte 
Originalhaudschrift in armenischer und lateinischer Sprache soll 
sich, laut einer Mittheilung, die ich Herrn Vincenz Pol, dem viel- 
gefeierten Dichter verdanke, im Besitze des Grafen Titus Dzyalynski 
befinden. 

Lateinische Handschriften fand ich zwei hier in Lemberg. Die 
eine aus sechsundzwanzig (oder dreizehn halbgebrochenen) in 
braunes Leder gebundenen, der ganzen Breite nach jedoch mit 
Freilassung breiter Ränder beschriebenen Pergamentblättern beste- 
hend, befindet sich im Lemberger Stadtarchiv. Sie ist vom Vice- 
kanzler des Königreiches Polen, dem Bischof von Przemysl Peter 
unterschrieben, also eine authentische, mit dem Originale gleich- 
zeitige Ausfertigung, wahrscheinlich zum Gebrauche im Stadtgericht. 
Nach dieser Handschrift ist der Text hier mitgetheilt. — Die zweite 

Sitzb. d. phil.-hi»t. CI. XL. Bd. II. HD. 17 


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258 P. Bisch off 

befindet sich in der k. k. Universitätsbibliothek zu Lemberg und 
enthält zweiundvierzig numerirte, in Pergament gebundene, gleich- 
falls der ganzen Breite nach beschriebene kleine Papierquartblätter, 
deren erstes folgenden Titel zeigt: Statuta juris Armenici per Si- 
gismundum primum Regem Polonie pientissimum approbata et con- 
firmata iussuque ac mandato eiusdem Regiae Majestatis ex lingua 
illorum natiua in latinum sermonem translata et hic fideliter ex exem- 
plari descripta. Die auf dem ersten und dritten Blatt befindlichen 
Worte: Conuent. Leopol. Carmelit. discalceat. bezeichnen den 
früheren Besitzer der Handschrift, welche kaum viel jünger ist als 
die erste. Aus dieser zweiten Handschrift sind hier die Varianten in 
den Noten mitgetheilt. Von anderen lateinischen Handschriften ist 
mir nichts bekannt geworden. 

Im Jahre 1601 wurde auf Anordnung der armenischen Senio- 
ren eine Übersetzung des armenischen Rechtes in die polnische 
Sprache gemacht. Diese enthält nebst anderen für die Kenntniss der 
Geschichte der Lemberger Armenier wichtigen Stücken, ein keines- 
falls lange vor dem Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, vielleicht 
später, entstandener Papiercodex, der sich im Besitze des Directors 
der Ossolynskischen Bibliothek, Herrn v. Bielowski, befindet. Der- 
gleichen Handschriften erinnert sich Herr v. Bielowski wohl noch 
zehn in Galizien und Russisch-Polen gesehen zu haben. 

Eine alphabetisch geordnete Übersetzung des armenischen 
Rechtes in die polnische Sprache ist in einem Repertorium des alten 
Stadtarchives verzeichnet, wurde aber von mir, wie vieles audere, 
vergeblich darin gesucht. 

Von einer Übersetzung in die ruthenische Sprache fand ich 
keine Spur. 


In nomine domini amen . Ad perpetuam rei memoriam. Cum iura 
et constitutiones principum, uti et relique res mortalium, nunequam 
adeo consulte et subducta ratione condi promulgari et teneri solent, 
ut non postea cum tempus tum vsus moneant et doceant, semper aliquid 
sit, quod vel mutare et corrigere uel etiam abrogare interdum opor- 
teat, nihilque ab initio adeo elaboratum et perfectum videri potest, quod 
experiendo aliqua in parte emendari non sit necesse. Proinde Nos 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


259 


Sigismtindus dei gratia Rex Polonie Magnus dux Lituanie, nec non ter- 
rarum Cracouie, Sandomirie, Siradie, Cuiauie, Lancitie, Russie, Prussie- 
que , ac Culmensis Glbingensis, Pomeranieque , etc. dominus et heres, 
Significamus tenore presentium vniuersis presentibus et futuris harum 
notitiam habituris, Quia licet hactenus Armenos Leopolienses subditos 
nostros, snb hijs priuilegijs et juribus ipsorum armenicis, que prede- 
cessores nostri illis confirmauerunt et susceperunt, tenuimus et con- 
seruauimus, quia tarnen non pridem orta di deren tia inter illos et Pro- 
consulem, Consules et comunitatem Ciuitatis nostre Leopoliensis de 
ipsis eorum iuribus, visum est necessarium, ut, cum ea scripta essent 
lingua armena atque ita solis ipsis cognita, iudicari uero per Aduoca- 
tum ciuilem Leopoliensem cum sex riris senioribus ritus sui iuxta illa 
deberent, exceptis quatuor articulis in alijs literis nostris descriptis, in 
quibus iure theutonico Magdeburgense sunt iudicandi, essent 1 ) et ipsi 
Aduotato ciuili et ceteris hominibus, qni cum illis actionem haberent, 
cognita et manifesta, ne locus ambiguitatibus *) et cauillationibus relin- 
quatur, mandaueramus ipsis armenis eadem jura sua in Latinum sermo- 
nem traduci et conuerti facere, et nobis tradere, que mature cum Con- 
siliarijs nostris discussa, et in aliquibus articulis parum mutata et cor- 
recta, presentibus literis nostris inserenda et denuo confirmanda duxi- 
mus, quorum tenor sequitur, et est talis. 

Johannes Dei gratia Rex Armenie tempore felicis Imperij sui con- 
stituit, quod dies dominicus est 8 ) dies resurectionis domini nostri iesu 
cristi, et ideo mandato suo Regio precepit ut nullus eius officialis seu 
yices gerens ipsius, die dominico aliquas exactiones regias tolleret, et 
etiam statuit, quod nullus judicum die festi 4 ) dominico aliquas causas 
judiciarias cognosceret et neque difiniret, Insuper statuit, quod die 
dominico nullus debeat pro quacunque causa captiuari et detineri, et 
quod nullus audere debeat creditor in debitore debita et credita extor- 
quere *), ut omnes Christiani die celebri dominico essent liberi et securi 
congregare se et accedere ad ecclesiam, non implicaudo se negotijs 
alijs, cum lacrimisque deum omnipotentem deprecari, ut nullus Cristia- 
norum die dominico alter alteri se oponeret, aut etiam vindictam sume- 
ret, ut quilibet secure persisteret in orationibus deo omnipotent! qui- 
libet gratias acturus, ut die dominico precipue sancte et indiuidue 
trinitati laudes depromerent. 

(Quod hic dicitur quod nullus die dominico debeat judicari capti- 
uari etc. jntelligitur exceptis causis Regiis, patrati ne 6 ) recentis crimi- 
nis, et debitore inpossessionato.) 


J ) U. B. Magdeburgense iudicandi essent, etc. 

9 ) ambiguitatis. 

») est fehlt. 

4) festo. 

*) in debitori extorquere debita. 

*) patralore. 

IT* 


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i 



260 


P. Bischoff 


Item Theoti Regis armenie memoria dtgna *) et laudabilis et aliorum 
Regum et principum Cutholicorum Armenie . 

Instigante eos ad id iusticia dei jura et instituciones atribuendo 
▼nicuique quod suum est populo suo ex prophetis et sanctorum Aposto- 
lorum dictis ac aliorum Doctorum ecclesie sancte Instituit populo sibi 
subiecto scilicet Ciuitatibus, Oppidis, villis et alijs locis suo regimini 
subiectis seu subiugatis, generaliter et specialiter Omnibus et singulis 
precipiendo, ut huiusmodi instituta firmiter et illese conseruarent. 

Reges Amienie Juris fonnam Judicibus decerunt a ) talem. 

Item Omnibus Judicibus et administratoribus iusticie comunis pre- 
cipimus ut faciant iusticiam Judiciumque iustum vnicuique, diuiti et 
pauperi, viduis, et orphanis, Ciui et hospiti, seu aduene, munera et 
coruptiones nullas accipiant et Judices id etiam attendere debent et 
custodire, ne iniustum hominem Judicio iustificarent et econuerso. si 
uero aliquis Judex iniuste iudicauerit et in tali facto comprobatus fuerit 
infamis pronunctietur. 

(Infatniam Iudicis tollit appellatio que per ludicem admitti debet, 
et ideo Iudex male pronunctiaus seu iudicans, infamis non est, quoniam 
Iudex appellationis eius sentenciam si iniustam esse cognouerit, corri- 
gere potest.) 

Item Iudicum interest, partes litigantes ad concordiam inducere si 
possunt, et luramenta partibus non faciliter decernere, si vero Iudex 
non poterit partes litigantes componere, tune decernat Iudex id quod 
Iuris est. 

Item duobus uenientibus ad Iudicium inculpantibus se pro debito 
ucl pro quacunque alia causa uel re controuersiali, si ex utraque parte 
testimonia legittima et Iure admissibilia non habuerint, tune in tali casu 
reo neganti non actori decernatur probatio, sed reus per luramen- 
tum corporale euasionem contra actorem obtinebit secundum Iuris 
formam. 

Item ad Aduocatum duobus uenientibus Armenicum 8 ) in qtiibuscunque 
causis et emergentijs cum testimonio tune quicunque ex eis habuerit 
testimonium iustum scilicet duorum aut tri um virorum proborum et 
dignorum testimonio talis causam obtinebit et Iudex in eius partem de- 
cernere tenebitur, si uero pars aduersa euadere volens contra testi- 
monium licitum et sufficiens redarguere uoluerit testimonia huiusmodi 4 ) 
ut pars succumberet in causa, tune in tali casu standum est probationi- 
bus testimonialibus sufficientibus non obstante contradictione partis 
impugnantis testimonium. 


*) digni. 

*) diseerinint. 
3 ) Armen is. 

*) eiusmodi. 


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Das alle Recht der Armenier in Lemberg. 


261 


De Jure Testamentorum armetiicorum. 

Aliquo armeno oppresso infirmitate debet *) accersire spirituales 
nec non duos aut tres viros non redargutos in sua conditione ex officio 
senioratus propter testimonium, ac alios propinquos successores suos, 
Imprirnis debet legare aliquid ecclesie sue, Episcopo et presbiteris, 
sepulcrum etiam suum debet nominare, postea residunntia *) bona, pro- 
pinquis et amicis iuxta suam uoluntatem assignabit, et premissa debent 
esse ultima uoluntas decedentis, et festes huiusmodi debebunt admonere 
et auisare propinguos illius testatoris, ut eo viuente impugnarent testa- 
mentum , alias eo decedente testamentum huiusmodi sub quaeunque 
forma conditum, effectum suum sortiri debet, non obstante aliqua con- Ä 
tradictione propinquorum et successorum eo quod tempestiue obstare 
neglexerunt uoluntati testatoris. Si uero ille testamentum faciens morie- 
tur, tune tale testamenuum debet*) obtinere robur firmitatis, Iuxta 
dictum sancti Pauli Apostoli dicentis, quod testamenta morte confir- 
mata debent obtinere robur (irmitatis. Si uero ille testator superuixerit 
tune tale testamentum 4 ) dependebit in arbitrio limitacione et discus- 
sione testatoris ad limitandum uel mutandum prout sibi placuerit. 

De Jure Matrimonxali, 

Amicorum inuitacio circa desponsationem taliter procedere debet, 
quod 5 ) sponsus Imprirnis debet facere contractum cum patre sponse 
ut 8cilicet ei iam assignaretur certa quantitas et qualitas dotis , quam 
postea erit accepturus, et dos eidem dari et assignari debet, quoniam 
dotes feminarum sunt et habentur pro sorte earum paterna et materna 
de bonis. si uero pater deuenerit ad infirmitatem et uoluerit filie sue le- 
gare testamentaliter id quod sibi placitum fuerit, tune potest facere talia 
pro arbitro sue uoluntatis, contradictione filiorum et successorum quo- 
rumlibet nion obstante, si uero aliqua filia virgo cum fratribus post 
mortem patris superstes fuerit, tune fratres eam exdotabnnt, et perinde 
in bonis post patrem relictis hereditabunt, deficientibus uero fratribus, 
filie hereditabunt. 

Item bona cuiuslibet mortui habentis prolem deuoluuntur •) ad uxorem 
filiott et filias. 

Carentis uero legittima prole, bona in propinquos deuoluentur •) 
uxorem tarnen defuncti non debent priuare successores illo quod impor- 
tauit ad maritum suum, sed ante omnia importate debent ei tradi et 
dari, et quidcunque ei meliorauit maritus ipsius super auro, argento et 
alijs , circa istud plenarie debet conseruari , et successores defuncti 


l ) debent. 

*) residua. 

8 ) habere et obtiuere. 
4 ) testimonium. 

3) Quia. 

Ä ) deuoluanlur. 


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262 


F. Biscboff 


tenebuntur et debent esse astricti succedere in tres partes bonorum 
defuncti, sorte quarta vidue seu uxori illius mortui assignata et exdi- 
uisa, de omnibus bonis mobilibus et immobilibus. si vero aliquis tarn 
ex patre quam ex matre in quarto gradu successionis successores non 
habuerit, tune talia bona deuoluuntur et spectant ad Gscum Regie Maie- 
statis , tarnen Regia Maiestas pro anima illius mortui aliquid propter 
deum tribuere debet. 

(Maiestas Regia de bonis ad se et Gscum suum deuolutis , dare 
aliquid propter deum non tenetur, quoniam hijs legibus armenicis 
ligata *) non est. disponet itaque Maiestas sua de hgs ipsis bonis ad se 
^deuolutis, pro arbitrio suo, que armeni ipsi celare nullo modo audeant 
sub grauissima pena.) 

Item cum Glia quelibet maritatur cum sorte sua paterna et materna, 
et maritus prolem non habuerit cum ea, tune poterit constituere tutores 
in casu sterilitatis scilicet non alios nisi fratres ac propinquos, et que- 
cunque bona Yxor importauit, debent eedem vxori tradi, et cum melio- 
ratione seu totalicio ipsius. si uero ille moriens voluerit Yxorem simul 
cum fratribus tutricem facere, hoc sibi de Jure permissibile est, ut in 
simul salutem eius anime non obliuiscerentur, et talis *) sententia debet 
obseruari si Yxor premortua fuerit quam maritus ipsius. 

Capitulum primum, 

Si quis Iuris Regii aut domini fuerit excessiws, contra. Regiam 
Maiestatem aut dominum suum, demerebitur talis collum, Glij uero eius 
et fratres locum paternum non obtinebunt propter excessum criminosum 
patris eorum, pueri uero bona paterna non perdunt, si cum patre in tali 
consilio criminoso non fuerint, et similiter fratres predicti excessoris, 
si uero fuerint in consilio prefato, tune quilibet eorum iuxta factum 
pati debet. 

(Filii illorum qui excedunt contra Regiam Maiestatem et rempubli- 
cam, etiam bona paterna perdunt, quoniam in tali casu omnia conGs- 
cantur.) 

Capitulum secundum. 

Humanum genus deus liberum creauit et fecit. verum quia neces- 
sarij sunt dominis suis serui ad seruiendum propter terram et aquam, 
simile hocius*) est quando aliquis colonus seu Kmetho domiuo suo 
nichil mouendo a domino suo ubi wlt transire potest, si Yero aliquis 
dominorum istud tollerare nollet, scilicet libere emittere eundem sub- 
ditum suum, Yolens eundem retinere in sua Jurisditione tune pueri post 
mortem patris 4 ) si tales pueri in dominio huiusmodi domini 5 ) non 


*) legalutn. 

2 ) et talis etiam. 
9) genus. 

4) patris fehlt. 
*) domini fehlt. 


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Das alle Recht der Armenier in Lemberg. 263 

fuerint procreati. habent libertatem eundi et se transferendi sub alios 
dominos ubi uoluerint. 

(Hec constitutio intelligenda est de colonis genere armenis, non 
de alijs, rille uero et possessiones armenorum subjacent Juri communi 
regni.) 

Capitulum tercium. 

Si pueri inter se contencionem fecerint et rnus puerorum alterura 
occiderit si puer occisus ultra duodecim annos habuerit tune Caput 
debet soluere, sicut pro ririlis et integri hominis capite. si uero ille 
occisus puer babuerit minus quam duodecim annos, boc est decem uel 
undecim, tune pro capite eius medietas capitis solui, debet, si uero 
puer occisus habuerit minus quam decem annos, tune tercia pars capitis 
solui debet. si uero puer habens quindecim annos fuerit homicida , et 
excesserit contra statutum istud, tune pro capite integro solutionem 
faciet amicis illius occisi, sicut superius scriptum est. 

(Intelligenda est bec constitutio seu Lex, de pueris armenis. sed 
si puer armenus occidat puerum Catholicum, luet penam iuxta conditio- 
nem pueri occisi, et secundum ius in quo residet persona occisa.) 

Capitulum quartum de Pueris uno alterum ledente . 

Si pueri rnus alterum in ludo leseret nolenter siue ex ira, huius- 
modi res bene et diligenter debet inquiri, tali modo sicut inquiri con- 
suetudo est de occiso, tune illius lesi anni debent computari, et in 
quod membrum eum lesit, an in oculum, an in manum, aut in pedem, ut 
secundum talem lesionem et qualitatem membri leso solutio impendatur, 
cum reformatione et contentacione pro medicinis et impensis per leden- 
tem facienda, quod Jus puerorum in factis, iustum inuenimus. 

(De pueris genere armenis hec etiam constitutio et quatuor im- 
roediate sequentes intelligende.) 

Capitulum quintum de pueris unum *) alterum in aqua submergentis *). 

Pueri natantes in aquis 8 ) rnus alterum submerserit, ex tune Iudi- 
ces debent talem casum submersionis bene et perfecte rescire, si sub- 
mersio talis facta est ex loco, aut ira, aut ex malo corde, studiose 
intentionis, aut si ille submersus seipsum ex casu submerserit in pro- 
fundo aque, et illi connatantes ipsi submerso auxiliari non poterant, 
tuncjudices rescitis ad planum *) predictis casibus, si ille se solum ex 
casu submersit et 6 ) eius connatantes illi subsidiari non poterant, tune 
pro tali submerso solutio non impendatur, si uero ex alia causa pre- 
dicta submersus 6 ) fuerit, tune solutio capitis impendi debet iuxta com- 
putacionem annorum illius submersi, sicut pro capite occisi. 


*) uno. 

2 ) submergente. 
9 ) si unus. 

4) pleuum. 

6 ) aut. 

6 ) submersio. • 


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264 


F. Bischoff 


Capitulum sextum de pueris dum aliquis puerorum ex subltmt loco in 
vim pacti alicuius alias oxaklath *) salierit et ex tali saltu lesionem in- 
currerit. 

Si talis casns inter pueros acciderit, quod aliquis puerorum in 
vim pacti de sublimi loco saltum fecerit, et ex tali saltu*) aut se lese- 
rit, aut mortem incurrerit, ex tune dans occasionem huiusmodi rei, 
medium capitis soluet, si ille qui saltum fecit aut ad lesionem aut ad 
mortem, tune computatis annis illius lesi aut ex saltu mortui, ita decer- 
nant sicut prius scriptum est de euentibus inter pueros. 

Capitulum septimum de adolescentibus inter se pactum facientibus de 
aliqua re onerosa leuanda. 

Consueuerunt adolescenfes pacto inter se constituto et laudato 
aliquam rem grauem et onerosam subleuare, et ex tali subleuatione rei 
onerose, si se aliquis ex eis leserit ex tune ille qui pecunias pacti huius- 
modi prefati 8 ) reposuit, tan quam dans occasionem lesioni, medietatem 
pene debet soluere, sicut pro re sanguinolenta, et cum hoc illi leso 
damnum et impensas medicine soluere sit astrictus, et hoc ideo statu- 
tum est, quod nemo alter alterum inducat ad damna et nocumenta 
sanitatis. 

Capitulum octauum de temulentis seu ebrijs. 

Si in ebrietate contigerit, quod vnus alterum leserit, Ius prohibet 
quod tale factum lesionis in ebrietate patratum non est pretermitten- 
dum et tollerandum, quando quidem ebrietas est primum inicium tocius 
mali. si itaque in ebrietatis conditione et euentu mus alterum leserit, 
de tali facto Iudiciuin debet esse iustum, scilicet, obnoxius damnum et 
impensas medicine leso soluat, si uero per ebrium occisus fuerit ali- 
quis, tune per Iudicium occisio 4 ) talis occisionis diligenter est scru- 
tanda et rescienda scilicet si talis occisio, mala et studiosa intencione, 
aut ex alia causa facta fuerit, scilicet si in siniul vnus contra alium ad 
seditionem consurrexit, aut cuius inicium in tali casu erat, iuxta emer- 
gentias et qualitatem causarum debet exerceri Iudicium, et iuxta facti 
excessiui exigentiam excessor est puniendus. Coadiutores uero facti 
predicti ex ebrietate comissi diligenter prouisi etiam castigari debent 
sicut ludiciurn decreuerit. 

Capitulum nonurn de invenlione Thesauri suhterranei . 

Si aliquis in suo fundo hereditario Thesaurum inuenerit sub 
terra 5 ) scilicet aurum argentumque si de tali inuentione Thesauri per- 
fecta fuerit rescieutia quod talis Thesaurus fuisset priorum Regum, ad 
fiscum Regium talis Thesaurus isto modo pertinere debebit, et inuentori 


*) alias ozaklatli fehlt, 
*) casu. 

3 ) praefalo. 

4) occasio. 

ft ) sub terra fehlt. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


265 


huiusmodi thesauri dccima ex eodem Thesauro dari debet, et similiter 
etiam illi decima de eodem thesauro dari debet, in cujus fundo hcredi- 
tario repertus fuerit, si uero rescitum fuerit, quod talis thesaurus erat 
alicuius magnatis vel patricij viri, et hujusmodi bonorum hereditario- 
rum in quibus thesaurus repertus fuerit, restaret lieres, aut successor 
legittinius, ex tune huiusmodi thesaurus cedere debet domino fundi 
hereditarij, in quo thesaurus repertus fuerit et de tali thesauro decima 
pars pertinebit ad fisenm principis. 

(De thesauro inuento Inquisitio fiet et examen per Commissionem 
Regie Maiestatis.) 

Capitulum decimum de illo qui aliquem trahit per Barbam . 

Si in contencione euenerit quod unus alterum per Barbam traheret 
et presertim Iuuenis seniorein Iure diffinitum est quod talis tractor 
barbe senioris hominis in etate, in tali culpa censendus est sicut ali- 
quem leserit. 

Capitulum vndecimum de foueis subterr aneis in quibus frumenta di- 
uersi generis conseruantur sicut in terra Armenie fit . 

Si aliquis aperuerit fouearn terream in qua frumenta sua seu aliena 
fuerint reposita et in eandem fouearn immiserit hominem pro frumentis 
ibidem existentibus recipiendis, et homo in predictam fouearn immissus, 
propter aerem strictum ibidem inclusum moreretur, debet judicari de 
huiusmodi immissore sic illum hominem solus interimeret, si ?ero 
ille homo ibidem immissus lesus fuerit, tune iüe qui eum immisit in 
huiusmodi fouearn damna et impensas medicinarum solvet, ex eo quia 
debuit ille qui immitebat hominem 9 ) huiusmodi in fouearn predictam 
expectare et proiongare aliquantulum temporis donec aer in huiusmodi 
foueis frumentarijs strictus et inclusus, per aperturam fouee 8 ) disso- 
lutus fuisset, si uero de huiusmodi fouea frumentaria aer exiuerit et 
homo ibidem immissus lederetur, talem casum officium tenetur proui- 
dere secundum qualitatem in talibus facti et iusticie. 

(De armenis et eorum seruis pretio conductis hec constitucio est 
intelligenda.) 

Capitulum duodecimum de Jure 4 ) Kmethonum . 

Si aliquis Armenus mandauerit colonis seu kmethonibus laborare 
ultra consuetudinem rsitatam utpote arare, metere, et alios quoscunque 
labores, et ille kmetho ex tali labore inusitato lesus fuerit aut etiam 
moreretur, talis dominus inusitatis laboribus *) subditos premens pec- 
cauit supeiiori domino scilicet deo. si uero talis kmetho inusitato la- 


’) i nun iss io ne sicut. 

*) hominem fehlt. 

*) apertura in fouea. 

4 ) Colororum sine Kmethonum. 
*) Kmetbones ac subditos. 


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266 


F. B i 0 c h o f f 


bore lesus, medicinis ex lesione euaserit, tune dominus ipsius, ei ex 
premissa causa existens occasio principaiis lesionis, damna et snmptus 
medicine soluet, si uero talis lesio saluti ipsius kmethoni importaret 
perpetuam imbecillitätem, auctoritas officij judicialis in tali casu id 
decernet, quod iusticia suadebit. 

Capitulum tredecimum de inhonorante suum spiritualem . 

Sanctorum Apostolorum preceptum et mandat *) constitucio, quod 
nemo suum spiritualem presbiterum inhonestis yerbis et turpibus de- 
bonestare audeat. quia talis homo dehonestans suum spiritualem perinde 
tali inhonoratione excedit contra deum, quoniam spirituales persone 
sunt deprecatores dei et in ludicio diuino sunt mediatores et respon- 
sales pro homine, testatur ad id scriptura diuina, quod nemo suum spi- 
ritualem debet obloqui. Apostolorum enim Instituciones hunc incurrere 
magnam penam difliniuerunt 2 ), qui spirituati maledixerit, que male- 
dictio perinde habetur, ac si maledixerit deo. sanctum enim Ewan- 
gelium dicit, qui yobis maledixerit michi maledixit. 

Capitulum quatuordecimum demaledicente *) intergum Regie Maiestati 
aut alicui ex Consiliarijs ordinis senatorij . 

Si aliquis petulanti lingwa ausus fuerit intergum maledicta aliqua 
obicere Maiestati Regie aut patrieijs senatoribus Regni , et resciretur, 
talis faciens huiusmodi maledicta, si talis maledictor fuerit persona 
spiritnalis, debet degradari *) si uero fuerit* secularis tune debet pro 
tali maledicto facinore excommunicari, et tale Iudicium debet pertinere 
ad Episcopum, aut ad magnos prelatos et Doctores. Quoniam Regia 
Maiestas pro suo saero Regali statu, representat etiam ticeir diuine 
auctoritatis, et ideo jus decreuit ut quilibet se et insolentiam soam com- 
pesceret, et in respectu haberet Regalis dignitatis sublimitatem. 

Capitulum quindecimum de mancipio seu seruo literato absque c.on- 
sensu sui domitii in presbiterum non ordinando. 

si apud aliquem fuerit seruus aut jure mancipij aut jure emptionis 
• literatus, et ex literatura idoneus ad sacerdotium, talis seruus illiber 
non potest adipisei statum spiritualem absque speciali consensu et 
manumissione domitii sui. Ins enim prohibet per hoc domino ipsius do- 
lorem inferre, talis enim res redundat ad destructionem domus. si tarnen 
sciretur, quod talis seruus esset idoneus ad sacerdotium sicut fuit 
dignus presbiteratu seruus sancti Pauli Apostoli onissimus 6 ), tune talis 
seruus ex Consensu domini sui poterit suscipi ad ordines et ministeria 
cultus diuini. 


*) praeceptis et mandatis. 

2 ) definierant. 

*) maledictione. 

4 ) perpetuo debet degradari. 
s) omissiinus. 


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Dm alte Recht der Armenier io Lemberg. 


267 


Capitulum sedecimum de seruis Crütianorum . 

si Cristianus emerit mancipium J ) seu seruum Cristianum , tone 
iuxta veteris legis et testamenti constitucionem talis v seruus sex annis 
continuis domino suo seruire debet, septimo vero anno talis seruus per 
dominum debet manumitti in libertatem. Noua yero lex Cristiana insti- 
tuit, talem seruum tune liberum esse ex seruitute, quum *) primum 
pecunias pro eo datas emeruerit. si solus seruus emptus est, solus 
modo premisso debet esse über, si uero cum uxore captiuatus emptus 
fuerit tune et cum vxore ac pueris über esse debet emeritis ut prefer- 
tur pecunijs, pro eo datis. si uero tali seruo dominus yxorem dederit 
et prolem inter se utrisque sexus procreauerint, tune in tali casu yxor 
prefati serui vnacum pueris debet esse in hereditate et dominio per- 
petuo sui domini, solo predicto seruo tantum libertatem manumissio- 
nemque habente, si uero talis dominus yoluerit accipere pecuniam pro 
predicta mutiere, tune eadem mutier ynacum pueris suis ytriusque sexus 
manumittj in libertatem debent. Si uero predictus seruus libitum et 
yoluntatem non obstantibus predictis conditionibus habuerit remanendi 
circa dominum suum , tune dominus tenebitur eundem cum yxore et 
pueris suscipere, et ad ecclesiam cum eodem seruo accedere, et bonis 
bominibus ibidem in ecclesia de talibus protestari, ac literas huiusmodi 
protestacionis obtinere et habere in yim significatorie scilicet in hunc 
modum, quod predictus seruus a me ad mortem non yult recedere, si 
yero talis seruus postea deliberatus, yoluerit l\abere yoluntatem ex ser- 
uitute über esse et dominus ipsius talem eius deliberationem resciuerit, 
non debet eum illibertare dominus suus contra ipsius deliberationem 
sibi seruire, sancto Apostolo dicente, omnes seruos apud deum esse 
liberos. 

(Hactenus non fuit nec est rsus in Regno. manicipiorum et ser- 
uorum in ilübertate seruandorum.) 

Capitulum decimutn septimum de mulieribus emptis cristianü. 

Si aliquis necessitate cogente filiäm suam vendiderit christiano, 
non debet filiam vendere in perpetuam seruitutem, si uero huiusmodi 
ancille seruitus non placuerit domino eius, tune in tali casu pater pote- 
nt eam exemere et talis dominus non habebit auctoritatam predicta m 
seruam alicui vendere alteri ’) ex odio talis dominus prefatam seruam 
yoluerit desponsare in yxorem (llio suo debet ad id accedere voluntas 
patris eiusdem serue. si yero taüs ancilla seu serua soll domino vel 
filio ipsius in yxorem non placuerit, tune talis serua emerendo annos 
pro pecunijs pro eadem datis, Übera a iugo seruitulis esse debet sine 
pecunijs. si vero pater ipsius serue ante annos seruity ipsam a domini 


*) mancipium suum seu etc. 
*) quam. 
s ) alteri fehlt. 


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268 


F. B i s e b o f f 


eius exemere voluerit tenebitur eam dominus ipsius ad exemptionem 
dare non obstante eo quod anni seruitutis ipsius non transflnxerunt. 

Capitulum dccimum octauum de Paganis seruis emptis . 

si aliquis Armeims emerit seruum vei ancillas seruiles paganos 
istique serui tempore seruitutis eorum Baptismi sancti sacramenta sus- 
ceperint, tune taii modo huiusmodi serui debent esse liberi a seruitute 
tanquam pecunias pro eis datas emererentur. si vero tales serui vtrius- 
que sexus pagani sacrum baptismum suscipere noluerint, tune in isto 
casu dominus eorum plenipotens erit, ipsos ad placitum suum vendere 
cui Yoluerit. 

Capiiulum decimum nonurn de percutiente patrem vel matrem. 

Quicunque parentes suos verberauerit, ab tale indiguum et scele- 
stum facinus est mortaiis apud deum iuxta dispositionem veteris testa- 
menti, noue vero legis Christiane testamentum ea similitudine demon- 
strat, quod talis verberator parentum ad mortem debet penitere, si vero 
in puerilitate yerberauerit parentes, tune in tali casu parentes debent 
istud obtegere alias ogarnäcz *). Si vero percussor parentum istud malo 
corde et animo fecerit, et parentes pro nichilo reputauerit, tune paren- 
tes, talem filium de excessu multociens corrigere debeant coram spiri- 
tualibus et coram senioribus, si uero a talibus excessibus se retrahere 
nollet, tune talis pater huiusmodi filium rebellem et temerarium perse- 
cutorem parentum suorum, poterit et a se et a bonis omnibus exhere- 
ditare. si Yero ipse idem filius ita exhereditatus postea ad ea ed cor et 
se 8 ) redierit et humiliatus fuerit sicut decet parentibus penitentiam 
sustinere tune pater et mater in tali casu debent eum in fauorem paren- 
talem suscipere. 

Capitulum vigesimum quod quilibet debet portare iniquitatem et deme - 
ritum exce88U8 sui. 

Si pater aut filius in aliquibus excessibus mortalibus seu crimi- 
nalibus excessiui reperti fuerint, tune pater pro excessu filij pati non 
debet. Et similiter filius pro excessu patris nulla pena affici debet, sed 
quilibet iuxta facta excessuum suorum pati debet, et eo facto jus com- 
plebitur, in Iusticie perfectione ad quamlibet personam, tribuendo vni- 
cuique quod suum est. 

(Ab hac constitucione excipitur crimen lese Maiestatis.) 

Capitulum vigesimum primum de eo qui furauerit 8 ) hominem. 

In veteri testamento sanccitum est, quod quicunque furando homi- 
nem vendiderit et de tali venditione manifestum fuerit, talis homo est 
mortaiis, tarnen in noua lege Christiana ita constitutum est, quod si 
Christianus christianum furando vendiderit, ad aliam provinciam, et tale 
malefactum contra eum manifestum fuerit, propter agendam penitenciam 


*) alias ogarnacz fehlt. 

*) postea ad Cor et ad se redierit. 
*) furatus fuerit. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


269 


noua lex non decernii etim ad penam mortis, sed talis debet detineri et 
in carceribus seruari sub cautione üdeiussoria, quod predictus yenditor 
Christiani, tenebitur pecunias pro prefato vendito receptas viceuersa 
remittere, et prefatum hominem venditum debet adducere ad hospitem 
apud quem eundem subtraxit. restituereque tenebitur si vero ille homo 
venditus aliquo modo decesserit tune ille venditor debet esse astrictus 
predictas pecunias pro eodem homiue ab emente receptas, illi hospiti 
apud quem eundem furatus fuerit. realiter et in eflectu soluere, et 
nichilominus predicto furi manus eius abscidi *) debent, aut sibi in 
fronte ardenti et candenti sigillo in fronte 2 ) nota perpetue infamie im- 
primi et cauterisari debet, ut alij forinidine pene, a talibus absterre- 
rentur. 

(Hec constitucio admittitur quando armenus alium armenum yen- 
diderit sed si Armenus Christianum yendiderit, de hoc cognoscet Regia 
Maiestas et puniet ita prout ei videbitur.) 

Capitulum vigesimum secundum de eo qui obloquitur suos Parentes. 

Quicunque parentes suos inhonestis verbis dehonestare ausus 
fuerit, talis est mortalis, si parentum suorum aliqua preterita manifesta- 
uerit eo facto committit peccatum mortale secundum veterem legem. 
Noua uero lex dictat quod talis oblocutio parentum equiparatur huic 
sicut parentes percuteret, ut autem talia inhonesta contra parentes in 
pueris compescerentur diffinitnm est, quod tales pueri per parentes 
possunt de Omnibus bonis mobilibus et immobilibus exhereditari. 

(Filij manifestare deuent jure et merito crimina vel excessus 
parentum suorum contra Regiam Maiestatem et Rempublicam comis- 
sorum et in tali casu filij armenorum pene liuius constitueionis non 
sunt subiecti.) 

Capitulum vigesimum tercium de duobus contendentibus et uno alterum 
ex eis 8 ) uulnerante. 

Contendentibus duobus armis et vno alterum uulnerante, et uulne- 
ratus in huiusmodi uulneribus non moreretur et in infirmitate uullne- 
rum iacens et conualescendo ambulaverit cum corulo alias zliaska 5 ) 
diffinitur jure, quod ille qui uulnerauit tenebitur illi uulnerato damna 
medicinam et impensas soluere cum totidem penis pecuniarum Iudicio. 

Capitulum vigesimum quarttim de eo qui seruum aut seruam occiderit. 

Si aliquis seruum suum aut seruam occiderit quocunque instru- 
mento ad occidendum habito tune Iudicium penam sanguinis illius occisi 
debet requirere ab hospite si talis seruus fuerit christianus aut cuius- 
cunque alterius secte tune ille occisor tenebitur equali valore solvere 


')T abacindi. 

2 ) in fronte fehlt. 
*) ex eia fehlt. 

in fehlt. 

5 ) eorilo. 


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270 


F. B 1 s e h o f f 


Caput occisi serui aut serue tarn christiani quam alterius secte, si rero 
seruus aut serua percussi a domino a percussione ictus non morerentur 
statim, diemque aut dies iacuerit, et postea moreretur non debet in tali 
casu pro capite solutio fieri et hoc propterea quia eum emerat pro suis 
pecunijs et sibi damnum intulit. penitenciam tarnen pro isto agere debet. 

Capitulum vigesimum quintum de eo qui contentione commissa per «* 
cus8erit mutterem pregnantem. 

Contendentibus duobus hominibus et inter se percusserint mulierem 
pregnantem et per talem percussionem mulieri illa proles sine tempore 
completo abscederet tune roedietatem Capitis soluere debet marito talis 
mulieris aut sicut cum marito predicte mulieris componere poterit. si 
autem puer fuerit in vtero in plenitudine temporis cum persona humana 
et tali percussione abscesserit tune solutio debet impendi sicut pro in- 
tegro capite, notum enim est in Jure diuino quod siue perfectus fetus 
fuerit siue non in Ytero tune jus difünit antiquum, quod caput pro capite 
dari debet. Noua rero lex demonstrat talem casum pena pecuniaria et 
penitencia emendandum et soluendum esse. 

(De homine Armeno mulierem pregnantem percutiente hec con- 
stitucio est intelligenda in alijs locumnon habet.) 

Capitulum vigesimum ge x tum de Boue alieuiug attquem percutiente . 

Boue alieuius aliquem percutiente et ex tali percussione hoino 
moreretur lex antiqua decernebat quod talis Bos debet occidi et carnes 
ipsius vendi et pecunias pro Carnibus Yenditis receptas pauperibus di- 
stribuere, et nichilominus hospes cuius bos prefatus fuerit caput sol- 
uere tenebitur si Yero prefatus bos semper erat ita indomitus et ferus 
et ille hospes per Yicinos erat admonitus ut talem bouem indomitum a 
se alienaret, hospes uero tales admonitiones Yicinorum non curabat et 
interea bos talis indomitus hominem ad mortem occiderit tune talis 
hospes cujus bos erat mortalis est et penam Capitis debet soluere* sicut 
decreuit Ius, a morte tarnen hospes prefatus über esse debet. si vero 
bos famulum aut famulam alieuius leserit et hospes de consuetudine fera 
bouis nesciuerit immunis hospes debet esse et indemnis. si vero talis 
hospes sciuit de consuetudine nocendi bouis prefati, et Bos aliquem 
leserit tune hospes tenebitur illi leso ad solutionem damni et medi- 
cinarum. 

Capitulum vigesimum septimum de domino ledente seruum. 

Si dominus seruo suo oculum exverberauerit jure dictante talis 
seruus über esse debet a seruitute empta, si fuerit Christianus, si Yero 
fuerit seruus paganus tune jus difünit eundem per dominum debere 
vendi pro medietate preeij. 

Capitulum vigesimum octauum de juuenco juuencum aut boue bouem 
occidente. 

Si Bos bouem aut Iuuencus Iuuencum occiderit alicui bos aut 
Iuuencus qui superuiuet debet vendi et precium pro venditione huius- 
modi bouis aut luuenci receptum per medium diuidant inter illos quo- 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


27t 


rum predicta jumenta fuerint. et similiter occisum animal per medium 
diuidi debet. si vero ille cuius bos erat indomitus sciuit de consuetudine 
fera sui bouis et per vicinos admonebatur vt non foueret tale jumentum 
scilicet bouem nociuum et ipse non curabat admonitiones tune pro illo 
occiso boue viuum bouem dabit illi cui occisus est bos et sibi illum 
accisum bouem recipiet* 

Capiiulum vigesimum nonum de foueis et fontibus . 

Quicunque aperuerit foueam aut foderet fontem et non tegerit 
eandem foueam aut fontem et ibi ceciderit alieuius jumentum hospes 
illius fouee aut fontis soluet iilud jumentum cute illius iumenti pro se 
recepta iure id dictante. 

Capitulum Tricesimum de homitie cadente in foueam . 

Masculus aut femina si ceciderint in foveam aut fontem et ibi 
moreretur si in die ceeiderit tune mediam penam Talons sanguinis, ille 
cuius fouea aut fons fuerit soluet, si uero noctu ceciderit in fontem aut 
foueam ex tune integri capitis penam soluet, ille cuius fouea aut fons 
fuerit, quod statutum debet extendi ad vtriusque sexus homines cadentes 
modo premisso in fouea aut fontes etiam ad seruos et seruas. 

Capitulum Tricesimum primum de Jumentis et pecoribus . 

Si bos occiderit vaccam aut aliud jumentum Cornutum vel Arietem 
et hospes nesciuerat consuetudinem eiusdem bouis tune medietatem 
precij illius animalis occisi soluere debet. si vero tale jumentum paruum 
fuerit. tune pro tali nichil solui debet. si uero magnum pecus occisum 
per bouem fuerit, tune tale pecus occisum Tendi debet et pecunie illi 
quorum pecora fuerint equaliter inter se parcientur, si vero sciuit illius 
bouis imlomiti consuetudinem nociuam et non alienauit a se, tune inte- 
grum valorem pro occiso iumento persoluet, ita Ius dictat. 

Capitulum Tricesimum secundum de Equis. 

Si hospes habens equum indomitum qui pedibus et morsu dentium 
homines consuetudinem haberet ledere, hospes equi leso homini per 
equum damnum et sumptus medicine soluat. si uero manifestauerit equi 
nocere consueti *) consuetudinem , tune medietatem damni soluet, ita 
jus dictat. 

(Hoc quod in calce huius constitutionis dicitur intelligitur, si talis 
homo Armenns occasionem ledendi equo suo non dederit.) 

Capitulum Tricesimum tercium de equo habente consuetudinem ledendi 

Si aliquis habnerit equum nocere consuetum et in domo tarn 
familie quam alijs manifestauerit ut a tali equo cauerent et postea talis 
equus aliquem leserit aut occiderit in domo, tune hospes manebit absque 
culpa in tali casu. si uero homines domestici aut vicini dixerint illi qui 
equum talem habet ut etim non foueret et ipse talem equum non alie- 
nauit 2 ) et equus aliquem enormiter leserit 8 ) aut occiderit tune, lus 


*) consueti fehlt. 
*) alieuaret. 

®) Tulnerauerit. 


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272 


F. ß i s c b o f f 


spirituale in isto debet prospicere qualis pro isto debeat iniungi peni- 
tencia et emenda. 

(Melius placet et admittitur 11t is qui equum ferum et liocere con- 
suetum admonitus per yicinos non alienauerit puniatur ea pena que supra 
in Capitulo vigesimo sexto de boue indomito est expressa.) 

Capitulum Tricesimum quartum de fure nocturno tempore in domo 
inuento . 

Dum aliquis furem nocturno tempore in sua domo inuenerit, si 
talem furem nocturnum interfecerit in domo manet absque culpa, si 
vero in die aliquis furem in domo sua inuenerit et eum occiderit occi- 
dens erit mortalis. Ita noua lege disponente, quod occisorem nocturni 
furis non culpat, occisor uero furis in die quia presnmitur homicidium 
commisisse scienter et voluntarie solus debet esse mortalis et tale jus 
est de furibus constitutum nocturnis et diurnis. si vero aliquis in domo 
nocturno tempore et similiter diurno, furem cum manifcsta re furti 
apprehenderit tune debet talem furem et cum signo furtive rei alias 
xliczem ad judicium adducere et qualis querela contra eundem furem 
coram judicio proposita fuerit tali pena ipse für per sententiam et in- 
iientionem ludicij punietur. 

Capitulum Tricesimum quintum de Jure ortorvm j ) et agrorum . 

Mittens aliquis propria volunlate sua Iumenta in ortum 8 ) alieuius 
aut in sementa Campi et talia jumenta damnum fecerint jus diffmit quäle 
damnum talia jumenta in ortis s ) aut frumentis campestribus diuersi 
generis intulerint tune ille cuius Iumenta liuiusmodi damnum inferentia 
in ortis*) et sementis fuerint damnum passo soluet sieut liomines tale 
damnum et valorem taxaverint et inuenerint. 

Capitidum Tricesimum sexturn de incendijs et amipirijs alias poxa - 
row *). 

Si ex quocunque loco ignis et aruipirium exiuerit et horea crema- 
nerit aut frumenta in canipis adhuc existentia js a quo ignis liuiusmodi 
exiuit pena licita castigari debet tarnen Judicium debet diligenter inqui- 
rere a quo talis ignis exiuit, si ex propiuquo vel longiuquo, si ab amico 
yel inimico 5 ), si ex eventu aut voluidarie, a sene vel a puero. Si aliquis 
propria voluntate premissa fecit dupluin cuiuslibet damni prefati •) dam- 
num passo soluet. Si aliquis prope horeum ignem posuerit et non pro- 
spexerit bene illum ignem ne damnum inferat et per talem non prospec- 
tionem ignis damnum patrauerit duplum pro quolibet damno seorsum 
passo damnum ignis non prospector soluet. Si a remotis ignis venit 


1 1 iiuitoruiu. 

2 ) bortuio 
*) hortis. 

4 ) alias pozarow fehlt . 

5 ) si al» ainieo vel fehlt. 
*) praedicto. 


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Das alte Recht der Armenier. in Lemberg. 


273 


tone medietatem damni huiusmodi qui dedit occasionem per ignem 
soluet illi cui damnum per conflagratronem ignis est illatum . si vero 
talis ignis incinerauerit pecus aut vestimenta de tali damnificatore tale 
Judicium et pene esse debent sicut presens Capitulum declarat. 

Capitulum Tricesimum septimum de fideli deposito et fideli manu. 

Si aliquis cuipiam dederit aurum argen tum et alias quaslibet res 
et suppellectilia diuersi generis et specieij ad fideles manu conservan- 
das, et tales res apud illum fidelem depositarium de domo eius furtiue 
surriperentur, si furem predictarum depositarius cum manifesta re furti 
aprehenderit, talis für patibulo debet puniri . si vero für talis compre- 
hensus non fuerit tune ille depositas res suas ad fideles manus apud 
illum querere debet cui dedit ad seruandum cum documento sufficienti. 
Si vero sufficiens documentum actor contra depositarium non habuerit 
tune juramento corporali depositarius solus euadet, quod tali damno 
rerum depositarum nec scienter nec negligenter occasionem dedit, et 
juramento Corporali prestito perpetue absolutus ab inculpante esse 
debet . si vero iste qui taliter ut prefertur iurabit et inuentus fuerit 
periurus, pro quolibet damno seorsum rerum depositarum duplum soluet 
et solus tanquam periurus honore debet priuari et infamis pronunctiari. 
Si vero aliquis, non dando servare a liquid ad fidele depositum, calum- 
niatus fuerit aliquem, quod tanquam dedisset aliquid seruare , Tune et 
talis calumniator perpetue est infamis declarandus , sicut quilibet calum- 
niator, qui falsa crimina scienter intentat. 

(De Armenis hec constilucio quemadmodum et alia est intelli- 
genda . hoc est si Armenus est depositarius suo Jure per Christianum 
convenietur . e diuerso christianus depositarius per Armenum depositum 
querentem Jure suo conuenietur, qui actor sequitur forum rei.) 

Capitulum Tricesimum octauum de Jumentis alicui ad seruandum datis. 

Si aliquis dederit alicui ad seruandum equos, boves, oves et di- 
uersa pecora et pecudes et si talia pecora aut lesa, aut mortua aut per 
potentem manum ablata fuerint et nemo sciret vnde tale accidens eue- 
nisset, tune ille conseruator Juramento corporali euadet, si non dedit 
occasionem lesioni aut morti Jumentorum . si vero apud illum conser- 
uatorem aliquod pecus aut Jumentum fuerit furtiue surreptum, tune ille 
conseruator illud pecus furtiue ablatum soluere debet illi cuius tale 
pecus fuerit . si uero ursus, lupus vel aliquod aliud animal ferum ju- 
menta aut leserit aut deuorauerit, tune talis conseruator illi cuius pecora 
sunt demonstrare debet locum, demonstrato uero et probato loco indem- 
nis debet esse et difFinitione Jus pro magna iusticia accepit. 

(Quo ad Armenos hec constitucio habet locum . qui christianos 
inculpati eo Jure euadent. Christianus uero inculpatus suo Jure etiam 
Armenum euadet.) 

Capitulum Tricesimum nonum de eo qui alicui artna accomodauerit. 

Si aliquis apud amicum accomodauerit arma diversa, taliaque arma 
aut franget aut perdet, si qui accomodauit non erat circa fractionem aut 
Sitzb. <1. phil.-hist. CI. XL. Rd. I. Hfl. lg 


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F. B i s c h o f f 


perditionen» armorum, tune illc qui aecomodauit arma damnum debet 
soluere aut fractionis aut perditionis armorum. si vero ille cuius fue- 
riut arma fuit presens circa destructionem aut perditionem armorum, 
indemnis ille qui aecomodauit in tali casu manet Si rero aliquis equos, 
Jumenta et alias res vtensibiles pro certo precio apud aliquem aren- 
daucrit et talis res animata lesa fuerit aut moreretur et hospes illarum 
rerum Yerus proprietarius circa id fuerit presens i)» tune iste proprie- 
tarius propter huiusmodi presentiam suam in isto damnosus esse debet 
et non ille qui arendauit . si uero proprietarius predictarum rerum circa 
lesionetn aut perdicionem premissorum presens non fuerit, ille qui tales 
res locauit seu arendauit soluere damnum rerum tenetur . quos Casus 
in presenti capitulo descriptos iudiciale officium armenicum diligenter 
attendet, pensitabit et discutiet. 

(Inter Armenos hec constitucio ut cetere intelligenda et seruanda 
est. Christiani vero per armenos conuentj suo jure iudicabuntur.) 

Capitulum quadragesimum de co qui a liquid apud alterum ad Prestam 
receperit. 

Si aliquis apud alterum aliquas res receperit ad prestam seu in 
mutuum ad certum tempus et is qui ad prestam seu in mutuum aliquid 
accipit depauperabitur, et propter depauperationem ad tempus pretixum 
soluere non poterit, veteris et Noue legis patrocinio eidem depauper- 
tato talis prerogatiua concessa est, quod a creditore nullam grauitatem 
habere debet, et vsuram ab eodem depauperato recipere non debet, sed 
debet ei assignare et limitare certum tempus, ut ei tantum principali- 
tatem crediti debiti solueret, et si is depaupertatus illi suo creditori 
antehac aliquid vsure dederit, quidquid ab eodem receperit vsure hoc 
debet computare 2 ) ad sortem priucipalis summe, quoniam dei precep- 
tum est prohibititum, quod nemo sapiens christianam (idem s ) vsuram 
accipiat . si vero talis depaupertatus debitor non soluto debito more- 
retur, tune successores ipsius debitoris nullam vsurum soluant credi- 
tori, propter principalem summam, que per successores solui debet 
creditori. 

(Hec constitucio inter Armenos seruanda est et inteltigenda hoc 
modo, quando debitor ex casu fortuito et non sua culpa aut maleficio 
incidit in paupertatem ut creditoribus suis soluere non possit.) 

Capitulum quadragesimam pr im um de rebus impignoratis. 

Si aliquis apud alterum aceeperit in pignore domum aut ortum 
aut vineam, vel agros vel aliquid istissimile, si uero ille qui obligauit 
aliquam ex predictis rebus neglexerit solutionem facere illi cui obli- 
gauit, extunc ille obligationem rei habens a prefato , qui ei obligauit, 


') praesens fehlt. 

'*) i*e|Milari. 

3 ) ehiisliauat* liilei in iisnrain. 
*) hortnin. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


275 


tantum essentialem summam absque vsura recipere debebit et pignus 
seu rem obligatam ei recepta summa principali restituet. si uero ille 
tenutarius obligatorius magis commorli accepit de bonis predictis obli- 
gatis, quam est summa essentialis, tune id totum quod superius sum- 
mam principalem in vim commodi recepit restituere ! ) ad sortem prin- 
cipalem computare defalcareque debebit . si uero ilie qui obligauit non 
habuerit facultatem bona obligata reformare in necessitatibus bonorum 
et ille qui in possessione obligationis bona tenet reformauerit reparaue- 
ritque sumptibus suis, tales sumptus erogatas ad reparationem bonorum 
ille qui eadem tenet in obligatione ad summam principalem adnumerare 
debebit et ita illi sumptus erunt summe principalj adnumerati et coadu- 
nati ad soluendum . habens vero in pignore vestimenta et jumenta, et 
talia vestimenta aut jumenta in tali obligatione anichilarentur et decres- 
cerent, tune tale damnum ille tenutarius obligatorius ad sortem princi- 
palis summe debet defalcare. Si uero fuerit in obligatione aurum, 
argentum vel aliquid istis simile, si per furtum aut aliquam alterius 
euentus perditionem perderetur apud illum qui in obligatione habet 
talia, si predicta res neque negligentia neque culpa ipsius qui in obli- 
gatione habet aliquo modo ex premissis modis perdita fuerit, tune obli- 
gator a ) iuramento corporali se expurgabit, quod eius occasione per- 
ditio prefata facta non est . si uero tales res sua culpa essent perdite, 
aut solus eadem occultauerit, asserendo ista esse perdita, et contra 
eum probatum fuerit, quod tales res habet, tune duplum soluat . si ei 
potens manus istud receperit, tune istius damnum esse debet, qui obli- 
gauit . si uero fructiferam arborem io tenuta obligatoria aliquis exci- 
derit aut sepes cremauerit, si id acciderit ex scitu et voluntate illius qui 
tenet in obligatione, damnum ipsius debet esse, et similiter de pecori- 
bus et jumentis inuadiatis est judicandum, quod si jumenta in pignore 
fuerint lesa aut decederent, tune damnum obligatorii esse debet, qui 
damno huiusmodi prouidenter non obuiauit . si uero pecora huiusmodi 
non decesserunt culpa istius qui tenuit ea in obligatione, tune damnum 
debet esse illius qui obligauit talia jumenta, quia jure prouisum est rem 
obligatam debere custodire ne perdatur . et multo magis prohibet jus 
non vsurari. 

(Inter armenos seruanda est hec constitucio.) 

Capitulum quadragesimum sccundum de eo qui aliquem cremauerit in- 
cendio. 

Si aliquis aliquem cremauerit ex inimicitia et statim in recenti 
facto incendij fuerit comprehensus, talis homo incendiarius, sicut igne 
pecauit ita igne perire debet . si vero in tempore et hora deprehensus 
non fuerit et post factum captiuaretur , talis debet puniri carceribus 
penaque peccunaria et soluet omnia damna que per talem ignem euene- 
rint . si vero proditor mala Yoluntate id fecerit collo debet plecli. 


*) restituere fehlt. 
a ) ohligalnriiis. 

US* 


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276 


F. Bischoff 


(Incendiarij jure commimi Regni iudicentur et puniantur.) 

Capitulum quadragesimum tercium de eo qui alicui in orto *) fructife - 
ram arborem destmxerit. 

Intrans in ortum a ) alienum destruens illo in orto arborem fructi- 
feram cuiuscunque fructus et probatum contra eum tale factum fuerit, 
jus dictat, quod ipse destructor arboris fructifere similem arborem 
debet illo in orto *) plantare et quamdiu huiusmodi arbor plantata fruc- 
tus non produxerit, tune iste qui plantauit omnia damna fructus arboris 
excise soluet tamdiu usque noua arbor plantata germinare ceperit. 

Capitulum quadragesimum quartum de equis et jumentis. 

Occidens alicui pecora* uel equos manifeste ius difiinit quod debet 
valorem occisi equi aut jumenti occisor soluere illi cui in hoc damnum 
intullit . si vero occiderit ex inimititia officij juris interest talia proui- 
denter indagari, sicut ius decernit iuxta proposita et responsa partium, 
tandem sententiam promulgare. 

Capitulum quadragesimum quintum de eo qui propter paupertatem 
vsumfructum agrorum vendidit. 

Si aliquis urgente inopia vendiderit alicui vsumfructum de agris 
campestribus suis, tune consanguineus illius venditoris poterit propin- 
guitate sui fratris s ) emptionem vsusfructus agrorum . ab illo extraneo 
redimere et eliberare et solus effici vsufructuarius . si vero propinquus 
non extiterit illius venditoris et solus venditor haberet facultatem pecu- 
niariam redimere vsufructum predictum, hoc ante tempus facere potest. 
Si vero exemere non poterit, tune ille qui emit vsufructum agrorum 
debebit emptionis sue jus ad suum tempus determinatum teuere, tem- 
pore vero veniente ille heres iterum poterit suam redimere et obtinere . 
tempus vero huiusmodi venditionis est jure prefixum septem anni . si 
vero ultra septem annos possessor illius vsufructus voluerit longius 
tempus prorogare vero heredi ad redimendum, hoc in beneplacito est 
istius possessoris . si vero ad terminum septem annorum predictorum 
ille qui vendidit vsumfructum aut suus propinquus non redemerit, tune 
elapsis septem annis integris iam ille vsufructuarius efficiturverus heres 
illius rei empte et prefatum tempus septem annorum in huiusmodi causa 
debet haberi et obseruari pro prescriptione completa et irreuocabili . 
si uero alio genere contractus ille heres vendiderit agros suos, tune 
iuxta qualitatem negotij et iuxta partium proposita et allegata Judicium 
sententiabit. 

(Hec constitucio admittitur in hereditatibus Juri armenico subjec- 
tis, verum si armeno in Jure Ciuili uel terrestri Regni iacens hereditas 
oppignoratur, uel vsusfructus eins venditur, iuxta dispositionem illius 
juris cui eadem hereditas subjacet dicta oppignoratio vel venditio vsus- 


*) horto. 
*) h ortum. 
*) juri«. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


277 


fruclus iudicari debet . idem de prescriptione intelligendum *)♦ que 
etiam iuxta iu;*a, quibus hereditas cuius tsusfructus venditur subiacet, 
itidicanda est et ebseruanda.) 

Capitulum quadragesimum sextum de emptione domus in civitate et 
jure municipij . , 

Si aliquis alicui vendiderit domum in ciuitate et Jure municipale 
potest propinquus ad vnius anni decursum propinquitate repetiere emp- 
torem extraneum pecunias soluendo pro quibus eadem domus empta 
erat. Si vero propinquus non fuerit et ille pacifice et quiete huiusmodi 
possederit anno integro amplius elapso anno ille qui emit verus prefate 
domus efßcitur beres, eandemque erit Jure hereditario possessurus abs- 
que aliqua contradictione omnium et singulorum proximorum . si uero 
diues pauperi domum vendiderit et ei tempora 2 ) prefixerit ad soluen- 
dum. et si ille pauper solutionem facere per eadem domo non preual- 
uerit, tune potest eandem domum illi vieeuersa restituere et ille ab ipso 
eandem domum recipere tenebitur absque aliqua contradictione . do- 
rn or um vero agrorum et ortorum *) que in suburbio Ciuitatis iacent jus 
exemendi easdem per propinquos debet prescriptionem septem annorum 
habere (per propinquos) *). 

(Armeni emptores et venditores domorum seu hereditatum naturam 
et observationem illius juris, in quo jacent eiusmodi domus et heredi- 
tates, seruare debent.) 

Capitulum quadragesimum septimum de Molendiuo aquatico. 

Si aliquis cogente inopia molendinum aquaticum vendiderit, ad 
annum integrum poterit propinguus hoc idem molendinum redimere jure 
propinquitatis . anno vero elapso integro is qui possidet per 6 ) propin- 
quos impeditus 8 ) non fuerit, ampliüs non poterit libertatem et Jus 
redemptionis molendini habere, si is qui emit molendinum huiusmodi 
vigore prescriptionis prefati molendini verus et perpetuus heres efßcitur 
jure id dictante. 

Capitulum quadragesimum octauum de emptione 7 ) equi. 

Yendens equum alter ab altero, forum emptionis equi debet fieri 
in presentia duorum vel trium testium, propterea ne equus esset fur- 
tiuus, et ne antiquam claudicaturam habeat, et quod non esset ptisi- 
cus 8 ) alias Dijchawicznij, aut Nossathij . si uero cognitum fuerit ad 
septimum diem aliquod vicium ex predictis in cquo empto, tune emptor 


*) intelligendum est. 

*) et in tempore. 

*) hortorum. 

4 ) P er propinquos fehlt. 
ft ) si per. 

6 ) impetitus. 

7 ) emptore. 

•) phtisicus. 


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278 


F. B i s c h o 


talem equum vitiosum restituere venditori poterit. Si Yero equus ad 
septimum diem predicta vicia aut unum eorum in se repertum non 
habuerit, tune forum venditionis equi suum effeetum sortiri debet . si 
rero equus Ille furtiuus fuerit, tune intercessor tenebitur emptorem pro 
prefato equo suo grosso et impensa eliberare, intercedere et indemnem 
reddere. 

Capitulum quadragesimum notium de uendito Boue. 

Vendens Bouem alter alteri coram tribus testibus tale forum debet 
facere et vendens bouem huiusmodi de jure tenebitur talem bouem dare 
illi ementi ad aratrum siue currum ad tentandum *), quod talis bos non 
esset nociue consuetudinis, nee furatus . si vero bos fuerit nociue ac 
fere consuetudinis ad septimum diem potest illi venditori restitui . si 
fuerit furtiuus et aliquis alloqueretur se ad illum, tune emptor debet se 
trabere ad principalem intercessorem . qni intercessor debet eum suo 
grosso vbilibet intercedere et indemnem reddere, Jure ita dictante. 

Capitulum quinquagesimum de vendita vacca. 

Vendens alicui vaccam debet emptori cauere, quod talis vacca 
quolibet anno consueuit impregnari. sin aliter compertum fuerit in pre- 
dicta vacca, quam ipse venditor spopondit, tune in vno integro anno 
eandem vaccam emptor renditori restituere potest . si vero ipsa vacca 
fuerit prolifieans bene, tune forum debet suum effeetum sortiri. 

Capitulum quitiquagesimum primtim de Apibus. 

Vendens alicui apes in autumno in Alueario cum melle et venditor 
spopondit emptori, quod in huiusmodi alueario est tantum mellis et 
nominat certara mensuram et expressam quantitatem, si ille emptor 
credere venditori noluerit, tune poterit aluearium aperire et mel men- 
surare, et quiequid mellis ad illam quantitatem et mensuram deflfecerit, 
hoc ille venditor aut melle aponat aut pecunijs soluet 2 ) defectum mel- 
lis . si mel deficiens aponere noluerit, tune forum huiusmodi ad nichi- 
lum redigitur . si uero illud mel exeesserit quantitatem et mensuram 
condictatam in alueario, tune emptor restituere venditori huiusmodi 
excrescentiam mellis non tenebitur, quia s ) spe lucri non damni emit . 
si aliquis vendiderit vernali tempore propter examen apum talis reci- 
piendo huiusmodi apes debebit ponere in suo mellificij lpco, ad deci- 
inam vel vigesimam diem eas seruando propter inquirendum, si ille 
apes emittent examen vel non, et forum pro huiusmodi apibus debet 
fieri coram duobus uel trihus testibus et introitus ac exitus apum ita 
fiat et inueniatur, sicut in foro condictatum est, si exitus et introitus 
apum ita inuenietur sicut contractus fori conclusus est inter venditorem 
et emptorem, tune huiusmodi forum debet suum effeetum sortiri . si 


') siue ad Curuum et teotaudmn. 

*) aut mel apponat aut pecuuia soluat. 

3 ) qui. 

4 ) ln submelliiicii. 


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Das alte Hecht der Armenier in Lemberg. 


279 


vero inter huiusmodi apes aliquid nociui fuerit aut mater eorundcm 
moreretur inter spacium decem aut viginti dierum, poterit emptor ven- 
ditori tales apes viceuersa restituere. post decursum vero viginti dierum 
si aliquid noeiui predictis apibus euenerit tune emptoris non autem ven- 
ditoris debet esse damnum. 

Capitidum quinquagesimum secundum de v ams ex Arilla *) fabricatis 
pro vino infundendo qui vocantur Banije vijnne. 

Emens aliquis apud alterum Vas Argilleum pro vino fundendo *), 
si tale ras ad integrum annum non stilauerit, tune forum pro eodem 
rase initum teneri debet . si vero in tali vase fuerit aliqua lesio et per 
emptorem cognosceretur illius vasis, hoc ipsum vas viceuersa recipere 
debet ab emptore, si vero de huiusmodi vase leso vinum efluxerit, tune 
damnum ad medium esse debet . si tale vas in primo fori contractu 
fuerat integrum et dum infodiebatur in terram lesum est, tune venditor 
in isto culpabilis non erit, quia Jura que disponunt hoc intelligere de 
yasis magnis et parvis *). 

Capitidum quinquagesim um tercium de fructu arboris fructifere ven- 

dito . 

Contigit multociens plerisque vendere fructus arborum fructife- 
raruni in ortis *) propter hierum habendum . si lucrauerit 5 ) fortunatus 
est, sin perdiderit lucrum infortunio suo imputet, et tale forum in pre- 
sentia trium testium fore debet, et tempus huiusmodi fori ad decem dies 
durat, in quibus decem diebus forum emptor potest deicere, lapsis vero 
decem diebus 6 ) forum huiusmodi prefatum in rem transit efTectualem et 
determinatam , emptor post dies decem lapsos condictatum pretium 
soluat. 

Capitulum quinquagesimum quartum de molendini arenda. 

Si aliquis arendauerit molendinum coram testibus, debet ille qui 
arendat sibi statuere et edicere mensuram, qualem mensuram ille qui 
arendat dare debebit . si vero arendator 7 ) molendini lucrauerit 8 ) ali- 
quid *) super arenda, hoc eius lucrum erit, et iste qui arendat debet 
tenere arendam, non obstante lucro illius qui arendauerit 9 ) , nec eun- 
dem arendarium debet propter lucrum huiusmodi in aliquod detrimen- 
tum inducere . omnia vero necessaria ad molendinum iste qui aren- 
dauit dare et reparare debet, similiter et destructa secundum consue- 
tudinem in molendino observari consuetam reformabit, si vero ex incu- 


f ) Argillit. 

2 ) infundendo. 

8 ) non parvis. 

4 ) hortis. 

s ) lucratus fuerit. 

Ä ) forum emptor potest deicere lapsis vero decem diebus fehlt. 
7 ) arendatorius. , 

•) aliquid fehlt. 

9 ) illius arendarii. 


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280 


F. ßischoff 


rabilitate istius qui arendauit moleodinum in *) aliquod damnum in mo- 
lendino a ) foret 3 ) in lapide, Rotha aut presepio molari, aut 4 ) alijs 
aparamentis molendini damnum foret, aut si ali quid de molendino fura- 
tum fuerit, tale totum damnum Ille qui arendauit debet soluere . si rero 
molendinum conflagratum fuerit 5 ) illius culpa, cuius hereditarium 
fuerit, suum damnum erit, si rero ex causa arendatoris 6 ) molendinum 
combustum fuerit tune arendatoris 7 ) est damnum et taliter Jure diffi- 
niendum erit. 

Capitulum quinquagesimum quinfum de Judice et spirituali persona 
inhoneratis 8 ). 

Si aliqui in ciuitate et Jurisdicione propria atraxerint se ad Jus et 
causa fuerit sanguinolenta aut contenciosa, quod rnus alteri controuer- 
sialiter contrariaretur, debet accedere ibi ubi est locus Judicij , quod 
judicium est electum a deo et hominibus, in quo Judicio sedere con- 
sueuerunt spirituales et seculares, qui tune temporis fuerint, et propo- 
sitionem coram eis actor facere debet contra ream partem, et judicium 
auditis partium propositis et responsis inter eos discutiet id quod juris 
fuerit. et vtraque pars tale decretum suscipere debet et eidem non 
contrafacere 9 ) et de decreto huiusmodi iudiciali vtraque pars non debet 
nec ad dextram neque ad sinistram declinare . qui vero decreto teme- 
rarie et superbe contradicere ausus fuerit, talis liomo mortalis est . in 
noua enim lege ita 10 ) ostenditur, quod quicunque aduersaretur juri pro 
nichiloque judicem habuerit, talis est mortalis, quia inobedientia contra 
auctoritatem judicii facta perinde habetur, ac si deo inobedientia osten- 
deretur, jura ita diffiniente. 

(Quod hic dicitur, quod decreto juris armenici nec ad dextram 
nec ad sinistram declinari debet intclligendum est quo ad personas 
armenorum, que si volunt possunt non appellare a decreto juris sui 
armenici, liomini vere Catholico grauato in judicio armenico reseruata 
est appellatio.) 

Capitulum quinquagesimum sextum de metis agrorum. 

Jure difßniente nemo debet mutare metas agrorum yicino suo, 
quas metas agrorum confirmauerunt predecessores et successoribus 
scilicet filijs relinquerunt bona, quod deus concederet vobis succes- 
soribus agros et alia bona cum gaudio et sine iuiuria proximi ?ti frui, 


*) in fehlt. 

8 ) in molendino fehlt. 

*) ferat. 

4) atque. 

*) conflagrauerit. 

6 ) areudatorii. 

7 ) molendinum — arendatoris fehlt. 
*) inhonestatis. 

9 ) contradicere. 

>0) ita fehlt. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. . 


281 


tarn fratres quam extranei iniusticia manere et conuiuere, sicut enim 
tibi a patre tuo relictum est , taliter tenere debes , et alterius heredi- 
tatem tibi non vsurpes . si vero aliquis ante te iniuste aliquid aecepit, 
in tali casu recurendum est ad judicium. 

Capitulum quinquagesitn um septimum de Testimonio. 

Item jure precipimus vobis, quia unius hominis testimonium in 
jure nostro armenico nichil importancie et vigoris habet, sed tantum 
testimonium duorum Yel trium bonorum virorum robur habet . si uero 
aliquis uellet coram judicio iniuste ex inimicicia testificari, et judex aut 
judicium cognoverit quod ipse iniuste testificatur debet sententiari 
sicut quilibet malus . ita ius dictat. 

Jus ostendit, quod testimonium isto modo debet esse . coram ju- 
dicio armenorum debet probare super armenum armenis duobus aut 
tribus bonis hominibus, quibus licitum esset credere . non debet alios 
testes inducere, tantum ex genere armenorum . sic ius dictat. 

Postquam venient duo ad jus Armenicum ynusquisque disponat 
snam rem *) solus, non debet procuratorem pecunijs conuenire, ut in- 
iusticia iusticiam vincere possit, quia talis res est contra deum et iusti- 
ciam sanctam. 

Capitulum quinquagesimum octauum de homine occiso inuento in ali - 
cuius granicie 2 ). 

Si in alicuius granicie 2 ) vel campo inuentus fuerit horno occisus 
et ignorabitur homicida, tune iudex cum senioribus Ciuitatis cui ille 
locus magis adiacebit, et debent revidere ad cuius graniciem *) per- 
tinet propinquius ille locus, et in cuius Ciuitatis districtu fuerit, si vero 
bomicidam non invenerint, qui interfecit predictum hominem, tune pro 
capite illius hominis occisi nullus aliquid pati debet sed illius interempti 
propinqui et consanguinei debebunt inquirere culpabilem homicidij, 
quem si inuenerint talis homo mortalis est qui occidit. 

Capitulum quinquagesimum nonum de inhobedientibus pueris paren - 
tibus suis. 

Si apud aliquem fuerit inobediens filius et nöluerit obeiire paren- 
tibus eum corrigentibus, debent talem fiiium inobedientem adducere ad 
seniores et accusare eundem fiiium coram senioribus, eum esse malum 
et inobedientem, vt pote sediciosum et ebriosum . talem vetus lex pre- 
cipit lapidandum. Noua vero lex assimilat hunc casum inobediencie fili- 
alis sicut parentes verberaret 4 ) , et propter tale scelus inobedientie 
poterint 5 ) eum parentes alienare a toto patrimonio hereditario. 

(Ista constitutio inter solos armenos et eorum gentem locum 
habet.) 


rem fehlt. 

2 ) limile. 
limitem. 

4 ) verberMuerit. 

5 ) poteruut. 


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282 


F. Bischoff 


Capitulum sexagesimum deperditis homimbus criminosa facta patran - 

tibus. 

Quicunque patrauerit factum mortale seu criminosum solus debet 
subici mortalitati, idest si aliquid furatus fuerit pena suspendij deleatur 
et cadauer suspensum ad noctem in patibulo relinqui non debet, sed 
debet tale cadauer deponi et sepeliri . vetus lex ita dictat . de noua vero 
lege nostra constitutum est, quod si quis maleficium aliquod patrauerit 
et conuictus fuerit testimonio trium bonorum yirorura possessionatorum 
talis debet iuxta malefactum pati, hoc est si fuerit für suspendatur, si 
vero fuerit predator et violator pacis et securitatis comunis debet capite 
plecti. taliter jus punienda esse facinora malefactorum. 

(Cause criminales non pertinent ad judices armenos cum in liijs 
armem Leopolienses sunt subiecti juri Theutonico et civili Maidebur- 
gensi.) 

Capitulum sexagesimum primum de furibtis castigandis. 

Jus nostrum non admittit furem occidere aut homicidam Tiranni- 
cum neque aliquem alium dignum morte nisi prius jure et sufficientibus 
documentis conuictus a ) . si quis vero obiceret alicui quod ipse est 
homicida tirannicus hominum alias zabijacz 8 ), et istud non probauerit, 
tune inculpator non probans solus in tali facto remanebit et magna pena 
talem hominem non probantem obiectionem alicui obiectam jus punire 
debet . si vero armenus armenum infamauerit asserendo eum esse paga- 
num et infidelem, et non probauerit istud contra eum, tune per judices 
debet puniri sicut nequam oblocutorem *) carcere et pena . si vero 
aliquis noctu violenter infregerit se in domicilium alterius et hospiti 
domus damnum furti aut violentia illata fuerit, omnino talis mor- 
talis est. 

Capitulum sexagesimum secundum de violatore femine , vxoris vel 
ancille. 

Si quis in via rapuerit alieuius vxorem vel filiam et talis filia est 
virgo et eandem violaverit, talis violator mortalis est . si vero coitum 
cum ea non commiserit, nichilominus reus est et puniri debet per judi- 
ces carcere et pena propter inhonestatem. 

Capitulum sexagesimum tercium de inuentore alieuius rei. 

Si aliquis transiens per viam viderit pecus seu animal oberrans 
cuiuscunque hominis fuerit, si vicini ipsius fuerit, licitum est ut resti- 
tuatur, absque aliqua receptione, si vero tale pecus fuerit ex longinquo 
ignoti hominis, tune tale pecus per illum qui vidit uel inuenit oberrans 
pecus 5 ) debet ipsum idem pecus recipi ad domum illius inuentoris, et 


') jus fehlt. 

*) conuictum. 

3 ) alias Zahgacz fehlt. 

4 ) ohloquutor. 

5) pecus fehlt. 


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Das alte Recht der Aroieuier iu Lemberg. 


283 


debet protestari vicinis, quod tale pecus inuenit oberrans ignoti homi- 
nis, debetque illud servare tamdiu quoad hospes seu dominus illius 
pecoris se manifestauerit, domiuo vero illius pecoris probatione habita 
quod suum pecus sit restitui debet pecus cum reformatione inipen- 
sarum . et in qualibet re inuenta ita lex precipit obseruandum et facien- 
dum, scilicet pecuniarum vestimentorum et quarumlibet aliarum rerum . 
quia jus Chrislianum nostrum ostendit quamlibet rem inuentam esse 
restituendam illi cuius propria fuerit absque grauamjne. 

(Bene stat hec constitucio, hoc adiecto, quod protestari debet 
vicinis et officio Castri uel Ciuitatis quod pecus seu animal alienum 
habuerit.) 

Capitulum sexayesimum quartum de eo qut cum alio in viam exiuit . 

Si Tero aliquis cum altero ad viam exiuerit et vni ex eis accidens 
aliquod euenerit, videlicet aut per casum equi, aut in ponte equus irre- 
titus fuerit vwijasznije, aut currus oneratus in lutoso loco fuerit imer- 
sus, quod de facili ex luto exire non potest, aut talis currus pervertitur 
aut frangitur, tune comes Tie non debet ab illo socio sustinente acci- 
dens recedere . si vero recesserit potest iudicialiter eum conuenire, 
quem jus *) debet secundum iusticiam et jus a ) punire. 

Capitulum sexayesimum quintum de modo vestimentorum portan- 
dorum . 

Jus dictat masculo non debere licere ambulare in Teste muliebri 
et e conuerso mulieri non licet in habitu masculino incedere. Talis enim 
res contraria est deo, ex eo quia ex tali irnpossibiii täte babitus multe 
nequicie oriri possunt . tales si qui reperti fuerint transgressores per 
predicatores et judicem debent puniri. 

Capitulum sexayesimum sextum de edificante novam domum *). 

Aliquis ediücans nouam domum et Toluerit circum domum sursum 
pinaculum construere, ita tale pinaculum debet construere, quod nemo 
de eodem pinaculo caderet . oportet enim ut istud ita teneatur, ne in 
alieuius domo istud accidens euenerit . si Tero aliquis de tali pinaculo 
ceciderit ex laqueo maligni spiritus hospes illius nichil pati debet . sed 
penitenciam spiritualem debet suscipere. 

Capitulum sexayesimum septimum de eo qui in alieuius sementa in - 
trauerit cum falce. 

Si quis intrauerit in frumenta Campestria alieuius non debet talia 
frumenta falce metere sibi ipsi ad Tsum tarnen si aliquid manu euulse- 
rit 4 ) hoc potest facere . si Tero falce damnose meteret aliquid, et 
hospes eum inuenerit in suis segetibus, damnum hospiti debet sol- 
uere. 


') judex. 

*) et jus fehlt. 

*) de aedificatioue oouae dumus. 
4 ) evulsit. 


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284 


F. Bischoff 


Capitulum sexagesimum octauum de eo qui in vineam alicuius in - 
trauerit. 

Si aliquis alicui in vineam intrauerit absque domini vinee volun- 
tate, potest uuas vini comedere quantum placet, sed nichil de vinea illa 
exportare debebit, quia justo jure prohibetur, quod Yinee absque con- 
sensu proprietariorum suorum destrui per neminem debent . de qua 
yinea nemo in saccos nec in aliqua alia depositoria aliquid asportare 
debet . si yero aliqjuis de yinea aliquid receperit et per hospitem yinee 
in tali facto inuentus fuerit, in quocunque damnificauit dominum yinee 
id ei soluere debet. 

Capitulum sexagesimum nouum de vxorante nouiter. 

Si aliquis nouiter yxorem duxerit, tali non Iieebit ad bellum pro- 
flcisci, propterea ne sibi ibi aliquid aduersi et nociui contingat, ideo 
talem nouiter yxoratum jus a bello liberal , ut cum sua yxore noua 
sponsa gaudeat in domo sua . pauperes enim deus diligit et non sinit 
deus yt in eorum domo ita cito post nouas nuptias aliquid noui molestie 
tristitieque emergat, ideo tali nouo vxorio nullus imputare debet. 

(Armenus habens terrestria *) ratione quorum ad bellicam expe- 
ditionem est obligatus non gaudet prerogatiua huius constitutionis.) 

Capitulum septuagesimum de Molendino manuali alias ozamowem 
mlijnie a ). 

Jure prohibitum est molendinum manuale non debere obligari nec 
superiorem nec inferiorem lapides, quia isto yictus pauperis susten- 
tatur *) transgressor vero presentis constitucionis 4 ) per iudicium puni- 
atur et compescatur ne tale molendinum impignoraret. 

Capitulum septuagesimum primum de debito simplici absque pignore . 

Existens aliquis debitor alicuius sine pignore et pro tempore cre- 
ditum debitum soluere non poterit jus prohibet illi creditori recipere 
violenter vadium in domo debitoris propter solutionem non factam . si 
vero debitor propria voluntate bona pignus seu vadium creditori dare 
voluerit, tali modo creditor accipere poterit . si pauper homo astrictus 
necessitate ineuitabili aliquam rem in pignus dederit creditori, tune tale 
pignus apud illum creditorem pernoctare non debet, sed creditor tale 
pignus 5 ) restituere viceuersa illi qui dedit et tempus ei congruum 
assignet, quo secundum statum inopie sue posset soluere. 

Capitulum septuagesimum secundum de jure servilium famulorum 6 ). 

Jure statutum est quod non licet famulo seruili et famule precium 
famulatus adimere et negligere . apreciato enim famulo vel ancille, dum 


*) Armenus hactenus terrestria bona non possidet 

а ) de molendino manuali quod trusatilis mola ab aliis dicitur. 
*) suppeditatur. 

4 ) consuetudinis. 

б ) apud — pignus fehlt. 

6 ) de iure seruilium persouarum seu famulorum. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg* 285 

tempus eius seruicij expirauerit, ad occasum solis salarium vel precium 
promeritum solui debet per bospiiem. propterea quia patiper est et in 
isto consistit eius spes nutriendi, ne suspiria emitteret ad detim et ex 
eo sequeretur *) pecatum, quia cogente eum paupertate subiugauerat 
se seruitio, ideo indignum est, ut eius promeritum salarium sibi solui 
negligeretur. 

Capitulum septuagesimum tercium a uiduis pignora non recipiantur. 

Jure constitutum est quod a viduis nec vestimenta nec alie res 
mobiles in Tim pignoris recipiantur . si in alio iure aliquo pignora a 
yiduis recipere licet, in nostro tarnen Arraenico istud interdictum est, 
quia Ycstimenta viduis sunt necessaria, quia ex dei precepto misericor- 
dia est habenda ergo viduas, sicut deus judeis in Alkairo aut in Egipto 
misericordiam ostendit. 

Capitulum septuagesimum quartum de midiere dirimente duos sedi- 
ciosos viro8 . 

Duobus in simul contendentibus et sediciose decertantibus et 
mulier inter eos se ingesserit ad dirimendam sedicionem, volens illum 
iuuare qui succumbit aut vincitur per prevalentem, et alio modo non 
valens sediciosos ab inuicem dissociare et prevalentem per virilia arri- 
puerit, jus decernit tali mulieri manum amputandam qua tetigit virilia, 
si vero jus favorabiliter inclinaretur ad id, tune potest talis mulier ma- 
num redimere. 

Capitulum septuagesimum quintum de fodiente 2 ) mortuum et eundem 
spoliante. 

Quincunqe mortuum de tumulo effodierit et eundem spoliaverit si 
recenter in tali facto deprehensus fuerit, talis spoliator mortalis debet 
esse pro tali facto . si vero non deprehenderetur in tali recenti facto et 
postea rediens ad se coram presbitero confessus fuerit, tune confes- 
sor *) ipsius debet sibi penitentiam iniungere iuxta excessum huiusmodi 
pecati, propter quod pecatum ad mortem ipsius debet alienari a com- 
munione Christianorum et talem pecatorem judicium reputat, sicut esset 
homicida . huiusmodi casuum tale ius est. 

Capitulum septuagesimum sextum de eo qui aliquem ex casu et non 
studiose occidit. 

Transiens per viam sine culpa alicui ita quod nullum inimicum 
habuerit, et in eum inopinate predones insilierint, et aliquem ex predo- 
nibus, defendendo vitam, occiderit, de jure tale factum homicidij 4 ) 
ecclesiar sancta non reputat pro facto bomicidii studiose et volenter 5 ) 
patrati, si etiam talis casus Presbitero acciderit sancta ecclesia talem 


*) consequeretur. 
*) effodiente. 

# ) confeasionarius. 
4 ) bomicidii fehlt. 
*) non volenter. 


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286 


F. Rischoff 


casum equaliter discutit . tarnen patrator talis casualis pecati debet con* 
fiter> et penitenciam suscipere, si spiritualis fuerit in tali euentu , tune 
eius sacerdotio niehil nocet, si fuerit homo secularis in tali casu homi- 
cidij 0 potest sacramenta ecclesie suscipere. 

Capitulum septuagesimum septimum de pueros incorigibiliter et disso - 
lute servante 2 ). 

Qui pueros suos 3 ) admiserit crescere dissolute et non dederit 
tales pueros ad Studium iiterarum aut artifieij existens pauper, jus pre- 
cipit tales pueros per parentes iuxta facultatem tradendos ad discipli- 
nam Iiterarum aut artißeij, ut postea adulti digni essent aut presbite- 
ratu aut bono aut honesto artißcio, si talis pater eo respectu pueros 
suos disciplinandos non tradiderit quod scilicet vita monastica sit rigida 
et regulariter obseruanda,' talis pater est maledictus . jure enim et pre- 
cepto diuino preceptum est, vt pater liberos suos in debita castigacione 
et timore preceptorum diuinorum foueat, ut a jure diuino non excedant. 

Capitulum septuagesimum octauum de pueris reeedentibu# a paren - 
tibus ei 8e ab eisdem alienantibus . 

Quicunque pueri liabuerint parentes christianos et diuina precepta 
tales parentes integre obseruauerint, ijdem parentes liberos suos more 
suo circa se debent erudire taliter et precipere. pueris vero nolentibus 
parentibus suis obedire, eorum bona et salubria documenta paruipen- 
dentes, tales pueri sunt maledicti . deus etiam precipit, si aliqui paren- 
tes pueros suos non docuerint honeste yivere, precepta dei addiscere, 
tales parentes incurabiles pueri possunt dimittere . sed etiam modernis 
temporibus multociens contingit, quod a bonis parentibus et honestis 
nequam discolique pueri se alienant, ideo etiam tales pueri sunt male- 
dicti. 

Capitulum septuagesimum nonum de eo qui proficiscitur ad bellum . 

Proßeiscens aliquis ad bellum et ibi occidens hominem tale homi- 
cidium ex institucione sanctorum patrum pro non pecato habebatur *) 
quod et nos ita obseruandum decernimus, tarnen nichilominus tenebitur 
talis occisor conßteri et condignam sibi penitentiam iuiunctam adim- 
plere, ita Jus decernit 5 ). 

Capitulum octuagesimum de Jure artificum. 

Si artifex aliquid furatus apud aliquem in artißcio suo dum ei ali- 
quid ad laborandum datur et compertus fuerit in isto tune rubore suf- 
fusus et cum infamia duplum rei ablate soluat . si autem rescitum non 
fuerit tune talis debet conscius esse sui facti et couscientie. 


! ) in tnli homicidio. 

2 ) de pueros dissoluto.s et iiulli arti addictos ha beute. 
s ) pueris suis. 

*) habeatur. 

5 ) definit. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg, 


287 


(Armeni inter se hanc constitucionem obseruabunt si vero armenus 
artifex Cliristiano quidpiam ad laborem datum furatus fuerit jure in quo 
residet ille Christianus punietur.) 

Capitulum octuagemmum primum de puero viciato in natura . 

Si apud aliquem fuerit puer natus mutus aut alio vitio nature labo- 
rans, tune talis puer defectuosus in natura non succedit in bona paren- 
tum suorum tanquam natura viciosus . si autem post puerperium puero 
aliqua lesio contigerit scilicet claudicatura, cecitas aut lepra aut fatui- 
sat i) aut euentus talis quod habens rationem impotens est ad sur- 
gendum et negotia sua disponendum, et fratres eius istius e&ent speij 
quod deus ei tribuet sanitatis et defectuum revelationem ipsius sortem 
paternam et maternam eius fratres seruare debent tamdiu usque deus 
eum conualescere tribueret . si eonualuerit porcio eius paterna sibi 
cedere et assignari debet . si uero non eonualuerit tune de tali sorte 
eius fratres eum alere et neeessariis omnibus ad tempora vite ipsius 
extrema prouidere debebunt. 

Capitulum octuagesimum secundum de Jure mercatorum . 

Mercator vnus alteri mercatori aliquas merces vendens et talis 
mercator vendens sciret suas merces esse falsas aut putrefactas , et 8 ) 
nichilominus scieris de tali yicio mercium suarura tales merces lauda- 
uerit, et laudando bonitatem mercium. non veraciter iuraret scilicet quia 
diceret ita, bone merces mee sunt, et per hoc colluderet suum emp- 
torem, et talis emptor credens eius commendationi postea in huiusmodi 
mercibus falsum aut putrefactionem inuenerit, et istud protestatus fuerit 
fidedignis hominibus, de tali falsitate et putredine in inercibus huius- 
modi comperta jus decernit, tales merces falsitatem et putredinem in se 
habentes illi qui vendidit restituendas . similiter tale jus debet obser- 
uari, si aliquis jumenta, equos et alia pecora alicui vendiderit et dixerit 
sibi sub vinculo veritatis, quod talia jumenta predicta et alia carent 
nocumento, et postea aliter emptor inuenerit, ita ut premissum est de 
mercibus et talis casus etiain est discernendus. Non tantum uenditori 
res viciose seu putrefacte restituantur, sed etiam idem ex decreto judi- 
cii puniatur. 

Capitulum octuagesimum tcrcium de limitibus hereditatum . 

Si aliqui vicini inter se habuerint limites inter domos et agros 
tampestres, et contenderent pro terra scilicet istis duobus verbis, meum 
tunm, jus istud non demonstrat, quod talis res debeat juramento euadi, 
sed vtraque pars pro sua parte debebit statuere testes fidedignos, et 
quecunque partium babuerit magis testes, magis iuste testificantes, 
judicium parti meliora testimonia et probamenta testium habenti illos 
limites adiudicare debet. 


') fatuitn. 
*) aut. 


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288 


F. B i s c h o f f 


Capitulum octuagesimum quartum de hospitahbus. 

Si aliquem officium instituerit seniorem in hospitali vt prouideret 
pauperes in hospitali decumbentes necessaria eis ministrando in victu 
et amictu , si vero talis hospitalarius alias spithalnij auaricia ductus 
aliquid sibi vsurparet pauperes famelice seruando et teneretur in pau- 
peris habere pietatem ne famem paterentur et defectum tale officium 
rigide sine pietate castigare debet. 

Capitulum octuagesimum quintum de jure monasteriorum. 

Si aliquis de sublimi natalium statu, aut de Curia Regie Maiesta- 
tis, miles, terrigena, nobilis, aut stipendarij venerint ad villam mona- 
sterii et ibi voluerint stacionem facere , sencientes quod in claustro 
apcior locus stacionis esset, et tandem intrauerint in claustrum sta- 
cionem ibi habituri *) cum timpannis fistulatoribas et mulieribus, Prior 
claustri debebit istud defendere, et cum eis licitis et honestis rerbis 
loqui abhortando et rogando eos, ut a proposito eorum se retinerent . 
si vero non curauerint Prioris admonitiones rogationes et postulationes, 
in eodem claustro stacionem fecerint, tales sunt a deo et a sanctis patri- 
bus maledicti . quod est terribile auditu, quia claustrum est locus pro 
vita sanctorum patrum institutus, qui tenentur deum omnipotentem exo- 
rare pro felici incolumitate et statu Regie Maiestatis , et pro omnibus 
Christianis, quia predictis personis claustrum intrare licet non tali modo 
sicut premissum est, sed cum timore dei ad orandum deum cum obla- 
tione et propter indulgentias obtinendas. 

Capiftdum octuagesimum sextum de destnictione classis vel nauium 
in mari. 

Si nauis alias okranth prope ciuitatem fracta fuerit, licitum est 
ciuitatis hominibus juuare et eliberare bona eiusmodi de perditione 
marina . et si tales ciues aptauerint se ad talia bona nauis diripienda, 
non debent istud facere. ex quo taiis nauis destructio est multum dam- 
nosa domino illorum bonorum ex fractione nauis naufragantium, si vero 
noluerint de bona voluntate iuuamen predictis rebus facere , tune deci- 
mam partem illorum bonorum illi iuuantes debebunt recipere pro con- 
tentacione juuaminis sui , si rero eis ista decima pars sufficere non 
videretur, tune quiutam partem huiusmodi bonorum pro adiuuamine 
recipient, et residuum restituent illi qui est proprietarius predictorum 
bonorum . quia sepe numero talia in mari accidunt sed de jure arme- 
nico id observatur, quod pro tali juuamine nichil est recipiendum. 

CapiUdum octuagesimum septimum de locatione noue ville in cruda 
radice, 

Si aliquis nouam villam in cruda radice locauerit istud non potest 
facere absque Consensu Regie Maiestatis, et dum talis noua villa pos- 
sessionata fuerit Colonis imprimis debent ostendere locum et fundum 
pro eedesia edificanda et demum cuilibet domicilio et aree debent 


! ) habere vuleiite». 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


289 


exdiuidere agros, prata et alia vtensibilia domestica, ut quilibet sciret 
super quo residet, si vero desertam villam aliquis roluerit possessionare 
debet ibi locare Colonos eo iure et consuetudine, in qua predicta villa 
a principio erat locata. 

Capitulum octuagemmum octauum de resignatüme bonorum immo- 
bilem. 

Quodlibet forum debet in suo robore conseruari . si quis vendi- 
derit aut emerit bona immobilia hereditaria si pater et mater talia bona 
hereditaria immobilia vendere vellent alicui tune talis venditio esse non 
potest nisi cum scitu et presentia puerorum, fratrum et aliorum proxi- 
morum qui ipsis succedere deberent in talibus bonis, et talis venditio 
fiat cum omni *) consensu yoluntate et testimonio si vero filius altcuius 
patris legittimi vendere bona sua immobilia voluerit, tune ea vendere 
non poterit absque consensu et scitu patris et patruorum ac aliorum 
proximorum . si uero sine consensu et presentia ac testimonio predicta 
bona per prefatas personas , superius expressas sine consensu predic- 
tarum personarum fuerint vendita, tune successores et proximiores 
legittimi poterint illum ementem jure proximitatis a predictis bonis alie- 
nare, si uero talia bona inscripta fuerint cum consensu et consilio ac 
testimonio predictarum personarum et talis venditio cogente paupertate 
facta fuerit, ex tune ad annum integrum et legalem propinguiores pote- 
rint emptorem a predictis bonis per ius proximitatis repellere, si uero 
nulla necessitas compulsiua fuerit, propter quam venditio predictorum 
bonorum facta est, tune contractus fori emptionis debet in suo vigore 
permanere, cuius venditiouis recognitio debet esse coram judice Arme- 
norum et sub istius judicis sigillo litera resignationis et emptionis 
bonorum obtineri et extradi debet, et sicut litere et munimenta sub 
sigillo Maiestatis Regie concessa et data omnis generis contractum 
perfectum faciunt, ita huiusmodi litere sub sigillo judicis armenorum 
super predicto casu date etiam robur debent obtinere firmitatis ex eo, 
quia tale officium procedit ex autoritate Maiestatis Regie. 

(Hec constitucio locum habet quo ad gentem Armenorum preser- 
tim cum judex eorum sit Aduocatus ciuilis juris Maideburgensis.) 

Capitulum octuagcsimum nonum de divmone fratrum. 

Si fratres inter se post mortem patris bona paterna mobilia et 
immobilia diuidere equo libramine voluerint, imprimis antequam divisio 
inter ipsos modo premisso fieri debeat ante omnia debebunt predicti 
fratres post mortem patris reponere dotem et partem vxoribus eorum 
tantam dotem in omnibus rebus quantam et qualem eorum vxores a 
patribus ipsarum importauerunt ad domum eorundem fratrum, et taliter 
dotibus eorum uxoribus repositis ita vt premissum est, predicti fratres 
omnium bonorum paternorum hereditariorum inter se equalem et iustam 
facient diuisionem . si vero aliquis fratrum ante diuisionem aliquid a 


*) omni fehlt. 

SiUb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd II. Hit. \\) 


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290 


F. B i s c h o f f 


patre receperit, hoc totnm in diuisionem equalem reponere debebit . et 
quilibet fratrum post diuisiopem factam erit sortis sue dominus et 
heres . Ita enim justicia juris demonstrat. 

Capitulum nonagesimum de pena furis. 

Jus decernit quemlibet furem cum re furtiva manifesta ad judicium 
adductum pena patibuli esse puniendum. 

Capitulum nonagesimum primum de jure furum et depredatorum. 

Furem et predatorem cum eorum complicibus ecclesia eos non 
protegit sed jus eosdem mortc condemnat, fures enim et predatores 
cum complicibus eorum semper debent esse mortales, similiter si quis 
hominem furatus fuerit aut 2 ) dispercusserit modo predatorio veteri et 
noua lege decernente tales morti dedendos et condemnandos. 

Capitulum nonagesimum secundum de seruo misso a domino in tieces- 
sitate domini. 

Dum dominus servum suum miserit in necessitate negotiorum 
suorum ad viam varia discrimina contingunt et accidentia, si tali seruo 
in via aliquid aduersi euenerit et seruus recusabat a tali itinere vel via 
subeunda, et dominus ipsius ad tale iter sicut seruum compullit in tali 
accidente seruo in via occurso dominus ipsius qui eum ad tale iter com- 
pttllit erit in culpa . si uero seruus absque domini scitu ad tale iter 
equitauit et ibi fuerit preuentus accidente aliquo casu dominus suus 
remanebit absque culpa et damno. 

Capitulum nonagesimum tertium de mittente seruum alienum ad suam 
necessitatem. 

Si aliquis seruum alienum miserit in necessitate sua privata et tali 
seruo in via aliquod accidens evenerit quod periret, ille qui eum misit 
ad tale iter absque consensu domini ipsius reus est istius sanguinis, jus 
enim difünit neminem posse imperare seruo alterius, qui suum proprium 
non habet, judicis igitur ofßtium erit predictum casum diligenter inqui- 
rere, quo modo illum seruum ad tale iter periculosum misit, aut ex qua 
causa talis mors illi euenit. 

Capitulum nonagesimum quartum de jure seruorum apreciatorum. 

Si aliquis habuerit seruum apreciatum, et is seruus dixerit domino 
ut eum mitteret ad ipsius necessitatem priuatam, et dominus ei non ad- 
miserit, et seruus non attenta domini sui recusatione iuerit ad suam 
necessitatem et in isto sibi euenerit sibi mors , in tali casu dominus 
culpabilis non erit . si xero talem seruum dominus mis erit ad iter sua 
xoluntate et alii homines disuadebant ei, quod eum non mitteret, et huic 
seruo in tali missione aliquid sinistri in via acciderit, dominus ipsius 
tali modo obnoxius erit malo euentui serui illius. 

Capitulum nonagesimwn quintum de peccore ex damno sementorum 
in forestam obig endo . 


1 ) ilepiaedntorem. 
**t. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


291 


Si alicuius iumenta in frumenta hijemalia et estiualia intrauerint, 
ille cuius sunt frumenta in qua peccora intrauerunt non. debet talia 
pecora aut jumenta aliquo modo verberare aut ledere , sed eadem ju- 
menta ad suam forestam inforestare, si vero tale peccus aut iumentum 
is cuius frumenta sunt occiderit, debet tale peccns occisum soluere . si 
execauerit tale iumentum aut cornu ei excusserit violenter aut caudam 
absciderit, aut in pedem claudicaturam ei intulerit, officium judiciale 
debite de tali casu debet inquirere et taxato predicto casu aliquo ex 
prefatai is qui fuerit transgressor presentis statuti tune quartam partem 
illius us malis soluere tenebitur . si aütem hospiti jumentorum et pec- 
corum pirus dictum fuerit in vim admonitionis, quod sub bona custodia 
iumenta eit peccora sua seruaret, ne necumenta segetibus inferant, et 
ipse iumenta sua non retraxerit, judices prouidere debent talem casum 
iuxta testimonium Ticinorum eundem casum iuxta attestaciones tales 
discernendo. 

Capitulum nonag esimum sextum de eo qui equum alicuius terrore 
perterruerit. 

Si aliquis sub aliquo equum voluntarie perterruerit, ita quod homi- 
nem insidentem equus ita perterritus deiecerit et deiectus homo mortem 
obiret, talis Casus non aliter iudicandus est, nisi sicut pro occiso capite, 
et sicut jus decernet scriptum pro capite . ille perterritor equi, existens 
occasio huiusmodi casus, soluet caput amicis et propinquis . ille vero 
deiectus equo, si superstes fuerit, tarnen se leserit in quocunque mem- 
brum corporis 9» ille perterritor damnum et medicinas soluet *), etiam 
si iocose premissa facta fuerint, tale iudicium est faciendum . si vero 
solus equus absque hominis incitatione perterritus et hominem ei insi- 
dentem deicerit . et tandem deiectus aut mortuus aut lesus fuerit, nullus 
ob hoc et tale *) accidens aliquid molestacionis et damni sustinebit, 
quia equi multas habent feras consuetudines et quomodocunque casus 
evenerit, ita sicut hic declaratur, judicium secundum meritum cause id 
quod juris et justicie fuerit decernet. 

Capitulum nonagesimum septimum de oeemone hominis voluntaria 
aut casuali. 

Homicidium non voluntarium tali modo fit, si aliquis seccans seu 
scindens ligna 4 ) securi et securis ex ictu sectionis deciderit et hominem 
interimerit quemeunque et etiam si lapidem uel lignum aliquis desursum 
non voluntarie proiecerit aut si quis ad arborem fructiferam lignum aut 
lapidem proiecerit *) et isto etiam hominem interemerit aut magister 
discipulum ex improuiso percusserit •) aut pater filium aut dominus 


f ) hominis. 

*) soluet «micis. 
s ) per hoc tale. 

4 ) ligna fehlt. 

5 ) aut si quis ail arborem — proiecerit fehlt. 

•) percuteret. 

IR* 


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292 


F. B i * c b o ff 


famnlum aut hospita seruam aut frater fratrem aut quicunque aliquem 
non roluntate occidendi occiderit aliquo modo ex premissis aut equi 
cnm curru currentes irrefrenabiliter hominem occiderint. aut si yena- 
tores ad saggittandas feras siluestres aut campestres sagittant intencione 
ad feram sagitta occidendam et sagitta illa ad feram emissa hominem 
occiderit, talis occisio hominis habenda est pro non yoluntaria. Volun- 
taria rero occisio talis habetur insequens alter alterum studiose occi- 
dendum et ille quem taliter insequitur conuertendo se illum suum inse- 
cutorem occiderit, aut predatores et spoliatores Warum ex insidiis exi- 
lient rolentes trucidare aliquos equitantes et euntes secure, isti rero 
▼itam defendendo quos predones volunt trucidare eosdem predones 
occiderint, aut aliquis existens in expeditione bellica inimicum suum 
domesticum ibidem inuentum occiderit voluntarie aut aliquis nocturno 
tempore obsederit intencione oceidÄdi viam et transitum alui aut 
uxor nequam suum maritum venenaverit scienter aut si aliquis ex inuidia 
aliquem intoxicauerit aut occiderit predictis casibus committitur homi- 
cidium voluntarium, ita sicut gladio patraretur. Si vero aliquis siue 
masculus siue femina premisso modo aliquem occiderit, equale est 
eorum jndicium pro capite soluendo iuxta ius scriptum. 

Capitulum nonag esimum octauum de fluuiis in villis currentibus. 

Si aliquis de fluuio communi currenti per yillam eduxerit aquam 
ad suum ortum et expleta sua necessitate illam aquam ita eductam non 
prouiderit et exinde illa aqua non prouisa damnum Wcino intulerit et de 
tali eductione aque vicinis non manifestauerit, tune tale damnum per 
huiusmodi aquam pre huiusmodi illatam *) ille eductor eiusdem soluere 
debebit, et passi modo premisso damnum hominibus tale damnum ob- 
ducere et manifestare debent, et iuxta talem processum jure damnum 
illatum soluendum decernetur. 

Capitulum nonag esimum nonum de imperitis medicis . 

Sepenumero contingit phisicos medicamenta prebere hominibus 
et 8 ) aut imperitia artis aut ex improuiso medicinis imperite et indis- 
crete datis homines *) perimunt aut ex odio aut ex ignorantia malam 
homini dant medicinam. aut medicus mittit discipulum indiscretum ad 
patientem, aut non bene edoctum, et ex istis causis 5 ) homo moreretur 
tune caput soluendum est iuxta jura scripta per prefatos Casus mortui 
hominis illeque medicus et discipulus reus est pene soluendi capitis 8 ), 
si paciens eger noluerit obedire consilio et regimini sui medici et mo- 
reretur talis paciens, medicus erit in tali casu absque culpa. 


') alieui. 

*) damnum per huiusmodi aquam illatum. 
8 ) vt. 

4 ) hominibus. 

5 ) casibus. 

6 ) hominis capitis. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


293 

% 

Capitulum centuagesimum de eo qui absquc voluntate sua compulsiue 
aliquoubi mittitur 1 ). 

Si aliquis compulerit aliquem absque ipsius Yoluntate in arborem 
fructiferam ascendere ut fructus inde deiciat aut per fluuium inundantem 
mandauerit nolenti ire aut mandauerit insidere equum indomitum aut in 
similibus casibus tale quid acciderit ita, quod mors illi qui compellitur 
acciderit, tune talis compulsor reus est capitis illius quem ad impossi- 
bilia recusantem compellit facienda. 

Capitulum centuagesimum primum de operarij *) conuentis ad labo- 
randum quetneunque laborem . 

Dum operarij conueniuntur ad aliquem laborem insimul peragen- 
dum et inter tales operarios yuus minus laborauerit quam alter, tune 
jure *) decernendum est, quod qui magis laborauerit ex eis magis sibi 
soluatur secundum laboris qualitatem, ille yero qui minus laborauerit 
minorem mercedem laboris accipiet. 

Capitulum centuagesimum secundum de jure pastor um. 

Dum pastores apreciabunt se pascere diuersi generis quecunque 
jumenta, debent diligenter pascere et custodire üdeliter ne aliquod dam- 
num a feris rapacibus in jumentis inferatur. Si damnum in grege ju- 
mentorum mala custodia pastorum euenerit seu absente pastore damnum 
illatum fuerit, pastor debet soluere tale damnum . presente vero pastore 
et non posset pastor defendere damnum, tune debet adducere hospitem 
cui damnum illatum fuerit uel est 4 ) ad locum damni illati . si vero de 
grege aliquod jumentum tune pastor soluet . si yero a solo pastore 
damnum illatum fuisset yidelicet aut percussione bacculi, aut lapidis, 
aut cujuscunque ligni iactu peccus leserit aut occiderit, soluet damnum. 
si yero iumenta seipsa occiderint tune casum Judicium secundum iusti- 
ciam discernet. 

Capitulum centuagesimum tercium de legatis bonis ecclesie. 

Si aliquis legauerit ad pia opera vineam , domum, molendinum, 
agrum et his similia alicui ecclesie et talis ecclesia fuerit per infortu- 
natum casum exusta, siue in ciuitate siue in yilla ecclesia huiusmodi 
consistat, tune ex illis legatis ecclesie cum scientia Episcopi proventus 
colligantur et de 5 ) talibus prouentibus ecclesia illa vice uersa instau- 
retur, si vero illa ecclesia in priori loco construi et instaurari non pos- 
set ex eo quod homines eiusdem ecclesie parochiam aliorsum transtu- 
lerint mansiones suas et in illo alio loco ecclesia cönstruatur de pre- 
dictis prouentibus eidem legatis iccedente ad id semper Episcopi sei 
entia et consensu. 


f ) de eo qui «liquid iouitus facit. 
*) operariia. 

*) vere. 

4) vel est fehlt 
ft) de fehlt. 


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294 


F. Bischoff 


Capitulum centuagesimum quartum de jure mercatorum et institortim. 

Mercatores et institores in exercicio et opera mercium suarum ita 
se gerere debent et tenebuntur sicut Regia Maiestas eis cum consilio 
suo instituerit tarn in ciuitatibus, oppidis, villis ac in omni itinere . pri- 
mum debet prospici, ut pondera, talenta, mensure libreque diuersi gene- 
ris ac Ylne sint vere et iuste, res vero mercimoniales ita instituantur, 
sicut qualitas temporis exposcet, preficiendo etiam et constituendo *) 
super id custodes ut diligenter attenderent et custodirent, ut nemini in 
premissis fuit injuria . si vero aliquis inuentus fuerit qui in premissis 
ponderibus, talentis, vlnis, libris et mensuris iniuriam alicui aut furtum 
intulerit, pro vna re ex premissis iniurata aut per furtum usurpata, qua- 
druplum talis iniuriator soluat et nichilominus infamis permaneat, ut 
alijs exemplum per hoc daretur similia superfugiendi et non faciendi; 
etiam si quispiam occulte cuderet monetam pecuniariam aut auream et 
si rescitus fuerit talis cussor huiusmodi monetarum , tune, ei manus, 
quibus peccauit, amputentur. Theloneatores etiam jus precipit ut a 
mercatoribus exigant theloneum misericorditer et eosdem non agra- 
uando, et ad quam ciuitatem mercator uenerit in eademque ciuitate 
forum mercium suarum exercuerit, ibidem theloneum soluat . in itinere 
vero theloneum exigere a mercantijs jus prohibet . exactio vero thelo- 
nei per neminem alium debet constitui nisi per principein et Consiliarios 
si vero aliqui dominorum thelonea tenuerint, tune alio modo theloneum 
exigere non debent, nisi sicut a principe constitucio promulgata fuerit . 
etiam Jus constituit, quod valor in rebus victui humano quotidiano 
necessario ad comedendum et bibendum necessariis ita debet imponi 
sicut annus frurnenta germinauerit, et 2 ) alia queque, et istud procedere 
debet ex potestate et constitucione principis, quas quidem constituciones 
predictas quilibet obseruare inviolabiliterque tenere debet tarn diues 
quam pauper, et quilibet negociator in contrarium premissis sua volun- 
tate nichil facere nec constituere potest, nisi prout predicta institucio s ) 
constituit. 

(Hec constitucio intelligenda est et seruanda salvo officio palati- 
norum qui prouident, ut iuste sint mensure, et libras ac pondera insti- 
tuunt, et qui inuentus fuerit armenus in re furtiua aut cussor monete, 
jure ciuili Magdeburgensi cui in criminalibus et talibus causis armem 
subsunt punietur. Qnod vero de theloneo in itinere non exigendo dicit 
hec constitucio, intelligend um est Cameris ad id deputatis exceptis et 
transgressione thelonei.) 

Capitulum centuagesimum quintum de jure omnium % ) artificum et 
mechanicorum. 


’) custodiendo. 
*) et fehlt. 
s ) constitucio. 

4 ) omnium fehlt. 


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Das alte Recht der Armenier io Lemberg. 


295 


Omnes artifices suscipiunt labores aut insimul aut diuisim condic- 
tato precio pro labore suo . si vero artifex non secundum voluntatem 
illius cui laborat rem elaborauerit, aut eandem rem illius qui dedit de- 
struxerit, Jus decernit quod ille artifex secundario rem huiusmodi prout 
Yoluntas fuerit illius qui dedit ad laborandum reparare debebit pro uno 
et eodem precio, si vero secundario reformare *) denegauerit, judicio 
intererit talia prouidere ut damnum male elaborate rei defalcaretur ad 
illud precium prius condictatum. Si vero aliquid artifex de re sibi ad 
laborandum data furtiue usurpaverit, quadruplum rei usurpate soluat . 
si rero rem sibi ad laborandum datam quopiam modo perdiderit tune 
rei amisse yerum yalorem soluet . si ?ero artifex pannos et his similia 
ad laborandum sibi data dudum retinuerit eidemque res per Tineas aut 
Mures fuerint corrose in tali casu artifex soluet totum damnum, si vero 
talem rem artifex obligauerit statim redimere tenebitur, si vero talis res 
apud artifices ex causa inimicicie alicaius igne coofiagrauerit , artifex 
indemnis manebit . si vero ex ipsius artificis occasione tales res incine- 
rate fuerint tune artifex damnum soluet. 

(Si artifex armenus de re sibi ad laborandum data aliquid furtiue 
usurpauerit jure Ciuili Magdeburgensi iudicabitur, quia in causa furti 
rrafcni ipsi juri ciuili Maideburgensi sunt subjecti.) 

Capitnlum centuagesimum sextum de artificibus laborantibus instru - 
mentis dominorum suorum et non suis a ) . 

Artifices laborantes instrumentis dominorum suorum, et aliquod 
instrumentum in labore domini fuerit destructum, damnum domini erit. 
Si vero illis instrumentis artifex suam rem et non domini illius instru- 
menti laborauerit et tale instrumentum destruxerit soluet damnum do- 
miuo destructi instrumenti in labore privato non domini facto 8 ), si 
laborator instrumenta laboris aliqua apud dominum arendauerit ad labo- 
randum suum privatum laborem et instrumentum in labore destructum 
fuerit domini erit damnum ex eo quia precium pro rebus 4 ) arendatis 
domino soluit. 

Capitulnm ccntuagesimum septimum de aquirente aliqua bona in 

bello, 

Aliquis in bello existens si aquisiuerit aliqua bona, talia bona ille 
acquirens poterit pro sua voluntate disponere, nulli eadem bona resti- 
tuendo . ius enim bellicum a Regibus et Principibus est specialibus 
prerogatiuis dotatum cum et jus spirituale disponit de talibus bonis 
posse elemosinas facere quia talia bona modo premisso acquisita non 
assimilantur bonis furtiuis aut spoliatiuis. 


*) reparare. 

*) et non suis fehlt. 
9 ) factum. 

4 ) rebus fehlt. 


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296 


F. Bisehoff 


Capitulum centuagesimum octauum de prescriptione debiti. 

Pro debitio triginta annis tacens et illud iure 1 ) non repetens, 
silere perpetue debebit. si vero interea temporis pro debito huiusmodi 
aliquis debitorem suum monuerit et desuper testimouinm legittimum 
habuerit, ille creditor aut 2 ) successores ipsios illum debitorem aut 
successores eius poterint non obstante prescriptione pro debito iure 
impetere et molestare, si ?ero in huiusmodi debito pignus creditori da- 
tum fuerit et receptum, et per triginta annos continuos illud pignus non 
fuerit repetitum, tune tale pignus etiam obligatum alteri transit in rem 
hereditariam et proprietatem possidentis. 

Capitulum centuagesimum nonum de eo qui emerit aliquam rem et 
aliquam partem summe dederit venditori. 

Si aliquis emerit bona cuiuscunque generis et forum fecerit pro 
eisdem ac partem precii venditori dederit et Yenditor emptori crediderit 
solutionem precii, jus dictat, qliod huiusmodi bona per Yenditorem 
nemini alteri possunt vendi, nisi ille eorundem erit possessor, qui prius 
emit. si rero emptor ex sua yoluntate dimiserit forum illorum bonorum, 
tune in tali casu poterint bona alteri Yendi sub testimonio tarnen quod 
ille prior emptor ad id consensit 

Capitulum centuagesimum decimum de emptor e aliquorum bonorum 
vendttore bonorum volente retr actum facere *). 

Si aliquis emendo bona aliqua et dando partem precii iterum deli- 
berauerit, quod nollet forum tenere, talis non aliter forum infringere 
potest, nisi duplum dati precii sohat, et ille qui emerit bona si Yoluerit 
cassare forum emptorum bonorum talis partem pecuniariam quam dedit 
ammittit 

Capitulum centuagesimum vndecimum de pecuniis ad pignus datis . 

Si quispiam apud aliquem pecunias ad pignus reciperet prefigendo 
certum tempus et diem pignus suum exemendi et postquam illud tempus 
preüxum venerit et ille inYadiator pignus in pecuniis impignoratum non 
exemerit, jus dictat, quod talis inYadiator admoneatur semel, bis, ter, 
quatinus pignus suum exemeret et pecuniam solueret. si autem noluerit 
exemere, ex tune ille tenens pignus, adhibitis duobus testibus, debet 
hoc ipsum pignus uendere, et si illud pignus pro maiori summa ven- 
deret *), quam ipsius erat, et testisus premissis de isto constiterit, tune 
ille Yenditor pignoris tenebitur illi qui obligauit pignus exerescentem 
summam restituere illam quam acceperit ultra principalem summam su- 
per vadium datum. 

Capitulum centuagesimum duodecimum de eo qui promittit aliquid 
cuipiam . 


*) iure fehlt. 

*) et. 

*) De emptore aliquorum bonorum venditorum volonte retractum facere. 
veodiderit. 


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Dm alte Recht der Armenier in Lemberg. 


297 


Si aliquis negotium Armeniern» in quibuscunque causis suscepe- 
rit 1 ) ordinandum et disponendum, et ille qui eum condictat pro illo 
gern it io disponendi illius negotii promittit sibi satisfacere, ille disposi- 
tor huinsmodi negotii, si perducet negotium iuxta yoluntatem illius qui 
ei commisit, in tim satisfaetionis pro cura eiusdem disponentis tale 
negotium, ille qui eum condictauit, id quod ei promisit soluere debebit, 
si uero tale negotium non disposuerit, tune nichilominus, quia ille fati- 
gas et curas ea in re habuit, debebit ille spopondens cum eo componere, 
sicut fatige et cura reposcent. 

Capitulum centuagesimum tredecimum de filio contrahente debitum 
absque consensn patris . 

Si pater habuerit filios aut filias et aliquis ex eis sine scitu et con- 
sensu patris contraxerit aliquod debitum et aut moreretur aut profugerit 
ad aliam terram illo debito non soluto, jus diffinit quod tale debitum 
nee pater nee fratres non tenebuntur ad soluendum, sed ille qui est 
principalis debitor et non alter tenebitur ad soluendum, et damnum non 
soluti debiti illius esse debet qui illud contraxit et fecit, ita tarnen hoc 
distinguendo, si patre yivente talis debitor moreretur et pater ei nichil 
tempore vite sue inscripsit, tune nec pater nec fratres tenebuntur ad 
solutionem illius debiti. si yero post mortem patris ille debitor acceperit 
sortem hereditariam paternam aut maternam, et non soluto debito illo 
moreretur, tune tale debitum per creditorem repeti potest immo et 
debet de sorte ipsum concernenti, non autem de sorte fratrum vel so- 
rorum. 

Capitulum centuagesimum quatuordecimum de hospitibus deponentibus 
merces in hospitiis . 

Postquam hospes aliquis yenerit cum mercibus, aut hospitium et 
custodes apreciaverit ad custodiendum illas merces suas, et ille custos 
diligentem custodiam susceperit custodiendarum mercium illarum et in 
ipsius 2 ) custodia damnum in illis raercantijs quocunque modo patratum 
fuerit, tune tale damnum ille custos tenebitur soluere. si yero absque 
custodia hospes merces et res suas nec hospiti in curam commiserit 
nec eas ad custodiendum alicui dederit, sibi ipsi imputet. et damnum 
ipsius esse debet, exceptis casibu^ fortuitis, qui non procederent ex 
occasione hospitis aut custodis. 

Capitulum centuagesimum quindecimum de orphanis . 

Si post mortem alieuius patris minorennes remanserunt et esset 
debitum paternum aut matemum non solutum, tune in tali casu debitores 
contra minorennes agöre non possunt, usque illi minorennes annos dis- 
cretionis perfectos consecuti fuerint. tarnen omnia bona illorum mino- 
rennium, siue fuerit domus aut ager et hijs similia, tune talia ipsi senio- 
res a ) debebunt arendare et census arendatorios illorum bonorum con- 


t ) suseiperet. 

*) V«- 

*) «eoiore« id e«t tutore«. 


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298 


F. Biscboff 


gregare; usque illi minorennes peruenerint ad annos discretionis perfecte 
hoc est quilibet masculus debet esse ad viginti annos in tutoria, feminei 
▼ero sexus proles tamdiu in tutoria esse debet donec maritum legitti- 
mum consecuta fuerit, qui maritus eius erit tutor et ipsa marito con- 
secuta tutore sua bona pro arbitrio suo disponet cum consensu et scitu 
mariti sui tanquam tutoris 1 ). 

Capitulum centuagesimum sedecimum de hereditate et successione in 
bona parentum. 

Moriente aliquo sine testamento et relinquente post se filios et 
filias legittimos, tune equalis diuisio bonorum paternorum et mater- 
norum debet cedere et Yeuire tarn ad filios quam ad filias aequali sorte 
et successione, si yero testamentum condiderit et bona hereditanda 2 ) 
filiis legauerit, et adhuc tempore yite sue filias in bonis suius exdivi- 
serit et filiis magis assignare quam filiabus voluerit, istud in eius volun- 
tate consistere debet. si vero filios non habuerit sed filias, tune filie in 
omnia bona paterna et materna succedere debent succedentque pleno 
jure, moriente yero aliquo s ) filios yel filias non habente et habuerit 
fratrem aut ex fratre nepotes, illi successores debent esse in tali casu. 
si yero fratrem aut fratris filios non habuerit, tune soror aut sororis 
proles succedet. si yero aliquis sterilis esset, et haberet in quarto gradu 
propinquos et probarent se esse yeros propinquos ad succedendum 
sicut jus decerneret. tune succedent in bona illius steriliter defuncti in 
tali casu et gradu propinquitatis. 

Capitulum centuagesimum decimum septimum de sanguine humano 
inestimabilis precii existentis 4 ). 

Si aliquis sanguinem humanem violenter et temerarie effuderit non 
est precium sanguinis humani, ex eo quia deus creauit hominem ad 
imaginem suam et nemo resuscitare polest hominem occisum nisi deus, 
et precium prius.pro sancto Jozepho et demum pro domino Jesu deo 
et Creatore mundi dignum et iustum quisquam non putet, quia fratres 
sanctum Jozeph vendiderunt pro viginti denariis et dominum Jesum 
Judas vendidit judeis pro triginta denariis, erant enim ista precia in- 
digna iniqua et mala, tarnen ad jus et justiciam pertinere videtur, si 
aliquis armenum occiderit pro capite debet soluere trecentos sexaginta 
quinque fiorenos et hoc ex ea causa similitudinis rationabilis, quia in 
quolibet homine sunt membra trecenta sexaginta quinque et similiter in 
anno sunt trecenti sexaginta et quinque dies, et ideo talis seueritas in 
iure constituta est, ne homicidia quorumeunque statuum et conditionum 
hominum patrarentur, et ut esset rigor et refrenatio in talibus et ut 
quilibet in pace et securitate uiuat. 


*) tutoris tegitimi. 
*) hereditaria. 
a ) aliquo filio. 
existentis fehlt. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


299 


(Hec eonstitucio locum habet, quando armeous armenuni occide- 
rit. si vero Christianus occidat armenum uel armenus Christianum jure 
communi ciuili in quo residet uel Regni puniatur.) 

Capitulum centuagesimum decimum octauum de appellacione a judicio 
ad Regiam Maies täte m facienda. 

Iure iusto et legittimo decretum est, quod si alicui in judicio et 
controuersia aliqua istud acciderit, quod pretenderit se per sentenciam 
Iudicis Yel Aduocati et seniorum armenorum in judicio eorum arme- 
nico 8 ) iuxta predictos articulos et emergentias causarum iniuriari et 
grauari, ille grautus debet et potest in casu grauaminis sui pretensi 
appellare non alibi nisi ad Regiam Maiestatem et sacra Maiestas Regia 
secundum Iura scripta armenorum predicta articulum appell.itionis di- 
guabitur decidere et diffinire, et cuilibet ex armenis liberum erit appel- 
lare ad Regiam Maiestatem tarn diuiti quam pauperi quoniam armeni per 
duces et principes et non per ciuitates sunt priuilegiati et exempti per 
priuilegia Regiarum Maiestatum et Majestatis Regie Iurisdictioni pri- 
marie iuxta priuilegia sua sunt dediti et subiecti et nemini alteri et ita 
is qui eis contulit iura debet et non alter eos iudicare de mera iusticia. 

Capitulum centuagesimum decimum nonum de judice quod non debet 
iudicare unam partem absque 'alter am. 

Quilibet judex armenicus exaudita querela vnius partis non debet 
causam iudicare nisi ytraque parti personaliter presente, et que pars 
habuerit maiora documenta testium judex auditis partium propositis et 
responsis ac documentis testium sententiam inter partes promulgabit, 
et quid juris fuerit decernet inter partes collitigantes que testificatio 
in causis debet esse per tres testes. 

Capitulum centuagesimum vigesimum de forma et ordine celebrandis 
judicii armenici. 

Iusticia dictat et euidenter cuilibet de jure sciendum est, quod 
solus judex nullam controuersiam iudicare debet existens priuata per- 
sona, sed in suo judicio Armenico debet habere duodecim viros probos 
juris armenici peritos. si duodecim viros habere nequiuerit habeat sex, 
si tero sex non potuerit habere ex tune habeat quatuor, et tali modo 
premisso debet exercere judicium et non aliter, et nullus iudex debet 
consulere in causa quam solus esset iudicaturus, quoniam sibi suspitio- 
nem notoriam faceret. 

Capitulum centuagesimum vigesimum primum de inhonor ante judicium. 

Si aliquis inhonorauerit judicium aut armis aut verbis armenicum, 
tune talis debet puniri per judicium secundum excessum, debent enim 
scire partes quia ad judicium non veniunt, ut dissiderent, sed ut quilibet 
quereret quiete et paciGce justiciam suam, et una partium aut propo- 
nente aut replicante altera audiat non interumpendo nec prepediendo 


*) vel. 

2 ) Armeni. 


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300 


F. Bischoff 


causam loquentis et preponentis. et iuxta proposita et responsa partium 
judex sentenciam aut interlocutoriam aut diffinitiuam promulgabit, prout 
coram ipso per partes litigantes fuerit deductum et quilibet judex habet 
auctoritatem puniendi et corrigeudi omnes excessiuos in iudicio secun- 
dum qualitatem excessus *), scilicet carceribus et penis. 

Capitulum centuagesimum vigesimum secundum de eo qui coram ad - 
uocato legittime accersitus non comparuerit. 

Quicunque per signum quodcunque Aduocati armenici tribus yici- 
bus euocatus fuerit et contumaciter non comparuerit, pro prima vice 
tres grossog succumbet Aduocato. secunda rero vice non comparens et 
sex grossos pene aduocato et penam carceris succumbet et tamdiu in 
carceribus est detinendus quoad exfideiussus fuerit per possessionatos 
fideiussores. quod parebit deinceps iuri et iudicatis, et illius fideiussori- 
bus pariter cum exfideiusso debet prefigi terminus in tribus septimanis 
ad statuendum coram iure armenico et respondendum et iustificandum 
se deobiciendis 2 ). Si uero ad ius aliquis citatus fuerit et tribus ricibus 
contumaciter non paruerit pro qualibet vice succumbendo penam pre- 
fatam sex grossorum aduocato et senioribus armenorum cadet in causa, 
et ita victus aut bona aut pecunias erit astrictus per iudicium dare illi 
qui tali modo contra eum ius produxit, immo et mercibus potest soluere 
rictori, si Yero bona aut pecunias vel merces non habuerit, ex tune 
debet ei ad soluendum prefigi tempus iuxta articulos superius de- 
scriptos *). 

Item cuilibet hospiti quarta die cum eius iniuriatore aut debitore 
omnimodum jus per aduocatum et seniores armenicos administrari debet 
in quolibet genere iniuriarum, et executio rei iudicate ita procedere 
debet, sicut superius premissum est, et huiusmodi executio debet per- 
fici et continuari per oflicium et iurisditionem cui ille victus subest. 

Capitidum centuagesimum vigesimum tercium de femina cuius libet 
Status citata ad iudicium . 

Si aliqua femina aut muliebris sex us persona ad aliquod iudicium 
cittata fuerit, tune poterit maritus aut amici eius consanguinei pro ea 
in iure intercedere agere que poterint ad lucrum uel perditionem cause, 
habita sufficienti et legali iuris plenipotencia cui plenipotencie ödes ad- 
hiberetur in iudicio. et ne in isto dolus et fraus commitatur judices 
debent attendere, scilicet qui se propinquiorem asseruerit et se voluit 
inserere in causam illius femine Tel mulieris, volendo causam ipsius ad 
lucrum et perditionem deducere, talis ea presente prius probet pleni- 
potenciam consanguineitatis sue, de qua dubitari non possit in judicio, 
et nisi talia probata fuerint, et aliquo dolo quepiam femina Tel mulier 
in sua causa ceciderit, talis dolus in premisso casu et non alio ei nocere 
non debebit. 


1 ) excessuunt. 

*) omnibus obyciendis. 

8 ) Der folgende Absatz fuhrt die Überschrift: Hospitum ius in iudicio Armenorum. 


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Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 301 

Capituium centuagesimum vigcsimum quartum de forma juramenti 
prestandi. 

Ius scriptum armenicum ita difinit, si quispiara homo aliquem ar- 
menuni jure armenico atraxerit ad juramentum corporale prestandum, 
tune ille armenus nemine teste fultus pro quacunque re, siue magna 
sine parua fuerit, solus iurabit, juramentum uero fieri debet in ecclesia 
super sancta cruce et non alibi presente aduocato armenico cum illis 
riris qui secum solent in judiciis presidere, et postquam erit tempus 
super sanctam Crucem digittos ponendi , tune actor juramentum pre- 
stanti debet tribus ricibus ad manus infundere aquam, demum ille jura- 
mentum facturus explebit juramentum iuxta propositionem et contro- 
uersiam. simili modo post manum mortuam si aliquis aliquem de aliqua 
re inculpauerit, tune inculpatus modo superius premisso iuramento 
proprio absque quouis teste se Cxpurgabit *). Que omnia et singula ita 
ut premissa sunt et limitata ac correcta rata et firma esse rolentes de 
certa nostra scientia et deliberatione ac consensu Consiliariorum nostro- 
rum status utriusque ita approbanda et coniirmanda esse duximus, 
approbamusque et confirmamus prout hactenus fuerunt tenta et yso 
accepta, ita yidelicet, quod ubi armenus actor fuerit iudicium et forum 
rei sequi debebit, ybi uero armenus citaretur seu reus existeret, secun- 
dum iura predicta armenica per Aduocatum ciuilem Leopoliensem cum 
senioribus armenis iudicabitur, exceptis quatuor articulis, in aliis literis 
nostris descriptis, in quibus armenos ipsos Leopolienses etiam reos et 
conuentos iuri ciuili Maideburgensi subiecimus et subesse yolumus, 
Yltra vero eosdem quatuor articulos iure suo armenico predicto iudica- 
buntur in quo illos ita relinquimus et conseruamus prout ad hoc tempus 
in usu et possessione eius fuerunt. In quorum omnium et singulorum 
fidem et testimonium premissorum sigillum nostrum est presentibus 
appensum. Actum et Datum Piothrkouie in Conuentione generali sabato 
proxima ante dominicam quinquagesime. Anno domini Millesimo quin- 
gentesimo decimo Nono. Regni nostri anno tredecimo. Presentibus ibi- 
dem Reuerendissimo et Reuerendis in Christo patribus dominis Joanne 
sancte Gnesensis ecclesie Metropolitane Archiepiscopo et primate sedis- 
que apostolice legato nato. Mathia Wladislauiensi. Joanne Posnaniensi. 
Fabiano Warmiensi. Petro Premisliensi et Regni nostri Vice Cancellario. 
Episcopis. Necnon Magnificis. Yenerabilibus. et Generosis. Christoforo 
de schidlowijecz Palatino et Capitaneo Cracouiensi et Regni nostri Can- 
cellario- Joanne de Lubrancz Posnaniensi. Nicolao de Dambrouicza 
sandomiriensi. Jaroslao de Lasko siradiensi. Joanne Jarand de Brudzow 
Lanciciensi. Ottha de Chodecz Russie generali. Nicolao de Nisczicze 
Plocensi et Andrea de Thanczin lublinensj. Palatinis. nec non Luca de 
Gorka posnaniensi et Capitaneo Maioris polonie generali. Nicolao de 
schidlouijecz sandomiriensi et Regni nostri Thesaurario. Nicolao Jordan 


f ) ezpurgabit. 


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302 


F. B i 8 c h 0 ff. Das alte Recht der Armenier in Lemberg. 


de Zakliczin Woinicensi. et procura to re generali Cracouiensi ac sepu- 
siensi. Zathoriensi. Osszwancziniensi capitaneo Joannez Prerampskj 
siradiensi Adam de drzewieza Radomiensi Castellanis Joanne Liathalski 
Gnesnensi Cracouiensi et lanciciensi Joanne Carnkonuskij scarbi- 
miriensi Andrea Crziczki sancti Michaelis plocensis et sredensis eccle- 
siarum prepositis. secretariis nostris et Canonicis Cracouiensibus stanis- 
lao Chroberskij Vexillifero, Incisore et pincerna Curie nostre. Siluestro 
Ozarouuskij 2 ) succamerario nostro et Zanichostensi NicolaoJThomijczki 
Magistro stabuli nostri et Costensi Capitaneis Et alliisquam pluribus 
Dignitarijs. officialibus et Aulicis nostris circa premissa testibus fide- 
dignis sincere nobis et fidelibus dilectis. Datum per manos prefati 
Reuerendi io Christo patris domini Petri Episcopi Premislien sis et 
Regni nostrj Yicecancellarij. sincere nobis dilectj. 

Petrus Episcopus et 
Yicecancellarius sst. 

(eigenhändig). 

Rio eiusdem Rdi. in Chro patris domini 
Petri Episc. Premislien. et Regni polonie 
Yicecancellarij. 


*) Karnkowski. 
2 ) Ozarowski. 


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Verzeichniss der eingegangenen Druckschriften. 


303 


VERZEICHNIS 

DER EING EG ANGINEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(JULI 1862.) 

A ca dem ia Regia disciplinarum Nederlandica. Programma certa- 
minis poetici e legato Hoeufftiano propositi A°. MDCCCLXII; 4°. 

Acad£mie d'Arch£ologie de Belgique, Annales. ToraeXlX®, 2 me Li- 
vraison. Avers, 1862; 8°. 

Akademie der Wissenschaften, Königl. Preuss., zu Berlin, Monats- 
bericht. April 1862. Berlin; 8°. — Ad legem Adliam de pe - 
cunÜ8 repetundts latam anno ab Urbe condita 631 ® vel 632 °. 
Ab Adolfo Friderico Rudorf fio Auctore. — Die vedischen 
Nachrichten von den naxatra (Mondstationen). Von A. Weber. 
II. Theil. (Aus/len Abhandlungen der k. Akad. d. W. zu Berlin. 
1861.) Berlin, 1862; 4®. 

— der Wissenschaften, k. ungrische, zu Pest. Jahrbücher. Band 
1 — 9. Pest, 1833 — 1859; 4°. — Magazin für Wissenschaft. 
Jahrgang I — XI. 1834 — 1844. Pest, 8°. — Historisches Maga- 
zin für Ungarn. Zur Verbreitung geschichtlicher Quellenkennt- 
niss herausgegeben von der histor. Commission der ungr. Akad. 
d. Wissensch. Band 1—8. Pest, 1855— 1861 ; 8®. 

Association Normande, Annuaire des cinq Departements de Ia 
Normandie. 28 e Annee. Caen & Paris, 1862; 8®. 

Austria, XIV. Jahrgang, XXVI— XXIX. Heft. Wien, 1862; b®. 

Bericht des k. k. Krankenhauses Wieden vom Solar- Jahre 1860. 
Mit 1 lith. und 34 gedruckten Tabellen. Wien, 1812; 4°. 

Boletin bibliogräfico Espanol, Auo III, No. 11 & 12. Madrid, 
1862; 8®. 

Fen icia. Copia delP epistola alla Santitä del Pontefice che reggerä 
Ia Santa Sede quando verrä publicata la politica del Comm. 


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304 


Verzeichniss 


Fenicia , scritta dallo stesso nelP Agosto del 1834 ed estratta 
dal 1° dei 12 Volumi die quest' opera. Napoli, 1861; 8 ®. 

Gesellschaft, Deutsche morgenländische, Zeitschrift. XVI. Band, 
1 & 2. Heft. Leipzig, 1862; 8°. — Abhandlungen für die 
Kunde des Morgenlandes. II. Band, Nr. 3. Leipzig, 1862; 8°. 

Institut des Provinces, Annuaire. 1862. 2 de S6rie, IV* Vol. (XIV*, 
Vol. de la Collection). Paris & Caen; 8°. 

Kammelitz (Der Dollmetscher). Ein Centralorgan für jüdische 
Angelegenheiten in hebräischer und deutscher Sprache. Her- 
ausgegeben von Alexander Zederbaum und Dr. Aron Isak Gol- 
denblum. Jahrgang 1860 — 1861, Nr. 1 — 80. 1861 — 1862, 
Nr. 1—34, 36 & 37. Odessa ; 4®. 

Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Baudenkmale, VII. Jahrgang, Nr. 7. Wien, 
1862; 4°. 

— aus J. P e r t h e s* geographischer Anstalt, Jahrgang 1 862, VI. Heft 
nebst Ergänzungsheft Nr. 8. Gotha; 4°. 

Monumentos arquitectönicos de Espana. (Cuaderno 7 — 12.) 
Madrid ; gr. Folio. 

Museum Francisco -Carolinum, 3., 12., 13. & 20. Jahresbericht, 
Linz, 1839, 1882, 1883 & 1860; 4® & 8®. 

Pfeiffer, Franz, Berthold von Regensburg. I. Band. Wien, 
1862; 8®. 

Protokoll über die Verhandlungen der am 21. Mai 1862 abgehal- 
tenen XXXV. General-Versammlung der Actionäre der ausschl. 
priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn. Wien, 1862; 4®. 

Saint-Genois, Le Baron Jules de, Voyages faites en Terre- 
Sainte par Thetmar, en 1217, et par Bouchard de Stras- 
bourg en 1178, 1 189 ou 1228. (Extr. du T. XXV. de l'Acad. 
R. de Belgique.) 4®. 

Sharswood, William, The Miscellaneous Writings. Vol. I. Copy. 
Nr. 1; pp. 1 — 16. Philadelphia, 1862; 8°. 

Societö d’ßthnographie de France, Revue Orientale et Amäricaine, 
8* Ann6e, 1862, No. 4. Paris; 8°. 

— fran(aise d v Archäologie, Bulletin monumental ou collection des 
Mdmoires sur la statistique monumentale de la France. 3* Sdrie, 
Tome VII. (27* Vol. de la Collection). Paris, Caen & Rouen, 
1861; 8®. 


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der .elngegaogeneo Druckschriften. 305 

Socidtd Hollandaise des Sciences & Hartem, Etrait du Programme 
pour Kannte, 1862; 4°. 

Society, The Royal Dublin — , Journal. VoI.HI, No. 20 — 23, Dublin, 
1861; 8«. 

— The Royal Asiatic — , of Great Britain&Ireland, Journal. Vol. XIX. 
Part. 3. London, 1862; 8°. 

Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, Zeitschrift. Band 
IX, Heft 1. Kassel, 1861; 8*. — Miltheilungen. Nr. 1 — 4. 
August 1861 — Januar 1862; 8°. , 

— historischer, für Niederbayern, Verhandlungen. VII. Band, 
3. & 4. Heft. Landshut, 1861; 8*. 

— Serbisch-literarischer, zu Belgrad, Glasnik. XIV. Band. Belgrad, 
1862; 8°. 


Sltsb. d. phtl.-hist. Cl. XL. Bd. ft. Hft. 


20 


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SITZUNGSBERICHTE 


DER 

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH- HISTORISCHE -CLASSE. 


XL. BAND. III. HEFT. 

JAHRGANG 1862. — OCTOBER. 


H3/ 


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309 


SITZUNG VOM 8. OCTOBER 1862. 

Vorgelegts 

Archäologische A n a l e k t e n. 

Von dem w. M. Joseph Kitter ▼. Arneth. 

(Mit % Tafeln.) 

Einleitung« 

In den verschiedenen Ländern der österreichischen Monarchie 
gibt es mehrere römische Inschriften, deren Inhalt ftir die Vorge- 
schichte der einzelnen Länder, in denen sie sich befinden, noch mehr 
aber für die Geschichte der Römer in den Donauländern von grosser 
Wichtigkeit ist; da aber die Mehrzahl entweder noch gar nicht oder 
fehlerhaft mitgetheilt wurde und da eine definitive Richtigstellung 
ihres Textes sehr wünschenswert!) war, habe ich seit einer Reihe 
von Jahren mein Augenmerk darauf gerichtet, Abdrücke der In- 
schriften in Papier zu erhalten, und nach diesen Facsimiles anferti- 
gen zu lassen. Auf diese Weise ist der Text von jenen Monumenten 
vollkommen sicher hergestellt worden, von denen Abdrücke zu erlan- 
gen waren ; denn dies war aus localen Gründen nicht bei allen der Fall. 

Das auf diese Weise gesammelte epigraphische Materiale wollte 
ich mit einem eingehenden Commentare begleitet der Öffentlichkeit 
übergeben ; so war der ursprüngliche Plan. Inzwischen bin ich durch 
ein Augenübel, das nach dem Urtheiie der Ärzte von zu grosser An- 
strengung herrührt, verhindert, die betreffenden Studien fortzusetzen, 
und da voraussichtlich bis zur gänzlichen Herstellung von demselben 
noch eine längere Zeit vergehen, das werthvolle Materiale aber man- 
chem Fachgenossen willkommen sein dürfte, so habe ich es vorge- 

21 * 


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310 


v. A r d e t h 


zogen, die Facsimiles mit dem Commentar, so weit er eben fertig 
geworden war, als ein neues Heft von Analekten, der Classe zur Ver- 
öffentlichung vorzulegen. 

Ich erlaube mir über den Inhalt der folgenden Blätter einige 
Bemerkungen vorauszustellen, die zur Orientirung dienen mögen. 
Ich durchgehe die einzelnen Länder der Monarchie von Westen 
gegen Osten und beginne mit Tirol. Ich glaube der erste zu sein, 
der Roschmann’s verdienstliches Manuscript über die Alterthümer 
dieses Landes in einem weiteren Kreise und eingehend bekannt 
macht und hoffe mir den Dank der Alterthumsfreunde zu gewinnen. 
So wie Rosch m ann dem schönen Kreise jener Männer angehört, die 
in sorgfältigen Localsludien die Vorgeschichte unseres grossen Vater- 
landes im Delail darzulegen bestrebt waren und dadurch schätzbare 
Vorarbeiten lieferten , welche eine zusammenhängende Bearbeitung 
dieser interessanten Periode erst ermöglichen: so habe ich es für 
passend gefunden im Anhänge an Roschmann s Notizen diese 
Specialarbeiten übersichtlich zusammenzustcllen, so weit sie mir 
bekannt geworden sind, um Anderen die sich dafür interessiren, das 
zeitraubende Aufsuchen zu ersparen. 

Was in neuerer Zeit in Krain und in Wien aufgefunden wurde, 
bildet das Mittelglied zwischen Tirol und Ungern; die neuesten 
Inschriftenfunde von Cilli und in Kärnten habe ich schon an anderen 
Orten besprochen. Der Ödenburger Votivstein gab mir den Anlass 
auf Denkmäler ägyptischer Funde in Ungarn hinzuweisen, nament- 
lich auf das interessante Gefäss von Egyed ; es ist schon von Herrn 
Jankovicz in den Abhandlungen der königi. ungrischen Akademie 
besprochen worden. Da diese aber in ungrischer Sprache geschrie- 
ben und daher in Deutschland meist unbekannt sind, habe ich die 
Übersetzung der Abhandlung von Herrn .1 a n k o v i cz in der im Verlaufe 
dieses Aufsatzes folgenden Note beigefugt, welche aut mein Ersuchen 
Herr Professor Schi mko zu veranlassen die Güte hatte; ich glaube 
auch damit einen interessanten Beitrag zur archäologischen Literatur 
geliefert zu haben, indem diese Abhandlung das rege Interesse der 
Ungern für die Alterthümer ihres Landes bekundet und zugleich eine 
Probe der wissenschaftlichen Behandlung derselben in Ungern abgibt. 

Die unedirten Inschriften von Mehadia, Mitrowitz und jene bisher 
so fehlerhaft mitgetheilte vonKoslacz, sind gerade die interes- 
santeren , in deren Studien ich durch mein Augenübel leider unter- 


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Art hau logische Anal*- k teil. 


311 


brochen wurde; doch glaubte ich sie, wenn auch entweder ohne 
allen oder doch ohne erschöpfenden Commentar, hier anreiheu zu 
müssen, um sie der Wissenschaft nicht länger vorzuenthalten. 

Von jeher hat es zu meinen Lieblingsbestrehungen gehört, zur 
Erforschung der Geschichte unseres grossen schönen Donaustromes 
beizutragen. Die Römer, die an ihm einen würdigen Abschluss des 
Weltreiches fanden, entwickelten an seinem Ufer die ganze Leb- 
haftigkeit ihres Kriegerlebens. Welch* mannigfaltige und lehrreiche 
Zeugen mögen davon noch hie und da verborgen sein; wie viel aber 
auch dem Forscherfleiss und der Einsicht künftiger Fachgenossen 
überlassen bleiben mag, mich freut es, wenigstens einige wichtige 
Details seiner Geschichte in's Licht gestellt zu haben. Ich hoffe zur 
näheren Zeitbestimmung der Geschichte der Arbeiten des Kaisers - 
Tiberius, welche den riesigen Strassenbauten am rechten Ufer unter 
Trajan vorangegangen, beigetragen zu haben. Die Sicherstellung 
des Textes dieser gleichlautenden, in den bisherigen Abschriften 
auch gleichmässig verdorbenen Inschriften am Koslacz und Islacz 
vollendet erst meine frühere Arbeit über die grosse Trajansinschrift 
am eisernen Thore. 

Ich erfülle eine angenehme Pflicht , indem ich dem hohen 
k. k. Generalcommando in Temesvar, namentlich dem im Jahre 1838 
verstorbenen k. k. FZM. Fürsten Karl v. Schwarzenberg und 
Seiner Excellenz dem Herrn FML. Grafen Coronini und deren 
Nachfolgern für die Verschaffung schöner Abdrücke der Inschriften 
im Banate meinen Dank öffentlich ausspreche; auch die k. k. Donau- 
Dampfschifffahrts-Gesellschaft hat durch Vermittlung der k. k. Central- 
Commission die Abdrücke von Inschriften, insbesondere jener von 
Koslacz und Islacz besorgt, wobei der Betriebs-Director Herr 
Cassian eine rühmenswerthe Theilnahme und Kenntniss bewährte. 
Auch die durch die k. k. Centralcommission ermöglichte Mittheilung 
von Tiroler Inschriften ist mit Dank zu erwähnen, so wie, dass die 
k. Akademie der Wissenschaften ihren Einfluss dahin verwendete, 
dass es mir möglich ward, das R o sch ma n n'sclie Manuskript zu 
genauerein Studium benützen zu können, indem sie mir eine Copie 
desselben, welche iu der Bibliothek zu Innsbruck sich befindet, zur 
Beurtheilung mittheilte. 

Schliesslich füge ich eine vielleicht Manchem willkommene 
Anweisung bei, haltbare Papierabdrücke von Inschriften zu bekommen. 


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312 


t. A r n e t h 


Um ein deutliches Bild — Facsimile — einer Inschrift zu 
erhalten, nehme man nicht zu starkes, weisses, gewöhnliches unge- 
leimtes Druckpapier. Dieses wird mittelst eines in Wasser getauchten 
Schwammes benetzt, bis es ganz weich ist, dann auf die Inschrift 
gelegt und mit einer nicht zu harten Kleiderbürste so lange geschla- 
gen, bis das Papier in die feinsten Vertiefungen eingedrungen ist. 
Sollte das Papier hie und da reissen, so wird ein anderes kleines 
Stückchen darauf gelegt und nochmals geschlagen. Hierauf nimmt 
man einen zweiten Bogen desselben Papiers , der trocken sein muss 
und mit gewöhnlichem Buchbinderkleister oder leicht gekochter 
Stärke mittelst einer weichen Bürste oder eines Pinsels überstrichen 
wird. Mit demselben bedeckt man den ersten Bogen, der sich auf 
der Inschrift befindet, er wird ebenfalls so lange mit der Bürste 
geschlagen, bis er sich mit dem ersten Bogen fest verbunden hat. 

Sobald das Ganze vollkommen getrocknet ist, wird es sich leicht 
ablösen lassen und kann abgenommen werden. Diese Abdrücke sind 
so gut wie Gypsabgüsse, lassen sich pressen, rollen u. s. w. , ohne 
dass ein Buchstabe undeutlich wird. Bei grossen Inschriften bedeckt 
man das Ganze gleichfalls mit feuchtem Papier, wobei jedoch die 
Bogen an ihren Grenzen über einander hinwegreichen; dann kommt 
die zweite Lage darauf. So können Abdrücke von den grössten 
Inschriften gemacht werden. 


Tirol. 

Trient. 

Dem ausserordentlich fleissigen und insbesondere mittelalterliche 
Monumente mit grosser Klarheit beschreibenden Herrn Tinkhauser, 
Couservator in Tirol, verdanke ich die Abschriften, zu denen 
Herr Tinkhauser schrieb: investigavit et scripsit, von 13 römischen 
Inschriften, welche sich zu Trient befinden. Da jedoch der Graf 
B. Giovanelli in seinem bekannten Werke 1 ) schon sechs derselben 
auf den S. S. 4, 41, 78, 83, 84, 99 mitgetheilt hat, so erübrigt 
nur eine kleine Nachlese, wie ich sie im Nachfolgenden gebe: 


*) Intorno all' origine e conduione anticn di Trento. Trento 1824. 


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Archäologische Aoalekten. 


313 


Im Magistratsgebäude: 

V. F. 

PRISCVS BELLO 
NIS CARCI (?) SP (?) 

R.I.T VLPIAE 

VLPI SAFIC (?) VICI (?) 

FIL.SECVNDAE 
VXORI CARISSIMAE 
T M VIBVLEIO 
PRMO GENERO 
OPTIMO 
IN. AGR. PX1S 
IN. F PXIS 

Virus Fecit | Priscus Bello | nis ? \ Et 

Vlpiae | Filius Secundae | Vxori Carissimae | Et Marco Fi- 

buleio | Primo Genero | Optimo | In Agro Pcdum undecim et semis 
| I?i Fronte Pedum undecim et semis. 

Diesem zufolge bat Priscus in seinen Lebzeiten sich, seiner 
Gemahlinn, seiner Tochter und seinem Schwieger ein Grabmal von 
ll 1 /* Fuss in der Länge und 11 % Fuss in der Breite errichtet. 

Ein Durchdruck oder eine Abklatschung würde allerdings über 
die richtige Lesung der Namen in der zweiten und vierten Zeile 
Aufklärung geben. Der nicht häufige Anfang V*F ( Vivu8 Fecit) im 
Gegensatz des gewöhnlichen Anfangs D'M (Diis Manibus ), und das 
noch seltenere Ende die Angabe enthaltend, wie gross das Grabmal 
sein soll , machen diesen Stein merkwürdig, er beweiset auch, dass 
der Römer eine achtungswerthe Kaltblütigkeit Über den Augenblick 
seiner Beerdigung zu behalten im Stande war. 

Die Beschaffenheit der Grabstätte ruft die Verse des Horatius *) 
in's Gedächtniss : 

Hoc miserae plebis stabat commune sepulcrum 


mille pede8 in fronte , trecentos cippus in agrum 
Nie dabat , heredes monumentum ne sequeretur 
In der Kleinkinder-Wartanstalt: 

M 

PARIMCORNELIO 

MFFAVSTO? 

FRATRI 

Q • CORNELO • CONSTA 
NT • I * FILIO • PASTOR 
SVIS 


*) Satyrar 1. 8. 10. 12. 12. 


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314 


t. A r n e t h 


M | Patri Marti Comelio | Marti Filio Fausto | Fra - 

tri | ’ Quinto Comelio Comtanti | Filio Pastor | Suis. 

In einem Privathause auf dem Domplatz: 

SATYR NO 
AVG 
SACRVM 
.L.NONIVS' 

SABINVS 

V.S.L.M 

Saturno | Augusto | Sacrum | Flavius? Nonius | Sabinus | 
Votum Solvit Libens Merito . 

Dem Saturn gewidmete Inschriften sind ziemlich selten, Maffei 1 ) 
hat eine ähnliche zu Verona befindliche veröffentlicht. 

In einer Kirchenmauer bei St. Apollinare: 

FAVSTINAE 

AVG 

DD 

Faustinae | Augustae | Datum Dedicatum: 

V*F 

CASS1DIA 

LONG 

SIBI 

M-AN 

Viva Fetit | Cassidia | Longa | Sibi | et Marco ? Antonio ? 

MAGNOET 
IN VICTO * IMP* CAES 

Magno Et | Invicto Imperatori Caesari | Vielleicht Maximi- 
ano | ?«). 

Im Magistratsgebäude zu Trient: 

C IVLIO 

INGENVO 

CI 

TRIB \LEG • III • IT AL 

TIBCL-VICTORVE 

INFANTIBENIG 

PLVRADE-SE 

MERENTI 

Cajo Iulio . ( Ingenuo | Clarissimo Iuveni | Tribuno Legionis 
III Italicae | Tiberius Claudius Victor Vir Egregius | Infanti 
Benigno | Plura De Se | Mer ent i. 


*) Maffei mos. Veron. 81. 456. 
») Orelli 1056. 


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Archäologische Analekten 


315 


Die Buchstaben der dritten Zeile C*I hat zuerst Labus *) als 
Clarissimo Iuveni richtig gelesen. Ich kann bei dieser Gelegenheit 
nicht umhin auf eine im Ferdinandeum zu Innsbruck aufbewahrte 
Arbeit des gelehrten Roschmann aufmerksam zu machen, welche 
vor einem Jahrhunderte schon druckfertig beendigt und mit vielen 
Zeichnungen versehen wurde. Da ich Gelegenheit hatte dieses 
Werk genau durchzugehen, so sei mir ein Urtheil darüber erlaubt, 
das ich mit mancher hieher gehörigen Bemerkung begleiten will. 
Wäre dieses Werk Roschmann’s vor 100 Jahren gedruckt worden, 
wie viel Arbeit hätte es den nachfolgenden Gelehrten erspart, wie 
hätte Herr Tinkhauser in Roschmann's Fussstapfen treten und mit 
diesem die Wissenschaft der lateinischen Inschriften und Alter- 
thumskunde überhaupt in Tirol begründen können. 

Das Werk Roschmann’s habe ich mit so vieler Theilnahme 
gelesen, dass ich es stets mit der geognostischen Karte von Tirol 
verglich. Die Natur hat die Völker bei ihrem Eintritt in ein ihnen 
unbekanntes, wohl von Sendboten aller Art ausgekundschaftetes 
Land, wie dies der Alpenübergang des Hannibal bewiesen, meist am 
sichersten durch die Thäler den Flüssen nach geführt, in denen sie 
am leichtesten die Mittel fanden den Durst zu stillen. Die Uranfänge 
der Geschichte sind am sichersten an der Hand der Geologie zu 
studiren. Schade, dass in diesen trefflichen Karten nicht auch die 
politische Geschichte berücksichtigt wurde, und dass auf ihnen nicht 
auch Monumente verzeichnet wurden, wozu so schöner Raum und so 
gute Gelegenheit gewesen wäre. 

Roschmann’s schönes Werk führt den Titel: 

Inscriptiones et alia diversi generis per omnem Tirolim Monu- 
menta, maximam parlem adhuc exstantia ac potissimum inedita colle- 
git et illustravit Ant. Roschmann. S. C. R. M. Archivarius aulicus, 
Bibliothecae publicae Theresianae Praefectus et Illustr. Prov. 0. 0. 
(Ordinum) Historicus. A. S. 1756. 

Der auf 19 Seiten in gutem Latein und sehr guter Zusammen- 
stellung verfassten Einleitung ist nur wenig oder gar nichts hinzuzu- 
setzen; dass sie zum Drucke geeignet war, möge folgende Stelle 
daraus beweisen : 


*) Labus. lutoruo Tautico Marmo di C. J. Iiigenuo. Milano 1824. Marmi Breseiani p. öS. 


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316 


v. A r n e t h 


„Rerum Tyrolensium origines ex primis fontibus promere medi- 
tanti duo praeprimis agenda sunt, turbatam nimirum, ac mire foedatam 
a scriptoribus tum exteris tum nostris (utpote del qüorum fere singuli 
e rivis plurimum aberrantibus* sua extra patriam multum et manifeste 
decepti, hausere) veterem geographiam omnem ex primaevis anti- 
quissimorum incolarum linguis eruere, pro temporum rationibus 
distinguere, atque universim veris stabilire ac cireumscribere limitibus 
id quod etiarn prodramonostro pro viribus praestare allaboravimus. 

Alterum est, ut in monumenta antiquissima, per regionem omnem 
ubique dispersa tanquam documenta domestica nobis unice propria 
fatali ruinae atque usibus indignissimis ut plurimum obnoxia tandem 
aliquando cum cura indigemus; curiosis assuetisque huicce labori 
oculis, nunquam defatigata sollicitudine secundum apicem omnem 
lustramus, cum viris doctis docili animo correctionemque neutiquam 
aversanti, sedulo communicamus, solerta in unurn corpus et ordine 
colligamus. Necessitatem, usum, finem ac sensum legitimum cum 
nostra res agatur imperterrito prorsus labore atque omni eruditionis 
genere cives nostros, ut liquide haec omnia comprehendant, docere 
contendamus; ut sic, quantum in nobis graviter prohibeamus, ne quid 
in posterum a nobis ipsis (cum plurima adhuc in luminis auras citra 
dubium protrahenda sint) quod ad gentis nostrae gloriam, historiae 
lucem, literarum splendorem atque immensum eruditionis incremen- 
tum facere possit, turpi incuria aut damnanda negligentia, non sine 
Patriae ignominia peccetur". 

Nach der vortrefflichen Einleitung geht der Verfasser zur 
näheren Beschreibung und Auseinandersetzung der Monumente, und 
vom Süden nach Norden sich wendend bespricht er: 

I. Die Gegenden von Roboretum (um Roveredo) und beschreibt zwei 
Grabsteine in Avio und einen Meilenstein des Maxentius, von welchem 
auch ein ähnlicher zu Blumau *) unfern Bozen gefunden und nun zu 
Wien 8 ) aufbewahrt wird; zu Roveredo selbst zwei Grabschriften und 
eine historische Inschrift; zu Chiareno eine dem Jupiter zu Ehren. 

II. Zu Riva und Arco. Eine historische, eine mythologische, 
zwei Grabinschriften zu Bolognano und auch zu Drodi eine Grab- 
inschrift. 


1) B. Weber. Tyrol. 11, 209. 

8 ) Arneth. Meilenstein u. s. w. Nr. 22. 


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Archäologische Ansichten. 


317 


III. Judicarien. Zu Lamaso eine historische, eine Grab- und 
drei mythologische Inschrriften. Zu Stenico eine Grabinschrift. Auf 
dem Berge Tebel eine Inschrift, den Schicksalsgöttinnen gewidmet. 

IV Trient und Umgegend. Ein Grabdenkmal dem Cornelius, 
eine mythologische Inschrift. Den schönen oben aufgeführten dem 
Saturn gewidmeten Stein hat Roschmann selbst am 3. October 1734 
abgeschrieben im Hause des Ludwig Travajon, wo er gefunden und 
an einem schmutzigen Orte eingemauert worden war. Im Palaste 
Madruzzi ausser der Stadt die Basis zu einer Statue des C. Valerius, 
eines Flamen der Roma und des Augustus u. s. w. *), eine Grabschrift, 
dann die eben erwähnte Grabschrift des C. I.Ingenuus; ferner auch die 
oben angezogene Grabschrift auf Priscus, dessen Grab viereckig 
gewesen zu sein scheint. — Ich habe von ähnlichen Gräbern in meinen 
Reiseskizzen aus Dalmatien gesprochen*). Roschmann sah diesen 
Stein am 3. October 1734 in einem Graben des erzbischöflichen 
Palastes ausser der Stadt und erhielt dann vom berühmten um unsere 
Studien sehr verdienten Sperges eine Abschrift. Folgende Inschrift 
gehört gewiss zu den inhaltreichsten so kurz sie auch ist; Rosch- 
mann hat sie am 3. October 1734 zu Trient an der Kirche des heil. 
Apollinaris theilweise abgeschrieben, sie wurde ihm im October 1739 
getreu, ganz abgeschrieben, nachdem ein Theil der dieselbe decken- 
den Steine weggebracht war, zugeschickt: 

IMP. CAESAR. DIVI.F 
AVGVSTVS.COS.XI.TKIB 
POTESTATE . DEDIT 
M . A PPVLEI VS . SEX . F . LEG 
IVSSV . EI VS . FAC . CVRAVIT 

Diese Inschrift beweiset offenbar, dass Trient schon im Jahre 
Roms 731, vor Christi Geburt' 23, in der Macht der Römer war, 
weil dieses Jahr dem ersten der Tribunizischen Gewalt August's 
entspricht*). Dieses Jahr ist in vielfacher Beziehung und auch darum 
wichtig, weil während desselben Augustus schwer erkrankt dem 
Aprippa seinen Siegelring übergab, wodurch er ihn gewissermassen 
als seinen Nachfolger bezeichnete. Es ist merkwürdig ein Monument 
dieses Jahres in unseren Gegenden zu finden. Es ist diese Inschrift 


*) Giovanelli Discorso sopra uu'iscrizione TrerUina. Treuto 1824. 
2 ) Denkschriften der k. Akademie der Wissenschaften. 1. 

*) Eckhel. D. N. V. VI. 01. 


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318 


v. A r n e t h 


sowohl bei Roschmann wie bei Giovanelli ganz gleich, anders abge- 
theilt als bei Tinkhauser. Ferner die schon bezeicbnete Inschrift 
der Faustina, vermuthlich der Jüngeren, zu Ehren, weil diese ihren 
Gemahl M. Aureiius auf seinen Kriegszügen begleitete. 

In der nämlichen Kirche ist noch eine andere selbst den nach- 
folgenden fleissigen Nachforschern vieler Monumente entgangene 
historische Inschrift, ferner eine der Diana gewidmete. Hierauf be- 
tritt der gelehrte Roschmann das Euganeische *) Thal , das Valsugan 
und hält eine Abhandlung überdiebei Telve an der Brenta gefundenen 
Fibulae, die ich, um zu beweisen, wie gelehrt der Verfasser spricht, 
anftihren zu müssen glaube. Seite 219 — 223. 

Fibulae ex Aere. 

Tres ex his erutae sunt in Dynastia Telfanensi in Valle Euganea 
in loco al Marter haud ita pridem, quarta vero cum pede Idoli seu 
sigilli Romani aenei in arce destructa Arnaniae in eadem valle intra 
Telvanum et Castellum Altum in loco dicto Castelleto, cum lapides 
ad novam Templi Telvensis fabricam quaererentur: atque haec omnia 
dono Illustrissimi D. Caroli L. B, Buffa de Lilienberg j£xc. Repraes. et 
Camerae Sup. Austr. Consil. Actualis Bibliotbecae Theresianae 
cesserunt. 

Admiratio haud immerito nos subeat, cur inter antiquitatum 
Romanarum reliquias tarn frequenter, atque alia longe, quam qua nos 
hodie utimur forma, occurrant fibulae. Verum si vel obiter tan tum 
consideremus, quam multiplex earum in vestibus usus fuerit, non 
jam amplius earum copiam mirabimur, praecipue si meminisse veli- 
mus defunctoruin Corpora vestita rogo fuisse imposita; vestituin 
autem nulla fere ratione absque fibulis adhiberi potuisse; consumtis 
igitur per flammas vestibus, atque ipsis corporibus fihula inter cine- 
res et ossa supererant, atque hinc in Theatrales ac vestiarias divisas 
communiter fuisse, quae etiam solae ad nos spectare videntur. 

Fuere autem vel ideo teslante Oclavio Ferrari« 8 ) neeessa- 
riae, quoniam pallia aperta, et reliqua amicula, quae tunicae injici- 
ebantqr. ne humeris defluerent, fihula nectebantur; qualiter chlamides 
veteres numi et statuae referuut, ita et lacernas fibula junctas credi 
par est. 


*) Gegend tertiärer Bildung. Geognostiache Kerle von Tirol. Bl. VI. 
8 J P. 2. L. 3. c. 16. De re vest. 


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Archäologische Analeklen. 


319 


Harum quoque usum in contrahendis, seu attollendis, iterumque 
in adstringendis vestibus fuisse idem Author statuit. Pleraque haec 
paueis complexus est Isidorus: Fibulae sunt ♦ quibus pectus femi- 
narum ornatur , vel pallium tenetur ; viris in humeris , ceu ein - 
gulum in lumbis *). Usus igitur primus fibulae fuit, vestem vesti 
connectere, innectere, aut subnectere ac velut appendere, (nam 
liis universim vocibus utuntur authores) pallia nempe et pallas, chla- 
mides, saga, imo Testes quascunque. 

Ornamentum est igitur fibula et instrumenturo, quod pectus femi- 
narum ornat, pallium Virorum in humeris, ciugulum in lumbis iirmat. 
Sic Tertullianus *) : Pallii habitus in fibulae morsu humero acqui - 
escebat, pallia quoque fibulata Vopiscus offert 8 ). 

De fibula figente Statius 

Taenariam fulva mordebat jaspide pallam et Saga Tibulafo- 
ria Trebellius Pollio 5 ). 

Et iterum de chlamide Statius ®) : 

. . . torto chlamidem diffibulat auro : 

De vestibus aliis Virgilius de Didone 7 ) Aurea purpuream sub- 
nectit fibula vestem, exempli gratia togam cum pallio, aut chlamidem 
cum sago, veste nempe altera, ßgebant, jwngebantque fibulae, sed 
etiam eandem vestem non ubique consuebant sed fibulis jung^hant: 
sic Pollux 8 ) testatur, tunica dissoluta fibulis circa humeros con - 
nectebatur . quam fibula circa pectora claudebat . Et luculenter 
Aelianus 9 ): Tunicarum eam partem , quae est ab humeris . Idem 
circa brachia factum usque ad manus non consuebant , sed con- 
tinuis fibulis aureis et argenteis constrinxere . 

Et circa pectus Sophocles 10 ) quoque: 

„ Haec cum dixisset , mox celeri manu vestem suam solvit , 
qua aurea mamillas coei cebat fibula , totumque nudavit latus ac 
sinistrum humerum. u 

>) Orig. L. XIV. c. 31. p. in. 1308. 

*) DePaII,oc 1. 

3 ) In Probo. c. 4. 

4) V. 658 L. VII. Thebain. 

*) Io Regilliano Tyrano p. m. 759. 

•) Theb. 6 750. 

7 ) Aen. IV. v. 139. 

*) In Ooomastico VII. 13. Seberi. 338. 

•) Var. 1. 18. 

»®) Trach. n. 933. 


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320 


v. Arneth 


Idem circa Bellonae vestes notat *) Claudianus: 

. . . post tergn rednctas: 

Uberibus pro prior mordebat fibula vestes . 

Usus dein fibularum quoque fuit ad constringendum in baltheis 
nimirum ac zonis etc. 

Sic Trebellius Pollio de Zenobia *) „ad Conciones galeata 
processlt , cum limbo purpureo gemmis dependentibus per ultimum 
fimbriam media cochlide (gemma) veluti fibula muliebri adstricta. 

Et Virgilius inter praemia Victorum pharetram describit *). 

Lato quam circumplectitur auro Baltheus et tercti subnectit 
fibula gemma . 

Atque iterum 4 ). 

— — — — teritur qua sutilis alvo Baltheus et laterum 
juncturtis fibula mordet . 

Et inter effectus pacis Prudentius *). 

— — — — Avulsis exfibulat lila zonis. 

Usus quoque ulterior fuit ad internectendos crines. 

— — — — ut fibula crinem Auro intemectat •). 

Fibulae tandem etiam praemia militaria fuäre. Sic Quinctim 

alter Praetor suos Equites Catellis ac Fibulis donavit 7 ). 

Fibulas nostris simillimas affert Graevius 8 ). 

So gelungen übrigens die Aufführung der Stellen aus den Clas- 
sikern über Pfeilspitzen, Messer, Schlüsseln ist, so misslungen halte 
ich die Auslegung eines angeblich in der Nähe von Trient bei Pergine 
gefundenen und 1741 dem berühmten Maffei gegebenen und von 
diesem veröffentlichten Basrelief 9 ), welches, wenn es echt wäre, 
den Raub des Palladiums durch Diomed nicht aber, wie Rosch- 
mann meint, einen Fechter darstellt. Die zu Matrei gefundene 


') In Eutrop. II. 183. 

2) Ed. Obrecht. p. 350. 

*) Aen. L. V v. 312. 

4) Aen. XII. v. 273. 

5 ) Psycho mach y. 633. 

•) Virg. Aen. VII. y. 815. 

7 ) Liv. L. 39. c. 31. 

®) Thes. Antiqq. Rom. T. V. f. 1035. 

•) Museum Veronense. Tab. IV. p. LXXV. 4., wo Sc. Maffei diese Bronze zwar stechen 
Hess, aber vielleicht im Vorgefühle ihrer wahrscheinlichen Unechtheit kein Wort 
darüber sagt. 


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Archäologische Analekten. 


321 


christliche Inschrift ist merkwürdig, so wie es auch die Erklärung 
einer für Paris gehaltenen Bronzefigur wäre; wenn diese selbst echt 
wäre, wäre sie eher ein Fechter als Paris. 

VI. Die Alterthümer des Nons- und Sulzberg. 

Die zu Vervö entdeckten, den DIS DEABVSQVE OMNIBVS, fer- 
ner die IOVI VICTORI und der Victoria gewidmeten Inschriften sind 
nach Verona gewandert und die dem Saturn, dem Mars, dem Mercu- 
rius, der Luna, der Venus gewidmeten sind zu Grunde gegangen. 

Einengrossen Scharfsinn hat Ro sch mann in der Auslegung 
einer Inschrift dem Deus Cautus zu Ehren an den Tag gelegt, 
welcher Stein in Romeno gefunden wurde. 

Unser geehrter College Labus hat so viel möglich alle Steine in 
seinem neuesten Werke *) gesammelt, welche sich auf den Deus 
Cautus beziehen, und da sich in dieser Sammlung der von Rosch- 
mann oder vielmehr von Sperges, welcher die Abschrift Roschmann 
miltheilte, abgeschriebene Stein nicht findet, so ist’s der Mühe werth, 
ihn hier mitzutheilen: 

D.DNGAVAV 

IOCCEEX 

VOPUM. 

Deo Domino Cauto Augusto 

Jocundus Cerio Ex 

Voto posuit Libens Lübens Merito. 

Einen anderen zu Vervö allen Göttern und Göltinnen für das 
Wohl der Bewohner von Vervö (VERVASSIVM) gewidmeten Stein 
beschreibt Roschmann und bedauert mit Recht, dass er, der allein 
Zeugniss gibt von der Bewohnung des Orts durch Börner, von da 
weg nach Verona*) gebracht wurde. 

Im Schlosse Bragherio sind vier sehr merkwürdige römische 
Inschriften aufbewahrt, wozu vorzüglich der um die Wissenschaften 
so verdiente Sperges beitrug, eine dem Jupiter, die andere der 
Minerva*), die dritte der Concordia gewidmet und die vierte eine 
Grabschrift. 

Roschmann beschreibt eine über einen Fuss hohe Bronze- 
Figur des Mercurius, und stellt trefflich alle Classiker über den 


*) Marmi aulichi Bresciani. p. 4.3 f. 

*) Sc. Maffei Mus. Ver. 91. 3. 

S) Von Maff ei. 380. 8, irrig nach Loinaso veilegf. 


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322 


¥. A r n e t h 


Götter-Boten zusammen; erstlich ist diese Bronze im Val di Sole 
oder Sulzberg gefunden, dann in den Besitz der Grafen von Firmian 
nach Innsbruck gekommen. 

Mir scheint die Stellung dieser Bronze viel zu gezwungen und 
zu sehr von der ruhigen der Alten abzuweichen, um sie für echt zu 
halten; sie ist vermuthlich ein Cinquecento aus dem Zeitalter häufi- 
ger Verfertigungen des Mercurius; wer denkt dabei nicht an jenen 
bekannten des Giovanni di Bologna zu Florenz. Das k. k. Münz- und 
Antiken-Cabinet bewahrt mehrere ungemein schöne Figuren des 
Mercurius aus Bronze; die antiken haben alle eine ruhige Haltung, 
die modernen eine übertrieben belebte. 

VII. Gegend um Neumarkt. Bei Buchholz in der Nähe von 
Salurn und bei Auer unfern des Höllenthals wurden Thon- und ins- 
besondere bei Auer Bronze-Gegenstände gefunden, von den ersteren 
halte ich jedoch nicht alle für echt — für unecht halte ich der Zeich- 
nung nach eine Handhabe eines grossen Gefösses, auf welchem oben 
eine bacchische Gestalt auf einem Weintraubengehäge liegt, welches 
andere bacchische Gestalten halten, unten sitzt Ariadne, welche 
Bacchus zu trinken gibt; auf beiden Seiten sind Satyre beschäftigt, 
Weintrauben in Gefasse auszupressen. 

In der Bibliothek zu Innsbruck. Nur die Ansicht kann über die 
• Echtheit entscheiden. 

VIII. Gegend um Botzen. Eine Bronze-Fibel; eine Inschrift der 
Isis, ferner der bei Rabland unweitMeran gefundene im Schlosse 
Maretsch aufbewahrte Meilenstein ; der römische Thurm am Bache 
Talfers bei Botzen; der Meilenstein von Blumau, 2 Grabinschriften im 
Schlosse Sch wanburg — bilden den Gegenstand zu gelehrten Beschrei- 
bungen. Erst in neuerer Zeit haben Kandier auf die Thürme in 
Istrien und Mutzel auf die in Deutschland aufmerksam gemacht, wie 
sie eine fortlaufende Station der Signale zum römischen Felddienst 
abgaben. 

IX. Gegend um Meran. In der Nähe des Dorfes Tscherms 
wurde ein viereckiges römisches Grab eines Jünglings gefunden, in 
dem Urnen und eine goldene Bulle waren; sie wurden nach Innsbruck 
gebracht, wo sie Boschmann am 7. Februar 1753 sah. 

Vor allen hier beschriebenen Gegenständen ist der Thurm von 
Mals merkwürdig. Er ist fast ohne Zweifel wieder einer jener römi- 
schen Wartthürme und die Ziegeln, sagt Roschmann, sind mit XCI 


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Archäologische Ansichten. 


323 


bezeichnet, was vielleicht LEG. X Gemina Pia? Der Thurm ist 
100 Fuss hoch und hat 100 Fuss im Umfang. Bei Tirol wurde eine 
kleine Fortuna in Bronze gefunden. 

X. Sabiona (Seeben) an der Eisack. Die Gestalt in Bronze auf 
einer Lotus-Blume, welche Roschmann Isis nennt, ist wohl Horns 
Harpocrates , sie hat die bekannte Handbewegung des Horus gegen 
den Mund. 

Die Inschrift: 

D- I- M 
T SOL* SÖC 
0* SAC- NEN 
TINVS SE 
GVNBONS 

glaubt Roschmann mit dem Grafen Philipp de la Torte: Deae Isidi 
Matri zu lesen, welche Leseart viel ihr sich hat, obwohl sie gewöhn- 
lich, wie auch von Orelli , Deo Invicto Mithrae gelesen wird. 

Was die Inschrift bei Seeben (Sabiona) dem Mars zu Ehren 
betrifft, so halte ich dafür, dass sie Roschmann gut interpretirt hat, 
obschon ich in der fünften Zeile lieber lesen würde nostri ( Augusti 
scilicet) Verna als wie Roschmann NVmerarius. 

XI. Gegend um Loncium (Lienz). Der Zeichnung nach wäre man 
versucht den Altar mit einem Dioscuren und der Venus (?) oder 
Helena (?) für unecht zu halten; da aber Roschmann sagt, der 
Marmor wäre vor 100 Jahren in der Nähe des Schlosses Prugg, 
wo er aufbewahrt, gefunden worden, so liegt die Schuld derVer- 
muthung ihrer Unechtheit in der Zeichnung. 

Zu den merkwürdigeren Funden um Lienz gehört die Auf- 
deckung eines Caldarium bei Nussdorf an der Drau eine Post von 
Lienz entfernt. 

Dieses begrüsste Joannes Putschius in einem zu Innsbruck in 
MSC aufbewahrten Gedichte folgendermassen *) : 

Hinc nos de Carnis in Norica venimus arva 

Et legimus forti Teutona regna pede 

Utque Dravi potamus aquam, Loncina videmus 

Moenia, Romanaque atria facta manu 

Nunc Romanorum Palatia demiramur. 


i) P. 2. L. 2. c. 13. 

Silxb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. III. Hit. 22 


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324 


y. A r b e t h 


Auf eine gehr anschauliche Weise wird die Aufdeckung und die 
im Jahre 1753 auf Befehl des Kaiser Franz durch den Architekten 
Nagel vorgenommene Zeichnung des Hypocaustums beschrieben und 
in Abbildung mitgetheilt 

Roschmann beschreibt einen Athleten aus Bronze, der von Herrn 
Pichl in der Nähe von Lienz gefunden im Jahre 1739 der Bibliothek 
zu Innsbruck geschenkt wurde; dann beschreibt er die Bronzefigur 
des zu Lavant im Jahre 1746 gefundenen Hercules. 

Die Echtheit der von MafTei angestrittenen Inschrift, worauf die 
Stadt Lienz vorkömmt, behauptet Roschmann meines Erachtens mit 
guten Gründen, leider ist sie verloren, sie hiess nach Roschmann: 

M- AVRELIO- ANTONINO- CAES- 
IMP- DESTINATO* IMP- L- SEPTI 
MI SEVERI- PERTINACIS* AVG 
FIL- RESP- LEN. 

Zu den schon von Roschmann angeführten Ursachen für die 
Echtheit der von ihm aufgeführten Inschrift scheint mir noch die in 
Cividale im Jahre 1843 gefundene zu kommen, welche folgende ist: 

IMP. CAES 
M. AVREL 
ANTONINO 
IMP. L. SEPTIM 
SEVERI. PH 
PERTINA. AVG 
VVILIO 

RESP. FORO IV i) 

XII. Gegend von Aguntum (Innichen an der Drau). Es werden 
hier meist zu Innichen gewesene Inschriften und bei Innichen befind- 
liche Meilensteine des Philippus und Gordianus aufgefuhrt. 

Von beiden Imperatoren sind in der Nähe von Wien sehr lehr- 
reiche Meilensteine gefunden worden, welche die Vermuthungen 
Roschmann's auffallend bestätigen, der von Philippus wurde bei 
Vösendorf und der Gordian's III. bei Klein-Schwechat ausgegraben 3 ). 

Über die bei Aufkirchen gefundene Statuette in Bronze 
schreibt Roschmann eine gelehrte Dissertation, dieselbe für einen 


*) Wurde schon in meinen „Reisebemerkungen“ S. 6 (im Jahre 1849), später auch 
ron R. y. Eitelberger, Jahrbuch der k. k. Central-Comraission II. Bd. 1857, S. 258 
publicirt, welcher sie mit Unrecht -eine unedirte nennt. 

3 ) Arneth, Röm. Meilenstein. W. W. 14. 17. 


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Archäologische Analekten. 325 

Athleten haltend, ich wäre der Meinung, sie habe Jupiter darge- 
stellt, den Blitz schleudernd. 

XIII. Gegend voh Littamum (um St. Lorenzeh), Mfeilehstein des 
Sept. S'eVerus 1723 heim Strassenbau gefunden, allerdings sehr 
beschädigt, doch wegen der Angabe der Zahl der Schritte nicht 
unwichtig, sie bezeichnet die Entfernung vöh Aquüdia LXl. 

Ferner sind noch dort gefunden eine Lampe in Bronze und 
zwei in Erd e. 

XIV. Gegend von Sebatum (um Schabs). Spuren der römischen 
Strasse, Welche von Aquileia bis Veldideha führte, und zwar über 
Tricesimum, Julium Carnicum, Loncium, Aguntum, SebatUrri, Litta- 
toüm, Vipitenum, Veldidena. Es ist um Schabs die berühmte Fran- 
zensstrasse 2347 Fuss über dem Meere, i. e. ein Knotenjpunct meh- 
rerer Strassen und auslaufender Thäler *). 

XV. Gegend von Vipitenum (hm Sterling). Südlicher älk 
Sterzing liegt Mauls, wo das berühmte Mithrasmonutneht gCfundeh 
wurde, welches jetzt im unterrt Belvedere aüFbeWahrt wird*); Wer 
die vorliegende Zeichnung dieses Monurhentes mit dem Monumente 
selbst Vergleicht, wird zugestehen, dass die Zeichnungen des Berrn 
Roschmann bei weitem nicht dem Texte gleichkomrhen, dass sie 
also unmöglich durch den Stich veröffentlicht werden köhnten. 

AhssCr jenem Mithrasmonument sah RosChmahti hbch Zu 
Mäuls eine Grabschrift der Auretiä Rufina von ihrem Sohne Qüärti- 
nus errichtet; einen änderet! von der Postumia ViCtorina ihrem sehr 
frommen Schwiegersöhne Ti. Claudius Raeticianus, Wobei noCh fol- 
gende Worte eingegraben sind, welche doch 2Cigen, Wie oft eihzelne 
Leute solche Werke des AltCrthünls zü schätzen wüssten: Ddr ober 
Stäin ist Funden an | dem End zu unterst im Grüttd, | als der ist 
gegraben | an Unser Frawen | zu Lichtmessabend anhö | Döthin 
MCCCCL p. p. p, p., II. Jahr. | 

XVI. Gegend von Matrejum (um Mätrei bis Zum Brenner). Ein 
Meilenstein des Maximinus und MalimuS bei LtiCg, worauf äUSsdr 
der Titulatur der Imperatoren ndch vorkömmt ABAVGMPCXXX. 
Dieser Stein ist sowohl wegen dem seltenen Vorkommen der Namen 
Maximinus und Maximus auf Mortumentetl merkwürdig, als auch 
wegen Angabe der Entfernung von Aügustä. 

*) Geogoostiache Karte von Tirol 1849. VI. 

*) Arneth, Statuen, Busteu w. 51. 

22 * 


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326 


v. A r n e t h 


Auch ein goldenes Ohrgehänge wurde 1741 hei Matrei gefun- 
den, wo überhaupt viele Münzen ausgegraben werden. 

XVII. Gegend von Scarbia (um Scharniz). 

Zu Ambras beschreibt Bosch mann zwei sehr roh gearbeitete 
Idole des Priapus, welche auf dem Kuchl zu Telfs gefunden wur- 
den. Vorzüglich merkwürdig ist die Beschreibung des Meilensteines 
bei Reit, der, obschon ohne Schrift, wegen seiner oben befe- 
stigten Weltkugel zu den denkwürdigsten Monumenten der Art 
gehört. 

Bei Telfs wurde eine hübsche Statuette eines Amors in Bronze 
gefunden. 

XVIII. Gegend von Masciacum (um Mäzen, Schwaz und 
Ratenberg). 

Unfern Schwaz ein merkwürdiger Grabstein, yon Camnestrinus 
und Exorata ihrem Sohne Exoratus und ihrem Eidam Seccendinius 
Candidianus errichtet. In Mäzen, ganz nahe an Ratenberg ist ein 
römischer Thurm beschrieben, der auf hohem Fels erbaut und des- 
sen obere und untere Umgebung wahrscheinlich aus dem Mittelalter 
herrührt. 

XIX. Gegend von Veldidena (um Innsbruck). 

Hier beschreibt Roschmann sechs Meilensteine; zuerst den 
schon erwähnten bei Reit unfern Seefeld, die übrigen wurden bei 
Wüten und Ambras entdeckt, sie sind alle ohne Schrift. Rosch- 
mann glaubt, dass sie Yon Augustus herrühren. In Ambras drei 
Meilensteine des Sept. SeYerus, ferner einer Yon Julianus, wie ein 
ähnlicher zu Innsbruck. 

Bei Wilten wurden im Garten einige Gegenstände in Bronze 
gefunden, bei denen ich Yermuthe, dass das, was als Thorax eines 
Kaisers beschrieben wird, ein mit einem Kopfe und Harnisch ver- 
ziertes Gewicht gewesen sei. 

Ferner beschreibt Rose hma nn einen Dolch, Geräthe verschie- 
dener Art, Gefasse u. dgl. und schmückt diese Beschreibung mit 
seiner gewohnten Gelehrsamkeit. 

XX. Gegend um Ampas bei Ambras. 

Ein keltischer Armring in Bronze. 

XXI. Aus der Fremde nach Innsbruck gebrachte Gegenstände, 
welche aus Meilensteinen und einer Statuette eines Soldaten, Mars(?) 
bestehen. 


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Archäologische Aimlektcn. 


327 


Roschmann eudigt seine mühevolle , lehrreiche Arbeit mit 
Anführung der Worte *) : Indecorum enim, ac sane indignum veris 
patriae» communis matris nostrae, filiis foret, si de illis verum esset» 
quod de suis Romanis olim conquestus est Plinius Junior *) : ad 
„quae noscenda iter ingredi» transmittere mare solemus, ea sub 
oculis posita negligimus, seu quia ita natura comparatum, ut proxi- 
morum incuriosi, longinqua sectemur, seu quod omnium rerum 
cupido languescit» cum facilis oceasio est, seu quod differimus tan- 
c|uam saepe visuri, quod datur videre, quoties velis cernere. Qua- 
cunque de causa, permulta in urbe nostra (dico in patria nostra), 
juxtaque urbem, non oculis modo, sed ne auribus quidem novimus, 
quae si tulisset Achaja, Aegyptus, Asia, aliave quaelibet miraculorum 
(ajo ego monumentorum) ferax commendatrixque terra, audita, per- 
lecta, lustrataque haberemus“. 

Roschmann theilt in seinem Manuscripte im Ganzen über 
70 ( 73 ) epigraphische Monumente mit, von denen zu seiner Zeit 
noch 18 für völlig unedirt gelten konnten. Einzelne derselben, 
wie z. B. VIII, p. 99 u. a. waren schon dazumal, als er sein Werk 
zusammenstellte, spurlos wieder verschwunden. Weniges, was 
wirklich schon vor ihm edirt war, wie der Inschriftstein am Zoll- 
gebäude zu Mauls (Murat. MCCXLUI. 10), dürfte dem fleissigen 
und gewissenhaften Sammler insoferne entgangen sein, als er zum 
ersten Male es mitzutheilen glaubte. Von den damals für unedirt 
geltenden Inschriften sind im Laufe der Zeit freilich manche, wie 
die Monumente p. 193. Vm. p. 382 n. V, 469. n. ffl von Giova- 
nelli (Intorno all* Origine di Trento p. 75), von Mich. Huber 
(das alte Agunt, S. 44), von Joh. Primiss er (kurze Nachricht von 
dem k. k. Raritätencabinet zu Ambras, S. 36) u. a. veröffentlicht 
worden , allein die Mehrzahl der berührten Inschriften gibt, weil 
nachträglich wieder verloren oder wenigstens unsichtbar geworden, 
denn doch ein höchst schätzenswerthes Supplement zu allen vor- 
handenen oder künftigen Werken über Tirols römische Alterthümer. 

Anton Roschmann, geboren am 7. December 1694 zu Hall, 
gestorben am 25. Juni 1760 zu Innsbruck, war einer der flüssig- 
sten unter den Männern des an Gelehrten reichen 17. und 18. Jahr- 
hunderts. Es ist hier wohl nicht der Raum, eine Parallele zu ziehen 


*) L. VIII. Ep. 20. 


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328 


▼. A r n e t b 


zwischen unserem Gelehrten und denen seiner Zeit, eines Mabil- 
lon, Montfaucon,*Maffei, Muratori, Norisius, Ci am p in i, 
l^agliabechi u. s, w., aber er stand diesen ersten Lichtern ihrer 
Zeit würdig zur Seite; warum aber ist sein Name eicht yon eben 
so gutem Klange? \Veil seiu,e Arbeiten nicht das Licht der Welt 
erblickten. 

^as eben besprochene \Verk ist jedoch entweder ohne alle 
ocjei; dpch nyr mit wenigen Abbildungen. 

Ich vill mich diesen Augenblick nicht darüber aussprecben 
wie schädlich es für (Jen Ruhm der österreichischen Literatur ist, 
dass so yiele Werke, die gediegen sind, welche irgend einen TheiL 
des Reichthumes wissenschaftlichen Besitzes bezeugen, nicht zur 
Öffentlichkeit kqmmqq. Besonders glaube ich aufmerksam machen 
zu dürfen, dass wir unsere Blicke sursu/n richten und nicht zu sehr 
ip provinziellen Details gefangen halten ; fast ist das Studium der 
römische? Alterthümer schon zu sehr vernpchlässjgt worden.; 
welchen Nachtheilen solche Vernachlässigung führe, erhellt auch 
aus dem Werke Roschmann’s. Nun, indem wir uns bemühen, 
^heilnahme fijr die Monumente der grossen Geschichte unserer 
Vergangenheit zu erwecken, werden die Monumente, die, jetzt haum 
aus dem Schoosse der Erd& hqrvorgegraben, schnell ihrer Zerstö- 
rung entgegen gehen , gerettet und der Belehrung zugänglich wer- 
den; dann werden, die Sammlungen aus dem Boden des Kaiser- 
reiches nicht mehr in fremde Länder wandern, denn der Besitz, 
welcher zur Aufklärung, im Gebiete des Geistes führt, ist ein eben so 
reeller Besitz, als jener der zoologischen Gegenstände; Schriften 
auf Erz und Stein haben einen eben so hohen Werth wie solche auf 
Rapier, und die Ansicht de* mit Dingen dqr zeichnenden Kunst t aus- 
gestatteten Werke erfüllt uns mit eben so hohen und richtigen 
Begriffen über den Werth der menschlichen Ausbildung, wie die 
geschriebenen. 

Ich halte dafür, dass durch die Arbeit Roschrpann’s ein. 
wesentlicher Theil der Erforschung der Alterthümer in, der Monar- 
chie in Ausführung kam. 

Wäre diese Arbeit schon vor 100 Jahren veröffentlicht worden, 
>yie sehr hätte sie die Bemühungen unterstützt den Zustand der 
Monarchie in der keltischen und römischen Periode kennen zu lernen; 
denn Labus hat, um mit dem Süden zu beginnen , fast den ganzen 


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Archäologische Analekten. 


32» 


westlichen Theif der Lombardei archäologisch beschrieben , so wie 
er den archäologischen Theil des vortrefflich ausgestalteten Musen 
Bresckmo bearbeitet hat. Der erste Band des Moseo Bresciano ist 
eines der schönsten Werke, welches eine Stadt in neuerer Zeit 
herausgegeben hat. Labus hatte die Inschriften dieses merkwürdigen 
Museums in Arbeit und die Gefälligkeit gehabt, mir die Bogen, wie 
sie erschienen waren, zu schicken und acht unter dem Titel: „Marm? 
antichi Bresciani, raecolti nel Museo Patrio classificati ed iliustrati* 
zuzusenden, als ihn der Tod leider den Wissenschaften am 6. October 
1853 entriss und diese Arbeit unvollendet liess, welche, so* weit sie* 
fertig war in Mailand, auf 234 Seiten 4® erschien. Der grösste Theif 
der Beschreibungen des Museums von Mantua ist aus dieser ausge~ 
zeichneten Feder hervorgegangen 1 ). Eine Zusammenstellung seiner 
Arbeiten heben wir glücklicherweise von ihm selbst im AImenaeh der 
kais. Akademie der Wissenschaften des Jahres 1851. 

Von Dalmatien über Istrien herauf bis Ämona gab Kandier*) 
entweder schon, oder wird geben die Beschreibung aller Monumente. 
Um Verona herum hat Orti Manara Gli antichi Marmi alla gente 
Sertoria spettanti. Verona 1833. Gli antichi Monumenti gred e 
romani ne! giardino de Conti Giusti Verona 1835. Dell' antfeha Basi- 
lica di S. Zenone. Verona 1839. Dei due antichissimi Tempi cristiani 
1840 u. m. a. entweder schon veröffentlicht oder die Veröffentlichung 
zugesagt. 

Nicht minder trefflich hat der unlängst den Wissenschaften 
durch, den Tod entrissene Furlanetto») das Museum von Padua 
beschrieben und unser ausgezeichnetes Mitglied der Graf Andrea 
Cittadella-Vigodarzere 4 ) eine biographische Skizze dieses grossen 
Gelehrten drucken lassen. 

Die Sammlungen von Pavia und Como hat Aldini beschrieben*). 


*) Aecadenaia di Scienze Lette re ed Arti di Padora« Triinestre 3. et 4i del 1851 
sino 1852. 

«) L'Iatria. 1846—1852. 

8 ) Gli antichi lapidi Patarini illustrati. Padova 1847. Furlanetto etarb den 2. NoYetn- 
her 1848 an Padna 77 Jahre alt. 

BlegnSa dt Giuseppe Für 1* nett o. Rerista periodiea «H Iarori della I: R. Afecad. 
dt seien., 1 eitere ed arti di Padova. Trimeatre 3. et 4. del 1851 — 1852. 

*) Stigli antichi lapidi Ticlneei. Payia 1831. Gli antiehi Marmi Comensl. Pavfa 1834. 
Ariosti Inscriptioni anticbe 1723. Mac. 


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330 


v. A r d e t h 


In Kärnten 1 )» Krain 8 ), Steiermark 8 ), Tirol 8 ), Salzburg 8 ), 
Ober-Österreich •) haben diesen Theil unserer Geschichte sehr fleis- 
sige Männer bearbeitet. In Unter-Österreich waren in älterer Zeit 
gelehrte Forscher 7 ), welche sich dieser Art Studien widmeten. In 
neuerer Zeit haben Joh. G. Seid! und ich 8 ) Einiges bekannt gemacht. 
Vorzügliche Leistungen im epigraphischen Fache haben in Ungern 
Katancscich •) insbesondere Schönwisner 10 ) geliefert. In Siebenbür- 
gen waren und sind mehrere Männer thätig dieses Fach zu bebauen “). 
Aus dieser raschen Skizze sieht man, dass das epigraphische Feld in 
der Monarchie häufig bebaut wurde, und dass es auch auf selbem wie 
auf jedem nie ruhender Arbeitsamkeit bedürfe, um schöne Früchte 
zu erhalten. 

Zu den bedeutenden Vorarbeiten zu einem grossen Werke 
über den Zustand der Monarchie in den Zeiten der römischen Herr- 


*) t. Jabornegg-A Itenfels. Kärnten'» römiache Alterthümer. Ankerahofen. 
S. Almanaeh 1852. S. 213. 

Ä ) Linhart. Krain, Laibach 1788. 

8 ) J. 6. Seidl. Ep. Ezcurae. Jahrb. d. L. CXVI. u. a. f. Mucbar, Oeachichte von 
Steiermark. Kn ab], Zeitschrift. 

4 ) Gio vanelli, gest. 7. Juni 1846, bat sich am die Alterthümer Tirol», insbesondere 
der um Trient, durch zahlreiche Werke verdient gemacht: „Intorno all' antica 
Zecca Trentina. Trento 1812". — 2. Diacorso sopra un' Iscrizione Trentina. Trento 
1824. — 3. Trento Citti de' Rezj e colonia Romana. Trento 1825. — 4. Ara 
Dianae und die Strasse Claudia Augusta von Tridento bis Yipitenum. Botzen 1824. — 
5. Über den Satnrnusdienst in den tridentinischen Alpen. — 6. Über drei Portale 
der Schlosscapellen zu Innsberg bei Meran (1825?). — 7. Römische Strassen- 
monumente zu Maretsch. Innsbruck 1825. — 8* Dell' Origine dei satte e tredic» 
Comuni, Trento 1825. — 9. I Slavini di Marco und über ein rhitiscbes GefSas. 
Fiesoie 1833. — 10. Altertümliche Entdeckungen in SüdUrol. Inusbruck 1844. — 
11. Le Antichitä Rezio-Etrusche scoperte presso Matrai. Trento 1845. 

8 ) Vierthaler, Wanderungen. Schumann, Geschichte, r. Heffner, Denkschriften 
d. kais. Akad. d. Wissensch. I. 

Ä ) Gaisberger, Joviacum, Lauriacum, HaUstadt, Ovilaba. Denkschriften, Bd. II. 
Römische Inschriften, 13. Bericht. 1853. 

7 ) Lazius, Lambecius, Klein, Notitiati. 

•) Arneth, Meilensteine R. 

*) ftstri adcolae, Budae 1827. 

i0 ) Iter p. Pannoniam R. Lehne. 

1*) Caryophilus. De Thermis Herculaneis. Vindob. 1837. Seivert Inscrlptiones Daciae 
Med. Vindob. 1773. Bar. v. Hohenhausen, Alterthümer Daciens, Wien 1775. Griselini. 
Temesvärer Banat. Wieh 1780. Ackner, Jahrbücher der k. k. Central- Commission, 
I. Band. 


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ArchSolo gische AmlektM. 


331 


schaft zähle ich die Roschmann's besonders in Berücksichtigung der 
Zeit ihres Ursprungs vor mehr als 100 Jahren, und wenn dann die 
einzelnen Länder das Vorhandene so viel möglich genau veröffent- 
licht haben werden, so kann erst an eine Bearbeitung des Ganzen 
geschritten werden. — Freilich werden sich in der Bekanntmachung 
der einzelnen Werke Wiederholungen finden, die beim Ganzen weg- 
fallen. 

Roschmann hat den richtigen Weg betreten. Wäre sein Werk 
vor 100 Jahren in die damalige Literatur gekommen, es würde in 
Österreich, Deutschland und der übrigen gebildeten Welt gerechte 
Anerkennung gefunden und viel Nutzen gestiftet haben, da er damals 
in Deutschland, wo jetzt so viele und so glückliche Inschriftenleser 
sind, fast allein gewesen ist. 


Wien. 

Im Jänner 1862 wurde bei der Erdaushebung zum Bau der 
neuen Oper ein Grab aufgefunden, gebildet aus mehreren behauenen 
Steinen, worunter einer mit folgender römischer Inschrift: Diis mani- 


DAKroMf 
KLINGE 
N VS ‘ESSE 
RARIVS ■* 
ANTONIA 
NVBILI* 

C OMIVGI 

VEFILISPRO 

1pietate**gJ , 

K 


bus Antonius ingenuus tesserarius 
Antonias nubili conjugi et filiis pro 
pietate faciendum euravit. 

Die Form der Buchstaben und 
deren Verschränkungen erinnern 
an die vielfachen der Zeiten des 
Septimius Severus, gestorben 211, 
und seiner Nachfolger bis zum 
Schlüsse des dritten Jahrhunderts. 
Das Geföss, das im Grabe aufgefun- 
den wurde, hat die besseren For- 
men der römischen Geftsse, es 
gehört also in die Zeit der In- 
schrift, folglich liegt der Schluss 
nahe, dass auch die mitgefundenen 
Gebeine , römische aus dem dritten 
Jahrhunderte unserer Zeitrechnung 
seien. Wie sehr römisches Wesen 


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352 


e. Ar» e t h 


um die Zeit des Septimius Severns in unserer Gegend herrschte* 
^eigt eine Unzahl Inschriften auf MeileneteimenjnndanderenMeoumen- 
ten, wie auch d äs Factw», dass dieser ro Sabaria zum Imperator 
Msgernfetr wurde. 

Dia Gebeine des ohgeaamüaik 
Grabes öbersehickta ich dem Ana- 
tomen Herrn Professor Hyrtl mit dca 
angedeutoten historischen Yarmu- 
tkuogen« dessen Äusserungen wieder 
aur Bestätigung der Annahme dienen* 
dass von den Gebeinen einige hin- 
dern angehöBeni und da auf der 
£ Inschrift Söhne das Antonia, ver- 
^ kommen , so stimmen Inschrift und 
Inhalt des Grabes zusammen. 

Tiwr Erläuterung der Inschrift: 
Das D. M. durch den eigenen Namen 
getrennt, erscheint nicht häufig,. Tes- 
saraiuus ist der Überbringer der 
Parole des Feldherro* bei Orelll und) 
Hentzen 1 )* njebrmals erwähnt; ein solcher hat dies Denkmalseiner 
Gemahlinn Antonia Nubilis und seinen Söhnen aus Anhänglichkeit 
machen lassen* 

K r a i n. 

Bömersteiae in KraLn. 

Treffen in ünterkrain ist ein classischec Boden. Schon Valvasor 
weiss von Römerftmden aus dieser Gegend zu erzählen und wie 
zahlreich diese sind, kann man sich leicht aus dfem diesfiüligen Auf- 
sätze des steiermärkischen Epigraphikers Bichard K'nabl über die 

l) Corpus Iftacript. 346*, 7180, 7336. In diesen Stellen .erscheint dir tesserarine immer 
mit dem Beiseite des Namens und der Zahl jener- Legröir- oder Gohorte, in derer 
diente; da dies hier nicht der Fall, könnte für diese Inschrift auf die ursprüngliche 
Bedeutung des Wortes tesserarius zuruckgegangen werden, nach welcher der 
Genannte ein Verfertiger t<h» tesserae war. 



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Archäologische Ao siebten. 


33 » 

„Treffeaer Altarsteioe“ (Mittheilungen des historischen Vereines in 
Kraia 1,85t, p. 74) überzeugen. Vor einem Jahre acquirirte de» 
Laibacher Museum von einem Landmanne Joseph Sore vonS- Stefan 
hei. Treffen, H. N. 2. einen. Röioeostein, welchen derselbe zu seinem 
Feuerherde benützte und von. dem. bisher nur Uitzinger in der 
slovenjncbea Zeitschrift »Noviee* 1859» Nr, 3t, p. 161 eia» lwree- 
Notiz veröffentlichte. Pa diese Zeitschrift schon wegen ihrer 
Sprache wissenschaftlichen Kreisen minder zugänglich ist, so, copiee 
ich hier die- Aufschrift dieses anderweitig noch nicht veröffentlichten 
Steines : 

D1IS DEABVSQV 
OMNIB . GENI. 

..CI SACR. 

PRO SALVTE IMP. ALE. AN 
RI AVG. IVLIVS TEREN 
TTVS BF. COS. LEG. X. 

GEH. SEVERIAN. 

V. S. L. Mi IYL1ANO 
ET CRISPINO- COS. PR. NON. 

OCTOBRES. 

Die Lesung bietet keine Schwierigkeiten. „Diis deabusque Om- 
nibus, Genio loci sacrum. Pro salute Imperatoris Alexandri Augusti, 
Julius Terentins heasficierius consulis legionis X. geminae Severia- 
nae Votum solvit lubens merito; Juliano et,Cri&pino oonsulibus poidie 
qonas octohres“ (6. October »2.4 n. Chr.). (Deo- Correspondent der 
k. k. C. C. z- E- d. Baudenktn.. Po. E, Costa halt» die Gefälligkeit 
die Copie einzuschieken.) 


Zu Ödenbuzg: 


U n g * r bl 


r~ — • 

T SILVANOAVG&AC T 
; TIB ‘ IVLtQVIN.'fcl/l ! 

| ANYS ^DEOMVN 
2 F L'S CAR B T Q VAE S 
! PP AED1LISIRVIR. 5 
I D AVG VRAT.V5 ; 
AT'PRLSTI NA M i 
S PECtEiytRESTITV 1 

| M* 


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334 


v. A rneth 


Silvano Augusto sacrum | Tiberius Julius Quintili | anusDecurio 
Municipii | Flavii ScarbantiaeQuaestor « | Pecuniae publicae, Aedilis, 
duumvir Juri dicundo Auguratus | ad pristinam | speciem restituit. 

Tiberius Julius Quiutilianus, Decurio des Municipiums Flavia 
Scarabantia, Mitglied des Senates der Freistadt Flavia Scarabantia, 
Schatzmeister des öffentlichen Geldes, Aufseher der öffentlichen 
Gebäude, als einer der zwei obersten Richter eingeweiht, hat den 
Altar in seiner ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt. 

Am 7. August 1856 im Hause Nr. 73 in der inneren Stadt 
wurde folgender Inschriftstein gefunden: 

, 

I ISIDWGI 

I ET-BVBASt ; 
iGPPhiUNVS' .1 
POMPON t 
i SEVER.t> ! 

1 S > i 

• 7V 1 

Isidi Augustae | et Bubasti | Gaius Publius Philinus Pomponi 
| Severi | Libertus votum solvit. 

Auf dem Postamente ist die Kuh, auf deren Seite der Halbmond, 
welche der Isis Häthor geweiht war, vorgestellt Auf ägyptischen 
Monumenten ist die Kuh mit einem Discus (dem Monde), zwischen 
den Hörnern das Bild der Isis; die Isis kömmt auf lateinischen In- 
schriften mehrmals vor, seltener mit dem Beinamen Augusta — (der 
geheiligten) Bubastis die Tochter der Isis und des Osiris, als Mond- 
göttinn häufig verehrt. Der Widmer. dieser Ara Gaius oder Gnaeus 
Publius Philinus, ein Grieche oder ein Ägyptier, den ytXctvos und 
ytXtvos kömmt in Athen vor, und bei einem Verehrer ägyptischer 
Idole konnte man ungezwungen an Philae, die reizende Insel im 
Nile denken 8 ); die Insel Philae liegt an der Grenze zwischen Ägypten 


*) Varro L. L. 5. 14, f. 81. Quaestores a qnaerendo, qui conquirerent publica» pecuoiaa. 

*) So erscheint ein von der Stadt Bubastis hergeleiteter Beiname BVBASTIACA auf 
der Inschrift eines Marmorcippus, welcher lange, nachdem ich die Vermnthung 
beinglich der Herleituug des Namens Phil in ns von Philae niedergeschrieben hatte, 
iu Ostia entdeckt wurde. In derselben widmet eine Caltilia Diodora Bubastiaca 


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Archäologische Ansichten. 


335 


und Äthiopien. Die Stadt und das Gebiet liegt in Unter-Ägypten 
am rechten Ufer des östlichen Nilarms , von welchem in der Nähe 
von Bubastis ein alter Canal in das rothe Meer ging. Die Göttinn „des 
Hauses der Bast“, „der Herrinn der Stadt Bast“ war die katzenköpfige 
Bäst, von der so viele Monumente in den härtesten Steinen auf uns 
gekommen sind , z. B. zwei von Belzoni entdeckte, durch Jussuff 
unentgeltlich bis zum k. k. Münz- und Antikencabinete. an dessen 
Eingang sie aufgestellt sind, geführte treffliche Statuen, eine mit 
dem Namensringe Ramsö UI., des Memnon der Griechen und die 
andere des Sesonchi's, Shushak der Hebräer. 

Isis und Bubastis, nach griechischer Weise mit Herodot Zureden, 
Demeter und Hora oder Ceres und Proserpina, hatten in Bubastis 
herrliche Tempel. Es ist dieser Stein eine merkwürdige Bestätigung 
des Ereignisses, dass im sinkenden römischen Reiche jeder Cultus 
seinen Eingang, seiue Anhänger fand. Der Mithrasdienst der schon 
unter Pompejus aus Asien nach Rom wanderte, hinterliess im Um- 
fange der Monarchie von Tirol bis Siebenbürgen vielfache Monumente; 
der ägyptische Cultus hatte ihrer besonders viele in Salzburg, der 
Colonie Hadrian's, dem Ägypten aus so vielen Rücksichten und beson- 
ders seines Günstlings desAntinous wegen so theuer war. Hadrian 
brachte ägyptische Anschauungsweise und ägyptische Monumente 
am meisten nach Rom, nachdem ihrer schon früher dagewesen, wie 
unter anderen das Diplom des Domitian beweiset, dessen Original 
auf dem Capitol auf einer Säule beim afrikanischen Jupiter befesti- 
get war. 

In Salzburg werden viele ägyptisirende Vorstellungen gefunden. 
In Wien auf der Landstrasse in einem dem Herrn Erzbischöfe gehö- 
rigen Grunde ein Pastophors aus Syenit, schon seiner Schwere 
wegen merkwürdig, da er gewiss nicht in Österreich, sondern in 
Ägypten gearbeitet wurde, aber in älterer als hadrianischer Zeit; 
so viel ich mich erinnere, hat mir Nikolaus Jankowich von Jesc e- 
nicze und Wadas erzählt, dass das sehr schöne ägyptische Gefäss 
bei Ödenburg gefunden worden. Dieses sowohl, wie die aus zwei- 
fachem Steine verfertigte Isis-Priesterinn im k. k.Münz- und Antiken- 


der Ui« Bubastie mehrere Statuen, leb erwihne dieser Inschrift, veil durch sie 
meine Hypothese plötslich eine Stütze erhSIt, von der früher nichts bekannt war. 

Vergl. über die Inschrift in Ostia die Augsh. AI lg. Zeitung. Beilage zu 118, 
38. April 1663. 


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l) S. Tafeln. 


jvurde mit der ganzen Sammlung Jankowich von weiland dem Pala- 
tin von Ungern Erzherzog Joseph für das Museum in Pest gekauft, 
wo es nun laut freundlicher Mittheilung des dortigen Directors Herrn 
August v. Kubinyi aufbewahrt wird. Dasselbe wurde nach dem 




Archäologische Analekten. 


337 


Zeugnisse des Herrn ▼. Kubiayi mit sorgfältiger Beschreibung und 
gelungenem Stiche vom ehemaligen Besitzer Nikolaus von Jftnko- 
wich im „Amaggar tudös tärsasäg ev. Könyvei. I. Kötet. 1833“ ver- 
öffentlicht (Jahrbuch der ungrischen gelehrten Gesellschaft. I. Bd. 
1833) *). 

i) Meinungsäusserung Ober ein in Egyed gefundenes geziertes Gefiss, welches 
sum ägyptischen Gottesdienste der Isis gebraucht wurde. 

«Über aUe bisher in unserem Vaterlande aufgefundenen Alterthömer ist erhaben 
das zum ägyptischen Gottesdienste der Isis gebrauchte Gefass, oder die, nach 
Auffindung der zerfallenen Theile zusammengesetzte Opferkanne (Giesskanne), 
welche 1831 im October im Sapronyer Comitate in Egyed, auf dem Gute des 
Herrn Grafen Festetics-Wincze aufgefunden wurde. 

Der erste Fund, welcher blos den mittleren Theil der Kanne in Form einer 
hohlen Kugel zeigte, hat weder die Finder und die das Erz untersuchenden Gold- 
arbeiter, noch den hiesigen Plebanus auf seinen alterthümLichpn Werth aufmerk- 
sam gemacht, obgleich ihnen der Glanz der silbernen und goldenen Zeichnungen, 
so wie die Einlegung ausgezeichnet und bewunderungswürdig erschien, welche 
Wahrnehmung aber den Grafen so reizte, dass er die Aufklärung über die Zeich- 
nungen und das ganze Werk wünschte. 

Der innere Theil der Kanne ist eiförmig. Die Höhe 5 Zoll, die Breite 4Y S Zoll, 
und der Hals, Mund, Griff, Boden fehlen ganz, wodurch Vielen meine Behauptung, 
dass das Gefass eine Kanne war, unglaublich erschien, bis später die abgefallenen 
Theile, welche in der Zusammenfügung bemerkbar sind, gegen alle Erwartung 
aufgefunden und zusammengestellt wurden. Die Kanne besteht nicht aus gegosse- 
nem sondern aus geschlagenem Kupfer, welches zuerst mit glänzendem Silber 
und dann mit einer schwarzen Glasur überzogen ist, welche letztere wahrschein- 
lich erst dann angewendet wurde, als die Zeichnungen von Personen schon ein- 
gegraben waren. Die Zeichnungen bestehen aus goldenen und silbernen Fäden 
und Plättchen, welche nach künstlerischer Gravirung des Kupfers eingelegt sind. 
Dies ist besonders an den Figuren des zweiten Bildes in der mittleren Gegend 
an solchen Stellen bemerkbar, welchen die äussere Glasur um der näheren Unter- 
suchung willen abgeraspelt wurde. Es ist wirklich zu bedauern, dass ein so aus- 
gezeichnetes Denkmal das Unglück hatte, durch Unwissenheit und Goldbegierde 
in die Hände eines Papaer (Papa) Silberarbeiters zu gerathen , welcher es auf 
längere Zeiten in Scheide- und Königswasser hielt, um zu erfahren, ob es Silber 
oder Gold sei, und wodurch die Kanne so gelitten hat, dass nicht nur die Gold- 
und Silberfäden aufgelöst wurden, sondern selbst das Kupfer an mehreren Stellen 
verdorben wurde. 

In den auf das Silber gestrichenen Gegenstand sind die aus Gold- und Sil- 
berfäden gefertigten Abbildungen und Verzierungen gestellt, deren Vorzüglichkeit 
den Grafen bewogen, noch mehrere Nachgrabungen anzustellen, welchen zu ver- 
danken ist, dass die seit Jahrhunderten abgefallenen und von einander entfernten 
Stücke der Kanne, als: Hals, Mund, Boden und Griff, mit Ausnahme des letzteren 
(von welchem nur der untere Theil in Form eines zierlichen Frauenkopfes übrig 
ist), aufgefunden wurden, welcher zweite Fund die ganze Opferkanne vervoll- 
ständigt. 

Zwar nicht auf diesem Wege, d. h. durch Herrn Grafen Festetics, sondern 
durch das Comilat Weszprim, wurde zur Bereicherung des Nationalmuseums der 


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338 


v. A r n e t h 


Da diese Arbeit den deutschen Gelehrten wenig zugänglich 
sein dürfte, so folgte sie in der Note nach der von Herrn Professor 


dritte Fund eingesendet, welcher aus einem Becken und dazu gehörendem Griffe 
(manubrium) besteht, welches (der Ähnlichkeit nach) zu der Egyeder Kanne 
gehört. Dass das Becken als Pfanne diente, ist klar aus der leeren und am Ende 
befindlichen Öffnung des Stieles, mit welcher Pfanne der opfernde Priester ent- 
weder Speise oder Trank opfernd in's Feuer schüttete. Auch das Becken ist aus 
geschlagenem Kupfer und die runden Verzierungen auf dem Boden scheinen mehr 
Drechslerarbeit als mit freier Hand gezeichnet zu sein. Der obere Theil ist wie 
bei der Kanne mit Silber überzogen, und der innere mit Gold- und Silbergemäl- 
den, deren eines dem Kranze in der Kanne ganz gleich ist. Leider erfuhr auch 
das Becken das Loos der Kanne, was um so mehr zu bedauern ist, da es bei 
seiner Auffindung viel vollständiger war, als jene. Doch sind auch noch am 
Becken die Kennzeichen der ägyptischen Verfertigung zu sehen, nämlich : die 
allgemeine Überziehung des Kupfers mit Silber, die in dasselbe gelegten Gold- 
und Silberverzierungen und die darüber gezogene Glasur. 

NB. 

1. Von dem Becken schweigt die Abhandlung im Weiteren. 

2. Über die Kanne legt dann noch Herr Jankovits seine eigene Ansicht, 
so wie auch eine ganz genaue Beschreibung der Figuren and Abbildungen 

» nebst Erklärung vor. 

Der Mund der Kanne, wie ich dies schon bemerkte, ist mit Silber über- 
zogen und geziert, den Hals umschliessen zwei Reben mit Blättern and Trauben; 
jetzt ist nur die Gravirung sichtbar, wahrscheinlich waren die Blätter mit Silber, 
die Trauben mit Gold eingelegt. 

Der mittlere und hauptsächlichste Theil der Kanne, welcher zuerst und allein 
gefunden wurde, ist in drei Abtheilungen (Höfe) geschieden, welche durch mit 
Silber eingelegte Kränze geschieden sind. Die obere Abtheilung enthält in Kreis- 
form, mit Federn oder Baumblättern eingelegte, sechzehn Figuren. Die mittlere 
Abtheilung enthält die nach ägyptischen Zeichnungen verfertigten Abbildungen 
von Personen. Die untere Abtheiinng ist mit strahlenförmigen Blüthenstengeln der 
Lotuspflanze eingelegt. 

Dieser Theil der Kanne war auf den Untersatz gestellt, welcher aber abge- 
fallen und erst bei der zweiten Nachgrabung gefündön wurde und wahrscheinlich 
auch mit Silber- und Goldfäden geziert war, welche aber nicht mehr sichtbar 
sind. 

Das Zerbrechen der Kanne in mehrere Theile kann nur durch Feuer bewirkt 
worden sein, da dies an mehreren Gegenständen, z. B. Knochen-, Eisen* und 
Kupferstücken, einer Menge römischer Münzen und einem schön gezierten Stiele 
oder Griffe einer Kanne, welche durch die angestellten Nachgrabungen des Herrn 
Grafen Festetics aufgefunden wurden, zu sehen ist. 

Die Verzierungen der Kanne an Mund, Hals und Unteraatz verrathen allso- 
gleich den griechischen Geschmack und Meister, nicht aber den ägyptischen. So 
auch die Reben um den Hals, deren meisterhaft gezeichnete Blätter und Früchte 
uns an die schönsten attischen Zeichnungen erinnern. 

Die doppelten Kreise ober den Abbildungen von Personen sind nichts anderes, 
als in's Runde gezogene griechische sogenannte „Meander-“ Zeichnungen, und 
den Lorberkranz nebst seiner Umfassung kann nur derjenige für einen griechi- 


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Archäologische Ansichten. 


339 


Schimko freundlichst veranlassten Übersetzung. Dem neu nach 
Teheran ernannten preussischenConsulBrugsch, dem soberQhmten 

sehen gelten lassen, welcher ihn nicht auf einer der bei ons bekanntesten grie- 
chischen Mäuse MAKEAONQN ITP0TH2 sah und untersuchte. 

Trotzdem sind aber die Figuren, welche durch diese griechischen Zeichnun- 
gen in der mittleren und grössten Abtheilung der Kanne eingeschlossen sind, 
keine griechischen, sondern echt ägyptische. 

Unter den durchaus mit Gold eingelegten Personen kann man jener den 
Hauptplatz geben, welche zwischen den zwei Altären (wenn man die Kräten als 
auf Altären sitzende Götzen ansehen kann) steht, und auf welche von beiden Sei- 
ten zwei Personen, eine männliche und eine weibliche sehen. Diese Hauptperson 
ist Isis, was uns schon die bei ihr befindlichen Zeichnungen, nämlich Klingel 
(rittrvm) in der Rechten und die Puppe in der Linken, so wie auch die Lotus- 
pflanze und ihr Kopfputz angeben. 

Neben ihr rechts und links sitzen auf mit Silber eingelegten Altären, mit 
Gold verzierte sich aufblähende Kröten als Götzen im hieroglyphischen Sinne. 

Rechts und links befinden sich ganz gleich gezeichnete und gekleidete männ- 
liche Personen mit Palmzweigen in der Hand (Nr. 3 und 9), welche Ibisköpfe 
tragend, auf die Göttinn sehen uud mit den Palmzweigen zu grüssen scheinen, und 
wahrscheinlich die bekannten Bräder der Isis, Osiris und Horus? darstellen. Neben 
diesen stehen auf beiden Seiten (Nr. 4 und 8) junge Frauen, gleichfalls auf die 
Göttinn blickend. Auch sie sind gleichförmig gezeichnet und bekleidet, und zwar 
so, dass das Oberkleid gespalten und flugeiartig wegsteht. Der Kopfputz ist aus 
Lotusblättern und sie stellen wahrscheinlich die jüngeren Schwestern der Isis dar. 

Ihnen gegenfiber in demselben Kreise steht eine Frau, welche ihre Attri- 
bute wieder als Isis bezeichnen, auf dieselbe sehen zwei bis sn die Gürtel 
bekleidete Männer, deren einer einen weit kleineren Kopf hat, als die von Nr. 3 
und 9, in der Linken eine Fahne haltend, reicht er mit der Rechten der Isis eine 
Puppe. Der Andere besitzt ein angenehmes jugendliches Gesiebt, obgleich sein 
Kopfputz übereinstimmend ist; mit beiden Händen hält er eineo grossen Pfeil 
gegen eine Schlange, und es ist wahrscheinlich, dass dieser der Bruder der Isis 
ist, dargestellt in dem Augenblicke, als er den, in der Gestalt einer Schlange 
erschienenen Typhon ermordete und nach seinem Siege Harpokrates den Sohn 
der Göttinn der Mutter zurück gibt. 

Unter dem Halse der Kanne sind zwölf mit Silber eingelegte Figuren zu 
bemerken. Weil dieselben mit dem Kopfputze 1, 2, 4, 5, 6, 8 des ersten Bildes 
grössteotheils übereinstimmen, glaube ich, dass sie wirkliche Kopfputze sind, die 
beim Opferbringen der Isis durch die Priester und Priesterinnen gebraucht wur- 
den. Solche ägyptische Kopfputze sehen wir nicht nur auf dieser Kanne, sondern 
auch auf der berühmten Turiner Tafel ( Mensa Itiaca) % wo die Isis mit einem der- 
selben bekleidet ist. Pignori glaubt, dieser Putz sei von Blättern des ägyp- 
tischen Baumes „Musa*, welcher der Isis geweiht war und an jedem Tage des 
Neumondes frische Blätter trieb, welche dann zur Zierung des Göttlichen für 
würdig gefunden wurden. 

Aber auch die Vogelköpfchen und Flügelchen, welche sich auf der Stirne der 
Isis und ihrer Schwestern befinden, sind bemerkenswert!!, weil dieses Zeichen bei 
allen Gemälden und Büsten der Isis erscheint, wie dies Pignori, Kircher und 
später Montfaucon, Caylus u. A. bestätigen, indem sie zugleich angeben, 
dass sie in numidischen Farben prangen und entweder aus Federn von grossen 
Sitzb. d. phll.-hist. CI. XL. Hd. III. Hft. 23 


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340 


v. A r n e t h 


Ägyptologen, zeigte ich den Stich des Gcfässes, woran dieser 
Gelehrte das grösste Wohlgefallen hatte, er hält es für Arbeit aus 

Hahne* zusammengesetzt, oder auch die mit den Federn abgezogenen Hfinte der 
Hähne sind, welche die ägyptischen Königinnen derartig znm Kopfputze verwen- 
deten, wie die Frauen Europa'« den Paradiesvogel. 

Dass die Ranne aus geschlagenem, mit Silber und einer Glasur überzogenem 
Kupfer besteht, dass die Gemälde mit Gold und Silber nach eigentümlich mei- 
sterhafter Art eingelegt sind, bezeugen, dass sie zum ägyptischen Gottesdienste 
gebraucht wurde. Ferner erzählt uns auch Apulejus .Metainorphoseoa, XI. Bd., dass 
der Gebrauch der Kanne beim Dienste der Isis als unentbehrlich herrschte. Wir 
sehen also, dass die Egyeder Kanne ein zum Gottesdienste der Isis gebrauchtes 
gläuzendes Kirchengefass ist, und man kann behaupten, dass dort, wo die glän- 
zende Kanne und Opferpfanne, römische Münzen, Lampen u. s. w. gefunden wur- 
den, und wo Ruinen von alten Gebäuden noch zu finden sind, zu seiner Zeit ein 
Tempel der Isis stand. 

Da bisher in unserem Vaterlande keine ägyptischen Alterthümer gefunden 
wurden, ist es wahrscheinlich, dass die Kanne nur ein von fremdem Boden 
geraubtes Gut ist, denn dass Ungern und Siebenbürgen ein classischer Boden für 
Alterthümer sind, sieht man aus den vielen entdeckten Gegenständen. So wurden 
bei Vdrhely in Siebenbürgen 1823 und 1832 zwei schätzbare alte Mosaiktafeln 
und bei Pisza-Jenö mehrere grosse Kupfermünzen des Ptoloiuäus nebst einem mit 
aufrecht gerichteten Figuren geziertes, und mit den Farben des Chalcedons und 
Opals glänzendes Glas gefunden, welches auch B ertuch für echt ägyptisch aner- 
kennt. Meine Ansichten bestätigt insbesondere Berezin in seinem Reisebuche 
von 1821 und 1822 (Russland, Ungern und Siebenbürgen), welchem er 150 mei- 
sterhafte Abbildungen beifügte, welches Werk aber leider wegen dem plötzlichen 
Tode des Verfassers in Italieu nicht gedrückt wurde. 

Auch die Geschichte zeigt es als glaubwürdig, dass Isis und später Mithra in 
Ungern verehrt wurde. 

Die Gelehrten behaupten, dass der ägyptische Gottesdienst der Isis, d. h. die 
Priester und Prie.steriiiueii, zuerst durch Sulla aus der griechischen Stadt Corin- 
thoa nach Rom gebracht, unter den Bürgermeistern Piso und Gabiniua iin Jahre 58 
vor Christus aus der Stadt vertrieben, später wieder zurückgebracht wurden. 
Nach dem Kaiser Augustus, der Antonius besiegte und die ägyptischen Länder 
unterjochte, erlaubte er, nach «lein Cominentare des Servius zum Virgil , jeden 
Religionscultus in Rom, unter welchen Begünstigungen der ägyptische Gottes- 
dienst der Isis sich immer mehr verbreitete, so dass nicht nur Domitius, Antonius, 
Commodus und Caracalla diesem Cultus beiwohnten, sondern auch erhabene Tem- 
pel zu diesem Zwecke iu Rom errichteten. Da aber auch mehrere griechische und 
römische Schriftsteller behaupten , dass der ägyptische Gottesdienst der Isis in 
Griechenland und Rom allgemein verbreitet nnd durch die. Kaispr begünstigt 
wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass derselbe durch die Legionen auch nach 
Pannonien gebracht wurde, insbesondere unter M. Aurelius Autoninus, weil eben 
zn jener Zeit, als in Rom der Isisdienst allgemein war, unzählige Legionen gegen 
die Quaden und Marcomaunen mehrere Jahre hindurch in Oberpanuonien, wo 
Egyed liegt, stationirten. Wahrscheinlich erbauten sie hier der Isis einen Tempel, 
und verschafften sich auch die nöthigen Gegenstände (Kanne, Opferpfanne etc.), 
welche aber nach einer schnellen Vertreibung zerstört unter den Trümmern des 
Tempels begraben wurden. 


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Archäologische Analekten. 


341 


der Zeit der Ptolemäer, worüber ich nicht ganz seiner Meinung bin, 
es eher aus der Zeit Hadrian’s glaubend. Wie dem immer, ich bin 
der Meinung, das9 dieses in Deutschland so zu sagen unbekannte 


Anmerkung des Übersetzers: 

Der Schluss der Abhandlung zieht Parallelen zwiscbeq der Rupne and 
Mensa Isiaca., 

Über letztere siehe die Werke des Pignorius: 

I. Vetustissimae tabalae etc. VenetKs 1605. 4°* 

JI. Ckaracteres Aegyptii etc. Francof. 1608. 4®* et Amsterd. 1609. 

Die Egycder Raune ist mit dem berühmtesten ägyptischen Alterthume, der 
Tabula oder Mensa Jsiaca % an Alter gleich. Bougine berichtet uns in seinem 
„Handbuch der Literatur. Zürich 1789. 8°‘* „das merkwürdigste Monument der 
ägyptischen Hieroglyphen ist die Mensa Isiaca , die noch in dem königlichen 

Archive zu Turin aufbewahrt wird. Sie ist eine länglich viereckige kupferne 

Tafel, darin viele hieroglyphische Figuren mit Gold, Silber und einem verwachten 
Metalle eingelegt sind.* Volk mann bemerkte in seinen „Nachrichten von Italien* 
wie auch Winkel man n (Leipzig 1777, 8°*) „dass es mit einem schwärzlichen 
Schjnelzwerke überzogen sei*. Nun ist aber auch die Egyeder Ranne aus Rupfer- 
blech zusammengehänimert und überall mit Silber überzogeu, sowie auch mit 
einer schwärzlichen Glasur (Schmelzwerk ). Die Figuren sjud mit Gold und SHber 
eingelegt. Folglich können wir behaupten, dass eicht blps dje hierogtyphi- 
achen Figuren echt ägyptische sind, sondern auch die Anfertigung der Kauue aus 
derselben Zeit, möglicher Weise von demselben Meister herstammt. 

Die bekannte isistafel erschien zum ersten Male im XVI. Jahrhundert anno 
1&59 in Rom, nebst einem guten Rupferstiche in RleinfoUoformai von Aneas 
Vicus, welchen Giacomo Franco in Venedig im Jahre 1600 nochmals, aber mit 
schlechter Abdrückung herausgah. Cardinal Bernbo bekam dieTafel zum Geschenke 
von seinem Gönner Papst Paul III., welcher sie einem Schlosser abkaufte, dfir 
sie zu einem nützlicheren Gefäsi? schmieden wollte. Torquato, der Neffe Hembo'e, 
verkaufte sie an den Herzog von Mantua, hei welchem Pignorius dieselbe sah 
und mit seiner Abhandlung bekannt machte. Bei der Erstürmung Mantua's im 
Jahre 1630 durch den deutschen Ruiser wurde sie geraubt uud die Ausgabe des 
Leipziger Conversations - Lexikons vom Jahre 1820 führt sie als verloren an. Sie 
wurde aber, wie dies Brücker, Hist. Critica Phil. Tom I, pag. 249. 4®* bezeugt, 
durch den gelehrten Arzt des Herzogs von Savoyen wieder aufgefunden und ange- 
kauft , und durch ihn nach Turin gebracht, wo sie durch Caylua in seinem 
Werke „Recueil d'antiquitds rfgyptiennes VII. Bd.,* nebst einem authentischen 
Rupferstiche nochmals bekanut gemacht wurde. 

Nach der Abhandlung des Pignorius: „Laur. Piguorii Mensa Isiaca, qua 
aacrorum apud Aegyptios ratio, et simulacra subjectis tahulis aeneis exhibeutun, 
et explicantur* suchten mehrere Gelehrte, wie Hohenburg, Rircher, Mont- 
faucon, Reisler, Sanier, Caylus, die Tafel zu entziffern und hielten sie 
sämmtiieh für eine später iu Rom verfertigte Arbeit, bei welcher aber auf ägyp- 
tische Weise verfahren wurde nach den Angaben des Plinius. 

Gegen diese Ansicht erklärt sich Eschenburg Joh. Joch. 

Das grösste Verdienst erwaib sich um die Isis der Gelehrte Jablonszky: 
„Miscellan. Berolinensia* Tom VI, p. 339, Toin VII, p. 373. Sowie auch Gotthilf 
Eph. Leasing, dessen Werk aber uicht erschien. 

23 * 


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342 


v. A r n e th 


Gefäss mit der Auslegung des Herrn Brugsch, der diese bei seiner 
Durchreise Anfangs Februar 1860 machte, und die Bekanntmachung 
gestattete, veröffentlicht werde, und thue dies im Folgenden: 

1. Isis, 2. Papyrus mit Frosch als Zeichen einer unendlichen 
Zahl von Jahren oben darauf. 3. Der Gott Täuud mit dem Jahres- 
palmzweige. 4. Die Göttinn Triphis (Terp'a) mit demselben Zeichen 
der Jahrespalme. B. Horus, welcher den Typhon in Form einer 
Schlange ersticht. 6. Isis wie 1. 7. Horus bietet der Isis das Sym- 
bol des Herzens, eine gehenkelte Vase, dar. 8. wie 4. 9. wie 3. Zu 
dieser Erklärung setzt Herr Brugsch hinzu: „Das Ganze, wie ich 
so ziemlich sicher bestimmen kann, stellt eiue Verehrung der Isis 
als Symbol des Jahres (nach Horapollo *) durch die ägyptischen 
Gottheiten des Jahres dar.“ Es ist dies Gefass demnach ein Beleg 
der richtigen Leseart des Horapollo. 

’Eviavröv di ßovXöpievoi dr^X waoct, fatv, rovrian )uv« Ixa 
ypa<poOaiv 9 ra> de avrd) xai rf,v Ssov a>j/jiaevovfftv. "I <jtg di n ap' 
adzoig ienv dazrip, Aiy vTtnari xaXoöp.evog 2c o3tg, EXXrjvtan di 
'AarpoxOcov, dg xai doxsx ßaeiXeOetv rcöv XccttcSv dariptov 9 dri piv 
jüLEt^cov, 6ri di rjtjfjcjv avariXX cov xod 6ri p. iv Xap.7rpÖTepog 1 6ri di, 
ofy ovTotg. in di xai diön xara rijv tovtov toO darpov dvaroX'hv 
<rnp-novp.e$a n epi ttccvtcov raiv iv to> iviavTU) pLsXXövrojv reXefaSat 9 
dtdnep ovx dXdycog röv ivcavröv, tatv Xiyovetv. xai irepcog di ivtauröv 
ypdfovTeg, tpotvixa £ 07 patpovai) dta rö divdpov tqOtq p.6vov rwv 
aXXoov xara rfcv dvarokhv rrjg (jeXrjvrjg^ p.lav ßaiv ysvvav , dbg iv ratg 
ddbdsxa ßaeetv ivtavrdv dnapri&GSa c. 

Inschrift, in Ödenburg gefunden : 

, 4 Z? „„ 4 

SILVA NÖ 

AY G 

M’APPIANVS f 

VKSINVS^C i 

LEGOC ] 

L£C 
LV G 

*) Hompollinis. Hieroglyfica I, 3. 




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Archäologische Aoalekten. 


343 


Silvano | Augusto | Marcus Appianus | Vrsinus Centurio 
Cohortins ? | Quaestor Municipiif | Legatus? 

Dem Silvaous waren in Ödenburg mehrere Altäre errichtet, 
wahrscheinlich war die Gegend eine waldige. 


Ofen 1. 2. 3. 


ts 9 



15 V— 



15 V 




! OECMJNVICTOI 
|MITRAB< 

= IViCÄST I 


j FR a PR i 


Karaasebes (Banat). 

Soli lnvicto Numini Miihrae | Pro Salute | Publii Aelii 
Marci | Bermadio, Actor Turrani | Dilecti Votum Solvit Lübens 
Merito . 

Der unbesiegten Sonne, dem Gotte Hithra löst Hermadio, 
Geschäftsführer des Marcus Turranus Dilectus für die Genesung des 


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344 


v. A r n e t h 


Publius Aelius Märcus freudig sein Gelübde. Die Deutung dei 1 ver- 
einzelten Buchstaben ist durfeh viele Belege, insbesondere ater 

VH N\/VL 

PROSALVTE 

l^AFL'MARS 

s HER.MADIO c 

ACT'IVRRAN 

..DILV'S'bAAv 

» 12 " 1 

durch die von Welcher 1 ) aus der Villa Giustiniani mitgetheilte 
Inschrift sicher gestellt, denn dieselbe ist folgende: 

NVMINI INVICTO 
SOLI MITHRAE 
M. AVRELIVS. AVG. L 
EVPREPES VNACVM 
FILIIS SVIS D. D. 

SACERDOTE. CALPVRNIO 
IANVARIO DEDICATA 
VII *) KAL. MAIAS. IMP 
L. SEPTIMIO SEVER. PERTIN. II 
D «) CLODIO ALBINO CAESARE II) 

COS 

Der Name der Inschrift zu Karansebes, Hermadio, erscheint 
mehrmals, insbesondere im Königreiche Neapel, aber für obige 
Inschrift ist er im innigsten Zusammenhänge auf einem Mithras- 
monumente und der Galleria Giustiniana zu Rom mit der Aufschrift: 
L. FL. IIERMADION | HOC MIHI LIBENS | DON. DEDIT 
Da die am 28. April 194 dem Mithras gewidmete Inschrift eine 
ganz Ähnliche Anrufungsformei und das Monument des Mithras mit 


*) Georg Zoega's Abhandlungen, öttingeo 1817, S. 395. n. f ). 

*) Der VII Kal. Majas entspricht dem 25. April de« 2. Consulat des Sept. Severus dem 
J. 194, folglich ist obiger IuscbrifUtein am 25. April 194 o. Chr. Geb. gesetzt worden. 
•) Da Clodius Albious Mitconsul war, so lässt sich dessen Name leicht ergänzen. 


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Archäologische Auairkten. 


345 


dem Namen Hermadio sich beide in der Galieria Giustiniana befin- 
den, so ist wahrscheinlich, dass das Monument ebenfalls aus dem 
Ende des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung herröhre. 
Beide werfen ein nicht zu verkennendes Licht auf die Inschrift zu 
Karansebes und machen wahrscheinlich, dass auch dieselbe aus dem 
Ende des zweiten Jahrhunderts stamme. Diese Vermuthung erscheint 
um so gegründeter, da Septimius Severus zu Sabaria (Steinamanger) 
von den römischen Legionen im Jahre 193 n. Chr. zum Imperator 
ausgerufen wurde, aus diesem Factum sowohl wie aus den ange- 
führten Inschriften zu Karansebes und den Monumenten zu Rom 
würde der ausserordentliche Verkehr zwischen diesen Gegenden 
erhellen, wenn auch andere Beweise fehlten. 

ACTOR — Geschäftsführer. Obschon dies Wort selten vor- 
kömmt, so erscheint es doch ganz ausgeschrieben auf einem in 
Petronell ausgegrabenen von mir herausgegebenen Votivsteine 1 )» 
es kann wohl die vorgeschlagene Leseart keinem Zweifel unter- 
liegen. 

TYRRANDIL ist schon aus dem oben angeführten Steine 
bekannt, der wie aus dem ACTOR zu schliessen ein wohlhabender, 
Mann gewesen zu sein scheint, weil er, sei es in seiner An- oder 
Abwesenheit einen Geschäftsführer hatte. 

i 

Karansebes. 2. 

[INP<CAESDTvi 1 
HÄDMII/DIWÄ 
1 IMEP'DIVMRVA! 
•‘PRCMRTÄELIO v 
i HADMNTON1N i 
/VGPIOPONT i 

MAOTRIB^POf 

I YY11IA AC INI I 


*) Statuen. Büsten, Inschriften u s. w. Nr. 237. 


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346 


v. A r o e th 


Imperatori , Caesari , Divi { Hadriani Filio Divi Tra | laut 
Ncpoti, Divi Nervae ] Pronepoti Tito Aelio | Hadriano Antonino | 
Augusto Pio Pontifici | Maximo Tribunitiae Potestatis | vicesimum 
tertium Comul quartum. 

Karansebes 3. 

tV , 

| I -O M 1 

ANTI. SU 
VS’ GANS \ 
^PROSAVU 
1 SV AI*' SV | 

ORVM V 

S - 

. ir — » 

Iovi Optimo Maximo | Antestius Galus | Pro Salute | Sua et 
Su | orum Votum | Solvit Lübens- Merito. 

Jupiter, dem Besten und Grössten (d. i. dem Capitolinischen) 
löset sein Gelübde für sein und der Seinigen Heil L. Antestius Galus. 
Jupiter Optimus Maximus war gleich dem Capitolinischen, der ins- 
besondere in Rom auf dem Capitol, da wo jetzt Kirche und Kloster 
Ara Caeli ist, verehrt wurde *). 

Die plebeische Familie der Antestier, deren Vornamen Cajus 
und Lucius, hatte den Zunamen Gracchus auf den Münzen als 
triumvir monetalis . Lucius um die Mitte des siebenten Jahrhun- 
derts Roms oder hundert Jahre v. Chr. um die Zeiten des Sulla, liess 
auf einige Silbermünzen die Dioscuren, auf andere den Jupiter im 
Viergespann, der in der Linken das Scepter hält, aufprägen, als 
von ihm insbesonders verehrte Wesen. Es weiset daher nicht 
blos der Familienname, sondern auch der Cultus des Jupiters auf den 
Zusammenhang des Steines in Karansebes mit den Antestiern in Rom. 
Der Votivstein ist als Zeichen der Dankbarkeit für die Rettung des 

*) Die meinten Funde in Cilli. Sitzungsberichte d. k. A. d. Wissenschaften 1859. Not«. 

Bd. XXXII. S. 571 u. f. 


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» Archäologische Analekten. 347 

Antestius und der Seinigen noch heute in der Stützmauer des Fahr- 
weges zum Hercules-Bad, einem der wirksamsten , eingesetzt. 

Karansebes 4. 

. » f , 

T LIBERO PÄTRI J 

PR05ALVTE MARC j 

TYRRAN£IDIL*ET-Lr 

FLAELIACNJCES ff . 

j mtvrran 

PATROCLVS-EX 

ij*VOTO(5 

Libero Patri | Pro Salute Marci | TurraniDilectiEt \ Flaviae 
Acliae Nices | Marcus \ Turranus | Patroclus Ex \ Voto. 

Dem Vater Bacchus setzt diesem als Gelübde für die Genesung 
des Marcus Turranus Dilectus unter Flavia Aelia Nice Marcus Tur- 
ranus Patroclus. 

Inschrift in fünf Hexametern zu Karansebes. 

Die Übersetzung der auf der nächsten Seite folgenden Inschrift 
verdanke ich der Gefälligkeit des Herrn J. G. Seidl. 

Diese Stfitte gefiel es zu weih’n langwieriger Mühsal, 

Diese Rast, wo die müden Glieder vermöchte zu betten 
Ulpius einst, nach durchmessener Zeit vieljfihriger Dienstpflicht 
Selbst besorgt* er die Inschrift sich; Selbstwähler des Grabes, 

Hat er die Herberg* hier für Leib und Loos sich bereitet 

Der erste der meines Wissens diese Inschrift abschrieb, war 
Graf Joseph Ariosti 1723, welcher die römischen Inschriften, die an 
den Seitenwinden längs des Einganges und der Treppe zur kaiser- 
lichen Hofbibliothek eingemauert sind, nach Wien brachte, von den 
verloren gegangenen Abschriften lieferte. Es sind jedoch mehrere 
Fehler in seinen Abschriften; so ist die erste und die letzte Zeile 
ganz unrichtig gelesen. Dann machte sie mit Current-Buchstaben 
Caryophilus *) (Garofalo) bekannt, der sagt, sie sei unlängst im 
Temesvärer Banate gefunden worden, er las sie ganz richtig bis auf 
den letzten Buchstaben der vorletzten Zeile. Nach Ariosti's aber in 
der letzten verbesserten Zeile veröffentlicht sie Maffei s ). 

Laut einem der MSC Ariostfs im k. k. Münz- und Antiken- 
cabinete beiliegenden fliegenden Blatte hat der als Generalmajor im 


i) De Thermis Hcrculanis. Vindoh. 1637. p. 140. 141. 
*) Museum Verouense. fol. 1749. p. CCL1. 


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und Inschriften beschäftigte. 

*) Die Alterthumer Daciens. Wien 1775. 94—100. 

*) Geschichte des Temesvarer Banats. W’ien 1780. !. S. 281, 282. 


348 


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PVBLl'AELI * VLPIV.S VE T* EX DEG 
HA N C-S EDEM’LONGOP L ACVITSACR AREL AB0R1 






Archäologische Analektcn. 


349 


zu verdanken, dass sie beim alten Thurm auf dem Berge Mica gefun- 
den sein soll, den die Sage, natürlich ungegründet, den Ovid's Thurm 
nennt. Denn obschon Ovid's Aufenthalt in dieser Gegend unmöglich 
w ar, da sie die Römer erst ein Jahrhundert später eroberten und sein 
Verbannungsort Tomi (Kostendschd) 4 ) war, so hat man doch Karan- 
sebes von Cara mihi sedes abzuleiten versucht, da Ovid a ) doch deut- 
lieh sagt : Tarn mihi cara Tomis: patria qua sede fugatis. Orelli *) 
hat diese Inschrift aus Malfei, folglich fehlerhaft mitgetheilt. 

Bei dieser, wenn schon in der Hauptsache ähnlichen, doch in so 
manchem Puncte verschiedenen Leseart und bei dem entschiedenen 
Werthe der Inschrift, über deren Echtheit sogar Zweifel erhoben 
wurden, erhielt ich auf meine Bitte sowohl Zeichnungen als Abklat- 
schungen (Durchdrucke) dieses so werthvollen Monumentes. Sonst 
sind in Karanscbes noch an römischen Denkmalen vorhanden: zwei 
Grabsteine an der Stützmauer des Fahrweges zum Hercules-Bad ; 
eine mit füuf Brustbildern: Vater und Mutter und drei Kinder, an 
dem zweiten ein einzelnes Brustbild; beide aber schlecht erhalten. 


lehadia (Banat). 

- "V 


AESCVLAP 
FP HYGIAE 

PROSALV PE’IVNAE 
CmiLLAE-aVOD-A 
LONGAdN Fl R M I TA 
T&VIRTVTE'AQVA 
RVM'M VM 1 NIS »SV 1 . 

R EV O CAVER.V N T 
TB A-EIVS -V-S v 




I 




Die nachfo'genden In- 
schriften sind schon von 
Griselini „ Geschichte 
des Temesvarer Banates 
„publicirt, und zwar die 
erste I, 278, Nr. XVII; 
die zweite I, 278, Nr. 
XVI; die dritte I, 276, 
Nr. XVni. Doch glaubte 
ich die nach den Papier- 
abdrücken angefertigten 
Facsimiles mittheilen zu 
müssen, weil ihre Le- 
sung von Griselini häu- 
fig unrichtig ist wie aus 
einem Vergleiche her- 


*) Sitzungsberichte der k. A. d. W. 185t. Bd. IX. 880. 

*) Inscriptionum latinarum R. collectio II. p 343. ur. 4827. 
*) Trist. IV. XIV. 60. 


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350 


v. A r n e t b 


Vorgehen dürfte, und weil die Wichtigkeit der Inschriften die Herstel- 
lung der Richtigkeit des Textes erheischt. 

V 19 * , 

! HERCVIISANCl 
I TOS1MON IVSj 
*■ 1VL1A /V V S V C fe 
| PKAESES DA i 
ICJARVM i 

19' 

l DlSWVMINIBI 

I AQVARVM 
| VLPSECVNDIN V 
1 MARIV&VAL ENS 
s , POMPOATIVSHAEMVS. 
JVLCARVmWLENS * 

| LEGATI'RQMAM'AD { 
COJWLATWVbSEVE 
WAroGVAUSSHNCOLV 
AOREVERSFEXVOTO I 

L \% m 

Zu Titel (Militärgrenze) befindlich. 

Die sehr verstümmelte Statue eines Geistlichen mit dem Kelche 
in der rechten Hand und in der linken ein Buch in rothem Marmor, viel- 
leicht aus der ehemals dort bestandenen Propstei de Sancta Sapientia. 

Zwei unleserliche (dermassen ist die Schrift verwischt) Meilen- 
steine. 

Eine Löwinn ohne Kopf aus weissem Sandstein. 

Ein Basrelief. Die Wölfinn den Romulus und Remus säugend. 
Ein christlicher Sarkophag mit Inschrift. 


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Archäologische Ansichten. 


351 


Das hohe Militär-Commando zu Temesvar schickte im Jahre 1855 
die Abklatschung der Inschrift eines christlichen Sarkophags , der 
im Kruticz-Gasthaus aufbewahrt ist. Er ist zu schwer und zu schad- 
haft, um ihn ganz oder auch nur die Inschrift hieher bringen zu können. 
Sie ist folgende : 


M M 

Q'MÄC-DQMCT-PS/IMf 
.■D»XVS‘FMO«ISMT2 > 
i SS1M.O-W ICH ' * 

ARETMVSA 
i M AT 1 R J 

17 * » 

Memorice | Quintus Mmcilius Donati (Filius) pausamt | 
annos . sedecim filio pientissimo fecit | Arethusa | maJter . 

Dass dieses eine christliche Inschrift, geht aus mehreren Gründen 
hervor: 1. M. M. memorice , welches dem heidnischen D. M. diis 
manibus suhstituirt wurde, 2. aus dem Worte pausavit , welches nur 
in christlichen Inschriften vorkommt, wie bei Maffei 1 )« Orelli 1 ) 
u. s. w. 3. Das Wort Arethusa *) erinnert an die berühmte Quelle 
in Syrakus, kommt aber als Frauenname sowohl im christlichen als 
auch im heidnischen Alterthume äusserst selten vor; dass das 
Christenthum in diesen Gegenden schon frühzeitig Eingang fand, 
zeigt dieser vefhältnissmftssig schön ausgestattete Sarkophag, so 
wie dass man sich öffentlich dazu bekannte. 

Abklatschinschrift, mitgetheilt von dem k. k. Hofkriegsrath. 

Inschrift auf Gallienus gefunden zwischen Mehadia und Plugova 
1837, befindet sich zuKaransebes im Hause des Regiments-Com- 
mandanten unter der Einfahrt. 

Imperatori Caesari Publio Licinio | Gallieno Piö Felici 
Augusto | Pontifici Maximo Tribuniciae Potestati Consul Secun - 


*) Maffei, Gallioe antiquitates p. SS bene p au santi in pace. 
*) Orelli inseript. 4460. 

*) Grul. 814. 1. 


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352 


t. A r » e t h 


r i 

• 1MP-CAE‘P LICI f 
G ALIEN O P FAVG 
POIT'MAX T Bi PO 
, CONSII PROCORS 
k COH-III-DELMÄRM ä 
I \AERIANE GAL1E i 
NAPRAO P-C-R- PF 
DEVO TAN VM'Nl 
1 MAIESTATIQAf E1VS 1 

«V — 

dum Proconml | Cohors teriia Delmatarum | Valeriana Galie | na 
Praetoria Cioium Romanorum Pia Fidelis | Devota Numiui \ Maje - 
statique Ejus . 

Das zweite Considat des G allien us entspricht dem Jahre 255 
n. Cbr. Geb. *), in welchem Jahre Gal Jienus statt seines Vaters 
Valeriantis, der im Oriente beschäftigt war, seinem Sohne den Krieg 
in Europa gegen Franken, Alemannen und andere allenthalben in Be- 
wegung gekommene Völkerschaften übertrug. Den Stein widmete die 
dritte Cohorte der Dalmater, die von VaJerian den Ehrennamen 
Valeriana, ron Gallienus den GaJIiena erhielt. Sie gehörte zur Bewa- 
chung des Piätoriums und hatte das römische Bürgerrecht erlangt. 

Es ist in dieser Zeit die Zusaramenhäufuug der Beinamen einer 
Cohorte nicht sehr auffallend, da auf mehreren luschri fiste inen 
Legionen und Cohorten viele Beinamen führen; die dritte Cohorte 
der Dalmater ist bisher nicht vorgekommeu , indess mehrmals der 
1., UI., IV. und V. Cohorte auf Inschriften Erwähnung geschieht. 

Orelli 1554 fuhrt eine freilich von ihm in Betreff ihrer Echtheit 
für zweifelhaft gehaltene Inschrift an, welche L. luventius, der 
Veteran der VI. Prötorisehen VaUtianiscben Gallienischen Cohorte, 
dem hochgeehrtesten unbesiegbaren Hercules von Tyrus gewidmet 
hat. 


1) Eckhel. VII. 390. 


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Archäologische Amlekten. 


353 


Das C. R. ist so deutlich, dass es sich nicht leicht mit dem frühe- 
ren zusammenreihen lässt, dass inan etwa Veteranorum lesen könnte, 
wozu auch ungeachtet aller zu versuchenden Verschränkungen der 
Buchstaben Jie allerdings hier wie z. B. im Worte DELMATARVM 
Vorkommen, kein Raum wäre. Es hat jedoch das C. R. (Civium 
Romanorum ) zu lesen, auch seine Schwierigkeiten, da Caracalla 
dein ganzen römischen Reiche das Bürgerrecht verlieh. 

Inedirter Iuschriftstein (Votivstein) in den Ruinen eines ehe- 
maligen Prätoriurns zwischen Mehadia und Plugova 1837 ausge- 
grabeu 3 Fa s 3 Zoll hoch, 2 Fuss 2 Zoll breit. 

Ill^CAESDiV| 

HADRFILDIV 
RiVMP’DIVHnER j 
. PRONKFAE | 

"HADBANTO * 
A r G’PIO i PO 
MAXrTRIB 

I 

, — j$i 9 . 

IMP • CA ES • DIV | I 
HADR. FIL. OIV | TRA 
IA • NEP DIVI | NER | VAE 
PRONEP. T. AE | LIVS 
HADR. ANTO | N1N 
NG • PIO. PO | NT 
MAX. TRIB. j POT 
XXIII. 

Stein zum Weihwasser in der katholischen Kirche zu St. 
Michael des Liccaner Grenzregimentsbezirkes. 1 Fuss 3 Zoll hoch 
1 Fuss 7% Zoll breit. 

D- M. 

ANIVS* RVNNVS 
SIBI * ET • GRAIVL(?) 

VXORI S VAE * ET AEL 
• SCORPIONI. FILIO 

O AN XXI VIVVS. P 


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354 


t. A r n e t h 


In der Hütte des Waldaufsehers Niegovan zu Pochital. 1 Fuss 
4 Zoll hoch, 1 Fuss 3 Zoll breit. 

DM- * 

ERBNNIA 
RVFINA * P 
SVIVEANIXX 


1 Fuss 5 Zoll hoch, 1 Fuss l 1 /, Zoll breit. 

D- M* 

AR. QVINTO 
AN XXXVI 
PLOTTIA 
MARITO 


■Itrewits (Militärgrenze). Inschriftsteine. 
zz V 


I INHANC AR.GAMPQSITA EST 
| AVRELIA HACR1NA QYAE . 

* V1XIT ANNOS XXXVII 
"'AVRELIVS IVSTIN1ANVS 
FILIVS E1VS QVIVIXIT ANNVM 
VNVMETMENSES QVINQVE 


— uV 


AVG CO Hl 

C^M>VoLCR 

AWoNNaNA 

&R*AG«!NTE 

PA.LV-LER10 

TRjBEXVET 


w 


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- i«V 




Archäologische Analekten. 


355 


20" — 


ID n Ml 
! TERRATF j 

s NETCORP V5M0 i 
'MENLAPLyATQVE/ 
AMIMAMAERQV 
AMMERVSSER 


23« 


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I A//VIQV10 

FHERCVLIO 

AV CC NN 
• . 


•) 


I 

I 



I 

I 

I 


Auf dem Paradeplatze sind drei 6 Fuss lange, 3*/ 3 Fuss 
tiefe Sarkophage sammt Deckel. 

Das im Regimentsgarten und die im Eingänge zum Oberst- 
quartier aufgestellten Monumente mit dem Löwen , der sich auf eine 
Beute stürzt, beziehen sich gewiss auf den Mithradienst, worauf auch 
der menschliche mit einer persischen Mütze bedeckte Kopf hindeutet. 
|äin Sarkophag im Oberstenhofe zu Mitrowitz. 


ft ) Befindet sich in der Einfahrt des Regiments-Commandanten-Quartiers in Mitrowitz. 
*) Denkstein im Regimentsgarten in Mitrowitz. Säulenform. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. ßd. III. Hfl. 24 


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356 


r. Arn eth 


Drei einfach verzierte Grabsteine im Generalsquartier zu 
Mitrowitz. 

Zwei schöne Capitäle korinthischer Ordnung im Regiments- 
garten zu Mitrowitz. 

Der Altar, welchen Helv. Pertinax dem Jupiter und Mars setzte» 
kommt auf den Zeichnungen vom Jahre 1830, nicht aber auf denen 
vom Jahre 1885 vor. 


Slatina. 

Diis Manibus (Publio AELIO) ARIORTO IIIIVIRo ANnuli Municipii 
(DINIERnium HicCaeso) ALATRONIBVS (VlXit ANos LVII) DIGNA 
CONjugi (PIENTISSIMO) ET Publius (AELIVS) FILius ET Publius 
(AELIVS VALErius V) DARVS Natione Boius? ßessus? ex Voto? 

Posuerunt. 

Den Manen. 

Dem Publius Aelius (Ariortus) dem Viermann auf ein Jahr des 
Municipiums (Dinierna) der hier getödtet wurde (von Räubern). Er 
lebte 56 Jahre, Digna hat dem Gatten (dem frömmsten und Publius 
Aelius der Sohn und Publius) Aelius Valerius und Udarus ein Bejer? 
oder Besser haben aus Gelübde? oder gern? diesen Stein gesetzt. 

• 1. Der Viermann. Die Quatuorviri waren zur Verwaltung der 

Gerechtigkeit, manche auf'ein Jahr in dem Munieipium, welches ich 
hier von Dinierna annehme, welches eine Variante vonTsiena, Dierna 
und Carna ist. Tsierna erscheint auf einer Inschrift aus dem Jahre 
157 zur Zeit des Consulats des Barbatus und Rigulus bei Caryophilus 
— De Thermis Herculaneis p. 25 — Atepva (Dierna) auf Karten des 
Ptolemäus, Peuting. Tierva Cerna bei Ulpian *)• De Censibus Lib. I. 

§. 8 und 9. In Dacia quoque Cernensium Colonia. A. Katanosich 
Orbis antiquus I. 373. Der Vorzug einer Inschrift kann die Leseart 
Dinierna statt Dierna rechtfertigen, so dass künftig Atviepva statt 
Atepva zu setzen sein wird. 

4. H ist meines Erachtens nur zu lesen HIC hier. 

5. C. oder möglicherweise 0 beide ähnliche Worte entweder 
des Caeso oder Occiso, welches hier nur der Sinn der einen 
oder andern Sigel sein kann, denn sie ist durch das folgende 
ALATRONIBVS bestimmt. 


Corpus juris civilis: ed. Uolhdfredus I, p. 1000. 


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Arehfiologincbe Anilekten. 


357 


Die Latrones kommen meines Wissens nur auf zwei Inschriften 
vor, auf einer zu Salona in Dalmatien, die auch Henzen bekannt ist, 


D~ M 


PA ELK 


ARIORTO 

M'VIRANM 
i DINIER'HC 
« ALATRONIB 




I 

l 

I 


VIX'AN'LVII 


DIGNACON 

PIENTISSIMO 

AEI? VAl'FiLCW 

DAR ! MS * M P 




auf einer andern Henzen unbekannten trefflich hierher passenden 
bei Mehadia um das Jahr 1737 gefundenen folgenden Inschrift 
heisst es *) : 


Ä ) Carjrophilus. De Thermis Herculanis, Vindobonae 1737. 4°. p. 32. 

24 * 


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358 


v. A r n e t h 


DM* 

1VL L FIL SERGIA 
BASSO DECEMVIR' 

DROBETAE t) QVAES 
TOR INTERFECTOA 
LATRONIB. VIXAN 
XXXX. IVL. IVLIANVS 
ET BASSYS PATRI 
PIISSIMO 

ET IYL VALERIANVS 
FRATER MORTEM 
EIVS EXSECVTVS 
F • C • 

Da das Dierna und Drophegis des Ptolemäus (IX. Europa) ziem- 
lich nahe liegen und da beide Männer, denen zu Ehren diese Grab- 
mäler gesetzt wurden, von Räubern umgekommen sind, so geben 
diese beiden Inschriften einen merkwürdigen Beweis der Richtigkeit 
der Angaben des Suetonius«). Der sagt: Augustus grassatores 
dispositis peropportuna loca stationibus inhibuit. Ganz ähnlich 
äussert sich auch Strabo 8 ). 

TICAESAREAVGF 

AVGVSTO IMPERAT ORE 
PONTM AXTRPÖDÖÖCV 
LEGlIttSCYTIEGVMACED 

TICAESAREAVG T 
AVGVSTO mPERATORE 
PONTAWXTRPOTXXXV 
LEGMISCYTLEGVAIACED 


ft ) Drohet», wenn der Ort »uf der Inschrift richtig gelesen ist, gibt ihn als den richtigen 
Beleg der Leseart der Notitia impericef. Kalancsich I. 398. 379. 

«) 32. 

*) IV. p. 141. 


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Archäologische Analeklen. 


359 


Sehässbnrg (Siebenbürgen). 

Die nachfolgende Inschrift, dereu Herkunft verschieden ange- 
geben wird, befindet sich in Karansäbes, Griselini hat sie (Geschichte 

, ii' « 

I QMARCIOTVR1 
FROMTONIPVBLICIO ] 

I SEVEROPRAEFPRAET i ■ 
IMP'CAESAELIITRAIAN I i 
| HAD RIAN I AVGVST 1 PP i 
COLON'VJ I -TRAIAN-AVG | 
DACICASARMIZEGETV51 

V 

des Temesvärer Banates I. 282, Nr. XXII) mitgetheilt. Ich gebe 
dennoch das nach einem schönen Papierabdruck gezeichnete Facsi- 
mile, welches geeignet sein dürfte, die Lesung dieses interessanten 
Monumentes sicher zu stellen. 

Iuschrift beiPoletin oder am Wasserfall Kosiacz. 5 Fuss 11 Zoll 
breit, 3 Fuss 11 Zoll hoch. Buchstaben der drei ersten Zeilen 
5*/ 4 Zoll hoch, der vierten 5 1 /* Zoll. 

Eine gleichlautende Inschrift befindet sich in Entfernung von 
1 y a Stunden stromabwärts am Wasserfall Islacz und bezeichnet 
somit die Länge der Strecke, auf welche sich der berühmte Bau der 
Felsenstrasse unter Tiberius, von dem weiter unten die Rede sein 
wird, ausdehnte; sie ist 5 Fuss 3 Zoll breit; 2 Fuss 9 Zoll hoch. 

3 8 /* Zoll Höhe der Buchstaben. 

Über die Bauten, auf welche diese Inschriften Bezug nehmen, 
so wie die Örtlichkeit derselben schreibt Herr ßetriebsdirector 
der Donau-DampfschifTfahrtsgesellsehaft C a s s i a n : 

„Von Poletin abwärts kommen noch mehrere kleine Partien 
vor, wo die Überreste der aus den Felsen ausgehöhlten Strassen 
sichtbar sind, bis man zu dem circa l 1 /* Stunden weiter stromab- 
wärts liegenden Wassersturz Islacz kommt. Hier existirt ein sehr 
bedeutender, grossartiger und langer Felsenweg, der aus einem 


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360 


v. A r n e t h 


festen braunrothen Quarzporphyrfelsen ausgehauen, wirklich unsäg- 
liche Mühen gemacht haben muss. Zur besseren Verständigung liegt 
eine kleine Skizze bei, ich bemerke, dass der Boden von C nach B 



ungefähr 6 Fuss breit und die Höhe von C nach A beinahe 9 Fuss 
hoch ist. Die Aushöhlung dieser Felsen scheint indessen für die 
Zwecke der römischen Heere nicht hinreichend gewesen zu sein, 
denn sie machten diesen Weg noch breiter, indem sie Querbalken 
von B nach C legten, die dann noch weit über die Felsen, allenfalls 
bis D reichten. Zum besseren Halt dieser Querbalken sind förmliche 
Querrinnen in den Felsenweg gemeisselt, die noch wohl erhalten und 
sichtbar sind. Diese Querbalken scheinen die Römer mit Brettern 
belegt zu haben, um auf diese Weise ihre Strasse breiter zu machen. 
Um die Querbalken gehörig zu befestigen, endigten die Querrinnen 
mit einem viereckigen Loch (2?) in dem Felsen , in welches der 
Querbalken mit dem einen Ende hineingesteckt wurde und so einen 


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Archäologische Analekten. 


361 


hinreichenden Halt bekam. Nach den Dimensionen dieser Löcher 
waren die Querbalken (wenigstens an dem einen Ende) 8 — 9 Zoll 
im Durchmesser stark, während sich diese Querbalken alle 8 Fuss 

auf der Strasse wiederholten. 
Diese Abtheilung der römischen 
Strassen ist eine der hervorra- 
gendsten durch ihre Länge und 
Grossartigkeit *). Auch hier kurz 
nach Überwindung der Passage 
verewigten die Römer* ihre Arbeit 
durch eine Inschrift. Es ist die- 
selbe, welche ich seiner Zeit auf- 
zufinden, und da sie bisher noch 
gänzlich unbekannt # auch abzu- 
klatschen das Vergnügen hatte 
(vergl. die zweite der oben mit- 
getheilten Inschriften). Von die- 
sem Puncte aus gestattet nur die 
Formation der Gebirge wieder 
eine Passage längs des Flusses 
bis zum */ 4 Stunden weiter ab- 
wärts gelegenen Felsenvorsprung 
Greben, wo ebenfalls die Reste 
einer römischen Felsenstrasse 
sichtbar sind. Leider besteht 
dieser Felsen aus einem röthli- 
chen Kalkstein, der leicht verwittert und die alljährlich sich 
wiederholenden Bergabrutschungen haben schon den grössten Theil 
der Strasse verschüttet. Die Strassen und Felsenbauten vor Gradistie 
bis hier an den Felsenvorsprung Greden sind, wie die Inschriften 
bethätigen, unter Kaiser Tiberius 33 n. Qhr. Geb. angelegt“. 


*) Davon verschieden ist die Bauweise der unter Trsjan angelegten Felsenstrnssen der 
Donau, von welcher die vorstehende Figur einen Begriff geben dürfte. Die Strasse 
ist schmaler und die aur Verbreitung des Weges dienenden Balken laufen nicht über 
die Strasse, sondern sind in viereckige Löcher an der Aussenseite der ßöschnngs- 
niauer eingefugt gewesen. 



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362 


v. A r o e t h 


Alle bisherigen Copien dieser Inschrift, von Marsigli *)» Grise- 
lini *), Neigebauer 8 ) und Aschbach 4 ) geben die tribunicia potestas 
XXX an, wahrend auf den Papierabdrücken deutlich XXXV zu lesen 
ist, es fällt daher der Strassenbau nicht in’s Jahr 28, sondern 33 auf 
34 nach Christus. 

Von der legio V macedonica kannte man bisher nur die specielle 
Geschichte bis zum Jahre 28 n. Chr., in welchem sie sich unter dem 
Legaten Cethegus Labeo bei der Theilnahme an der frisischen 
Expedition des L. Apronius besonders auszeichnete. Erst mit dem 
Jahre 70 n. Chr. Geb. in dem Kriege zwischen Galba und Vitellius 
tritt sie wieder und zwar abermals in Nieder-Germanren auf den 
Schauplatz der Geschichte. Aus unserer Inschrift erhellt nun, dass 
sie bald nach der frisischen Expedition in die Üonauländer versetzt 
worden sei, woher sie dann um das Jahr 70 wieder nach Nieder- 
Germanien zurückkam ; wenn auch hier der Raum fehlt, weiter in 
die Geschichte derselben einzudringen, so ist dieses Ergebniss doch 
mindestens ein Wink, in welcher Richtung und wo die weiteren 
Schicksale dieser tapferen Heerschaar erforscht werden können. 

Eben so war man bisher der Ansicht, dass die leg. IV. Scythica 
bis auf Nero’s Zeit in Asien gelegen habe, während sie nach uuserer 
Inschrift schon unter Tiberius an der Donau diente. 


Nachtrag zu den Inschriften von Mehadia, Seite 349. 

Im Schinckelbach zu Mehadia befindet sich nachfolgender 
Inschriftstein, welchen Griselini (II 274 XV) abweichend publicirt 
hat und die ich desshalb nach einem Papierabdruck hier nachtrage: 
Dieser Stein bietet ein grosses Interesse durch seinen Fund- 
ort sowohl für die Geschichte dieser Cohorte als für jene der 
XI Legis Claudia . In der Nähe von Mehadia (im Umfange des alten 
Dacia bei Zsuppa unweit Kafansebes wurde 1851 ein Militärdiplom 5 ) 


Danubius Pannonico Mysicus (1726), II, tab. 53. 

2 ) Griselini, Temesv&er Baust. S. 287. t 

8 ) Neigebauer, Dacien S. 7. 

4 ) Über Trajan’s steinerne Donaubrüeke, MiUheilungen der k. k. CentraUCommission 
f. E. u. E. d. Baudenkmale. Bd III, S. 200. 

5 ) J. v. Arnetb, Areliäol. Analekten SiUb. der k. Akad. d. VV. XI, 308. 


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Archäologische Aualekten. 


363 


aufgefunden, ausgestellt im Jahre IS? 1 ) y. K. Antonius Pius, in 
welchem die Cohorte der Ubier genannt wird. Dieselbe lag also 


, 15 * , 

HER.CVLI IN 
VICTOLPOM» 
*EIVSCELER= 
PRAEF COH 
TVBIORVA\ 

15 " « 


um ISO n. Chr. in Dacia. In einer Inschrift aus der Gegend von 
Venafro*) erscheint ein praef \ coh. ubior. moes. i?if . 9 wohin sie 
vermutlich aus Dacia gezogen worden ist. In einer andern Inschrift *) 
aus derselben Gegend wird ein M . Vergilius prim . pilus leg . XI 
zugleich praef \ coh . Vbiorum peditum et equitum genannt. Da nun 
auch im Itinerarium Antonini Durostorum in den unteren Mösien, 
nicht weit von jenem Theile Daciens, in welchem Mehadia und 
Karansebes liegen, als Standort der XI legio Claudia genannt wird, 
so scheint die Beziehung zwischen dieser Legion und der Cohorte 
der Ubier in jener Inschrift keine rein zufällige zu sein, beide 
scheinen schon damals dort zu einer Armee gehört zu haben; da ferner 
die Cohorte schon unter Antonius Pius in Dacien lag, so lag wahr- 
scheinlich auch die XI. Legion dort. Diese kämpfte rühmlich in Germa- 
nien zurZeit des Kaisers Domitian 4 ); es ist daher sehr wahrscheinlich, 
dass sie schon von Trajan zu seinen dacischen Zügen in die unteren 


■) Henze (Orelli Hl), 6838\ 
*) Mommsen. J. K. N. 4097. 

3) A. a. O. 4636. 

4) Pauly R. K. N. 691 


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364 


r. A rneth, Archäologische Aoalekten. 


Donaugegenden gezogen worden sei, wogegen Borgh£si f ) glaubt, 
dass sie unter Commodus noch in Germanien gestanden habe. — 
Neu ist die Bezeichnung der Cohors Ubiorum als prima, wie es 
bisher inschriftlich nicht vorkommt; sie rechtfertigt vollkommen 
die Ergänzung, welche Haagen für das Zsuppaer Militärdiplom 
vorschlägt 2 ). (Coh. I. Ubiorum .) > 

*) Sülle itcriz. rom. del Reno del prüf. Steiner p. 30 f. 
s ) A. a. O. (Orelli III). 6838*. 


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Mussufia, Handschriftliche Studien. 


365 


0 SITZUNG VOM 15. OCTOBER 1862. 

Vorgelegt: 

Handschriftliche Studien. 

Von Adolf Bngsafla, 

a. o. Professor der romanischen Philologie an der Wiener Universität. 


I. Emeidatlsiei und Znsfttse sar altfraisislschei metrischen Cher- 

setsnng des Psalters ed. Vrancisqoe Michel, Oxferd 1860. 

Im Anhänge zur altfranzösischen Prosaübersetzung des Psal- 
ters, welche Francisque Michel im Jahre 1860 zu Oxford heraus- 
gab, liess er eine andere metrische Übersetzung abdrucken. Nur 
eine Handschrift — der kais. Bibliothek zu Paris suppl. fr$. 6416 — 
konnte er dabei benützen, und zwar eine, wie er selbst sagt, sehr 
mangelhafte (innumeris mendis scatet). Über eine andere in letz- 
terer Zeit zum Verkaufe angebotene Handschrift, welche ebenfalls 
das versificirte Psalter enthalten soll, konnte Michel keinen wei- 
teren Aufschluss erlangen, so dass man füglich im Zweifel sein 
kann, ob sie überhaupt in irgend einer Beziehung zu dem veröffent- 
lichten Texte stehe. Wohl aber findet sich letzterer in einer Hand- 
schrift der k. k. Wiener Hofbibliothek — 2666 (Hohendorf VIII) — 
über deren Existenz erst Paul Meyer in einem Aufsatze über 
Mich e Ts Buch (Bibi, de l’öcole des chartes, 6. Serie, Vol. 2, p. 644) 
öffentliche Kunde brachte. Darf man also auch dem emsigen Her- 
ausgeber keinen Vorwurf über mangelhafte Berücksichtigung des 
vorhandenen Materials machen, so muss man dennoch bedauern, 
dass ihm ein sehr nützliches Mittel, den Mängeln seiner Handschrift 
abzuhelfen, unbekannt geblieben sei. Die Benützung dieses Mittels 
soll nun die Aufgabe folgender Seiten sein. Ich will zuerst über die 
Beschaffenheit der zwei Handschriften etwas Näheres berichten. 


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366 


M u 8 s a f i a 


Über das Äussere der Pariser (P) kann ich auf Michel’s Be- 
schreibung verweisen, und erwähne nur, dass sie nicht von einer 
Hand herrührt, und von dem Herausgeber dem XIII. Jahrhunderte 
zugeschrieben wird. Die Sprache trägt das Gepräge der burgundi- 
scheu Mundart. Ai vertritt sehr häufig a. In betonter Sylbe: airme 
mai sai aire malaides lais tabernaiclea und besonders in der Ver- 
balflexion. So geht die 2. und 3. Sing, des Perfects auf -ais -ai ; 
habe* habet werden durch ais ait dargestellt, und folglich findet 
sich auch im Futurum saverais au r ait . In unbetonter Sylbe: aimour 
gaiberait claimour aibiterait effaicerait raicontent bairait u. s. w. 

— Ei für e: so im Suffixe - as - atis : bonteis vaniteis ; in der 
2. Pluralis: oieiz entendeiz; im Part, engendreit — 0 widerstrebt 
häufig den Verdunkelungen zu ou eu: por entor vos ; corre sore. 

— Die anlaulende Sylbe zeigt Vorliebe für a: tarquais garandon 
barbis allevei amondei abaudi , wo die Wiener Hschr. esleve csmonde 
eabaudi bietet u. s. w. Endlich bemerkt man au für a, was jedoch 
nur vor der Verbindung bl stattzufinden scheint. Die Orthographie 
ist sehr verwahrlost; an statt en findet sich sehr häufig: vans aan - 
Her entan mansonge defant (: torment) santance (: Science) ; zwi- 
schen c und a wird kaum ein Unterschied gemacht: cerf (= scrf) 
auci pancer faucet ei pacience ces (= ses) cest (= s’cst); dou - 
8or se (== ce) sous (= ceux) sire (= cire). Die 3. Person im 
Sing, erscheint bald mit t 9 bald ohne dasselbe; dafür findet sich 
das t ganz irrthümlich auch in der zweiten (VII, 8 ait = ««), und in 
der ersten (XVII, 28 serait = serai). Das 8 der 2. Plur. fehlt manch- 
mal im Futurum, findet sich dagegen in der dritten (XX, t2 serais — 
serd) und in der Gestalt von x in der ersten (XVI, 18 seraix — 
serai). 

Die Unterscheidung zwischen Subject und Object ist manchmal 
ziemlich streng beobachtet, manchmal aber gänzlich vernachlässigt, 
wie denn auch die früher angemerkten dialektischen Züge an einigen 
Stellen mehr, an anderen weniger deutlich hei vortreten; eine 
Erscheinung, welche durch den Umstand, dass sich mehr als ein 
Schreiber an dieser Handschrift betheiligte, hinlänglich erklärt wird. 

Vergleicht man den Inhalt mit dem Originale, so sieht man, 
dass sehr häufig grössere oder kleinere Abschnitte fehlen: eben so 
entbehrt maucher Vers des mit ihm reimenden. Die ersten Lücken 
konnten dem Übersetzer zugeschrieben s* erden; von den letzteren 


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Handschriftliche Studien. 


367 


dagegen lag die Vermuthung nahe» dass sie von dem Schreiber 
herrührten; daher wurden diese allein von dem Herausgeber ange- 
deutet. 

Die Wiener Handschrift (V) besteht aus 208 Pergamentblät- 
tern in kleinem Formate» zu 18 Zeilen auf jede Seite. Die grosse 
schöne Schrift dürfte dem Ende des XIII. oder dem Anfänge des 
XIV. Jahrhundertes angehören. Vor den einzelnen Psalmen, aber 
erst vom zehnten angefangen, findet sich der erste Absatz im 
Lateinischen ausgeschrieben. Der Anfangsbuchstabe jedes Absatzes 
ist roth oder blau gemalt; der Anfangsbuchstabe jedes Psalmes 
(im Lateinischen oder, wenn dieses fehlt, im Französischen) ist sehr 
gross, roth mit blauen Verzierungen. Hie und da findet man Gold- 
Initialen, roth und blau verziert. Die meisten Lagen sind mit 
Custoden versehen. Vergleicht man diese äusserliehen Merkmale mit 
denen von P, so bemerkt man unter denselben eine ziemlich grosse 
Obereinstimmung. Noch ist zu bemerken, dass an eine Stelle eine 
Versetzung vorkommt, die auf eine in Verwirrung gerathene Vor- 
lage hindeutet, und dass hie und da eine weit spätere Hand schwie- 
rigere Wörter unterstrich und am Rande Erklärungen oder Emenda- 
tionen hinzufugte. 

Was die Sprache betrifft, so geben die beständige Vertretung 
von $ 88 durch ch und von ch durch k, der Artikel le für dasFemini- 
num, die Verbalendung - issiez für - assiez , die Perfecte mit aus 
i consonantirtem c (in der Hs. eigentlich ch: teuch seuch vaucti) 
u. s. w. die picardische Mundart zu erkennen. Die Orthographie ist 
sehr sorgfältig und die Declinationsregel mit geringen Ausnahmen 
genau beobachtet. Im Inhalte stimmt V bis auf die bemerkten dia- 
lektischen Verschiedenheiten mit P vollkommen überein; nur selten 
findet man Varianten, und selbst die sind blos auf einzelne Aus- 
drücke beschränkt. Die Lücken von P werden jedoch alle von V 
ausgefüllt, während andererseits mehre Verse in V fehlen, welche 
in P zu lesen sind; ein Umstand, der uns ganz deutlich zeigt, dass 
keine dieser Handschriften in einem Abhängigkeits-Verhältnisse von 
der anderen steht, dass vielmehr beide unmittelbar oder mittelbar 
einer gemeinschaftlichen Vorlage entnommen sein müssen. — Die Mund- 
art des letzteren mit Gewissheit zu bestimmen, ist nicht leicht; das 
grosse Schwanken bei P kann als ein nicht consequent durchgeführter 
Versuch betrachtet werden, entweder die Vorlage in ’s Burgundische 


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368 


M u s s * f i a 


zu übertragen oder die burgundische Färbung der letzteren abzu- 
wischen. Auch konnte ich aus einer ziemlich aufmerksamen Prü- 
fung der Reimverhältnisse keine andere als negative Argumente für 
diese Bestimmung finden 1 ). 

Die Regelmässigkeit der Declinationsregel bei V scheint ursprüng- 
lich zu sein; wenigstens werden sehr viele Reime, welche in P blos 
das Ohr begnügen (denn das Ende -* war zur Zeit der Abfassung 
unserer Übersetzung gewiss schon seit lange nicht mehr hörbar) 
durch Anwendung der Regel, wie sie bei V erscheint, auch für das 
Auge richtiger. Von den sehr zahlreichen Beispielen will ich nur 
ein Paar geben. XII, 8 reimt in P lifo (Subj. Plur.) mit trebuchUs 
(Obj. Sing.), XXVI, 8 ainemis( Subj. Plur.) mit enhaU (Obj. Sing.). 
Da nun das s im Obj. Sing, als durchaus unzulässig gestrichen wer- 
den muss, so würde dadurch der Reim an Reinheit verlieren; V hat 
aber nach der Regel lid ( laeti ) , anemi ( inimici ). Desgleichen 
XVIII, 1 de ce% maim gram: li fiermament , V firmamens ; XXX, 23 
grant (Subj. Sing.): amam (Obj. Plur.), V gram . Eine entschie- 
dene Verletzung der Regel findet sich jedoch XLI, 18: Car il me 
dient chascun jour Ou est Dieux le tien sauvesur statt sauverre 
oder sauverres, wie er Nominativ lauten sollte. 

Ich schreite nun zu meiuer eigentlichen Aufgabe, jene Stellen 
des gedruckten Textes namhaft zu machen, welche sich durch Hilfe 
von V verbessern lassen. Die wenigen und, wie oben erwähnt, ganz 
unbedeutenden Varianten bleiben unberücksichtigt. Zu Conjecturen 
bot sich mir selten Gelegenheit dar; und die vorgebrachten will ich 
mit allem Rückhalte ausgesprochen haben. Zur Beurtheilung meiner 
Bemerkungen ist zu erwähnen, dass der Herr Herausgeber seine 
Handschrift unverändert abdrucken liess; er unterschied jedoch zwi- 
schen u und v , i und j, trennte Proclitica und Enclitiea, führte die 
Interpunction an, und betonte das e , wo es galt daa Metrum anschau- 


*) Wenn z. B. VI, 3 He Deus combienje sofferrais mit las (= lassus) reimt, so könnte 
mau glauben, dass da die erste Person nur ai zulässt, der Reim nur dadurch zu 
erlangen sei, dass man das zweite Wort auf burgundische Weise, also lais, liest. 
Indessen ist das der ersten Person nicht zukommende s geeignet, einige Beden> 
ken zu erregen, und in der That finden wir in V statt Je das Pronomen le , and 
das Verburn in der zweiten Person: sofferras ; eine Lesart, welche mit dem Ori*^ 
ginale — tu Deus usquequo? (»wirst du es leiden“, nicht »werde ich u ) — weit 
besser stimmt. 


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Handschriftliche Studien. 


369 


lieh zu machen *). Emendationen wurden nicht aufgenommen; nur 
hie und da, aber bei Weitem nicht in allen Fällen, ein Buchstabe 
oder ein Wort zur Herstellung des Metrums ergänzt. Zu unterschei- 
den zwischen den Mängeln, welche von der Handschrift oder von 
dem Herausgeber, oder vielleicht selbst von dem Setzer herröhren, 
war weder leicht noch wichtig; grösseren praktischen Vortheil bot 
die Beibehaltung der Reihenfolge der einzelnen Psalmen. 

Die Zahl der ergänzten Verse beträgt nicht weniger als 130. 


1, 4. Par foille ne decorrai miez (: viez). Zu lesen loi\ V Kt 
fuelle . . . .mie (: vie Obj. Sing.). 

6. Larse ne resorderait mie . Lies Por se (= ce ). V ponr 
ce; ideo. 

II, 4. Des loiem . . . . derompons. V Les. 

III, 1. Cilz qui moi ont eitr’ablit. Lat. qui tribulant 4 V 
contralid. Die zunächst sich darbietende Lesung wäre entroblid 
in einem Worte statt entroubld; nur glaube ich nicht, dass diese 
Form als viersylbig gelten kann. Vielleicht ist zu lesen entribould. 

2. Plusors vont ä marme disant 
fto’I nalt en son Den sauvement. 

Qui für quil ®) anzunehmen geht hier nicht an, da arme nicht 
als Masculinum vorkommt. Es wird daher que zu lesen sein. Nait 
trenne man in nait 8 ). Dieser Abschnitt fehlt in V. 

V, 3. A matin devant toi serai, 

Et apertemant le verrat; 

Car tu es Diex qui ne lait mie 
Ta volentei en felonnie. 

Auch V hat le; es ist aber wahrscheinlich te zu lesen. Im 
dritten Verse hat V naist und eine Randbemerkung schlägt mest , 
richtiger mets , vor. 

10. P#r (I. lor ) gariaric. V li gorions für lat. guttur. In der 
wörtlich übereinstimmenden Stelle XIII, 8 hat der Druck li gouttrons , 


4 ) Bei den Versen, die ich aus V anfirhrte, glaubte ich der Gleichheit wegen die- 
selbe Methode befolgen zu müssen. 

*) Dieses kleine Versehen kommt auch sonst häufig vor; z. B. XVII, ZS por ceu qu’i 
ine vout statt qu'il ; ('V, 12 qui n'en remest statt qu'il n’en rem. 

*) Eben so V', 9. 


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370 


M ii s s a f i a 


V li goitrons. — Dem vierten Ver9: Juge-les , Diex , en foulour 
(:tricheor) fehlt eine Sylbe. Man lese mit V en lar folour 
(: trecheour). 

13. Bitir 8e glorißeront. — En toi. 

VI, 2. Canfer suix. Zu trennen in Canf. V K’enfcrs sui. 

3. Statt save (in der Hs. wohl saue) hat V sane ; sana me. 

7. De forsen en ai torble mes ieus. Das en , welches das 

Metrum stört, ist zu tilgen. 

VII, 1. Sire Diex , la moie esperance , 

AJaste en mal dbs enfence . 

Dies ist wenig verständlich. Weit besser V a estt en v#s dbs 
VBLcnfance . Das Komma am Ende des ersten Verses wäre demnach 
zu tilgen. 

18. Sai dolor en sott chief covralt. V hat, aher mit einer 
Sylbe zu viel, tournera; convertetur . In P ist vielleicht courait für 
courrait = courra zu le$en. — Im zweiten Verse Sa felonnie 11 
descendrait wird mit V richtiger i desc . zu lesen sein. 

VIII, 7. Toutes ait (= ais asj mises destis cez (= sesj piez. 
Der Vers zählt neun Sylben. Man schreibe mit V sous. 

IX, 8. Salllr feis les anemis. V Faillir . 

10. Por cen (I. ceu) aicnt en lui esperance 

Qui le cognossent en fiance. Besser V et fiance . 

Auch wird man vielleicht der Lesart gens qui quierent die von 

V eens q . q. vorziehen. 

Zwischen 11 und 12 fehlt: 

Car il requierent et a aus vient 
Pour le sanc dont il Ii sourient, 

N’oublie pas les povres gens 
Les vois et les apelemens. 

Biaus sire, aies de moi pite 
Et si voies m’umilite. 

Qui m’as essauchie de la mort 
Pour ee que ta loenge port 
Et die ton los et ton non 
Es portes des filles Syon. 

Sire, mes cuers s’esjoira 
En ton sauveour qui venra. 

Et les gens si sont enfichie 
En las qu'il ont apareillie. 


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Handschriftliche Studien. 


371 


En las qu’il repunrent et firent 
Tout premiers de lor pies chaireni 
Diex ert conneus de la gent 
Que il a fait droit jugement 
K’es oevres de ses mains eat pris etc. 

Es ist demnach im letzten Verse das unverständliche quoin - 
que* eure s ,des Druckes zu blossem q\Ces zu bessern und das 

unpassende Komma nach pris zu tilgen. 

14. Que Dieux n’ei iert ja oblious 

De povre home etc. Besser zusammen nen . 

17. Diex , porcoi es - U aleis si loing? 

Die überzählige Sylbe verschwindet, wenn man mit V das Pro- 
nomen tu streicht. 

30. Nach dem ersten Verse folgen in V: 

Et si soit ta mains essauchie 
Et ne metes pas en oubli 
Les vois des povres et le eri. 

Pour quant li fei et deputaire 
Dien escarnist et dist contraire 
Car en son euer ades disoit 
Que jamais Dieu ne requerroit. 

Tu vois le povre en son labour 
Et toute esgardes sa dolour 
Pour ce te voi d'aus entremettre 
K’entre tes mains les voes tous mettre. 

Li povres est k toi laissies, 

Li orfes est de toi aidies. 

Brise les bras des pecheours, 

Des malignes, des trecheours; 

Li pechies de lui quis sera 
Ne jamais ne le trouvera. 

Diex regne ades et regnera, 

La gent de sa terre morra. 

Diex , a oi le desirrier 
Des povres etc. 

32. En monz ä Fombre desraniez 
Et au povre son droit jugiez. 


*) l ch vermutbe, dass die Buchstaben quoin nichts anders als das Anfangswort des 
12. lateinischen Absatzes quoni[am] sind, welches in P Immer beigefügt ist (sin- 
gulos versiculos, quorum Utine primura quodque verbum tantummodo refertur, 
Vorrede 8. XX). 

Sitab. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 111. Hfl. 25 


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372 


M u s s a f i a 


Der erste Vers gibt gar keinen Sinn. V hat: Tu mos (aus lat. 
moves? oder etwa mes ?) a Tumbre (was eine Randbemerkung rich- 
tig mit umble bessert) desraisnier (:jugier) ; judicare pupillo et 
humili. Es möge noch hier die Conjectur envoie oder envoies für das 
en monz von P Platz finden. 

X, 1. En Diex (V Dieu) me fi et vos comant ; 

Dites a marme en reponant. V reprouvant. 

Das Semicolon nach dem ersten Verse ist zu streichen, daför 
nach dem zweiten Verse ein Fragezeichen zu setzen. Der Herausg. 
scheint nämlich comant als Präsens von commander aufgefasst zu 
haben; es bedeutet aber hier quomodo. 

7. Sor pecheor ploverait. Es sind nur sieben Sylben. V les 
pecheors. 

XI, 8. serai vertu* piteus . Zu trennen in ver (statt vers, wie 
sonst häufig in dieser Hs.) und ouz oder vielmehr auz aus . 
V vers aus. 

7. Ha parolle , Diex, est veraie 

Com est li argent (V argem ) etc. 

Lies mit V La parole Dieu est etc. ; eloquia domini eloquia 
casta . 

XII, 4. mes anemis ne me dient ( :signorie ) — die . 

XIII, 6. In emeure ist gewiss eher ein Versehen als eine 
Nebenform von amere zu erblicken. 

XIV, 8. Et 11 se vuelt glorifier , 

Qui Deus ( Deu ) dotent. V iceus. 

XVII, 29. Avec li nacens ignocens. V Vinnocent. 

31. umain als Übersetzung des lat. humilis Hesse sich viel- 
leicht rechtfertigen ; V hat indessen umel. 

32. tu m'etais enluminei — moi ais (= as'). 

33. tamplement — tamptement. 

40. m 9 a maudai — nCamandai (= amenda)\ correxit me. 

84. as gern le loerai — te. 

XVI11, 3. Ne sont parolles, ne sunt sermons. Das zweite sont 
ist des Versmasses wegen zu streichen. 

4. En toute terre en est issue , 

La lor parole est entandue. Besser mit V et. Das Komma 
fiele dann weg. 


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Handschriftliche Studien. 373 

Zwischen dem zweiten und dritten Verse von 6 ist einzu- 
schalten : 

Li sires araont montera 
De lui nus ne se reponra. 

Droite justice de lui ist, 

Dont li cors d*omme s'esjoist. 

Et clers est ses eomjnandemens 
Les iez fait faire der veans. 

Et mult est sainte etc. 

XIX, 4. sovaigne: devigne. V souviegne: deviegne . 

7. Trestoute ta perfeetlei. V petition ; petitiones. 

Dem dritten Verse Or cognox-je veritei geht eine Sylbe ab; 
man ergänze mit V en veritd. 

XX, 1. lids et ... . rechaicits. V rehaitids. 

2. Kt 8on voloir tie Vais gabei . V De 8. v. 

3. Bi bendisson. V 0 beneisson. 

4. Demande . ... et tu li doxiais (= donas'). Besser V de - 
manda. 

XXI, 6. k gas. Besser vielleicht V et gas. Dann fiele das 
Komma weg. 

8. Vegne delivrer qui Vaime. Um dem Versmasse aufzu- 
helfen ergänzte der Herausg. eil qui. V hat Viegne le deliv. 

12. Veel mont envirennes ehtö. V environ cherchid. 

13. Sor moi Ferguel ovrirent tuit. V lorgoule; aperuerunt 
super me os suum. 

14. Et mes os sont appairillits (sont ist vom Herausg. ergänzt 
worden). V ai esparpillids ; dispersa sunt. 

16. C an poudre de mort. Wird wohl an (= en) zu lesen sein. 

23. des vif malfez. Der Reim mit umilitd zeigt, dass das x 
unzulässig ist und folglich der Singular eintreten muss. V du vif 
maufd. 

29. Lor euer 8 tous en viveront. Eine Sylbe fehlt. V tous Jers. 

XXII, 1., La ou il ait bone pasture , 

Lä alele pour norriture. V m’a alod ; educavit me. 
Cfr. CXII, 7 doinst aloement. 

XXIV, 13. erient. Druckfehler für crient . 

20. de lor haine eigremit. V agrignid. 

XXVI, 16. Mes pere et ma mere mont gueipi\ 

Mai Dieus [me] avait amont pris . 

25 * 


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374 


M u • i a f i a 


Der erste Vers ist, selbst wenn man pere als einsylbig auf- 
fasst, noch immer um eine Sylbe zu lang. Auch passt das Imper- 
fectum avait nicht gut. V bietet : 

Mes peres et ma mere m’ont 
Guerpi, mais Dies m’a pris a mont. 

18. livrei. Besser mit V leti. 

XXVII, 1. Ne taire pas , Dien, de mot. V ne te faire mit 
richtigem Versmasse. 

6. Ces evres . Besser mit V tes . — Ne lor evres ; V en l. ev. 

XXVIII, 6. Es fehlen die zwei Verse : 

A ses amis amis sera 
Com li fis que l’unieorne a. 

7. Les cners. V cers; cervos. 

XXIX, Zwischen 1 und 2 fehlt: 

Sire Diex, je t'ai apele 
Et deproie tu m*as saue. 

6. Et je di, cant richesces estoie. V riches. 

10. En mon sanc queil profit serait 
Se mes carrnptian nait. 

Der Verderbtheit des zweiten Verses hilft V nur zum Theile ab. 
Se mes cers corruption na. Das n von na muss als ein Nachklang 
des Schuss-w von corruption angesehen werden, und es ist folg- 
lich nur a zu lesen. Se mes cors corruption a; quae utilitas in 
sanguine meo, dum descendo in corruptionem? 

XXX, 4. de ta mart me norrirais. Wohl de t'amor. V de 
tamour . 

14. desoz. Lies desor ; V deseur ; super inimicos meos . 

XXXI, 3. anullirent. V avillirent . 

Im dritten Verse fehlt eine Sylbe. Man schreibe encore statt 
encor . — Eben so ist der vierte Vers um eine Sylbe zu kurz; bei V 
lautet er aber se cascun jour ne trespassasse . 

7. Um die fehlende Sylbe im ersten Verse zu ersetzen, lese 
man statt ceu mit V iceu . 

11. Ne soids si com li jumens 

Qui nait nutz d* es entendement . 

Syntax und Reim sind im Vortheile, wenn man mit V qui ria 
nul des entendemens lies* 


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Handschriftliche Stadien. 


375 


XXXII, 7. La terre doit cuuter nostre signour . Vielleicht nur 
Druckfehler för douter ; timeat Dominum omnis terra. — Der 
ungenaue Reim conversi : esmiu lautet bei V richtig conversi: 
tresmui. 

10. Et #fr ced pensemens. Es sind neun Sylben. Es. 

ist aber zu lesen d'oir en oir; ein im Psalter ungemein häufig vor- 
kommender Ausdruck; cogitationes cor dis ejus in generationem et 
generationem. 

16. Chevaus est ä seite boisans. Ist senti (= sante) zu be- 
tonen ; fallax equus ad salutem. 

XXXIII, 16. Li vult Deu sor les maulvais sont, 

Qui de terre clamaverunt. V tuit periront ; ut 
perdat de terra memoriam eorum. 

18. Es tribles de euer pris sera. — prbs ; juxta . 

XXXIV, 6. Soient com poudre de vent. 

So P. Um das richtige Versmass herzustellen, schreibt der Her- 
ausg. come. Es ist aber mit V zu lesen com poudre devait vent; tan - 
quam pulvis ante fadem vetiti. — Im vierten Vers statt constraigne , 
welches nur eine irrige Wiederholung des letzten Wortes der vor- 
angehenden Zeile zu sein scheint, bietet V repregne. 

9. Dem dritten Verse fehlt eine Sylbe. Man setze mit V im 
Anfänge die Conjunction et. — Statt lou fait im vierten Verse liest 
V Va trait . 

19. gabemens von V scheint dem galemens des Druckes vor- 
zuziehen. — Der vierte Vers ist um eine Sylbe zu kurz und unver- 
ständlich. Man lese aber statt Sor moi firent de lor dem mit V fre - 
mir ent. 

24. Si que mi oeil k Deu le vir ent. — andeu; V andoi. 

32. Deux ä ma langue pancera, 

Ta justice en ton nom dira. 

Nur die erste Person kann einen Sinn geben; da nun a für 
habeo nicht Vorkommen kann, so ist ohne Weiteres mit V penserai: 
dirai zu lesen. Nach Deux gehörte demnach ein Komma. Endlich sei 
bemerkt, dass statt kma l. V en ma l. hat. 

XXXV, 1. Die Lücke des zweiten Verses ist mit den Worten 
ne fache pechie zu füllen. 

5. Statt moult (:parfont) hat V mont. 


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376 


M u s s a f i a 


XXXVI, 2. Et comme chou8 dechecherrent — derbe cherront ; 
quemadmodum olera herbarum decident. V hat comme pau derbe. 

23. tuit eil qui les maili diraat. V maudiront . 

24. Voire von V entspricht dem lat. gressus besser als Vovre 
des Druckes. 

XXXVII, 2. Statt des übrigens ganz zulässigen ars hat V dars. 

9. Diex, me8 gemites ne fest celez. V mit richtigem Masse 
gemirs. 

IS ist, wie auch im Originale, nur eine Wiederholung von 14. 
Ich stelle beide hieher : 

14. Mais je, comme sours, nes oioie 
Ne ma bouche ne lor ouvroie. 

15. Je suis fais com eilt qui valtit 
Ne qui ne lii ne respondoit . 

Die Verbesserungen noioit, nelui bieten sich von selbst. 

18. qu'apareilliez sui ä toz meid. V tourment; in flagella 
paratus mm. — Et ma dolours met en present — me8t ; dolor 
meus in conspectu meo . 

• 21. Da die Form jeu sonst in der Hs. nicht vorkommt, würde 

ich statt jeu sivoie lieber j'ensivoie lesen. 

23. Ma Salus es ä moi: c'atent? Die idiomatische Wieder- 
holung ma . . . ä moi scheint an dieser Stelle unpassend. Es wird 
daher besser sein, statt c ein t, wie es sich wirklich in V findet, 
zu schreiben und den Vers so zu lesen: Ma salus es; ä moi taten . 

XXXVIII, 4. fit mon penser li feus ardra. — £n m. p. 

8. Ma soustenance est comme viant 

Devant le tien esgardement . — niant nient ; tanquam 
nihilum ante te. 

14. <Ui aas decins, ne parlai pas — Muiaus ; obmutui . 

Vgl. 3 Muiau8 fui, si m umiliai. 

15. Les chastaies - tu forment. Eine Sylbe fehlt. Das Verbum 
lautet aber nicht chaster, sondern chastier , daher mit V chastioies 
zu lesen. 

XXXIX, 6. Beneois est qui a fiance, 

Ou nom de Dieu ait espei'ance . 

Ist auch ait wie gewöhnlich nichts anderes als a , so hat doch 
die Wiederholung des Verbums etwas Gezwungenes an sich. Man 


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Handschriftliche Stadien. 377 

wird vorziehen, das Komma zu streichen und statt ait mit V et zu 
lesen. 

12. Janunsai ta justice. Liest man mit V la toe , so erhält 
man das richtige Versmass. 

XL, 13. Eins! sai-je que tu mas chier , 

Que etc. 

Deutlicher V En che „darin erkenne ich deine Liebe, dass etc.“ 

XLI, 3« Paris me für ent et nuit et jour 
Mi duel % me 8 larmes et mi plor. 

Lies pains; fuerunt mihi lacrymae meae pan es. 

7. je en c#r regehirai. In einem Worte encor ; adhuc con- 
fitebor . Vgl. XLII, 6. 

13, Der fehlende Vers lautet nach V: 

Pour coi rois tristres et pensis. 

XLII, 3. An der Stelle von vertu hat V vertS; veritatem. — 
Tont mene ist ohne Weiteres in mont ment zu bessern. 

XLII1, 4. Der fehlende Vers lautet bei V: 

La terre ne porent avoir. 

11. en 7io8 vertue Joste ras gibt keinen Sinn. Man sieht aber 
gleich, dass die drei Striche, welche ni bedeuten sollen, als iu 
gedeutet wurden. Es soll heissen riisteras; non egredieris. 

17. courir . Wohl covrir , % nach dem einmal angenommenen 
Grundsätze consonantisches u mit v zu schreiben. 

XLIV, 6. Des Versmasses wegen lese man statt veritei, 
vertei . 

13. aenamera. Vielleicht nur Druckfehler für en aamera. 

XLV, 1. Deus est nostre resvemens. Das letzte Wort ist un- 
deutlich und dem Verse fehlt eine Sylbe. Es ist aber refujemem , 
ein im Psalter häufig verkommendes Wort, zu lesen. Lat. refugium. 

6 . Li pueple sont contourbU . V talt cont. 

XLVII, 8. Anver (lui) sont tuit commdu. Das eingeklammerte 
Wort ist vom Herausgeber, um die nöthige Sylbenzahl zu erhalten, 
eingeschoben worden. V hat aber au vdir> was dem Sinne besser 
entspricht und jede Ergänzung unnöthig macht. 

6. En vent d’eve Hesse sich vertheidigen ; den Vorzug ver- 
dient aber die Lesart von V desvö; in spiritu vehementi. 


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378 


Muss a f i a 


XL VIII, 8. entour vivra. Zu bessern nach V encor ; vivet 
adhuc. 

9. Der vierte Vers ist neunsylbig. Das erste et ist zu streichen. 

XLIX, 1. II a la teure appelei. Li als Nomin. des Personal- 
pron. ist unzulässig; man lese si. 

8. Statt bucs hat V bues. 

1 8. Rens Deus. Wohl mais, 

22. Statt joie hat V voie; iter . 

L, 7. son savoir. Ist nach V und dem Sinne in ton savoir zu 
bessern. 

17. Se sacrefise demandasses, 

Et tu einsi me delitasses. 

Je le t*eusse ja donnei. 

Man sieht gleich, dass te delitasses zu lesen ist. Auch hat V 
statt einsi wohl besser en che . Vgl. die Bemerkung zu XL, 13. 

18. De bon euer qui le quiert . Nur sechs Sylben. Cuer ist 
offenbar aus dem vierten.Verse unrichtig wiederholt worden. V hat 
esperit ; Spiritus . 

LI, 2. Ta langue .... 

Sicomme la novacle aguö, 

Fait a tricherie esmolue. 

Esmolue als Epitheton von tricherie geht wohl nicht an; daher 
ist es besser mit V fu (futj zu lesen. Das Komma nach aguß fällt 
dann weg und a als Präposition erhält den Accent. 

8. tes eslis — des eslis. 

LH, 9. Israel sotllito sera. Dieses Particip ist verdächtig. Ver- 
gleicht man die wörtlich übereinstimmende Stelle XHI, 11, so findet 
man s’ esleeceraü. V hat mit einem geringeren Versehen leslecher a. 

LIV, 11 . cours gibt an der Stelle keinen befriedigenden Sinn. 
V hat weit besser tors. 

1 8 . Puet - celle - estre ae respondisse 
De lui, que je ne le vdisse. 

So auch V, nur statt celle wohl besser cel . Das ne ist offen- 
bar unrichtig und muss in me verändert werden. Auch wäre es 
besser, statt respondisse (aus lat. reponere , nicht aus respondere) 
repondisse zu schreiben. Die lateinische Stelle lautet abscondissem 
me forsitan ab eo. 


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Handschriftliche Studien. 


379 


17. Qui o moi.i} .mangiers prenoies . So auch V. Eine Rand- 
bemerkung schlägt die treffliche Emendation dom ; qui simulme- 
cum dnlces capiebas cibos. 

23. estoie und habitoie müssen zu estoient habitoient ver- 
ändert werden. 

26. conchieront. Zu theilen in conchier, r fiir t verschrieben 
oder verlesen, also conchiet ont; contaminaverunt . 

LV, 3. De haut jour paor aurai. Sieben Sylhen. Lies averai. 

5. en toy sont mi mevement . . . . et mi loement . V vooment , 
eine Ableitung aus votum mit gleicher Bedeutung. Vgl. 12 vou et 
loenge . 

LVn. Die Interpunction von 4 und 6 stört ganz den Sinn. Der 
Schlusspunct nach merveilles soll getilgt werden, da das folgende 
celui nur ein von merveilles abhängiger asyndetischer Genitiv sein 
kann. Das Komma nach tuer ist in einen Schlusspunct zu verändern. 

6. fondra. V fraindra. LXVII, 23 steht im Drucke fandra 
und in V wieder fraindra. 

LVI1I, 3. En moi sont trenchie li fort . Da trencliie hier nur 
zweisylbig sein kann (der Herausg. hätte demnach auch das e accen- 
tuiren müssen), so fehlt dem Verse das richtige Mass. V bietet 
trebuchid y das auch dem Sinne weit besser entspricht; irruerunt 
in me fort es. 

12. Deux m’a monstrd mes anemis. V sor anemis; eine buch- 
stäbliche Übersetzung des lat. ost endet super inimicos meos. — Im 
vierten Vers ne me tent en oubli ma loy ist metent in einem Worte 
zu schreiben. 

13. esparailles ( itoelle ). V hat das auch sonst häufig vorkom- 
mende esparpeille (:toeille); disperge . Vgl. die Bemerkung zu 
XXI, 14. 

LIX, 6. mesurai. Das Verbum muss im Futurum stehen; daher 
mesurrai. 

11. tu qui h nous deboutas. V ja; qui repulisti nos. 

LXI, 2. ne morra mie. — morrai. 

Zwischen 3 und 4 fehlen: 

Mais nequedent il porpensoient 
Comment m'onour rebouteroient 
En soif corru et il disoient 
Bien de lor bouce et mal pensoient 


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380 


M u s s a f i a 


Ne por quant, m’ame, sois soumise 
A Dieti, dont j’ai soufrance prise. 

Mes sauverres, mes Diex, ma vie 
Ne m*en fuirai , qu’il est m’aie. 

En Diex (1. Dieu) mes salus et ma gloire 
Et m’esperance et ma victoire. 

Tous li pueples, en Dieu crees 
Devant lui voß cuers espandes 
Car & tous jours vous aidera 
Ja nul de vous ne guerpira. 

LXII, 4. est essaucie . V ert . Auch im Lateinischen findet sich das 
Futurum. 

S. mes mains laverai. V levcrai; levabo manus meas . 

10. Li roh en lui joie aura . V richtiger en Dieu . 

LXIV, 9. Et ta richesce. V Et de ta r. 

11. ä degouter. V a son deg . 

LXV, 8. Toute gent , Deu, bendissiez. Deu ist Accusativ, nicht 
Vocativ; das zweite Komma ist daher zu tilgen. 

9. pousas: laissas. Die zweite Person ist unzulässig. 

V richtig posa: laissa. 

12. Et en froitonr nous mena . Eine Sylbe fehlt. V refroitoir . 
LXV1I, 5. piis et fiti — pius. 

12. pracheuns — V preechans . 

21. met ä T#ie. Lies joie. V hat met ioie mit Weglassung der 
nothwendigen Präposition. 

25. tes piez saut. V soit; auch im Lat. steht der Conjunctiv: 
ut intingatur. 

LXVUI, 11. Estranges suis fais ä mon frere 

Et pelerins et filz ma merc. — as . 

42. la mala tenront. In einem Worte: maintenront. 

LXIX, 4. Statt der Wiederholung des ersten Verses von 3 
bietet V: 

Honte aient et soient torne. 

LXX, 10. Ne me giete quant mors serai , 

Ne me guerpir quan desfendrai. 

V defaurrai; cum defecerit virtus mea. 

LXXI, 9. Cil (TEthyope Vaoreront . 

Sinay terre lieber ont. — Si bay ; inimici ejus ter- 

ram lingent . 


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Handschriftliche Studien. 381 

10. Nicht offerande , sondern des Versmasses wegen mit V 
offrande. 

14. Nicht celi , sondern des Versmasses wegen mit V cel. 
LXXII, 10. Et li parfait jour fielt et vein 

Seront trouvd en aus , et plain. V fil und ei. 

11. ... . com le saura Deux? 

Est donc Science amont en Den! V ciex (:Diex). 

19. Dentres qu'il furent eslai6. V eslevS ; allevarentur . 

21. Aussi com some dessef&nt. // wurde ss gelesen (i feste - 
vant) ; velut somnum surgentis . 

L XXIII, 6. Sicom en la porte soloient, 

Et sor les grans Jeirs les metoient . 

V tours ; in exitu super Sannum. 

15. Fontaines et vaissiaas. V ruissiaus; fontes et torrentes . 

20. Qui oscur sont ceste vie . Sieben Sylben. V ei ceste vie. 
LXXV, 9. La terre eiferjai et trembla. V en fremi . 

LXXVI, 13. Que est de euer entiers. V Qui vers toi est de 

euer ent. 

16. Li fons des aigues . — sons; sonitus aquarum. 

LXXVII, 28. Et autre dou ciel tresporta. Eigentlich austre . 

Transtulit Austrum de coelo . 

52. Dem lat. immissiones entspricht im Drucke envausions, 
bei V envaissons . 

Zwischen 71 und 72 fehlen die Verse: 

La lignie eslut de Juda 
Et mont Syon que il ama 
Com d*unicorne edefia 
Son saintefice qu’il fonda. 

74. Den qui de euer ne sont nuisant. V Ceus. 

LXXVIII, 5. Gabement et defisioi — derision. 

8. Car Jacob meismes menereit. V manjerent; comederunt 
Jacob . 

12. deslaeies les plore mens. Wohl in zwei Wörter des laciez 
(oder etwa cfenlaciez?)\ gemitus compeditorum. Man könnte auch 
nach CI, 21 des loies vermuthen. 

LXXIX, 11. Et li cedre qui meit6 haut son. Es sind neun 
Sylben. Man lese mont; nach V mult . 


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382 


M u • • • f » • 


13 en lor v endeng es sant 

Tuit eil qui par la voie vont. — font ; vindemiant eam 
omnes, qui praetergrediuntur viam. 

LXXXIII. Zwischen 4 und 8 fehlt: 

Beneoit sont li habitant 
En ta sainte raaison vaillant 
Cil qui en lui habiteront 
A tous jours mais te loeront. 

LXXXIV, 3. Die Form tricherUe (: assouagUe) scheint mir 
unhaltbar; ich würde mit V an beiden Wörtern das zweite e strei- 
chen: tricherie: assouagie. 

8. (Toir et oir — en . 

7. la voie. Besser ta. 

LXXXV, 2. Ton serf qu&urh fiance meint (: saint) — an ta. 

V hat in der That Ken ta fianche maint. 

9. Autres deus riest que tu seus . Es fehlt eine Sylbe. V tu 
taus seus. 

14. Auch dem Verse Et plteus et voir disans fehlt eine Sylbe. 

V hat aber pitoieus. 

16. Der fehlende Vers lautet bei V: 

Et essauebas et confortas. 

LXXXVI, 1. Li fondement et la citeit. V de la c. 

2. Gloriou8 sunt dit en toi gibt weder einen Sinn noch einen 
Vers. V hat glorieus dit sont dit en toi. 

LXXXVII, 7. Sor moi confort en cammans as. V ton forsen 
commenchas; super me confirmatus est furor tuus. 

9. Statt des unpassenden vendi hat V langui. 

10. A toi mes meins essnal. V eslevai: expandi manns meas. 
12 und 13 müssen ihre Stellen abwechseln; denn auf was 

würde sich das les von 13 beziehen? Dem lat medici entspricht 
im Drucke jaliant, bei V jaant. 

LXXXVIII, 7. Car qui est hs ciels si grans. Nur sieben Sylben. 

V nues; in nubibus. 

8. tes sains — ses, denn es ist in diesem Abschnitte überall die 
Rede von Gott in der dritten Person. 

11. Et bras — El; V ou; in brachio virtutis tuae. 

18. roi <T Israel aern sons. V ä cui. 


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Handschriftliche Studien. 


383 


22. A lui rien ne prefererait, 

Ne anemis ne li nuirait. V pourfitera. 

Welches ist das Subject dieses Verbums? Ich yermuthe im 
zweiten Verse Li anemis statt ne . Die lateinische Stelle lautet 
voller: Nihil proficiet inimicus ineo et filius iniquitatis nonapponet 
nocere ei. 

42. Son eiege en terre canstrulsis. Sagt gerade das Gegentheil 
von collisisti . V hat contrainsis. 

LXXXIX, 2. ad une. V adonc. — noues . V vods. 

3. Die Construction Ne fai ä ti sers humilids ist undeutlich. 
V hat: Ne fai com sors (lies c’om soit ) humilids , was dem Origi- 
nale besser entspricht. Die Prosa-Übersetzung bietet: ne desturner 
hume en humilited. 

4. millier rf’iais — de ans. 

5. Lor ans qa’ei gar de en nuit sont. So auch V, welches 
nur font statt sont liest. Ich würde für letzteres Wort die Lesart 
der Pariser Handschrift beibehalten und nur, statt quen, com lesen. 

10. Nostre an pauseit cum arignie. V passent . 

11. En sa puiggent a octante ans. V en ses (lies les ) puis - 
sans ; in potent atibus octoginta anni. 

14. De ta mein fai sicom nalssaace. V si counoissanche ; 
Prosa-Übersetzung: la tue destre issi cuneude fai. 

18. cumbien ascens? V as tans. Das Richtige wird wohl 
sein atens. 

XC, 1. demora. Mit zwei rr zu schreiben, da das Verbum im 
Futurum stehen muss. 

2. A Deu dirait (= dirai) : Neis mes saureres. — Tes. 

14. libre. V delivre mit richtigem Versmasse. 

XCI, 8. LI autismes iert tous jours ton non. Li ist wohl nichts 
als das grosse E von hautismes , welches sich in den Handschriften 
sehr leicht als li lesen lässt. 

XCII, 1. Statt Deis de vertu hat V chains de vertu , was dem 
Originale praecinxit se besser entspricht. 

XCIII, 1. Avolre mon delivrement. Was soll das Wort bedeu- 
ten? V hat atteure , was auevre als Imperatif von auevrer oder 
besser a uevrd gelesen werden kann. Lat. egit . 


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384 


M U 8 s » f i A 


15. iieiidt cwer ^ /i*f. Die sieben Striche, welche als incui 
gelesen wurden, stellen mun dar: also milde euer et net . 

XCVm, 1. Cil qui les ydolles crejeat. Die fehlende Sylbe 
könnte durch die Lesart oroient erhalten werden. V hat aoroient . 
Nicht zu leugnen ist es jedoch, dass an dieser Stelle das Imperfec- 
tum weit weniger passend als das Präsens ist. — Im dritten Verse 
statt li terre soit mende wird wohl meue zu lesen sein. Lat. mo- 
veatur ; moude in der Prosa-Übersetzung. 

2. Deux el mont de Syon gram . Lies mit V Deux est el m. 

5. Aords-le haut et les pids. Statt haut hat V baue . Der Vers 
dürfte richtig lauten Aords le baue de ses pids; adorate scabellum 
pedum ejus. 

9. Biaus sire Deux , tr&s-coirtois 
Et moult propices lor estois. 

Obwohl sich die hervorgehobenen Wörter ganz gut vertheidigen 
lassen, will ich nur bemerken, dassV tu escoutoies ( :estoies ) bietet, 
eine Lesart, welche dem lateinischen exaudiebas eos weit näher 
steht. Nur hat die Auslassung des Accusativs etwas Hartes an sich. 

10. Nostre Sire bien essaucids , 

Et en son saint mont le prisids. 

V mit genauerer Beobachtung der Casusregel segneur . Vgl. 5: 
Deu nostre Signor essaucids. Auch wird man das bei V yorkom- 
mende Wort dien dem vor essaucids nicht gut passenden bien vor- 
ziehen. 

C, 3. En maison. V En m& m. 

4. Ja (V ie ) hay ceus qui n’erroieat 
La loy , et qui maulz i fasoient . 

Unter den vielen Zeitwörtern der Vergangenheit passt das Con- 
ditionale auf keinen Fall. V hat varioient la loy, was als Über- 
setzung des lateinischen facientes praevaricationes gelten soll. 

6. Celui qui son voisin grevoit, 

En repost mes cuers les sivoit. 

Das Komma gehört nicht nach grevoit , sondern nach repost . 

10. Que en la terre veoie. Dem Verse fehlt das richtige Mass. 
V que Je en l. t. 

CI, 14. il tens. Wohl nur Druckfehler für li t. 

16. li roi ta gloire avernnt. V ameront . 


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Handschriftliche Studien. 


385 


21. les gcmites . . . des esloids. Ist esloids für compediti richtig 
oder ist vielmehr de ses loids zu lesen? Vgl. die Bemerkung zu 
LXXVIH, 12. 

29. Cum covertur les mueras , 
ebnes seront, et tu seras ; 

Uns mesmes eifniront, 

Li tien an ja ne defaudront. 

Statt chues lies mit V mud, und en fineront statt enfuiront . 
Im dritten Verse ist dann vor dem Zeitwort das von Metrik und 
Syntax geforderte ü (das übrigens auch in V fehlt) einzuschalten 
und die Interpunction zu berichtigen. Dadurch erhalten wir 
Mud seront, et tu seras 
Uns mesmes; il en fineront , 

Li tien an etc. 

Sicut opertorium mutabis eos et mutabuntur ; tu autem idem 
ipse es et anni tui non deficient. 

CII, 1 1 . Car selonc ce que li ciels est haus 
De la terre , cui il uest ... 

Man sieht gleich, dass haus zum zweiten Verse gehört und 
folglich est mit vest ( vestit ) richtig reimt. 

CUI, 2. Tu as cestu confession , 

Et graut biauteis est anviron 
Covers et de clere lumiere . 

Die verworrene Syntax wird richtig, wenn man mit V En gr . b. 
tont a viron Couvers es de cl. lum. 

9. Li mont montent et les valdes 

Sunt en lni, que fundas , aldes. — liu. 

1 0. Le terme quas aigues pousas, 

En lni opostas les as ; 

A nuljour ne trespasseront. — liu o (=oü) posdes. 

Man setze auch ein Komma an die Stelle des Semicolons, 
welches jetzt das Object von seinem Verbum trennt. 

17. le pein les cuers confermds faces. V de pain . 

18. Et li passer el venrunt. Eine Sylbe fehlt. V i venr . 

21. Tenebres entremtfs gibt keinen Vers. V en terre m. 

23. Li solaus lieve ensamblement, 

Et en lor lit aloud sunt. V ensamble vont (:sont). 


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386 


M o » * a f i a 


Nach lieve setze man ein Komma. Ortus est sol et congregati 
sunt; et in cubilibus suis collocabuntur . 

26. Iceste mers si est moult gratis, 

Sans conte U serpans rampans . V ia, das heisst i a. 

28. eschartis. V escliarnis; ad illudendum. — Im vierten Verse 
statt en tont viande ist mit V en tarn zu lesen; des escam in tempore . 

29. Nicht donds, sondern dones , da hier überall die Rede in 
der 2. Pers. Sing, stattfindet. 

30. Es fehlt der zweite Vers: 

De toiit en tout les tourbleras. 

CIV, 5. Recordds des mervelles . Besser nach V ses. 

12. Quant denumbrt petit estoient. — de numbre. 

30. mouclies et eines entra 

En lor contrde, qu es mena. 'S, men ja. 

31. Statt gennes hat V grelles. 

36. Nuns ontre aus malades n estoient. V entr’atis. 

44. Qui gardent ta loy et requierrunt. 

Et tes justifiemens quierrunt. 

Mit dem Conjunctive gardent stimmen die Formen von V 
requierent : quierent besser überein. 

CV, 8. Dens escharnirent et gaberent, 

Qui en la rouge mer monterent. — Ceus. 

10. en ,i. desert les mena. Der Herausg. stellte den Vers 
durch Voranstellung der Conjunction Et her; V hat amena. 

1 7. chuflerent . V hat crucefierent , was jedoch dem Verse eine 
ungebührliche Länge gibt. 

18. Abiron tvri. V covri. 

19. li feu 9 qui les felon bailla. V brula. 

21. Lor gloire ont en semble (V semblant) mi6e 
De veel qui le foin manjnfc. 

Manjude für manducat scheint mir eine unmögliche Form; sie 
würde überdies den Vers um eine Sylbe zu lang machen. Ich lese 
daher, statt müde aus mutare , mdue aus movere (V hat aus Verse- 
hen meu) 9 womit manjue ganz richtig reimt. 

Zwischen 30 und 31 fehlt: 

Et k l’aigue de contredit 
Escharnirent Dieu de lor lit 
Pour aus fu greves Moyses 
Que il esmouvoient ades 


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Handschriftliche Studien. 


387 


Gt par ses levres devisa 
Et la gens s’en esparpilla 
Melle furent entre les gens 
Si ont apris lors ovremens 
Lors pointures ont aore 
En escandele lor est tournc. 

Et si ont lor enfans baillies 
Au diable et sacrefiies 

La terre est en lor sanc tuee 
Et en lor oevre violee 
Qu’en lor males inventions 
Ont faites fornications. 

32. Et as meim des gent les livra , 

Lor anemis lor mestra. V maistria; dominati sunt . 

Zwischen 34 und 35 fehlt: 

11 vit quant il orent tourment 
Si escouta lor priement. 

37. des maisens nous assemble . — V nations ; congrega nos 
de nationibus . 

CVI, 1 . Car il est de grant bonteiz. V il est plali9 de g. b. 
Zwischen 4 und 5 ist einzuschalten: 

Tant i orent et fain et soi 
Que lor ame failü en soi 
Quant il orent tribulement 
Si fisrent ä Dieu criement 
Et Dame Diex les escouta 
De lor besoing les delivra 
En droit chemin les a mene 
Qu'il alassent a la eite 

A Dieu ses pities regehissent 
Ses merveilles as hommes issent. 

Car Tarne vaine saoula 
Et de bien aemplie Ta 

Cheus qui en tenebres seoient 
Et [en] Tombre de mort estoient 
De cheus qui estoient lachie 
De poverte en fers liie 

Les paroles Dieu enaigrirent 
Et le conseil Dieu escharnirent 
Et li cuers est humilies 
En granfe travaus et abaissies 
Tuit sont malades et tuit nu 
Et qui a aus aidast ne fu. 

SiUb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 111. Hft 26 


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388 


Muss« f i * 


23. El siege des men. — vieux; V viex; in cathedra sc- 
niorum. 

CVH, 3. te leverai. V wohl richtiger te loerai. 

CVIII, 2. en par don als Übersetzung des lat. gratis . Wohl in 
einem Worte pardon. Vgl. Roquefort a. v. ; Paris, Ch. d'Ant. II, 
200; Gacbet, Gloss. u. s. w. 

3. detrouoient für lat. detrahebant wird kaum richtig sein. 
V detraioient . 

i 

6. empechids ist in en pechids (in peccaium) zu trennen. 

11. Nuls hom ne soit ä lui aidant , 

Quil atmera de ses enfant. V ait merci; misereatur. 
Ich vermuthe auch nuls statt qu'il. 

13. Iniquitds de ses parans. Der schwer zu vermissende 
Artikel findet sich in V : L'iniq. 

19. Li uevre des deputaire. Dem Verse fehlt eine Sylbe. V 
hat c'est li oevre ; ein Zusatz, welcher auch der Syntax . zu Statten 
kommt. 

CX, 2. Moult sunt grant les uevres Dd, 

Kxquisence en sa volenteit. 

Dem ersten Verse fehlt eine Sylbe. V de Dd. Statt exquisence 
hat V exquises . 

3. La soie uevre , sicum li sans, 

Est grande et confessions . 

Doch in einem Worte lisons. 

CXI, S. de son saint proposement 

N^aurajamais renviement. V remuement ; non commovebitur . 

8. A Fenfant, ä la povre gent , 

De son avoir departement . V II a fall ä 1. p . g. 

9. de ses dens enfermira. — en fermira (= fremira). 

CXII, 8. fuis, — fius . Eben so CXV, 6. 

CXIII, 12. D'argent , de l’or les ydels sunt . Besser mit V 
d 9 arg. et d'or. 

22. Ceus qui doutent , et bendis. V a ben. ; benedixit omnibus 
qni tim ent. Das Komma ist also zu tilgen. 

24. De Diex estes beneieit 

Qui le cielz et la terre a f 'ait . 


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Handschriftliche Studien. 


389 


ln jeder Beziehung richtiger lauten diese zwei Verse bei V: 

De Dieu ent es beniis ja, 

Qui le ciel et le terre fait n. 

CXVII, 4. dout ist ein Druckfehler für dont . 

CXYII1, 9. Li bachelern qui ne denvoie 

En quoi demande-l-*7 na voie? 

En gardant bien et nctcment 

Ten din et ton comandement . V amande. 

19. je nui terre continans. Lies coutivann ; V ctdtivann; incola 
in terra . Vgl. CXIX, ß: coutivemenn = incolatun . 

24. Ti tenmoing nont mi pennement. 

Et H satt juntifiement . V ti naint. 

Zwischen 28 und 29 fehlt: 

J’eslu voie de verite 
Tes jugemens n’&i oublie. 

32. boti Druckfehler für bon. 

Zwischen 39 und 40 fehlt: 

Et aus reprochans respondrai 
Que (I. qiTen) tes paroles me fiai. 

40. fit a’es pas de moi la verite. V Ne toi pan; ne auferan. 
Auch lese man des Versmnsses wegen mit V vertd. 

43. Devant tat. Lies roi; V royn; in connpectu regum . 

47. Et icente me conforta 

En humiliteit et fanaa. Besser mit V ferma. 
ß0. falte me tint . V Fante; defectio. 
öl. Ou leu tes pelerinn entoie. V des pel. 

66. Main je en tont le euer Irai, 

Ten comandemenn cercherai . V que j'ai. 

67. De euer ont cum lait amannei; 

Main j 9 ai 6i ta loi penneit. 

Lies Le und en. Vgl. in Bezug auf letzteres Wort 74: car en 
ta loi moult penneit ai. 

78. M*arme en ton nauveour failli , 

Et en ta parolle defallli. 

Der zweite Vers zählt um eine Sylbe zu viel. V enpei'i; in verbuni 
tnum nupersperavi. 

82. conteront . V conterent ; narraverunt . 

88. Der fehlende Vers lautet bei V : 

Car toutes riens a servir t*ont. 

26 # 


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390 


M u s s a f i a 


Zwischen 94 und 95 fehlt: 

Sor nies anemis me feis 
En ton saint mandement apris, 

Car a tous jours est et sera 
Et mes cuers en li pensera. 

104. Les miens viotts fai ä mei plaisant , — toi, 

106. Li felon ont Us ä moi mis. Ohne Accent les = lais las ; 
laqueos. 

110. Mes receveres es et amAndAnce. Dieser Vers ist von 
ungebührlicher Länge. Man streiche das et und lese mit V maidance; 
adjutor, 

116. Fiche ma char de ta tremour, 

Garde ta justice on paour, V Car de; a judiciis enim 
tnis timui. Statt ou , welches auch V bietet, ist wohl ai zu lesen. 

1 24. A tes mandemens rrCadresse 
Si hai voie feienesse. 

Dem ersten Verse fehlt eine Sylbe und das Verbum im Präsens 
passt zu den anderen im Imperfect oder Perfect nicht. V liest aber: 
A tes mandemens madrechoie 
Si hai felounesse voie . 

128. Si aies de moi pit&. Lies mit V Et si aies etc. 

154. gardoie ist ohne Weiteres in gardoient zu verändern. 
156. Ti premiers dit de vertö 8 ont, 

Di jugement toujours seront, V Ti, 

168. Ton dit ma langue anuncera , 

Uni tes mandemens droiture a, V weit besser qxCen, 
CXIX, 5. Las moi que mes coutivemens 
Proloigna! si fu mandans. 

* Um die fehlende Sylbe zu ersetzen, lese man im zweiten Verse 
et si fu. Statt mandans hat dann V das gewiss vorzuziehende manent 
(richtiger manens), Der Schluss dieses Abschnittes fehlt auch iu V. 
CXX, 1. Mes ious is mons en haut levai, 

Dont grant envie retenrai. 

V aie rechevrai; veniet auxilium, 

4. Estes-vous que Jä dormira 

CU qui Israel gardera , V que ne dorm,; non dormitabit, 
CXXI. Zwischen 2 und 3 fehlt : 

Qui com cites est establie 
De cui est en Dieu sa partie. 


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Handschriftliche Studien. 391 

CXXIII. Die vom Herausg. augedeutete Lücke zwischen 6 und 
7 wird durch V wie folgend ausgefüllt: 

Et lor las est frais et tribles, 

Dame-Diez nous a delivres. 

CXXIV, 4 Deux, tu bonne fai 

As bons etc. Doch wohl bontd. 
ö. Es fehlt der vierte Vers : 

Et joic auront tout li fael. 

CXXV, 1. Quand Den de Syon converti 
Et cheitis sivons esjoi. 

Lies nach V Les cheitis , si noas esjoi; in conoertendo Domi- 
nus captivitatem Sion , facti sumus sicut consolati . 

3. dir ent. Besser mit V diront ; dicent . 

CXXVII , 3. Ta femme en ta maison sera, 

fant come eigne habunderait. — fera fruit. 
CXXV1II, S. Qu eins soit seche que trenchids soit. — soi Pro- 
nomen. V hat irrthümlich qui eins trenche. 

CXXXV, 5. Lune et estoille en pooirde nult ( :mistj gibt keinen 
Vers. V bietet por nuit fist. 

9. Qui par le desert mena. Nur sieben Sy Iben. V panni. 
CXXXVI, 1. Es fehlt der zweite Vers: 

De Babilone et plorons. 

3. Car cilz qui chaitis nous menerent. 

Et la chanson nous demanderent. V De l. c. 

4. Les lois de Sion nous roverent. Besser mit V los. 

8. Adam (: Jerusalem). V Edem ; lat. Edom. 

9. Descroissiez foiment 

En terre desi quau fondement. 

V Entre d., eine Lesart, die sowohl dem Versmasse als dem 
Sinne zu Statten kommt. 

CXXXVII, 2. ä ton seint pneple aorerai . V temple ; templum . 
CXXXVII, iS. Et nutz ( ni aura) ens pouzd. Die einge- 
klammerten Wörter fehlen im Drucke. 

19. appacement. Jedenfalls appancement . 

20. Ceus qui te heient, Deu t ne heioie ? 

Sor (es anemis te dissoie? 

So auch V, welches jedoch im ersten Verse mit richtigem 
Masse die Negationspartikel ne weglässt. Der Salz wäre demnach 


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392 


M u s s a f i a 


nicht fragend, sondern bejahend. Die offenbar verderbten Worte 
te dissoie (V disoie) könnten mit Hilfe der Prosa -Übersetzung, 
welche defiseie bietet, berichtigt werden. Die lateinische Stelle 
lautet: Nonne qui oderuni te. Domine, oderam, et super inimicos 
tuos tabescebam ! 

CXXXIX, 13. Aupovre sera jugemens. — fera ; faciet judicium . 

CXL1, 4. En la voie ou mi pid aloient , 

Li orguillous lä reponoient . — las ; laqueum . 

CXLII, 1. entent ma convitoison. — V conjuroison ; obsecra- 
tionetn- 

CXLIII, 2. Mes detes ot mes sauvemens für susceptor meus et 
liberator meus ist gewiss unrichtig. V hat mes reces et m. s. 

3. Ma deffence en lu% v’a far mis- Man lese mit V ma foi, und 
setze nach deffence ein Komma oder ein Semicolon. Lat. protector 
meus, ef in ipso speravi, 

4. Diex, est hom ä cui te cnidas? 

Et fiz d f oume que te cnidas? 

Im ersten Verse liest V est (richtiger qu’est ) hom a cui tu 
(besser te) moustras . Im zweiten statt des unstatthaften te hat V 
tu; noch besser schiene mir le. Quid est homo quia inaotuisti ei? 
aut filium hominis , quia reputas eam? 

14. Les lor filles sunt ordindes , 

Cum temples en toi aornöes . V entor; circumorfiatae. 

16. lor buef . ... 

Qui sunt et bon a mengU . 

Es fehlt nach sunt das Wort cm*. 

CXLV, 1. je dirai 

Los a son eels loerai . V a son non, sei loerai . 

2. N’aids en princes esperance, 

En fius d 9 onme ou est sauvance. V n 'est. 

6. Enlumine bei V scheint richtiger als enlumiere im 
Drucke. Vgl. Canticum Zachariae, 12: enluminer. 

CXLVI, 1. Lods tuit Den pour sa bonte%; 

Liesce joie baus soit ades. 

Richtiger nach V ä Dd (:bontd); Deo sit jucunda laudatio . 

CXLVII , 2. beneisait : confortait . Das erste Wort böte uns 
in derThat etwas Seltenes: ein Imperfectum auf -ait im dreizehnten 


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Handschriftliche Studien. 393 

Jahrhunderte. Man trenne aber bends ait (=* a), womit confortait 
( = conforta) in beiden Mundarten übereinstimmt. 

3. De grain forment te saüla. V cras ; adipe frumenti. 

7. Im ersten Verse lese man remetrai statt remtrai und im 
dritten soufßera statt soufßera. 

8. Sa justice ä Israel le reconte gibt einen Vers von unge- 
bührlicher Länge. Man lese mit V ä hr. eoute. 

CXLYIfl. Zwischen 2 und 3 fehlt: 

Loes, li solaus et la lune, 

Loes Dieu, estoile chascune. 

5. A tous siecles estublis les a. Um eine Sylbe.zu viel. V Ta. 

8. Statt cendre lies cedre. 

12. Car leis son pueple essaucera . — lors. 

13. tes seine. Lies ses; sanctis ejus. Cfr. soa pueple; ä 
ln! vient. 

CXLIX, 1. Noea dianson — nueve. 

9. Auciablement — anciabl. 

Te deum laudainus. 

4. Et cherubin et seraphin 

Orient ä toi eu voas sens fin. V en vota. 

22. Der fehlende Vers lautet bei V : 

A tes mains et ses *) lieve et hauche. 

Zwischen 24 und 25 fehlt : 

Biaus sire Diez, aies pite 
De nous que tu as rachate. 

Be ne di eite. 

6. Beneota, esti et froideor. Das Participium geht nicht an. 
Man könnte beneis im Singular vermuthen; da sich aber sonst immer 
der Plural findet, so ist es wohl besser, mit V beneissiez (hier drei- 
sylhig) zu lesen. 

8. eile est roi. V il. Ist doch von Gott die Rede. 

15. Israel (Dieu) beneissies . Dieu fehlt im Drucke. 

18. Bends Deu, Ananies et Azaria ist kein Vers und es fehlt 
der entsprechende Reim. Bei V : 

Bends Dieu, Ananim 
Misael et Azarias. 


*) Nach Michel hätte ich eigentlich «W, s'es schreibeil müssen; ich betrachte aber 
diese Trennuug eben so unberechtigt, wie sie z. B. in d'es (de UUsJ wäre. 


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394 


M u • s a f i a 


Canlicum Zachariae. 

2. Et salu noii8 a adresid 

En David et en sa maisniä; 

Die Form des letzten Wortes ist durchaus unzulässig. Man 
streiche den Accent und lese adresie (eines der so häufig vorkom- 
menden Participia auf ie = ide) und maisnie . 

3. Ensi cum il nous ai promis 
Par la bouche de ses amis ; 

4. Salat de seins prophetes qui sunt 
Dds le commencement del mont. 

Der erste Vers von 4 zählt neun Sylben, und das Ganze ist nicht 
recht verständlich, V liest aber Et des sains etc. *) 

12. Pour esdrecier nostre esement. V alement ; ad divigendos 
pedes nosti'QS (Luc. I, 79); cfr. XXXIX, 3: mes alemens a adreciez . 
Die Hs. hat wahrscheinlich element. Mau könnte vielleicht auch 
erement aus errer lesen. 

Canti cum Siraeonis 2 ), 

3. Dont a fais apelemeat 

Devant la face ä toutes gent . 

Dem ersten Verse fehlt eine Sylbe. V appareillement ; quod 
parasti ante fadem omnium populorum (Luc. II, 31). 

Sancti Athanasii Credo. 

3, 5-6. en porroit issir 

Uns tems de mescreance. Weit besser V rains. 

4, 4. espri (: mentirj. V espir. 

11, 3-4. Deas on ne doit nomer 9 

Trois signour napeler . 

V Mais . Das Komma nach nomer ist demnach zu tilgen: „man 
soll jedoch nicht drei Herren nennen“. 


*) Auch hier dürfte das Wort ialut nichts als die Anfangsbuchstaben des , übrigens in 
beiden Handschriften fehlenden, lateinischen Abschnittes (Luc. 1, 71) salutem ex 
inimici8 nostris. 

2 ) Canlicum Mariae und oratio dominica fehlen in V. 


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Handschriftliche Studien. 


395 


14, 5. j fix est non tij. Sind nur fünf Sylben. V et non iij . 

16, 2. Vraie Trinitd, Ebenfalls nur fünf Sylben. V veraie. 

17, 1. gut lir# et requiert . V v oet. 

20, 5-6. uns Deu est solement , 

Et non Dia par raisons . — dui; V doi. 

21,4. moller, Wohl melier mesler. 

23, 5. glorions — glorious. 


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396 


Di*. P f i z m a i e r 


SITZUNG VOM 22. OCTOBER 1862. 


Herr v. Karajan legt als Präsident der historischen Com- 
mission die nachstehenden derselben eingesandten Arbeiten vor: 

a) Die Grafen von Ortenburg in Kärnten, vom Professor 
Dr. Karlmann Tangl; 1. Abtheilung, von 1058 — 1156. 

b ) Die Fortsetzung der Regesten zur Geschichte Kärntens, 
vom Jahre 1226 — 1269, von dem verstorbenen wirkl. Mitgliede 
Freiherrn v. Ankershofen. 


Vorgelegt: 

Tschin-thang, Fürst- Zertrümmer er von Hu. 

Von dem w. M. Dr. Aignst Pfiimaier. 

Zwischen dem Mittellande und dem in dessen Norden wohnen- 
den Volke der Hiung-nu's bestanden, wie die Geschichte lehrt, schon 
seit den ältesten Zeiten vielfache Beziehungen, wozu sich später noch 
ein gewisses Verhältniss der Freundschaft zu dem im Westen des 
Hiung-nu-Landes liegenden, von einem den Hiung-nu’s in Sitten und 
Lebensweise ähnlichen Volksstamme bewohnten Lande U-sön gesellte. 

Während jedoch selbst die alle Fremdländer des Südens und 
Nordens auf weiten Strecken zurückwerfende Macht von Thsin im 
Westen niemals über Lin-thao (das heutigeThi-tao in Kan-su) hinaus 
vorgedrungen war, kamen zu den Zeiten des Allhalters Hiao-wu von 
Han sechsunddreissig Königsländer des Westens, deren Zahl spä- 
ter durch Theilungen sich auf fünfundfünfzig vermehrte, mit dem 
Mittellande in Berührung. Diese Länderverbindung, welche mit dem 
gemeinschaftlichen Namen „die westlichen Marken“ belegt ward, 
befand sich im Westen des Landes der Hiung-nu's und im Süden des 
Landes U-sün. 


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Tschiu-thang, Fürst-Zertrümmerer von Hu. 


397 


Nach der ganzen Länge des genannten Gebietes liefen zwei 
höbe Gebirgsketten, die eine (Nan-san oder Kuen-liin) im Süden, 
die andere (Pe-sart oder Thien-san) im Norden. Zwischen beiden 
lag eine von einer Anzahl Flüsse bewässerte Hochebene. Der Durch- 
messer dieser Länder betrug von Westen nach Osten sechstausend 
Weglängen (Li), von Norden nach Süden eintausend Wegiängen. 
Dieselben stiessen im Osten an die im Westen der Landschaft Tün- 
hoang befindlichen Durchwege |®j ^ Yo-men und M Sr Yang - 
kuan, im Westen bildete das Gebirge Thsung-ling (Belut Tagh) 
ihre Markscheide. Das südliche Gebirge (Kuen-Iün) erstreckt sich 
bis Kin-sching (dem heutigen Lan-tscheu in Kan-sü), wo es mit dem 
„südlichen Gebirge 4 * des Mittellandes zusammenhängt. 

Die Flüsse des Landes haben einen zweifachen Ursprung, in- 
dem einige auf dem Gebirge. Thsung-ling, andere in dem Lande 
jjgj -“j- Yü-tien (dem heutigen Khoten) entspringen. Das genannte 
Yü-tien liegt am Fusse des südlichen Gebirges und die daselbst ent- 
springenden Flüsse nehmen ihren Lauf nach Norden, worauf sie sich 
mit den auf dem Thsung-ling entspringenden Flüssen zu einem ein- 
zigen Flusse vereinigen, der, seinen Lauf nach Osten nehmend, sich 
zuletzt in das „Meer 4 * Pu-tschang ergiesst. 

Das „Meer** Pu-tschang (heutzutage der See Loop) wird sonst 
auch „der Salzsumpf" genannt. Dasselbe ist von den Durchwegen 
Yo-men und Yang-kuan dreihundert Weglängen entfernt und misst 
in der Länge und Breite ebenfalls dreihundert Weglängen. Das Was- 
ser des Pu-tschang steht still und erfährt weder im Winter eine 
Zunahme, noch im Sommer eine Abnahme. Zur Zeit von Han glaubte 
man allgemein, dass das Wasser des Pu-tschang unter der Erde ab- 
fliesse und nächst dem Berge Tsi-schi *) als der gelbe 

Fluss des Mittellandes wieder zum Vorschein komme. 

Bei dem Austritte aus den Durchwegen Yo-men und Yang-kuan 
standen zwei sogenannte Wege offen, auf welchen man die westli- 
chen Marken in ihrer ganzen Länge durchziehen konnte. Der Län- 
derstreifen, der bei dem Lande ^ Schen-schen anfing, an den 
Nordabhängen des südlichen Gebirges und längs dem Hauptflusse sich 
hinzog und im Westen bei dem Lande j|Y 7 ^ Scha-tsch'he endete, 

*) Der Berg TsT-schf, wörtlich „die gehäuften Felsen,“ befindet sich an der Stelle, wo 
der gelbe Fluss das erste Mal in das Mittellaud tritt. 


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398 


Di*. P fi im a i e r 


hiess der südliche Weg. Wenn man hierauf im Westen des südli- 
chen Weges das Gebirge Thsung-Iing überstieg, gelangte man nach 
dem grossen Yue-tschi und nach Ngan-si. 

Der Länderstreifen, der von dem Königssitze des vorderen 
Tsch’he-sse anfing, an dem nördlichen Gebirge und längs dem Haupt- 
flusse sich hinzog und im Westen bei dem Lande tfifj Su-li 
endete, hiess der nördliche Weg. Wenn man hierauf im Westen des 


nördlichen Weges das Gebirge Thsung-Iing überstieg, gelangte man 


nach dem grossen Wan, nach Khang-khiti, 
Yen-schi. 


Yen-fsai und 




* Bemerkt wird noch, dass sämmtliche Flüsse im Westen des 
Landes Yü-tien ihren Lauf nach Westen nehmen und sich in das 


Westmeer (dep caspischen See) ergiessen. 

Die Bewohner des Landes der . westlichen Marken halten im 


Allgemeinen feste Wohnsitze, sie besassep Städte und trieben Acker- 
bau, im Gegensätze zu den Hiung-nu's und den Bewohnern von 
U-sun, welche ein Wanderleben führten. 

Unter der Lenkung des Allhalters Hiao-wu waren sämmtliche 
Länder des oben genannten südlichen Weges unter die Botmässig- 
keit des Hauses Han gebracht worden und hatten selbst gegen die 
jenseits des Thsung-Iing gelegenen Königsländer einige Male An- 
griffe statlgefunden, während die Unterwerfung des nördlichen, den 
Einfällen der Hiung-nu's ausgesetzten Weges durch längere Zeit 
unvollständig blieb. Erst der zu den Zeiten des Allhalters Siuen 
lebende Heerführer Tsching-ke bewirkte (60 vor uns. Zeitr.) den 
Anschluss des bisher ununterworfenen Theiles des nördlichen Weges, 
worauf zur Beaufsichtigung sämmtlicher Länder der westlichen 
Marken ein Gesandter, dem man den neugeschaffenen Namen Tu- 
hoe, d. i. der allgemeine Erhalter, beilegte, ausgeschickt wurde. 
Dieser Gesandte hatte seinen beständigen Wohnsitz in Jjg Lui- 
sching, einer in dem Stachel der westlichen Marken gelegenen festen 
Stadt. Die Länder jenseits des Thsung-Iing gehörten jedoch, da sie 
von Han unabhängig waren, nicht zu den, dem „allgemeinen Erhal- 
ter“ zugewiesenen Gebieten. 

Unter den Männern, deren Thätigkeit Han die Ausbreitung sei- 
ner Macht in jenen fernen Gegenden verdankt, machte sich Tschin- 
thang, ein dem „allgemeinen Erhalter“ zugesellter niederer Heer- 
führer, durch seine raschen und wunderbaren Erfolge vorzüglich 


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Tschm-thnng, Fürst-Zertriimmerer von Hn. 


399 


bemerkbar. Als unter Umständen, welche im Verlaufe dieser Ab- 
handlung angegeben werden, der einzige damals unabhängige König 
der Hiung-nu's die bereits geschwundene Macht seines Hauses wieder 
herzustellen suchte und in dem Lande Khang-khiü, das er in Besitz 
genommen, sich zu neuen gefährlichen Unternehmungen rüstete, sam- 
melte Tschin-thang, ohne dazu beauftragt worden zu sein,eiu verhält- 
nissmässig sehr wenig zahlreiches Heer, mit welchem er nach einem 
Zuge von mehreren tausend Weglängen das Gebirge Thsung-ling 
übersetzte, den Hiung-nu-König in dem fernen Khang-khiü (Sog diana) 
an den Ufern des Tu-lai (Oxus) aufsuchte und die feste Hauptstadt 
des Landes, bei deren Verteidigung dieser König das Leben verlor, 
erstürmte. Tschin-thang hatte somit nach Gegenden, über welche 
die Obergewalt des heutigen Mittellandes sich nicht erstreckt, die 
Waffen von Han getragen, eine That, deren unmittelbare Folge die 
Auflösung der Hiung-nu- Waltung und der Anschluss von Khang-khiü. 

Die vorliegende Abhandlung bringt nebst den Einzelheiten des 
erwähnten Feldzuges noch die Erzählung der ferneren, meist widri- 
gen Schicksale des an der Spitze des kühnen Unternehmens gestan- 
denen Heerführers. Es fehlte nämlich nicht viel, so wäre Tschin- 
thang für eine That, durch welche er das Mittelland von seinem ge- 
fährlichsten Feinde befreite, anstatt Belohnung zu erhalten, gestraft 
worden, weil er bei der Eröffnung des Feldzuges eine höchste Aus- 
fertigung, durch welche ihm dieses Unternehmen befohlen worden 
wäre, vorgeschützt hatte. Er erhielt später eine verhältnissmässig 
geringfügige Belohnung, ward jedoch in der Folge wegen andferer 
Verbrechen, die man ihm zur Last legte, zu wiederholten Malen 
verurtheilt und in jedem einzelnen Falle erst nach den beredten 
Vorstellungen einsichtsvoller Männer von dem Himmelssohne unvoll- 
ständig begnadigt. 

Erst nach dem Tode Tschin-thang’s Hess Wang-mang den Ver- 
diensten dieses Mannes Gerechtigkeit widerfahren, indem er den 
bereits Verstorbenen, mit Rücksicht darauf, dass derselbe durch die 
Erstürmung der Hauptstadt von Khang-khiü die Macht der Hiung- 
nu’s, deren Land allgemein mit dem Namen Hu belegt wurde, ver- 
nichtet hatte, nachträglich zum Lehensfürsten von Po-hu, d. i. 
dem das Land Hu zertrümmernden Lehensfürsten, gleichsam „Fürst- 
Zertriimmerer von Hu“ ernannte und in das somit neu geschaffene 
Fürstentum dessen hinterlassenen Sohn Tschin-fung einsetzte. 


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400 


Dr. P f i i m a i e r 


*7^7/ Tschin-thang führte den Jünglingsnamen ^ ^ Tse- 

kung und stammte aus JJ. Hia-khieu 1 ) in San-yang. In seiner 
fröhen Jugend liebte er die Bücher, die er bald vollkommen verstand 
und sich dabei Fertigkeit im Zusammenfügen von Wörtern erwarb. 
Da er arm war, befasste er sich rückbaltslos mit Betteln und Borgen, 
so dass man in den Gassen seines Heirnatsortes nichts Rühmliches 
von ihm zu erzählen wusste. 

Er reiste endlich nach Tschang-ngau, wo er sich um ein Amt 
bewarb. Er erhielt bei einer der hohen Obrigkeiten die Stelle eines 
Gehjlfen bei der Darreichung der als Ehrengabe bestimmten Spei- 
sen. Nach einigen Jahren traf es sich, dass }j Tsch'hang-po, 

Fürst von g| Fu-ping 8 ), mit ihm in Verbindung trat. Dieser 
Fürst hatte eine hohe Meinung von den Fähigkeiten Tschin-thang’s. 

Als im zweiten Jahre des Zeitraumes Thsu-yuen (47 vor uns. 
Zeitr.) der Allhalter Yuen eine Verkündung an die Lehensfilrsten mit 
der Aufforderung ergehen liess, Männer mit ganz vorzüglichen Gaben 
zur Beförderung vorzuschlagen, wurde Tschin-thang dubch den Fürsten 
von Fu-ping zu diesem Behufe namhaft gemacht. Während Tschin- 
thang auf eine Anstellung wartete, starb sein Vater, und der Sohn 
unterliess es, in aller Eile aufzubrechen, um derTrauer um den Ver- 
storbenen beiwohnen zu können. Der Vorsteher der kleinen Ange- 
stellten meldete sofort an dem Hofe: Thang hat keinen gehörigen 
Wandel. Po hat ihn erwählt und vorgeschlagen, er hat daher nicht 
auf die Tauglichkeit Rücksicht genommen. 

Thang-pö ward somit schuldig erkannt, und zur Strafe wurden 
von seinem Lehen zweihundert Thüren des Volkes losgetrennt. Selbst 
nach seinem Tode erhielt dieser Fürst den Namen Lehensfürst |<p, 
Mieu, d. i. der im Irrthum Befangene, wodurch man andeuten 
wollte, dass er irriger Weise Menschen zur Beförderung vorge- 
schlagen habe. 

Auch Tschin-thang ward in das Gefängniss zur Untersuchung ab- 
geführt und erhielt sein Urtheil, über dessen Beschaffenheit jedoch 
in der Geschichte nichts angegeben wird. Später ward er indessen 
wieder empfohlen und zum Leibwächter ernannt. Er bewarb sich 


i) Da« heutige Thse-yang, Kreis Yen-tacheu in Schan-tung. 

*) Derselbe war der Urenkel des berühmten Richters Tsch'hang-thang. 


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Tschin-thang, Fürst-Zertrüinmerer von Hu. 


401 


jetzt mehrmals um die Stelle eines Gesandten für die auswärtigen 
Länder. Nach längerer Zeit endlich ward er zu einem anderen 
Amte versetzt und zu einem zugetheilten Hiao-wei (niederen Heer- 
führer *) für die westlichen Marken ernannt« worauf er zugleich mit 
dem die Stelle eines leitenden Gesandten für diese Marken beklei- 
denden oÖi "fcf Kan-yeo -scheu nach den fremdländischen 
Gebieten auszog. 

Schon früher, noch zu den Zeiten des Allhalters Siuen, war das 
Land der Hiung-nu*s, wo fünf Schen-yü's (Könige) um den Besitz 
der höchsten Würde stritten, die Beute grosser Zerrüttung geworden. 
Unter diesen streitenden Königen hatten w* Hu-han-ye 
Schen-yü und Tsche-tschi Schen-yü jeder seinen Sohn 

an den Hof von Han zur Aufwartung geschickt, und Han hatte beide 
aufgenommen. Später betrat Hu-han-ye Schen-yü in Selbstheit das 
Gebiet des Himmelssohnes, nannte sich einen Diener von Han und 
erschien an dem Hofe. 

Tsche-tschi war der Meinung, dass Hu-han-ye, vollständig 
geschlagen und ohnmächtig, sich Han ergeben habe, daher nicht im 
Stande sei, in sein Land zurückzukehren. Gr wandte sich sofort nach 
Westen und zog das zur Rechten gelegene Land an sich. 

Als Han eine Kriegsmacht aussandte und durch sie Hu-han-ye 
Schen-yü einführen liess, wandte sich Tsche-tschi bei dieser Gele- 
genheit ohne Verzug wieder nach Westen und zertrümmerte die drei 
Länder p*p Hu-khi, Kien-hoen und Ting ' 

ling, in welchen er, nachdem er sie zu einem Ganzen vereinigt, eine 
Hauptstadt bezog. Unwillig darüber, dass Han den König Hu-han-ye 
aufgenommen und beschützt, ihm selbst (Tsche-tschi) aber keine 
Hilfe geleistet, quälte und beschimpfte er auf alle Weise ^ ^p] 
Kiang-nai-schi und die übrigen zu ihm gekommenen Gesandten 
von Han. 

Im vierten Jahre des Zeitraumes Thsu-yuen (45 vor uns. Zeitr.) 
schickte Tsche-tschi seinerseits einen Gesandten mit Geschenken 
an den Hof von Hqo, bei welcher Gelegenheit er seinen daselbst 
aufwartenden Sohn zurückbegehrte und den Wunsch ausdrückte, dass 
sein Land zu den Anschlüssen des Inneren von Han gezählt werde. 


4 ) Der eigentliche Sinn de* Namen* Hiao-wei »oll „Beruhiger de» Vordach» 1 * »ein, da 
das Vordach der Orl ist, von welchem dieser Heerführer seine Befehle ertbeilte. 


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402 


Dr. Pf i z m a i e r 


Han kam im Rathe überein, "jifc* Ko-ke, Jen Vorsteher der 

Pferde für die Leibwache, abzusenden und durch ihn den Sohn des 
Hiung-nu-Königs begleiten zu lassen. Der oberste vermerkende 

Grosse i % M Kung-yü und der Hofgelehrte |g Khuang- 

heng waren der Meinung, es sei im Geiste des Werkes „Frühling 
und Herbst M , dass, wenn man den Fremdländern des Ostens und 
Westens etwas bewillige, diese sich nicht mit dem Einzigen begnü- 
gen *). Jetzt habe sich Tsche-tschi Schen-yü noch nicht auf- 
richtig der Umgestaltung zugewendet, der Ort, wo er sich 
befindet, sei überaus fern, es sei daher angemessen, den Gesandten 
zu beauftragen, dass er den Sohn des Schen-yü bis an die Versper- 
rungen der Marken begleite und hierauf zurückkehre. 

Dagegen machte Ke-kö eine Eingabe, worin er dem Himmels- 
sohne Folgendes vorstellte: Das Mittelland gegenüber den Fremdlän- 
dern des Ostens und des Westens hat des Neigens der Halfter, der 
Unzerreisslichkeit Beziehung. Jetzt hat man bereits ernährt und 
unversehrt erhalten jenen Sohn durch zehn Jahre, die Wohlthat und 
die Mildthätigkeit dessen sind überaus gross. Wenn man, ihn leer 
ausgehen lassend, sich losreisst und ihn nicht begleitet, wenn man in 
der Nähe bei den Versperrungen zurückkehrt, so würde man zeigen, 
dass man ihn zurückwirft, verstösst und ihn nicht mit Liebe ernährt. 
Man würde bewirken, dass bei ihm kein Wille vorhanden, sich zuzu- 
wenden und zu folgen. Man würde verwerfen die vorhergegangene 
Gnade und begründen den nachfolgenden Hass. Dass dies keine vor- 
teilhafte Beratung, lässt sich ersehen. Vordem hatte Kiang-nai- 
schi keine entsprechende, treffende Zählung. Sein Verstand und sein 
Muth wurden gemeinsam zu nichte, und er erlitt Schimpf und 
Schande. Er ward sofort im Voraus der Gegenstand meines Kummers. 
Ich bin so glücklich, dass ich festsetzen kann die Abschnitte des 
mächtigen Han, unterstützen die Verkündung der erleuchteten höch- 
sten Weisheit, verbreiten und andeuten die übergrosse Gnade, es 
ist nicht wahrscheinlich, dass jener es wagen wird, Unthaten zu 
begehen. Wenn er in dem Busentrüge das Herz der Vögel und wilden 
Thiere, wenn er Ruchlosigkeiten üben sollte gegen mich, so würde 


*) Man inßge ihre Forderungen zurechtschneiden und beschränken, da sie nicht alles, was 
sie begehren, ausdrücklich sagen. 


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Tschin-lbang, Fürst-Zertrümmerer von Hu. 


403 


der Schen-yü für die Dauer verwickelt sein in eine grosse Schuld, 
er würde gewiss entweichen, in der Ferne seinen Aufenthalt neh- 
men und es nicht wagen, sich zu nähern den Markungen. Dass man 
verfallen lasse einen einzigen Gesandten, um Ruhe zu geben den 
hundert Geschlechtern, ist die Berathung des Landes, der Wunsch 
des Dieners. Ich wünsche, ihn zu begleiten bis zu seiner Vorhalle. 

Der Himmelssolm zeigte die oben stehende Eingabe den an 
seinem Hofe versammelten Würdenträgern. Unter diesen machte 
Kung-yü nochmals dagegen Einwendungen, indem er meinte, dass, 
wenn K5-ke die beabsichtigte Reise antrete , dies gewiss für das 
Land Ursache der Reue sein und ernste Ereignisse herbeifuhren 
würde, wesshalb man ihm dies nicht erlauben dürfe. 
Fung-fuog-schi, der Heerführer der Rechten, war jedoch der Mei- 
nung, das man KS-ke als Gesandten schicken könne, worauf der 
Himmelssobn seine Zustimmung gab. 

Nachdem man jetzt an dem Ziele der Reise angekommen, ge~ 
rietli Tsehe-tschi Schen-yü in Zorn und Hess zuletzt Kö-ke sammt 
den übrigen Mitgliedern der Gesandtschaft tödten. Hierdurch hatte 
er zugleich von seiner Auflehnung gegen Han offen Kunde gegeben. 
Als er ausserdem erfuhr, dass Hu-han-ye seine Macht verstärkt habe, 
floh er eilends nach dem noch weiter im Westen gelegenen, von 
Tschang-ngan zwölftausend fünfhundert Weglängen entferntenLande 
Khang-khiü *). Der König von Khang-khiü vermählte eine 
seiner Töchter an Tschö-tschi und dieser gab ebenfalls eine seiner 
Töchter dem Könige von Kbang-khiü zur Gemahlinn. Das Land Khang- 
khiü hielt den Ankömmling überaus in Ehren, und dieser gedaehte 
das Ansehen, in welchem er daselbst stand, dazu zu benützen, um 
sämmtliche Länder jener Gegenden einzuschüchtern. 

Tsche-tschi verwendete öfters die Streitkräfte von Khang- 
khiü, mit denen er das benachbarte Land $ i u - sün *) an griff 


t) Das Land Khang-khiu ist SogdiffMf. In der hier angegebenen Entfernung befand sich 
der Winteraufenthalt des Königs ton Kbang-khiü. Der Ort, Wo dieser König den 
Sommer znznbrbigen pflegte, war von Tschang-ngan neuntausend einhundertund - 


vier Weglangen entfernt. 

*) Dieses mficMige Land lag in Südosten von Khang-khiü and das hier sogleich genannte 




Tsch'hT-kö-sching „die Fette des rothen Thaies“ war von Tschang- 


ngnn achttansend neunhundert Weglingen entfernt. 


Sitzl». d. phil.-hist. CI. XL. Bd. III. Hfl. 


27 


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404 


Dr. Pfi z in a i e r 


und in dasselbe tiefe Einfälle machte, indem er bis zu der „Feste 
des rothen Thaies“, dem Wohnsitze des Königs von U-9ün, vordrang, 
dabei Menschen des Volkes tödtete und auf seinen Streifzögen die 
Heerden forttrieb. Die Macht von U-sün getraute sich nicht, die 
Räuber zu verfolgen, so dass die an den Westmarken von Han gele- 
genen Länder verödeten und eine Strecke von nahe tausend Weg- 
längen unbewohnt blieb. 

Tsche-Ischi Schen-yü hatte schon durch die Macht eines gros- 
sen Landes seinem Namen Achtung verschafft und war ein Mann 
von Einfluss geworden. Jetzt that er sich noch auf seine Siege zu 
Gute und liess in seinem Stolze die dem Könige von Khang-khiü 
schuldigen Rücksichten ausser Acht. Er tödtete im Zorne die Toch- 
ter des Königs von Khang-khiö nebst auderen Weibern und noch 
mehreren hundert Menschen des Volkes, von denen er einige mit ab- 
gehauenen Gliedmassen in den Fluss ;j||J Tu-lai werfen liess. 
Ausserdem wurden auf seinen Befehl Leute des Volkes ausgehoben 
und bei der Aufführung von Stadtmauern verwendet. An diesen Bauten 
arbeiteten täglich fünfhundert Menschen, was erst nach zwei Jahren 
ein Ende nahm. Ferner liess er durch seine Gesandten die Länder 


||j| flP Hö-su 0 und das grosse jjfj? Wan*) auffordern, die jähr- 
lich als Abgabe dienenden Geschenke an ihn einzusenden. Keines 
dieser Länder hatte den Muth, die Gabe zu verweigern. 

Endlich schickte Han drei verschiedene Gesandte nach Khang- 
kbiö mit dem Aufträge, die Leichname Kö-ke's und der übrigen 
Mitglieder der früheren Gesandtschaft zu begehren. Tsche-tscbi 
quälte und beschimpfte auch diese zuletzt abgeschickten Gesandten 
und weigerte sich, die höchste Verkündung anzunehmen. Bei dieser 
Gelegenheit übersandte er durch den die Stelle eines =j|£ ^||J Tu-hoe, 
„allgemeinen Erhalters“ *) bekleidenden Würdenträger dem Him- 


*) Das Land Hö-su, welches sonst auch 


Yen-tsai genannt wird, lag etwa 


tausend Weglangen nördlich ron Khang-khiu. 

2 ) Der Wdftnsitz des Königs des grossen Wan war von Tschang-ngan zwölftausend 
zweihundert fünfzig Weglängen entfernt. 

8 J Zur Zeit des Allhalters Siuen meldeten secbsunddreissig Länder des Westens ihren 
Anschluss an das Innere von Han. Der Himmelssohn bestimmte zu deren Überwachung 
einen Gesandten, dem der Name „allgemeiner Erhalter“ beigelegt ward. Zur Zeit der 
hier erzählten Ereignisse bekleidete Kan-yen-scheu die Stelle eines solchen Gesandten . 


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Tschin-thang, Fürst-Zerlrümmerer ron Hu. 


40 » 


melssokne ein Schreiben» worin er sagte : leb befinde mich in Noth 
und Bedrängniss. Es ist mein Wunsch» mich anzuschliessen, zu 
empfangen die Rathschläge von den mächtigen Han und zu schicken 
meinen Sohn» damit er eintrete und aufwarte. — Diese Worte mit 
denen er Han verspottete» werden als ein Beispiel von dem Stolz und 
Übermut!) Tsche-tschi Sehen -yü’s angeführt. 

Im dritten Jahre des Zeitraumes Kien-schao (36 vor uns. Zeitr.) 
unternahmen Tschin-thaogundKan-yen-scheu ihren Zug nach denLän- 
dern der westlichen Fremden. Tschin-thang war ein Mann von aus- 
nehmendem Muthe und grosser Überlegung» der» reich an Entwürfen» 
Freude an der Verrichtung wunderbarer Thaten hatte. Wenn ihn 
sein Weg zu einer Feste» einer Stadt» einem Berge oder fliessenden 
Gewässer führte» bestieg er gewöhnlich eine Anhöhe und über- 
blickte die Gegend. 

Nachdem er die Leitung der auswärtigen Länder übernommen» 
hielt er mit Kan-yen-scheu Rath und theilte diesem seine Gedanken 
in folgender Auseinandersetzung mit: Die Fremdländer des Ostens 
und Nordens sind voll Scheu und Unterwürfigkeit. In grosser Aus- 
säung ist dies bei ihnen die Angeborenheit des Himmels. Die Län- 
der der westlichen Marken gehören ursprünglich den Hiung-nu's. 
Jetzt hat Tsche-tschi Schen-yü einen furchtbaren Namen» in weiter 
Entfernung wird von ihm gehört. Er sucht heim mit Einfällen und 
beleidigt U-sün und das grosse Wan. Er befasst sich beständig für 
Khang-khiü mit Anschlägen» er will jene zur Unterwerfung bringen. 
Wenn er gewinnt diese zwei Länder, wenn er im Norden losschlägt 
gegen I-lie 1 )» im Westen wegnimmt Ngan-si*), im Süden zurück- 
schlägt die Thorflügel von Yue-tschi *) und San-li-U-yl*)» so sind 


*) Das Land l-lie lag im Norden des Thien-aan. 


Ngan-sT, ein grosses Land, welches mehrere taosend Weglingen im 
Umfange hatte uud dessen Hanptstadt sich Ton Tschang-ngan in einer Eotfernung 
von eintausend sechshundert Weglfingen befand. Dessen Bewohner bedienten sich 
des geprfigten Silbergeldes und einer Schrift mit querlaufenden Zeilen. 

*) Die Hauptstadt des Landes Yue-tschi war ron Tschang«ngan eintausend 

sechshundert Weglfingen entfernt. 

4) Dieses als rolkreich geschilderte Land wird sonst immer giiii t ü 
U-yT-san-li genannt. Der Wohnsitz seines Königs tyar ron Tschang-ngan zwölftau- 
send zweihundert Weglfingen entfernt. 

27 * 


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406 


Dr. P fizmaier 


in einigen Jahren die Länder der Stadtmauern und Vorwerke *) in 
Gefahr. 

Auch ist dieser Mensch rasch und inuthig, er liebt Kampf und 
Angriff. Wenn er mehrmals siegt und Länder lange Zeit unter seiner 
Obhut hat, so wird er gewiss für die westlichen Marken ein Gegenstand 
der Sorge. Befindet sich derWohnsftzTsche-tschiSehen-yü’s auch io 
überaus grosser Entfernung, die Fremdlftnder haben nicht die Ver- 
theidigung eherner Mauern mit starken Armbrüsten. Wenn wir aus- 
röcken lassen die Angestellten und Kriegsmänner der Felder der 
zusammengezogenen Schaaren •), voransprengen und folgen heissen 
die gesammte Waffenmacht von U-sün, gerade mit dem Finger zei- 
gen auf den Fuss seiner Stadtmauern, mag jener dann fliehen, so 
hat er keinen Ort, wohin er sich könnte begeben, mag er sich ver- 
teidigen, so ist dies für ihn nicht hinreichend, sich zu schützen. 
Me Kriegstbaten von tausend Jahren können an einem einzigen Mor- 
gen verrichtet werden. 

Kan-yen-seheu war ebenfalls der Meinung Tsehin-thang’s und 
wollte, das9 man den Entwurf dem Himmelssohne vorlege und um 
die Erfauboiss zur Ausführung bitte. Tschin-thang hielt dies nicht 
für zweckmässig und sagte: Die Länder und Häuser gehen mit den 
Fürsten und Erlauchten zu Rathe. Grosse Entwürfe werden von ge- 
wöhnlichen Menschen nicht durchblickt. Der Sache wird gewiss 
nicht Folge gegeben werden. 

Kan-yen-scheu hegte gegen ein solches unerlaubtes Vorgehen 
Bedenken und ging hierauf nicht ein. Als er hierauf in eine längere 
Krankheit verfiel, erdichtete Tscbing-thang für sich allein die Aus- 
fertigung eines höchsten Befehles und Hess die Streitkräfte sämmt- 
licher Länder der „Stadtmauern und Vorwerke“, ferner die in den 


drei Landen von Sfi # Tsch'he-sse -) weilenden Hiao-wei (nie- 
deren Heerführer) der Reihe Meu und ^ Khi 4 ), endlich die 


f) „LSnder der Stadtmauern und Vorwerke* heissen die westlichen Marken, weil 
deren Bewohner, im Gegensätze zu den Hiung-nu’s, sich nicht ausschliesslich ron 
Viehzucht nährten und auch kein Wanderleben führten. 

*) Die Felder, auf denen die Krieger Ackerbau trieben. 

8 ) Die drei Linder ron Tsch'he-sse waren ron Tschang-ngan beinahe neuntausend 
Weglingen entfernt. 

*) Meu ist das fünfte, Khi das sechste der su dem ZSbhmgskreise verwendeten Wör- 
ter, welche die „sehn Stengel* genannt werden. Unter diesen Wörtern gehen, 
wie angegeben wird, alle übrigen auf ein Viereck, nur das fünfte und sechste 


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Tscliin-lhaog, Furst-Zerlriiinmerer von Hu. 


407 


Angestellten und Kriegsmänner der „zusammengezogenen Schaaren“ 
ausrücken. 

Als Kan-yen -scheu dies erfuhr, erhob er sich erschrocken von 
seinem Lager und wollte diese Verfügungen rückgängig machen. 
Aber Tschin-thang legte zornig die Hand an das Schwert und schrie 
seinen Gefährten mit den Worten an: Die grosse Heeresmenge hat 
sich bereits versammelt: will ein Knabe aufhalten eine Heeres- 
menge? — * Kan-yan-scheu leistete sofort Folge. 

Man wies hierauf den Streitkräften ihre Stellungen an und 
führte die Reihen vorwärts, wobei Tschin-thang, um den Ruf seiner 
Macht zu begründen, drei neue Befehlshaber: (inen Hiao des „aus- 
gebreiteten Ansehens“, einen Hiao des „weissen Tigers“ und einen 
Hiao der „vereinten Reiter“ einsetzte. Nachdem die gesammte Macht 
Von Han und Hu sich vereinigt hatte, betrug deren Stärke vierzig- 
tausend Streiter. 

Kan-yen-scheu und Tschin-thang richteten jetzt an den Him- 
melssohn ein Schreiben, worin sie sich einer Schuld ziehen und 
meldeten, dass sie die Ausfertigung des höchsten Befehles erlogen 
hätten. Zugleich legten sie auch die von ihnen entworfenen Umrisse 
des Feldzuges dar. 

Man liess hierauf noch an demselben Tage das Heer vorrücken 
und ernannte, indem man dasselbe theilte, noch sechs verschiedene 
Hiao zu Anführern. Drei Hiao , welche auf dem südlichen Wege *) 
zogen, überschritten das Gebirge Thsung-Iing und näherten sich 
auf schmalen Fusssteigen dem grossen Wan. Die drei anderen Hiao 
und der Tu-hoe zogen unter der Anführung Tschin-thang's von dem 
Lande Wen-sö») aus, drangen # indem sie den nördlichen 

Weg«) erwählten, in Tsch’hT-kö, den Wohnsitz des Königs von 
U-sün, überschritten, indem sie U-sün hinter sich Hessen, die Marken 

massen zurecht gestellt werden. Die zwei genannten Heerführer, welche für die 
Lander der westlichen Marken bestimmt sind, haben ebenfalls keinen beständigen 
Wohnsitz, wesshalb sie ihre Namen von dem fünften und sechsten Worte der zehn 
Stengel erhielten. Nach Anderen befinden sich die Wörter Meu und Khi in der 
Mitte, wo sie die vier Seiten niederhalten und überragen. Die zwei eingesetzten 
Hiao-wei haben ihren Wohnsitz ebenfalls in der Mitte des Landes der westlichen 
Marken, von wo sie sämmtliche Länder beruhigen. 

*) Der südliche Weg ist das Land im Süden des Thien-san. 

*) Das Land Wen-sö war von Tschang-ngan achttausend dreihundert fünfzig Weglän- 
gen entfernt 

3 ) Der nördliche Weg ist das Land im Norden des Thien-san. 


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408 


Dr. P fi z m a i e r 


des Landes Khang-khiü und standen westlich von einem Orte, 
Namens Hfe M Tien-tsclThi *). 

Während die Streitkräfte so weit vorgedrungen waren, unter- 
nahm Pao-tien, der zugesellte König von Khang-khiü, 

mit einigen tausend Reitern einen Raubzug nach den im Osten der 
Feste von Tsch’ht-kö gelegenen Gegenden, tödtete oder entführte 
ungefähr tausend dem Lande des grossen ® % Hoen-mi*) an- 
gehörige Menschen, trieb zahlreiche Heerden fort und erschien 
hierauf im Rücken des Heeres von Han, wo er die nachziehenden 
Lastwagen in ziemlich bedeutender Menge wegnahm und plünderte. 

Tschin-thang tfberliess es den Kriegern von Hu, den König 
anzugreifen. Diese Hilfsmacht tödtete dem Könige vierhundert sechzig 
Leute und nahm ihm vierhundert siebenzig Menschen des Volkes, 
welche auf diesem Streifzuge weggeführt worden waren, wieder ab. 
Tschin-thang Hess die von ihm befreiten Menschen dem grossen 
Hoen-mi wieder zukommen, die ebenfalls erbeuteten Pferde, Rinder 
und Schafe behielt er jedoch und sorgte dadurch für den Lebens- 
unterhalt seines Heeres. Bei dieser Gelegenheit ward auch ein bei 
dem Könige Pao-tien angesehener Mann, Namens Ifo fj/h I-nu- 
to, durch die Krieger von Han gefangen genommen. 

Nachdem Tschin-thang die östliche Mark von Khang-khiü über- 
schritten, erliess er einen Befehl, woriu er seinem Heere das Plündern 
verbot. Er bewirkte hierauf, dass ein in dem Lande angesehener 
Mann, Namens §j§ Thu-me, heimlich herbeigerufen wurde. Er 
empfing diesen bei sich, verkündete ihm, dass er (Tschin-thang) mit 
Macht ausgerüstet sei, dabei das Vertrauen des Gebieters besitze und 
entliess ihn wieder, nachdem er in seiner Gesellschaft getrunken 
und mit Ihm einen feierlichen Vertrag geschlossen. 

Unterdessen führte Tschin-thang seine Reiben immer vor- 
wärts. Als er von der Feste des Schen-yü etwa noch sechzig 


& ) Dieser Name soll, wie Khang-hi auffallender Weise angibt, Ki-tach’hi ausgespro- 
chen werden. 

*) Hoen-mi wurden die Köuige von U-sun genannt. Zur Zeit der hier erzählten Bege- 
benheiten gab es eiuen grossen und einen kleinen Hoen-mi, deren jeder ein beson- 


deres Gebiet besass. Noch früher wurden die Worte Hoeu-mi durch 



Hoen-mö ausgedruckt. 


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Tschin-thaug, Fürsl-Zertrümmerer von Hu. 


409 


Weglängen entfernt war, machte er Halt und verschanzte sich. 
Hier nahm er wieder zwei in Khang-khiü angesehene Männer, 
Namens f ei Pei-si-tse und /jp ^ ^ Nan-khai-meu 
gefangen und bediente sich derselben als Wegweiser. Der hier 
genannte Pei-sT-tse war der jüngere Bruder der Mutter des früher 
erwähnten Thu-ine. Alle diese Männer hassten den Schen-yü, und 
Tschin-thang verschaffte sich durch sie Kenntniss von der Denkungs- 
art Tsche-tschi’s. 

Am folgenden Tage führte Tschin-thang seine Reihen wieder 
vorwärts. Als er von der Feste noch dreissig Weglängen entfernt 
war, machte er wieder Halt und verschanzte sich. Der Schen-yü 
schickte jetzt einen Gesandten und liess fragen, was die Ursache 
dieses Anrückens der Streitkräfte von Han. Man antwortete ihm: 
Der Schen-yü hat emporgereicht ein Schreiben, worin er sagt: Ich 
befinde mich in Noth und Bedrängniss. Es ist mein Wunsch, mich 
anzuschliessen , zu empfangen die Bathschläge von dem mächtigen 
Han, in Selbstheit einzutreten und zu erscheinen an dem Hofe. — 
Der Himmelssohn empfand Mitleid und bedauerte den Schen-yü, der 
verlassen hat das grosse Königsland und gebeugten Sinnes sich be- 
findet in Khang-khiü. Desswegen hiess er den Tu-hoe befehligen ein 
Kriegsheer, hier ankommen und abholen den Scheu-yü sammt dessen 
Gattinn und Kindern. Wir fürchteten, dass dieUmgebung zur Rechten 
und Linken in Schrecken gerathen werde, desswegen wagten wir 
es noch nicht, einzutreffen unter den Stadtmauern. 

Die Gesandten kamen und entfernten sich mehrmals mit Ant- 
worten, bis endlich Kan-yen-scheu und Tschin-thang den Schen-yü 
mit folgenden Worten zur Rede stellen Hessen: Wir kommen um des 
Schen-yü willen aus weiter Ferne und sind hier eingetroffen. Jetzt 
ist kein namhafter König 1 )* kein grosser Mann, der besucht den 
Heerführer und in Empfang nimmt den Gegenstand. Warum hat der 
Schen-yü vergessen die grosse Berathung, ausser Acht gelassen die 
Gebräuche, die gelten zwischen Gast und Wirth? Die Wege, auf 
denen die Streitkräfte daherkommen, sind weitgedehnt, Menschen 
und Thiere sind erschöpft auf das Äusserste, die Lebensmittel 
werden wahrscheinlich zu Ende gehen. Es ist zu fürchten, dass 
wir auf keine Weise heimkehren können. Wir wünschen, dass der 


*) Ein namhafter König itt »o viel als einer der aufeaehensteu Köuige de» Landes. 


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Dr. P f i z m a i e r 


Schen-yü mit den grossen Dienern untersuche das Rohrbretl der 
Rathsohläge. 

Am folgenden Tage rückte das Heer yon Han bis zu der Feste 
Tschc-tschi's und an die Ufer des Flusses Tu-lai. Als es von den 
Stadtmauern nur noch drei Weglängen entfernt war, machte 
es Halt und verschanzte sich, indem es seine Schlachtreihen aus- 
hreitete. Die Krieger von Han gewahrten jetzt aus der Ferne, dass 
auf der Höhe der Mauern, welche die Feste des Schen-yü bildeten, 
• fünffarbige glänzende Fahnen aufgesteekt waren. Mehrere hundert 
in Panzer gekleidete Männer hatten die Stadtmauern ^bestiegen. 
Ferner hatte der Feind hundert Reiter ausgeschickt, welche an dem 
Fusse der Stadtmauern auf und ab sprengten, während hundert Krieger 
zu Fusse das Thor einschlossen und eine Schlacbtreihe in Gestalt 
unter einander gemengter Fischschuppen bildeten. Hierdurch wollte 
der Feind zu verstehen geben, dass er in der Kriegführung geübt sei. 

Die Leute auf den Mauern winkten abwechselnd dem Heere von 
Han und riefen, dass man zum Kampfe herbeikommen möge. Zu 
gleicher Zeit sprengten hundert feindliche Reiter gegen die Ver- 
9 schanzungen von Han. Die Leute in den Verschanzungen spannten 
die Armbrüste und zeigten, während sie diese, mit Pfeilen belegt, in 
den Händen hielten, mit den Fingern auf die Nahenden, worauf diese 
Reiterscbaar rasch zurückwich. 

Aus dem Lager von Han entsandte man jetzt eine ziemliche 
Menge Anführer und Kriegsmänner, welche nach den vor dem Thore 
der Feste befindlichen Reitern und Fussgängern mit Pfeilen schossen. 
Dies batte zur Folge, das sämmtliche Reiter und Fussgänger den 
Rückzug in die Feste antraten. 

Kan-yen-scbeu und Tschin-thang gaben jetzt dem Heere den 
Befehl, unter Trommelschlag und in dichten Reihen an den Fuss der 
Stadtmauern zu rücken. Die Feste ward sofort von allen vier Seiten 
eingeschlossen. Man fand dort alles in Vertheidigungsstand gesetzt, 
rings um die Mauern war ein Wassergraben gezogen und die Thore 
und Zugänge waren verrammelt. Die Vertheidiger hatten ihre Schilde 
vorangestellt, während sich die Hellebarden und Armbrüste hinter 
ihrem Rücken befanden. 

Die Krieger von Han schossen vorerst mit Pfeilen nach den 
Leuten , welche die in der Feste erbauten Thürine besetzt hielten. 
Diese Leute stiegen von den Thürmen herab und entflohen. 


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Tsuhin-thang, Fürst- Zertruminerer rou Hu. 


411 


Die Festungswerke der Stadt des Schen-yü bestanden aus einem 
Erdwall, der seinerseits wieder von einem doppelten hölzernen Wall 
umgeben war. Von diesem hölzernen Walle schossen die Leute des 
Schen-yü mit Pfeilen 9 wobei eine ziemlich grosse Anzahl Belagerer 
getödtet und verwundet wurde. Die Belagerer legten Brennholz umher 
und verbrannten den hölzernen Wall, ln der folgenden Nacht versuch- 
ten es mehrere hundert Reiter, das Freie zu gewinnen, sie stiessen 
jedoch auf die Bogenschützen von Han und ßelen unter deren Pfeilen. 

Der Schen-yü hatte ursprünglich, als er die Ankunft der Streit- 
kräfte von Han erfuhr, die Absicht, sich zu entfernen. Da er aber den 
König von Khang-khiü im Verdacht hatte, dass er ihm übel wolle 
und mit Han einverstanden sei, da er überdies erfahren, dass die 
Kriegsmacht von U-sün und der übrigen Länder der Westmarken im 
Bunde mit Han ausgerückt, glaubte er keinen Ort zu haben, an den er sich 
mit Sicherheit begeben könne. Tsche-tschi hatte bereits seine Feste 
verlassen, als er wieder zurückkehrte und sprach: Man muss sich mit 
Ausdauer vertheidigen. Die Streitkräfte von Han kommen aus weiter 
Ferne, sie sind nicht im Stande, lange Zeit Angriffe zu machen. „ 

Der Schen-yü stand jetzt, mit dem Panzer angelhan, auf einem 
Thurme, ihm zur Seite die Yen-tschi (Königinn) und die übrigen 
Gemahlinnen, mehrere zehn an der Zahl, die sfimmtlich mit Bogen 
bewaffnet waren und gegen die Belagerer Pfeile entsendeten. Der 
Schen-yü ward von einem Pfeile der Belagerer in die Nase getroffen 
und auch die Gemahlinnen fanden zum grossen Theile den Tod. 
Der Schen-yü stieg hierauf von dem Thurme und schwang sich auf 
ein Pferd, indem er den Kampf bald fortsetzte, bald wieder sich 
in das Innere seines Wohngebäudes begab. 

Nach Mitternacht wurden die in dem Graben der hölzernen 
Umwallung befindlichen Leute zurückgeworfen und zogen sich in 
den von einem Erdwall umgebenen Theil der Feste zurück. Daselbst 
bestiegen sie die Mauern und riefen mit lauter Stimme. In diesem 
Augenblicke theilte sich die unterdessen herbeigekommene aus zehn- 
tausend Reitern bestehende Kriegsmacht Yon Khang-khiü und stellte sich 
an zehn verschiedenen Orten auf, indem sie aus der Ferne um die Feste 
einen Kreis bildete und sich zugleich mit den Belagerten in'sEinver- 
ständniss setzte. Demgemäss stürzten sich in derselben Nacht die 
Belagerten mehrmals auf die Verschanzungen von Han, wobei sie je- 
doch keine Vortheile davontrugen und alsbald zurückgeworfen wurden. 


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Dr. P f i x m a i e r 


Bei Tagesanbruch loderte von allen vier Seiten der Feste Feuer 
empor. Die Anführer und Kriegsmänner von Han riefen in ihrer 
Freude mit lauter Stimme und eilten dem Feinde entgegen, während 
von dem Klang der Glocken und Trommeln die Erde erzitterte. Das 
Reiterheer von Khang-khiü ward sofort geworfen und räumte das 
Feld. 

Die Krieger von Han schoben hierauf von allen vier Seiten die 
Schilde vor und drangen zu gleicher Zeit in die von Erdwällen umge- 
bene Feste. Der Schen-yQ in Begleitung von etwa hundert Männern 
und Weibern flüchtete in das Innere seines Wohngebäudes. Die 
Krieger von Han steckten das Wohngebäude in Brand, worauf die 
Anführer und Kriegsmänner im Wetteifer eindrangen und der 
Schen-yü, mit Wunden bedeckt, sein Leben verhauchte. 

Ein Mann, Namens Tu-hiün, der in dem Heere die 

Stelle eines „wartenden vorläufigen Gehilfen“ *) bekleidete, trennte 
das Haupt des Schen-yü von dem Rumpfe, eine That, welche in 
späterer Zeit auf ausnehmende Weise belohnt ward. Bei dieser 
Gelegenheit wurden auch zwei Abschnittsröhre der Gesandten von 
Han und die von Kö-ke und dessen Gefährten mitgebrachten Seiden- 
stoffe und Bücher vorgefunden. Alle erbeuteten Gegenstände wurden 
denjenigen, welche sie erbeutet hatten, überlassen. 

Die Sieger schlugen im Ganzen ein tausend fünf hundert acht- 
zehn gefallenen Feinden, unter welchen sich nebst dem Schen-yü die 
Yen-tschi (Königinn), der zur Nachfolge bestimmte Sohn des Schen- 
yü und mehrere „namhafte Könige“ befanden, die Häupter ab. Leben- 
dig gefangen wurden einhundert fünfund vierzig, gefangen gaben 
sich über tausend Feinde, welche unter die fünfzehn Könige der in 
diesem Feldzuge mit Han verbündeten Länder der „Stadtmauern 
und Vorwerke“ vertheilt wurden. 

Kau-yen-scheu und Tschin-thang richteten nach ihrem Siege 
an den Himmelssohn das folgende, eine Darlegung des Gesche- 
henen enthaltende Schreiben: 

Wir haben gehört: die grosse Gerechtigkeit der Welt soll ge- 
meinsam sein und bilden ein Ganzes. Ehemals gab es die Geschlechter 


*) Derselbe wird soust nur zSfla Kia-schiug „der vorläufige liebilfe“ uud 
Heu-scliing „der wertende Gehilfe“ genannt. 


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Tschin-lhang, FGrst-Zertrüinmerer von Hu. 


413 


Thang und Yü 1 )* jetzt gibt es das mächtige Han. Unter den 
Hiung-nu’s hatte sich Hu-han-ye Schen-yü bereits genannt das 
Gehäge des Nordens. Bios Tsche-tschi Schen-yü batte sich aufge- 
lehnt, widersetzt und noch nicht bekannt seine Verbrechen. Weilend 
im Westen des grosse Hia, hielt er daftlr, dass das mächtige Han nicht 
im Stande, ihn zum Diener zu machen. Tsche-tschi Schen-yü war quä- 
lerisch und verderbend in seinem Verfahren gegen das Volk, von 
grosser Schlechtigkeit in seiuem Verkehr mit dem Himmel. 

Der Diener Yen-scheu und der Diener Tschang stellten sich an 
die Spitze der Streitmacht der Gerechtigkeit und verhängten die 
Strafe des Himmels. Wir verliessen uns auf den göttlichen Geist 
dessen, vor dem wir stehen unter den Stufen. Die Stoffe der Fin- 
sterniss und des Lichtes entsprachen in Gemeinschaft, die Luft des 
Himmels war lauter und hell. Wir stürzten in den Abgrund Schlacht- 
reihen, überwältigten den Feind, enthaupteten Tsche-tschi und 
Andere, von den namhaften Königen abwärts. Eis ist angemessen, auf- 
zuhängen die Häupter in der Gasse der verdorrten Bäume*) zwi- 
schen den Einkehrhäusern der Fremdländer *), um zu zeigen den 
Ländern in einem Umfange von zehntausend Weglängen deutlich, 
dass, wer etwas verbricht gegen das mächtige Han, befände er sich 
auch in der Ferne, gewiss hingerichtet wird. 

Diese Eingabe wurde den Inhabern der Vorsteherämter zur 
Begutachtung überwiesen. Der damalige Landesgehilfe pf 

Khuang-heng und der oberste vermerkende Grosse 
Po-yen-scheu äusserten als ihre Meinung, dass, wenn man die Häup- 
ter Tsche-tschi*s und der namhaften Könige von einem Lande zum 
anderen schickte, alle Fremdländer ohne Ausnahme dies erfahren 
würden. Man befände sich jetzt im Frühling, einer Jahreszeit, in der 
man nach den Vorschriften für die Monate die ausgetrockneten 
Knochen verdecken und das faule Fleisch vergraben müsse, und es 
zieme sich daher, das Aufhängen der Häupter zu unterlassen. 


f ) D. I. die Allhalter Yho und Schiin, von denen der erstere von dem Geschlechte Thang, 
der letatere von dem Geschlechte Yü. 

*) In Tschang-ngan war eine Gasse Namens r^7 Kao-kiai »die Gasse der ver- 

dorrten Baume*. 

*) Die für die fremdländischen Gaste bestimmten Einkehrbätiser befauden sich an 
Tschang-ngau in der hier erwöhnteu Gasse der verdorrteu Bäume. 


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Dr. P f i z m a i e r 


Dagegen wurde jedoch von ^ Hiü-kia, dem Heerführer 

der Wagen und Reiter, so wie von jjjlEj J Wang-schang, dem 
Heerführer der Rechten, geltend gemacht, dass bei der in dem Werke 
„Frühling und Herbst* erwähnten Zusammenkunft von 

Kiä-ko der Gaukler j ^ Schi den Landesförsten verlacht habe 
and dafür auf Befehl Khung-tse’s hingerichtet worden sei 4 ). Es sei 
damals mitten im Sommer gewesen, und das Haupt und die Füsse 
des Hingerichteten wären bei verschiedenen Thoren hinausgeschafft 
worden. Es sei daher angemessen, die Häupter durch zehn Tage 
aufgehängt zu lassen und nach Verlauf dieser Zeit sie zur Erde zu 
bestatten. 

In einer hierauf erfolgten höchsten Verkündung ward diese 
Sache an die Heerführer zur Berathung überwiesen. Die Heerführer 
hiessen die zuletzt vorgebrachte Meinung gut, worauf die Häupter 
durch zehn Tage öffentlich zur Schau gestellt wurden. 

In früheren Tagen hatte der die Stelle eines Tschung-scku-ling 
„mittleren BucbfSührers“ bekleidende, als Schmeichler und Günstling 
bekannte Halbmann Schi-hien gewünscht, seine ältere Schwester 
mit Kan-yen-scheu zu vermählen, worauf dieser nicht eingegangeu 
war. Zugleich fanden es der Landesgehilfe und der oberste Vermer- 
ker abscheulich , dass Kan-yen-scheu die Ausfertigung des höchsten 
Befehles erlogen, wesswegen die genannten drei Männer auch gegen 
Tschin-thang nicht gut gesinnt waren. Ausserdem zeigte Tschin- 
thang eine unverholene Begierde nach den erbeuteten Schätzen 
und liess sich, nachdem das Heer die Versperrungen überschritten, 
viele Ungesetzlichkeiten zu Schulden kommen. Der Vorsteher der 
kleinen Gerichtsbeamten, der von dem Range der Hiao-wei, schickte 
daher auf den Wegen, welche das heimziehende Kriegsheer benützte, 
schriftliche Befehle umher , denen gemäss die Angestellten des 


*) Ting, Fürst von Lu, hatte in dem sehnten Jahre seiner Lenkung (500 vor uns. Zeitr.) eine 
Zusammenkunft mit dem Fürsten von Tsi in Kiä-kö, wobei Kbung-tse das Amteines 
Landesgehilfen versah. Der Fürst von Tsi liess das Klangspiel des fürstlichen Wohn- 
gebiudes auffuhren, während Gaukler und Zwerge vor den Anwesenden Possen trie- 
ben. Khung-tse begab sich sofort zu den Stufen, stieg empor und sprach : Wenn eiu 
gewöhnlicher Mensch beschimpft den Landetffirsten, so ist dies ein Verbrechen, snf 
welches die Hinrichtung gesetzt ist. — Demnach liess er einen der Gaukler enthaup- 
ten und dessen Haupt und Füsse an verschiedenen Orten niederlegen. Der Fürst von 
Tsi jedoch ward von Furcht befallen und zeigte sich beschämt. 


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Tschtn-thang, För»t-Zertnaramerer von Hu. 415 

Heeres und die Kriegsmänner gebundeu und von den Richtern ver- 
hört wurden. 

Tschin-thattg überschickte auf die Kunde von dieser Verfü- 
gung dem Himmelssohne eine Auseinandersetzung» worin er sagte: 
Ich habe mit den Angestellten und Kriegsmännern in Gemeinschaft 
gestraft Tsche-tschi Schen-yü. Wir waren so glücklich, ihn zu 
ergreifen und zu vernichten, aus einer Entfernung von zehntausend 
Weglängen kehrt die Heeresmenge heim. Es ziemt sich, dass ein 
Gesandter ihr entgegenzieht und sie bewillkommnet auf den Wegen. 
Jetzt thut der Vorsteher den kleinen Angestellten davon das Gegen- 
theil, lässt sie aufgreifen, binden und von den Richtern verhören. 
Hierdurch rächt er Tsche-tschi an seinen Feinden. 

Auf diese Zuschrift Hess der Himmelssohn die Angestellten und 
Kriegsmänner unverzüglich in Freiheit setzen und gabBefehl, dass man 
von Seite der Kreise auf den Wegen Wein und Speise bereit halten 
und die Heimkehrenden auf ihrem Durchzüge bewirthen möge. 

Als das Kriegsheer eingetroffen, berieth man über die Verdienste, 
welche sich dasselbe erworben, und über die den Anführern zucrthei- 
lenden Belohnungen. Schi-hien und Khuaog-heng äusserten dabei 
als ihre Meinung, dass Kan-y en-scheu und Tschin-thang, welehe 
eigenmächtig ein Kriegsheer ausgehoben und die Ausfertigung des 
höchsten Befehles erlogen hätten, schon von Glüek sagen können, 
dass sie nicht hlngericlitet werden. Wenn man ihnen jetzt wieder 
Lehensstufen und Land verleihen wollte, so würden diejenigen, welche 
in späterer Zeit Gesandtenstelleu erhielten, sich um die Wette mit 
gefährlichen Dingen befassen wollen und es als ein Glück anstreben, 
dass mit den Fremdiändern Streitigkeiten erhoben würden. Man 
würde dadurch Unglück über das Land bringen und man dürfe dazu 
nicht nach und nach den Weg bahnen. 

Der Allhalter Yuen jedoch freute sich innerlich über die Thaten 
Kan-yen-scheu’s und Tsehin-thang's und setzte den Rathschlägen 
Khuang-heng's und Schi-hien's Bedenken entgegen. Da man sich 
in dem Rathe durch längere Zeit zu keinem Beschlüsse einigte, 
übersandte |pj Lieu-hiang, der ehemalige „Zurechtsteller des 
Stammhauses tf , dem Himmelssohne die folgende Auseinandersetzung: 

Tsche-tschi Schen-yü hat in Gefängnisse gesetzt und getödtet 
Gesandte, Angestellte und Kriegsmänner gegen hundert an der Zahl. 
Die Sache hat urplötzlich an Verbreitung gewonnen in den auswär- 


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Dr. P f i z m a i e r 


tigen Ländern, Wunden geschlagen der Macht, vernichtet den Ein« 
fluss. Die sämmtlichen Diener empfanden darüber Schmerz. Du, vor 
dem ich stehe unter den Stufen, hattest den glühenden Wunsch, 
jenen zu strafen, in deinen Gedanken hattest du noch niemals darauf 
vergessen. 

Der allgemeine Erhalter der westlichen Marken Yen-scheu und 
der zugetheilte Beruhiger des Vordaches Thang haben in Empfang 
genommen die höchstweise Andeutung, sich verlassen auf den gött- 
lichen Geist, um sich versammelt die Gebieter der hundert Fremd- 
länder, zusammengefasst die Streitkräfte der Stadtmauern und Vor- 
werke. Sie sind ausgezogen zu hundertfachem Tod, eingetreten in 
die zerrissenen Marken. Sofort brachten sie zum Sturze Khang-khiü, 
verwüsteten eine feste Stadt mit fünffachen Mauern 1 )» rissen aus 
dem Boden die Fahnen der HY-heu*), trennten vom Rumpfe Tsche- 
tschi's Haupt, erhöhten ihre Banner jenseits einer Strecke von zehn- 
tausend Weglängen. Sie verbreiteten die Macht bis zu den Ländern 
im Westen des Berges Kuen*), sie tilgten Kö-ke's Schande, be- 
gründeten die glänzenden, offenkundigen Verdienste. Die zehntausend 
Fremdländer werfen sich zu Boden zaghaft, unter ihnen ist keiner» 
der nicht von Furcht erfüllt ist und zittert. 

Als Hu-haiwye Schen-yü sah, dass Sche-tschi bereits gestraft 
worden, freute er sich und fürchtete sich zugleich. Er wandte sich 
gegen den Wind, jagte entgegen der Gerechtigkeit, senkte zu Boden 
das Haupt und kam herbei als Gast. Es ist sein Wunsch, zu bewa- 
chen das Gehäge des Nordens, durch die fortgesetzten Geschlecbts- 
alter sich zu nennen einen Diener. Sie haben begründet die Ver- 
dienste von tausend Jahren, hergestellt die Ruhe von zehntausend 
Geschlechtsaltern, unter den glänzenden Thaten sämmtlicher Diener 
ist keine* die grösser. 

Einst verhängten Fang-scho 4 ) und Ke-fu, die grossen Würden- 
träger von Tscheu, im Namen des Königs Siuen Strafe über die Hien- 


*) Nach dem Berichte über den Feldzug war die Hauptstadt von Khang-khiü nur ron 
einem dreifachen Walle, einem ron Erde und awei höliernen, umgehen. 

a ) HT-heu ist eine allgemeine Benennung der grossen Wurdeutrfiger der 

westlichen Fremd linder. 

*) Das Gebirge Kuen-lün. 

4) ^ Fang-schö, ein Erlauchter des Königs Siuen von Tscheu, ward zum 

Heerführer in dem Kriege gegen die Hien-yüu's ernannt , während Ke-fu eiuen Er- . 
oberungszug gegen die südlichen Fremdländer von King unternahm. 


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Tschin-thang, Fürst-Zertriimmerer von Hu. 417 

yfins*), und die hundert Fremdländer zeigten sich folgsam. Das 
Gedicht, welches sich hierauf bezieht, sagt: 
fn Mengen, vollauf wird es rege, 

Wie Donner und wie DonnerschlSge. 

Berühmt in Wahrheit Fang-scho! 

Er bat bekriegt der Hien-yün*s Land, 

Das Volk von King hat sieh ihm tugewandt *). 

In den Verwandlungen heisst es: Er hat an sich Gutes, zerbricht 
Häupter. Er erlangt, was nicht von derselben Art*). — Hiermit wird 
gesagt: Es ist elwas Vortreffliches. Man lässt hinricbten die Men- 
schen, welche die Häupter des Bösen, und sämmtliche Ungehorsame 
kommen und scbliessen sich an. 

Aber die Art und Weise, wie Yen-scheu und Thang die Strafe 
verhängt und zum Zittern gebracht, selbst das Zerbrechen der Häup- 
ter in den Verwandlungen, der Donner und die Donnerschläge in 
dem Gedichte vermögen nicht, dies zu erreichen. 

Indem man beurtheilt grosse Verdienste, trägt man nicht Rech- 
nung den kleinen Fehlern. Indem man zur Geltung bringt grosse 
VorzGge, beachtet man nicht die unbedeutenden Flecken. 

In der Kriegskunst des Vorstehers der Pferde wird gesagt: 
Bei den Belohnungen für das Heer lässt man nicht verstreichen den 
Monat. — Man wollte, dass das Volk schleunigst bekomme den 
Nutzen, sobald es Gutes getban. Indem man nämlich mit Eile vor- 
geht bei kriegerischen Verdiensten, verwendet man doppelt die 
Menschen. 

Als *Ke-fu heimkehren sollte, beschenkte ihn Tscheu in grossem 
Masse. Das Gedicht, das sich hierauf bezieht, sagt: 

Ke-fu sich der Begegnung 4 ) freut ! 

Er hat empfangen manche Kostbarkeit 
Und ist zurfickgekehrt von Hao ft ) ; 

* Wir sind gewandelt ewig lange Zeit. 

*) So wurden iu den alten Zeiten die Hiung-uu's genannt. 

*) Sobald die südlichen Fremdlfinder von King die Kunde ron den firoherungsaügen 
Fang-scho's im Norden erhalten, furchten sie seine Macht und bieten ebenfalls ihre 
Unterwerfung an. 

*) Der König, der auf Eroberung ausaieht, der deu Feind besiegt und Häupter abschlagt, 
gewinnt viele Andere, welche nicht von dem Geschlechte der Besiegten sind. Dess- 
wegen wird eine solche That für gut gehalten. 

4 ) Der feierliche Empfang, der ihm von dem Könige bei der Rückkehr bereitet wird. 

5 ) Das Gebiet Hao befand sich in grosser Eutfernung nördlich von dem Lande der 

Tscheu. Dasselbe ist von der gleichnamigen Sladl Hao, welche in der Gegend des 


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418 


Pr. Pfltmn it>r 


Hao, das entlegen tausend Weglängen, galt sehon für fern. Um 
wie viel mehr ist es das Land jenseits einer Strecke von zehntausend 
Weglängen! Es ist kaum möglich, es nur zu erreicheu. Yen-scheu und 
Thang hatten noch nicht erlangt die Belohnung des Empfangs der 
Kostbarkeit, sie wurden im Gegeptheil gebracht um das Verdienst, 
auf s Spiel gesetzt zu haben das Leben, hatten lange Zeit die Über- 
führung angesichts der Messer und Rohrbüschel *). Dies sind nicht 
die Mittel, wodurch man ermuntert die Verdienstvollen und anfeuert 
die Männer der Waffen. 

Einst hatte Hoan, Fürst von Tsi, vorerst das Verdienst, geehrt 
zu haben Tscheu a ). Später machte er sieh schuldig des Verbrechens, 
vernichtet zu haben Hiang*). Die Weisheitsfreunde überdeckten mit 
den Verdiensten die Fehler und vermieden es um seinetwillen, einen 
Namen zu nennen bei der Tbat, die er verübt *). 

Der Anführer der Hälfte des Heeres Li-khuang-ti liess zurück 
eine Heeresmenge von fünfmal zehntausend Menschen, vergeudete 
an Kriegskosten hunderttausendmal zehntausend Stücke, liess vor- 
übergehen unter Anstrengungen vier Jahre und erlangte mit genauer 
Noth dreissig hurtige Pferde *). Hat er auch abgeschlagen das Haupt 


späteren Tschang-ngan lag und einst von König Wu von Tscheu zum Wohnsitz 
erkoren wurde, verschieden. 

1 ) Die Gericktsbeamten suchten sie eines Verbrechens zu überfuhren. In der damaligen 
Zeit bediente man sich sowohl der Messer als auch der Rohrbüschel zum Schreiben. 

*) Im vierten Jahre des Fürsten Hi von Lu (656 vor uns. Zeitr.) forderte Fürst Hoan von 
dem Könige von Tau das gepeekte 8chiJfrohr, welches der dem HimmeMohne schul- 
dige Zoll. 

s ) Im siehenzehnten Jahre des Fürsten Hi von Lu (643 vor uns. Zeitr.) vernichtete Hoan, 
Fürst von Tsi, das Fiirstenland ~pj=! Hiang. 

4 ) Der Frühling und Herbst vermerkt dieses Ereignis» mit den Worten: «Sommer. Man 
vernichtet Hiang 41 . — 'Hierzu bemerkt Kung-jang in seiner Auslegung: Tsijiates 
vernichtet. Dass man Tsi nicht nennt, ist desswegen, weil man um dea Fürsten Hoan 
willen den Namen vermeidet. Hoan hatte gewöhnlich das Verdienst, fortgesetzt zu 
haben das Zerrissene, neues Daseiu gegeben zu haben dem zu Grunde Gegangenen. 
Die Weisheitsfreunde vermieden daher um seinetwillen den Namen. 

*) Der Allhalter Hiao-wu hatte einen Gesandten in das grosse Wan zu dem Zwecke ge- 
schickt, gegen reiche Geschenke die Verabfolgung einer Anzahl von den berühmten 
Pferden dieses Landes zu erwirken. Der König des grossen Wan tödtete den Gesandten 
und raubte die mitgebrachten Geschenke*, worauf Han in verschiedenen Zeiträu- 
men eine Heeresmacht von hunderttausend Streitern unter den Befehlen des Heerfüh- 
rers Li-khuang-li aussandte. Dieser Heerführer eroberte endlich (98 vor uus. Zeitr.) 
die feindliche Hauptstadt und überschickte dem Himmelssohne eine Anzahl ausge- 
wählter Pferde. 


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Tschin-thang, Fürst-Zertrümmerer von Hu. 


419 


Wu-ku's*), Königs von Wan, es war dies noch immer nicht hinrei- 
chend, zu ersetzen, was man vergeudet. Die eigenen Verbrechen 
des Heerführers, seine Übelthaten waren überaus viele. Hiao-wu 
hielt dafür, dass bei Eroberungen in einer Entfernung von zehntau- 
send Weglängen man nicht einträgt die Fehler. Sofort belehnte er 
zwei Lehensfürsten, ernannte drei Erlauchte, beförderte zu Ange- 
stellten mit einem Gehalte vön zweitausend Scheffeln im Ganzen 
hundert Menschen. 

Jetzt ist das Land Khang-khiü mächtiger als das grosse Wan. 
Der Name Tsche-tschi’s fiel schwerer in’s Gewicht als derjenige des 
Königs von Wan. Das Verbrechen der Tödtung der Gesandten ist 
etwas Ärgeres, als das Zuröckbehalten der Pferde. Aber Yen-scheu 
und Thang belästigten nicht die Kriegsmfinner von Han, sie veraus- 
gabten kein Nössel von den Vorräthen des Heeres. Im Vergleiche mit 
# dem Anführer der Hälfte des Heeres sind ihre Verdienste und Tugen- 
den hundertfach grösser. 

Auch folgte Tschang-hoei dem den raschen Angriff begehrenden 
U-sQn *)• Tsehing-ke zog entgegen dem von selbst herheikommenden 
Ji-tsch’hu *). Für beide wurde noch immer zerrissen Land, und sie 
erhielten eine Lehensstufe. 

Spricht man daher von Ansehen der Macht, Kriegserfahrenheit, 
Anstrengungen und Mühe, so sind diese grösser als bei Fang-schö 
und Ke-fu. Stellt man in Reihen die Verdienste, überdeckt die 
Fehler, so kann man freisinniger zu Werke gehen, als bei Hoan von 
Tsi und bei dem Anführer der Hälfte des Heeres. Macht man sich 
vertraut mit den Verdiensten des Unternehmens, so findet man, dass 
sie von höherer Bedeutqng als diejenigen Ngan-yuen's *) und 


*) König Farjjf Wu-ku wird an aoderen Stellen der Geschichte König - 

Wu-kua genannt, was, wie Sse-ku angibt, in der Ähnlichkeit der Laute Ku und 
Kua seinen Grund hat, da man es mit der Feststellung fremdländischer Wörter 
nicht sehr genau nehme. W’u-ku, der König des grossen Wan, ward übrigens bei der 
Annäherung des Heeres von Hnn durch seine eigenen Leute getödtet, welche 
hierauf die Hauptstadt an Li-khuang-li Übergaben. 

s ) Der Heerführer pj^j Tschang-hoei gelangte au seinen Siegen dadurch, dass 

er sich dem Lande U-sün, welches von Han Hilfe begehrte und einen Angriff gegen 
die Hiung-nu's richten wollte, anschloss. 


*) Der Heerführer 


s|J Tsching-khe sog dem Könige von JT-tsch'hüi 


der seine Unterwerfung ankündigte, entgegen und eroberte mehrere Länder der 
westlichen Marken. -*db fV— 

3t Ngan-yuen. 

28 


4 ) Tsching-ke war Lehensfürst von 
Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. 11. Hfl 


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420 


Dr. P f i i m a i e r 


T8chang-lo's *). Aber die grossen Verdienste sind noch nicht be- 
kannt gemacht worden , die kleinen Gebrechen sind mehrmals 
dargelegt worden. Ich vermesse mich , darüber Schmerz zu 
empfinden. 

Es ziemt sich, bei Zeiten los zu machen das Schwebende *), 
verkehren zu lassen bei den Eintrageplatten *). Man nehme weg die 
Fehler und unterlasse es, sie zu richten. Man ehre und begünstige 
sie durch Lehenstufen und Würden, um aufzumuntern die Verdienst- 
vollen. 

Der Himmelssohn erliess hierauf die folgende höchste Verkün- 
dung: Tsche-tschi, der Schen-yü der Hinng-nu's, wandte sich weg 
und fiel ab von den Gebräuchen und der Gerechtigkeit. Er behielt 
zurück und tödtete die Gesandten, die Angestellten und Kriegsmänner 
von Han.' Er handelte äusserst zuwider dem Wege und der Eintliei- 
lung. Wie hätte ich, der Himmelssohn, dies vergessen sollen? Dass* 
ich aber nachsichtig war und nicht die Eroberung befahl, es geschah, 
weil ich Bedenken trug, in Bewegung zu setzen die Menge des 
Heeres, anzustrengen die Heerführer und Vordersten der Menge. Aus 
diesem Grunde ertrug ich es im Stillen und hatte mich noch nicht 
ausgesprochen. 

«fJetzt haben Yen-scheu und Thang ersehen das Nützliche und 
Angemessene, sich zu Nutzen gemacht die Zeitumstände, verknüpft 
die Länder der Stadtmauern und Vorwerke, eigenmächtig ausgeho- 
ben ein Kriegsheer, erlogen die Ausfertigung des höchsten Befehles 
und unternommen gegen jenen den Zug der Eroberung. Sie ver- 
liessen sich auf Himmel und Erde, auf die Geister des Stammhauses 
und des Heiligthumes der Ahnen, sie verhängten die Strafe über 
Tsche-tschi Schen-yü, schlugen ab und erlangten sein Haupt, fer- 
ner die Häupter der Yen-tschi, der angesehenen Männer, der nam- 
haften Könige und Anderer von ihm abwärts tausend an der Zahl. 

pn c 

i) Tschang-hoei war Lehensfurst ?on ^' 8C * ,an tH°* 

8 ) Man möge die Ober den Häuptern der beiden Männer schwebende Anklage fallen 
lassen. 

») Zur Zeit des Allhalters Yuen waren an den Thoren des höchsten Wohngebäudes zwei 
Fuss hohe Rohrplatten befestigt, auf welchen die Namen und sonstigen Eigenschaften 
der zum Verkehre im Inneren zugelasseneu Männer enthalten waren. Nur diejenigen, 
deren Namen auf diesen Platten eingetragen waren, durften in dem Gebäude aus und 
eingehen. Der Sinn ist: man möge den beiden Männern nicht länger den Zutritt an 
dem Hofe verwehren. 


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Tschio-thang, Fürst-Zertrümmerer von Ho. 


421 


Haben sie sieb auch hinweggesetzt Ober die Gerechtigkeit, verstos- 
sen gegen die Gesetze, im Inneren haben sie nicht einen einzigen 
Mann belästigt wegen des Dienstes, nicht eröffnet den Verschluss der 
Versammlungshäuser und Rasthäuser. Durch des Feindes Mundvor- 
räthe haben sie gedeckt die Bedürfnisse des Heeres. Sie begründe- 
ten die Verdienste jenseits einer Strecke von zehntausend Weglän- 
gen, der Schrecken der Macht brachte zum Zittern die hundert 
Fremdländer, ihr Name ward berühmt innerhalb der vier Meere, sie 
entfernten von dem Lande das Verderben. Auf den Feldern der An- 
griffswaffen und Lederpanzer gelangte man zu Erholung, an den 
seitwärts liegenden Marken erhielt man die Ruhe. 

Dass sie gleichwohl noch immer nicht entkommen der Sorge 
wegen Tod und Untergang, dass auf ihre Verbrechen gesetzt die 
Empfangnahme des warnenden Gesetzes, ich, der Himmelssohn, 
bedauere dies sehr. Ich verzeihe Yen-scheu und Thang ihre Verbre- 
chen, und man möge sie nicht richten. 

Eine höchste Verkündung befahl jetzt den Fürsten und Erlauch- 
ten, wegen des den beiden Männern zu verleihenden Lehens zu 
Rathe zu gehen. Sämmtliche Berathende waren der Meinung, dass 
hier nach den Gesetzen des Heeres, in welchen für den Fall der 
Gefangennehmung und Enthauptung des Schen-yü Bestimmungen 
enthalten seien, vorgegangen werden solle. 

Dagegen wendeten Khuang-heng und Schi-hien ein, dass 
Tsche-tschi eigentlich ein Flüchtling gewesen, der sein Land ver- 
loren und sich in dem entlegensten Theile der Marken einen Ehren- 
namen angemasst habe, folglich nicht als der wirkliche Schen-yü zu 
betrachten sei. Der Allhalter Yuen wollte hierauf den früher bei 
Tsching-ke, Fürsten von Ngan-yuen, beobachteten Vorgang zur 
Richtschnur nehmen und ein Lehen von tausend Thüren des Volkes 
bewilligen. Aber auch gegen diese Verfügung erhoben Khuang-heng 
und SchY-hien Einsprache. Endlich ward Kan-yen-scheu zum Lehens- 
fürsten von I-sching ernannt, währendTschin-thang mit dem 

Range eines Lehensfürsten innerhalb des Durchweges bekleidet wurde. 
Als Stadt der Einkünfte erhielt ein jeder dreihundert Thüren des Vol- 
kes und ausserdem ein Geschenk von hundert Gewichten Goldes. 

Der Himmelssohn meldete jetzt seinen Sieg dem Gotte des 
Himmels, sowie in dem Heiligthume der Ahnen und verkündete in 
der Welt allgemeine Verzeihung für begangene Verbrechen. Zudem 


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422 


Dr. P f i z m a i e r 


ernannte er Kan-yen-scheu noch zum Hiao-wei von Tschang-sehui, 
d. i. von dem Lande Hu, ferner Tschin-thang zum Hiao-wei des 
„Geräusches der Pfeilschösse“. Kan-yen-scheu ward in der Folge ver- 
setzt, anfänglich zu einem Hiao-wei des „Festungsthores,“ hieraufzu 
einem „das Kriegsheer bewahrenden“ Beruhiger der Hauptstadt er- 
nannt und starb zuletzt (25 vor uns. Zeitr.) im Besitze seines Amtes. 

Die Belehnung Kan-yen-scheifs und Tschin-thang's fand im 
ersten Jahre des Zeitraumes King-ning (33 vor uns. Zeitr.) Statt, in 
welchem Jahre der Allhalter Hiao-yuen starb. Gleich nach der Ein- 
setzung des neuen Allhalters Hiao-sching machte der Landesgehilfe 
Khuang-heng wieder eine gegen Tschin-thang gerichtete Eingabe, 
worin er sagte: Thang wurde als ein Angestellter der zweitausend 
Scheffel betraut mit dem Amte eines Gesandten. Er bemächtigte 
sich ausschliesslich des höchsten Befehles in der Mitte der Fremd- 
länder. Nicht rechtlich in Selbstheit, ging er mit dem Beispiel voran 
den Untergebenen und raubte die Kostbarkeiten von Khang-khiö, 
die er zusammengerafft. Er warnte die abhängigen Leute des Amtes, 
indem er sprach: Bei Sachen der entlegenen Marken wird nicht 
untersucht und verglichen. — Hat er auch Verzeihung erhalten für 
die Vergangenheit, es ist nicht angemessen, dass er verbleibe in 
seiner Würde. 

In Folge dieser Eingabe ward Tschin-thang in Anklagestand 
versetzt, jedoch freigesprochen. Später richtete Tschin-thang an 
den Himmelssohn ein Schreiben, worin er behauptete, dass der 
damals an dem Hofe von Han aufwartende Sohn des Königs von 
Khang-khiö nicht der Sohn dieses Königs sei. Bei der hierüber 
eingeleiteten Untersuchung stellte sich jedoch heraus, dass der an 
dem Hofe von Han Aufwartende wirklich der Sohn des Königs, worauf 
Tschin-thang den Gerichten übergeben und in ein Gefangniss 
gesetzt wurde. Sein Todesurtheil war bereits gefällt, als der die 
Stelle eines grossen Würdenträgers „der grossen Mitte“ beklei- 
dende ^ Kö-yungdem Himmelssohne die folgende, eine Verthei- 
digung Tschin-thang's enthaltende Auseinandersetzung übersandte: 

Ich habe gehört: Tsu besass Tse-yö-Te-tschin. Fürst Wen sass 
seinetwillen auf dem Rande der Matte *). Tschao besass Lien-pho 

*> 3s T Tse-yö, dessen Kindesname Te-tschin, war ein Grosser des 

Landes Tsu. Im acblnndzwanzigsten Jahre des Fürsten Hi von Lu (63Z vor uns. Zeitr.) 


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Tschin-thang, Fürst-Zerlrümmerer vou Hu. 


423 


und Ma-f5 *). Thsin wagte es nicht, spähen zu lassen seine Krieger 
nach Tsing-hing *). In der nahen Zeit besass Han Tsche-tu und 
Wei-schang 8 ). Die Hiung-nu's wagten es nicht, im Süden sich zu 
wenden nach Scha-mö. Bespricht man es ron dieser Seite, so kön- 
nen die im Kampfe überwältigenden Heerführer, die Nägel und Zähne 
des Landes, nicht anders als hochgeschätzt werden. Wenn der 
weise Gebieter hört den Klang der Trommeln und Reitertrommeln, 
so denkt er an die Diener, welche Heerführer und Vorderste der 
Menge *). 

Ich vermass mich, zu sehen, dass Tschin-thang , Lehensfürst 
innerhalb des Durchweges, in früherer Zeit als Gesandter zuge- 
theilt worden dem allgemeinen Erhalter der westlichen Marken. Er 
war empört über Tsche-tschi's ruchlosen Wandel, er bedauerte, 
dass die Strafe der Könige hier nicht verhängt worden. Er machte 


') 


*) 


*) 


4 ) 


befehligte Tse-yö ein Kriegeheer und wagte g&gen Wen , Fürsten von Tein , die 
Schlacht von Tscbing-pö, in der das Heer von Teu vollständig geschlagen wurde. 
Die Krieger von Tain zehrten drei Tage von dem erbeuteten Getreide des Fein- 
des. Trotz dieses Sieges hatte Fürst Wen ein bekümmertes Aussehen und sagte : 
Te-tscbin ist noch am Leben. Mein Kummer hat noch kein Ende. — Erst nach- 
dem Tse-yö auf Befehl des Königs von Tsu hingerichtet worden , konnte man 
bemerken, dass Fürst Wen sich freue. Nach den Gebrauchen sitzt derjenige, der 
Kummer hat, auf dem Rande der .Matte, wodurch er seine gedrückte Stimmung 
bekundet. 

Lieu--pho war ein Heerführer von Tscbao. Ma-fö ist Tschao-sche, Landesfürst 
von Ma-fo, ebenfalls ein Heerführer von Tscbao. Beide sind in der Abbaudlung 
über die Heerführer des genannten Landes vorgekommen. 

Die Ausgänge des von steilen Bergen eingeschlossenen Durchweges von Tsing- 
hing bildeten die wesUiche Mark des Landes Tscbao. 


Uber 


115 fU 


Tsche - tu wurde nach längerem Sueben nur die in dem Ver- 
zeichnisse der Würdenträger von Han enthaltene Angabe gefunden, dass er im sieben- 
ten Jahre des Allhallers lliao-king (150 vor uns. Zeitr.) als Statthalter von Thsi- 
nan zum Tschung-wei „Beruhiger der Mitte 0 ernannt und nach drei Jahren abge- 
setzt worden. Der Name |pjJ Wei-schang ist dem Verfasser bisher noch 

in keiuer Stelle der Geschichte vorgekommen. Bei der bedeutenden Anzahl 
berühmter Heerführer, welche sich in den Kriegen gegen die Hiung-nu’s hervor- 
thaten, ist nicht leicht einzuseben, wie zwei ganz unbekannte Namen hier als 
Beispiele vorangesffcllt werden konnten. 

Aus dem Buche der Gebräuche, wo es heisst: Der Klang der Trommeln und 
Reitertrommcln verursacht Lärmen und versetzt sofort in Aufregung. Versetzt er 
in Aufregung, so bringt er vorwärts die Heeresmenge. Wenn der weise Gebieter 
hört den Klang der Trommeln und Reitertrommeln, so denkt er an die Diener, 
welche Heerführer und Vorderste der Menge. 


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424 


Dr. P f i z m n i e r 


Entwürfe und erwog in der Aufwallung des Zornes» der Muth seiner 
Gerechtigkeit brach ungestüm hervor. 

Plötzlich brachte er auf die Beine ein Kriegsheer» schied im 
Laufe, setzte quer durch U-sün» versammelte die Schaaren ferne an 
dem Tu-Iai. Er verwüstete eine Feste mit dreifachen Mauern» trennte 
von dem Rumpfe Tsche-tschi's Haupt. Er vergalt ein Entlaufen vor 
der Strafe, das stattgefunden durch zehn Jahre, tilgte die lang- 
wierige Schande der Angestellten in den seitwärts liegenden Marken. 
Er machte zittern vor dem Schrecken der Waffen die hundert Fremd- 
länder, sein Kriegsmuth drang bis zu dem westlichen Meer 1 ). Seit 
der Entstehung von Han ist dergleichen bei Heerführern, welche 
erobert und angegriffen haben Länder ausserhalb der Weltgegen- 
den, noch nicht vorgekommen. 

Jetzt ist Thang in Anklagestand versetzt worden, weil er 
gesprochen, was sich nicht so verhielt, in dem dunklen Gefängnisse 
ist er lange gebunden, nach einer geraumen Zeit erfolgt keine Ent- 
scheidung. Die nach dem Warnenden Gesetz greifenden Angestellten 
der Gerichte wollen ihn überführen eines grossen Verbrechens. 

Einst war Pe-khi Heerführer von Thsin. Im Süden nahm er 
weg die Hauptstadt Ying, im Norden stürzte er in Gruben Tschao- 
kö’s Schaaren. Eines winzigen Fehlers willen ward er beschenkt 
mit dem Tode in Tu-yeu. Das Volk von Thsin bedauerte ihn. Nie- 
mand war, dem nicht herabfielen die Thränen. 

Jetzt hat Thang in Selbstheit erfasst die Axt, ist, wie eine Matte 
zusammengerollt wird 2 ), gewatet durch Blut jenseits einer Strecke 
von zehntausend Weglängen. Man legte dar die Verdienste in dem 
Ahnenheiligthume des Stammhauses, man meldete das Ereigniss dem 
Gotte des Himmels. Unter den in Panzer gekleideten Kriegsmännern 
ist keiner, der nicht bewundert die Gerechtigkeit. Dass er eine 
Sache besprach , rechnete man ihm zum Verbrechen : es ist hier 
keine in die Augen fallende Übelthat. 

Das Buch der Tscheu sagt: Indem man vermerkt die Verdienste 
der Menschen, vergisst man die Fehler der Menschen. Hierdurch ist 
man geeignet zum Gebieter des Landes 8 ). 


1 ) Dm west'icbe Meer ist der kaspische See. 

*) D. i. mit grosser Geschwiodigkeit. 

WieSse-ku angibt, ist diese Stelle aus einem neben dem Buche der Schang vor- 
handen gewesenen unechten Buche. 


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Tschin-thang, Fürst-Zertrümmerer von Hu. 


425 


Den Hunden und Pferden, welche ihre Kraft angestrengt haben 
für die Menschen, werden noch immer zur Vergeltung ertheilt die 
Vorhänge und die Decken *)• Wie verhält es sich erst bei denjeni- 
gen, welche die verdienstvollen Diener des Landes? 

Ich vermesse mich, zu furchten, dass du, vor dem ich stehe 
unter den Stufen, überhörst den Klang der Trommeln und Reiter- 
trommeln, nicht untersuchst den Sinn des Buches der Tscheu und 
vergissest auf die Ertheilung der Vorhänge und der Decken. Indess 
du wie einen gewöhnlichen Diener behandelst Thang und zuletzt 
folgst dem Rathe der Angestellten der Gerichte, bewirkst du, dass 
die hundert Geschlechter in Gedanken beschäftigt und erfüllt sind 
von dem Unwillen des Volkes von Thsin. Dies ist nicht das Mittel, 
aufzumuntern die bei schweren Ereignissen sterbenden Diener. 

Nachdem diese Auseinandersetzung an dem Hofe vorgelegt 
worden, befahl der Himmelssohn die Freilassung Tschin-thang’s. 
Diesem ward jedoch die Lehensstufe entrissen, so dass er fortan zu 
den „ Fünfmännern der Kriegsmänner tf gehörte. 

Als nach einigen Jahren (29 vor uns. Zeitr.) ^ J=^Tuan- 
hoei-thsung, der „allgemeine Erhalter“ der westlichen Marken, durch 
eine Kriegsmacht des Landes U-sün eingeschlossen wurde, über- 
sandte er dem Himmelssohne durch einen Stellreiter ein Schreiben, 
worin er um die Ermächtigung bat, die Streitkräfte der Länder der 
„Stadtmauern und Vorwerke“, so wie des Kreises Tün-hoang zu 
seiner Rettung ausrücken lassen zu dürfen. Über diesen Gegenstand 
beriethen der Landesgehilfe jljEj J Wang-schang, der oberste 
Heerführer J Wang-fung und deren sämmtliche Amtsgenossen 
durch mehrere Tage, ohne zu einem Beschlüsse zu kommen. 

Endlich machte Wang-fung auf Tschin-thang aufmerksam, 
indem er sagte: Thang ist reich an Entwürfen und Anschlägen, er 
ist vertraut mit den Angelegenheiten der auswärtigen Länder, und 
man kann ihn befragen. — In Folge dessen ward Tsching-thang zu 
dem Himmelssohne beschieden und von diesem in einer inneren 
Abtheilung des Wohnsitzes empfangen. 

Noch zur Zeit seines Angriffes auf Tsche-tschi war Tschin- 
thang durch die Einwirkung der Kälte erkrankt, so dass er seitdem 

') In dem Buche der Gebräuche werden die folgenden Worte Khung-tse's angeführt : 
Einen zerrissenen Vorhang werfe man nicht weg. Man begrabe damit die Pferde : 
Eine zerrissene Decke werfe man nicht weg. Man begrabe damit die Hunde. 


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426 


Dr. P f i z m a i e r 


seine beiden Arme weder biegen noch strecken konnte. Als er jetzt 
bei dem Himmelssohne eintreten sollte, ward in einer höchsten Ver- 
kündung bestimmt, dass er keine Verbeugung zu machen habe. 

Der Himmelssohn zeigte ihm den Bericht Tuan-hoei-thsung’s. 
Tschin-thang entschuldigte sich dabei mit den Worten : Die Heerführer, 
der Landesgehilfe und die neun Erlauchten besitzen sämmtlich die 
Gabe der Weisheit, eine durchdringende Helle des Verstandes. Ich, 
der kleine Diener, leide an der Krankheit des Alters, ich bin nicht 
befähigt genug , um Rath zu ertheilen in grossen Angelegenheiten. 

Der Himmelssobn bemerkte : Land und Haus befinden sich in 
dringender Gefahr. Mögest du, o Gebieter, dich nicht weigern. 

Tschin-thang erwiederte : Ich halte dafür, dass man hier gewiss 
keinen Grund hat, besorgt zu sein. 

Auf die Frage des Himmelssohnes, wie dies zu verstehen sei, 
antwortete Tschin-thang: Dass fünf Krieger von Hu erst gewachsen 
sind einem einzigen Krieger von Han, woher kommt dies? Es ist, 
weil die Klingen jener Krieger roh und stumpf, die Bogen und Arm- 
brüste nicht brauchbar. Jetzt habe ich gehört, dass man ein wenig 
ßich angeeignet hat die Kunstfertigkeit von Han, aber noch immer 
sind deren drei erst gewachsen einem einzigen. Zudem heisst es in 
den Gesetzen der Kriegskunst: Wenn der Wirth doppelt so stark, 
die Gäste 9 die Hälfte, dann erst sind sie zu einander Gegner. — 
Jetzt sind die Menschen, die eingeschlossen habeu Hoei - thsung, 
insgesammt nicht hinreichend, um zu überwinden Hoei-» thsung. 
Mögest du, vor dem ich stehe unter den Stufen, nur desshalb 
ohne Sorge sein. 

Auch wandelt das leichte Kriegsvolk in einem Tage fünfzig 
Weglängen, das schwere Kriegsvolk wandelt dreissig Weglängen. 
Jetzt will Hoei-thsung ausrücken lassen die Streitkräfte der Länder 
der Stadtmauern und Vorwerke, so wie des Kreises Tün-hoang. 
Nach einer geraumen Zeit werden sie ankommen. Dies wäre, was 
man nennt eine Streitmacht der Rache, sie wäre nicht zu gebrauchen 
zur Rettung in Bedrängniss. 

Der Himmelssohn fragte wieder: Was ist bei der Sache zu 
thun? Lässt sich als gewiss annehmen, dass der Feind abziehen 
wird? Um welche Zeit wird er nach deiner Berechnung abziehen? 

*) Giste heissen die aus einem fremden Gebiete ankommenden Leute, namentlich 
auch die auswärtigen Räuber. 


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Tschin-thang, Fürst-Zer trümmerer von Hu. 


427 


Tschin-thang wusste, dass die Kriegsschaaren von U-sün nur, 
wie es in der Geschichte heisst, gleich Dachsteinen locker zusam- 
mengefögt und zu fortgesetzten Angriffen nicht verwendbar seien. 
Nach den Erfahrungen, welche er bei früheren Vorgängen gemacht 
hatte, war er überzeugt, dass der Feind sich nicht länger als 
einige Tage im Felde halten werde, und er antwortete: In diesem 
Augenblicke ist er bereits abgezogen. — Indem er hierauf die Finger 
krümmte und die Tage berechnete, fügte er hinzu: Ehe noch fünf 
Tage vergangen, wird man eine glückliche Nachricht erhalten. 

Vier Tage nach dieser Unterredung traf von Seite des Heeres 
ein Schreiben ein, worin berichtet wurde, dass der Feind abge- 
zogen sei. 

Um diese Zeit machte der oberste Heerführer Wang-fung in 
Betreff Tschin-thang's eine Eingabe, worin er die Meinung aus- 
sprach, dass derselbe zu den Geschäften gezogen und als Leib- 
wächter des Inneren verwendet werden solle. Die Angelegenheiten 
des Versammlungshauses der Zelte, d. i. des Hauptviertels des Hee- 
res, seien vollständig durch Tschin-thang entschieden worden, und 
dieser besitze helle Einsicht in die Gesetze und Erlässe, verstehe es 
vortrefflich, aus den Ereignissen Nutzen zu ziehen und habe Worte 
vorgebracht, nach denen man sich häufig gerichtet habe. Dabei habe 
er jedoch gewöhnlich von den Leuten Erz und Geldstücke empfan- 
gen, habe mit Abdrucksmarken verschlossene Eingaben an den Hof 
verfertigt *) , und dieses sei zuletzt sein Verderben gewesen. Über 
den Erfolg dieser Eingabe Wang-fung’s wird in der Geschiehte 
nichts gesagt. 

. Tschin-thang war ursprünglich ein Freund zu dein „bauftlhren- 
den grossen Handwerker“ Kiai-wan-nien, einem be- 

deutenden Angestellten von zweitausend Scheffeln, der mit der 
Leitung der öffentlichen Bauwerke betraut war. Seit den Zeiten des 
Allhalters Yuen fanden nach Wei-Iing, d. i. der „Erdhöhe 

des Flusses Wei“, keine Übersiedlungen des Volkes mehr Statt, und 
ward die daselbst gegründete Stadt auch nicht weiter gebaut. Erst 
der Allhalter Sching baute die ursprüngliche Erdhöhe weiter. Nach 
einigen Jahren jedoch hatte er Freude an dem Einkehrhause 


f ) Welche Eingaben Tschin-thang's hier gemeint sind, wird weder an dieser noch an 
einer audern Stelle der Geschichte ersichtlich gemacht. 


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Dr. P f i a m a i e r 


^ ^ Khi5 - ting nächst JJjj^ Pa-ling, d. i. der „Erdhölie 
des Flusses Pa“, und er liess daher die genannte Erdhöhe im Süden 
umbauen. 

Kiai-wan-nien berieth sich in dieser Sache mit Tschin-thang, 
wobei er als seine Meinung äusserte, dass zur Zeit des Allhalters 
Wu ein Künstler, Namens ^ Yang-kuang durch die von ihm 
aufgeführten Bauten öfters dem Wunsche des Himmelssohnes ent- 
sprochen habe. Der dabei werkthätige „baufahrende grosse Hand- 
werker“ und der die Stelle eines mittleren Gehilfen des grossen 
Vorstehers des Ackerbaues bekleidende ^ Keng-scheu- 

tschang, dertlie Erdhöhe Tu-ling erbaut, hätten die Rang- 

stufe von Lehensfürsten innerhalb des Durchweges erhalten. Der 
„bauführende grosse Handwerker“ fi= Sching-ma- 

yen-nien *) wurde seiner Bemühungen willen zu einem Angestellten 
von zweitausend Scheffeln ernannt. Da jetzt die ursprüngliche Erd- 
höhe aufgeführt und die daselbst gegründete Stadt aufgebaut werde, 
sei man in der Lage, sich grosse Verdienste zu erwerben. Er (Kiai- 
wan-nien) müsse eine bedeutende Belohnung erhalten, und auch 
Tse-kung's *), d. i. Tschin-thang ’s Gattinn befände sich in Tschang- 
ngan, seine Kinder wären in Tschang-ngan geboren und aufgewach- 
sen, hätten daher keine Freude an den östlichen Gegenden. Unter 
solchen Verhältnissen möge man um die Übersiedlung nachsuchen, 
wobei man erwarten könne, mit Feldern und Häusern beschenkt zu 
werden, ein Ergebniss, das für beide Freunde günstig wäre. 

Tschin-thang beherzigte diese Worte und übersandte sofort 
dem Himmelssohne einen verschlossenen Bericht, worin er sagte: 
Die ursprüngliche Erdhöhe ist Land der Hauptstadt des Himmels- 
sohnes. Sie ist überaus fruchtbar und schön, und man kann daselbst 
gründen einen Kreis. Dass das Volk nicht zur Übersiedlung bewogen 
wurde nach den Erdhöhen, sind bereits dreissig Jahre. Die reichen 
Menschen im Osten des Durchweges sind eine im Zunehmen begrif- 
fene Menge, sie messen häufig ab die trefflichen Felder und verwen- 
den zu Dienstleistungen das arme Volk. Man kann sie übersiedeln 
heissen zu der ursprünglichen Erdhöhe und dadurch kräftigen 
die Hauptstadt des Himmelssohnes, zum Schwinden bringen und 

M Sching-ma ist der Geschlechtsname, Yen-nien der Rindesname. 

2 ) Tse-kung ist Tschin-tbang's Jünglingsname. 


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Tschin-thang, Furst-Zertrümmerer von Hu. 


420 


schwächen die Forsten der Lehen. Zodem würde man noch bewirken, 
dass die Häuser von dem Mittelstände abwärts ausgleichen können 
Armuth und Reichthum. Ich Thang habe den Wunsch , mit dem 
Hause der Gattinn und der Kinder Theil zu nehmen an der Übersied- 
lung nach der ursprünglichen Erdhöhe und der Welt voranzugehen 
mit dem Beispiel. 

Der Himmelssohn befolgte den ihm von Tschin-thang gegebe- 
nen Rath und begann wirklich an der genannten Stelle den Bau 
einer Stadt , Namens Tschang-ling, wohin später eine 

gewisse Menge Volkes aus den inneren Landschaften und Fürsten- 
ländern zur Übersiedlung bewogen wurde. Kiai-wan-nien war der 
Meinung, dass der Bau binnen drei Jahren zu Stande kommen könne. 
Als aber nach Verlauf dieser Zeit das Ganze nicht vollendet war, 
erinnerten die Würdenträger von Han in ihren Vorträgen häufig an 
das Unzweckmässige eines solchen Unternehmens. Die Sache wurde 
den Inhabern der Vorsteherämter zur Berathung überwiesen. Diese 
Männer erstatteten hierauf den folgenden Bericht: 

Tschang-ling ist aus der Niedrigkeit zur Höhe gestiegen. Man 
häufte die Erde und bildete einen Berg. Bemisst man die wohnlichen 
Gemächer, so befinden sie sich noch immer auf flachem Boden. Die 
Mitte der gastenden Erde *) wird nicht beschützt, der Geist der 
Abgeschiedenheit und Dunkelheit ist seicht, nach aussen ist keine 
Festigkeit. Kriegsknechte, Fussgänger, Handwerker und Taglöhner 
gegen zehntausend Mal zehntausend an der Zahl sind daselbst ange- 
langt. Wenn sie Fett sieden, erhebt sich in der Nacht das Feuer. 
Man nimmt die Erde von den Bergen des Ostens, sie wird bald mit 
dem Getreide gleichstehen im Werthe. Man baute und traf Einrich- 
tungen durch mehrere Jahre, die Welt ward auf allen Seiten dadurch 
angestrengt. Länder und Häuser sind ohne Hilfsmittel und verküm- 
mert, die Aufbewahrungsorte und Vorrathsbäuser sind erschöpft und 
leer. Nach unten hat man, selbst bis auf die gemeine Menge, sich 
bitter darüber beklagt. 

Die alten Erdhöhen haben durch die Angeborenheit des Him- 
mels ihre Stütze in wirklicher Erde. Die Stärke des Verweilens 
bilden ansehnliche Hochflächen, zur Seite ist man nahe den Vorfah- 
ren und den verstorbenen Vätern. In früherer Zeit hatte man auch 


i) Die gastende Erde ist die aus auderen Gegenden herbeigeführte Erde. 


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Dr. P f i z m a i e r 


schon durch zehn Jahre das Fadenende der Verdienste. Es ist ange- 
messen, dass man zurückkehre zu den alten Erdhohen und nicht 
mehr übersiedeln heisse das Volk. 

Der Himmelssohn befahl hierauf in einer höchsten Verkündung die 
Auflassung von Tschang-ling. Der Landesgehilfe und der oberste Ver- 
merker baten zudem noch, dass man die Häuser, welche die Ansiedler 
in der Stadt yon Tschang-ling erbaut hatten, niederreissen lasse. 

Ehe noch die Entscheidung über die letztgenannte Eingabe 
herabgelangt war, wurde Tschin-thang von Leuten gefragt: Die 
Häuser der Ansiedlung werden nicht niedergerissen. Wird man nicht 
nochmals Menschen zur Übersiedlung aussenden? — Tschin-thang 
gab zur Antwort: Die Obrigkeiten des Kreises richten ^ sich einst- 
weilen nach den Worten sämmtlicher Diener; man wird aber die 
Menschen nochmals zur Übersiedlung aussenden. 

Um diese Zeit war j^j Wang-schang, Fürst von ^|J j ^ 
Sching-tu, der erst kürzlich (15 vor uns. Zeitr.), zum grossen Vor- 
steher der Pferde und Heerführer der Leibwachen ernannt worden, 
die Stütze der Lenkung. Als dieser Mann, der im Grunde kein Freund 
Tschin-thang's, von den oben erwähnten Worten in Kenntniss 
gesetzt wurde, machte er eine Anzeige, worin er Tschin-thang der 
Irreführung der Menge beschuldigte. Tschin-thang ward in ein 
Gefängniss gesetzt und dem gerichtlichen Verfahren unterworfen, 
wobei man auch wegen seiner früheren Vergehen eine Untersuchung 
einleitete. Die Zahl der ihm zur Last gelegten Vergehen war im 
Ganzen keine geringe. 

Schon in früherer Zeit hatte Tschin-thang für Wang-mang, 
der damals die Stelle eines „Beruhigers der Hauptstadt für die 
Reiter“ bekleidete, bei dem Himmelssohne ein Schreiben einge- 
reicht, worin er sagte, dass Wang-mang's Vater frühzeitig gestor- 
ben und daher zufällig nicht belehnt worden sei. 0j^ Ming- 
kiün *)t die Mutter Wang-mang’s, habe in Gemeinschaft mit Ande- 
ren die Gemahlinn des früheren Himmelssohnes gepflegt und sich 
dabei die meiste Mühe gegeben. Es sei daher billig, ihren Sohn zu 
belehnen. Wang-mang erhielt hierauf auch das Lehen eines Fürsten 
von Sin-tu. Später wurde ^ Keu-tsan, ein leiblicher jüngerer 

*) Die Mutter Wang-mang’s fuhrt in der Geschichte sonst den Namen Rhiü. Das 
hier gesetzte Ming-kiün ist, wie Sse-ku angibt, der Mädchenname. 


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Tschin-Ihang, Fürst-Zertrümmerer von Hu. 


431 


Bruder der Gemahlinn des Himmelssohnes, zu einem mit dem Namen 
Schui-heng belegten „Beruhiger der Hauptstadt“ ernannt. Nach 
dem Tode Keu-tsaiTs ward dessen Sohn Khl ein „in dem Inne- 
ren Aufwartender“. Die Witwe Keu-tsan's wollte für ihren Sohn 
Khi um ein Lehen ansuchen. Tschin-thang erhielt von ihr fünfzig 
Gewichte Goldes, wogegen er einwilligte, für ihren Sohn auf ähn- 
liche Weise, wie es in dem vorher erwähnten Falle geschehen, um ein 
Lehen nachzusuchen. 

[jg Tsch’hang-khuang, Statthalter von Hung-nung, war 
in Anklagestand versetzt worden, weil er einen Betrag von mehr als 
hundertmal zehntausend Geldstücken heimlich zurückgelegt hatte, 
was ihm als Schlauheit und Ungesetzlichkeit gedeutet wurde. In 
einer höchsten Verkündung ward den Angestellten der Gerichte 
befohlen, sich an Ort und Stelle zu begeben und den Angeschuldig- 
ten zu verhören. Tsch'hang-khuang fürchtete, gefänglich eingezogen 
zu werden und liess Tschin-thang durch ausgesandte Leute die 
Sache vortragen. Tschin-thang bestritt in seinen Eingaben die Schuld 
Tsch’hang-khuang’s und brachte es dahin, dass die Entscheidung 
über die Monate des Winters *) hinaus verzögert ward. Zuletzt- 
ward es Tscirhang-khuang gestattet, sich gegen Erlag von zwei- 
hundertmal zehntausend Geldstücken zu entschuldigen. 

Für die genannten und ähnliche Vergehen, welche man Tschin- 
thang zur Last legte, hatte er schon in früherer Zeit Verzeihung 
erhalten. 

Später zeigte sich in der Landschaft Tung-lai während des 
Winters ein schwarzer Lindwurm*). Die Leute fragten Tschin- 
thang wegen der Bedeutung dieses Ereignisses. Derselbe antwortete 

i) Die alten Könige straften im Winter, wahrend sie im Sommer Belohnungen au 
Tbeil werden Hessen. 1 

*) Eine eigentliche Vormerkung dieses Ereignisses wurde von dem Verfasser an keiner 
anderen Stelle der Geschichte, selbst nicht in den sehr weitläufigen Nachrichten 
über die fünf Grundstoffe aufgefunden. Bios in der Geschichte des Allbalters 
Scbing wird dasselbe als etwas Bekanntes erwfihut. Daselbst heisst es, dass im 
zweiten Jahre des Zeitraumes Yung-schi (13 vor uns. Zeitr.) in einer Nacht „Sterne 
gleich einem Regen zur Erde gefallen* 4 und im Neumonde eine Sonnen finstern iss 
eingetreten sei. Der Himmelssohn erliess hierauf eine Verkündung, welche mit 
folgenden Worten beginnt: Es ist nämlich ein Lindwurm erschieneu in Tung-lai, 
die Sonne ward verfinstert, der Himmel zeigt Veränderungen und Seltsamkeiten, 
um an flen Tag zu legen meine, des Himmelssohnes, Fehler. Mir, dem Himmels- 
sohne, ist darob überaus bang. 


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432 


Dr. P f i s m u i e r 


ihnen: Das bläuliche Thor öffnet sich, man wandelt unerkannt 
umher, geht mehrmals hinaus. Der Eintritt und Austritt geschieht 
nicht zu bestimmten Zeiten, desswegen ist der Lindwurm zur Unzeit 
hervorgekommen *). 

Was die Worte Tschin-thang's betrifft, dass man nochmals 
Ansiedler nach Tscbang-ling schicken werde, so waren es nur etwa 
zehn Menschen, welche sie einander wiedererzählt hatten. 

Der Landesgehilfe und der oberste Vermerker sagten jetzt in 
ihrem Berichte: Thang hat irre geführt die Menge, dies ist nicht 
rechtlich. Er hat aufs Gerathewohl herausgesagt Lügen und zuge- 
rechnet seltsame Erscheinungen dem Himmelssohne. Es ist nicht 
geziemend, von solchen Dingen zu sprechen, es ist grosse Unehr- 
erbietigkeit. 

Der oberste Richter Tseng-scheu hielt hierüber eine 

Berathung, deren Ergebniss war, dass die Bezeichnung „ nicht 
rechtlich“ in diesem Falle nicht genau dem Gesetze entspreche. Je 
nachdem dasjenige, was man verbrochen, gefährlicher Art oder 
etwas Geringfügiges ist, werde es zum Verbrechen gerechnet. Die 
Niedriggestellten unter den Würdenträgern und die Gehilfen, 
welche man beigezogen, hätten das Richtige verfehlt und desshalb 
wäre es dem Beruhiger des Vorhofes überlassen worden, nochmals 
über die Schwere der Schuld zu entscheiden. 

Der oberste Richter fuhr in seiner Meldung fort: Was ohne 
/Zusammenhang, wird früher an höchster Stelle zu Ohren gebracht. 
Dass man genau beinisst die Strafe, es geschieht desshalb, weil man 
AYerth legt auf das Leben des Menschen. Der erleuchtete Gebieter 
hatte sich erbarmt der hundert Geschlechter. Er sandte herab eine 
höchste Ausfertigung, in der erbefahl, aufzulassen Tschang-ling 
und nicht zur Übersiedlung zu bestimmen die Angestellten und das 
Volk. Der Erlass war bereits verbreitet, als Thang ungegründeter 
Weise und seinen Gedanken gemäss zu den Leuten sagte, dassman 
wieder aussenden werde die Ansiedler. Entstand auch etwas 
Schrecken und Aufregung, diejenigen, die auswanderten und sich 
auf den Weg machten, waren wenige, die hundert Geschlechter 
erfuhren desshalb keine Veränderungen. Dies lässt sich nicht nennen: 

4 ) Zu diesen Worten wird ron den Auslegern nichts bemerkt. Es geht jedoch aus dem 
sogleich erwibnten Berichte der Würdenträger hervor, dass Tschin-thang den 
Himmelssohn, der öfters unerkannt seinen Wohnort verliess, beschuldigen wollte. * 


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Tschin-thang, Fürst- Zertrümmerer von Hu. 


433 


irreflühren die Menge. Thang sagte heraus Lögen, stellte eitler Weise 
hin Dinge, die sich nicht so verhielten, es war nicht geziemend, 
von solchen Dingen zu reden. Dies ist grosse Unehrerbietigkeit. 

Die hierauf erfolgte höchste Ausfertigung lautete: Der Beruhi- 
ger des Vorhofes Tseng-scheu hat das Richtige gesagt. Thang hat 
sich in früherer Zeit erworben das Verdienst, gestraft zu haben 
Tsche-tschi Schen-yü. Ich entlasse Thang, so dass er gehört zu 
den gemeinen Menschen und übersiedelt nach den seitwärts liegen- 
den Gegenden. 

Ein Zusatz zu dieser Ausfertigung lautete: Der ehemalige bau- 
führende grosse Handwerker Wan-nien ist schmeichlerisch, ver- 
derbt und nicht redlich. Er bediente sich aufs Geradewohl des 
Truges und der Lüge, vervielfältigte die Abgaben und Sammlungen, 
quälte die dienstleistenden Männer, begann feindselige und grausame 
Werke. Die Krieger und Fussgänger, die einer Schuld geziehen 
wurden und starben, folgten ohne Unterbrechung auf einander. Das 
Gift zog umher zu der gesammten Menge, was innerhalb der Meere, 
blickte unwillig vor sich hin. Ist ihm auch zu Statten gekommen der 
Befehl der Verzeihung, es ziemt sich nicht, dass er wohne in der 
Hauptstadt des Mittellandes. 

Diesem Befehle zufolge wurden Tschin-thang und Kiai-wan- 
nien zur Auswanderung nach der im Nordwesten unter den Fremd- 
ländern gegründeten Landschaft Tün-hoang gezwungen. 

Erst nach längerer Zeit sandte der Statthalter von Tün-hoang 
an den Hof einen Bericht, worin er sagte: Thang hat vordem in 
Selbstheit gestraft Tche-tschi Schen-yü, der Schrecken seiner 
Macht hat sich verbreitet durch die auswärtigen Länder. Es ist nicht 
angemessen, dass er nahe komme den Versperrungen der seitwärts 
liegenden Gegenden. — In einer höchsten Verkündung ward hier- 
auf befohlen, dass Tschin-thang nach dem Kreise ^ Ngan- 
ting *) übersiedeln solle. 

Um diese Zeit übersandte der berathende Leibwächter 
Keng-yö dem Hofe ein Schreiben, worin er von Vortheilen und 
Angemessenheiten sprach. Bei dieser Gelegenheit bestritt er auch 
die Schuld Tschin-thang*s, dessen ungerechte Verurteilung er mit 
folgenden Worten nachzuweisen suchte: 


4 ) Ngan-ting ist das heutige Ping-Iiang in Kan-su. 


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434 


Dr. P f i z m a i e r 


Yen-scheu und Thang verbreiteten für das höchstweise Han 
den in der Tiefe mit Haken erfassenden , . das Ferne herbeibringen- 
den Schrecken der Macht 1 )« Sie tilgten des Landes und Hauses durch 
eine Reihe von Jahren dauernde Schmach. Sie straften der entlegen- 
sten Marken nicht an der Leine gezogene Landesfursten. Sie banden 
eines zehntausend Weglängen entfernten Landes schwer zu lenkende 
Gefangene. Wie könnte sich etwas hiermit vergleichen lassen? Der 
frühere Allhalter erkannte ihre Vortrefflichkeit, sofort sandte er 
herab eine höchste Verkündung, worin er allgemein bekannt machte 
ihre Verdienste. Er veränderte das Jahr, Hess hernieder die Zeit- 
rechnung und führte es auf die Nachwelt ohne Aufhören *). Diesem 
entsprechend brachte die südliche Landschaft als Geschenk einen 
weissen Tiger *), auf die seitwärts liegenden Gegenden Hess sich 
das Glück hernieder, nicht ermuntert zu werden zu Vorkehrungen. 

Als der frühere Allhalter krank darniederlag, Hess er sich noch 
immer herab mit den Gedanken und vergass nicht. Er hiess mehr- 
mals den obersten Buchfuhrer zur Rede stellen und befragen den 
Landesgehilfen. Er zog schleunigst hervor die Verdienste jener 
Männer. Bios der Landesgehilfe Khuang-heng hielt sie fern und 
gewährte ihnen nicht. Man belehnte Yen-scheu und Thang mit eini- 
gen hundert Thüren des Volkes. Dies ist es, wodurch die verdienst- 
vollen Diener und die kämpfenden Kriegsmänner verlustig werden 
ihrer Hoffnungen. 

Der erhabene Allhalter Hiao-sching nahm in Empfang das Fuss- 
gestell der festen Gründung des Berufes, machte sich zu Nutzen den 
Schrecken der Eroberung und des Angriffs. Waffen und Leder- 
panzer geriethen nicht in Bewegung, Länder und Häuser hatten 
keine Anliegen, aber die grossen Diener waren tückisch und verderbt, 
Verleumder und Schmeichler befanden sich an dem Hofe, sie hatten 

*) „Das in der Tiefe befindliche mit Haken erfassen, das Ferne herbeibringen“ sind Worte 
aus dem Buche der Verwandlungen. 

*) Der Allhalter Yuen nannte das Jahr, in welchem er Kan-yen-scheu und Tschin-thang 
belehnte, das erste des Zeitraumes rm &ing~niug. Der hier erwähnte Name 

King-ning bedeutet nach Einigen „Beruhigung der Marken“, nach Anderen „die end- 
liche Beruhigung“. Es wird jedoch bemerkt, dass der Name des Zeitraumes nicht aus 
Anlass der Tödtung Tscbe-tschi Schen-yü's verändert werden konnte, weil in dem 
genannten Jahre (33 vor uns. Zeitr.) nur die auf dieses Ereigniss bezüglichen 
Schriften an dem Hofe eingereicbt wurden. 

s ) Über die Darbringung eines solchen Geschenkes bat der Verfasser an keinem ande- 
ren Orte der Geschichte etwas aufgefunden. 


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Tschiu-lhang, Fürst-Zertrümraerer von Hu. 


435 


nicht ernstlich bedacht die Schwierigkeiten des Stammes und der 
Spitze, um Yorzubeugen der Warnung vor den noch nicht gesche- 
henen Dingen. Sie wollten ausschliesslich in Besitz nehmen die 
Macht des Gebieters, hielten fern und betrachteten mit Eifersucht 
die Verdienstvollen. Sie bewirkten, dass Thang gleich einem Erd- 
kloss«) überführt ward der Schuld, geschleppt in das Gefangniss 
und nicht fähig war, sich zu rechtfertigen. Zuletzt ward er, ohne 
dass er etwas verbrochen, in seinem Alter hinausgeworfen nach Tün- 
hoang. Gerade auf den Wegen des Verkehrs in den westlichen Mar- 
ken heisst man die einen. furchtbaren Namen besitzenden, bahnbre- 
chenden Diener drehen die Ferse und sie selbst wieder für die 
durch sie geschickten Gefangenen Tsche-tschi's werden ein Gegen- 
stand des Spottes. Es ist dies in Wahrheit zu bedauern! 

Bis zu dem- gegenwärtigen Augenblick hat es unter denjeni- 
gen, die eine Gesandtschaft übernahmen für die auswärtigen Gebiete 
und die Fremdländer, noch keiner versäumt, vor Augen zu halten 
Tsche-tschi's Strafe, um zu verbreiten die Machtfälle des Landes 
von Han. Herbeiziehen die Verdienste der Menschen, um bange zu 
machen dem Feind, hinaus werfen den Leib der Menschen, um 
zufrieden zu stellen die Verleumder, wie wäre dies nicht 
schmerzlich ? 

Auch vergisst man bei der Sicherheit nicht auf die Gefahr, bei 
der Fülle muss man denken an die Abnahme. Jetzt gibt es in Land 
und Haus offenbar nicht die durch die beschränkende Sparsamkeit 
fortlaufender Jahre Reichthümer sattsam bietenden Bergungen des 
Allhalters Wen. Es gibt auch nicht die empfehlenden, einführen- 
den*), die Häupter der Vordersten 3 ) auf Bäume hängenden, die 
Feinde fangenden Diener des Allhalters Wu. Es gibt nur einen ein- 
zigen Tschin-thang! 

Gesetzt, er hätte gelebt in einem verschiedenen Zeitalter und 
nicht erlebt die Zeiten dessen, vor dem ich stehe unter den Stufen, 
so wäre noch immer Hoffnung, dass Land und Haus nachträglich 
verbuchen seine Verdienste, zur Höhe thürmen und mit einer 


*) D. i. in vereinzelter Stellung gleich einem Erdkloss. 

*) Zur Zeit des Allhallers Hiao-wu ward den grossen Würdenträgern der Auftrag, vor- 
zügliche Männer zu empfehlen und an dem llofe einzufübreu. 

3 ) Die Vordersten sind feindliche Anführer gleich Tsche-tschi. Deren Häupter wurden 
Abgeschlagen und auf Bäume gehängt. 

Silzh. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. III. Hfl. 29 


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436 


Dr. P f i s m a i e r' 


Gedenkplatte versehen sein Grab» um zu ermuntern die später 
Emporsteigenden. Thang ist so glücklich» dass er lebt in dem höchst 
weisen Zeitalter» seine Verdienste bestehen noch nicht lange» jedoch 
wider Erwarten gibt man Gehör verderbten Dienern » geisselt und 
treibt ihn zu den fernsten der Klippen» heisst ihn entfliehen» sich 
lossagen und gleich einer Ratte sterben ohne einen Ort des Ver- 
bleibens. 

Unter den eine weite Ferne überblickenden Männern ist keiner» 
der dies nicht berechnet und erwägt. Alle halten dafür» dass die 
Verdienste Thang's durch eine fortlaufende Reihe von Geschlechts- 
altern nicht können erreicht werden, aber dass die Fehler Thang's 
solche, wie die Angeborenheit des Menschen sie bedingt. Thang 
ist noch immer so geartet. Wollte man ihm auch wieder zertrüm- 
mern und zerreissen Rippen und Knochen, an der Sonne bleichen 
lassen sein Gerippe und ihn gleichsam w ieder verfertigen mitsammt 
den Lippen und der Zunge, er würde von missgünstigen und eifer- 
süchtigen Dienern nur gebunden werden und gefangen. Dies ist es, 
wesshalb nach meiner Meinung Land und Haus auffallender Weise 
das Aussehen des Kummers haben, 

Nachdem dieser Aufsatz eingereicht worden, gab der Himmels- 
sohn denBcfehl zur Zurückberufung Tschin-thang's, und dieser starb 
zuletzt in Tschang-ngan. 

Einige Jahre später (J. 1 uns. Zeitr.) belegte sich Wang-mang 
mit dem Namen Ngan-han?kung, d» i. der das Haus Han beruhigende 
Fürst, und bemächtigte sich der Lenkung. Dieser Gewalthaber war 
der Dienste, welche ihm Tschin-thang einst erwiesen, dankbar ein- 
gedenk. Zugleich wollte er auch seiner Muhme, der während der 
Minderjährigkeit des Allhalters Ping an der Spitze der Leukung 
stehenden Gemahlinn von dem Geschleckte Wang schmeicheln, indem 
er deren Gemahl, den früheren Allhalter Yuen, wegen der durch die 
Bestrafung Tsehe-lschrs erworbenen Verdienste ehrte und ihm bei 
diesem Anlasse in dem Ahnenheiiigthume den Namen Kao-thsung, 
d. i. der hohe Stammhalter, beilegte» Er zog ferner in Betracht, 
dass die Verdienste, welche sich Tschin-thang und Kan-yen-scheu 
in früherer Zeit erworben, sehr gross, die Belohnung jedoch eine 
geringfügige gewesen, während der „wartende Gehilfe“ Tu-hiün 
gar keine Belohnung erhalten habe. Er vermehrte daher das Lehen- 
fürstenthum I-sching, welches auf :J|S Tsien, den Enkel Kan-yen- 


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Tschin-lhang, Furst-Zerlrumroerer von Hii. 


437 


schcu's. Obergegangen, um eintausend sechshundert Thüren des 
Volkes, so dass dasselbe jetzt zweitausend Thuren des Volkes in sich 
fasste. Tschin-thang erhielt nachträglich den nach dem Tode zu füh- 
renden Namen Lehensfürst Tschuang von Äfl Die 

Bedeutung der letztgenannten Verbindung ist: „das Land Hu zertrüm- 
mernd". Fung, der Sohn Tschin-thang's, wurde in das neue 
Lehenfürstenthum Po-hu, welches eintausend vierhundert Thüren 
des Volkes in sich begriff, eingesetzt. 

Tu-hiün, der das Haupt Tsche-tschi Schen-yü’s abgeschlagen 
hatte, wurde zum Lehensfürsten von «tt Tao- 1 hi, d. i. dem die 
nördlichen Fremdländer strafenden Lehensfürsten, wobei ihm ein- 
tausend Thüren des Volkes zugewiesen wurden, ernannt. 




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Verzeichnis* der eiugegangtMicu Druckschriften. 


439 


mZKICHNISS 

DER EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(OCTOBER 1862.) 

Academia, Real, de la historia zu Madrid. Noticias de los Arqui- 
tectos y Arquifectura de Espaiia desde su restauracion por ei 
Excmo. Senor D. Eugenio Llaguno y Amirola ilustradas y 
acrecentadas con notas, adiciones y documentos por D. Juan 
Agustin Cean-Bermudez. Tom. I — IV. Madrid, 1829; 8°. — 
Diccionario histörico de los mas ilustres Profesores de las 
Bellas - Artes en Espaiia. Compuesto por D. Juan Agustin 
Cea n-Ber mudez. Tom. I — VI. Madrid, 1800; 12°. 
Akademie der Wissenschaften, König!. Bayer., zu Mönchen. 
Sitzungsberichte. 1862, I. Heft 1. München, 1862; 8°. 

— der Wissenschaften, Kais., zu St. Petersburg. Memoiren. 
Band I, Heft 1. St. Petersburg, 1862; 8°. — XIII. Zuerkennung 
der Demido w’schen Preise. St. Petersburg, 1861; 8°. — 

— der Wissenschaften, Königl. Preuss., zu Berlin. Abhandlungen 
aus dem Jahre 1861. Berlin, 1862; 4°. — Monatsbericht. 
Juni, Juli und August 1862. Berlin; 8°. — Preisfrage der philo- 
sophisch-historischen Classe der Königl. Preuss. Akademie der 
Wissenschaften für das Jahr 1868; 8°. 

Alterthumsverein in Lüneburg. Mittheilungen. 6. Lieferung. 
(Die Alterthümer der Stadt Lüneburg und des Klosters Lüue.) 
Lüneburg, 1862; 4°. — Der Ursprung und der älteste Zustand 
der Stadt Lüneburg. Ein Versuch von Wilh. Friedr. Volger. 
Lüneburg, 1861 ; 8°. 

American Journal of Science and Arts. Vol. XXXIII, No. 99. 
New Haven, 1862; 8°. 


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440 Verzeichoiss 

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. IX. Jahrgang, 
Nr. S— 7. Nürnberg, 1862; 4®. 

Austria. XIV. Jahrgang, XXX.— XLII. Heft. Wien, 1862; 8®. 

Boletin bibliogräfico Espanol. Aiio III, Nr. 13 — 18. Madrid, 1862; 

8o. 

Cicogna, Emm. Ant., Delle inscrizioni veneziane. Faseicolo 25. 4°. 

Compte rendu de la Commission Imperiale archeologique pour 
l'annde 1860. Avec un Atlas. Sl. Petersburg, 1861 ; 4° & Folio. 

Darstellung des Theissregulirungs - Unternehmens, mit einer 
Übersichtskarte des Theiss-Flusses in 4 Blättern. Auszug aus 
einem Berichte des Ministerialrathes Ritter von Pasetti an 
Se. Excellenz den Herrn Minister Ritter von Lasser. Wien, 
1862; 4° & Folio. 

Diez, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der romanischen 
Sprachen. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage I. und 
II. Theil. Bonn, 1861 und 1862; 8o. 

Ellero, Pietro, Giornale per V abolizione della pena di Morte, 
IV. Bologna, 1862; 8°. 

Ferdinandeum für Tirol und Vorarlberg. Zeitschrift. Dritte Folge, 
X. Heft. Innsbruck, 1861; 8®. — 29. Bericht des Verwaltungs- 
Ausschusses über die Jahre 1860, 1861. Innsbruck, 1862; 8°. 

Genootschap van Künsten en Wetenschappen, Bataviaasch. Ver- 
handelingen. Deel XXVII & XXVIII. Batavia, 1860; 4«. — 
Tydschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde. Deel VII. 
(III. Serie Deel I.) Aflevering; 1 — 6. 1858; Deel Vffl. (III. 
Serie Deel II.) Aflevering 1.; Deel IX. (III. Serie Deel III.) 
Aflevering 1 — 6. 1860; Deel X. (IV. Serie DeeJ I.) Aflevering 
1 — 6. Batavia, 1861; 8°. — 

Gerhard, Eduard, Die Geburt der Kabiren auf einem estrus- 
kischen Spiegel. (Aus den Abhandlungen der Berliner Aka- 
demie 1861.) Berlin; 4®. 

Gesellschaft, Deutsche morgenländische. Zeitschrift. XVI. Band, 
3. und 4. Heft. Mit 1 Kupfertafel. Leipzig, 1862; 8°. — Abhand- 
lungen für die Kunde des Morgenlandes. II. Bd, Nr. 4 und 5. 
Leipzig, 1862; 8. — Weber, Albr., Indische Studien. V. Band, 
2. und 3. Heft. Berlin, 1862; 8. 

— k. k. mährisch-schlesische, zur Beförderung des Ackerbaues, 
der Natur- und Landeskunde. Schriften, XIV. Band. (Mährische 


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der eingegangenen Druck schritten. 411 

und schlesische Chroniken. I. Theil. Von Christ, d* Elvert.) 
Brunn, 1861 ; 8°. 

Hamburg. Gelegenheitsschriften der Hamburger Stadtbibliothek. 

Hamburg, 1859—1862; 8« & 4°. 

Hamelitz, redigirf von A. Zeder bäum und A. J. Goldenblum. 

Jahrgang 1862. Nr. 35, 38 — 46, 48. Odessa; 4°. 
Heidelherg, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften für 
1861 — 1862. Heidelberg & Berlin; 8* & 4°. 

Institute di corrispondenza archeologica, Annali. Vol. XXX1I1. 
Roma, 1861; 8°. — Bullettino per l’anno 1861. Roma, 1861; 
8°. — Monumenti inediti. Vol. VI. Tav. 49 — 60. Gr. Folio. 
Istituto, R. Lombardi di scienze, lettere ed arti. Atti. Vol. III. 
Fase. I— IV. Milano, 1862; 4°. — Mcmorie. Vol. VIII. (II della 
Serie II) Fase. VII,; Vol. IX. (III della Serie II) Fase. I. Milano, 
1862; 4°. 

— I. R., Veneto di scienze, lettere ed arti. Atti, Tomo VII 0 , Serie 3% 
Disp. 7* — 9*. Venezia, 1861 — 1862; 8°. — Memoric, 
Vol. X, Parte II. 1862. Venezia; 4°. 

Jahresberichte, Siehe Programme. 

Jena, Universität. Akademische Gelegenheitssohriften aus dem 
Jahre 1862. Hersfeld und Jena; 8° & 4°. 

Karte des Donau-Stromes innerhalb der Grenzen des österreichi- 
schen Kaiserstaates, herausgegeben vom k. k. Staats -Mini- 
sterium unter der Leitung des k. k. Ministerialrathes Ritter 
von Pasetti. I. — IV. Lieferung. Wien; Gr. Folio. 

Kirchhoff, Adolph, Über die Chronologie der Attischen Volks- 
beschlüsse für Methone. (Aus den Abhandlungen der Berliner 
Akademie 1861.) Berlin, 1862; 4°. 

Lenormant, Francois, Recherches archöologiques & Eleusis exe- 
cutees dans le cours de V annöe 1860 sous les auspices des 
Ministöres de V Instruction publique et d 1 Etat. Recueil des 
inscriptions. Paris, 1862; 8°. 

Leseverein, Akademischer, in Wien. Jahresbericht über das Ver- 
einsjahr 1861—62. Wien; 8°. 

Loewy, Benjamin, Die Colonie Victoria in Australien; ihr Fort- 
schritt, ihre Hilfsquellen und ihr physikalischer Charakter. Mit 
Zugrundelegung amtlicher Quellen dargestellt in Abhandlungen . 
Melbourne, 1861; 8°. 


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442 Verzeichnis 

Malortie, C. E. v. , Beiträge zur Geschichte des Braunschweig- 
Lüneburgischen Hauses und Hofes. 3. Heft. Hannover, 1862; 8°. 

Marien-Verein. X. «lahresbericht" Wien, 1862; 4°. 

Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Baudenkmale, VII. Jahrgang, Nr. 8 — 10. 
Wien, 1862; 4®. 

— aus J. Per thes’ geographischer Anstalt. Jahrgang 1862, V., 
VII., VIII und IX. Heft. Gotha; 4°. 

Monumentos arquitectönicos de Espana. 1. — 6. Lieferung. Ma- 
drid; Gr. Folio. 

Museum-Verein zu Klausenburg. Historische Daten Sieben- 
bürgens, redigirt von K. Szabö. 4. Band. (Neue Folge I. Band.) 
Klausenburg, 1862; 8°. 

Nahlowsky, Jos. W„ Das Gefühlsleben. Leipzig, 1862; 8°. — 
Die Wissenschaftlichkeit der Bene ke 'sehen Psychologie. (Zeit- 
schrift für exacte Philosophie. Band 3, Heft 1.) 8°. 

Nowakowski, Janusz Ferd., Zycie i prace naukowe Jana Pur- 
kyne’go. Z Portretem. Warszawa, 1862; 8°. 

Pamätky, DU V. Sesit. 2. V Praze, 1862; 4®. 

Pest, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften für das 
Jahr 1861—62. Ofen; 8®* 

Pichler, Georg Abdon, Salzburgs Landes -Geschichte. I. Abthei- 
lung. Allgemeine Geschichte. 4. Heft. Salzburg, 1862; 8®. 

Placido, Pasquale, Illustrazione di tre diplomi bizantini del grande 
Archivio di Napoli. Napoli, 1862; 8®. 

Programme und Jahresberichte der Gymnasien zu Bistritz, 
Brixen, Czernowitz, Feldkirch, Iglau, Melk, Pilsen, Schässburg, 
zu den Schotten und am k. k. Theresianum in Wien, zu 
Tescken, Zara und Zengg, für das Schuljahr 1861/62; 4® & 8®. 

Rau, Karl Heinrich, Grundsätze der Volkswirthschafts - Politik. 
I. Abtheilung, 5. vermehrte und verbesserte Ausgabe. Leip- 
zig und Heidelberg, 1862; 8®. 

Rostok, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften aus dem 
Jahre 1861 — 62; 8®, 4® & Folio. 

Rudorff, Ad. Friedr., Gedächtnissrede auf Friedrich Karl von 
Savigny. (Abhandlungen der Berliner Akademie 1862.) 4®. 

Schlagiutweit, Hermann, Adolph and Robert, Results of a Scien- 
tific Mission to India and High Asia. Vol. II. With an Atlas of 


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der eingegangenen Druckschriften. 443 

Panoramas, Views, and Maps. Leipzig, London, 1862; 
4° & Gr. Folio. 

Schleicher, August, Compendium der vergleichenden Grammatik 
der indogermanischen Sprachen. II. Theil. Weimar, London, 
Paris, 1862; 8°. 

Schüller, Johann Karl, Die Verhandlungen von Mühlbach im 
Jahre 1851 und Martinuzzi’s Ende. Hermannstadt, 1862; 8°. 
Sinnett, Frederick, An Account of the Colony of South Australia 
prepared for Distribution at the International Exhibition of 
1862. London, 1862; 8*. 

Societe des Antiquaires de Picardie. Mdmoires. 2 m# Sdrie, Tome 
VHI. Paris & Amiens, 1861; 8°. — Bulletins. Tome VII. 
1869 — 60 — 61. Paris & Amiens, 1861; 8*. 

— de Biologie. Comptes rendus des sdances et Mdmoires. Tome II. 
de la 3 m< S£rie. Ann6e 1860. Paris, Londres, New York, 
1861; 8°. 

— d’ Ethnographie de France. Chronique Orientale et Amdricaine 
5“* Annee, Nr. 1 — 8. Paris, 1862; 8*. 

Society The American Philosophical-. Proceedings. Vol. VH. 
Nr. 64. Philadelphia, 1861; 8®. 

— The Asiatic-, of Bengal. Journal, N. S. Vol. XXX. Nr. 3 and 4. 
1861. Vol. XXXI. Nr. 1. Calcutta, 1862; 8*. 

— The Literary and Philosophical-, of Manchester. Memoirs, 
1* Series, Vol. III. Warrington, 1790; 8°; 2 d Series. 
Vol. I. Manchester 180S, 8°; 3 d Series. Vol. I. London and 
Paris, 1862; 8°. — Proceedings, Vol. II. Manchester and 
London, 1862; 8°. — Rules. Manchester, 1861; 8°. 

— The Royal Asiatic-, of Great Britain and Ireland. Journal, 
Vol. XIX. Part. 4. London, 1862; 8®. 

— The Royal Geographical-, of London. Journal. Vol. XXXI. 
London, 1861 ; 8°. — Proceedings. Vol, VI. Nr. 3 & 4. Lon- 
don, 1862; 8°. 

— The Royal-. Proceedings. Vol. XI. Nr. 47 & 48. London, 1861 
and 1862; 8°. 

Stern, M. E., Kochbe Jizchak, 28. Heft. (Mit Subvention der kais. 

Akademie der Wissenschaften in Wien.) Wien, 1862; 8°. 
Tafel, Leonhard and Rudolph L., Latin Pronunciation and the Latin 
Alphabet. Philadelphia and New York, 1860; 8®. — A Review 
8itsb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. III. Hft. 29** 


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444 


Verzeichnis» der eingegangenen Druckschriften. 


of some Points in B o p p s Comparative Grammar. (Front the 
Bibliotheca sacra for October, 1861.) Andover, 1861; 8°. — 
Investigations into the Laws of English Ortography and Pronun- 
ciation. By R. L. Tafel. Vol. L Nr. 1. New York and London, 
1862; 8°. 

Tübingen, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften aus 
dem Jahre 1861. 8° & 4°. 

Upsala, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften für 1861 /62. 
8° & 4®. 

Verein, historischer, für Krain. Mittheilungen. XVI. Jahrgang, 
1861. Laibach; 4°. 

— für Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben. Ver- 
handlungen. XIV. Veröffentlichung. (Der grösseren Hefte 
9. Folge.) Mit 21 Steintafeln in Farbendruck. Ulm, 1862; 4°. 

Wien, Universität. Verzeichniss der Vorlesungen im Winter- 
Semester 1862/63. Wien, 1862; 4°. 

Würzburg, Universität, Akademische Gelegenheitsschriften ans 
den Jahren 1860 — 1862; 8° & 4°. 


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SITZUNGSBERICHTE 


DER 

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 


» 

PHILOSOPHISCH- HISTORISCHE CLASSE. 


XL. BAND. IV. HEFT. 

JAHRGANG 1862. — NOVEMBER. 


:so 


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Dr. Ficker. Die Reichshofbeamten der staufischen Periode. 447 


SITZUNG VOM 5. NOVEMBER 1862. 


Vor geleg t: 

Die Reichshofbeamten der staufischen Periode . 

Von dem c. M. J. Vielter. 

Es wurde neuerdings mehrfach darauf hingewiesen, wie über- 
aus bedeutend die Stellung war, welche die Dienstmannen des 
Reiches im Laufe des zwölften Jahrhunderts zu erringen wussten; 
und unter ihnen waren es dann insbesondere die Träger der ober- 
sten Hofömter, welche den weitgreifendsten Einfluss auf die allge- 
meinen Angelegenheiten des Reiches gewannen. Das Ehrenvolle der 
persönlichen Dienstleistung beim Kaiser, der reiche Besitz, zu 
dessen Begründung und Erweiterung ihre Stellung so manche Ge- 
legenheit bot, Hessen mehr und mehr den Mangel freier Geburt 
übersehen, während es eben wieder dieser Mangel, diese persön- 
liche Unfreiheit war, welche sie ungleich enger als den Untertha- 
nen, als den Lehensmann an die Person des Herrschers band, welche 
bei dem, was sie für Kaiser und Reich leisteten, mehr als das bei 
irgend einem andern Stande der Fall war, nicht blos das Bewusst- 
sein der Pflichterfüllung, sondern auch der Förderung der eigenen 
Interessen begründen musste. Zuverlässigeren Händen konnte der 
Kaiser seine Angelegenheiten, so weit Laien denselben überhaupt 
gewachsen waren, nicht anvertrauen. Die Dienstleistungen, zu wel- 
chen ihr Amt sie zunächst verpflichtete, boten den leichtesten Weg, 
das Vertrauen des Herrschers zu gewinnen, vermittelten den Über- 
gang zu einer immer bedeutender hervortretenden Stellung; aber 
sie sind für diese, zumal in den späteren Zeiten unserer Periode, 

30 * 


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Dr. Ficker 


nicht mehr das vorzugsweise Massgebende. Das Gewicht der Reichs- 
beamten liegt nicht mehr darin, dass ihnen diese oder jene Verrich- 
tung am kaiserlichen Hoflager obliegt; sie sind am Hofe vorzugs- 
weise als ständige Käthe des Herrschers; wir finden sie als Vor- 
münder und Erzieher unmündiger Könige, als Führer kaiserlicher 
Heere, als Gesandte beauftragt mit der Vermittlung der wichtigsten 
Staatsgeschäfte; sie verwalteten in Deutschland den Besitz des 
Reiches und des Kaiserhauses, werden als Boten oder Statthalter 
des Reiches nach Italien gesandt; es ist fast kein wichtiges Ereig- 
niss dieser Zeit, bei welchem nicht der Name des einen oder des 
andern von ihnen genannt würde. 

Dieser Einflussnahme der Reichshofbeamten auf die allgemeinen 
Reichsangelegenheiten näher nachzugehen, ist nicht der Zweck der 
vorliegenden Arbeit. Es wäre das eine Aufgabe, deren gesonderte 
Behandlung sich kaum empfehlen dürfte, deren Lösung entspre- 
chender den allgemeinen Bearbeitungen der Geschichte unserer 
Kaiser und unseres Reiches in der bezüglichen Periode Vorbehalten 
bleibt. Immerhin wird aber das, was hier zusammengestellt wurde, 
auch die Lösung dieser Aufgabe mannigfach erleichtern können. 

Eben so wenig lag es zunächst in meiner Absicht, die Bedeu- 
tung der Reichshofämter an und für sich, die mit ihnen verbundenen 
Rechte und Pflichteu näher zu erörtern. Denn abgesehen davon, 
dass für die hervorragende Stellung der Hofbeamten ihre eigent- 
lichen Amtsverrichtungen kaum das vorzugsweise Massgebende zu 
sein scheinen, würde auch in dieser Richtung eine gesonderte Be- 
handlung der Hofämter des Reiches nicht angemessen erscheinen 
können. Denn gerade für das Reich, wie das auch bei anderen 
Gegenständen unserer Verfassungsgeschichte so häufig der Fall ist, 
fehlt es uns durchaus an zureichenden Quellen; kein Reichsdienst- 
reeht, keine Einzelverfägung über Rechte und Pflichten der Reichs- 
hofbeamten liegt uns vor; Urkunden und Geschichtschreiber geben 
kaum hie und da eine dürftige Andeutung. Festen Boden würde 
hier die Untersuchung unzweifelhaft nur durch eine weitere Fassung 
der Aufgabe gewinnen können, durch eine Untersuchung der Stel- 
lung auch der fürstlichen Hofbeamten, für welche wir vielfach aus- 
reichendere Quellen besitzen , auf deren Grundlage sich dann er- 
örtern Hesse, in wie weit wir daraus auf die Reichsholamter zurück- 
sehliessen dürfen. Und wenn in dieser Richtung Manches zu thun 


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hie Reichshofbeamten der stauHschen Periode. 


übrig bleibt, so wird man doch auch nicht sagen können, dass die 
neuere Forschung hier eine Lücke zeigt; es mag genügen, an die 
Erörterungen von Fürth zu erinnern. 

Eine Lücke der Forschung aber, welche mir bei anderweitigen 
Untersuchungen fühlbar wurde und die nachfolgende Zusammen- 
stellung veranlasste, war unzweifelhaft darin zu sehen, dass uns die 
Reihenfolge der Reiclishofbeamten nur ganz ungenügend bekannt 
war. An und für sich möchte eine Aufzählung der in den einzelnen 
Ämtern vorkommenden Personen, eine genauere Feststellung der 
Zeit ihrer Amtsführung ziemlich entbehrlich scheinen. Aber es han- 
delt sich dabei zugleich um die Gewinnung der Grundlage, von der 
aus allein einige Fragen von grösserer Bedeutung ihre Erledigung 
finden können; so insbesondere die Fragen, ob es nur je einen 
obersten Reichshofbeamten gab, oder ob die einzelnen Ämter mehr- 
fach besetzt waren; ob die Ämter, wie später unzweifelhaft der Fall 
war, in Weise der Reichslehen vererbten oder aber anderweitig 
besetzt wurden. 

Für die gesammte Reihe sind wir noch jetzt auf Zusammen- 
stellungen aus dem vorigen Jahrhunderte hingewiesen, welche dem 
Bedürfnisse in keiner Weise genügen können; nur ein geringer 
Theil des jetzt vorliegenden Materials ist dort benützt, Zeugnisse 
sehr verschiedenen Werthes mit einander vermengt, Reichshof- 
beamte und in den Kaiserurkunden vorkommende fürstliche Hofbe- 
amte nicht unterschieden. 

Nur für einen kürzeren Abschnitt liegt uns eine neuere Arbeit 
vor. Huillard-Breholles hat in der Einleitung zu seiner urkundlichen 
Geschichte K. Friedrichs II. aus den Urkunden des Kaisers und 
seiner Söhne die Namen der Hofbeamten und die Jahre, in welchen 
die einzelnen Vorkommen, ausgehoben. Er glaubt daraus ein Doppel- 
tes schliessen zu dürfen; einmal, dass es mehrere Reichshofbeamte 
gab, welche gleichzeitig ein und dasselbe Amt versahen; dann dass 
die Hofamter sich wie Lehen in den einzelnen Familien vererbten. 

Dürfen wir nun dieses Ergebniss als gesichert und genügend 
betrachten? Zunächst wird nicht zu verschweigen sein, dass die 
Grundlage, auf der es gewonnen wurde, sich nicht überall bewährt. 
Auch abgesehen von aller kritischen Sichtung ergibt eine vollstän- 
dige Durchsicht des von Huillard selbst gesammelten Urkunden- 
schatzes noch manche Ergänzung und Berichtigung, während anderer- 


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Dr. Ficker 


seits nach genauerer Prüfung manche der von ihm aufgcf&hrten 
Personen als nicht zu den Reichshofbeamten oder nicht in diese Zeit 
gehörig zu streichen sind. Und weiter hat Huillard alle Anhalts- 
puncte ausser Acht gelassen, welche zum Theil sehr deutlich darauf 
hinweisen, dass, wenn auch gleichzeitig mehrere Personen in dem- 
selben Amte genannt werden, doch nicht alle als gleichstehend 
betrachtet werden können. 

Nun würde freilich auch eine nach diesen Gesichtspuncten be- 
richtigte Reihe der Reichshofbeamten K. Friedrich’« II. noch immer 
für jene Ergebnisse Huillard's sprechen können, Ergebnisse, welche 
doch an und für sich den grössten Redenken Raum geben. Wenn 
die Ämter wirklich in den einzelnen Familien vererbten, ist es dann 
nicht doppelt unerklärlich, dass verschiedene Familien ein und das- 
selbe Amt bekleideten? Und wie ist wieder damit zu reimen, dass 
es später unzweifelhaft nur vier, in einzelnen Familien vererbliche 
Hofämter gab? 

Sollte hier grössere Sicherheit gewonnen werden, so war es 
vor Allem nothwendig, die Untersuchung über einen grösseren Zeit- 
raum auszudehnen; es musste das schon die Erwägung nahe legen, 
dass das bereits mehrfach betonte Eintreten der schwäbischen Hof- 
beamten in den Dienst des Reiches unter K. Philipp leicht eine Ver- 
schiebung dieser Verhältnisse hätte herbeiführen können. Ich 
begnügte mich daher nicht mit einer nochmaligen genaueren Zu- 
sammenstellung der Erwähnungen von Hofbeamten in den von 
Huillard (H.) gesammelten Urkunden; es wurden auch die Kaiser- 
urkunden der früheren Zeit zugezogen und zwar vom Beginne des 
zwölften Jahrhunderts ab. Weiter zurückzugreifen würde für die 
nächsten Zwecke ohne Werth gewesen sein. Denn an die Aufstel- 
lung einer cinigermassen zusammenhängenden Reihe der Hofbeamten 
ist nur da zu denken, wo dieselben häufiger in den Zeugenreihen 
der Kaiserurkunden erscheinen; das aher ist erst unter den staufi- 
schen Herrschern der Fall; noch unter K. Heinrich V. und K. Lothar 
sind die Erwähnungen, wie wir sehen werden, ganz vereinzelt; für 
die früheren Jahrhunderte würden sich mit grosser Mühe doch nur 
wenige zusammenhanglose Namen ergeben, welche ich, auch so 
weit sie mir bekannt wurden, nicht berücksichtigte, weil ich es vor- 
zog, von einem bestimmten Zeitpuncte ab die urkundliche Grundlage 
mit wenigstens gleichmässiger Vollständigkeit auszubeuten. Und 


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Die Reichahofbeainten der Blaufischen Periode. 


451 


schien hier die Dürftigkeit der Zeugnisse es nahe zu legen, nicht 
über den Beginn des zwölften Jahrhunderts zurückzugreifen, so 
mochte auch in anderer Richtung diese Grenze vollkommen genügen. 
Die Darstellung selbst wird nämlich ergeben, dass zur Erklärung 
wenigstens der späteren Verhältnisse ein weiteres Zurückgreifen, 
auch wenn die Quellen es gestatteten, allem Anscheine nach kaum 
etwas beitragen würde, dass insbesondere Vorrechte einzelner 
Familien auf die Ämter, von einer Ausnahme vielleicht abgesehen, 
sich frühestens unter K. Konrad III. begründet haben können. 

Boten die Kaiserurkunden seit dem Beginne des zwölften Jahr- 
hunderts die Hauptgrundlage für die folgende Zusammenstellung, 
so wurden dieselben dafür in solcher Ausdehnung benützt, dass nach 
ungefährer Schätzung nur etwa der zwanzigste Theil der veröffent- 
lichten unberücksichtigt blieb. Damit dürfte immerhin eine ziemlich 
sichere Grundlage für die Forschung gewonnen sein; es ist möglich, 
dass die mir unbekannt gebliebenen Urkunden nur noch unwesent- 
liche Ergänzungen bieten würden ; andererseits ist freilich nicht zu 
vergessen, dass zumal bei der Unsicherheit über die Familien, 
welchen einzelne der früheren Hofbeamten angehören, hier oft auch 
ein einzelnes urkundliches Vorkommen wegen Angabe eines Ge- 
schlechtsnamens oder einer verwandtschaftlichen Beziehung den 
wichtigsten Haltpunct gewähren kann. Um eine Prüfung und Ergän- 
zung meiner Angaben zu erleichtern, glaubte ich jedes mir bekannt 
gewordene urkundliche Vorkommen erwähnen zu sollen ; doch schien 
dazu, so weit die Urkunden in Böhmer *s älterem Regestenwerke (B.) 
und in dessen Regesten K. Philipp’s (Ph.) und K. Otto’s (0.) ver- 
zeichnet sind, die Anführung der Regestennummer zu genügen. Die 
Geschichtschreiber dieser Zeit werden noch einige Ergänzungen 
bieten; aber für die nächsten Zwecke schienen sie mir doch zu 
wenig Haltpuncte zu bieten, als dass eine umfassendere Durchsicht 
derselben einen die Mühe lohnenden Erfolg in Aussicht stellen 
konnte; ich habe nur von einzelnen mir ohnehin bekannten Stellen 
Gebrauch gemacht. 

Kann ich nun hier eine auf Urkunden gestützte Reihenfolge der 
Hofbeamten in solcher Vollständigkeit bieten, wie sie bisher auch 
nur annähernd nicht vorhanden war, so schien es mir kaum thunlich, 
darüber hinaus auch nur mit Rücksicht auf die zunächst hervorge- 
hobenen Gesichtspuncte die Forschung so weit durchzuführen, als 


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Dr. Ficker 


das die vorhandenen Hilfsmittel überhaupt gestatten. Manche hier 
einschlagende Aufgaben, wie der Nachweis der in den Kaiserurkun- 
den vorkommenden fürstlichen Hofbeamten, der Nachweis der Her- 
kunft, der verwandtschaftlichen Beziehungen einzelner Personen, 
der Identität mancher unter verschiedenen Namen vorkommenden 
Personen und Geschlechter, und ähnliche gehen so in's Einzelnste, 
sind mit solchen Schwierigkeiten verknüpft, dass es selbst dem mit 
allen Einzelnheiten der betreffenden Provinzialgeschichte vertrauten 
Forscher kaum gelingen wird, zu zweifellosen Resultaten zu gelan- 
gen; es wird genügen, auf die trefflichste hier einschlageude Arbeit 
zu verweisen, auf die Erörterungen Stalin’ s über einzelne Amts- 
geschlechter. Um so nöthiger war es, in dieser Richtung gewisse 
Schranken einzuhalten bei einer Arbeit, welche sich mit Geschlech- 
tern aus den verschiedensten Theilen des Reiches zu beschäftigen 
hat. Andererseits wäre es auch verfehlt gewesen, sich durch die 
Furcht vor Missgriffen von jeder weitergehenden bezüglichen Erör- 
terung abhalten zu lassen. Denn die gleichzeitige, wenn auch weniger 
genaue Beachtung eines Institutes für einen grösseren Zeitraum und 
für den ganzen Umfang des Reiches gibt doch auch wieder Hait- 
puncte für das Einzelnste, welche sich der auf ein einzelnes Ge- 
schlecht oder einen engeren örtlichen Kreis beschränkten Forschung 
entziehen. Und wollte ich überhaupt auf die Frage der Besetzung 
und Vererbung der Ämter eingehen, so war es nicht zu vermeiden, 
über manche Einzelfragen wenigstens eine vorläufige Ansicht auszu- 
sprechen. Was ich in dieser Richtung auf einige nächstliegende 
Hilfsmittel gestützt erörterte, wird allerdings der Berichtigung und 
Ergänzung durch die Einzelforschung gar sehr bedürfen; aber es 
mag vorläufig hinreichen für den Versuch einer von der Richtigkeit 
des Einzelnen weniger abhängenden Beantwortung der hervorge- 
hobenen allgemeineren Fragen. 

Über die Anordnung des Stoffes konnten sich Bedenken erhe- 
ben. Nächstliegende Rücksichten wiesen allerdings auf eine geson- 
derte Behandlung der einzelnen Ämter hin. Diese Anordnung hat 
aber den Missstand, dass das für alle Gemeinsame nicht zum Aus- 
drucke gelangt; es ergibt sich leicht, dass die Regierungswechsel 
für die Beurtheilung der allgemeineren Verhältnisse wichtige Ab- 
schnitte bilden, dass für viele Fragen vorzugsweise die Momente 
der Gleichzeitigkeit in's Gewicht fallen, während zugleich mancher. 


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Die neichshofbeamten der s tau (i scheu Periode. 


453 


bei der Beachtung nur eines Amtes kaum zu erklärende Umstand, 
erst bei dem Vergleiche mit verwandten Erscheinungen in einem 
anderen Amte seine Lösung findet. Aber eine durchgreifende Anord- 
nung nach Regierungen, wie ich sie versuchte, schien doch grössere 
Missstände mit sich zu bringen und überdies die angedeuteten nicht 
einmal genügend zu beseitigen. Es schien daher am zweckmässig- 
sten, nur innerhalb der einzelnen Ämter die Regierungen aus ein- 
ander zu halten, dann aber in einem Schlussabschnitte die allgemeinen 
Bemerkungen und Ergebnisse unter Rückbeziehung auf die Einzeln- 
erörterungen zusammenzustellen. Auf die erst hier im Zusammen- 
hänge zu besprechenden Fragen musste natürlich schon bei der 
Einzelnerörterung vielfach Rücksicht genommen werden; ergibt sich 
insbesondere überall ein gleichzeitiges Vorkommen mehrerer Perso- 
nen in demselben Amte, während doch auch wieder der oberfläch- 
lichsten Betrachtung sich eine Reihe Umstände darbieten, welche 
darauf schliessen lassen, dass es nur je einen obersten Reichsbeamten 
geben sollte, so war insbesondere alles hervorzuheben, was auf 
Vorrang oder Unterordnung gleichzeitig vorkommender Beamten 
hindeutet, es waren wenigstens versuchsweise sogleich Hauptbeamte 
und Nebenbeamte aus einander zu halten. Darauf stützt sich auch die 
gewählte Folge der Ämter, welehe mit dem Marschallamte beginnt, 
dem Kämmereramte schliesst, da bei jenem die Momente der Ver- 
erbung und einheitlichen Besetzung am meisten, bei diesem am 
wenigsten hervortreten. 


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Dr. Ficker 


I. fteichsmarschälle. 

1. Unter K. Heinrich V. wird 1116 ein Marschall Konrad 
genannt (B. 2059); einen Marschall K. Lothar's weiss ich nicht 
nachzuweisen. 

2. Als Marschall K. Konrad's III. erscheint ausschliesslich 
Heinrich v. Pappenheim; gewöhnlich nur als Marscball Hein- 
rich bezeichnet (1138 — 50: Mon. Patr. Lib. jur. Gen. 1, 57. Jaffe 
Conr. 214. 217. B. 2203. 32. 40. 84) finden wir ihn 1145 auch 
mit dem Geschlechtsnamen (B. 2249). 

3. Bei K. Friedrich I. wird 1154 Heinrich v. Pappen- 
heim ohne Amtsbezeichnung erwähnt (B. 2334), 1156 als Marschall 
(Mon. Boica 29, 324); da hier von einer verheiratheten Tochter 
desselben die Rede ist, so wird er noch derselbe mit dem Marschall 
K. Konrad's und von diesem unmittelbar auf K. Friedrich öbergegan- 
gen sein, da in dessen ersten Jahren kein anderer Marschall genannt 
wird. Die folgenden zahlreichen Erwähnungen eines Marschall Hein- 
rich bis zum Jahre 1183 (Notizenbl. 1, 145. 150. B. 2459. 60. 62. 
72. 80. 83. 90. 97. 525. 29. 45. 53. 62. 75. 646. 48. Muratori 
ant. It. 6, 245. Mon. Germ. 4, 165) beziehen sich höchst wahr- 
scheinlich sämmtlich auf einen Pappenheim, da in den Jahren 1165, 
67, 70, 80, 82, 83 der Marschall Heinrich ausdrücklich mit diesem 
Geschlechtsnamen genannt wird (B.2501. 24. 38. 624. 26. 50. 51. 
56. Micris 1, 108. Verci Marca 1, 25) und 1164, 80 Heinrich von 
Pappenheim ohne Amtsnamen (Lepsius Naumburg 255. B. 2620). 

Allerdings findet sich in einer angeblich 1175 zu Rülzheim 
ausgestellten Kaiserurkunde auch ein Marscball Heinrich v. Ger- 
mersheim erwähnt (Acta Palat. 2, 75), welchem möglicherweise 
auch einige der Erwähnungen ohne Geschlechtsnamen zwischen 
1170 und 1180 angehören könnten, da in dieser Zeit der Name 
Pappenheim nicht nachzuweisen ist. Da aber jener Name in der 
Reihe der Marschälle nicht wiederkehrt, so ist es kaum wahrschein- 
lich, dass er als Reichsmarschall fungirt hat. 

Dass wir die von 1138 — 1183 fast ein halbes Jahrhundert 
umfassenden Erwähnungen eines Marscball Heinrich v. Pappenheim 
auf nur eine Person zu beziehen haben, ist kaum wahrscheinlich; es 


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Die Reichshofheamten der aUufischen Periode. 455 

dürfte sich um Vater und Sohn handeln; doch fehlen mir Anhalts- 
puncte für bestimmtere Entscheidung. 

4. Nachfolger des noch 1183 Mai 30, und in einer undatirten 
jedenfalls nach 1183 Not. ausgestellten Urkunde (Verci Marca 1, 
25), zuletzt nachweisbaren Heinrich von Pappenheim ist Heinrich 
v. Lautern, welcher sogleich bei der nächstfolgenden Erwäh- 
nung eines Marschall 1184 März 15 (österr. Archiv 8, 328) und 
weiter bis 1185 Nov. 28 durchweg mit dem Geschlechtsnamen de 
Lutra (corrumpirt Lume, Luria, Lut) erscheint (Huillard 5, 193. 
Biancolini chiese di Verona 5 a, 106. B. 2668. 69. 70. 78. 84. 96. 
Verci Marca 1, 32); nur als Marschall Heinrich 1185 (B. 2681) 
und noch 1186 März 5 (Notizenbl. 2, 370). 

Ihm folgt 1188 und 1189 Eckbert v. Lautern. In Ur- 
kunden ausgestellt 1188 Sept. 1 und Nov. 22 (Niedersächs. U. B. 2, 
27. Notizenbl. 2, 21 1) führt er nur den Amtsnamen, dazwischen 
Sept. 29 nur den Geschlechtsnamen de Lutere (ö. 2710); die Iden- 
tität ist zweifellos, da er nochmals 1189 Febr. 15 als E. marsch, de 
Lutra vorkommt (B. 2713). 

5. Als untergeordnete Marschälle für die Zeit K. Friedrich’s 
dürften zu betrachten sein: Bertold 1168, wohl derselbe mit dem 
1161 Bertolf genannten Marschall (B. 2451. Lacomblet 1, 297). 
Wolfram v. Hagenau findet sich nur als Marschall bezeichnet 
1169 zu Gelnhausen, 1179 zu Hagenau, dann 1187 ebenda alsMar- 
schall von Hagenau (B. 2533. 2613. MoneZeitschr. 11, 14). Werner 
v. Strassburg (marescalcus de Argentina oder Argentinensis), wohl 
zunächst Marschall des Bischofs von Strassburg, in dessen Urkunden 
er 1154. 83. 88. erscheint (Schöpflin A. D. 1, 243. Würdtwein N. 
S. 10, 134. 149), muss doch auch mehrfach zur Dienstleistung am 
königlichen Hofe verwandt sein. Wir finden ihn beim Kaiser zu 
Strassburg 1181, zu Hagenau 1187 neben dem Marschall Wolfram, 
1189 zu Ansbach und Hagenau (Schöpflin A. D. 1, 275. Mone 
Zeitschr. 11, 14. B. 2713. 14); dann noch bei -K. Heinrich. Mar- 
schall Rudolf v. Altenburg wird nur einmal 1 172 zu Altenburg 
in einer, wie sie vorliegt, gewiss verfälschten Urkunde genannt, 
welche ihre Personennamen aber doch einer echten Vorlage ent- 
nommen haben dürfte (Schuttes Direct. 2, 230). 

6. Andere vereinzelte Erwähnungen werden lediglich auf 
bischöfliche Marschälle zu beziehen sein. Wilhelm, 1157 zu Trier 


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l>r. Ficker 


(B. 2366), kommt in dieser Zeit häufig als Trierer Stiftsmarschall yor 
(vergl. Beyer U. B. 1,759). Hartwig, 1180 zu Regensburg neben 
Heinrich v. Pappenheim genannt (B. 2626), dürfte Marschall von 
Regensburg sein, wenigstens findet sich 1174 eiuHartwig unter den 
Officialen des Bischofs (Ried C. D. 1, 246). Ebendort ein Konrad, 
vielleicht derselbe mit dem Marschall Konrad y. Waltenhofen 
in Kaiserurkunde 1182 zu Regensburg (B. 2652), da auch der Orts- 
name auf Regensburg weist (Ried C. D. 1,275). Das würde zur 
Annahme einer Mehrzahl bischöflicher Marschälle führen, wie sie 
auch wirklich z. B. in Mainz im zwölften Jahrhundert durchwegs 
vorkommt. Anselm, 1182 in Urkunde zu Mainz tilr Speier ausge- 
stellt (B. 2646), dürfte Marschall von Speier sein, wohin viele der 
Zeugen gehören; es lebt wohl damals ein Justingen dieses Namens, 
auf den man die Anführung bezog (vergl. Stäiin 2, 595); aber es 
ist durchaus unwahrscheinlich, dass die Justingen als freie Herren 
vereinzelt als Marschälle verkommen sollten (vergl. V §. 4). Der 
Marschall Gerung, neben dem gleichfalls sonst in diesen Ämtern 
beim Kaiser nicht erscheinenden Kämmerer Heinrich, Truchsess 
Konstantin, Schenk Dietrich, 1186 zu Gelnhausen in Urkunde für 
Bremen vorkommend (Lappenberg UB. 1, 241), ist mit den anderen 
um so sicherer als bremischer Stiftsbeamter zu betrachten, als wir 
denselben Namen, wenn auch ohne Amtsbezeichnung, 1181 in Ur- 
kunde für Bremen unter den ausdrücklich als Bremer Ministerialen 
bezeichnten Personen begegnen (B. 2641). 

7. Als Marschall K. H ein rieh VI. erscheint zuerst 1185 Oct. 
25 Heinrich v. Kalentin (Lacomblet i, 348); er wird danu 
in den königlichen Urkunden der nächsten Zeit nur noch einmal 
1189 Febr. 8 und zwar ohne Amtsnamen genannt (Lacombl. 1,362). 

Dagegen wird nun der Marschall Heinrich Testa genannt; 
1186 Sept. 1 — 1187 Nov. 9 in Italien (B. 2723. 31. Ughelli 1, 
332. Rena e Camici 4 d, 100. Huillard 5, 353), 1189 Mai 7 zu Basel 
(B. 2736); 1191 Febr. 11 bis Juni in Italien (B. 2749. 50. 52. 53. 
57. 58. 62. 63. 68. Dümge Reg. 149. Mon. Patr. Lib. jur. Gen. 1, 
374). Dann verschwiudet der Name und seit 1191 Decemb. 8 zu 
Mailand (B. 2774) wird als Marschall wieder Heinrich v. Kalentin 
genannt. 

Beide Namen dürften dieselbe Person bezeichnen. Dagegen 
scheint zu sprechen, dass H. v. Kalentin gerade das einzige Mal, wo 


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Die Heiehshofbeamten der staufischen Periode. 


457 


er während der Amtsführung des Testa erscheint, nicht den Amts- 
titel führt; doch kann das zufällig sein, da die Beispiele nicht selten 
sind, dass oberste Reichsbeamte ohne Amtstitel in den Urkunden Vor- 
kommen. Bedenklicher scheint, dass H. v. Kalentin den Kreuzzug des 
Kaisers mitmachte; er wird als Eroberer der Burg Skribention 1189 
October erwähnt (Ansbert, ed. Dobr. 47. Expeditio Frid. ap. Canis. 
lect. ant. ed. Basnage 3 b, 510). Lässt nun auch das Vorkommen des 
Testa beim Könige hier eine genügende Lücke, so wissen wir doch, 
dass er 1190 vom Könige nach Italien und Apulien geschickt wurde 
(Rieh, de S. Germano ap. Mur. 7, 971) und 1190 März 20 urkundet 
er zu Borgo S. Genesio als Henrigus Testa marischalcus domini regis 
Henrigi et pro eodem legatus totius Tuscie (Lami Mon. 1, 343). 
Entscheiden kann aber auch das nicht gegen die Identität, da mei- 
nes Wissens kein bestimmtes Zeugniss vorliegt, dass H. von Kalentin 
dem Kaiser auch nach Asien folgte. 

Für die Identität spricht: 1. dass H. v. Kalentin auf dem Kreuz- 
zuge, also während der Amtsführung des H. Testa, von den genann- 
ten Quellen als Marschallus imperatoris und Imperialis curiae mar- 
schalcus bezeichnet wird; 2. dass ein Vorrecht der Pappenheim 
(Kalentin) auf das Marschallamt sich am Frühesten fest begründet 
zu haben scheint; 3. dass die beiden Namen nie in ein und derselben 
Urkunde Vorkommen; 4. dass es last unerklärlich wäre, wenn ein 
so eifriger Anhänger K. Heinrich's, wie H. v. Kalentin, während einer 
Zeit von sechs Jahren nur einmal in seinen Urkunden aufträte; 
5. dass das erste Wiederauftreten des H. v. Kalentin zu Mailand 
noch nach Italien fällt, aber an das Ende des Römerzuges; machte 
er diesen überhaupt nicht mit, so wäre es ganz ungewöhnlich, dass 
er dem heimkehrenden Kaiser so weit entgegen gezogen sein sollte. 
Der Annahme, H. Testa habe die Stelle des H. v. Kalentin eingenom- 
men, sei etwa vor Neapel gestorben, und nun dieser wieder in seine 
frühere Stellung eingetreten , dürften demnach die gewichtigsten 
Bedenken entgegenstehen; nach Massgabe der mir bekannt gewor- 
denen Zeugnisse werden wir beide für ein und dieselbe Person halten 
müssen. 

Als Marschall v. Kalentin erscheint dann Heinrich beim Kaiser 
1191 Dec. 8, 1192 Febr. 19 (B. 2774. 77), 1192 Dec. 1 bis 1193 
März 29 (B. 2791. 92. 94. 95. Notizenbl. 2, 182), 1193 Juli 2 bis 
1194 Jan. 28 (Gallia ehr. 1, 79. Mon. Boie. 31, 450. Ughelli 1,495. 


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458 


Dr. Ficker 


Wirtemb. U. B. 2, 301); 1195 Jän. 2 bis 1196 Mai 20 (Margarin 
2, 227. B. 2832. 35. 41. 45. 49. 51. 59. 60. 61. 62. Notizenbl. 
2, 371. Muratori Ant. It. 1,393. Lappenberg U.B. 1, 270. Wirtemb. 
U.B. 2, 312. 317). 

In Urkunde 1196 Juli 28 zu Turin heisst der Marschall Hein- 
rich v. Pappenheim (Bibi. Floriac. 3, 89), in einer zweiten nur 
Heinrich (Huillard 2, 561), dann Aug. 9 zu Mailand (Mon. Patr. Ch. 
1, 1031) Heinrich de flabemint, was Corruption für Pappenheim 
sein dürfte. Die auch sonst angenommene und begründete (vergl* 
Abel K. Philipp 328) Identität des H. v. Pappenheim und H. v. Ka- 
lentin wird keinem Zweifel unterliegen. Auf demselben Zuge heisst 
denn auch 1196 Nov. 1 bis 1197 Aug. 3 der Marschall wieder H. 
v. Kalentin (B. 2893. La Farina Studj. 4, 306. Lünig R. A. 22, 
814); ebenso unter den folgenden Regierungen, während vereinzelt 
um 1206 zweimal der Marschall H. v. Pappenheim vorkommt (Mon. 
Germ. 4, 208. W T irtemb. U. B. 2, 355). Der Namenswechsel wird 
wohl nur darauf hindeuten , dass wir in H. v. Kalentin nicht den bis 
1183 bei K. Friedrich vorkommenden H. v. Pappenheim, sondern 
einen Sohn desselben zu sehen haben; denn an und für sich liesse 
sich das Ausscheiden des Pappenheim aus der Hofhaltung des Kaisers 
dadurch erklären, dass er der des jungen Königs zugewiesen wurde. 
Die Annahme, dass Heinrich die Burg Kalden, einem jüngern Bruder 
Rudolf die Burg Pappenheim zufiel und dadurch der Namenswechsel 
veranlasst wurde (Abel K. Philipp 328), stützt sich darauf, dass in 
Urkunde des Reichsmarschalles H. v. Kalentin 1214 als Zeugen, und 
zwar dem Marschall Hildebrand nachgesetzt erscheinen: Heinricus 
et Rudolfus frater eius de Bapinheim; und dass um 1217 Rudolf 
dem Kloster Kaisersbeim eine Schenkung seines Bruders des quon- 
dam Heinricus miles de Kalntin bestätigt. (Reg. Boica 2, 62. 86). In 
diesem Heinrich haben wir keinesfalls den Reichsmarschall selbst, 
sondern einen ritterlichen Dienstmann desselben zu sehen, zumal 
1223 Rudolfus de Kalintin als Ministerin! des Grafen von Lechs- 
gemünd erscheint (Reg. Boica 2, 136). 

8. Wo sich Lücken in dem Vorkommen Heinrich’s beim Kaiser 
finden, werden andere Marschälie genannt. Von diesen kommen 
zwei so oft vor, dass ihnen anscheinend ein Vorrecht zustand, den 
abwesenden Reichsmarschall zu ersetzen. Sifrid v. Hagenau, 
aus einer Marschallsfamilie, deren Mitglieder in der 'Regel nur zu 


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Die Reichshofbeamten der staufischen Periode. 


459 


Hagenau selbst beim Kaiser Vorkommen, ist bei diesem 1192 Juli 
27 zu Gelnhausen, 1193 Apr. 28 zu Boppard, Mai 18 zu Wirzburg, 
1194 Apr. zu Aachen, Mai 9 zu Trifels (B. 2784. 99. 801. 2. 22. 
Lacomblet 1, 379. 4, 772. Quix Aachen 1, 39); dann 1196 Juli 6 
zu Bisanz (B. 2880), und nochmals iu einer 1197 Aug. 3 in Sicilien 
für Heinrich v. Kalentin ausgestellten Urkunde (Lünig R. A. 22,814), 
der einzigen, in welcher neben diesem während der ganzen Regie- 
rungszeit K. Heinrich' s andere Marschälle als solche genannt werden; 
auch ohne Amtsnamen kommen sie nicht neben ihm vor, während 
wir doch hier sehen, dass Sifrid den ganzen italienischen Zug mit- 
machte, und daraus schliessen dürfen, dass in Anwesenheit des eigent- 
lichen Reichsbeamten die anderen zurücktreten; in der erwähnten 
Urkunde ist die Aufführung einer besonders grossen Zahl von Reichs- 
beamten und Reichsdienstmannen überhaupt durch den Inhalt bedingt. 

9. Um so auffallender ist das ganz abweichende Verhältniss 
im Vorkommen der stellvertretenden Marschälle. Der Marschall 
Eberhard v. Anebos findet sich nämlich neben dem gleichfalls 
als Marschall bezeichneten Sifrid 1193 Mai, dann 1194 Apr. 19 zu 
Aachen, Mai 9 zu Trifels (B. 2801. 22. Lacombl. 4, 772); 1194 
Apr. 18 zu Aachen in zwei Urkunden vor Sifrid, der hier den Amts- 
titel nicht führt (Lacombl. 1, 379. Quix 1, 39); ausserdem allein 
ohne Amtstitel 1194 Febr., mit demselben im März und zuletzt Mai 
26 zu Chiavenna (B. 2819. 20. Mon. Boic. 29, 481. Mon. Patr. Ch. 
2, 1161). Dieses auffallende Vorkommen dürfte auf einen von beiden 
erhobenen und bei beiden berücksichtigten Anspruch hindeuten. 
Eberhard, nach der Reichsburg Anebos bei Trifels genannt, kommt 
später nicht mehr vor; die Familie soll unter Friedrich II. ausge- 
storben sein (Acta Palat. 7, 424); eine Elise von Anebos lebt noch 
um 1250 (Remling U. B. 1, 246. 247). Unter den Hofbeamten 
erscheint der Name nicht mehr. Neben Eberhard wird sein Bruder 
Heinrich genannt (ß. 2819. M. Patr. Ch. 2, 1161), nach 1204 als 
Heinrich v. Anebos vorkommend (Remling U. B. 1, 141). Die Namen 
Eberhard und Heinrich, wie das Amt, dürften auf Zusammenhang mit 
der Familie der Marschälle von Lautern hinweisen. 

10. Ausser jenen werden noch einige Marschälle bei K. Hein- 
rich erwähnt. Wolfram v. Hagenau, 1193 Apr. zu Speier (B. 
2797), dürfte der 1192 als Sifrid’s Bruder bezeichnete Wolfram 
(B. 2784) sein, und der früher (vgl. §. 5) erwähnte Wolfram beider 


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460 


I)r. Ficker 


Vater. Ein Marsehall Hildebrand, 1 194 Juni 3 zuPiacenza(B.2825), 
wird wohl den Rechberg zugezählt (Stalin 2, 608); ich zweifle nicht, 
dass es Hildebrand v. Schlegelthal (Schleithal? speierisch 
vgl. Remling U. B. 1, £47. 2, 19. 57) ist, welcher nicht allein sonst 
mehrfach beim Kaiser erscheint (Mon. Boic. 31, 450. 29, 481. La- 
combl. 4, 772. B. 2819. 67), sondern auch eben auf diesem Zuge 
1194 Mai 26 zu Chiavenna (Mon. Palr. Ch. 2, 1161) und Juli 1 zu 
Pisa (Notizenbl. 1, 180). Auffallen muss es, dass in der letzteren 
Urkunde neben ihm ein anderer als Marschall genannt wird, Rem- 
baldo d e Voburen. Wir finden diesen noch einmal 1197 Aug. 3 
in der in Sicilien für den Reichsmarschall H. v. Kalentin ausgestell- 
ten Urkunde (Lünig R. A. 22, 814), wo es unter den Zeugen heisst: 
Rombodo marescalcus. Henricus pincerna. Henricus, marescalcus 
Huebor. Sigefr. marsc. de Hugenone; später erscheint noch ein 
Henricus de Yogburg. Weder die Namen Rembald und Voburen, 
noch ähnlich klingende finde ich unter den Reichsdienstmannen dieser 
Zeit. Die Markgrafen von Vohburg haben gleichnamige Ministerialen, 
bei welchen früher der Name Reginbot nachzuweisen ist (Mon. Boic. 
14, 408. 416); es wäre möglich, dass etwa durch K. Friedrich’s I. 
erste Gemahlinn eine Linie an das Reich gekommen wäre. Eben so 
wenig weiss ich den Marschall Heinrich Huebor näher nachzu- 
weisen; die Namen mögen stark corrumpirt sein; vielleicht ist es 
derselbe Geschlechtsname; annähernd ähnlich klingend finde ich 
sonst nur 1196 hinter Reichsministerialen einen Beringer v. Horera- 
burg mit seinem Bruder Heinrich (B. 2867). Der schon erwähnte 
( v gl. §. 5) Marschall Werner v. Strassburg erscheint bei K. 
Heinrich 1185 zu Basel (B. 2720) und nur als Marschall Werner 
bezeichnet 1196 zu Ehenheim (B. 2878). Der zu Basel neben ihm 
genannte Thurin g erscheint sonst als Marschall des Bischofs von 
Basel (Trouillat Mon. 1, 407). 

11. Unter K. Philipp bleibt Heinrich v. Kalentin Reichs- 
marschall; er muss sich dem Könige sogleich nach seiner Rückkehr 
angeschlossen haben und erscheint in seinen Urkunden zuerst 1199 
Juli 10, dann Sept. 29 (Ph.15.17), 1200 (24. 26. 27. 31. 32b. 33), 
1205 (53. 54. 56. 60. 61. 63. 66), 1206 (78. 80), 1207 (89. 105. 
106. 108. 110). Er vermittelte 1206 eine Zusammenkunft der bei- 
den Gegenkönige (Ann. Colon, max. Mon. Germ. 17, 821) und wurde 
später bekanntlich Rächer seines königlichen Herrn. 


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Die Heichshofbeamten der stautisch n Periode. 


461 


12. Mit Heinrich zusammen und ihm nachgestelit erscheint 
zweimal 1199 und 1200 Marschall Ulrich v. Rechberg (Ph. 17. 
27). Sein Amtstitel bezieht sich unzweifelhaft zunächst auf das Her- 
zogthum Schwaben, da er auch 1194 bei Herzog Konrad, 1197 bei 
Herzog Philipp als Marschall erscheint (Mon. Boic. 6, 503. Wirtemb. 
U. B. 2, 321). Sein Sohn Hildebrand v. Rechberg ist 1200 zu 
Ulm (Ph. 34) und 1207 zu Augsburg neben Heinrich und diesem 
nachgestelit (Ph. 110 vgl. Mone, Zeitschr. 11, 21) als Marschall 
beim Könige. Schon dieses seltene Vorkommen erweist, dass bezüg- 
lich der Rechberg nicht , wie das bei anderen schwäbischen Hof- 
beamten der Fall war, versucht wurde, sie in die Stelle des Reichs- 
marschalls eintreten zu lassen oder auch nur vorzugsweise zur 
Dienstleistung heranzuziehen. 

13. Von anderen bei K. Philipp genannten Marschällen finden 
wir Sifrid v. Hagenau (vgl. §.8) 1205, 1206 zu Hagenau, 1207 
zu Strassburg (Ph. 69. 86. 95.); er scheint also nur noch in der 
Nähe seines Wohnortes zur Dienstleistung herangezogen worden zu 
sein. Der 1205 neben Heinrich genannte Marschall Rudolf v. Ju- 
stingen (Ph. 56) ist zu beseitigen, da die Urkunde, insbesondere 
in ihren Zeugen, unecht und auch sonst ein Rudolf dieses Namens 
nicht nachzuweisen ist. Marschall Heinrich v. Nambach, 1199 
zu Strassburg in Urkunde für Baiern hinter H. v. Kalentin mit einem 
gleichfalls nicht zu den Reichsbeamten gehörenden Truchsess Eckil- 
bert genannt (Ph. 15), wird ein fürstlicher, wahrscheinlich bayri- 
scher Hofbeamter sein; den wahrscheinlich corrumpirten Geschlechts- 
namen weiss ich sonst nicht nachzuweisen. Heinrich v. Lure, 
1206 zu Wirzburg (Ph. 79) ist, Wirzburger Stiftsmarschal! (vgl. Reg. 
Boica 2, 41. 59. 99. 121. 133. 173). Marschall Heinrich v. Evers- 
berg und neben ihm Truchsess Günther v. Schlotheim, 1207 beim 
Könige zu Nordhausen (Ph. 102), sind Beamte des Landgrafen von 
Thüringen (vgl. Schultes Direct. 2, 669. 695). 

14. Bei K. Otto finden wir bei Lebzeiten Philipp* s keinenMar- 
schall aus den Reichsministerialen. Der Kölner Stiftsmarschall Her- 
mann v. Alfter ist 1198 zu Aachen, 1201 zu Weissenburg beim 
Könige (0. 4. 13); aber mit ihm auch der Erzbischof und andere 
Kölner Dienstmannen, so dass er kaum in näherer Beziehung zum 
Hofe des Königs stand. Zu den braunschweigischen Ministerialen 
gehört der 1202, 1203 genannte Marschall Friedrich (0. 17. 22), 

Sitib. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. IV. Hft. 31 


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462 


Dr. Ficker 


auch ohne Amtsnamen als Friedrich v. Volk me rode vorkom- 
mend (0. 10. 18); die Identität beider ergibt sich daraus, dass in 
zwei gleichzeitig ausgestellten Urkunden (0. 17. 18) in den sonst 
übereinstimmenden Zeugenreihen beide an derselben Stelle erschei- 
nen, auch noch 1215, 1216 ein Marschall Fr. v. Volkmerode erwähnt 
wird (0. 184, 186), aber anscheinend nicht mehr in Dienstleistung 
bei K. Otto stehend. 

15. Seit K. Otto’s allgemeiner Anerkennung finden wir den 
Reichsmarschall Heinrich v. Kalentin, jetzt häufig Marescalcus 
imperii oder imperialis aule gerannt, fast ununterbrochen an sei- 
nem Hoflager; 1208 Nov. 20 bis 1209 Juni in Deutschland (0. 34 
bis 36. 39. 40. 45. 46. 51. 60. 65. 66. 69); dann in Italien 1209 
Aug. bis 1210 März (0. 71. 72. 74. 76. 80. 81. 84. 85. 87—90. 
96 — 100. 102. 3. 6. 15. Notizenbl. 1, 178) und nach einer Unter- 
brechung 1210 Oct. bis 1211 Juni (0. 147 — 49). Nach des Kai- 
sers Rückkehr nach Deutschland ist er noch bei ihm 1212 Mai und 
Sept. (0. 172. 177). Ohne Amtsnamen steht an der Spitze der 
Ministerialen 1215 zu Nordhausen Heinrich Kalentin (0. 185); es 
könnte der Reichsmarschall sein, welcher in dieser Zeit bei K. Fried- 
rich nicht vorkömmt, oder aber auch sein gleichnamiger Dienstmann 
(vergl. §. 7). 

16. Neben Heinrich wird bei K. Otto nur noch 1210 Aug. 21 
in ungedruckter Urkunde ein Marschall Willekin genannt (Böh 
mer Reg. S.XX), wohl identisch mit dem 1212 vorkommenden Mar 
schall Witelin (0. 171), wahrscheinlich Marschall seines Bruders 
des Pfalzgrafen Heinrich, bei welchem wir als solchen 1204 einen 
Willekin finden (Orig. Guelf. 3, 630). Nachdem sich Heinrich 
zurückgezogen, finden wir noch 1216, 1217 einen Marschall Wil- 
helm (0. 186. 190), wohl zur braunschweigischen Dienstmann- 
schaft gehörend. 

17. Bei K. F riedrich II. erscheint zuerst Anselm v. Justin- 
gen 1212 Oct. 5 als Curie nostre marescalcus, im Dec. als Marschall 
(Huillard. 1, 222. 233). Sein Geschlecht ist früher im Marschall- 
amte nicht nachzu weisen (vergl. §. 6. 13), wie es überhaupt kein 
dienstmännisches war (vergl. V §. 4). Da er zum Könige als Bote 
der deutschen Fürsten nachSicilien gegangen war, so wird ihm die- 

* ser zur Belohnung das Reichsmarschallamt übertragen haben; Hein- 
rich v. Kalentin war in dieser Zeit noch bei K. Otto. 


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Die Reiehshofbeamten der staulisclien Periode. 


463 


Zuerst 1213 Jän. 2 erscheint nun aber Heinrich v. Kalen- 
tin als Reichsmarschall beim Könige und dann häufig bis zumOcto- 
ber (H. 1, 239 — 281). Neben ihm zweimal auch Anselm, aber ohne 
Amtstitel (H. 1,251. 276). Es ist kein Zweifel, dass er den alt- 
begründeten Ansprüchen Heinrich 's weichen musste. Dieser erscheint 
nun zwar zunächst nicht mehr in der Umgebung des Königs; aber 
auch der mehrfach genannte Anselm führt den Marschalltitel nicht 
(H. 1, 287. 321—39. 363. 370). 

Um so auffallender ist es, dass Anselm 1215 April 23 wieder 
Marscalcus imperii heisst und von da ab in Deutschland und Italien 
bis 1222 Juli fast ununterbrochen beim Kaiser als Marschall 
erscheint und zwar überaus häufig als Marescalcus imperii oder 
imperialis aulae bezeichnet (H. 1, 373 — 876. 920. 927. 2, 13 — 
264.914). Eine bestimmtere Veranlassung wird kaum zu bezweifeln 
sein. Am nächsten möchte die Annahme liegen, Heinrich v. Kalentin 
sei damals gestorben; 1214 urkundet er noch als Imperialis aulae 
rnareschalcus (Reg. Boic. 2, 62). Dass er jedenfalls vor 1217 
gestorben sei (vergl. Abel, K. Philipp 329), ergibt sich aus den 
angeführten Belegen nicht (vergl. §. 7) und eine Entscheidung ist 
um so schwerer, da auch sein Nachfolger Heinrich heisst. Möglich 
wäre auch ein Zerfall Heinrich s mit dem Kaiser, da sein langes, 
vielleicht auch durch hohes Alter zu erklärendes Nichterscheinen 
am Jlofe auffällt, wobei denn auch das Vorkommen eines Heinrich 
Kalentin 1215 bei Otto zu beachten wäre (vergl. §. 15). 

Ihre Ansprüche auf das Reichsmarschallamt scheinen aber die 
Pappenheim Anselm gegenüber nie aufgegeben zu haben. Aber 
während achtzehn Jahren erscheinen sie nur einmal am Hofe; und 
da wenigstens scheint Anselm ihnen gewichen zu sein. Denn auffal- 
lenderWeise führt gerade 1218 April in einer allerdings nicht ganz 
unverdächtigen Urkunde neben einem Marscalcus noster de Pap- 
penheim Anselm den ganz ungewöhnlichen Titel Consiliarius curie 
nostre (H. 1, 542); nochmals erscheint dann Heinrich v. Kalentin 
im Juli als Marscalcus imperii beim Kaiser (H. 1, 552). Anselm ist 
in diesen Monaten nicht nachzuweisen, heisst aber bei seinem Wieder- 
auftreten im September sogleich wieder Reichsmarschall (H. 1,559). 
Das Wiederauftreten des Namens Pappenheim (vergl. §. 7) würde 
bestimmter auf einen jüngern Heinrich schliessen lassen, fänden wir 
im zweiten Falle nicht wieder den Namen Kalentin. 

31 * 


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464 


l)r. F i cker 


Anselm, zuletzt 1222 Juli beim Kaiser in Italien, erscheint daun 
1223 Mai bis 1224 Dec. mehrfach in Deutschland am Hofe K. Hein- 
rich ’s, gewöhnlich nur als Marschall von Justingen bezeichnet (H.2, 
788. 80. 82. 86. 802. 816), auch ohne Amtstitel (H. 2, 777), nur 
einmal als Imperialis aule senescalcus (1. mar.) bezeichnet (H. 2, 
798). Dann verschwindet er eine Zeit lang aus den Urkunden des 
Königs und Kaisers und muss das Marschallamt verloren haben. 
Denn 1228 Febr. finden wir ihn beim K. Heinrich ohne Amtstitel 
(H. 3, 367), dann im Juni zu Brindisi beim Kaiser ausdrücklich als 
quondam marescalcus bezeichnet (H. 3, 68). Heisst er 1229 März 
in einer in der Mark Ancona ausgestellten Urkunde Reinald’s von 
Spoleto Marschall, so ist das wohl nur ein Nachwirken der früheren 
Stellung (H. 3, 116). In den Jahren 1230, 32, 34, 35 wird er 
mehrfach in den Urkunden K. Heinrich’s genannt, aber ohne Amts- 
titel (H. 3, 419. 34. 586. 87. 4, 722); nur da der König ihn 1234 
Nov. als Unterhändler an die Lombarden schickte, heisst er noch- 
mals vereinzelt Imperialis aule marschalcus (H. 4, 695. 704). 
Nach dem Sturze K. Heinrich’s finden wir ihn häufig am Hofe des 
Herzogs von Österreich (vergl. Meiller, Babenb. Reg. 333); den 
Marschalltitel scheint er nie mehr geführt zu haben. Der 1236 beim 
Kaiser erscheinende Anselm v. Justingen (H. 4, 818) dürfte der 
Sohn sein, welchen wir nochmals 1242 zu Capua als Anselmus 
junior de Justingen beim Kaiser finden (H. 6, 47. 49). 

18. Seit Anselm das Amt verlor, werden die Ansprüche Hein- 
rich’s v. Pappen he im auf dasselbe von keiner Seite mehr bean- 
standet sein; denn obwohl er noch durch mehrere Jahre nicht am 
Hofe erschien, wurde doch kein anderer Reichsmarschall ernannt. 
Zuerst 1231 Apr. 29, dann mehrfach bis zuletzt 1234 Aug. 30 
kommt er in den Urkunden K. Heinrich’s vor (H. 3, 453. 4, 568. 
90. 634. 68. 70. 79). In dem Streite zwischen König und Kaiser 
muss er sich entschieden auf Seite des Letzteren gestellt haben; 
denn schon 1235 Mai finden wir ihn bei dem heranziehenden Kaiser 
zu Neumarkt in Steiermark (H. 4, 548), und er nahm Antheil an der 
Bekämpfung der Anhänger des Königs (H. 4, 734). ln den folgen- 
den Jahren 1236, 1237 erscheint er dann mehrfach beim Kaiser, 
folgt ihm auch nach Italien, wo wir ihn zuletzt im August 1238 vor 
Brescia bei ihm finden (H. 4, 818. 23. 63. 93. 99. 5, 16. 24. 72.* 
100. 2. 19. 50. 220). 


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Die Keii’hshnfheamten der htnulisrlien Periode. 


465 


19. Der Marschall des Herzogthums Sehwahen, Hildebrand 
v. Rechberg, tritt viel weniger hervor, als die anderen schwäbi- 
schen Hofbeamten. Wir finden ihn 1214, 15, 16 vereinzelt bei 
K. Friedrich (H. 1, 314. 364. 492), dann einigemal 1225 (H. 2, 
829. 46. 48) und zuletzt 1226 Apr. 9 (Stalin 2, 609) bei K. Hein- 
rich; der Titel eines Reichsmarscholls kommt bei den Rechberg 
niemals vor. Seitdem erscheint weder ein Rechberg am Hofe, noch 
führen die sonst vorkommenden Mitglieder des Geschlechts den 
Murschalltitel (vergl. Stalin 2, 609); dass sie ihr Marschallamt ver- 
loren oder dasselbe in Vergessenheit gerieth, dürfte daraus zu ver- 
muthen sein, dass 1263 Heinrich v. Pappenheim sich Imperialis 
aulae ac ducatus Sueviae marischalcus nennt (Reg. Boic. 3, 211). 

20. Den schon früher erwähnten Marschall Sifridv. Hagenau 
(§. 6. 13) finden wir 1214 15. 19. zu Hagenau (H. 1, 342. 392. 
668), aber auch 1215 zu Aachen, 1217 zu Altenburg, 1219 zu 
Eger (H. 1, 401. 525. 705) bei K. Friedrich. Neben ihm wird 
1214 Friedrich Marschall genannt, während 1215 in Urkunde des 
Abtes von Neuburg unter den Hagenauer Ortsbeamten nur Sifrid als 
Marschall, Friedrich als sein Bruder bezeichnet ist (Schopflin, Als. 
dipl. 1, 331); vereinzelt finden sich noch 1228 die Marschälle 
Friedrich und Engelhard v. Hagenau (H. 3, 371); auch in 
Urkunde des Grafen v. Werd wird Friedrich noch später als Mar- 
schall v. Hagenau bezeichnet (Schopflin Als. d. 1,411). Mit den 
Marschällen von Hagenau dürfte Zusammenhängen der Marschall 
Bertold v. Rasche oder Raisse, welcher nur 1230 und 1235 zu 
Hagenau (H. 3, 432. 4, 722), vielleicht auch 1232 zu Cividale 
(H. 4, 568) bei K. Heinrich erwähnt wird. Ohne Amtstitel findet 
sich schon 1154 ein Bertold Rasche unter den Reichsministerialen 
(B. 2334). Hermann Gnufting ist als Marschall bei K. Fried- 
rich 1215 zu Ulm, 1221 zu Tarent (H. 1, 387. 2, 162); Marschall 
Hermann ohne Geschlechtsnamen 1216 (H. 1,448). Unter den Zeugen 
einer Frankfurter Privaturkunde 1222 ist Herrn. Cauftinc imperialis 
aulae marscalcus (Böhmer, Cod. dipl. 34). In den Weissenauer 
Traditionen wird um 1246 Hermann Gnufting genannt, gleichzeitig 
Hermann v. Raderach (Stalin 2, 584. 446), beide wohl dieselbe 
Person; denn 1232 wird Gnifting de Raderay erwähnt (H. 4, 590), 
1255 Werner Ritter de Raderay dictus Cniftiuer (Schweiz. Reg. 
2 c, 11). Die Raderach scheinen ursprünglich welfische Dienst- 


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466 


Dr. Ficker 


mannen gewesen zu sein (Wirtemb. U. B. 2, 139). Identisch mit 
Hermann Gnufting dürfte vielleicht auch Hermann v. Ummen- 
dorf sein, welcher in Weissenauer Traditionen 1221 Harscalcus 
domini regis Friderici, weiter regis submarscalcus heisst (Stalin 
2 , 639), beim Könige aber urkundlich unter diesem Namen nicht 
vorkommt, während er früher gleichfalls bei wölfischen Dienstman- 
nen nachzuweisen ist (Mon. Boic. 22, 186). Dass Mitglieder dieser 
Familien schon bei Herzog Welf Marschälle gewesen seien, ist nicht 
zu erweisen; 1185 ist bei ihm ein Heinrich von Tungau, welcher 
1187 Marschalcus domini Welfonis heisst (Wirtemb. U. B. 2, 237. 
250). Heinrich de Aey s wird nureinmal 1236 als imperialis aulae 
marescallus und kaiserlicher Gesandter in England erwähnt (H. 4, 
809). Da in dieser Zeit nur Heinrich v. Pappenheim diesen Titel führt 
und häufig beim Kaiser erscheint, dürfte doch trotz des ganz abwei- 
chenden Namens vielleicht an ihn zu denken sein; die Reichsministeria- 
len de Aquis, von Aachen finden wir als Kämmerer, nie als Marschälle. 

21. Die übrigen vereinzelt vorkommenden Marschälle sind als 
bischöfliche Marschälle zu erweisen. Wichmann, 1215 zu Halle 
(H. 1, 362), Marschall von Halberstadt (Schultes Direct. 2,536. 
551); Konrad v. Wisent, 1215 zu Nürnberg (H. 1, 432), wahr- 
scheinlich von Regensburg, da der Name unter der Stiftsmannschaft 
erscheint (vgl. Ried Cod. dipl. Index); Hei nr ich v. Lure, 1224,25 
(H. 2, 815. 848), von Wirzburg (vergl. §. 13); Egenolf. 1236 
zu Strassburg (H. 4, 818), von Strassburg (Sehöpflin, A. D. 1, 383). 

22. Beim Kaiser in Italien finden wir seit dem Abgänge 
Anselm’ s v. Justingen 1222 Ä — 1235 keinen deutschen Marschall, 
dagegen 1225 März bis 1231 Juli mehrfach den Marschall Richard 
Filangieri oder de Principatu (H. 2, 475. 639. 64. 700. 3, 120, 
52. 285. 95) , einigemal auch als imperialis aulae marescalcus 
bezeichnet (H. 2, 552. 682. 3, 297); zunächst war er unzweifel- 
haft Marschall des Königreiches Sicilien. Dasselbe gilt von seinem 
1232 vereinzelt Marschall genannten Bruder Jordan Filangier^ 
(H. 4, 312), und dem 1243 als Marscalcus regni erwähnten 
Tebaldo Francesco (H. 6, 88), später ohne Amtstitel vorkom- 
mend (H. 6, 197. 227. 229). Ein untergeordnetes sicilisches Amt 
war das des Magister imperialis maristallae, aus welchem Peter 
v. Calabrien zum Marschall des Königreiches erhoben wurde 
(vgl. Huillard Intr. 152); 1248 führt er den Marschalltitel (H. 6, 672). 


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Die Keichshoft>e;iuiteit «ler stauHsrlien Periode. 


467 


23. In den Urkunden K. konrad's IV. wird nie ein Reichs- 
marschall genannt; denn die 1246 vorkommenden Marschall Gott- 
frid und Schenk Christian (H. 6, 882) sind Hofbeamte des Grafen 
v. Jülich (Lacomblet 2, 116. 117. 152). Es erklärt sich das daraus, 
dass der Marschall Heinrich v. Pappenheim 1245 als Bündner 
des Herzogs v. Meran gegen die Staufer und Baiern stand; seine 
Gefangennahme durch die Baiern 1246 mag der nächste Grund 
gewesen sein, dass er sich auch nicht den Gegenkönigen anschloss 
(vergl. Ann. Scheftlar. M. G. 17, 342). Wir müssen vielmehr anneh- 
men, dass er diesen wenigstens später gegenüberstand. Treffen wir 
bei K. Heinrich Raspe 1246 als Marschall Burchard v. Quer- 
flirt (Mon. Boica 30, 297), so mag dieser in Ermangelung eines 
Reichsmarschalls fungiren. Bei K. Wilhelm aber finden wir 1249 
als Marschall Anselm v. Justin gen (Mon. Germ. 4, 365. Reg. 
Wilh. n. 62), wohl der Jüngere dieses Namens (§. 16); dieses 
Wiederauftreten der früheren Rivalen der Pappenheim muss doch 
darauf hindeuten, dass diese auf der Gegenseite standen. Wir finden 
denn auch bei Konradin 1262 Heinrich v. Pappenheim als Mar- 
schalcus imperialis aule (Mon. Boica 31, 591), wie sich nähere 
Beziehungen zu demselben auch daraus ergeben, dass sich Heinrich 
1263 Marischalcus imperialis aule ac ducatus Suevie nennt (Reg. 
Boica 3, 211). Bei K. Richard wird kein Marschall erwähnt; der 
Justingen mag gestorben sein. Das ausschliessliche Recht der Pap- 
penheim auf das Reichsmarschallamt scheint denn auch von da ab 
nie mehr in Frage gekommen zu sein. 

II. Reichstruchsesse. 

1. Bei den K. He i nrich IV., Heinrich V., Lothar finden 
wir je einmal 1104, 1122, 1128 den Truchsess Volkmar genannt, 
(M. B. 29, 327. B. 2072. 2103); ohne Amtstitel steht ein Volkmar 
1101, 1123 an der Spitze der Reichsministerialen (B. 1964, 2080). 
Der Name kehrt bei späteren Truchsessfamilien nicht wieder, so 
dass er uns keinen Schluss auf das Geschlecht erlaubt. 

2. Auch unter K. Konrad III. finden wir zunächst noch ein- 
mal 1141 den Truchsess Volkmar (Jaffe Konr. 214). Dann ist 
Truchsess Arnold v. Rotenburg; ohne Amtstitel kommt er seit 
1144 mehrfach beim Könige vor (B. 2233. 45. 62. Mon. Boic. 29, 


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468 


Dr Ficker 


% 297. 302. 305); ohne Geschlechtsnamen 1144, 50 Truchsess 
Arnold (B. 2223. 88); die Identität unterliegt keinem Zweifel, da 
wir ihn zweimal 1 1 45, 50 mit Geschlechtsnamen und Amtstitel fin- 
den (B. 2249. 84). Vereinzelt erscheint 1150 Febr. 8 zu Speier 
(Jafie Konr. 217), wo in demselben Monate auch Arnold als Truch- 
sess vorkommt, Truchsess Walter (v. Rotenburg) ohne 
Geschlechtsoamen; da der Personenname bei den Rotenburgern 
nachzuweisen ist, indem 1166 und 1172 in mehreren Urkunden 
Arnold Vogt von Rotenburg mit seioen Söhnen Arnold, Walter und 
Konrad erwähnt wird (Wirtemb. U. B. 2, 152. B. 2550. 52), se 
möchte ich ihn (ur einen Bruder Arnold’s halten. 

3. Die genauere Bestimmung der Reihe der Truchsesse 
K. Friedriche I. wird dadurch erschwert, dass als solcher sehr 
häufig ein Walter genannt wird, aber nie mit Geschlechtsnaraen. 
Beziehen wir diese Erwähnungen auf Rotenburger und unterschei- 
den nach Massgabe einer Lücke yon zehn Jahren einen älteren, 
wahrscheinlich Bruder Arnold’s , und einen jüngeren Walter, Sohn 
Arnold’s (vergl. §. 2), so ergibt sich folgende Reihe: 

Walter (v. Rotenburg) der Ältere, schon 1152 Mai genannt 
(Wirtemb. U. B. 2, 61), so dass Arnold gleich seit dem Regierungs- 
antritte Friedrich’s das Amt nicht mehr versehen zu haben scheint. 
Es wird das daraus zu erklären sein, dass die Rotenburger, wie die 
Pappenheim und Weinsberg (V §. 3. IV §. 2), nach K. Konrad’s 
Tode zunächst seinem Sohne Herzog Friedrich von Rotenburg als 
Dienstmannen zufielen , was nicht ausschliesst, dass einzelne Mit- 
glieder dieser Geschlechter dem kaiserlichen Dienste Vorbehalten 
blieben, wie das ja auch bei Heinrich v. Pappenheim der Fall gewe- 
sen sein muss. Erscheint Arnold mit seinen Söhnen 1166 als Zeuge 
Herzog Friedrich’s (Wirtemb. U. B. 2, 152) und zwar als Vogt von 
Rotenburg, so muss er herzoglicher Beamter gewesen sein. Walter 
erscheint dann noch 1157. 58 als Trucfisess (B. 2374. 91). 

Rudolf v. Scharfenberg, als Truchsess Rudolf 1162 
Aug. 18, dann 1163. 1165 (B. 2464. 501. Beyer U. B. 1, 245), 
zuletzt 1165 Sept. 24 mit dem Geschlechtsnamen genannt (Chmel, 
Reg. Rup. 187). Derselbe wird der 1154 erwähnte Truchsess 
Rudolf sein, welcher unter den Zeugen unmittelbar auf Bertolf 
v. Scharfenberg folgt (Wirtemb. U. B. 2, 74). Dieses Ineinander- 
greifen Rudolfs und Walter’s dürfte etwa dadurch zu erklären sein. 


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Die Reichshnfhpamten der staufischen Periode. 469 

dass Rudolf anfangs stellvertretender Truchsess war , dann nach 
Walter 1 « Tode Reichstruchsess wurde. 

Ulrich, 1166 Aug. 20 Dapifar curie, dann 1167 Febr. Apr. 
als Truchsess genannt (B. 2519. 24. 25). Unter den in den Urkun- 
den dieser Zeit genannten Ministerialen finde ich nur 1170 einen 
Ulrich v. Husen (B. 2538); doch dürfte das kaum genügen, danach 
das Geschlecht Ulrich's zu bestimmen. 

4. Walter (v. Rotenburg) der Jüngere würde nach unserer 
Annahme zuerst 1168 Juni 28 und Juli 10 (Lacomblet 1,297. 
B. 2529), dann 1171. 73, 74. 77. 78. 79 (B. 2545. 62. 70. 81. 
602. 6. 8. 13), zuletzt 1183 Februar 4 (Mon. Germ. 4, 165) 
genannt. 

Die Annahme, Walter sei jener Sohn Arnold’s v. Rotenburg 
dieses Namens (§. 2), wird wohl dadurch gestützt, dass in eben 
dieser Zeit auch die Brüder desselben in demselben Amte am Hofe 
erscheinen; ein solches Wechseln der Brüder in der Amtsführung 
finden wir auch sonst (V §. 13); bei der Annahme, Walter gehöre 
einem andern Geschlechte an, wäre dieser Wechsel kaum zu erklä- 
ren. Ein Wiederauftreten der Rotenburger 1168 liegt auch desshalb 
nahe, weil sie nach dem Tode Herzog Friedrich’« 1167 wieder 
Reichsdienstmannen geworden waren (vergl. §. 3). Arnold 
v. Rotenburg erscheint zuerst als Truchsess ohne Geschlechts- 
namen 1172 Apr. zu Wirzburg, 1174, zuletzt, und zwar als Truch- 
sess von Rotenburg bezeichnet, 1179 Jän. (B. 2551. 53. 69. 612). 
Dass wir vorzugsweise Walter, nicht Arnold, in dieser Zeit als 
Reichstruchsess zu betrachten haben, scheint doch die grössere 
Zahl der Erwähnungen jenes zu ergeben; auflallen muss nur, dass 
Arnold 1172 Apr. zu Würzburg Truchsess heisst, während sein 
Bruder Walter auf demselben Tage anwesend war (B. 2550. 52). 
Dass es der jüngere Arnold, nicht der frühere Truchsess K. Kon- 
radV war, ergibt sich wohl daraus, dass 1174 neben dem Truchsess 
sein Bruder Konrad erwähnt wird. Dieser Kon r adv. Rotenburg 
tritt nun aber auch im Amte auf; zuerst 1175 zu Pavia ohne 
Geschlechtsnamen (B. 2575), dann 1182 in Urkunde des Bischofs 
von Wirzburg (Hansseimann 1, 371), weiter 1183 März und Mai 
beim Kaiser (B. 2655. 56) als Truchsess von Rotenburg. 

Finden wir von 1168 — 1183 nur die drei Rotenburger als» 
Truchsesse genannt, während nun nicht blos Walter und Arnold, 


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470 


I)r. Ficker 


welche gestorben sein dürften, sondern auch Konrad nicht mehr als 
solche erscheinen, so wird das um so mehr dafür sprechen, dass es 
sich in jener Zeit um eine Stellvertretung durch die Brüder handelte. 
Konrad erscheint dann aber 1189 Febr. und Mai wieder als Truch- 
sess (B. 2713. M. B. 31, 435), obwohl sonst in dieser Zeit Hugo 
von Sulz auftritt und im ersten Falle Konrad und Hugo zusammeu 
als Truchsesse genannt werden. Dieses Auftreten Konrad's, wie es 
sich ähnlich unter den folgenden Regierungen zeigt, dürfte darauf 
schliessen lassen, dass er bereits einen Erbanspruch auf das Amt 
erhob, welchen die Reichskanzlei durch Gewährung des Titels 
anerkannte, während doch das Amt thatsächlich in anderen Hän- 
den war. 

5. Heinrich v. Bomeneburg findet sich als Dapifer de 
Bomeniburre in einer Ende 1183 oder Anfang 1184 ausgestellten 
Urkunde (Verci Marca 1, 25). Ohne Amtstitel ist ein Heinrich 
v. Bomeneburg auch 1170 und um 1 192 unter den Reichsministe- 
rialen nachzuweisen (Wenck Hess. L. G. 3, 77. Huillard 2, 770). 
Auf denselben dürfte doch zu beziehen sein die Erwähnung eines 
Henricus dapifer de Vourwurs in Urkunde 1184 Sept. 29 (Huillard 
5, 193), in welcher die Zeugennamen mehrfach bis zur Unkennt- 
lichkeit entstellt sind. Nochmals wird Truchsess Heinrich 1185 
Sept. 27, erwähnt (B. 2684). 

Hugo v. Sulz wird 1186 Juni 22, 1188 Sept. 1, Nov. 22 nur 
als Truchsess bezeichnet (B. 2695. Niedersächs. U. B. 2, 27. 
Notizenbl. 2, 211), 1188 Sept. 29 nur mit dem Geschlechtsnamen 
(B. 2710), während er 1189 Febr. 15 neben Konrad von Rotenburg 
ausdrücklich Truchsess von Sulz heisst (B. 2713). Der Name kehrt 
auch in späteren Kaiserurkunden einigemale wieder (Reg. Phil. n. 96. 
Huillard 4, 761. 763), aber ohne einen Amtstitel. 

6. Vereinzelt erscheint 1168 zu Würzburg neben Walter ein 
Truchsess Engelhard (B. 2529), unzweifelhaft zu den Hofbeamten 
des Bischofs von Wirzburg gehörend, da die neben ihm genannten 
Schenk Iring und Kämmerer Herold als solche zu erweisen sind 
(III §. 7. IV §. 13). Der 1186 vorkommende Constantin ist 
Truchsess von Bremen (vgl. II §. 6). 

7. Unter K. Heinrich VI. ist Reichstruchsess Mark ward v. 
An weiler. Schon an Heinrich’s königlicher Hofhaltung erscheint er 
als Dapifer regis 1185 Sept., Oct. 25 (Quix Cod. Aq. 1, 26. Laeom- 


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Die Re ; chshofl»eainieu der staiifisrlioii Periode. 


471 


blet 1, 348), ist 1187 Juli rnit seinen Bruder Konrad bei K. Fried- 
rich (Mone Zeitschr. 11, 14), dann 1187 Sept. bis 1188 Mär/ beim 
Könige (B. 2731. Rena e Camici 4 d t 100. Moriondi 1, 88. C. dipl. 
Westf. 2, 193). Führt er in diesen Jahren keinen Geschlechts- 
namen, so ist doch die Identität mit dem später sehr häufig von Anwei- 
ler benannten Truchsess Markward nicht zu bezweifeln; auch den 
erwähnten Bruder Konrad finden wir später v. Anweiler genannt 
(B. 2741. 2823). Das Verschwinden Markward’s aus den Urkunden 
der nächsten Zeit erklärt sich aus seiner Theilnahme am Kreuzzuge; 
1189 Dec. schickte ihn der Kaiser als Gesandten nach Constantinopel 
(Ansberti hist, ed Dohr. 66). Auch auf Heinrich^ Römerzuge wird 
er als Zeuge nicht erwähnt, muss aber wenigstens zeitweise beim 
•Kaiser gewesen sein, da dieser ihn 1191 als Gesandten nach Pisa 
schickt. (La Farina Studj 4, 194.) Urkundlich erscheint er dann 
häufig in Deutschland 1192 März 5 bis 1193 Dec. 4. (B. 2779. 81. 
89. 94. 99. 800. 4. 5. 8. 13. 14. Perard Recueil 318. Notizenbl. 2, 
182. Wirtemb. U. B. 2, 289. 291. Huillard 2, 769); nach einer 
Lücke 1194 Juni 3 zu Piacenza und weiter in den in Italien und 
Sicilien ausgestellten Urkunden (B. 2825. 29. 32. Mun. Patr. L. jur. 
Gen. 1, 410. Notizenbl. 1, 180. Margarin 2, 227). Zu Messina 1195 
Febr. 5 finden sich unter den Zeugen Marcuovaldus siniscalcus, 
dann Marfladus rnaior siniscalcus (B. 2835), eine mir unerklärliche 
Zusammenstellung; das Maior würde sich doch nur auf den Reichs- 
truchsessen beziehen lassen, während auf eben diesen doch auch die 
erste Erwähnung zu gehen scheint; sicilische Hofbeamte, an welche 
etwa zu denken wäre, kommen sonst bei K. Heinrich nicht vor. In 
diese Zeit fällt seine Freilassung und Erhebung zum Markgrafen von 
Ancona und Herzog von Ravenna; 1195 April 10 heisst er zuerst 
Marchio Ancone et imperialis aule dapifer, April 27 nur Seneschalcus, 
Mai 20 und in undatirter Urkunde Imperialis aule senescalcus marchio 
Ancone, dux Ravenne (B. 2841. 45. Notizenbl. 2, 371. Tonini 
Rimini 2, 600). In den in Deutschland 1195 Oct. 27 bis 1196 
März 28 ausgestellten Urkunden, führt er den italienischen Titel 
nicht (B. 2860. 68. 69. Wirtemb. U. B. 2, 312. Hodenberg Verd. G. 
Q. 2, 60). Er wurde dann vom Kaiser nach Italien vorausgeschickt 
(Ann. Colon. Mon. Germ 17, 804), findet sich aber schon gleich bei 
dessen Eintritte 1196 Juli 28 zu Turin und weiter bis 1197 Sept. 12 
beim Kaiser, anfangs mehrfach nur als Seneschall (Bibi. Floriac. 3, 


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l)r. Ficker 


89. Huillard 2, 561. Mon. Patp. Ch. 1, 1031. B. 2886), später 
durchwegs auch als Markgraf von Ancona und Herzog von Ravenna 
bezeichnet (ß. 2885. 96. 97. 98. La Farina Studj 4, 306. Lünig 
R. A. 22, 814). Markward starb 1202; von seinen Nachkommen 
erscheint keiner mehr als Truchsess am Hofe; sein Sohn Dietrich» 
welcher sieh 1208 nur filius Marcwardi dapiferi de Anewilre nennt 
(Guden Sylloge 72), auch in Kaiserurkunden nicht als Truchsess 
bezeichnet wird (Mone, Zeitschr. 11, 281. Huillard 2, 761), scheint 
sich zuweilen auch den Amtstitel des Vaters beigelegt zu haben; 
1204 soll er sich imperialis aulae dapifer genannt haben (Gebhardi 
geneal. Gesch. 1, 602 mit irrigem Ci(at); 1211 bezeichnet ihn der 
Pfalzgraf als Dapifer de Husen (Guden Syll. 81). 

8. Ausser Markward wird Konrad v. Rotenburg (vgl. §.4)* 
beim Kaiser ohne Amtstitel genannt 1193. 94(B,28U. 22. 23. Dümge 
Reg. 152), als Truchsess 1192 Juli, 1194 Jan., 1195 Aug. (B. 2782. 
818. 55), in allen diesen Fällen nie mit Markward zusammen- 
treffend, so dass er zunächst als stellvertretender Truchsess betrach- 
tet werden könnte. Doch 1197 Aug. 3 in Sicilien erscheint er, und 
zwar mit dem Amtstitel auch neben Markward (Lünig R. A. 22, 814); 
der Titel wird doch zunächst auf Festhalten eines Erbanspruches zu 
deuten sein. Truchsess Albert wird nur einmal 1191 Apr. in Italien 
genannt (Dümge Reg. 149), also während der grösseren Lücke im 
Vorkommen Markward's; zur Bestimmung seines Geschlechtes fehlt 
mir jeder Anhalt. Truchsess Walter, wie neben ihm der Schenk 
Johann und Kämmerer Werner, 1195 zu Worms (Remling U. B. 1, 
127), werden nach Massgabe des Inhalts der Urkunde und der geist- 
lichen Zeugen für Hofbeamte des Abtes von Prüm zu halten sein. 
Beim Seneschall Bema rd, 1196 Juli 28 zu Turin (Huillard 2, 561), 
handelt es sich wohl nur um eine Verwechslung des Namens mit 
Markward, da dieser an demselben Tage vorkommt. 

9. Unter K. Philipp ist Reichstruchsess Heinrich v. Wald- 
burg. Die älteren Waldburg sind ursprünglich welfische Ministerialen 
und mögen schon beim alten Herzog Welf, in dessen Urkunden sie 
häufig erscheinen, das Amt des Truchsessen bekleidet haben; doch 
werden in den Urkunden Welf s die Amtstitel nicht angeführt. Nach 
dem Übergange an die Staufer werden sie, wie die übrigen welfi- 
schen Dienstmannen, zunächst den Ministerialen des Herzogthums 
Schwaben zugezählt sein; sie erscheinen nun in den herzoglichen 


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Die Reichshofkeamteu der staufiscbeu Periode. 


473 


Urkunden; als Truchsess zuerst Heinrich 1197. 98 bei Herzog 
Philipp (vergl. Stälin 619. 620). Ihn als Reichstruchsessen beizu- 
behalten , wird Philipp nach seiner Erhebung um so weniger 
Bedenken getragen haben, als der bisherige Inhaber des Amtes 
Markward in Italien blieb. Wir finden Heinrich als Truchsess am 
königlichen Hofe 1200 (Ph. 18. 20. 21. 31. 33. Wirtemb. U. B. 2, 
336), 1202 (Ph. 71), 1204 (öl), 120Ö (Ö4. 56. 60. 61. 66. 72), 
1206 (78. 80), 1207 (92. 93. 97. 105. 6. 8. 10), 1208 (115). 
Auf ihn wird sich auch die Erwähnung eines Heinrich Truchsess 
▼. Wittingcn um 1205 (Mon. Germ. 4, 208) beziehen. Schon dieses 
häufige Vorkommen muss darauf hinweisen , dass wir ihn nicht 
zunächst als schwäbischen , sondern als Reichstruchsess zu 
betrachten haben; 1207 heisst er überdies ausdrücklich Dapifer 
imperii (Ph. 108). 

In Urkunden der ersten Jahre Philipp's, 1198, 99 (Wirtemb. 
U. B. 2, 327. Ph. 16), wird Friedrich v. Wald bürg Truchsess 
genannt, welchen wir, da Heinrich schon herzoglicher Truchsess 
war und Friedrich neben ihm den Amtstitel nicht führt (Ph. 105. 6), 
nur als Stellvertreter seines Bruders zu betrachten haben. 

10. Die Stellung der Waldburg dürfte aber doch nicht unbe- 
stritten geblieben sein. Konrad v. Rotenburg (vgl. §. 4. 8) 
erscheint 1199 mehrfach als Truchsess beim Könige (Ph. 15. Reg. 
Boic. 1, 381), einmal zugleich mit dem Truchsess Friedrich und 
diesem vorgestellt (Ph. 16). Zuletzt ist er 1200 März ohne Amts- 
titel beim Könige (Ph. 25) und mag bald nachher gestorben sein. 
Dass es sich hier nicht um ein blosses Fortführen des Titels handelte, 
sondern um die Geltendmachung von Erbansprüchen, scheint sich 
daraus zu ergehen, dass von nun an die Rotenburger nie mehr als 
Truchsesse, dagegen seit 1202 als Küchenmeister erscheinen. Da 
dieses Amt früher niemals vorkommt, da die Rotenburger es ganz 
ausschliesslich bekleiden, so wird kaum zu bezweifeln sein, dass es 
für die Familie neu errichtet wurde, um einen gegen Heinrich 
von Waldburg erhobenen Erbanspruch zu beseitigen. 

11. Vereinzelt kommt vor 1205 April zu Nürnberg (Ph. 63) 
ein nicht näher nachzuweisender Ulrich als Dapifer regis, obwohl 
in anderen in jener Zeit zu Nürnberg ausgestellten Urkunden H. von 
Waldburg als Truchsess erscheint (Ph. 61. 66); es dürfte vielleicht 
ein zu persönlicher Dienstleistung bestimmter Unterbeamter sein. 


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474 


Dr. Kicker 


Von vereinzelt erscheinenden fürstlichen Truchsessen wurden bereits 
Gckilbert 1199 und der thüringische Truchsess Günther von 
Schlotheim 1207 ermähnt (1 §. 13). Der 1201 Sept. zu Bamberg 
genannte Truchsess Wichard v. Zebingen (Ph. 38) gehört zu 
den Dienstmannen der Herzoge von Österreich und wird überaus oft 
in den Urkunden derselben genannt (vgl. Meiller, Babenb. Reg. 342). 
Herzoglicher Truchsess war aber nicht er, sondern der häufig neben 
ihm vorkommende Wichard v. Seefeld (vgl. Meiller 318); wird auch 
er als Truchsess aufgeführt (Mon. Boic. Index 235), so gründet sich 
das nur auf irrthümliche Zusammenziehung beider Namen im 
Abdrucke einer herzoglichen Urkunde (Mon. Boic. 4, 181. vgl. 
Meiller 106). Ob etwa auch hier ein ähnliches Versehen vorliegt, 
oder Wichard v. Zebingen ausnahmsweise das Amt versah, mag 
dahingestellt bleiben. 

12. Bei K. Otto als Gegenkönig erscheint Konrad v. Wilre 
1201. 2 ohne Amtstitel (0. 13. 18), 1202 als Dapifer regis (0. 17), 
1204 in Urkunde des Pfalzgrafen als Dapifer (Or. Guelf. 4, 630). 
Noch 1209 heisst er in Urkunde des Königs von England Senescallus 
illustris regis Ottonis (Or. Guelf. 3, 457), kommt aber während der 
allgemeinen Anerkennung Otto's in dessen Umgebung nicht vor; erst 
1212 Nüv., dann 1216. 17 ist er wieder bei ihm, aber ohne Amts- 
titel (0. 179. 187. 189). Er gehört wohl nicht zur braunschweigi- 
schen Dienstmannschaft, sondern zu einer rheinischen, insbesondere 
bei den Herzogen von Limburg vorkommenden Familie (vgl. Lacom- 
blet 2, 648). Zu den braunschweigischen Ministerialen gehört der 
mehrfach ohne Amtstitel (0. 17. 18. 25) beim Köuige vorkommende 
Ludolf v. Esbeck, welcher 1203 als Truchsess erscheint (0. 22). 

13. Bedeutender tritt hervor Gunzelin v. Wolfenbüttel 
aus einer braunschweigischen Ministerialenfamilie. Schon 1200 
erscheint ein Bucelio dapifer, dann 1204 Eckbert v. Wolfenbüttel 
und sein Bruder Truchsess Gunzelin (0. 12. 26), derselbe in Urkunde 
des Pfalzgrafen 1204 neben dem Truchsess Konrad und ihm n ach- 
gestellt (Or. Guelf. 4, 630); dann 1207 nur als Gunzelin v. Wolfen- 
büttel (0. 30). 

Er genoss das ganze Vertrauen K. Otto’s, da es von ihm heisst: 
Gunzelinus domestice familie ipsius Ottonis unus et precipuus, officio 
dapifer, cui idem Otto, ei cuius fidelitatem et servitutem iam pridem 
fuerat expertus, non solum privat a, sed et publica regni negocia com- 


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Dii* ReichshofK-amten der staufischen Periode. 


475 


miserat (Chron. Sampetr. ad a. 1211). Es ist erklärlich, wenn Otto 
wünschte, ihn als Reichstruchsess beibehalten zu können. Scheint 
er das für keinen andern seiner früheren Hofbeamten nach seiner 
Anerkennung versucht zu haben , so mussten es hier die besonderen 
Umstände begünstigen. Die Ansprüche der Rotenburger waren 
abgefunden (§. 10). Der bisherige Reichstruchsess Heinrich v. 
Wald bürg kommt allerdings noch zweimal, 1209 Jänner und Juni 
(0. 51. 66) als Truchsess vor; aber er mag schon bejahrt gewesen 
sein und wird , obwohl sein Verschwinden aus den Urkunden sich 
zunächst durch Niehttheiluahrne am Römerzuge erklärt, bald nachher 
gestorben sein; er hinterliess keine Söhne; sein Bruder Friedrich 
starb kurz nach ihm; Söhne desselben werden 1183 erwähnt, dürften 
aber vor ihm gestorben sein, da Namen und Amt der Familie auf die 
Tanne übergehen (vgl. Stalin 2, 612 n. 2, 10. 620). So mochte 
auch von dieser Seite wenig in den Weg gelegt werden. 

Schon gleichzeitig mit Heinrich erscheint Gunzelin 1208, 9 
häufig als Truchsess (0. 34. 36. 39. 40. 45. 60. 62); in ein und 
derselben Urkunde kommen beide nicht vor. Seit dem Beginne des 
Römerzuges wird nur noch Gunzelin als Truchsess genannt (0. 75. 
81. 85. 87 — 90. 95. 97 — 100. 3. 6. 7. 38. 39. 64. 71); und 
mag er früher etwa neben Heinrich zunächst nur als dienstthuender 
Truchsess betrachtet sein, so heisst er nun seit 1209 Oct. 30 mehr- 
fach Dapifer imperii (ö. 85. 95. 171) oder imperialis aule (98. 99. 
100), erscheint überhaupt den anderen Reichsbeamten ganz gleich- 
gestellt. Es ist erklärlich, dass er seinem Herrn treu blieb, als die 
anderen Reichshofbeamten sich zu Friedrich wandten; bis zum Tode 
K. Otto’s 1218 erscheint er als Truchsess des kaiserlichen Hofes in 
dessen Urkunden (0. 184. 86. 88 — 90. 93. 94). 

14. Da die Waldburg ausgestorben, die Rotenburg zurückge- 
treten waren, Gunzelin zum Gegner stand, so hatte K. Friedrich II. 
für die Bestellung des Reichstrurhsess freies Feld. Ernannt wurde 
Werner v. Boland der Ältere. Für irgend welchen Erbanspruch 
auf das Amt zeigt sich kein Anhalt; so überaus häufig die Boland 
schon früher in den Kaiserurkunden erscheinen, führen sie doch nie 
einen Amtstitel. Eine auf ungedeckter Urkunde beruhende Angabe, 
wonach Werner schon 1207 Reichstruchsess gewesen wäre (Köllner 
Kirchheim Boland 36) # ist unzweifelhaft irrig. Werner hatte den 
Römerzug K. Otto's nicht mitgemaeht und erscheint nach dessen 


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476 


Dr. Ficker 


Rückkehr nicht in seinen Urkunden; er wird zu den ersten Anhän- 
gern K. Friedrichs gehört haben. Bei diesem erscheint er zuerst 
schon 1212 Oct. 5 zu Hagenau als Dapifer curie nostre (H. 1, 
222); ohne grössere Zwischenräume finden wir ihn dann sehr 
häufig in den folgenden Jahren beim Könige in Deutschland (H. 1, 
239 — 808. 927) oft ausdrücklich als Dapifer irnperii oder imperia- 
lis aule bezeichnet. Er begleitete Friedrich weiter auf dem Römer- 
zuge, wo er fast in allen Urkunden, zuletzt 1220 Dec. 6 zu Tibur 
als Reichstruchsess genannt wird (H. 1, 830 — 876. 2, 13 — 77. 
914). Da der Kaiser sich jetzt nach Neapel wandte, wird er ihn 
nach Deutschland zurückgeschickt haben. Heisst es: Fridericus 
vero rex pro consecratione imperatoria Romam ire volens, Henrieum 
filium suum regem constituit in Alemannia; cujus tutelae deputatus 
est Wernerus de Bolandia; — Wernero autem in brevi defuncto, 
suscepit tutelarn regii pueri Engilbertus Coloniensis archiepiscopus 
(Gesta Trevir. # ed. Wyttenbach 1, 313), so muss der junge König 
anfangs einen andern Erzieher gehabt haben, zunächst wohl den 
Schenk Konrad v. Winterstetten, was die Unsicherheit der Angaben 
über diesen Punct zum Theil erklärt (vgl. Böhmer Reg. LV). Für 
seinen hervorragenden Antheil an der Reichsregierung nach seiner 
Rückkehr spricht ein Brief Werner's 1221 Mai 6 zu Mainz, worin er 
gleichlautend mit den Erzbischöfen von Köln und Mainz erklärt, 
dass ein Rechtsspruch des Königs in seiner Gegenwart und mit 
seiner Einwilligung erfolgt sei (H. 2, 722). Nach später zu Erör- 
terndem wird das die letzte auf ihn zu beziehende urkundliche 
Erwähnung sein , womit die angeführte Stelle , wonach er bald 
gestorben ist, stimmt. 

15. Neben Werner erscheint als Truchsess Eberhard v. 
Tanne-Waldbur g. Die Tanne sind wohl ein ursprünglich schwä- 
bisches, nicht welfiselies Dienstmannengeschlecht; denn nur einmal 
in undatirter Urkunde (Wirtemb. U. B. 2, 139) finde ich sie bei 
Herzog Welf, während sie sonst eben so regelmässig in den Urkun- 
den der Herzoge von Schwaben auftreten, als die Waldburg in denen 
Welfs (vgl. Stalin 2, 617. 619). Sie sind zudem ursprünglich 
Schenken, nicht Truchsesse. Einen Truchsess Eberhard v. Tanne 
finden wir zuerst 1214 Oct. 23, dann, doch nicht sehr häufig, in den 
folgenden Jahren bis zuletzt 1220 Juli 30 b^irn Könige (H. 1, 321. 
87. 89. 474. 500. 920. 527. 59. 613. 21. 712. 22. 810). ln der 


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Die Refcbshofbeamten der slaulischen Periode. 


477 


selben Zeit finden wir aber auch 1219 Aug. 17 bis 1220 Juli einen 
Truchsess Eberhard y. Waldburg genannt (H. 1, 666. 79. 81. 83. 
724. 92. 813); vielleicht gehört dahin schon der 1218 Apr. 16 in nicht 
ganz unverdächtiger Urkunde vorkommende Truchsess Konrad v. Wald- 
burg (H. 1, 542)« da ein Konrad dieses Namens sich sonst nicht findet. 

Die Identität beider kann keinem Zweifel unterliegen. Nie in 
ein und derselben Urkunde neben einander vorkommend, finden wir 
sie dennoch in Urkunden, welche an demselben Orte und fast gleich- 
zeitig ausgestellt sind (H. 1, 712. 22. 24. 810. 13}. Dürfte schon 
das wesentlich genügen, so lässt die Angabe der Ursperger Chronik, 
K. Friedrich habe die Reichskleinodien gelassen: sub potestate 
Eberhardi de Tanne ministerialis et dapiferi sui in Walpurc, 
keinen Zweifel. 

Es scheint darnach die Burg und das Truchsessamt der Wald- 
burg an einen Eberhard v. Tanne, wohl denselben, welcher schon 
1187 und 1205 Bruderssohn des Schenken Eberhard v. Tanne 
genannt wird (Stalin 2, 617. 18), gekommen zu sein. Daraus 
würde sich das Aufnehmen des Namens Waldburg genügend erklären, 
auch ohne die Annahme , dass die älteren Waidburg desselben 
Geschlechtes mit den Tanne, etwa Friedrich v. Waldburg Bruder 
des Schenken und Vater des Truchsess Eberhard gewesen sei. 
Dagegen spricht wohl, ausser der sich ergebenden Annahme einer 
Verheirathung von Geschwisterkindern (vgl. Stälin 2, 612), die ver- 
schiedene Dienstherrschaft und das verschiedene Amt beider 
Geschlechter; auch wäre dann kaum zu erklären, dass der jüngere 
Eberhard sich anfangs von Tanne schreibt. In näherer verwandt- 
schaftlicher Beziehung dürfte dieser allerdings zu den Waldburg 
gestanden haben, da er in ihre Rechte eintritt und Vormund der 
unverheiratheten Tochter Heinriche v. Waldburg war (Stälin 2, 61 3) ; 
am nächsten läge es, in ihm einen Schwiegersohn Friedrich's 
zu sehen ; doch scheint seine erste Gemahlinn eine Edle von Schwa- 
bek gewesen zu sein; das Geschlecht der zweiten ist allerdings 
nicht bekannt (vgl. Stälin 2, 612). Für die Einheit des Geschlechtes 
Hesse sich etwa geltend machen, dass wir nicht allein bei Eberharde 
Kindern, sondern auch schon bei seinen Brüdern die waldburgischen 
Namen Friedrich und Heinrich finden. 

War Heinrich v. Waldburg Reichstruchsess gewesen (§. 9), so 
ist Eberhard zunächst nur Truchsess des Herzogthumes Schwaben. 

Sitzb. d. phil.-hul. CI. XL. Rd. IV. Hfl. 33 


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478 


Dr. Ficker 


Das Amt dürfte überhaupt wohl nicht als unmittelbar vererbt, son- 
dern erst als von K. Friedrich verliehen zu betrachten sein, da es 
sonst auffallen müsste, dass vor 1214 kein an das Amt der Waldburg 
anknüpfender Truchsess erscheint. Dass Eberhard’s Amt sich nicht 
auf das Reich bezog, darauf deutet schon, dass er in dieser Zeit nie 
Reichstruchsess heisst, auch wenn Andere neben ihm ausdrücklich 
als Reichsbeamte bezeichnet sind (H. 1, 474. 827. 589. 613), so 
insbesondere auch Werner v. ßoland in der einzigen Urkunde, wo 
beide neben einander Vorkommen (H. 1,792); entscheidend ist, dass 
Eberhard 1217 neben dem Marescalcus und Pincerna imperii aus- 
drücklich Dapifer Swevie heisst (H. 1, 920). Auch die Aufnahme 
der schwäbischen Löwen in das Wappen dürfte darauf deuten (vgl. 
Stälin 2, 616. Mono Zeitschr. 11, 233). 

16. Nachfolger des älteren Werner ist Werner y. Roland 
der Jüngere. Doch muss es scheinen, als sei ihm das Reichsamt 
mit Rücksicht darauf, dass die Waldburg eine Zeitlang Reichstruch- 
sesse waren, dem älteren Werner aber das Amt ohne Erbanspruch 
verliehen war, von Eberhard von Waldburg bestritten worden. 
Werner ist 1222 März und Mai bei K. Heinrich, führt aber in vier 
Urkunden keinen Amtstitel (H. 2, 728. 31. 42. 46), nur in einer 
heisst er Truchsess (H. 2, 744), und in einer jener steht Heinrich 
Truchsess von Waldburg, wahrscheinlich Eberhard's Sohn, ihm vor 
(H. 2, 746). Dieses Vorkommen wird auch genügend erweisen, dass 
diese Erwähnungen sich nicht mehr auf den älteren Werner bezie- 
hen. Bei K. Heinrich finden wir 1222, 23 Werner nicht mehr, da- 
gegen häufig den immer als Truchsess bezeichneten Eberhard (H. 2 , 
736. 48 — 80). Auf Ansprüche Eberharde auf das Reichsamt dürfte 
auch deuten, dass er um diese Zeit in eigener (Reg. Boica 2. 124), 
dann 1225, 26, 27 auch in königirchen Urkunden (H. 2, 829, 85, 
3, 335) zwar nicht Imperii, aber doch imperialis aule dapifer 
heisst. Werner ist 1223 Jan., Febr. beim Kaiser zu Capua, aber wie- 
der auffallender Weise ohne Amtstitel (H. 2, 296. 98. 307), was 
sich freilich auch aus Rücksicht auf den gleichfalls anwesenden Gun- 
zelin v. Wolfenbüttel erklären liesse. 

Febr. 1224 ist Truchsess Eberhard beim Kaiser in Catania 
(H. 2, 400. 1. 4); und gerade während dieser Abwesenheit im Jän. 
finden wir Werner zuerst wieder als Truchsess bei K. Heinrich 
(H. 2, 786. 87). Seit Juli ist Eberhard wieder beim Könige in 


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Die neiclisliofbetuiiteii der btaufi&cheu Periode. 


479 


Deutschland (H. 2, 799. 806. 8. 11); Nov. 17 kommen zuerst Eber- 
hard und Werner neben einander als Truchsesse vor und zwar so, 
dass Eberhard vorsteht. Eberhard muss später fast immer um Hofe 
des Königs gewesen sein, da er in der grossen Mehrzahl seiner 
Urkunden als Zeuge erscheint (H. 2, 815 — 910. 3, 311 — 475. 4, 
558 — 656). Viel seltener finden wir Werner, jetzt durchweg als 
Truchsess bezeichnet, 1225, 27, 31 — 34 beim Könige (H. 2, 854. 
60. 3. 311. 14. 22. 444. 47. 53. 66. 4. 568. 80. 603. 18. 34. 45), 
Dafür, dass Werner als Reichstruchsess galt, Eberhard als schwäbi- 
scher eine untergeordnete Stellung einnahm, liesse sich nur etwa 
geltend machen, dass, wo beide in derselben Urkunde Vorkommen, 
jetzt Werner immer vorsteht und Eberhard zuweilen erst nach anderen 
Beamten auf ihn folgt (H. 2, 854. 3, 311. 14. 22. 453. 4, 580. 
634. 45). Nicht zu viel Gewicht dürfte darauf zu legen sein, dass 
Werner 1231 und nochmals 1234 neben dem nur als Truchsess be- 
zeichneten Eberhard Dapifer imperialis aule heisst (H. 3, 466. 634); 
denn vereinzelt, wie erwähnt, führt auch Eberhard diesen Titel; es muss 
eher auffallen, dass Werner ihn so selten führt und sich nie, wie 
sein Vater so oft, Dapifer imperii nennt; doch werden diese Be- 
zeichnungen jetzt überhaupt weniger gebraucht, als in der früheren 
Zeit Friedrich’#. 

Eberhard erscheint zuletzt 1234 Mai 26 (H. 4, 656) beim 
Könige und wird bald nachher gestorben sein, da er auch ander- 
weitig urkundlich nicht mehr nachzu weisen ist (vgl. Stälin 2, 627). 
Seitdem erscheint kein Waldburg, sondern nur noch Werner 1234, 
35 März bei K. Heinrich und 1236 beim Kaiser (4, 688. 723. 841. 
63. 93), jetzt vorwiegend als Imperialis aule Dapifer bezeichnet. 

17. Gleichzeitig mit Werner und Eberhard tritt auch noch 
Gunzelin v. W ol fenbüttel (vgl. §. 13) als Truchsess auf. Es 
ist möglich, dass ihm bei der Aussöhnung K. Friedrich’s mit dein 
Welfen Heinrich 1219 besondere Zusicherungen gemacht wurden, 
wie später in der Erhebuugsurkunde von Braunschweig 1235 aus- 
drücklich Gleichstellung der welfischen mit den Reichsministerialen zu- 
gesichert wurde. Gunzelin ist 1 222, 23 beim Kaiser in Italien als Dapifer, 
Dapifer noster oder imperialis aule (H. 2, 231, 73, 86, 88); in der- 
selben Urkunde mit Werner vorkommend heissen aber beide nur 
Ministeriales imperii (H. 2, 298). Auch in Deutschland bei K. Hein- 
rich heisst er 1224 und 1225 Dapifer imperialis aule, während im 

32 * 


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480 


Ui. V i *• * V r 


ersten Falle der ihm nachstehende Eberhard nur Truchsess heisst 
(H. 2, 799. 850); in einem andern Falle 1224, wo Gunzelin 
ebenfalls vorsteht, heissen beide nur Truchsess; 1231 nur Gunzelin 
Truchsess, obwohl Eberhard sonst ganz regelmässig den Amtstitel fuhrt 
(H. 2, 808. 3, 455). Am Auffallendsten ist das Vorkommen Gunzelin’s 
und Werner’s 1231 Dec. bis 1232 Hai beim Kaiser zu Ravenna und 
auf den folgenden Tagen. Allein vorkommend heisst Gunzelin Truch- 
sess (H. 4, 272. 73. 75. 314), führt nur einmal keinen Amtstitel 
(357); in allen Fällen gemeinsamen Vorkommens führen beide den 
Amtstitel nicht, wobei nur einmal Gunzelin (297), sonst Werner 
vorsteht (288. 96. 323. 34. 39. 41. 59); dagegen führt auch Wer- 
ner in den Fällen vereinzelten Vorkommens wenigstens einmal den 
Amtstitel (324), welcher ihm sonst allerdings fehlt (277. 80. 90. 
91. 93. 308. 29. 36. 37). Das Alles ist doch kaum anders zu 
erklären, als aus dem Umgehen der beiderseitigen Ansprüche auf den 
Amtstitel; gab man ihn nicht Beiden, so scheint doch noch die An- 
sicht wirksam gewesen zu sein, dass nur einer von ihnen der eigent- 
liche Reichstruchsess sein könne. Später erscheint Gunzelin nur noch 
einmal 1236 ohne Amtstitel beim Kaiser (H. 4, 868); doch schreibt 
er sich in seinen eigenen Urkunden noch später Dei gratia impe- 
rialis aule dapifer v. Wolfenbüttel oder auch v. Peine (Scheidt vom 
Adel. 435. 36). 

18. Von den vereinzelt vorkommenden Truchsessen dürfte der 
sonst nicht nachzuweisende Konrad v. Waldburg sehr wahr- 
scheinlich identisch mit Eberhard sein. Als Conradus erscheint er 
1218 in einer Urkunde auffallender Form, dann 1223, 24 (H. 1, 
542. 2, 782. 401). Im letzteren Falle handelt es sich um das verein- 
zelte Vorkommen eines Truchsessen in drei kaiserlichen Urkunden 
zu Catania 1224 Febr. ; in zweien (H. 2, 400. 404) finden wir nur 
Eberhard, in der dritten nur Konrad; beide genau an derselben 
Stelle in den sonst ganz übereinstimmenden Zeugenreihen; handelte 
es sich um zwei Personen, so wäre es fast unerklärlich, dass sie 
nicht auch neben einander genannt wären. Erklärlicher noch ist eine 
Verwechselung, wenn 1225, 27, 31, 33 der Personenname nur durch 
die Sigle C gegeben ist (H. 2, 855. 3, 314. 453. 4, 612); und auch 
hier finden wir 1227, 31 Eberhard in Urkunden, welche an dem- 
selben Orte fast gleichzeitig ausgestellt sind (H. 3, 311. 455), so 
dass das Nichtzusammentreffen fast unerklärlich wäre. Truchsess 


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D : e Keielisliofbeaniten der städtischen Periode. 


481 


Heinrich v. Waldburg 1222, 28 (H. 2, 746. 3, 386), wird der 
auch sonst bekannte (Stalin 2, 612) Sohn Eberharde sein, doch ist 
die Urkunde von 1228 verdächtig ; die Erwähnung eines Henricus 
dapifer regis 1224 (H. 2, 802) dürfte aber eben so wohl auf einen 
Unterbeamten zu deuten sein. Truchsess Friedrich v. Waldburg 
wird nur einmal 1227 (H. 3, 359) genannt; er ist gleichfalls Sohn 
Eberbard’s (Stalin 2, 612). Die Erwähnung des Truchsess Marquard 
v. An weder 1223 (H. 2, 770) entfällt, da die Zeugenreihe der wahr- 
scheinlich unechten Urkunde unzweifelhaft zum Theil einer Urkunde 
K. Heinrich's des VI. entnommen ist. 

19. Volker v. Salzberg 1225 zu Nordhausen (H. 2, 848) ist 
Truchsess von Wirzburg (Reg. Boica 2, 59. 193); eben so 1227 
(H. 3, 341) Albert v. Wirzburg, sonst v. Witolshausen genannt 
(Reg. Boica 2, 173), welcher häufig als bischöflicher Truchsess 
erscheint (R. Boica 2, 139—177). Auch*die Erwähnung des Truch- 
sess Heinrich, 1234 zu Wirzburg (H. 4, 699), bezieht sich auf 
den bischöflichen Truchsess dieses Namens (R. Boica 2, 221), da 
auch die neben ihm genannten Schenk Johann und Kämmerer Gotfrid 
bischöfliche Beamte sind (R. Boica 2, 213. 221). Der in kaiserlichen 
Urkunden 1237 zu Wien genannte Kadold v. Velsberg (H. 5, 
27. 38. 40) ist Truchsess von Österreich (vgl. Meiller Babenb. 
Reg. 318). 

20. Beim Kaiser erscheinen, wie schon erwähnt, in Italien 
vereinzelt Werner, Gunzelin und Eberhard als Truchsesse. Ständig 
ist seit dem Abgänge des älteren Werner 1220 Dec. kein deutscher 
Truchsess mehr an seinem Hofe. Von den am deutschen Hofe nicht 
genannten findet sich 1226 vereinzelt ein Frater G. de Merern dapi- 
fer (H. 2, 700), wohl ein Ordensritter. Auch von sicilischen Truch- 
sessen ist Heinrich v. Rivello nur eiumal 1 232 als Zeuge nachzu- 
weisen (H. 4, 374); ausser ihm wird noch ein Jakob Capece als 
Seneschall erwähnt (vgl. Huiilard Introd. 149). 

21. Bei K. Konrad IV. kommt Werner v. Boland nie als 
Truchsess vor, wird nur einmal 1242 als Fidelis noster erwähnt 
(H.6,825) und stand später zu den Gegenkönigen. Der König scheint 
dann sein Amt an seinen Bruder, den späteren Kämmerer Philipp 
v. Falkenstein verliehen zu haben, welcher 1246 als Truchsess 
erwähnt wird (H. 6, 878. 79) und noch 1253 den Titel Dapifer 

imneriali« '»hIm» Port Jini. 2. Scholl früher 


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482 


I»r. Ficker 


1242 Juli führt Konrad v. Schmidelfeld auffallender Weise den 
Titel Dapifer noster (H. 6, 84t), während er in folgenden Urkun- 
den (H. 6, 849. 51. 52. 53. 58) keinen Titel führt. Sein Geschlecht» 
welches wohl nicht zu den freien Herren (Stälin 2, 537), sondern 
nach seiner Stellung in den Urkunden (z. B. Wirtemb. U. B. 2, 169. 
B. 2825. H. 3 , 349. 65. 83. 95) zu den Reichsdienstmannen 
gehörte, kommt sonst nie in einem Amte vor. Ob der König beabsich- 
tigte, ihn an Werner's Stelle treten zu lassen, muss dahingestellt 
bleiben; 1249 6nden wir Konrad auf der Gegenseite bei K. Wilhelm 
(Mon. Germ. 4, 365). 

22. Von schwäbischen Truchsessen finden wir beim Könige 
1240, 48 (H. 5, 1203. 4. 6, 884) den auch sonst seit 1239 (vgl. 
Stälin 2, 627. 28) urkundlich oft vorkommenden Otto Bertold 
v. Wald bürg; neben ihm 1248 (H. 6, 884) die Truchsesse Hein- 
rich und Ulrich v. W a r t h u s e n, aus einer Seitenlinie der W ald- 
burg (Stälin 2, 613). Auch bei Konradin erscheinen 1260 Bert- 
hold v. Waldburg, 1266 Walter v. Warthusen und Eber- 
hard v. Waldburg (Mon. Boica 30, 334. 47. 51), während sich 
kein Reichstruchsess bei ihm findet. 

23. Der Reichstruchsess Werner v. Boland ist seit 1249 
(Mon. Germ. 4, 365) bei K. Wilhelm, dann er und weiter sein 
gleichnamiger Sohn auch bei K. Richard nachzuweisen; ihr An- 
spruch auf das Reichsamt mochte von keiner Seile bestritten werden, 
zumal seit Philipp von Falkenstein (§. 21) 1257 das Reichskämmerer- 
amt erhalten hatte. Das Amt blieb nun erblich dem Hause Boland; 
noch 1363 nennt sich Philipp v. Boland Truchsess des heiligen 
römischen Reiches (Köllner Kirchheim-Boland 76); er starb 1376, 
sein Bruder Konrad, welcher den Amtstitel nicht mehr geführt zu 
haben scheint, nach 1386. Damit erlosch das Geschlecht im Manns- 
stamme. Es scheint nicht, dass das Reicbstruchsessenamt wieder gelie- 
hen wurde, und es mag das damit Zusammenhängen, dass es in der golde- 
nen Bulle überhaupt nicht unter den vier Erbämtern des Reiches auf- 
geführt wird; beim Erlasse derselben mochten die in ihren Vermö- 
gensverhältnissen heruntergekommenen Boland nicht in der Lage 
sein, ihre Ansprüche geltend zu machen; als Stellvertreter des Erz- 
truchsess erscheint vielmehr in der goldenen Bulle der Reichsküchen- 
meister, dessen Amt als Abzweigung des Truchsessamtes zu betrach- 
ten ist. 


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Di»; Iteiclisliofbeauiteu »ier 8 tau li sehen Periode . 


483 


H. b. Reichsküchenmeister. 

24. Aus dem Umstande, dass vor dem dreizehnten Jahrhun- 
derte nie ein Reichsküehemneister erwähnt wird , dass Rotenburger, 
welche früher vorzugsweise als Truphsesse Vorkommen, seit 1200 
nie mehr als solche erwähnt werden, während seit 1202 Küchen- 
meister v. Rotenburg erscheinen, schlossen wir schon früher (§. 10), 
dass das Amt von K. Philipp neu errichtet wurde, um die Roten- 
burger für ihre Ansprüche abzufinden. Der König bestätigt 1202 
Juli 23 (Ph. 71. vgl. Mone Zeitschr. 11, 18) eine Schenkung 
Fidelis ac Familiaris nostri H. rnagistri cuquine de Roteiuburc. Ob 
Heinrich v. Rotenburg dem Mannesstamme der früheren Truch- 
sesse v. Rotenburg angehörte, von welchen der 1200 zuletzt vor- 
kommende Konrad heisst, dürfte zweifelhaft sein, da der Name 
Heinrich bei ihnen nicht vorkommt; unbedenklich werden wir in ihm 
den Rechtsnachfolger derselben zu sehen haben. Bei K. Philipp kommt 
er nur noch 1207 als Küchenmeister vor (Ph. 105. 6); bei K. Otto 
1209 zu Rotenburg und auf dem Römerzuge (O. 56. 98. 99); bei 
K. Friedrich II. 1213 (H. 1, 265. 75. 83), 18 (1, 532. 65), 19 
(1, 697), 20 (1, 728. 30. 33. 36. 55. 57. 818), <iann bei K. Hein- 
rich 1222 — 1225 (2, 742. 77. 94. 848. 68). 

25. Schon bei Lebzeiten Heinrich’« beisst auch Hartwig 
v. Rotenburg Küchenmeister, zuerst 1217 (H. 1, 510); 1220, 25 
heissen beide neben einander M. gistri coquine (H. 1, 755. 57. 2, 
868); Hartwig allein ist 1221 beim Kaiser (H. 2, 141. 62), dann 
1225 — 1234 bei K. Heinrich (H. 2, 859. 3, 388. 97. 410. 4, 
632). Hartwig wird 1219 ausdrücklich als Sohn einer Schwester 
Heinrich's bezeichnet (Reg. Boica 2, 95. 101); auch wird Heinrich 
sein Oheim genannt (H. 5, 101). Er wird 1237 als verstorben 
erwähnt und scheint ausser einer Tochter nur einen Sohn Helmerich 
hinterlassen zu haben , welcher in den deutschen Orden trat 
(H. 5, 101). 

26. Nachfolger iin Amte ist Lu pol d v. Rotenburg-Norden- 
berg. Ein Schultheiss Lupoid v. Rotenburg wird 1219 und 1233 er- 
wähnt (Reg. Boica 2, 93. H. 4,599), dann 1221 ein Lupoid v. Rotenburg 
neben Hartwig (H. 2, 141). Am wahrscheinlichsten dürfte er Bruder 
Hartwig*« sein. Bei K. Konrad IV. erscheint er 1246 als Magister co- 


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484 


Dr. Kieker 




quine de Rotenburg (H. 6, 874); 1249 heisst Lupoid regalis aule 
magister coquine dictus de Nortenberg (Reg. Boica 2,407); die Iden- 
tität wird nicht zu bezweifeln sein, da wir 1269 wieder einenL. coqui- 
narius de Rotinburch finden (Quellen und Erörterungen 5, 232). Die 
v. Nordenburg, nach einer unweit Rotenburg belegenen Burg 
benannt, werden dann in der goldenen Bulle als Erbküchenmeister und 
Stellvertreter des Erztruchsess erwähnt; im fünfzehnten Jahrhunderte 
folgen ihnen im Amte wohl durch Erbschaft die v. Seideneck, 
welche bis 1562 als Erbküchenmeister nachzuweisen sind, doch mehr- 
fach auch als Reichstruchsesse bezeichnet werden, wie nicht befremden 
kann, da ihnen ja zunächst die Verpflichtungen dieses Amtes oblagen 
(vgl. Vitriar. illustr. 3, 804. 805. Ludewig Goldne Bulle 2, 778). 

27. Später führen die v. Waldburg den Titel eines Erb- 
truchsessen des Reiches. Ihr Titel ist aber wohl zuuächst nur auf ihr 
schwäbisches Hofamt zurückzuführen, wie ja auch von anderen 
Familien diese Titel fortgeführt werden, so beispielsweise von den 
Schenken v. Winterstetten. Es wird insbesondere nicht anzunehmen 
sein, dass sie nach dem Aussterben der Boland (§. 24) das Reichs- 
truchsessamt erhielten, denn im fünfzehnten Jahrhunderte und noch 
im Beginne des sechszehnten nennen sie sich einfach Truchsess 
t. Waldburg und zwar auch in solchen Urkunden, wo neben ihnen die 
Limburg oder Pappenheim ihr Amt als Erbamt oder Reichsamt aus- 
drücklich bezeichnen (Bürgermeister Cod. dipl. eq. 106. 109. 139. 
157). Erst Georg v. Waldburg heisst seit 1528 des heiligen römi- 
schen Reiches Erbtruchsess, und eben so die späteren Waldburg; da 
es keine Reichstruchsesse gab, sich weiter leicht belegen liess, dass 
die Waldburg früher kaiserliche Truchsesse gewesen waren, so wird 
der Titel, auch wenn er, wie es scheint, ohne besondere Verleihung 
angenommen wurde , keinen Widerspruch gefunden haben. Die 
Verrichtungen des Amtes standen freilich dem Küchenmeister zu; 
Georg erhielt aber schon 1528 vom Kurfürsten von der Pfalz die 
Zusicherung, ihn oder seine Nachkommen nach dem Aussterben der 
v. Seideneck mit dem von Kurpfalz lehenrührigen Erbküchenmeister- 
amte zu belehnen. Spätestens 1594 ging dann wirklich das Amt 
durch kurpfälzische Belehnung an die Waldburg über; doch Hessen 
dieselben den Titel fallen und nannten sich wie früher Erbtruch- 
sesse, so dass beide Ämter wohl fortan als ein Einziges betrachtet 
wurden ( vtrl. Vitriar. illustr. 2, 756. 3. 806). 


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Die Reichslioflieainten der städtischen Periode. 


485 


HI. Reichsschenken. 

1. Während ich bei K. Heinrich V. keinen Schenken nach- 
weisen kann, wird bei K. Lothar 112S der Schenk Konrad 
Bacho genannt (B. 2103). Einen Zusammenhang mit später auf- 
tretenden Schenkenfamilien, in welchen der Name Konrad häufig 
wiederkehrt, weiss ich nicht bestimmter zu begründen. 

2. Unter K. Konr ad III. wird Konrad Pris (v. Schipf) 1145 
ausdrücklich Schenk genannt (B. 2259). Nur als Konrad Pris ist er 
1142. 44 beim Könige (B. 2215. 33), dann 1 146 (2263), wo Walter 
von Schipf sein Bruder genannt wird, so dass schon er der später 
vorzugsweise herYortretenden Schenkenfamilie angehört. Auf ihn 
werden demnach auch wohl die Erwähnungen 1138. 41. 44 zu 
beziehen sein, wo der Schenk nur Konrad heisst (Mon. Patr. Lib. 
jur. Gen. 1, 57. Jaffe Konr. 214. B. 2232). 

Seit 1146 erscheint Konrad nicht mehr; in zwei 1150 auf 
demselben Hoftage zu Speier ausgestellten Urkunden heisst der 
Schenk Keiner (B. 2284. Jaffe Konr. 217), ein Name, den ich 
unter den Reichsministerialen dieser Zeit nicht nachzuweisen weiss; 
später kommt der Name Reinhard bei deoen von Lautern vor. 

3. Bei K. Friedrich I. ist zuerst Schenk Hildebrand, 
1152.56.57 vorkommend (Wirtemb. U. B. 2,61. B. 2356.74); ohne 
Amtsnamen findet sich 1157 ein Hildebrand v. Helmscellingen beim 
Kaiser (B. 2369), möglicherweise dieselbe Person. 

4. Ein genaueres Auseinanderhalten der späteren Schenken 

K. Friedrich's ist dadurch erschwert, dass alle denselben Namen 

Konrad führen. Die ersten Erwähnungen scheinen einen Konrad 

v. Ballenhusen zu treffen, da ein Conradus de Baiensen 1164 Jan. 

zu Faenza (B. 2483) ausdrücklich Schenk genannt wird. Ohne 

Arntstitel finden wir 1161 in Italien C. Comes de Balnehusen , C. de 

Baiasse, 1162 C. de Baluhusen, Ballehusen (B. 2442. 64. Notizenbl. 

1,145. Affo Parma 2, 374). Der Grafentitel macht die Identität 

bedenklich. Doch wurde dieser in Italien auch in Kaiserurkunden 
« 

mehrfach blossen freien Herren gegeben, so 1163 den Grumbach 
und Leuchtenberg (B.2480). Einen Adalbert v. Ballenhausen finden 
wir 1144 in Mainzer Urkunde unter den freien Herren (Guden C. D. 
1,152.); Konrad v. RalonKiiqpn Hß6 »n Kaiserurkunde unter freien 


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486 


Di*. Ficker 


Herren oder Dienstmannen; dann 1170 wieder einen Grafen Adal- 
bert von Balnehusen und seinen Sohn Konrad (B. 2519. 43). Doch 
gibt es auch Mainzer Ministerialen dieses Namens, 1189 einen Otto 
y. Ballenhusen (Ungedr.). Bei Annahme der Identität, für welche ins- 
besondere spricht, dass in dieser Zeit kein anderer Konrad ähnlichen 
Namens erscheint, insofern 1164 C. de Gelluden nur Corrumpirung 
desselben Namens sein dürfte, würde demnach wohl der Fall vor- 
liegen, dass ein freier Herr ein Dienstamt übernahm, wie sich ja 
auch sonst nachweisen lässt (vgl. V §. 4). Handelt es sich um ein 
anderes Geschlecht, so dürfte an das des späteren Schenken Konrad 
v. Waldhusen zu denken sein. Auf dieselbe Person wären dann zu 
beziehen die Erwähnungen eines Schenk Konrad 1163 zu Mainz 
(Beyer U. B. 1, 245), 1163, 64 auf dem italienischen Zuge (Muratori 
Antiq. It. 6, 245. B. 2490. 97). 

5. Der nächste benannte Schenk Konrad ist Konrad Kolbo 
(v. Schipf), 1165, 68. (Mieris Charterb. 1, 108. Chmel Reg. Rup. 
187. B. 2529). Zweimal werden hier neben ihm seine Brüder Lud- 
wig und Bernger genannt; sicher treffen ihn demnach wohl noch 
die Erwähnungen 1172 zu Wirzburg (B. 2560. 51. 53), wo zwei- 
mal neben dem Schenken Konrad sein Bruder Ludwig erwähnt 
wird; noch wird 1165. 66. 68. 70. 71 Schenk Konrad ohne nähere 
Bezeichnung genannt (B. 2501. 19. 37. 44. 45. Lacomblet 1, 297). 

Danach ist weiter nicht zu zweifeln, dass der in derselben Zeit 
' 1165, dann 1167 in Italien erwähnte Schenk Lndwig(B. 2509.24.25) 
jener Bruder Konrad’s ist, welcher seine Stelle vertrat und auch 
als Ludwig Kolbo vorkommt (B. 2506. 62). 

Dass, wie früher Konrad Pris, so auch Konrad Kolbo dem 
Geschlechte der Schipf angehörte, dürfte nicht zu bezweifeln sein. 
Schon das Amt legt das nahe; weiter der Umstand, dass die Reichs- 
schenken von Schipf, Klingenberg, und Limburg Kolben im Wappen 
führen, woher jener zeitweise gebrauchte Name rühren mag Wir 
finden weiter die vier Personennamen Walter, Konrad, Ludwig und 
Beringcr sowohl bei den Kolben, als hei den Schipf, und zwar so, 
dass nie ein Kolbo und ein Schipf desselben Namens iu ein und der- 
selben Urkunde Vorkommen, und manches die Annahme unterstützt, 
es habe sich dieselbe Person bald Kolbo, hald Schipf genannt. 
Walter v. Schipf, Bruder des Konrad Pris, ist beim Könige 1144. 46. 
53. 54. 56 (B. 2233. 63. 334. 70. Wirtemb. U. B.2, 61); dazwischen 


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Die Ue'ch.sliul'licuniteu der stautisihen Periode. 


487 


1147 Walter Kolbo (Mon. Boica, 29, 297). Ein Konrad Kolbo findet 
sich 1182 mit seinem sonst nicht genannten Bruder Siegfried. (Wir- 
temb. U. B. 2, 61); 1 156. 64 Konrad v. Schipf (B. 2366. Lepsius 
Naumburg 266); dann wie erwähnt der Schenk Konrad Kolbo mit 
seinen Brüdern Ludwig und Beringer; zuletzt führt Ludwig 1173 
den Namen Kolho (B. 2662). Während dieser Zeit, wo der Name 
Kolbo vorherrscht, verschwindet in an und für sich auffallender 
Weise der Name Schipf aus den Urkunden; nur 1172 April zu 
Wirzburg erscheint Konrad v. Schipf, während in drei anderen auf 
demselhen Hoftage ausgestellten Urkunden der Schenk Konrad, 
zweimal mit seinem Bruder Ludwig, also identisch mit Konrad 
Kolbo erscheint (B. 2660. 61. 52. 63). Alle vier Urkunden haben 
ziemlich dieselben Zeugen; es ist kaum denkbar, dass hier nicht 
Konrad v. Schipf identisch mit dem Schenken Konrad sein sollte, 
zumal wir später den Schenken ausdrücklich so benannt finden. Ein 
Ludwig und Beringer v. Schipf sind zwar in dieser Zeit nicht nach- 
zuweisen; wohl aber finden wir seit 1210 die Brüder Walter, 
Konrad und Beringer v. Schipf genannt, später auch einen Ludwig 
v. Schipf. Alle diese Umstände dürften die Beziehung der Namen, 
Kolbo und Schipf auf ein und dasselbe Geschlecht unzweifelhaft 
machen. 

Finden wir demnach 1182 in Wirzburger (Hansseimann Lan- 
desh. 1, 371), 1183 März in Kaiserurkunde (B. 2666) den Schenk 
ausdrücklich Koprad v. Schipf genannt, so werden wir darin 
\>ohl noch jenen Konrad Kolbo sehen dürfen; es sei denn, was mir 
nicht wahrscheinlich ist, dass es sich um einen gleichnamigen Sohn 
oder doch ein jüngeres Familienglied handelte. Identisch ist dann 
aber auch der um Ende 1183 genannte Schenk Konrad v. Klin- 
ge ober g (Klingenbure, Verci Marca 1, 26), da wir auch in der 
folgenden Generation die Namen Schipf und Klingenberg wechselnd 
von derselben Person gebraucht finden. 

Die Erwähnungen eines nicht genauer bezeichneten Schenken 
Konrad 1173 (B. 2662), 74 (Mon. Boica 29, 421. B. 2672), 77 
(B. 2881), 78 (B. 2608), 79 (2612), 80 (B. 2624), 82 (B 2646. 
48. Notizenbl. 1,180), 83 (Mon. Germ. 4, 166.176) würden demnach 
jene genaueren Erwähnungen verbinden und Konrad v. Schipf von 
1168 — 1183 in ununterbrochener Dienstleistung zeigen. Ein 
Bedenken würde sich nur d; raus ergehen, wenn 1178 in Italien ein 


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488 


Dp- Ficker 


KonraddeMaciisals Pincerna curie genannt wird (B. 2602) und 
wir in diesem eine andere Person zu sehen hätten; ich bezweifle 
aber in keiner Weise, dass uns nur eine Übersetzung des Wortes 
Kolben, mittellateinisch Macia oder Maza, vorliegt, und demnach 
vielmehr eine Bestätigung unserer Annahme. 

6. Konrad von Schipf mag Ende l)83 oder Anfang 1184 
gestorben sein; die folgenden Erwähnungen können sämmtlich 
Konrad v. Waldhusen treffen. Er wird zuerst 1184 März 
18 C. pinc. de Walhusen genannt (österr. Archiv 8, 328); 1185. 86 
finden wir den Schenk nur Konrad genannt (B. 2684, 95); eben so 
1188 Sept. 1 zu Allstedt (Niedersächs. U. B. 2, 27), dann aber Sept. 
29 C. de Walthusen ohne Amtstitel (B. 2710), wo die Identität um 
so weniger einem Zweifel unterliegt, als die in der ersten Urkunde 
genannten Marschall Ekbert und Truchsess Hugo in der zweiten 
ebenfalls nur mit dem Geschlechtsnamen erscheinen. Nochmals finden 
wir ihn 1189 Februar 15 ausdrücklich als C. pinc. de Walthusen 
erwähnt (B. 2713). Er wird dem Geschlechte angehören, aus 
welchem 1181 auf der Burg Staufen Egeno und Adalbert v. Walthusen, 
1193 zu Gmünd Albert, Konrad und Egeno v. Walthus beim Kaiser 
erscheinen (B. 2635. 2809), welches demnach zur eigentlichen 
staufischen Dienstmannschaft gehören und nach dem benachbarten 
Waldhausen im Amte Welzheim benannt sein dürfte. Die erste Er- 
wähnung Hesse an die thüringische Pfalz Walhausen denken; da wir 
aber nach dieser eine Kämmererfamilie benannt finden, welcher der 
1188 mit dem Schenken Konrad in derselben Urkunde vorkommende 
Kämmerer Konrad angehören wird (vergl. IV § 12), so dürfte diese 
Beziehung für alle Erwähnungen, oder wenigstens für die erste sich 
kaum rechtfertigen (vgl. auch §. 4). 

7. Andere vereinzelt in K. Friedrich’s Urkunden vorkommende 
Schenken sind bischöfliche Hofbeamte. Schenk Iring 1168 zu 
Wirzburg (B. 2529) des Bischofs von Wirzburg (Reg. Boica 1,273), 
Otto 1174 zu Bamberg (Mon. Boica 29, 417 (des Bischofs von 
Bamberg, Dietrich 1186 zu Gelnhausen (Lappenberg U.B. 1,241) 
des Erzbischofs von Bremen (vergl. I §. 6), Dietrich 1187 zu 
Speier (Wirtenberg. U.B. 2, 244) des Bischofs von Speier (Remling 
U. B. 1, 98.102. 111. 115. Wirtenberg U. B. 2, 133. 141). 

8. K. Heinrich VI. scheint bei Lebzeiten des Vaters in seiner 
Hofhaltung keinen Schenk gehabt 711 haben. Zuerst »mH nur einmal 


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Die Reichshofbeainteu der staußsclien Periode. 


489 


1191 April 10 auf dem Römerzuge wird dann ein Schenk Herdegen 
y. Nürnberg erwähnt (Dümge Reg. 149), unzweifelhaft derselbe mit 
dem 1 174, 83 genannten Herdegen v. Grindlach (B. 2569. 2655), 
da sich auch Lupoid v. Grindlach 1156 vereinzelt von Nürnberg 
nennt (Mon. Boica 29, 324), in dessen Nähe die Grindlach sassen. 
Mitglieder des Geschlechtes finden wir oft am Hofe, aber sonst nie 
mit einem Amtstitel. 

9. Gegen Ende des Römerzuges 1191 November 3 zu Piacenza, 
dann zu Mailand finden wir zuerst als Schenken Heinrich v. Lautern 
(B. 2771. 73. 74); er erscheint überaus häufig in den Urkunden 
des Kaisers 1192 Februar bi$ 1193 Decemher in Deutschland 
(B. 2777. 79. 81. 82. 86. 89. 94. 95. 97. 800. 4. 8. 13. 14. 16. 
Huillard 6, 1103. 2,769. Wirtenberg U. B. 2, 291); nach grösserer 
Lücke 1194 December bis 1195 Februar in Sicilien (B. 2829. 32. 
35. Margarin 2, 227); nach abermaliger Lücke 1195 October bis 
1197 August fast ununterbrochen (B. 2861. 62. 67. 68. 69. 76. 80. 
81. 86. 90. 91. 96. 97. Hodenberg Verden. G. Q. 2, 60. Remling U. 
B. 1, 133. Bibi. Floriac. 3, 89. Huillard 2, 561. La Farina Studj 4, 
306. Lünig R. A. 22, 814). Dass er sich 1195, 97 Henricus Kolbo 
pincerna de Lutra nennt, woraus auf einen Zusammenhang mit dem 
früheren Schenken Kolbo zu schliessen wäre (Ludewig G. Bulle 
2, 782), dürfte auf einem Irrthum beruhen. Auch ein näherer Zu- 
sammenhang der Kolben v. Wartemberg , von denen sich 1215 
Werner dictus Kolbo de Wartemberg, 1219 Werner Kolbo und 
seine Brüder Ulrich und Merbodo finden (Huillard 1, 383. 660), mit 
den Kolben v. Schipf dürfte nach den ganz abweichenden Personen- 
namen kaum wahrscheinlich sein. 

10. Von sonstigen vereinzelt erwähnten Schenken ist Johann 
1195 wahrscheinlich Schenk des Abtes von Prüm (vgl. II §. 8). 
Schenk Dietrich v. Apolda, 1195 zu Worms (B. 2866) ist 
Schenk des Erzbischofs von Mainz, dessen Amt sich zunächst an Erfurt 
geknüpft haben dürfte; von seinen Brüdern ist 1192 einer Vitzthum 
zu Erfurt, ein anderer Kämmerer; auch später finden wir Mitglieder 
des Geschlechtes in denselben Ämtern (Guden C. D. 1, 317. 522. 523. 
Schuttes Direct. 375. 478). 

11. Unter K. Philipp finden wir als Reichsscheuken Walter 
v. Schipf, wahrscheinlich Sohn des Schenken Konrad (vgl. §. 5), 
zuerst 1200 März 15 (Ph. n. 24), dann 1201 (n. 28), 1205 


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490 


l>r. Ficker 


(n. 54. 60. 66), und 1207 (n. 105. 6. 8) zuletzt Nov. 2, wo er aus- 
drücklich Pincerna imperii heisst. 

12. Ist Walter seltener beim Könige, als andere Hofbeamte, so 
kommt auch der schwäbische Schenk herhard v. Tanne nur 
vereinzelt 1198 Aug. 16 (Wirtemb. U. B. 2, 327) und 1205 Juli 16 
als Schenk, dann Juli 30 ohne Amtstitel vor (Ph. n. 68. 72). Waren 
die Tanne schwäbische Ministerialen (vgl. II §. 15), so wird ihnen 
schon früher das Schenkenamt des Herzogthums zugestanden haben; 
mit dem Schenkentitel erscheint Eberhard 1197 bei Herzog Philipp 
(Wirtemb. U. B. 2, 321). Lag es in der Absicht Philipp**, ihn als 
Reichsschenken beizubehalten, so hat er nicht den Ansprüchen des 
Schenken des Vorgängers, sondern den Einsprüchen der doch seit 
1183 nicht mehr im Amte erscheinenden Schipf weichen müssen. 

13^ Bei K. Otto ist bis zu seiner allgemeinen Anerkennung 
kein Schenk aufzuweisen. Von 1208 Nov. 20 bis 1212 Mai 21 
erscheint Walter v. Schipf oft in seinen Urkunden (O. n. 34. 35. 
40. 45. 72. 76. 81. 87. 88. 90. 95. 98. 99. 100. 45. 47. 48. 72. 
Notizenbl. 1, 178); identisch mit ihm ist der vereinzelt 1209 
genannte Schenk Walter v. Rötingen (n. 66), da Rötingen ein 
Besitz der Familie war. 

Im Jahre 1210, wo sich eine Lücke im Vorkommen Walter’s zeigt, 
erscheint mehrfach als Schenk sein Bruder Kon rad v. Schipf, der 
seine Stelle vertreten haben wird (0. n. 120. 26. 35. 38. 44); neben 
Walter erscheinend fuhrt weder er (n. 145) noch der dritte Bruder 
Beringer (n. 147) den Schenkentitel. Ausser den Schipf wird unter 
K. Otto kein Schenk genannt^ 

14. Während K. Friedrich II. in den übrigen Ämtern den 
Beamten K. Otto's andere hei seinem ersten Eintritte in Deutschland 
entgegenstellte, scheint das beim Schenk nicht der Fall gewesen zu 
sein; vielleicht, dass er des Übertrittes Walter’s schon versichert w ar. 
Doch finden wir auch Wal ter v. Schipf nicht früher, als 1213 Febr. 
14 mit den anderen Reichsheamten beim Könige zu Regensburg; von 
da ab bis 1217 Febr. 17 ist er dann häufig beim Könige (H. 1, 242 — 
498. 930); dann noch einmal 1218 Jan. 3 (H. 1, 530); er dürfte bald 
nachher gestorben sein. 

15. Konrad v. Schipf-Klingenberg fungirt als Konrad 
v. Schipf auch jetzt 1213, 15 vereinzelt bei Lebzeiten des Bruders 
und zwar als Pincerna imperii bezeichnet (H. 1, 281. 430); dass 


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Die l!eiohshofl>f»umteii der slaulisciieii Periode. 


491 


Walter der eigentliche Träger des Reiehsamtes war, erweist sein 
ungleich häufigeres Vorkommen und der Umstand, dass Konrad neben 
ihm unter den Zeugen vorkommend keinen Amtstitel führt (H. 1, 438. 
496). Nach dem Abtreten Walter’ s finden wir 1218 Juli (H. 1, 652) 
und später Konrad vonSchipf als Reichsschenk. Dass er Bruder, nicht 
etwa ein Sohn Walters ist, ergibt sich wohl daraus, dass 1220 mehr- 
fach neben ihm Beringer als Bruder genannt wird (H. 1, 728.30. 33); 
Beringery. Schipf führt 1219 vereinzelt auch selbst den Schen- 
kentitel. 

Im Jahre 1219 wird der Reichsschenk Konrad v. Klingenberg 
genannt (H. 1, 626, 697); 1220 wieder von Schipf (H. 1, 728. 30. 
33. 78. 927). Auf dem Römerzuge wird 1220 Nov. nur ein einziges 
Mal ein Reichsschenk Konrad genannt (H. 2, 64), was bei dem so 
regelmässigen Vorkommen der anderen Hofbeamten sehr auffallen 
müsste, wenn er den Zug mitgemacht hätte; doch ist die Urkunde 
auch aus anderen Gründen für gefälscht zu halten. Erst 1222 
erscheint Konrad v. Schipf wieder bei K. Heinrich (H. 2, 746. 48). 

Fanden wir schon früher -Jen Namen Klingenberg vereinzelt 
von einem Schipf gebraucht (§. 5), so lässt das Vorkommen 1223, 
24 nicht bezweifeln, dass die Namen Konrad v. Schipf uud v. Klin- 
genberg nicht nur demselben Geschlechte, sondern auch derselben 
Person angehören. Bei K. Heinrich erscheint 1223 Aug. 4, Sept. 
30. 1224 Apr. 3, Nov. 12, 17. Ühc. 28 als Schenk Konrad v. Schipf 
(H. 2, 767. 81. 94. 811. 13. 19); dagegen heisst der Schenk Kon- 
rad v. Klingenberg 1223 Sept. 21, Oct. 8, 1224 Jan. 8, Dec. 4 
(H. 2, 777. 86. 815. Reg. Boica 2, 135). Kommen die Namen 
so wechselnd und in zeitlich so naheliegenden Urkunden vor, ohne 
doch in irgend einer zusammenzutreffen, so können sie sich wohl nur 
auf dieselbe Person beziehen. 

Später heisst Konrad durchaus Schenk v. Klingenberg und ist 
als solcher bei K. Heinrich 1225 (H. 2, 848), 27 (2, 905), 29 
(3, 395). 30 (3, 405. 10. 32. 34), 31 (3, 444. 50. 55. 70). Dec. 
1231 bis Mai 1232 ist er beim Kaiser zu Ravenna und auf den 
folgenden Hoftagen (H. 4, 272. 73. 75. 90. 91. 324. 34. 39. 41). 
Dann bei K. Heinrich in Deutschland 1232 (H. 4, 580. 560), 33 
(4, 603. 14. 18. 19), zuletzt 1234 März 18 (H. 4, 645); weiter 
noch 1235 Aug. beim Kaiser (H. 4, 761. 63). Da der Naine jetzt ein 
Jahrzelfent lang aus den Urkunden verschwindet, und die späteren 


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Dr. m c » e r 


4y* 

Erwähnungen wohl einen gleichnamigen Sohn treffen» so durfte er 
bald nachher gestorben sein. 

16. Neben Konrad erscheint in späteren Jahren der Schenk 
Walter v. Schipf-Limburg; zuerst 1230 Apr. 9 bei K. Hein- 
rich als Schenk v. Limburg; ebenso 1232 Apr. bei Kaiser und König 
zu Cividale (H. 3» 410. 4, 324. 568); 1232 Aug. findet sich beim 
Könige Schenk Walter v. Schipf (H. 4, 580); dann Walter y. Lim- 
burg mehrfach im J. 1234 Mai 10 bis Aug. 18 (H. 4, 653. 56. 70. 
74). In den Aufstand K. Heinrich's verwickelt» erscheint er 1235 und 
1237 nur noch beim Kaiser» um sich desshalb abzufinden (H. 4» 
760. 5, 7tf). 

Darauf» dass die Limburg, wie die Klingenberg demGeschlechte 
der Schipf angehören » demnach es sich hier nur um einen Walter 
handelt, welcher sich noch vereinzelt von Schipf nennt» deutet der 
bei den Schipf so häufige Personenname Walter, die Lage der 
Burgen in derselben Gegend, die Gleichheit der Wappen (vgl. Stälin 
2,600). Ein Siegel Konrad’s v. Klingenberg 1260 stimmt auch in der 
Fünfzahl v der Streitkolben mit dem ihm sehr ähnlichen des Schenken 
Walter v. Limburg 1237 (Mittheilung des Fürsten F. K. zu Hohen- 
lohe-Waldenburg; vgl. dessen Monographie über das limburgische 
Wappen, Taf. I, 1). Insbesondere würde sich aber sonst nicht 
erklären» dass Walter v. Schipf nur in jenem einen Falle nachzu- 
weisen ist; es würde ferner gar nicht zu erklären sein, dass ein 
Schenk aus einem dem Amte bisher fremden Gescblechte aufträte, 
ohne dass das Amt erledigt wäre oder der Herrscher wechselte. Das 
Aufgeben des alten Geschlechtsnamens durch die Klingenberg und 
Limburg erklärt sich daraus, dass die Stammburg in den Händen 
eines andern Mitgliedes des Geschlechtes, des Ludwig v. Schipf, 
war (H. 4. 762 ; vgl. Zeitsch. f. Wirtemb. Franken 5, 50. 75). 

Was die Stellung Walter’s zu Konrad betrifft, so werden wir 
das gleichzeitige Führen des Amtstitels wohl nicht lediglich auf den 
erst später bestimmt hervortretenden Brauch zurückführen dürfen, 
wonach alle Familienmitglieder den Amtstitel führen; Ludwig v. 
Schipf führt ihn nie. Walter wird ein Sohn jenes Walter v. Schipf 
sein, welcher bis 1218 als Reichsschenk erscheint (§. 14). Beim Tode 
des Vaters mag Walter noch unmündig gewesen sein, später dann 
aber gegen den Oheim seinen Anspruch auf das Reichsschenkenamt 
geltend gemacht haben, wenigstens durch Führen des Titelä; denn 


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Die Reiclishofbeamten der sUufischen Periode. 


493 


dieser bezieht sich nicht etwa, wie wir früher fanden, auf Stellver- 
tretung des abwesenden Schenken (§. 13. 15), denn Konrad und 
Walter kommen neben einander mit dem Amtstitel vor (H. 3, 410. 
4, 324. 580); hat nur im letzten Falle Walter den Vorrang, so 
erklärt sich das aus dem Alter des Oheims. Ein vorzugsweiser An- 
spruch Walters wfirde sich auch etwa daraus herleiten lassen, ^ass 
er im Besitze der Scheukenburg erscheint (H. 4, 760), welche doch 
in näherer Beziehung zum Amte gestanden haben wird. Ausdrücklich 
als Reichsschenk wird keiner von beiden in dieser Zeit bezeichnet. 
Walter kommt übrigens erst nach dem Verschwinden Konrad's aus 
den Urkunden K. Heinrich's häufiger bei diesem vor. 

17. Aus der schwäbischen Schenkenfamilie finden wir vereinzelt 
1214 März 12 Schenk Eberhard v. Tanne und neben ihm ohne 
Amtstitel Konrad v. Tanne genannt (H. 1, 295). Es dürfte noch der- 
selbe sein, welcher bei K. Philipp als Schenk vorkam (§. 12); der 
später zu erwähnende Eberhard v. Tanne- Winterstetten , wohl 
Sohn jenes älteren Schenkeu, erscheint aueh später nur als Neben- 
schenk des älteren Bruders Konrad, und würde hier schwerlich 
vorzugsweise als Schenk bezeichnet sein. Es wäre möglicherweise 
aber auch an Eberhard v. Tanne -Waldburg (II §. 15) zu denken, 
welcher erst 1214 Oct. als Truchsess nachzuweisen ist; in diesem 
Falle müsste ihm erst in der Zwischenzeit das Amt der Waldburg 
übertragen sein.' Wahrscheinlicher ist es gewiss, in jenem Schenken 
eiu Mitglied der später nach Winterstetten genannten Linie zu sehen. 
Aber auffallen muss, dass 1216 urkundlich ein Schenk Bertold 
v. Tanne erwähnt wird, während in demselben Jahre ein Bertold als 
Bruder des Truchsess Eberhard v. Tanne erscheint (Stälin 2, 618). 
Sind beide identisch, so würde demnach auch die waldburgische 
Linie in Beziehung zum Schenkenamte stehen, könnte möglicher 
Weise auch schon jener Schenk K. Philippus derselbe mit Eberhard 
v. Waldburg sein. Haben wir aber in Eberhard v. Waldburg, wie 
doch unzweifelhaft sein dürfte, den 1187, 1205 neben seinem Vaters- 
bruder Eberhard genannten jüngern Eberhard zu sehen, so erhalten 
wir sowohl für den älteren als für den jüngeren einen Bruder 
Bertold, und es könnten jene Erwähnungen im Jahre 1216 zwei 
verschiedene Bertold treffen, der Schenk Bertold könnte Bruder 
des Schenken, Oheim des Truchsess Eberhard sein (vgl. Stälin 2, 
617. 18). Trotz der vortrefflichen Vorarbeit, auf welche wir uns 

SiUb. d. pliil -hist . TI. XL. Bd IV. Hft 33 


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Dr. Picker 


hier stützen können, bleibt Manches in dem verwandtschaftlichen 
Zusammenhänge unklar. 

18. Konrad v. Tanne-Winterstetten findet sich als Kon- 
rad v. Winterstetten 1214 — 1220 ohne Amtstitel oft beim Kaiser 
(H. 1, 321. 87. 472. 300. 39. 613. 79. 81. 83. 722. 24. 920). Er 
wird derselbe sein mit dem Konrad v. Tanne 1214, 13 (H. 1, 293. 
389). Denn dass die Winterstetten ein Zweig der Tanne sind, ist 
nicht zu bezweifeln; es sprechen dafür Amt und Wappen; in zwei 
an demselben Tage 1213 Juni 20 ausgestellten Urkunden (H. 1, 
387. 89) finden wir in derselben Stellung unmittelbar neben dem 
Truchsess Eberhard einmal Konrad v. Winterstetten, das anderemal 
Konrad v. Tanne genannt; die Ursperger Chronik sagt: der Kaiser 
habe seinen Sohn anvertraut Cunrado de Tanne pinccrnae et 
ministeriali suo in Castro Winterstetten ; vereinzelt heissen noch 
1223 Konrad und Eberhard Pincerne de Tanne und Fratres de 
Tanne (H. 2, 777. 80), dann 12&3 Eberhard Pincerna de Thenne 
(II. 2, 808), wo die Identität mit den gleichnamigen Schenken 
v. Winterstetten keinem Zweifel unterliegen kann. 

Konrad führt zuerst 1220 Juni 2 den Schenkentitel (H. 1,792), 
was um so auffallender ist, da wir seit 1214, wenn wir von dem in 
verdächtiger Zengenreihe 1218 vorkommenden Schenk Eberhard 
v. Winterstetten absehen (H. 1, 342. vgl. I §. 17, II §. 18), keinen 
schwäbischen Schenken beim Kaiser finden.. Vielleicht, dass, wenn 
vor ihm sein Vater Eberhard Schenk war, dieser bejahrt nicht mehr 
am Hofe erschien; doch würde nach ähnlichen Fällen zu schliessen 
dann wohl auch Konrad den Titel geführt haben. Eher würde sich 
der Umstand erklären, wenn das Amt früher bei der waldburgischen 
Linie war und erst jetzt ausdrücklich auf die Winterstetten über- 
tragen wurde. 

Konrad erscheint dann 1222 Apr. 24 bis 1234 Aug. 21 fast 
ununterbrochen beim K. Heinrich (H. 2, 736 — 909. 3, 311 — 473» 
4, 558 — 676) und begleitete ihn 1232 nach Italien, wo er Apr. Mai 
auch in kaiserlichen Urkunden vorkommt (H. 4, 324. 34. 39. 41). 

Neben ihm erscheint häufig sein Bruder Eberhard v.Tanner- 
Winte rstetten , zuerst, wenn wir von dem verdächtigen Vor- 
kommen 1218 absehen, 1220 Jänner 4, beide ohne Amtstitel 
(H. 1, 722). Dann ist Eberhard 1223 beim Kaiser in Italien, im Jan. 
als Schenk bezeichnet, im März ohne Amtstitel; nochmals ist er 


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Die Heiciishofbeaiuteu der slauliachen Periode. 


495 


1225 Juli als Scheuk von Thenne beim Kaiser (H. 2, 296. 339. 
308). Die Dienstleistung am kaiserlichen Hofe, wo in dieser Zeit 
kein anderer Schenk vorkommt, mag Veranlassung geworden sein, 
auch in Deutschland in königlichen Urkunden den Schenkentitei des 
Bruders auf ihn auszudehnen. Wo 1223, 24, 25 beide neben ein- 
ander Vorkommen, heissen beide Schenken (II. 2, 777. 94. 830) 
oder führen beide keinen Amtstitel (H. 2, 780. 854), nur einmal 
heisst es C. pincerna et E. fratres de Winterstetten (H. 2, 829). 
Überaus häufig erscheinen dann beide ueben einander als Schenken 
v. Winterstetten 1226 März 31 bis 1227 Juli 17 (H. 2, 873—909. 
3, 311 — 337). Aber während Konrad häufig allein beim Könige 
erscheint, ist das bei Eberhard nicht der Fall; nur in einer Urkunde 
1228 würde er auch bei K. Heinrich allein den Schenkentitel führen 
(H. 3, 386); aber sie ist durchaus verdächtig und bei dem sonstigen 
völligen Verschwinden Eberhard 4 * aus den Urkunden seit 1227 Juli 
wohl anzunehmen, dass er kurz darauf gestorben ist. Als eigent- 
lichen Träger des Amtes werden wir doch Konrad zu betrachten 
haben. 

Dass sich das Scbenkenaint der Winterstetten zunächst auf das 
Herzogthum Schwaben bezog, ist um so weniger zu bezweifeln, als 
Konrad sich im Siegel 1222 Pincerna in Suevia, und sein Nachfolger 
Konrad v. Schmalneck- Winterstetten 1243 Pincerna ducatus Sueviae 
nennt (Stälin 2, 630. 637). Vereinzelt heissen aber auch Konrad 
und Eberhard 1226 imperialis aulae pincernae, Konrad 1229 pin- 
cerna regis und 1239 imp. aulae pincerna (H. 2, 885. 3, 397. 
Stälin 2, 636). Insbesondere scheint man auch in der Zeugenstellung 
den Vorrang des Reichsschenken von dem schwäbischen nicht 
beachtet zu haben; Konrad findet sich zumal später fast ebeu so oft 
vor (H. 3. 395. 450. 4, 334. 39. 41. 656. 761. 63) als hinter (2, 
777. 81. 94. 848. 3, 405. 55. 4, 324. 653. 70. 74) den Schenken 
von Limburg und Klingenberg; einmal steht er zwischen bei- 
den (4, 580). 

19. Auf K. Friedrichs Römerzuge finden wir keinen Schenken 
genannt; erst in Unteritalien 1221 März 3 bis Juni wird mehrfach 
Scheuk Friedrich v. Staufen genannt (H. 2, 139. 41. 49. 80. 
88), den wir wohl als Stellvertreter des Reichsschenkeu zu betrachten 
haben. Später erscheint beim Kaiser, ausser wo ein Reichsschenk 
oder schwäbischer Schenk an seinem Hufe ist, kein Schenk mehr; 

33 * 


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Dr. Ficker 


auch ein sicilischer Schenk, wahrscheinlich corrumpirt Vimigne r- 
tus genannt, ist nur einmal 1232 nachzuweisen (H. 4, 374. vgl. 
Introd. 130). 

20. K. Heinrich erwähnt 1223 den verstorbenen Gerhard 
v. Erpach als seinen Ministerialen und Schenken in einer Urkunde 
in welcher er den jüngern Sohn und die ältere Tochter desselben 
dem Pfalzgrafen, Herzoge von Baiern schenkt (H. 2, 763), wie denn 
später die Erpach als pfälzische Schenken erscheinen. Da sonst nie 
ein Erpach als kaiserlicher Schenk erwähnt wird , so kann seine 
Stellung nur eine untergeordnete gewesen sein. Den 1234 vereinzelt 
vorkommenden Schenk Johann (H. 4, 699) wiesen wir bereits als 
Schenken des Bischofs von Wirzburg nach (II §. 19). Die Erwähnung 
des Schenken Heinrich v. Laulern, angeblich 1223 (H. 2, 770), 
gehört in die Zeit K. Heinrich’s VI. (vgl. II §. 18). 

21. Bei K. Konrad IV. finden wir den Schenk Walter 
v. Limburg 1239, 41 (H. 5, 186. 6, 824) und mit ihm zusammeu 
1245. 46 den Schenk Konrad v. Klingenberg (H. 6, 864. 
65. 74). Auch bei Konrad in erscheint 1266 Walter und 1267 
Konrad v. Limburg (Mon. Boica 30, 352. 55. 64). Von schwä- 
bischen Schenken kommt Konrad v. Winterstetten 1239, 40, 
dann zuletzt 1242 Mai beim Könige vor (H. 5, 1186. 96. 1200. 3. 4. 
7. 6. 832). Er muss bald nachher gestorben sein; denn sein Schwie- 
gersohn Konrad v. Schmalneck heisst schon 1243 Februar 
Piucerna ducatus Suevie (Stälin 2, 637) und ist 1245 November 
als Schenk beim Könige (H. 6, 864); später kommt er urkund- 
lich nicht mehr vor. Von seinen Söhnen ist Schenk Konrad 
v. Winterstetten 1248 beim Könige; den altern finden wir als 
Schenk Heinrich v. Schmalneck 1267 bei Konrädin (Mon. Boica 
30, 361), wie er auch sonst allein vorkommend den Geschlechts- 
namen des Vaters fuhrt; bei Konradiu 1266 mehrfach zusammen 
vorkommend heissen beide Schenken v. Winterstetten (Mon. Boica 
30, 347. 52. 53. 55); auch auf einen dritten Bruder Hermann 
v. Winterstetten finden wir urkundlich den Scbenkentitel ausge- 
dehnt (vgl. Stalin 2, 638). 

22. Was die Gegenkönige betrifft, so wird zwar in einer von 
K. Heinrich Raspe nach seiner Wahl 1246 ausgestellten Urkunde 
Konrad v. Wiut er stetten als Zeuge genannt (Reg. Henr. n. 3), 
aber ohne Amtstitel; und es ist kaum wahrscheinlich, dass er sich 


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Die Reich.Hh<»fheHinlen der ntanfiscben Periode. 


497 


ihm angeschlossen habe. Bei K. Wilhelm finden wir dann seit 1249 
(Mon. Germ. 4, 365) als Schenken den jungen Werner v. B o 1 a n d, 
Sohn des Truchsessen; das Amt mag absichtlich jemandem über- 
tragen sein, welcher Erbansprüche auf ein anderes Amt hatte, um 
nicht Ansprüche zu begründen, welche bei einer Unterwerfung des 
Erbschenken schwerer wieder zu beseitigen waren. Nach urkund- 
licher Angabe war Walter v. Limburg auch 1255 wirklich beim 
Könige zu Speier, ohne d iss dort Verhandlungen, welche zunächst 
Streitigkeiten bezüglich der Stadt Hall betrafen, sich aber auch auf 
das Schenkenamt bezogen haben mögen, schon zu vollem Abschlüsse 
gelangten (Ludewig Goldne Bulle 2, 795); auf dem Speierer Tage 
selbst erscheint der junge Werner noch als Schenk (Reg. Vfi\h. n. 
239) und der Schenk v. Limburg ist auch später weder bei 
K. Wilhelm noch bei K. Richard nachzuweisen. Da aber letzterer, 
nachdem Werner im Truchsessamte gefolgt war, keinen andern 
Schenken ernannt zu hüben scheint, da weiter die Linie der Schenken 
v. Klingenberg (vgl. Wenck Hess. L. G. 1, 302) keine Ansprüche 
auf das Amt erhoben zu haben scheint, so war das Feld für die 
v. Limburg frei, welche später unbestritten als Reichserbschenken 
erscheinen, bis nach dem Aussterben des Mannsstammes das Amt 
1714 an die Grafeu yon Althann kam* 

IV. Rdchskämmerer. 

M 

1. Bei K. Heinrich V. finden wir 1123 den Kämmerer Egeno 
(B. 2080); bei K. Lothar 1134 den Cubicularius Ann o (B. 2134); 
auf dem zweiten Zuge nach Italien 1137 werden erwähnt der Vestia- 
rius Amfred und Mansionarius Bertulf (Petr. Diac. I. 4, c. 109), 
letzterer wahrscheinlich derselbe mit dem Bertold, welcher kurz 
nachher Camerlengus impcratoris heisst (B. 2176). 

2. Als Kämmerer K. Konrad's III. erscheint 1138. 41. 44. 45 
Tibert ohne Geschlechtsnamnn (Mon. Patr. L. jur. Gen. 1, 67. Jaffe 
Konr. 214. B. 2232. 49. Mutte Mdmoire pour m. Tarchev&que de 
Cambrai 14). In zwei 1150 Febr. auf demselben Hoftage zu Speier 
ausgestellten Urkunden finden wir in der einen den Kämmerer 
Tibert v. Weinsberg (B. 2288), in der andern Tibert de Lin- 
bah genannt (Jaffe Konr. 217), richtiger wohl Tibert v. Lindach, 
wie der Name 1151 ohne Amtstitel in einer aus dem Originale abge- 


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l)r. Kicker 


druckten Urkunde vorkommt (Mon. Boica 29, 302); 1150 Aug. 
findet sich auch Tibert v. Weinsberg ohne Amtstitel (B. 2288). Da 
der Name Lindach sich sonst unter den Reichsministerialen nicht 
findet, die in hairischen Urkunden häufig vorkommenden Lindach 
wittelsbachische Ministerialen sind (Mon. Boica 8, 393. vgl. Index 
413), so dürften hei der Gleichheit der Personennamen und jenem 
Vorkommen in nächstliegenden Urkunden beide Tibert für identisch 
zu halten sein; ein Lindach wird in dem reichsritterschaftlichen 
Canton an der Kocher erwähnt, nach dem sich die Weinsberg genannt 
haben könnten. Auch die früheren Erwähnungen ohne Geschlechts- 
namen werden sich auf Tibert von Weinsberg beziehen; sehr häufig 
kommt allerdings auch ein Tibert v. Spilenberg hei K. Konrad vor, 
doch scheint er nicht allein zu den freien Herren zu gehören, sondern 
wird mehrfach in derselben Urkunde neben dem Kämmerer Tibert 
aufgefuhrt (B. 2249. 80. Mutte Memoire 14). 

Die Weinsberg verschwinden in der nächsten Zeit aus den 
Kaiserurkunden, kommen erst 1182 (B. 2643) und dann häufiger 
wieder vor, aber nie mit dem Amtstitel; der Grund wird darin zu 
suchen sein, dass sie zunächst zur ostfränkischen Dienstmannschaft 
gehörend, nach K. Konrad’s Tode an Herzog Friedrich v. Rotenburg 
kamen, unter dessen Ministerialen 1166 Engelhard v. Weinsberg 
erscheint, aber nicht als Kämmerer, sondern als Schenk (W’irtemb. 
U. B. 2, 152). 

3. Neben Tibert erscheint 1145 in derselben Urkunde Käm- 
merer Wich n and v. Schonenberg, camerarius noster de Sco- 
nemberg (Mutte Memoire 14). Es wäre wohl zunächst an Schonen- 
burg, Schönberg bei Oberwesel zu denken; die Burg wurde freilich 
erst 1166 von Magdeburg für das Reich ertauseht (B. 2514. 19), 
mochte aber immerhin schon früher thatsächlich in den Händen des 
Reiches sein. 

4. Wieder erscheinen 1150 neben einander alsCamerarii zusam- 
mengefasst Tibert und Konrad v. Walhusen (Jaffe Konr. 217); 
in zweiter gleichzeitiger Urkunde, in welcher Tibert Kämmerer 
heisst, heisst Konrad Camerarius noster a thesauris (B. 2284). Auf 
ihn dürfte sich auch die Erwähnung eines Kämmerer Konrad 1152 
beziehen (B. 2298), da wir schon hier sahen, dass Kämmerer und 
Triskämmerer im Titel nicht immer scharf geschieden werden. Den 
Namen führt Konrad unzweifelhaft von der sächsischen Pfalz Wal- 


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Die Rfiehühoriieauiteu der stahßsclieii Periode. 


499 


husen; wir finden ihn beim Könige ohne Amtstitel 1134 zu All- 
stedt, 1145 zu Merseburg (B. 2136. Schultes Direct. 2, 61); 1151 
bestätigt der König zu Würzburg, aber unter Zuziehung nur säch- 
sischer Zeugen einen Tausch zwischen dem Burggrafen von Magde- 
burg und Konrad Ministerialia noster de Walchusen (B. 2294). 

5. Unter K. Friedrich 1. finden wir zumal in den früheren 
Jahrzehnten mehrere Kämmerer wechselnd und neben einander, so 
dass es kaum statthaft scheint, nur je einen von ihnen jeweilig als 
eigentlichen Träger des Amtes zu betrachten. Wollen wir darauf nicht 
überhaupt verzichten, so werden wir nach der Häufigkeit ihres Vor- 
kommens, welches auch keine grösseren Lücken zeigt, die von Sie- 
beneich vorzugsweise als Reichskämmerer zu betrachten haben. 

Kämmerer Hart mann v. Siebeneich erscheint sogleich das 
erste Mal 1153 Jän. 27 mit Amtstitel und Geschlechtsuamen, dann 
1154 nur mit dem Geschlechtsuamen (B. 2319. 34). Nur als Käm- 
merer Hartmann finden wir ihn weiter 1157 (B. 2374), 62 (2459. 
62.64), 64 (Verci Ezelini 3,39 unecht), 66 (B. 2514), 68 (Lacombl. 
1, 297), 71 (B. 2545), 74 (2572). zuletzt 1177 zu Venedig (Baur 
Hess. Urk. 1, 62). Auf dem italienischen Zuge 1167, 68, wo Hart- 
marin nach der Erzählung des Otto v. S. Blasien (Böhmer Fontes 
3, 600. vgl. Godefr. Viterbiensis carmen de gestis Fr. 49) dem Kaiser 
das Leben gerettet haben soll, weiss ich ihn urkundlich nicht nach- 
zuweisen, sondern nur die Kämmerer Rüdiger und Rudolf v. Siebeneich 
(B. 2524. 25). Ein Hartmann von Siebeneich, Sohn Mancgold’s und 
Bruder Manegold's, findet sich in derselben Zeit häufig unter den 
welfischen Ministerialen (Mon. Boica 3, 322. 10, 16. 20. 25. vgl. 
Index, u. Wirtemb. U. B. 242. 328); sie scheinen sich von Sim- 
nach an der Wertach genannt zu haben. Keineufalls ist Hartmann 
identisch mit dem Reichskämmerer; doch legt die Gleichheit der 
Namen die Annahme näher, djyss es sich um einen Zweig desselben 
Geschlechtes gehandelt habe, welcher etwa durch K. Friedrichs 
welfisehe Mutter in staufische Dienste gekommen wäre. Doch findet 
sich ein Sieheneich, abgesehen von dem im Etschlande, auch 
zwischen Weinsberg und Öhringen, in Ostfranken, also in der Gegend, 
welcher die in dieser Zeit am bedeutendsten hervortretenden Reichs- 
ministerialen vorzugsweise angehören. 

6. Neben Hartmann wird 1177 zu Venedig sein Bruder Rudolf 
genannt (Baur. Hess. Urk. 1, 62); auf diesen Rudolf v. Sieben- 


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Dr. Kicker 


eich den Altern dürften sich die Erwähnungen eines Kämmerer 
Rudolf 1165. 67 (B. 2509. 25) beziehen, sicher auch wohl noch 
1178 Jan. Juli zu S. Miniato und Arles (B. 2602. 8); wir hätten in 
ihm zunächst den Stellvertreter des Bruders zu sehen. Wir finden 
daun weiter einen Kämmerer Rudolf 1182 (B. 2643); im April 1183 
finden wir ihn unter den Reichsboten, welche zu Piacenza mit den 
Lombarden verhandeln (Muratori antiq. 1t. 4, 291), wie er später die 
Sühne Alessandria's beschwor (Mon. Germ. 4. 181). Vom Constaazer 
Tage 1183 Juni bis 1186 Juni 22 zu Varese finden wir ihn dann 
so regelmässig beim Kaiser, wie keinen der anderen Hofleamten 
(B. 2657. 68. 59. 68 — 7L 78. 80. 82—88. 91. 94. 95. 96. 
Huillard 5, 193. Biaucolini 5 a, 106. Verci Marca 1, 32. Notizenbl. 
1, 178. 2, 370). Dann erscheint erst wieder 1189 in zwei Urkunden 
Kämmerer Rudolf von Siebeneich (B. 2714. 15), neben welchem in 
der zweiten sein Bruder Hartmann genannt wird. Stellung und Fehlen 
des Amtstitels verbieten hier an den ältern, ja ohnehin seit zwölf 
Jahren aus den Urkunden verschwundenen Hartmann zu denken; 
dagegen würde die Annahme, dass in Rudolf und Hartmann Söhne 
des älteren Hartmann, Neffen des älteren Rudolf zu sehen seien, 
durchaus dem Herkommen entsprechen, dem ältesten Sohne den Namen 
des Grossvaters, dem zweiten den des Vaters zu geben. Sehr zweifel- 
haft muss es nun abe.* scheinen, ob und weiche der früheren Erwäh- 
nungen sich auf diesen Rudolf v. Siebeneich den Jüngern 
beziehen. Der Abschnitt dürfte in die Lücke zwischen 1178 und 
1182, oder in die zwischen 1186 und 1189 fallen Für ersteres 
würde etwa sprechen, dass, wenn von einer strengen Erbfolge im 
Amte auch nicht wohl die Rede sein kann, doch nach dem Abtreten 
des Vaters der Übergang auf den Sohn näher liegt, als auf den Bru- 
der, und dass das Wiederauftreten Rudolfs unter der folgenden 
Regierung in einer Weise erfolgt, welche auf längeren Besitz des 
Amtes schliessen lassen dürfte. 

7. Von den übrigen bei K. Friedrich I. erscheinenden Kämme- 
rern können wir nun manche als nur zeitweise in Abwesenheit der 
Siebeneich dienstthuend betrachten; vier von ihnen kommen aber 
nicht allein häufiger vor, sondern werden auch neben den Siebeneich 
als Kämmerer bezeichnet, so dass sie in einer von der Abwesenheit 
dieser unabhängigen Beziehung zum Amte gestanden haben müssen 
und sich allen gegenüber nicht einmal ein Vorrang der Kämmerer 


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Die Reichshofheamteo der stau fischen Periode. 


501 


von Siebeneich würde begründen lassen. Alle vier finden wir 1162 
(B. 2459, vollständiger Mon. Patr. L. jür. Gen. 1, 210) neben Hart- 
mann als Kämmerer bezeichnet. 

Bertold (v. Schonenberg), auch Bertolf, kommt vor 1 162 
(B. 2459. 64), 63 (2472), 65 (Mieris Charterb. 1, 108), 68 (B. 
2529). In allen diesen Fällen wird er ausdrücklich als Triscamerarius 
bezeichnet, so dass er das nur vereinzelt vorkommende Amt des 
Schatzkämmerers bekleidete und sein Vorkommen für die Frage 
nach der Einheit des Kämmereramtes nicht in 1 » Gewicht fällt. Neben 
Hartmann verkommend, steht er ihrn in einem Falle vor, in einem 
andern nach (B. 2459. 64). Er führt nie einen Geschlechtsnamen; 
einen Bertold v. Schonenburg finden wir ohne Amtstitel 1165, 70 
unter den Reichsministerialen (B. 2508. 35); ihn für dieselbe Person 
zu halten liegt um so näher, als wir dem Namen schon früher (§. 3) 
im Kämmereramte begegneten. 

8. Am auffallendsten ist das Erscheinen des Kuno v. Minzen* 
berg als Kämmerer. Wir finden ihn als solchen ohne Geschlechts* 
namen 1162. 65 (ß. 2459. Mieris 1, 108), mit demselben 1165. 68 
(B. 2501. 29); ohne Amtstitel 1156. 66 (Mon. Boica 29, 324. B. 
2512. 17). Auch später finden wir ihn 1170. 73. 74 (B. 2535.61.66. 
Mon. Boica 29, 421) beim Kaiser, dann seit 1180 (Notizbl. 2, 134) 
bei K. Friedrich !., Heinrich VI. und Philipp so oft, wie kaum einen 
andern Grossen, was sich daraus erklärt, d.iss er ständiges Mitglied 
des kaiserlichen Rathes gewesen zu sein scheint (vgl. Gislebert. 
Hanon. ed. Duchasteier 127). Aber niemals führt er mehr den 
Kämmerertitel, was um so mehr auffallen muss, als dann 1209 sein 
Sohn Kuno unter Umständen als Kämmerer auftritt, welche die An- 
nahme nahe legen müssen, er hahe einem im Amte befindlichen 
Kämmerer gegenüber althergebrachte Ansprüche geltend gemacht, 
dann auch das Geschlecht im Besitze des Reichsamtes verbleibt. Als 
stellvertretender Kämmerer kann Kuno um so weniger gefasst werden 
als er nur neben andern Kämmerern den Titel führt; dabei steht 
er 1162 den Kämmerern Hartmann, Rüdiger und Sigebod vor, so- 
gar durch den Vogl von Achen von ihnen getrennt (B. 2459), wie 
1 165 zwischen ihm und dem Kämmerer Rüdiger der Schenk und 
Truchsess stehen (B. 2501) ; dem Triskämmerer steht er zweimal nach 
(B. 2459. 2529) einmal vor (Mieris 1, 108). Alle diese Umstände 
konnten die Annahme nahe legen, es habe dem Geschlechte schon in 


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502 


l>r. F i v k r r 


dieser Zeit ein Erbanspruch auf das oberste Kämmereramt zugestanden, 
Melcher nur hier und da im Titel hervortritt, während thatsächiich 
ein anderer Kämmerer das Amt versah. Aber weder bei seinem 
Vater, Konrad v. Hagen, welcher schon bei K. Lothar und dann 
überaus häufig bei K. Konrad erscheint, noch bei Eberhard v. Hagen, 
welcher sich bis in die fränkische Zeit zurück verfolgen lässt, finden 
wir jemals den Amtstitel. 

9. Den Kämmerer Rüdiger finden wir 1162 (B. 2459. 62), 
64 (2490. 97), 65 (2501), 67 (2524. 25), 69 (2533). Wir 
werden ihn etwa als einen zweiten dienstthuenden Kämmerer zu 
betrachten haben, da er nicht blos Kuno, sondern auch Hartmann 
nachsteht (B. 2459. 62), während 1167 er und der nachstehende 
Rudolf, welchen wir in dieser Zeit nicht als ersten Kämmerer 
betrachten dürfen, als Camerarii zusammengefasst werden (B. 2525). 
Zur Bestimmung seines Geschlechtes fehlen mir bestimmtere Anhalts- 
puncte; unter den Reichsministerialen finde ich den Personennamen 
nur 1158. 74. 87 hei Rüdiger Vogt v. Hagenau (B. 2391. Würdt- 
wein N. Subs. 10, 49. Mone Zeitschr. 11, 14). 

10. Der Kämmerer Sigebod v. Groitsch erscheint zuerst 
ohne Geschlechtsnamen zweimal 1162 in Italien neben Hartmann 
und Rüdiger und beiden nachgestellt (B. 2459. 62); ohne Amtstitel 
finden wir 1168 beim Bischöfe v. Naumburg, 1172 beim Kaiser zu 
Altenburg Friedrich und Sigebod v. Groiz (Schuttes Direct. 2, 199. 
231); Kämmerer Sigebod 1177 zu Ravenna und Hartmann nach- 
gestellt zu Venedig (B. 2581. Baur Hess. Urk. 1,62); 1180 zu Geln- 
hausen Kämmerer Sibodo v. Groix (B. 2624); 1181 zu Altenburg Käm- 
merer Sigbod mit seinen Brüdern v. Groits (B. 2637. 38). Dass es 
sich um einen Reichministerialen handelt ist nicht zu bezweifeln, da 
auch Friedrich 1171, 81 ausdrücklich als solcher bezeichnet wird 
(Schuttes Dir. 2, 217. 272); auffallen kann daher, dass sie sich 
nach Groitsch bei Pegaü nennen, welches damals dem Grafen Dedo 
v. Rochlitz oder Groitsch gehörte. An Greiz, welches zu den Reichs- 
giitern im Pleisserlande gehört haben wird, ist doch w r ohl nicht zu 
denken, da Friedrich seine Besitzungen vorzugsweise in der Gegend 
von Pegau zu haben scheint (Schultes Dir. 2, 272). 

11. Kommen die bisher besprochenen Kämmerer auch neben 
einander vor, haben wir uns dieselben als gleichzeitig im Dienste zu 
denken, so erscheinen andere nur vereinzelt und in Fällen, wo keiner 


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Die Ri'ichslioflieiiinten der staufisehen Fe: io de. 


503 


von jenen am Hofe ist. Anselm (v. Spei er) erscheint 1153 7.11 
Constanz beim Vertrage mit dem Papste als Anselmus camerarius et 
ministerialis regni (B. 2322); da kein anderer Ministerial Zeuge ist, 
so wird er derselbe sein, von dem es im Vertrage heisst, dass der 
König uuum de maioribus tninisterialibus regni für sich denselben 
beschwören liess. Dann wird 1156 zu Speier beim Kaiser Anselm us 
camerarius Spirensis genannt (B. 2356). Da sich kein anderer 
Kämmerer dieses Namens findet , so wird doch auch die erste 
Erwähnung auf den Anselm zu beziehen sein, welcher von 1148 
bis 1166 oft als Kämmerer der Bischöfe von Speier erscheint und 
gewöhnlich die Reihe der Ministeriales ecclesie Spirensis eröffnet 
(Remling U. B. 1, 95. 98. 102. 111. 112. 115. Wirtemb. U. B. 2, 
104. 108. 133. 141). Auffallen muss nur, dass er dort ausdrücklich 
als Reichsministeriai bezeichnet wird. In einer 1174 zu Seon iu 
Gegenwart des Kaisers ausgestellten Urkunde heisst Regilo aus- 
drücklich Camerarius imperatoris (Reg. Boica' 1, 284); es wird 
doch derselbe sein, welcher 1159 Kämmerer des Bischofs v. Regens- 
burg ist (Ried Cod. dipl. 1, 231) und wieder 1180 zu Regensburg 
in Kaiserurkuride als Kämmerer vorkommt (B. 2626). Dudo von 
Worms, 1180 zu Strassburg als camerarius Wormatiensis vorkom- 
inend (B. 2619), mag /.unächst Kämmerer des Bischofs v. Worms 
gewesen sein, dessen Namen ich in dieser Zeit nicht nachzuweisen 
weiss. Doch nannten sich auch Reichsdienstmannen nach Worms, von 
welchen Hugo Wormatiensis oder de Wormatia in Kaiserurkunden 
mehrfach vorkommt (B. 2695. 2871. Wirtemb. U. B. 2, 301. 312) 
und bei K. Heinrich VI. in hoher Gunst stand (Aegid. Aureae Vallis 
ap. Chapeaville 2, 153). Derselbe dürfte Kämmerer Dudo in zwei 
Kaiserurkunden 1182 zu Mainz sein (B. 2647. 48), da eine von 
ihnen Worms betrifft und vorzugsweise Zeugen von daher nennt; 
doch biess auch der damalige Stiftskämmerer von Mainz Dudo 
(Guden. Cod. dipl. 1, 270. 292). 

12. Andere stehen in keiner Beziehung zu den Reichskirchen. 
Wilhelm v. Aachen heisst nur einmal 1175 zu Pavia Camerarius 
et advocatus Aqueusis (B. 2575), während er sonst iu Kaiserurkunden 
immer nur als Vogt v. Aachen bezeichnet ^vird (B. 2459. 2532. Mutte 
Mömoire 24. Lacomblet 1, 328. 348); eine nähere Beziehung zum 
Kämmereramte liesse sich vielleicht auch darin finden, dass er 1162 
die Reihe der neben einander genannten fünf Kämmerer unterbricht 


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504 


Dr. F i c k«r 


(B. 2460, vgl. §.8). Konrad (v. Walhusen) erscheint ohne Ge- 
schlechtsnamen als Kämmerer 1188 Sept. zu Allstedt und Nordhausen 
(Niedersächs. U. B. 2, 27. B. 2710); der Umstand, das a wir schon 
früher einen Kämmerer Konrad v. Walhusen fanden (§. 4), in Ver- 
bindung mit dem Ausstellungsorte dürften jenen Geschleehtsnamen 
nahe legen. Kurz nachher 1188 zu Gernrode finden wir den 
Kämmerer Dietrich v. Mühlhusen (B. 2711); Ausstellungsort 
wie spätere Erwähnungen deuten bestimmt auf das dem Reiche 
gehörende" sächsische Mühlhausen. Ein Kämmerer Mar qua rd 
v. Neuenburg (Niwiuburch), welchen ich in Urkunden nicht 
genannt finde, begleitete den Kaiser auf dem Kreuzzuge (Ansberti 
hist. ed. Dobrowsky 66. 70). 

13. Die übrigen vereinzelt in Urkunden K. Friedrichs vor- 
kommenden Kämmerer scheinen fürstliche Hofbeamte ohne nähere 
Beziehung zum kaiserlichen Hofe zu sein; Herold 1168, 72 zu 
Wirzburg (B. 2620, 53) des Bischofs v. Wirzburg (Reg. Boica 1, 
261. 63. 71 u. s. w.); Burchard und Atzo, 1180 zu Regensburg 
neben dem schon erwähnten Regensburger Kämmerer Regilo genannt 
(B. 2626), welche ich nicht bestimmter nachweisen kann; Otto, 
1182 zu Augsburg (B. 2653), dürfte Kämmerer des dortigen 
Bischofs sein; Heinrich 1186 zu Gelnhausen (Lappenberg U. B. 1, 
241) ist Kämmerer v. Bremen (vgl. I §. 6); Dudo, 1187 zu 
Speier (Wirtemb. U. B. 2, 244) neben dem Speierer Schenken 
Dietrich genannt, wird der Speierer Kämmerer dieses Namens 
(Remling U. B. 1, 121. Wirtemb. U. B. 2, 253. 254) sein, nicht der 
oben (§. 11) erwähnte Dudo von Worms. 

14. Als Kämmerer K. Heinrichs VI. erscheint schon bei Leb- 
zeiten des Vaters zuerst 1187 Nov. 9 (Huiliard 5, 353) Heinrich 
v. Lautern, weiter 1189. 90 (NotizenhL 2, 178. B. 2742); dann 
oft auf dem Römerzuge 1191 Jan. 21 — Apr. 10 (B. 2748. 49. 50. 
52. 53. 57. 58. Dümge Reg. 149). Es ist also ein Heinrich v. Lau- 
tern 1184 — 1186 Marschall K. Friedrichs (i §. 4), 1187 bis 
1191 Kämmerer und Ende 1191 — 1197 Schenk (III §. 9) K. Hein- 
richs. Dieses genaue Ineinandergreifen der Jahre, während zugleich 
in keiner Urkunde zwei Heinrich v. Lautern neben einander Vor- 
kommen, wird keinen Zweifel lassen, dass es sich hier um ein und 
dieselbe Person handelt. Heinrich, anfangs Marschall des Kaisers, 
mochte ein treu erprobter Dienstmann sein, welchen der Kaiser in 


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Die Reielishofkeamten der staufischen Periode. 


50S 


der Umgebung des Sohnes zu sehen wünschte; scheinen die Lautern 
zunächst in das Marschallamt gehört zu haben (I §. 4. 9), so war 
dieses bei K. Heinrich besetzt, während vor 1187 kein Kämmerer 
bei ihm vorkommt. 

Der weitere Übergang Heinrich’s zum Schenkenamte dürfte sich 
nun etwa daraus erklären lassen, dass Rudolf v. Siebeneich, der 
letzte Kämmerer des Kaisers, nach dessen Tode Ansprüche auf Fort- 
führung des Amtes erhob. Denn Jän. 1191 fiuden wir beim Könige 
Rudolf als Kämmerer und hinter ihm Heinrich v. Lautern ohne Amts- 
titel (B. 2748). In einer andern Urkunde Febr. 12 finden wir dann 
freilich beide als Kämmerer bezeichnet, doch auch hier Rudolf vor- 
stehend (B. 2750); Heinrich führt auch bis zum Apr den Titel 
fort, während Rudolf in dieser Zeit dem Kaiser nicht gefolgt zu sein 
scheint, da er nicht in Kaiserurkunden/ wohl aber als Reichsbote iu 
Oberitalien erscheint (Affö Parma 3, 301)\ Vom April bis November 
wird keiner von beiden erwähnt; tritt dann Heinrich als Schenk 
auf, so liegt doch die Annahme am nächsten, dass der Wechsel mit 
Rücksicht auf Rudolf erfolgte. 

18. Seit 1191 scheint überhaupt kein eigentlicher Reichs- 
kämmerer mehr beim Kaiser fungirt zu haben. Denn während die 
drei anderen Reichshofoeamten gerade in den Urkunden K. Heinrich s 
so regelmässig auftreten , finden wir nur noch selten einen Kämme- 
rer, und auch dann treffen die Erwähnungen durchweg verschiedene 
Personen. Es wäre möglich, dass der Grund darin lag, dass Rudolf 
v. Siebeneich Reichskämrnerer blieb. Aber ich weiss ihn seit 1191 
weder beim Kaiser, noch sonst urkundlich nachzuweisen; und nehmen 
wir etwa an, er sei in Italien beschäftigt gewesen, so sollten wir 
doch erwarten, ihn wenigstens auf den italienischen Zügen beim 
Kaiser zu finden. Andererseits würde bei der Annahme seines Todes 
auffallen müssen, dass kein anderer Reichskämmerer ernannt wurde. 
Gleichzeitig mit Heinrich und Rudolf wird 1190 zu Cremona ein 
domnus Johannes Lilo de Asia missus et camerarius domini 
Henrici imperatoris erwähnt (Muratori antiq. It 4, 481), welcher 
in Kaiserurkunden uicht vorkommt. Später finden wir dann vereinzelt 
1192 zu Gelnhausen Kämmerer Konrad v. Waldhusen mit 
seinem Sohne Albert (B. 2784). Da wir beide Namen in der schwä- 
bischen Familie v. Waldhausen fanden, aus welcher 1184 — 1189 
Konrad Schenk war (vgl. III §. 6) , so ist wohl eher an diese zu 


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506 


I > i . F i o k e r 


denken, als an die sächsischen Kämmerer v. Walhusen (§. 4. 12); 
Bedenken könnte freilich die Verschiedenheit des Amtes erregen. 
Trushard v. Kestenburg wird nur einmal 1192 als Camerarius 
Spirensis erwähnt (R. 2786); ohne Amstitel nennt er sich auch 
sonst w ohl Spirensis oder de Spira (Wirtemb. U. B. 2, 289. 317. 327. 
Remling U. B. 1, 133) vereinzelt auch v. Trifels (B. 2868); 1194 
ist er Reichsbote in Italien (AfTö Parma 3, 302) ; da er als Trushard 
v. Kestenburg überaus häufig in den Kaiserurkunden dieser Zeit 
vorkommt (B. 2611. 78.736.41.869. 78—81. Moriondi 1,88. Gail, 
ehr. 1, 79. Mon. Patr. L. j. Gen. 1,410. Remling. U. B. 1. 127), aber 
sonst nie den Amtstitel führt, so w r ar er sicher nicht ständiger 
Reichskämmerer. Doch ist er auch nicht Kämmerer des Bischofs von 
Speier, welcher 1187 Dudo, 1201 Albert heisst (Würtemb. U. B. 
2,253. Remling U. B. 1, 139). Trushard war unzweifelhaft Reichs- 
ininisterial , wie sein Bruder (Wirtemb. U. B. 2, 244) Burchard 
v. Kestenburg ausdrücklich als solcher bezeichnet wird (Wirtemb. 
IJ. B. 2, 75); auffallen muss dann wieder, dass die Kestenburg, 
nach der sie sich nennen, 1180 dem Bischöfe v. Speier gehört 
(Remling U. B. 1,121). Kämmerer Konrad v. Staufen kommt 
vor 1193 zu Speier (B. 2794), während er gleichfalls in anderen 
nahe liegenden Urkunden (B. 2796. 2809) keinen Amtstitel führt. 
Ein Kämmerer Heinrich (v. Groitsch) de Grusehe erscheint 
1195 zu Palermo (Margarin 2,227); es w ird doch zunächst an die 
Kämmerer v. Groitsch (§. 10) zu denken sein, obwohl ich den Namen 
Heinrich sonst bei ihnen nicht nachzuweisen weiss; ein kaiserlicher 
Kämmerer Heinrich findet sich 1197 in Urkunde des Bischofs von 
Meissen, das Kloster Altenzell betreffend, genannt (Schultes Direct. 
2, 387), was jener Annahme durchaus entsprechen würde. Für den- 
selben dürfte dann wohl auch der 1196 zu Gelnhausen (B. 2869) 
erwähnte Kämmerer Heinrich von Gron zu halten sein, da die Namen 
auch sonst sehr verdorben sind. Der schon bei K. Friedrich (§. 12) 
vorkommende Dietrich v. Mühlhausen wird ohue nähere Zeitan- 
gabe als Camerarius imperatoris und Verw andter des Abtes von Pegau 
erwähnt (Chr. Montis Ser. ed. Eckstein 135). In Sicilieu 1197 Aug. 
3 und Sept. 12 finden wir beim Kaiser den Kämmerer Eberhard 
v. Aachen, Aqueusis (LünigR. A. 22,814. B. 2898). In der zweiten 
Urkunde erscheint neben ihm Kämmerer Folkmar v. Boppard; 
Reichsdienstmannen v. Boppard werden oft erwähnt, aber, so weit 


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Die Reicli.shofheuuiteii <l«*r Htatifi.Melien Perio.le. 


S07 


ich sehe, sonst nie mit einem Amtstitel. In der ersten aber folgt auf 
Eberhard Kämmerer Bolzwir v. Annstetten. Der Personenname 
könnte aus Polkmar corrumpirt sein; aber der Geschlechtsname 
scheint doch die Annahme einer Identität zu verbieten. Unter den 
Reichsministerialen finde ich von ähnlichen Namen nur 1193 einen 
Eberhard v. Amerstede (Wirtemb. U. B. 2,289); sonst wäre etwa 
an Amstetten im Ulmer Gebiete bei Geislingen zu denken. Ein 1195 
erwähnter Kämmerer W e rn e r (Remling U. B. 1, 127) dürfte Käm- 
merer des Abtes von Prüm sein (vgl. I §. 8). 

16. Kämmerer K. Philipp'« ist Heinrich v. Ravensburg, 
zuerst 1202 Juli 23 (Ph. 71), dann 1205 (54. 68. 72), 1206 (82), 
1207 (105. 6. 8) vorkommend. Die Ravensburg, häufig bei Herzog 
Welf vorkommend, sind welfische Dienstmannen; einen Marschall 
Hermann v. Ravensburg finden wir 1155 hei Heinrich dem Löwen 
(Orig. Guelf. 3, 457). Heinrich wird schon herzoglicher Kämmerer 
Philipp'« gewesen sein; seiner Beibehaltung als Reichskämmerer 
mochte nichts im Wege stehen, da das Amt in den späteren Zeiten 
K. Heinrich’s unbesetzt war. 

17. Trushard v. Kestenburg beschwört als Camerarius 
noster 1198 Juni den Vertrag des Königs mit Frankreich (Ph. II); 
als ständigen Kämmerer werden wir ihn aber hier so wenig be- 
trachten dürfen, als bei der frühem vereinzelten Erwähnung (§. 15); 
in anderen Urkunden 1198, 99 (Wirtemb. l T . B. 2, 327. Ph. 16) 
führt er den Amtstitel nicht, und es mag Zufall sein, dass wir den 
Kämmerer v. Ravensburg nicht vor 1202 beim Könige nach weisen 
können. Den 1207 vereinzelt verkommenden Kämmerer Bertold 
v. Walpurgfeld weiss ich nicht näher nachzuweisen. 

18. Bei K. Otto als Gegenkönig finden wir 1202 den Kämmerer 
Simon v. Aachen (O. 17), welcher ohne Amtstitel 1199, 1201, 2 
als Simon Aquensis beim Könige vorkommt (O. 10. 13. 18); gehört er 
zu der Reichskämmererfamilie von Aachen, so würde er der einzige 
Reichsdienstmann sein, welcher ein Amt bei Otto versieht. Kämme- 
rer Otto 1198 (O. 4) ist kölnischer Stiftskämmerer (Lacomhl. 
1, 388. 90. 91. 96). Soll 1200 ein Otto von Schonenberg Kämmerer 
gewesen sein (Gebhardi erbl. Reichsst. 1, 619), so finde ich den 
Namen zwar beim Könige, aber ohne Amtstitel (O. 13); früher fanden 
wir allerdings Kämmerer dieses Namens (§. 3. 7). 


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Ii08 


l)r. Ficker 


19* Nach Otto’s allgemeiner Anerkennung finden wir Hein rieh 
v. Ravensburg zuerst bei ihm 1209 Jän. 12 zu Augsburg (0. 40), 
dann 1209 August bis 1210Juni auf dem Römerzuge (0.72.81.84.87 
bis 90. 98 — 100. 114. 20.26.32. 34. 36. 38. 39. Notizenbl.l, 178). 
Ohne Amtstitel ist er dann noch 1212 Sept. 6 beim Kaiser zu Wirzburg 
(O. 176. 77). Neben ihm fungirt nun aber auch Kuno v. Minzen- 
berg der Jüngere. In Urkunden K. Philipp’s begegnen wir dem Namen 
oft (Ph. 16. 17. 61. 64. 86. 61. 76. 80. 91. 98. 102); 1207 werden 
Kuno und Kuno genannt (Ph. 87), dann Cuno junior de M. (Not zenbl. 
2, 132. Ph. 93), so dass die späterenErwähnungen schon vorwiegend 
den jüngern Kuno treffen werden ; aber nie erscheint der Amtstitel. 
Eben so fehlt er noch bei der eisten Erwähnung bei K. Otto 1209 
Mai zu Braunschweig (0. 62). Zuerst auf dem Römerzuge 1209 Sept. 
1 heisst Kuno Camerarius imperii und wird als Camerariu* noster an 
den Papst gesandt (0. 76. 78). Dieses Auftreten als Reichskämmerer 
muss um so mehr auffallen, als der Titel so lange nicht mehr in der 
Familie erscheint (§. 8), es mit keinem Regierungswechsel zusam- 
inenfallt und ein anderer Kämmerer schon lange im Amte ist. Im 
October, wo Kuno nicht am Hofe ist, nennt sich nun wohl nicht zu- 
fällig Heinrich zuerst Camerarius imperii (Notizenbl. 1, 178. 0. 84). 
Aber beim ersten Zusammenkommen beider im December steht 
Heinrich mehrfach ohne Amtstitel hinter dem Kämmerer Kuno (0. 
98.99. 100). Im Jahre 1210 führt Heinrich immer den Amtstitel; Kuno 
allein vorkommend erscheint mit (0. 103) und ohne denselben 
(128. 137); stehtohne denselben Heinrich nach (126) und vor (138); 
dann aber, und in diesen Fällen Kuno vorstehend, beide als Camerarii 
(134) oder Camerarii imperialis aulae (132. 39) zusammengefasst. 
Darnach scheint es doch, als hätten wir beide als gleichberechtigte 
Reichskämmerer zu betrachten. Kuno kommt seit 1210 Juni in deu 
Urkunden nicht mehr vor, und scheint bald nachher gestorben zu sein; 
die Urkunde, nach welcher er angeblich nach 1216 und zwar bei 
K. Otto vorgekommen sein soll (Meibom. Scr. 3. 162), gehört nach 
1209(0. 62); andere für sein längeres Leben geltend gemachte 
Belege (Wenck Hess. L. G. 1, 282) sind ohne Gewicht. Sein Bruder 
Ulrich v. Minzeuberg erscheint dann auch noch bei K. Otto 
1212 Mai zu Nürnberg zuerst als Kämmerer (0. 171). 

20. K. Friedrich II. scheint bei seinem ersten Eintritte in 
Deutschland, wie einen Marschall und Truchsess, so auch einen 


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Die Reichsliofbeninteu der staulischen Periode. 


509 


Kämmerer aus einer dem Amte bisher fremden Familie bestellt zu 
haben; denn 1212 zu Basel wird in zwei Urkunden ein Albert 
v. Tannhausen genannt und in einer als Kämmerer bezeichnet 
(H. 1, 218. 20). Bestand die Absicht, ihm das Amt dauernd zu über- 
tragen, so ist er jedenfalls bald zurückgetreten, da er später überhaupt 
nicht mehr vorkommt. 

2t. Mit den anderen Reichshofbeamten finden wir dann zuerst 
1213 Febr. zu Regensburg Ulrich v. Minze n berg als Camerarius 
imperii beim Könige (H. 1, 246. 51); dann 1214 Sept., 1215 Jän., 
1216 Jän. Apr. (H. 1,314. 55. 66. 57. 438. 40. 50). Seltener vor- 
kommend, als andere Rtichshofbeamte, scheint er beim Könige in 
Ungnade gefallen zu sein; denn 1216 Oct. 26 schreibt der König, 
dass er aus Gnade dem Ulrich v. Minzenberg die Grafschaft und alle 
anderen Güter, welche einst sein Vater und Bruder besessen, zurück- 
gegeben habe (H. 1, 485). Das Amt wird nicht erwähnt, und der 
Umstand, dass er bei den nächsten Erwähnungen 1216Dec., 1218 Jän. 
Juni den Arntstitel nicht führt (H. 1, 490. 530. 51), Hesse vielleicht 
schliessen, dass ihm dieses vorenthaltensei; doch kommt er vereinzelt 
auch schon 1215 Jän. 16 (H. 1, 356. 57. 438) ohne Amtstitel vor. Als 
Camerarius imperii erscheint er dann aber wieder 1218 Sept., Oct., Dec. 
1220 Mai (H. 1, 559. 70. 77. 782), und 1220 Apr. ohne Amtstitel 
(H. 1, 927). Beim Kaiser ist er später nicht mehr nachzuweisen ; auch 
beim K. Heinrich ist er nur vereinzelt 1225, 27 (H. 2, 848. 3, 311) 
und zwar ohne Amtstitel nachzuweisen, dann 1234 Sept. 11 als 
Camerarius imperialis aulae (H. 4, 688). Er mag dem den Abfall 
vorbereitenden Sohne näher getreten sein, denn beim Kaiser 
erscheint er auch während dessen nun folgender Anwesenheit in 
Deutschland niemals. Das seltene Vorkommen am Hofe an und fiir 
sich Hesse sich daraus erklären, dass das Amt schon zu blossem Titel 
geworden sein mochte, wie ja auch die Pappenheim nur noch selten 
am Hofe sind; aber das häufige Vorkommen ohne Amtstitel und zwar 
durchweg in Urkunden, wo die anderen Beamten mit ihren Titeln 
erscheinen, muss es doch nahe legen, dass man ihn am Hofe nicht 
als Reichskämmerer betrachtete. 

22. Gleichzeitig mit Ulrich erscheinen 1213 Oct. 19, dann 
1214. 15. 18 einmal als Camerarii (H. 1, 342), sonst auffallend 
regelmässig als Camerarii imperii bezeichnet (H. 1, 281. 373. 74. 
430. 552) Hermann und Heinrich (v. Si eben eich?). Beide 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. B< 1 . IV. Ilft. 34 


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Dr. F icker 


510 

werden immer zusammen genanut, aber nie mit einem Geschlechts - 
narnen; auch ein Vergleich der unter den Zeugen mit jenen Personen- 
namen sonst verbundenen Geschlechtsnamen führt auf keine der 
bekannten Kämmererfamilien; denn bei der so bestimmten Beziehung 
auf das Reich wird an später zu erwähnende untergeordnete Käm- 
merer des Namens (§, 29) nicht wohl zu denken sein; neben den 
Minzenberg und Ravensburg ist das Führen jenes Titels kaum zu 
erklären, wenn er sich nicht auf altbegründete Ansprüche des 
Geschlechtes stützte. Und da könnten wohl nur die Siebeneich in 
Frage kommen, welche seit 1191 im Amte nicht mehr nachweisbar 
sind (§. 14). Doch wird auch diese Annahme sehr bedenklich da- 
durch, dass die Personennamen den früheren Kämmerern von Sieben- 
eich nicht entsprechen. Ein Heinrich v. Siebeneich wird 1220, 27 
erwähnt (H. 1, 810. 2, 910), gegen Ende des Jahrhunderts ein 
Hermann v. Siebeneich, Sohn des Konrad v. Haldenberg (Mon. Boica 
6, 542), welcher durch seine Mutter mit den frühem Siebeneich Zu- 
sammenhängen dürfte; aber auch diese Namen beziehen sich auf die 
früher welüsche Ministerialenfamilie, deren nächster Zusammenhang 
mit den Kämmerern zweifelhaft erscheinen kann (vgl. §. 5). 

23. War Heinrich v. Ravensburg, welcher seit 1212 aus den 
Urkunden verschwindet und bald nachher gestorben sein dürfte, 
unzweifelhaft Reichskämmerer gewesen , so scheint nun auch sein 
Bruder (Ph. 71. 72) Dieto v. Ravensburg Anspruch auf das 
Reichsamt erhoben zu haben; gleich beim ersten Auftreten 1214 
Febr. und nochmals 1216 Mai heisst er Camerarius imperii (H. 1, 
287. 465). Aber es muss doch scheinen, dass man die Ravensburger 
den eigentlichen Reichsbeamten nicht gleichstellte, sie nur noch als 
schwäbische Kämmerer betrachtete; 1215 — 1217 erscheint Dieto 
ohne Amtstitel (H. 1, 389. 500) oder nur als Kämmerer (H. 1, 494. 
96. 525. 27) bezeichnet, und zwar auch in solchen Fällen, wo die 
Reichsbeamten als solche ausdrücklich bezeichnet sind (H. 1, 455. 
920); im letzteren Falle folgt er erst auf den ausdrücklich als Dapi- 
fer Suevie bezeichneten Eberhard v. Tanne. Auch von den späteren 
Ravensburgern heisst nur noch ein einzigesmal 1234 Heinrich Came- 
rarius imperialis aulae (H. 4, 679). Später erscheint Dieto beim 
Kaiser nur noch 1219 ohne Amtstitel (H. 1, 697); dann 1223 
März bis 1233 Juli häufig bei K. Heinrich (H. 2, 754—910. 3, 
949 — 400. 4, 586 — 619), aber niemals mit einem Amtstitel, ausser 


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Die Ruichshofheamlen der staufhclicn Periode. 511 

einmal 1223 Sept., wo er und Friedrich v. Bienburg als Camerarii 
zusammengefasst werden (H. 2, 777). 

24. Ein Kämmerer Friedrich wird vereinzelt 1219 März 
genannt (H. 1, 621), wohl derselbe, welcher als Kämmerer Fried- 
rich v. ßienburg von 1222 April bis 1225 Juli häufig bei 
K. Heinrich erscheint (2, 736. 48. 77. 94. 808. 11. 13. 48); iden- 
tisch wird auch der 1225 Jan. unmittelbar auf Dieto folgende Tris- 
kämmerer Friedrich sein. Der Name Bienburg tritt mit ihm zuerst 
in den Kaiserurkunden auf, wie wir ihn auch vergeblich unter den 
früheren welfisclien und schwäbischen Ministerialen suchen. Da Fried- 
rich in dieser Zeit als einziger Hauptkämmerer beim Könige 
erscheint, und nicht wohl anzunehmen ist, dass zumal bei Lebzeiten 
Dieto’s das Amt an eine ihm bisher fremde Familie gekommen sein 
sollte; da Dieto offenbar das Amt nicht mehr versehen hat und erst 
1231 wieder ein Kämmerer v. Ravensburg erscheint, so wird schon 
das die Annahme nahe legen, dass Friedrich demselben Geschlechte 
angehört, worauf auch mehrfaches Vorkommen unmittelbar neben 
Dieto deutet (H. 2, 777. 808. 29. 48). Unterstützt wird das durch 
die Lage der Bienburg in den wölfischen Stammlanden bei Blitzen- 
reute. Endlich entsprechen die Personennamen; 1244 und 1268 
erscheint ein Kämmerer Heinrich von Bienburg (Stälin 2, 446. 
659), welcher Sohn Friedrich^ gewesen sein wird; nun fanden wir 
früher Heinrich von Ravensburg, und wieder heissen Dieto’s Söhne 
Heinrich und Friedrich. Es heisst weiter in den Weissenauer Tradi- 
tionen (Stälin 152), dass das Kloster nach K. Philipp's Ermordung 
durch Heinrich v. Bienburg, einen Dienstmann desselben, ausgeplün- 
dert wurde; die einzige mir bekannte frühere Erwähnung des Namens. 
Beziehen wir sie auf den Kämmerer Heinrich v. Ravensburg, so 
würden wir Friedrich für seinen Sohn zu halten haben, was allen 
anderen Umständen entspricht; insbesondere auch erklären würde, 
dass Dieto dem inzwischen vielleicht erst wehrhaft gewordenen Neffen 
das Amt abtritt. 

25. Friedrich, da er seit 1225 nie mehr in Urkunden vorkommt, 
wird bald nachher gestorben sein; dass nun wieder die Ravensburger 
Linie im Amte erscheint, dürfte sich daraus erklären, dass Heinrich 
v. Bienburg, welcher sich später Kämmerer nennt (§. 24), aber nie 
am Hofe vorkommt, noch unmündig war. Heinrich v. Ravens- 
burg ist ohne Amtstitel 1227 und 1229, wo er ausdrücklich Sohn 

34 * 


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S12 


Dr. Ficker 


Dieto's heisst, beim Könige (H. 3, 359. 65. 400); zuerst 1231 Nov., 
dann oft in den folgenden Jahren erscheint er als Kämmerer (H. 4, 
558 — 722); da er noch 1235 März bei K. Heinrich ist, so wird er 
in dessen Sturz verwickelt gewesen sein; er kommt auch nie beim 
Kaiser bei dessen Aufenthalte in Deutschland vor. Heinrich und 
Friedrich v. Ravensburg werden einmal 1232 als Camerarii 
zusamrnengefasst (H. 4, 590); in anderen Fällen gleichzeitigen Vor- 
kommens wird nur Heinrich als Kämmerer, Friedrich einfach als 
sein Bruder bezeichnet (H. 4, 607. 28. 54); das durfte die Annahme 
genügend ausschliessen, als sei etwa Friedrich identisch mit den 
Kämmerer Friedrich v. Bienburg. 

26. Konrad v. Werd findet sich 1215 mit seinem Bruder 
Ulrich v. VVerd (Leren) ohne Amtstitel beim Kaiser (H. 1, 370. 
442. 34). Im Jahre 1219 werden Konrad v. Werd und Wilhelm v. 
Aachen als Camerarii domini regis bezeichnet (H. 1, 626); 1220 in 
Deutschland, dann häufig auf dem Römerzuge bis zuletzt 1223 März 
ist Konrad beim Kaiser (H. 1, 728 — 853. 2, 70 — 296), oft als 
Kämmerer bezeichnet, oft aber auch dann ohne Amtstitel, wenn 
andere Hofbeamte ihn führen. Werden 1220 Konrad von Werd und 
Ulrich v. Leren als Aule nostre regie camerarii zusammengefasst 
(H. 1, 770), so ist wohl Ulrich der sonst gleichfalls nach Werd 
benannte Bruder Konrad's. Für das Amt kommt zunächst Konrad in 
Betracht, welcher viel häufiger erwähnt wird und 1220 Kämmerer 
heisst, während Ulrich nur als sein Bruder aufgefiihrt wird (H. 1, 
813); 1222, 23 werden dann mehrfach beide Brüder als Camerarii de 
Werda bezeichnet (H. 2, 279. 93. 96). Bei K. Heinrich führt Kon- 
rad noch vereinzelt 1228 und wahrscheinlich 1230 den Kämmerer- 
titel (H. 3, 378. 426); 1232 werden neben den Kämmerern von 
Ravensburg Diether v. Eger und Ulrich v. Leren als Hostiarii 
bezeichnet (H. 4, 590); ausserdem finden sieh nur noch vereinzelt 
1228 beide, 1225 Ulrich, 1232 Konrad ohne Amtstitel (H. 3, 391. 
2, 868. 4, 586). Sie waren wohl zuhäebst Localbeamte, von dem 
damals dem Reiche gehörigen Donauwerth benannt, welche zeitweise 
vom Kaiser, welchen insbesondere auf dem Römerzuge kein Reichs- 
kämmerer begleitete, zur Dienstleistung an den Hof genommen w aren. 

27. Seit 1215 December erscheintinden Urkunden K. Friedrich^ 
häufiger und ununterbrochener als irgend einer der andern Beamten 
bis zum Jahre 1234 ein Kämmerer Richard (H. 1, 342 — 782. 2, 


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Die Reichshufbcainten der staufiselie» Periode. 


513 


66—682. 3, 285—297. 4, 279—487). Gewöhnlich einfach als 
Kämmerer bezeichnet, wird er von den deutschen Kämmerern während 
des Aufenthaltes K. Friedrich^ in Deutschland wohl als Camerarius 
familiaris (H. 1, 426. 30), Camerarius privatus (H. 1, 533. 600) 
oder Camerarius regis (H. 1, 614) unterschieden. Er war Sicilianer, 
da er 1225 ausdrücklich als Zeuge de regno Sicilie von den Zeugen 
de imperio unterschieden wird (H. 2, 536); sein Amt wird sich daher, 
wenn nicht ausschliesslich auf die Person des Kaisers, auf'Sicilien 
beziehen. Seit nach dem Abgänge Konrad’s v. Werd kein deutscher 
Kämmerer ständig mehr beim Kaiser war, heisst Richard auch häufig, 
zuerst 1224, Camerarius imperialis aule (2, 420. 552. 624. 3, 297. 
4, 288. 96. 308. 18) auch imperialis aule privatus camerarius 
(H. 4, 415). Bei einem 1233 zu Messina vorkommenden L. imperialis 
aule camerarius (H. 4, 431) dürfte es sich um eine Verwechslung 
mit Richard handeln. Sein Nachfolger als sicilischer Kämmerer w r ar 
Johann der Mohr, Sohn einer muhamedanischen Sclavinn (vgl. H. 
Introd. 147). 

28. Andere in den Urkunden K. Friedriche und K. Heinriche 
vorkommende Kämmerer scheinen nie längere Zeit am Hofe Dienste 
gethan zu haben; ihr Kämmerertitel scheint sich vielmehr auf ein an 
einzelne Reichsbesitzungen geknüpftes Amt zu beziehen. Wilhelm 
v. Aachen, de Aquisgrano, heisst 1215 Kämmerer und nochmals 
werden 1219 Konrad v. Werd und er als Camerarii domini regis 
zusammengefasst (H. 1, 408. 626); bei späterem Vorkommen heisst 
er immer Vogt v. Aachen (H. 2, 296. 339. 3, 321. 444. 6, 223). 
Sein Bruder (Lacomblet 2, 79) Heinrich v. Aachen, de Aquis- 
grano, erscheint 1232 auf dem Tage zu Portenau als Kämmerer; 
1244 ist er als Triscamerarius noster bezeichnet mit Vogt Wilhelm 
als Bote der Stadt Aachen beim Kaiser zu Pisa (H. 4, 355. 6, 223). 
Den Gerhard v. Aachen, de Aquis, nennt der Kaiser 1237 Tris- 
camerarium, nuntium et fidelem nostrum (H. 5, 141); er ist w ohl 
derselbe mit dem 1232 zu Portenau unter den Kämmerern genannten 
Gerhard (H. 4, 562); da es sich bei denen von Aachen doch immer 
um dasselbe Amt gehandelt haben wird, so hat man offenbar in den 
Urkunden zwischen Kämmerer und Schatzkämmerer keinen scharfem 
Unterschied gemacht. 

29. Heinrich v. Giselingen ist ohne Amtstitel beim Kaiser 
1215 zu Nürnberg; dann bei K. Heinrich 1223 zu Altenburg als 


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Dr. Ficker 


Camcrarius nosler de Chiselinclien; 1228 zu Nürnberg heissen er 
und Konrad v. Werd Camerarii (H. 1, 432. 2, 781. 3, 378). Von 
ihm verschieden ist Heinrich Spisarius de Giselingen, 12ä2 zu 
Wimpfen und Nürnberg vorkommend (H. 4, 886. 89); denn 1228 
finden wir zu Hagenau neben einander Heinrich v. Giselingen, 
Kämmerer Hermann und Spisarius Heinrich genannt (H. 3, 371); der 
Spisarius war wohl ein niederer Hofbeamter, welcher eher in das 
Amt des Truchsess, niederdeutsch auch Spisendrager genannt 
(Westfäl. Zeitschr. 19, 317), als in das des Kämmerers gehörte; 
ein Spisarius Konrad findet sich 1223 (H. 2, 754). Ohne nähere 
Bezeichnung wird noch 1233, 34 zu Spiegelberg, Nürnberg und 
Wirzburg Heinrich v. Giselingen erwähnt (H. 4, 611. 73. 97). 
Vielleicht wird auch der obenerwähnte Kämmerer Hermann wegen 
seines Vorkommens zwischen den beiden Heinrich der Familie zu- 
zuzählen sein; dann fanden wir allerdings in einer Familie die 
Namen jener Reichskämmerer Hermann und Heinrich (§. 22), ohne 
dass ich sie doch für identisch halten möchte. Es gab eine Regens- 
burger Ministerialenfamilie des Namens, von Gaissling zwischen 
Regensburg und Straubing benannt, deren Personennamen aber 
durchaus andere sind (vgl. Ried Cod. dipl. Index. Monurn. Boica. 
Index 316). Eher wird an das schwäbische Geislingen zu denken 
sein; doch gehörte dieses dem Grafen v. Helfenstein (Stalin 2, 666), 
während bedeutendere staufische oder Reichsbesitzungen dort nicht 
bekannt sind, sich höchstens aus einem Aufenthalte des Kaisers im 
Jahre 1237 (H. 5, 74) darauf schliessen Hesse. Da wir 1232 auch 
einen sonst nie vorkommenden königlichen Kämmerer Heinrich 
v. Nürnberg finden (H. 4, 571) und die von Giselingen so vor- 
wiegend zu Nürnberg beim Könige auftreten, so liegt die Annahme 
nahe, beide seien identisch und das Kämmereramt der Giselingen 
habe sich auf Nürnberg bezogen. 

30. Kämmerer Erbo v. Lautern kommt nur einmal 1213 zu 
Nürnberg vor (H. 1, 275); ob er zu der, wohl ursprünglich zum 
Marschallamte gehörenden Familie Lautern gehört, mag dahinge- 
stellt bleiben; Mitglieder derselben, insbesondere Reinhard Schult- 
heiss v. Lautern, dann Eberhard v. Lautern, zeitweise Statthalter 
von Tuscien, sind auch in dieser Zeit noch mehrfach am Hofe; doch 
f ihrt seit dem Abtreten Heinrich's v. Lautern (III §.9 IV, §. 14) keines 
mehr einen Amtstitel. Gerung v. Speie r, de Spirea, heisst bei seinem 


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Die HeiohfiliofbeamliMi der slniifischen Periode. 


SIS 


einzigen Auftreten 1215 zu Hagenau Camerarius imperii (H. 1, 426); 
dennoch dürfte daraus auf keine Gleichstellung mit den eigentlichen 
Reichskämmerern zu schliessen, der Ausdruck vielmehr nur zur 
Unterscheidung von dem als Camerarius familiaris unmittelbar auf 
ihn folgenden sicilischen Kämmerer Richard (§. 27) gebraucht sein. 
Kämmerer Heinrich v. Revinringen steht 1219 zu Hagenau 
(H. 1, 1668) zwischen den Hagenauer Ortsbeamten und dem 
Schultheiss v. Hochfelden, während der Reichsmarschall und der 
Kämmerer Richard weit voranstehen; es dürfte ein Ortsbeamter 
sein, vielleicht von Reiningen bei Mühlhausen im Eisass benannt; 
möglich, dass es in dem so oft von den Königen besuchten Hagenau 
ständige Kämmerer gab. Zu Eger 1232 ist bei K. Heinrich Kämmerer 
Dietrich v. Mühlhusen (H. 4, 574); es wird derselbe Kämmerer. 
Dietrichsein, welcher in einer undatirten , die Reichsministerialen 
Swiker und Konrad v. Mühlhusen betreffenden Urkunde K. Heinrich's, 
und einer 1221 zu Nordhausen datirten Verunechtung derselben 
vorkommt (H. 2, 770. 71). 

31. Als Triscamerarius (vgl. §. 28) wird 1233 zu Nürnberg 
Albert v. Rabenstein genannt (II. 4, 601), welcher sonst nie in 
den Urkunden des Kaisers und Königs vorkommt. Frühere Mitglieder 
des Geschlechtes werden urkundlich ausdrücklich den freien Herren 
zugezählt, so 1153 Berenger, 1189. 91 Albert (Wirtemb. U. B. 2, 
75. 264. 272). Ein Triscamerarius Merwald wird 1232 zu Portenau 
beim Kaiser erwähnt, gleichzeitig in anderer Urkunde Merwald, 
Wipot, Otto und Gerhard als Camerarii (H. 4, 360. 362). Dürfte 
Gerhard der von Aachen sein (§. 28), so weiss ich die anderen nicht 
näher uachzuweisen. Ein Johann Lupus, nuncius ac imperialis 
aule camerarius, wird 1221 in England erwähnt (H. 2, 783); da er 
sonst nie vorkommt, dürfte er trotz jenes Titels nur ein Unter- 
beamter gewesen sein. 

32. Ein Kämmerer Heinrich, 1215 zu Aachen in untergeord- 
neter Stellung neben anderen Zeugen aus Kammerich vorkommend 
(H. 1, 408), wird Kämmerer des dortigen Bischofs sein. Gottfrid 
1227 zu Mühlhausen, 1234 zu Wirzburg (H. 3, 341. 4, 699) neben 
anderen Wirzburger Hofbeamten (II §. 19) vorkommend, ist Käm- 
merer des Bischofs von Wirzburg (Reg. Boica 2, 213. 221). 

33. Bei K. Konrad IV. erscheint 1240 (H. 5, 1204) Kuno 
v. Minzen berg, Sohn Ulrich's erster Ehe, als Camerarius imperialis 


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516 


I)r. F ick er 


aule; ohne Amtstitel finden wir ihn 1237 beim Kaiser in Italien. 
(H. 5, 150). Er wird nicht lange nachher unbeerbt verstorben sein, 
und da wir seinen Bruder Ulrich auf der Gegenseite finden , so 
scheint der König das Reichskämmereramt an Philipp v. Hohen- 
fels, Sohn Philipp 's v. Boland, des Bruders des ersten Truch- 
sessen Werner v. Boland verliehen zu haben, welcher 1246. 49. 
50 als Camerarius imperialis aule erwähnt wird (H. 6, 865. 735. 
Gebhardi erbl. Reichsst. 1, 651). Er wird sich dann zur Gegenpartei 
gewandt und hier den Erbansprüchen der Minzenberg weichend 
seinen Amtstitel, welchen er später nicht mehr führt, abgelegt 
haben. Wenn sein Sohn Johann v. Hohenfels um 1275 noch einmal 
den Titel eines Reichskämmerers wiederaufgreift (Guden. Cod. dipl. 
3, 1151), so wird dem keine weitere Bedeutung zuzulegen sein. 

34. Aus der schwäbischen Kämmererfamilie kommt Heinrich 
y. Ravensburg bei K. Konrad nur 1248 ohne Amtstitel vor (H. 6, 
884), eben so 1262 bei Fonradin, während in derselben nur 
abschriftlich vorhandenen Urkunde unmittelbar auf den Reichs- 
marschall ein Kämmerer Heinrich v. Gienberch folgt (Mon. Boica 
31, 591); dürfen wir darin, wie nahe liegt, Heinrich v. Bien- 
burg (vgl. §. 24) sehen, so mag dieser jetzt vorzugsweise als 
Kämmerer betrachtet sein; 1266 wird aber auch Heinrich v. Ravens- 
burg mehrfach als Kämmerer bezeichnet (Mon. Boica 30, 351. 53. 
55). Ein Burchard v. Tobil, welcher 1244 in Urkunde des Abtes 
von St. Gallen als Camerarius domini regis erwähnt wird (Neugart 
Cod. dipl. 2, 179), wird ein Unterkämmerer gewesen sein; ohne 
Amtstitel wird er 1258 unter Reichsministerialen genannt (Stälin 2, 
659). 

35. Auf der Gegenseite finden wir bei K. Wilhelm zuerst 
1249 (Mon. Germ. 4, 365), dann mehrfach Ulrich v. Minzen- 
berg, Sohn des altern Ulrich’s zweiter Ehe; mit ihm erlosch 1255 
Aug. 11 (Reg. Wilh. n. 285) der Mannesstamm seines Geschlechtes. 
K. Richard verlieh dann 1257 Mai 22 bei seiner Krönung das 
Amt an Ulrich’s Schwager, Philipp v. Falkenstein, Bruder 
Werner’s v. Boland und früher Truchsess K. Konrad's; die Urkunde 
selbst ist erhalten, in welcher es heisst: sibi et suis legittimis 
heredibus eidem in rebus feudalibus de jure et consuetudine imperii 
successuris officium camere et omnia feuda, que socer eiusdern 
Philippi, Ulricus de Minzenberg senior, et Ulricus junior de jure ab 


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Die Reieliahonieamten der Blaufischen Periode. 


517 


imperio tenuerunt, in feudum concedimus feudali titulo possidenda, 
volentes, ut eo jure predictus Philippus officium et feuda predicta 
teneat et possideat de nostra gratia liberali, quo predictus socer suus 
et Ulricus junior de Minzenberg tenuisse et habuisse noscuntur 
(Hansseimann Landesh. 1,416). Dabei kann auffallen, dass Kuno's 
y. Minzenberg (§. 33) gar nicht gedacht wird. Im Jahre 1262 ist bei 
der Krönung K. Ottokar’s v. Böhmen zu Prag Werner y. Bol and 
als Imperialis aule Camerarius gegenwärtig (Guden. Cod. dipl. 1, 
693); das Erscheinen des Truchsessen Werner im Kämmereramte 
wurde kaum zu erklären sein; ist das Amt richtig angegeben, so 
wäre eher an Werner y. Minzenberg, den Sohn Philipp's zu denken, 
welcher etwa den Vater vertreten hätte; doch scheint dieser sich 
freilich sonst nie v. Boland zu nennen. Das Amt blieb nun unbestritten 
den von Falk enstein- M inzenberg; im Jahre 1411, wo vom 
Mannesstamme des Hauses Falkenstein nur noch der Erzbischof 
Werner v. Trier lebte , wurde das Unterkammermeisteramt des 
Reiches, welches von Brandenburg zu Lehen röhre, von K. Sigismund 
als Markgrafen denen v. Weinsberg geliehen (Hansseimann Lati- 
desh. 1, 479); anscheinend noch vor dem Aussterben der Weinsberg 
kam es unter K. Maximilian I. an Georg v. Seinsheim, und als 
dieser bald nachher unbeerbt starb, an die späteren Inhaber desselben, 
die Grafen v. Hohenzollern (vgl. Gebhardi erbl. Reichsst. 1,639. 
Vitriar. illustr. 3, 831. Ludewig, Goldne Bulle 2, 764). 

V. Allgemeine Bemerkungen nnd Ergebnisse. 

1. Aus den bisherigen Erörterungen ergibt sich, dass es im 
zwölften Jahrhunderte, entsprechend der Zahl der Erzämter und 
der gewöhnlichen der förstlichen Hofamter, nur eine Vierzahl 
oberster II efämter am kaiserlichen Hofe gab, das des Marscball, 
Truchsess, Schenken und Kämmerer. In den aus der Reichskanzlei 
heryorgegangenen Schriftstücken sind die ständigen Bezeich- 
nungen Mareschalcus, Dapifer, Pincerna, Camerarius. Für letz- 
teren erscheinen noch unter K. Lothar die Ausdrücke schwankend 
(IV §. 1); später findet sich nur vereinzelt der Ausdruck Camerlen- 
gus (B. 2695). Nur statt des Titels Dapifer finden wir später 
mehrfach den in Italien aufgenommenen Titel Senescalcus; zuerst 
vereinzelt 1178 zu Turin (B. 2606), dann bei Markward y. An- 


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518 


Dr. Ficker. 


weiler 1187 zu Pavia (Rena e Camici 4d, 100) und häufiger, aber 
doch immer mit dem Ausdrucke Dapifer wechselnd, seit Ende 1194 ; 
später führen ihn dann zuweilen die Truchsesse Gunzelin v. Wolfen- 
büttel und Werner v. Boland. Das Amt des Schatzkämmerers, 
Triscamerarius, vereinzelt Camerarius a thesauris (ß. 2248) 
wird sich kaum als besonderes Hauptamt von dem des Kämmerers 
scheiden lassen; nur unter K. Friedrich I. wird eine Zeit lang ein 
Schatzkämmerer immer als solcher bezeichnet (IV §. 7); ausserdem 
wird das Amt nur vereinzelt erwähnt und zwar mehrfach in der Weise, 
dass dieselben Personen, welche Triskämmerer heissen, auch wieder 
schlechtweg als Kämmerer bezeichnet werden (IV §. 4. 24. 27. 31). 
Es gab auch kein entsprechendes Erzamt; von K. Rudolf 1276 
und K. Karl 1350 wird der Titel eines Triscamerarius dem Erz- 
bischöfe von Embrun verliehen (Hist, de Dauphin^ 2, 13. Guichenon 
Bibi. Sebus. 232). Dagegen werden wir das Amt des Magister 
coquinae, Reichsküchenmeister, welches 1202 zuerst vorkommt 
(II §. 24) als ein neuerrichtetes fünftes oberstes Hofamt zu betrach- 
ten haben; kurz nachher finden wir es auch an fürstlichen Hofhal- 
tungen, so zu Wirzburg (Reg. Boica 2, 41. 49. 71 u. s. w.) und 
Münster (Cod. dipl. Westf. 3 a, 80. 105. 129). Ein entsprechendes 
fünftes Erzamt gab es nicht; und galt der Reichsküchenmeister 
später als Stellvertreter des Erztruchsess, so entfiel dafür im Beginn 
des fünfzehnten Jahrhunderts das Amt des Erbtruchsess, so dass die 
Vierzahl der Ämter wieder hergestellt war (II §. 23. 26. 27). 
Andere, nur vereinzelt in den Kaiserurkunden genannte Hofbeamte, 
wie der Hostiarius, der Spisarius (IV §. 26. 29) sind untergeord- 
neten Ranges. 

2. Eine feststehende Rangordnung der vier alten Ämter, 
wie sich dieselbe aus der Stellung der Hufbeamten als Zeugen 
ergeben müsste, ist nicht naebzuweisen; sie erscheinen in der ver- 
schiedenartigsten Aufeinanderfolge. Der Küchenmeister aber wird 
durchweg den anderen Beamten nachgestellt; sein ursprünglich 
niederer Rang scheint sich auch daraus zu ergeben, dass seiuem 
Titel die später (§. 8) zu besprechenden Beziehungen auf das 
Kaiserreich fehlen. 

3. Was den Geburtsstand des Reichshofbeamten 
betrilTt, so sind dieselben regelmässig unfreie Dienstmannen. Denn 
überall, wo in den Urkunden die Ministerialen von den Edlen oder 


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Die lleic-hshofbeamten der stauüschen Periode. 


819 


Freien geschieden werden, finden wir sie jenen zugezäblt. Auch . fehlt 
es nicht an bestimmten Einzelbelegen. K. Friedrich bekundet 1186, 
dass der Wirzburger Ministern! Bodo eine Tochter seines Mar- 
schalls Heinrich v. Pappenheim geheirathet habe: quia vero supra- 
dicta filia Henriei mariscalci uxor eiusdem Bodonis nepoti nostro 
duci Frederico de Stoupha pertinebat et eius ministerialis erat, et 
sanctio legum hoc ratum habet et servat, ut conditionem matris 
sequantur filii, so sei man übereingekommen, dass die Hälfte der 
Kinderder Wirzburger Kirche, die Hälfte dem Herzoge gehören 
solle (Mon. Boica 29, 324). Vom Heichstruchsess Markward erzählt 
die Ursperger Chronik zu 1198: Imperator Marquardum de Annin- 
wilir dapiferum et ministerialem suum libertate donavit et ducatum 
Ravenne cum Romania marchiam quoque Anconae sibi concessit. Bei 
den mächtigsten Reichsdienstmannen - Geschlechtern , deren Besitz 
den der meisten Edelherren weit überragte, scheint schon seit dem 
zwölften Jahrhunderte die ganze äussere Stellung durch ihre 
Unfreiheit nur wenig beeinträchtigt worden zu sein, worauf ins- 
besondere die Heirathen deuten. Von den Vorfahren der Minzenberg 
war Eberhard v. Hagen mit der Erbtochter des Edelherrn von Arns- 
burg verheirathet; Luitgard, Gemahlinn Konrad’s v. Hagen, wird 
1181 Nobilis genannt (Gilden Cod. dipl. 1, 199); ihr Sohn Kuno 
v. Minzenberg scheint mit der einen, Werner v. Boland mit der 
andern Erbtochter des letzten Grafen v. Nurings vermählt gewesen 
zu sein (vgl. Wenck Hess. L. G. 1, 276). Im dreizehnten Jahr- 
hunderte sind alle bekannten Verheirathungeu im Hause der Truch- 
sesse von Boland mit Mitgliedern gräflicher oder doch freiherrlicher 
Geschlechter eingegangen (vgl. Gebhardi erbl. Reichsst. 1,600). 
Dennoch ist gerade eines der mächtigsten Geschlechter auch in dieser 
Zeit noch als unfrei zu erweisen. Bestimmt 1236 der Pfalzgraf 
v. Tübingen in der Ehebercdung zwischen seiner Tochter Adelheid 
und Kuno v. Minzenberg, dass Adelheid in- Ermangelung von Söhnen 
mit den anderen Töchtern gleich erben soll, hoc excepto, quod raini- 
steriales et homines raeos non bereditiibit, nisi eos, qui voluntarie 
ad ipsam decreveriut declinare (Kopp Lehenproben 1, 249), so 
kann doch nur ein Standesverhältniss, welches die Ministerialen und 
Vasallen geniedert haben würde, massgebend gewesen sein. Beson- 
ders bezeichnend ist dann aber der bekannte Vorgang, dass K. 
Rudolf 1273 und 1287 die Adelheid v. Minzenberg, welche der 


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520 


Di*. Ficker 


Edle v. Hanau in der Meinung, dass sie edel und frei geboren sei, 
geheirathet batte, mit ihren Kindern von der Dienstbarkeit befreit 
und für frei erklärt (Lunig R. A. 11, 519. 521). Allerdings zeigt 
sich hier auch in anderer Richtung, dass die Unfreiheit der Reichs* 
ministerialen schon nahezu in Vergessenheit geratben war. Erinnert 
sich Johann v. Viktring (Böhmer Fontes 1, 337) zum Jahre 1298 
noch, dass die Rechberg bone sed non libere nacionis seien, so 
bezeichnet Johann v. Winterthur (ed. Wyss 152) zum Jahre 1338 
die Truchsesse v. Waldburg ausdrücklich als nobiles domini potentes 
libereque conditionis. Im vierzehnten Jahrhunderte finden wir die 
angeseheneren reichsdienstmännisclien Geschlechter durchwegs als 
freie Herren betrachtet, sei es in Folge ausdrücklicher Freilassung, 
sei es, dass ihr ursprünglicher Stand ganz in Vergessenheit gerieth. 

4. Ist der unfreie Stand der Reichshofheamten als Regel nicht 
zu bezweifeln, so scheinen doch ausnahmsweise auch freie Herren 
Träger eines Hofamtes gewesen zu sein. Arnold v. Rotenburg 
wird 1180 in Kaiserurkunde unter den von den Ministerialen aus- 
drücklich geschiedenen liberi homines aufgefährt (Mon. Boic. 29, 
437); es wird der noch 1179 als Truchsess vorkommende, oder sein 
Vater, der Vogt v. Rotenburg, sein (II §. 2, 4). Doch nöthigl das 
nicht, die Rotenburger überhaupt als freie Herren zu betrachten; er 
könnte freigelassen sein. Schenk Konrad v. Ballenhusen, falls er 
richtig bestimmt wurde, und Triskämmerer Albert v. Ravenstein 
gehörten freien Geschlechtern an (III §. 4, IV §. 31); aber wir 
haben keine Gewähr, dass sie als Freie das Amt versahen, da sie ja, 
wie das auch sonst vorkam, die Freiheit seihst aufgegeben oder durch 
den Stand der Mutier verloren haben könnten. Einen bestimmten 
Beleg gibt Markward v. Anweiler, welcher auch nach seiner Frei- 
lassung im Jahre 1195 (§. 3) Reichstruchsess blieb (II §. 7). Weiter 
gehörte der Reicbsmarschall Anselm v. Justingen (I §. 17) zu den 
freien Herreri. Einer seiner Vorfahren heisst urkundlich über homo 
(Wirtemb. U. B. 2, 363), er selbst 1212 in Aufzeichnungen von 
S. Emmeran (Mon. Germ. 17, 574) vir magnus et ingenuus, in der 
Ursperger Chronik homo ingenuus. Er könnte nun freilich mit Über- 
nahme des Amtes seine Freiheit aufgegeben haben; doch scheint 
mehreres dagegen zu sprechen. So seine Stellung als Zeuge. Nicht 
selten finden wir ihn hier anderen Hofbeamten, insbesondere Werner 
v. Boland nachgestellt, wobei sein Amt massgebend gewesen sein 


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Die Reichshofheamten der slaufiachen Periode. 


521 


wird. Finden wir ihn aber vor dem Herzoge v. Spoleto (H. 2, 99. 
263), den Grafen von Helfenstein und Eberstein (H. 1, 830. 263), 
den Edelherren v. Büdingen, Neiffen und Hohenlohe (H. 1, 438. 
S65. 573. 666. 3, 434), so wird sich das doch nur daraus erklären 
lassen, dass er trotz des Amtes noch als freier Herr galt. Zu beachten 
ist weiter, dass von den Hofbeamten der stuufischen Zeit Anselm der 
einzige sein dürfte, welcher sich 1216, 23 sogenannter Reitersiegel 
bedient (Mittheilung des Fürsten F. K. zu Hohenlohe-Waldenburg), 
während solche in der ersten Hälfte des Jahrhunderts von Ministe- 
rialen nicht nachweisbar sein dürften; 1267 finden sie sich auch bei 
den Boland Falkenstein (Köllner Kirch. Boland. T. III. IV). Endlich 
erscheint Anselm 1233 und später in Urkunden der Herzoge von Öster- 
reich nicht allein häufig freien Herren vorgestellt, sondern wird auch 
mehrfach ausdrücklich als Vir nobilis bezeichnet (Meiller Babenberg. 
Reg. 157. 160. 170. 175. 179). Wir werden darnach annehmen 
müssen, dass Freiheit und Hofamt nicht durchaus unvereinbar waren. 
Verlangt aber der Schwabenspiegel (Ldr. L. 69) überhaupt, dass 
selbst die fürstlichen Hofbeamten ursprünglich freien Familien ange- 
hören sollen, so dürfte sich das schwerlich erproben; es sei denn, 
dass man die Stelle auf die urkundlich fast nie erwähnten, den 
Reichserzämtern entsprechenden obersten Hofämter beziehen will, 
welche allerdings auch in weltlichen Fürstenthümern in den Händen 
von freien Herren gewesen zu sein scheinen ; so ist in Baiern oberster 
Truchsess der Pfalzgraf, Kämmerer der Hallgraf, Schenk der Graf 
von Hirschberg, Marschall der Graf von Ortenburg. 

5. Jedem Amte scheint ursprünglich nur je ein oberster 
Hofbe*amter vorgestanden zu haben; wir sind bei der Einzelunter- 
suchurig von dieser Annahme ausgegangen und gelangten, wenn 
nicht überall, doch meistentheils zu einem dem entsprechenden Er- 
gebnisse. Es scheint dem allerdings zu widersprechen, dass wir nicht 
allein in derselben Zeit, sondern auch in derselben Urkunde mehrere 
Personen mit demselben Amtstitel finden; und Huillard, welcher zu- 
letzt diesem Gegenstände seine Aufmerksamkeit zuwandte, glaubte 
desshalb auf die Annahme, dass nur je eine Person das Reichsamt 
versehen habe, verzichten zu müssen. Ich denke, sie wird sich als 
Regel festhalten lassen, obwohl aus näher zu erörternden GrOudeu 
Ausnahmen vorkamen. 


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522 


Dr. Ficker 


Zunächst lässt schon das ungleich häufigere Vorkommen 
einzelner Personen gegenüber allen anderen, welche in derselben 
Zeit mit dem gleichen Amtstitel beim Kaiser erscheinen , darauf 
schliessen, dass wir in jenen vorzugsweise die Träger des Amtes 
zu sehen haben. So erscheint in den von mir verglichenen Kaiserur- 
kunden in der Zeit von 1138 — 1183 ein Heinrich v. Pappenheim 
(I §. 2. 3) 41 mal als Marschall, lOmal wird ein anderer Marschall 
genannt und zwar treffen diese Erwähnungen acht verschiedene 
Personen (I §. 3. 5. 6). Schenk Konrad v. Schipf findet sich 29mal 
von 1165 — 1183; drei andere Personen werden in dieser Zeit 
zusammen nur 5mal als Schenken erwähnt (III §. S. 7). Heinrich 
v. Lautern wird 1191 — 1197 als Schenk 44mal erwähnt; neben 
ihm zwei andere Schenken nur je einmal (III §. 9. 10). Gestaltet sich 
dieses Verhältniss nicht überall so auffallend , so bietet es doch 
im zwölften «Jahrhunderte fast durchweg schon einen genügenden 
Haltpunct, um für bestimmte Zeiten einzelne Personen als Haupt- 
träger des Amtes zu bezeichnen. Am wenigsten ist das im Kämme- 
reramte der Fall. So wird 1153 — 1177 zwar am häufigsten, aber 
doch nur 12mal, Hartmann v. Siebeneich genannt; daneben finden 
wir aber, auch von dem Triskämmerer Bertold abgesehen, 22mal 
auch einen andern Kämmerer erwähnt; und vertheilt sich das auf 
sieben Personen, so treffen doch acht Erwähnungen 1162 — 1169 
den einen Rüdiger, welcher in dieser Zeit häufiger vorkommf, als 
Hartmann. Dagegen finden wir doch auch in diesem Amte 1183 bis 
1186 Rudolf v. Siebeneich 26inal genannt, ohne dass irgend ein 
anderer Kämmerer vorkäme (IV §. 5 — 13). Im dreizehnten Jahr- 
hunderte würde dieser Haltpunct freilich nicht ausreichen; unter 
K. Friedrich II. finden wir Truchsesse v. Waldburg oder Schenken 
v. Winterstetten, obwohl wir ihnen aus anderen Gründen das oberste 
Reichsamt nicht zusprechen dürfen, häufiger genannt, als die eigent- 
lichen Reichsbeamten. 

6. Dem häufigem Vorkommen scheint zugleich ein vorzugswei- 
ser Anspruch auf den Amtstitel und auf Nennung in den 
Urkunden zu entsprechen. Sehen wir vom Kärmnereramte ab und von 
den Fällen, wo es sich erweislich um fürstliche Hofbeamte handelt 
(V §. 10), so sind im zwölften Jahrhunderte die Fälle sehr selten, 
wo in einer Urkunde derselbe Amtstitel mehreren Personen gegeben 
wird; unter K. Friedrich I. finden sich in derselben Urkunde neben 


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Die Iicu'lisliofheamlen ilt?r staufischeu Periode. 


523 


einander nur 1187 die Marschälle v. Hagenau und Strassburg (Mone 
Zeitschr. II, 14), dann 1189 die Marschälle v. Strassburg und Lau- 
tern, die Truchsesse von Rotenburg und Sulz (B. 2713). Wird nun 
nur einer mit dem Amtstitel bezeichnet, so ist es immer der am 
häufigsten vorkommende Beamte, wenn er überhaupt in der Urkunde 
erwähnt wird. Umgekehrt finden wir dagegen, dass Personen, 
welchen vereinzelt vorkommend der Amtstitel gegeben wird, ihn 
nicht führen, wenn der Hauplbeamte zugegen ist; es lässt sich da- 
nach insbesondere entscheiden, welcher von mehreren gleichzeitig als 
Beamte vorkommenden Brüdern als Hauptbeamter zu betrachten ist 
(II §. 4. 9. HI §. 6. 13. IS. IV §. 6. 25); nur bei den Truchsessen 
v. Roteoburg, falls wir ihre Stellung richtig bestimmt haben, zeigt 
sich eine Ausnahme (II §. 4). Lässt sich dasselbe bezüglich anderer 
Nebenbeamten nicht in gleicher Weise nackweisen, so liegt der 
Grund darin, dass sie bei Anwesenheit des Hauptbeamten überhaupt 
nur ausnahmsweise unter den Zeugen aufgeführt wurden, wir also 
ihre gleichzeitige Anwesenheit nicht constatiren können. In den 
ersten Jahrzehnten des zwölften Jahrhunderts werden nur ausnahms- 
weise Ministerialen als Zeugen aufgeführt; später geschieht das 
wohl häufiger; aber die Zahl ist gewöhnlich gering, aus der Masse 
wurden wohl nur die angesehensten herausgegriflen und unter diesen 
besonders häufig die Haupthofbeamten. Da diese ohnehin den ange- 
sehensten Geschlechtern angehören, so ist es erklärlich, wenn 
neben ihnen auch die Brüder genannt werden. Andere Nebenbeamte 
scheint mau, auch wenn sie in Abwesenheit des Hauptbeamten das 
Amt versahen, vielfach uicht berücksichtigt zu haben; und jedenfalls 
dann nicht, wenn der Hauptbeamte am Hofe war. Seit 1191 können 
wir bei K. Heinrich VI. einen obersten Kämmerer nicht nachwei- 
sen; gerade dieses Amt wird aber gewiss regelmässig durch Neben- 
kämmerer versehen sein; aber während die übrigen Hofbeamten 
sehr häufig erwähnt werden, kommen Kämmerer in den Urkunden 
nur ganz vereinzelt vor (IV §. 15). Einen sicherem Massstab, als 
die Annahme, dass jederzeit alle Ämter am Hofe wenigstens durch 
einen Nebenbeamten versehen wurden, dürften uns hier noch die 
auf den Zügen in Italien ausgestellten Urkunden bieten. In Deutsch- 
land mag die Umgebung des Kaisers vielfach gewechselt haben; in 
Italien spricht im Allgemeinen die Vermutkung dafür, dass Personen 
wenn sie auch nur vereinzelt in den Urkunden auftreten, doch 


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Dr. Kicker 


während des ganzen Zuges im Gefolge des Kaisers waren. Der 
Truchsess Marquard ist 1189 — 1192, also insbesondere auf dem 
Römerzuge, nicht beim Kaiser nachzuweisen; aber der Truchsess 
Albert, welcher seine Stelle versehen mochte, wird nur ein einziges 
Mal als letzter Zeuge genannt, .während der Marschall Heinrich fast 
nie unter den Zeugen fehlt (I §. 7, II §. 7. 8). Auf K. Heinrich*« 
letztem Zuge 1196. 97 werden der Marschall v. Kalentin, Truchsess 
v. Anweiler, Schenk v. Lautern oft unter den Zeugen erwähnt 
(I §. 7, II §. 7, III §. 9). In einer für den Marschall v. Kalentin ausge- 
stellten und Reichsdienstgüter betreffenden Urkunde werden nun, 
offenbar wegen des Inhaltes, ungewöhnlich viele Reichsministerialen 
aufgeführt und zwar ausser jenen Hauptbeamten noch drei Mar- 
schälle, der Truchsess v. Rotenburg und zwei Kämmerer; es 
waren also eine Reihe von Nebenbeamten auf dem Zuge; aber keiner 
erscheint sonst mit oder ohne Amtstitel als Zeuge, bis auf verein- 
zelte Erwähnungen des Marschalls v. Hagenau und Kämmerers von 
Aachen (I §. 8, 10, II §. 8, IV §. 15). Auf K. Friedrich^ Römer- 
zuge waren bis 1220 Dcc. von obersten Reichsbeamten der Mar- 
schall v. Justingen und Truchsess v. Boland, welche in 30 und 29 
Urkunden als Zeugen erscheinen , dagegen der stellvertretende 
Kämmerer Konrad v. Werd (IV §. 26) in derselben Zeit nur in 
vier; erst seit dem Abgänge des Truchsess und der Verringerung der 
deutschen Umgebung des Kaisers kommt er häufiger vor und ausser 
ihm ein Schenk Friedrich v. Staufen (III §. 19), welcher doch gewiss 
auch schon früher das Amt versah, aber nie als Zeuge erscheint. 

In der Zeit K. Friedrich^ II. verlieren allerdings diese Anhalts- 
puncte insofern au Gewicht, als auch Brüder und andere Familien- 
glieder neben dem eigentlichen Beamten den Amtstitel führen 
(U§.23, II§. 18.21, IV§. 22.26), wiejaspäter die Amtstitel vielfach 
ganz mit dem Geschlechtsnamen verbunden erscheinen; als ferner 
insbesondere die schw äbischen Hofbeamten auch neben dem entspre- 
chenden Reichsbeamten durchweg ihre Amtstitel führen. Doch finden 
sich auch in dieser Zeit noch einige auffallende Belege für die An- 
schauung, dass der Titel des Reichsamtes eigentlich nur einem zu- 
stehen könne, und zwar gerade in Fällen, wo das oberste Reichs- 
amt von mehreren beansprucht wurde; neben einem Pappenheim 
führt Anselm v. Justingen den Marschallstitel nicht (I §. 17); den 
des Truchsess ertheilt die Reichskanzlei anstandslos sowohl Werner 


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Die fteichsku (beamten der stdufischen Periode. 


525 


v. Boland, wie Ounzelin v. Wolfenbüttei, wo sie vereinzelt vor* 
kommen ; bei ihrem Zusammentreffen wird er in auffallendster 
Weise keinem von beiden ertheilt (II §4 17). 

7. Auf die Stellung in der Zeugenreihe haben wir 
mehrfach hingewiesen, um zwischen Hauptbeamten und Neben- 
beamten zu unterscheiden. In der Regel wird der Vorrang jener auch 
beachtet. So finden wir auf K. Friedriche II. Römerzuge den Schen- 
ken v. Staufen und den Kämmerer v. Werd (III §. 19, IV §. 26) 
dem Reichsmarschall und Reichstruchsess immer nachstehen. Der 
schwäbische Truchsess Eberhard v. Waldburg steht den Reichs- 
truchsessen v. Boland und Wolfenbüttel durchweg nach (II §.16. 
17). Aber es finden sich doch auch so manche Unregelmässigkeiten 
in der Zeugenstellung, dass wenigstens bei Einzelfällen die darauf 
gebauten Schlüsse sehr unsicher sind ; und der Unterschied zwischen 
Reichsbeamten und schwäbischen Beamten scheint schliesslich in 
dieser Richtung kaum mehr beachtet worden zu sein (UI §. 18). 

8 . Einen bestimmteren Anbaltspunct gibt die ausdrückliche 
Beziehung des. Amtstitels auf das Kaiserreich. Im zwölf- 
ten Jahrhunderte finden wir durchweg nur die einfachen Amtstiteh 
hie und da mit Beziehung auf die Person des Kaisers Dapifer impe- 
ratoris (Mon. Boica 29, 327. B. 2072. 2176. 2608) oder regis 
(II §. 7) oder noster (B. 2249. 2788); vereinzelt auch Dapifer 
curie (B. 2819. 2602). Zuerst wird Markward v. Anweiler 1194 
Mai in einer vom Kaiser für ihn ausgestellten Urkunde Dapifer 
imperii genannt (Dümge Reg. 182); seit seiner Freilassung und 
Erhebung zum Markgrafen von Ancona (U §. 7) führt er dann selbst 
mehrfach den Titel Dapifer imperialis aule; bei anderen Beamten 
kommt ein entsprechender Titel noch nicht vor. Erst 1206 nennt 
sich Heinrich v. Kalentin Imperialis aule marscbalcus (Ph. n. 80); 
1207 heisst es Dapifer und Pincerna imperii (Ph. n. 108); erst seit 
K. Otto’s Römerzuge 1209 finden wir dann häufig dem Amtstitel das 
Imperii oder Imperialis aule hinzugefügt Ersteres kommt nur bis 
1220 häufiger vor; vereinzelt gebraucht es noch 1236 der Mar- 
schall (H. 4, 899). 

Was nun die Bedeutung dieser Ausdrücke betrifft, so bezeichnet 
das Imperii unzweifelhaft nur die obersten Hofbeamten zum 
Unterschiede von den anderen Beamten; wir finden es durchweg 
nur bei solchen, welche ein oberstes Reichsamt unbestritten inne 

Sitxb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. IV. Ifft. 33 


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526 


Dr. Ficker 


hatten, oder doch einen yon der Reichskanzlei berücksichtigten An- 
spruch auf ein solches erhoben; nämlich bei Heinrich v. Kalentin, 
Anselm y. Justingen (I §. 15. 17), Heinrich v. Waldburg, Gunzelin 
v. Wolfenbüttel, Werner v. Boland (II §. 9. 13. 14), Walter und 
Konrad y. Schipf (UI §. 13. 14. 15), Heinrich y. Rayensburg, Kuno 
und Ulrich y. Minzenberg, den Kämmerern Herrmann und Heinrich 
(IV §. 19. 21. 22); selbst bei Dieto v. Rayensburg (IV §. 23) 
werden wir einen Anspruch auf das Reichskämmereramt annehmen 
dürfen. Als nicht auffallende Ausnahme wäre anzuführen, dass 
Konrad v. Schipf schon bei Lebzeiten des Bruders Pincerna imperii 
heisst (II §. 15); dann fanden wir einen einzigen Fall, wo der 
Ausdruck Camerarius imperii einem Nebenbeamten offenbar nur zur 
Unterscheidung yon dem neben ihm genannten sicilischen Kämmerer 
ertheilt wird (IV §. 30). Der Zusatz Imperialis aule hat ur- 
sprünglich unzweifelhaft ganz dieselbe Bedeutung; er findet sich 
abwechselnd mit jenem yon denselben Personen gebraucht, wie 
sich für dieselben auch noch andere entsprechende Bezeichnungen 
finden, so Dapifer noster, regalis aule, curie nostre, imperialis, 
imperatoris. Aber schon der Wortbedeutung nach stand nichts im 
Wege , dass jeder am kaiserlichen Hofe dienstthuende Beamte so 
benannt wurde, ohne dass er dadurch zugleich als oberster Reichs- 
beamter bezeichnet werden sollte. Und wenigstens yereinzelt fuhren 
den Titel denn auch Beamte, welche wir nur als schwäbische 
betrachten dürfen; so Eberhard v. Waldburg, bei welchem yielleicht 
noch ein Anspruch auf das Reichsamt wirksam gewesen sein mochte 
(II §. 16), die Schenken von Winterstetten (III §. 18), Heinrich 
v. Ravensburg (IV §. 23); häufiger noch, seit an des Kaisers Hofe 
keine deutsche Beamte mehr sind, der sizilische Marschall und 
Kämmerer (I §. 22, IV §. 27). Um so weniger wird der Titel in 
anderen Fällen, wo er ganz vereinzelt auftritt (I §. 20, IV §. 31) 
einen obersten Hofbeamten bezeichnen müssen. Von 1240 ab ist 
mir aber kein Beispiel bekannt, dass sich andere, als oberste Hof- 
beamte, Imperalis aule nennen. 

9. Umgekehrt bieten uns mehrfach eine Beziehung auf 
das Kaiserreich ausschliessende Ausdrücke einen Halt- 
punct. Jene Ausdrücke Imperii und Imperialis aule werden ganz 
unabhängig davon gebraucht, ob der König zum Kaiser gekrönt ist 
oder nicht. Finden wir daher neben den Reichsbeamten Neben- 


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Die Heichshofbearoteu der staufischeu Periode. 


527 


beamte als Camerarii domini regis oder aule nostre regie (IV §. 26), 
so soll dadurch unzweifelhaft eine untergeordnete Stellung ange- 
deutet werden; gleiches haben wir wohl in anderen Fällen anzu- 
nehmen, wo jemand Beamter des Königs heisst (II §. 11, IV §. 34), 
wenn nicht etwa der Unterschied der Hofhaltung des römischen 
Königs von der des Kaisers angedeutet werden soll (U §. 7), ein 
Unterschied, welcher zur Zeit K. Friedriche II. und seiner Söhne 
nie mehr hervortritt. Ähnliche unterscheidende Bezeichnungen finden 
wir bei dem sicilischen Kämmerer Richard (IV §. 27). Die aus- 
drückliche Bezeichnung als Unterbeamter findet sich in Kaiser- 
urkunden nicht; anderweitig fanden wir einen Submarscalcus erwähnt 
(I §. 20). Wichtiger ist es, dass einzelne Personen wenigstens ver- 
einzelt ausdrücklich als Beamte des Herzogthums Schwaben bezeich- 
net werden (II §. 15, III §. 18). 

10. Lässt sich nach dem Gesagten nicht bezweifeln, dass wir 
nicht alle in den Kaiserurkunden mit dem Amtstitel erscheinenden 
Personen als gleichgestellt betrachten dürfen, nur einzelnen von 
ihnen das eigentliche Reichsamt zukam, so fragt es sich, worauf der 
Amtstitel derjenigen, welche wir bisher als Nebenbeamte bezeich- 
neten, beruht. 

Eine Reihe von Erwähnungen anscheinender Reichshofbeamten, 
welche vielfach auch in die bisherigen Verzeichnisse derselben auf- 
genommen sind, beseitigen sich einfach dadurch, dass sie fürst- 
licheHofbeamte, insbesondere der geistlichen Fürsten, betreffen, 
welche einfach mit ihrem Amtstitel unter den Zeugen der Kaiser- 
urkunden aufgeführt sind (I §. 6. 10. 13. 21. II §. 6. 8. 11. 19. 
III §. 7. 10. 20. IV §. 13. 18. 32). Der Ausstellungsort, auch wohl 
der Inhalt der Urkunde und die Heimat der anderen Zeugen, geben 
gewöhnlich genügenden Anhalt zu schliessen, welcher Dienstmann- 
schaft solche vereinzelt vorkommende Beamte angehören; und wo 
genügendes Material zur Hand ist, lassen sich durchwegs gleich- 
namige Beamte bei den betreffenden Fürsten nacbweisen. Nicht 
immer scheinen diese nun aber lediglich als Begleiter oder im Auf- 
träge ihrer Herren am kaiserlichen Hoflager zu sein, sondern auch 
in Dienstleistung beim Kaiser. So insbesondere der Strassburger 
Marschall Werner, welcher häufig, an verschiedenen Orten und ohne 
den Bischof am Hofe ist (I §. 5. 10); ein Regensburger Kämmerer 
wird einmal ausdrücklich als Camerarius imperatoris bezeichnet 

3a * 


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Dr. Ficker 


(IV §. 11). Daraus wäre etwa zu schlossen, dass zu den Ver- 
pflichtungen der Reichskirchen, wie sich ja manche ähnliche finden, 
auch die gehört habe, dem Könige ihre Ministerialen zur Verfügung 
zu stellen, wenn er der Dienste derselben bedurfte. Der Umstand 
aber, dass der 1153 so bestimmt als Ministerialis regni bezeichnete 
Kämmerer Anselm identisch mit dem Kämmerer des Bischofs von 
Speier zu sein scheint (IV §.11), könnte auch die Frage nahe legen 
ob nicht jemand zugleich Dienstmann des Reiches und einer Reichs- 
kirche sein konnte; auch bei den Boland scheint Manches für ein 
gleichzeitiges Dienstverhältnis zum Reiche und zu Mainz zu sprechen, 
wie es auflallen muss, dass die Reichsmiuisterialen von Kestenburg 
sich nach einer Burg des Bischofs von Speier nennen (IV §.15). Es 
könnte sich ein solches Verhältniss, welches gewiss nur ausnahmsweise 
anzunehmen sein würde, etwa daraus entwickelt haben, dass in oder 
bei Bischofsstädten gelegenes Reichsgut bischöflichen Ministerialen 
zur Verwaltung übertragen wäre, und dass man den Ausdruck Mini- 
sterialis regni nicht gerade ausschliesslich auf das durch Geburt, 
sondern auch auf das durch Übertragung eines Amtes an Unfreie 
eines andern Herrn begründete Dienstverhältnis zum Reiche bezogen 
hätte. 

11. Eine zweite Classe dieser Nebenbeamten werden wir als 
Ortsbeamte bezeichnen können, deren mit dem Titel eines Käm- 
merer oder Marschall verbundenes Amt sich zunächst an eine 
bestimmte Reichsbesitzung knüpfte, wie die Ämter der Burggrafen, 
Vögte, Schultheissen, Pröpste und Meier des Reiches. In ähnlicher 
Weise wird oft die Mehrzahl fürstlicher Hofbeamten zu erklären 
sein; wir erwähnten mainzische Schenken und Kämmerer von Apolda, 
deren Amt an Erfurt geknüpft* war (III §. 10); in späterer Zeit 
werden in manchen Gegenden die Ortsbeamten vorzugsweise als 
Drosten bezeichnet. 

Dahin werden wir vor Allem manche Kämmerer rechnen 
dürfen; so die Kämmerer v. Aachen (IV §. 12. 15. 18. 28), Speier 
(§. 11. 15. 17. 30), Worms, wenn es sich dort nicht um bischöfliche 
Kämmererhandelt (§. 11), Boppard (§. 15), Nürnberg (§. 29), 
Donauwörth (§. 26), Walhusen (§. 4, 12), Mühlhausen (§. 12. 15, 
30), vielleicht auch die von Lautern (§. 30), Schonenburg (§. 3), 
Staufen (§. 15). Bestimmter würde das hervortreten, wenn nicht 
der Amtstitel in diesen Fällen gewöhnlich in derselben Weise mit 


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Die Reichshofbeamten der atauß$cben Periode. 


529 


dem Ortsnamen verbunden würde, wie sonst mit dem Geschlechts- 
namen, beziehungsweise dem Namen der Besitzung, nach welchem 
das Geschlecht oder die betreffende Linie sich nannte; wie bei einem 
CamerariuS de Siebeneich Amtstitel und Geschlechtsnamen nicht in 
näherer Beziehung stehen, so wird auch der Ausdruck Camerarius 
de Walhusen eben sowohl einen Kämmerer, dessen Geschlecht sich 
nach Walhusen nennt, bezeichnen können, als einen Kämmerer zu Wal« 
husen; und wo es sich um unbedeutendere Reichsorte handelt, wird 
beides vielfach zusammengefallen sein. Wo es sich aber um grössere, 
zur genaueren Bezeichnung des Geschlechtes weniger geeignete Orte 
handelt, wird doch die letztere Deutung näher liegen; und vielfach 
scheint sich das doch auch in der Bezeichnung auszusprechen; heisst 
es Camerarius de Aquisgrano, de Aquis, de Spirea (§. 28. 30) , so 
finden wir anderweitig die Ausdrücke Camerarius Aquensis, Spiren- 
sis, Wormatiensis (§. 11. 12. 15. 18), wo die Bedeutung doch kaum 
zweifelhaft sein kann. Zudem lässt sich für den Kämmerer Trushard 
von Speier ein anderweitiger Geschlechtsnamen nachweisen, welchen 
er gewöhnlich fährt (§.15); dasselbe würde der Fall sein, wenn 
unsere Vermuthung richtig sein sollte, dass die Kämmerer von Gise- 
lingen Kämmerer zu Nürnberg waren. Es wäre demnach auch mög- 
lich, dass sich der Kämmerertitel eines Geschlechtes auf einen Ort 
bezog, nach dem es sich nie benannte ; so dürften vielleicht die von 
Groitsch zunächst Kämmerer an einem der von den Kaisern häufiger 
besuchten sächsischen Orte, etwa zu Altenburg gewesen sein (§. 10. 
15). Mächtigere Reichsdienstmannen scheinen auf diese Amtstitel 
wenig Werth gelegt zu haben; Trushard von Kestenburg nennt sich 
wohl mehrfach nach seinem Amtssitze Speier, aber trotz seines 
häufigen Vorkommens fährt er nur zweimal den Kämmerertitel 
{§. 15. 17); der ältere Wilhelm von Aachen fügt dem Titel eines 
Vogtes nur einmal den eines Kämmerer zu; beim jüngeren ist es 
unbestimmt, oh er zur Zeit seines Vorkommens als Kämmerer schon 
Vogt war (§. 12. 28. vgl. Quix Aachen 2, 98). Diese Kämmerer 
dürften zunächst die Aufsicht über das an Orten, welche die Kaiser 
öfter besuchten, befindliche bewegliche Gut des Reiches gehabt 
haben; die von Walhusen und Aachen werden auch als Triskämmerer 
bezeichnet (§. 4. 28). 

In dieselbe Classe dürften auch einzelne Marschälle gehören, 
insbesondere die von Hagenau (I §. 5. 8. 10. 13. 20); sie erscheinen 


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530 Dr. Ficker 

längere Zeit hindurch immer mit dem Marschalltitel, sind aber vor- 
zugs weise nur zu Hagenau selbst beim Kaiser, und dürften ihren 
Titel um so weniger wegen zeitweiliger Dienstleistung am Hofe 
fuhren, als er ihnen auch in anderen Urkunden beigelegt wird. Im 
kaiserlichen Privileg für Hagenau 1164 heisst es: Imperator villam 
si intraverit, marscalcus ipsius absque civium detrimento de hospi- 
ciis pacifice disponat (Schöpflin Als. dipl. 1, 257). Die Austheilung 
der Quartiere war allerdings überhaupt Sache des zeitigen Reichs- 
marschalls, und die Stelle könnt« sich auf diesen beziehen, wie wir 
ähnliche Bestimmungen auch für Städte finden, von welchen uns Orts- 
beamte nicht bekannt sind, so 1188 für Goslar (Heinecc. Antiq. 
185); aber es wäre doch auch sehr erklärlich, wenn an einem so 
oft vom Kaiser besuchten Orte ein ständiger Beamter mit den be- 
züglichen Verrichtungen betraut gewesen wäre. Das würde dann 
auch wohl für den nur einmal erwähnten Marschall von Altenburg zu 
gelten haben (I §. 5); bei Germersheim (§. 3) steht im Wege, 
dass dort keine Hoftage gehalten wurden; bei den Marschällen von 
Lautern (§. 4. 9) deutet nichts darauf, dass ihr Amt sich auf den 
Ort bezog. Eher würde noch hierher zu ziehen sein der Marschall 
vonStrassburg (§. 5. 10). wenn wir diesen nicht lediglich als bischöf- 
lichen Dienstmann betrachten wollen (V §. 10). Die Titel des 
Truchsess und Schenken scheinen von Ortsbeamten nicht geführt 
worden zu sein. 

12. Es sind hier weiter vorzugsweise zu erwähnen die Hof- 
beamten des Herzogthums Sch waben. Unter Kaiser Friedrich I. 
treten diese nirgends hervor; die Mitglieder der späteren schwäbi- 
schen Amtsfamilien führen noch keinen Amtstitel (vgl. Stälin 2, 608. 
617. 619). Ich glaube, dass man in dieser Zeit überhaupt noch nicht 
von ständigen Hofbeamten des Herzogthums Schwaben, sondern 
nur von Hofbeamten des Herzogs wird sprechen können; die Stel- 
lung bezog sich noch auf's engste auf die Person des Dienstherrn; 
gab es keine herzogliche Hofhaltung, so wird es auch keine herzog- 
liche Hofbeamte gegeben haben; und hatte der Herzog anderweitige 
Besitzungen , so werden seine Hofbeamten nicht ausschliesslich 
Schwaben gewesen sein. Herzog Friedrich IV. von Schwaben und 
Rotenburg, 1152 achtjährig, wird wenigstens in späteren Jahren 
eine eigene Hofhaltung gehabt haben; aber der einzige uns bekannte 
seiner Beamten, der Schenk von Weinsberg (IV §. 2), ist ein Ost- 


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Die Reiuhshofbeamten der staufisehen Periode. 


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franke. Herzog Friedrich V., 1167 erst ein Jahr alt, wird anfangs 
noch keinen Hof gehabt haben; aber auch die spätere Gestaltung 
seines Hofes scheint noch nicht massgebend gewesen zu sein. Denn 
yon den späteren schwäbischen Hofbeamten gehörten nur die Rech- 
berg und Tanne zur schwäbischen, die Waldburg und Ravensburg 
aber zur welfischen Dienstmannschaft; und nach dem urkundlichen 
Vorkommen blieben diese bis zum Tode Herzog Welfs 1191 an 
dessen Hofe. Erst nach 1191 unter den Herzogen Konrad und Philipp 
können die Ämter von den, nun schon grossentheils auch mit dem 
Amtstitel vorkommenden späteren Trägern derselben versehen sein. 
Dass sich darunter aber zwei welfische Dienstmannen finden, wird 
bestimmt dagegen sprechen müssen, dass bis dahin schon bestimmte 
Familien ein Anrecht auf die Ämter des Herzogthums hatten, das 9 
solche überhaupt bestanden unabhängig von einer eigenen herzog- 
lichen Hofhaltung (vgl. I §. 12. II §. 9. 15. III §. 12. IV §. 16). 
Eine solche fehlte nun wieder seit Philipp's Erhebung 1198; und 
selbst für diese Zeit möchte ich noch sehr bezweifeln, dass der 
Begriff besonderer Hofbeamten des Reiches und des Herzogthums 
sich schon #festgestellt hatte. Denn die Waldburg und Ravensburg 
werden nun Reichsbeamte (II §. 9. 13. IV §. 16. 19), ohne dass 
statt ihrer entsprechende Beamte des Herzogthums erschienen. Die 
Rechberg und Tanne führen nun wohl ihren herzoglichen Amtstitel 
fort, erscheinen vereinzelt mit demselben in den Urkunden K. Phi- 
lippus (I §. 12. III §. 12), nie in denen K. Otto's; da uns aber noch 
jede bestimmtere Beziehung des Titels auf Schwaben fehlt, so würde 
man sie eben so wohl als königliche Nebenbeamte, denn als schwä- 
bische Beamte fassen können. Doch deutet schon das früher (§. 8) 
besprochene Auftreten der Bezeichnung als Beamte des Kaiserreichs 
darauf hiu, dass sich eine Anschauung ausbildete, welche das Amt 
nicht mehr in nächster Beziehung zur Person des Herrschers, son- 
dern zum Reiche stehend auffasste; dem entsprecheud mochte nun 
auch von besonderen Ämtern des Herzogthums * die Rede sein. Ich 
denke, dass sich das in den ersten Zeiten K. Friedriche II. fester 
gestaltet hat, und dazu dienen mochte, mancherlei Ansprüche zu 
befriedigen; ein Marschall von Rechberg findet sich zuerst wieder 
1214 am Hofe (I §, 19); der seit 1214 erscheinende Truchsess von 
Tanne-Waldburg dürfte das Amt mit Beziehung auf Schwaben neu 
erhalten haben und bei ihm finden wir nun zuerst 1217 ausdrücklich 


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532 


Dr. Picker 


die Bezeichnung Dapifer Sveviae (II §. 15); eben so macht das Auf- 
treten der Tanne- Winterstetten im J. 1220 den Eindruck, als sei 
jetzt erst ein schwäbisches Schenkenamt ausdrücklich anerkannt 
worden (III §. 18); und so mochten nun auch die Ansprüche der 
Ravensburg, auch nach dem Tode des ersten Trägers das Reichs- 
amt fortzuführen, sich durch die Stellung schwäbischer Kämmerer 
leichter erledigen lassen (IV §. 23. 24. 25). Ausdrückliche Bezie- 
hungen des Amtstitels auf Schwaben finden sich allerdings auch jetzt 
nur selten (R §. 15. III §. 18). 

13. Im zwölften Jahrhunderte scheinen auch die obersten Hof- 
beamten nicht blos den Titel geführt, sondern ihrem Amte am Hofe in 
der Regel persönlich vorgestanden zu haben ; waren sie abwesend, 
oder etwa ein Amt längere Zeit erledigt, was sich in jener Zeit nur in 
einem Falle bestimmter nachweisen lässt (IV §. 15), so ergab sich 
das Bedürfnis stellvertretender Hofbeamten. Zur Stellver- 
tretung werden vorzugsweise die nächsten Verwandten des 
bezüglichen Hofbeamten berufen sein, da wir insbesondere so häufig 
den Fall finden, dass Brüder des Hofbeamten in dessen Abwesenheit 
den Amtstitel führen (II §. 2. 4. 9. III §. 5. 13. 15. *8. IV §. 6. 
25. vgl. V §. 6). Dahin gehören aber auch die Ortsbeamten. Er- 
scheinen diese vorwiegend nur an ihrem Amtssitze oder in dessen 
Nähe beim Kaiser, so scheinen sie doch auf Verlangen verpflichtet 
gewesen zu sein, in dem betreffenden Amte am Hofe zu dienen. Ein 
auffallendes Beispiel gibt der Marschall Sifrid v f Hagenau (I §. 8); 
weiter die Kämmerer y. Groitsch und v. Werth (IV §. 10. 26); 
auch während der Erledigung des Kämmereramtes unter K. Heinrich 
VI. scheinen vorzugsweise Ortsbeamte den Dienst versehen zu haben 
(IV §. 15). Auch von bischöflichen Rofbeam ten mussten wir 
wenigsten in einzelnen Fällen annehmen, dass sie zeitweise das Amt 
beim Kaiser versahen (§. 10); häufiger mag das etwa nur der Fall 
gewesen sein, wenn beim Aufenthalte des Kaisers in einer Bischofs- 
stadt der Reichsbeamte nicht anwesend war. Da weiter jedes Dienst- 
mannengeschlecht einem der Ämter zugewiesen war, jedes Mitglied 
derselben zeitweise in demselben zu dienen hatte, so wird es dem 
Kaiser zugestanden haben, auch aus anderen Amtsfamilien 
stellvertretende Hofbeamte zu bestellen; ein Beispiel geben die 
Nebenmarschälle unter K. Heinrich VI. (I §. 9. 10). Wo uns fast 
nichts zu Gebote steht, als die Zeugenreihen der Urkunden, wird es 


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Die Reichthofbeamlen der stauBscben Periode. 


533 


freilich kaum möglich sein, Regel und Herkommen in diesen Dingen 
genauer zu bestimmen. Dass einzelne Dienstmannen ein bestimmteres 
Anrecht auf die Stellvertretung geltend machten, scheint sich aus 
dem auffallenden Nebeneinandervorkommen der Marschalle v. Hagenau 
und v. Anebos in Abwesenheit Heinrichs v. Kalentin zu ergeben 
(I §. 8. 9); daraus würde es sich denn auch leichter erklären, 
wenn solche zur Stellvertretung berufene Beamte vereinzelt auch 
neben dem Hauptbeamten den Amtstitel führen (I §. 10. V §. 6). 

Im dreizehnten Jahrhunderte läge es nahe, zunächst die 
schwäbischen Hofbeamten als Stellvertreter der Reichs- 
beamten zu betrachten. Es mag sein, dass etwa K. Philipp diejenigen 
seiner früheren herzoglichen Beamten, welche nicht zum Reichs- 
amte gelangten, vorzugsweise zur Stellvertretung heranzog (§.12). 
Aber es scheint sich die Anschauuog verloren zu haben, dass immer 
der oberste Beamte oder ein Stellvertreter desselben am Hofe sein 
sollte. Schon gegen Ende des zwölften Jahrhunderts werden die Hof- 
beamten zu den verschiedensten Reichsgeschäften verwendet; sind 
die Ministerialen, welche im Rathe K. Friedrichs I. besonders her- 
vortreten, Kuno v. Minzenberg und Werner v. Boland, nicht Hof- 
beamte, so werden wir schon seit K. Heinrich VI. die Hofbeamten 
vorzugsweise nur als Räthe des Kaisers zu betrachten haben, wel- 
chen Titel und Einkünfte des Amtes zustanden, während sie sich 
mit den besonderen Amtsverrichtungen immer weniger befassen 
mochten. Damit wurde denn aber auch die Anwesenheit oberster 
Hofbeamten am Hofe mehr und mehr zu blosser Form. In der ersten 
Zeit K. Friedrichs II. scheint noch in der Regel jedes Amt am Hofe 
vertreten gewesen zu sein, eben so auf seinem Römerzuge, auf dem 
wir bis Ende 1220 den Truchsess v. Boland, bis 1221 den Schenk 
v. Staufen, bis 1222 den Marschall v. Justingen, bis 1223 den Käm- 
merer v. Werth finden (II §. 14. Iü §. 19. 1 §. 17. IV §. 26. V §. 6) ; 
aber wie diese abtreten, wird das Amt am kaiserlichen Hofe nicht 
mehr regelmässig versehen; wir finden beim Kaiser in Italien nur 
noch im Falle ihrer zufälligen Anwesenheit in # einigen Urkunden 
deutsche Hofbeamte genannt (II §. 16. 17. Iü §. 15. 16. 18), wäh- 
rend auch die sicilischen sehr unregelmässig auftreten (I §. 22. 
II §. 20. III §. 19. IV §. 27). Nicht anders ist das an den Hofhaltungen 
seiner Söhne. Einzelne Beamte, wie den Truchsess v. Waldburg, 
den Schenken v. Winterstetten, finden wir zeitweise in fast allen 


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534 


I>r. Ficker 


Urkunden, andere, wie den Truchsess v. Boland, Schenken v. Klin- 
genberg, Kämmerer v. Bienburg und Ravensburg, ziemlich häufig; 
zwei, auch drei Schenken werden nicht selten in derselben Urkunde 
genannt; dagegen ist ein Marschall v. Pappenheim von 1218 bis 
1231 und wieder unter K. Konrad nie am Hofe, die Kämmerer 
v. Minzenberg sehr selten; aber auch andere Marschälle werden nur 
vereinzelt genannt, wenn sie zufällig am Hofe sind; so häufig andere 
schwäbische Beamte auftreten, verschwinden die Marschälle v. Rech- 
berg seit 1225 aus den königlichen Urkunden (I §. 12 — 23). Das 
Amt ist offenbar zu blossem Titel geworden, ohne bezügliche Ver- 
richtungen, so dass auch eine regelmässige Stellvertretung über- 
flüssig war; nicht ihres Amtes wegen, sondern als königliche Räthe 
sind manche von den Hofbeamten noch in der Regel am Hofe anwe- 
send; diejenigen, welche sich des Vertrauens des Königs, beziehungs- 
weise des kaiserlichen Vaters nicht erfreuten oder dasselbe nicht 
suchten, erscheinen nicht häufiger am Hofe*, als andere Grosse. 
Unter K. Konrad können wir selbst solche Reichsbeamle, welche auf 
seiner Seite standen, wie Philipp v. Falkenstein und Philipp v. Hohen- 
fels (II §. 21. IV §. 33) als an seinem Hoflager anwesend aus den 
Urkunden nicht erweisen; dagegen werden die häufiger vorkommen- 
den Schenken v. Klingenberg, Limburg, Winterstetten und Schmaln- 
eck ausdrücklich als Consiliarii des Königs bezeichnet (H. 6, 832. 
64. 65). Seit dieser Entwickelung verlor natürlich der Gegensatz 
zwischen den Reichsbeamten und den schwäbischen seine Bedeu- 
tung; das häufigere Vorkommen beim Könige kann desshalb in dieser 
Zeit auch keinen Haltpunct mehr für die Entscheidung bieten, wel- 
chen wir als den eigentlichen Reichsbeamten zu betrachten haben 
(vergl. §. 5). 

14. Die Amtsverrichtungen der obersten Hofbeamten werden 
nun auf Unterbeamte übergegangen sein; dass solche die Ämter 
am Hofe beständig versahen, setzt noch die goldene Bulle voraus. 
Für untergeordnete Verrichtungen werden sie jeder Zeit am Hofe 
gewesen sein, Abei: es ist nach früher Gesagtem (§. 6) kaum wahr- 
scheinlich, dass solche häufiger als Zeugen aufgeführt wurden; nur 
einzelne Erwähnungen (§. 9) würden wir etwa hieher ziehen dürfen, 
obwohl ich zugestehe, dass, wenn ich Ortsbeamte, stellvertretende 
Beamte und Unterbeamte aus einander zu halten suche, es doch an 
genügenden Haltpuncten für die Scheidung sehr gebricht. Wird 


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Die Reichshorbogmten der staufischen Periode. 


535 


Gerhard y.Erpach gelegentlich 1223 als Schenk de9 Königs erwähnt 
(III §. 20), während er doch nie als Zeuge erscheint, so werden wir 
einen Unterbeamten in ihm vermuthen dürfen. Daraus wird auch zu 
erklären sein, das9 in den Urkunden Konradin's (Mon. Boic. 30, 
334 — 70. 31, 591. 93) Hofbeamte aus Geschlechtern genannt wer- 
den, welche bis dahin weder in den Reichsämtern noch in den 
schwäbischen genannt werden; einige sind Hofbeamte anderer Für- 
sten, der Truchsess von Donnersberg und Kämmerer v. Wellenburg 
des Bischofs von Augsburg, der Schenk v. Erpach des Rheinpfalz - 
grafen; andere, wie die Marschälle v. Schildburg und Flügling, der 
Kämmerer v. Preising scheinen staufische Ministerialen und Unter- 
beamte des Herzogthums zu sein; als das Herzogthum längst erle- 
digt war, nennt sich noch 1280 Heinrich v. Kemnat Mareschalcus 
ducisSuevie, 1299 Camerarius ducis Suevie und Ministerialis imperii 
(Mon. Boic. 6, 631. 33, 280). Zur Entscheidung der Frage, ob die 
Reichsbeamten selbst sich Unterbeamte bestellen durften, fehlt jeder 
Haltpunct; bezüglich der fürstlichen Hofbeamten erfolgte 1223 vordem 
Reiche ein Rechtsspruch, dass dieselben nur mit Einwilligung des Fürsten 
demselben einen Subofficiatus bestellen dürfen (Mon. Germ. 4, 250). 

15. Werden neben den obersten Reichsbeamten in der ange- 
gebenen Weise fürstliche Hofbeamte, Reichsortsbeamte, stellvertre- 
tende Beamte, hie und da vielleicht auch Unterbeamte in denUrkun-*. 
den genannt, so erklärt das für das zwölfte Jahrhundert durchweg 
genügend, wesshalb wir trotz der Mehrzahl gleichzeitig auftretender 
Personen desselben Amtstitels eine einheitliche Besetzung der Ämter 
annehmen dürfen. Nur für die Mehrzahl der Kämmerer, wie sie 
unter K. Konrad III. und insbesondere in der früheren Zeit K. Fried- 
riche I. (IV §. 2 — 10) hervortritt, dürfte diese Erklärung kaum genü- 
gen. Sie werden zu häufig neben einander genannt, und die Ver- 
suche, für einen derselben einen durchgreifenden Vorrang, sei es 
auf Grundlage der Zeugenstellung oder aber nach der Häufigkeit des 
Vorkommens (V §. 5) zu begründen, stossen auf Schwierigkeiten ; 
und scheinen einzelne im Range andern nachzustehen (IV §. 9. 10), 
so wird doch schon der Umstand, dass sie überhaupt häufig als Zeu- 
gen aufgeführt werden, es verbieten (V §. 6), sie als Unterbeamte 
eines niederen Ranges zu betrachten. Es scheint demnach, dass es 
in früherer Zeit eine Mehrzahl von Reichskämmerern gab, welche 
neben einander fungirten, wie auch nur in der früheren Zeit 


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Dr. Ficker 


K. Friedriche I. das Amt des Triskämmerer bestimmter hervortritt 
(IV §. 7. V §. 1). Seit 1168 hört das häufigere Vorkommen mehre- 
rer Reichskämmerer neben einander auf, während der Regierung 
K. Friedriche I. werden nur noch einmal 1177 Hartmann und Sig- 
bod neben einander genannt (IV §. 10). Scheint nun auch später 
hier die Annahme einheitlicher Besetzung des Amtes häufiger auf 
Schwierigkeiten zu stossen, als in den anderen Ämtern (IV §. 19. 21, 
22. 23) , so ist es möglich, dass die froher übliche mehrfache 
Besetzung darauf eingewirkt hat; anderes deutet aber doch darauf 
hin, dass man auch hier später von der Anschauung einheitlicher 
Besetzung des Reichsamtes ausging (IV §. 14. 19. 20. 23), wie es 
ja auchschliesslich nur einen Erbkämmerer gab (IV §. 35). Die vor- 
kommenden Abweichungen lassen sich überdies aus entsprechenden 
Gründen, wie bei den anderen Ämtern, erklären. 

16. Im dreizehnten Jahrhunderte werden wir nämlich nicht 
umhin können, anzunehmen, dass gleichzeitig mehrere Personen 
ein und dasselbe oberste Reichsamt beanspruchten und die Reichs- 
kanzlei, wenn auch zögernd, mehrfach diese Ansprüche anerkannte. 
Der Grund scheint mir darin zu liegen, dass jetzt für die Bes etzung 
der Ämter Grundsätze geltend gemacht wurden, welche dem 
frühem Herkommen widersprachen, und ehe dieses beseitigt, jene 
.* völlig durchgedrungen waren, der eine sich auf dieses, der andere 
auf jenes stützte, ohne dass die Reichsgewalt sich zu einer endgil- 
tigen Entscheidung entschliessen mochte. 

Das ursprüngliche Herkommen dürfte unzweifelhaft willkür- 
liche Besetzung durch den König gewesen sein, und zwar so, 
dass nicht allein alle Erbansprüche ausgeschlossen waren, sondern 
der neugewählte König auch nicht gehalten war, die Beamten seines 
Vorgängers im Amte zu belassen. Es würde das im Allgemeinen den 
Grundsätzen entsprechen, welche noch später für amtsweise Verlei- 
hungen galten, wonach, wenn es sich nicht um noch enger begrenzte 
Verleihungszeit handelte, jedenfalls beim Wechsel des Herrn alle 
Ämter dem neuen Herrn zu willkürlicher Besetzung ledig waren. 
Nur freilich, worauf wir zurückkommen, wenigstens im dreizehnten 
Jahrhunderte mit Ausschluss gerade der vier obersten Hofämter, 
welche sich vererbten. 

Dass einfache Vererbung der Hofämter nicht das ursprüngliche 
Herkommen sein kann, ergibt sich leicht aus dem Wechsel der 


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Die Reichshofbenmten der staufUchen Periode. 


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Geschlechter in ein und demselben Amte. Aber auch die Erledigung 
der Ämter beim Regierungswechsel wird für fröhere Zeiten nicht zu 
bezweifeln sein. Wippo (Vita Chuonr. c. 4) erzählt zum Jahre 1024 
nach der Krönung K. Konrad's: Similiter in dispositione curiali, quem 
rex maiorern domus statueret, quos eubiculariorum magistros, quos 
infertores et pincermas et reliquos officiarios ordinaret, diu non est 
supersedendum, cum illud breviter dicere possim, quod nullius 
autecessoris sui ministeria aptius et honorificentius provisa memini 
vel legi. Wurden also damals die Hofömter beim Regierungsantritte 
neu besetzt , so vergehen freilich Ober hundert Jahre, bis uns Hilfs- 
mittel zu genauerer Prüfung vorliegen, und es könnte sich inzwischen 
recht wohl ein anderes Herkommen festgestellt haben. Aber noch im 
zwölften Jahrhundert führt eine Vergleichung der Reihen der Hof- 
beamten zu demselben Ergebnisse. 

Beim Wechsel nicht allein der Herrscher, sondern auch der 
Herrscherhäuser würde es besonders wichtig sein, die Hofbeamten 
K. Heinrich s V., Lothar's und Konrad’s 111. genauer vergleichen zu 
können. Aber das Material ist noch ganz ungenügend. Nur der 
Truchsess Volkmar (11 §. 1. 2), falls alle {Erwähnungen dieselbe 
Person treffen, würde allerdings vier Herrschern nach einander 
gedient haben. Dagegen lässt sich nicht allein darauf hinweisen, 
dass noch 1137 bei K. Lothar ein anderer Kämmerer erscheint, als 
1138 bei K. Konrad (IV §. 1. 2), sondern es wird auch ohne nähere 
Kenntniss der Hofbeamten K. Lothar s sich nach weisen lassen, dass 
sie, von Vojkmar abgesehen, nicht auf K. Konrad übergegangen 
sein können. Denn die Hofbeamten des letztem , die Pappenheim, 
Rotenburg, Schipfund Weinsberg gehörten nicht zur eigentlichen 
Reichsdienstmannschaft, sondern zu den ostfränkischen Hausbe- 
sitzungen der Staufer, wie sich nicht allein aus der Lage ihrer 
Wohnsitze, sondern aufs Bestimmteste daraus ergibt, dass sie nach 
des Königs Tode zunächst nicht Dienstmannen K. Friedrich 's I., sondern 
Herzogs Friedrich v. Rolenburg sind; wenn auch einzelne Personen 
im Dienste des Reichs verblieben, so leidet das bezüglich der 
Geschlechter selbst keinen Zweifel (V §. 3. II §. 3. IV §. 2). Aller 
Wahrscheinlichkeit nach hat demnach K. Konrad seine herzoglichen 
Hofbeamten als König beibehalten; und so lange es sich bei den 
Ämtern noch um den persönlichen Dienst am Hofe handelte, wird 
der neuerhobene König in der Regel gewünscht haben, seiue bis- 


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Dr. Ficker 


herige erprobte Dienerschaft nicht völlig zu wechseln. Es ergibt 
sich daraus zugleich, dass die Hofbeamten nicht nothwendig aus der 
eigentlichen Dienstmannschaft des Reiches zu bestellen waren, wie 
wir ja auch später Reichsbeamte aus der staufischen im engem Sinne 
(HI §. 6. 19. IV 15), der welfisch-schwäbisehen (II §. 9. IV §. 16) 
und der braunschweigischen (II §. 13. 17) finden. 

Hit dem Regierungsantritte K. Friedrich^ I. scheinen Truchsess, 
Schenk und Kämmerer gewechselt zu haben; kein Amt bleibt während 
der ganzen Regierung bei einem Geschlechte; wir finden Hofbeamte 
aus den Geschlechtern der v. Lautern, Scharfenberg, Bomeneburg, 
Sulz, Ballenhusen, Waldhusen ♦ Siebeneich, welche unter K. Konrad 
noch nicht auftreten , zum Theil später in der Reihe der Beamten 
nie mehr Vorkommen. Für das Vorwiegen der persönlichen Beziehung 
zum Herrscher spricht dann insbesondere, dass wir unter K. Heinrich 
VI. als Reichsmarschall und Reichstruchsess nicht die letzten Beamten 
seines Vaters finden, sondern diejenigen, welche das Amt schon bei 
Lebzeiten des Vaters an seiner eigenen königlichen Hofhaltung 
versehen hatten (I §. 4. 7. II §. 5. 7), obwohl das Geschlecht Mark- 
ward’s v. Anweiler bis jlahin in keinem Amte vorkommt; auch keiner 
der Schenken des Vaters ist bei ihm nachzuweisen. Für sehr aus- 
gedehnte Befugniss des Herrschers bei der Besetzung muss auch 
sprechen, dass wir in dieser Zeit ein und dieselbe Person, Heinrich 
v. Lautern, nach einander als Marschall, Kämmerer und Schenk 
finden (I §. 4. IV §. 14. III §. 9), obwohl als Regel doch anzusehen 
sein wird, dass der Beamte aus den in das Amt gehörigen Familien 
zu «ehmen war; weniger sichere Beispiele des Vorkommens von 
Personen desselben Geschlechtes in verschiedenen Ämtern würden 
nur noch die Walthusen (UI §. 6. IV §. 15), Staufen (IÜ §. 19.IV§. 15). 
vielleicht die Tanne (II §. 15, III §. 17) geben, dann in späterer Zeit 
dieBoland mit ihren Nebenlinien (II §. 21. 23. III §. 22. IV §. 33. 35). 

Unter K. Philipp werden wir wieder das Gelangen der Wald- 
burg und Ravensburg zu den Reichsämtern (II §. 9. IV §. 16) aus dem 
Besetzungsrecht des Königs erklären müssen. Dass bei K. Otto als 
Gegenkönig keine der früheren Reichsbeamten erscheinen, ist erklär- 
lich, eben so, dass nach seiner Anerkennung die Beamten Philipp's 
im Amte verblieben. Aber wenigstens bald nachher gelangte durch 
ihn ein braunschweigischer Dienslmann zum Reichstruchsessamte 
(II §. 13). Für das fortdauernde Festhalten am Besetzungsrechte 


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Die Reichshofbeamten der staufUchen Periode. 


539 


des Königs spricht dann wohl am meisten , dass K. Friedrich II. beim 
Regierungsantritte einen Marschall, Truchsess und Kämmerer aus 
Familien ernannte, welche bisher den Ämtern ganz fremd waren ; 
trat der letztere zurück (IV §. 20), so hat der Marschall seine An- 
sprüche lange mit Erfolg geltend gemacht (I §. 17), während das 
spätere Erbtruchsessamt der Boland auf jene Besetzung (II §. 14) 
zurücffgeht. 

17. Dem freien Besetzungsrechte des Königs scheint nun zu- 
nächst ein Anspruch der Beamten des Vorgängers auf 
Fortführung des Amtes entgegengetreten zu sein. Bleibt der Truch- 
sess K. Heinrichs V. bei Lothar undKonrad, der Marschall K.Konrad’s 
bei Friedrich I. im Amte, so folgt daraus natürlich noch nicht, 
dass das nicht dem Wunsche des Königs gemäss gewesen sei. 
Aber zuerst scheint das Vorkommen der Kämmerer von Siebeneich 
und ron Lautern (IV §. 14) bestimmt darauf hinzu weisen, dass 
K. Heinrich VI. diesen als seinen frühem Kämmerer beizubehalten 
wünschte , während der von Siebeneich auch nach dem Tode des 
Kaisers nicht weichen wollte. K. Philipp hatte in dieser Richtung 
ziemlich freie Hand, da der Truchsess und wohl auch der Schenk 
seines Vorgängers nicht aus Italien heimkehrten, das Kämmereramt 
aber erledigt war (II §. 7. III §. 9. IV §. IS); den Marschall behielt 
er bei. Dass K. Otto nach seiner allgemeinen Anerkennung, wohl 
nur den Umständen nachgebend, sämmtliche Beamte des Vorgän- 
gers beibehalten zu haben scheint, es ihm wohl nur besondere 
Umstände ermöglichten, neben den Waldburg auch seinen Truchsess 
Gunzelin im Amte zu belassen (II §. 13) mag der Anschauung eines 
freien Besetzungsrechtes des Königs insbesondere Eintrag gethan 
haben. Und so werden denn auch die neuen Ernennungen K. Fried- 
rich' s II. anscheinend sämrntlich von den Beamten des Vorgängers 
bestritten; weicht der Kämmerer, so finden wir nun gleichzeitig 
einen Reichsmarschall v. Pappenheim und Justingen, einen Reichs- 
truchsessen v. Boland und v. Wolfenbüttel, während die Reichs- 
kanzlei zu zögern scheint, sich bestimmt für den einen oder andern 
zu erklären (I §. 17. II §. 17). Gerade bei dem früher nicht einmal 
den Reichsdienstmannen angehörigen Gunzelin zeigt sich auf s 
bestimmteste, dass seine Ansprüche sich auf keinerlei Erbrecht, 
sondern lediglich auf die Stellung beim Vorgänger stützten. 


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Dr. Ficker 


18. Schliesslich wurde allerdings das königliche Besetzungs- 
recht völlig beseitigt durch die Erblichkeit der Hofämter. Was die 
Erblichkeit der Hofämter im Allgemeinen betrifft, so liegt 
uns allerdings schon für die frühere Zeit des zwölften Jahrhunderts 
ein Fall vor, in welchem eine der Folge in Lehen entsprechende 
Erblichkeit auf s bestimmteste von vornherein zugestanden wird. Der 
Erzbischof von Mainz bekundet nämlich 1127, dass der Probst 
v. Aschaffenburg zwei seiner Censualen zu Ministerialen gemacht 
habe, et ex eis alterum pincernam, alterum vero marscalcum ordi- 
naverit; ita ut, si idem prenominati viri legitimas (Je familia eiusdem 
ecclesie uxores duxerint et ex eis liberos procreaverint, qui inter 
eos maiores masculini sexus fuerint, eadem duo predicta officia iure 
bereditario obtineant; et sic per singulas generationes inperpetuum 
sibi in eandem conditionem succedant (Guden. Cod. dipl. 1,394). 
Doch wird uns das schwerlich berechtigen dürfen, auch nur für die 
kirchlichen Hofhaltungen die Erblichkeit als schon im zwölften 
Jahrhundert unbedingt feststehend zu betrachten. Genauere Unter- 
suchungen werden allerdings sehr erschwert durch das seltene Vor- 
kommen der fürstlichen Hofbeamten, unsere Unbekanntschaft mit 
ihrem Geschlechte und verwandtschaftlichen Zusammenhänge. Aus 
einer sehr gründlichen Erörterung über die münsterischen Hofämter 
(von Perger. Westfäl. Zeitschr. 19, 299 ff.) scheint sich doch erst 
für das dreizehnte Jahrhundert strengere Erblichkeit zu ergeben; 
noch 1204 scheint ein neugewählter Bischof mit Umgehung des 
noch lebenden Truchsess seines Vorgängers einen solchen aus einem 
anderen Geschlechte bestellt zu haben (a. a. 0. 313). Doch dürfte 
an den meisten Reichskirchen wenigstens um den Beginn des Jahr- 
hunderts die Erblichkeit schon festgest^nden haben; denn im Laufe 
desselben wurde sie unzweifelhaft schon als gemeinrechtlich aner- 
kannt. Heisst es 1219 im Rechtsspruche für Bremen, dass dem 
neugewählten Bischöfe alle Ämter ledig seien exceptis quatuor princi- 
palibus, so Iiesse sich das etwa nur auf Belassung der Beamten des 
Vorgängers beziehen; ganz bestimmt wird aber 1223 in entspre- 
chendem Rechtsspruche für Korvei binzugefügt: officiatorumque 
filii seniores et legitimi patrum succedent officiis pleno iure; und 
wieder heisst es in Sprüchen für Hersfeld undBrixen 1240: exceptis 
quatuor principalibus, quae post se consequentiam summam trahuut 
(Mon. Germ. 4, 234. 252. 333. 334. vgl. 366). Bei den Laien- 


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Die Reichshofbenmten der stnnfiachen Periode 


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sten seheint in dieser Zeit die Erblichkeit noch keineswegs durchwegs 
festgestanden zu haben; bei den Herzogen von Österreich und Baiern 
erscheinen wenigstens fast bei jedem Wechsel andere Geschlechts- 
namen (Meiller Babenb. Reg. 317. Mon. Boica Index 236. Quellen 
und Erört. 5, 494). Dagegen setzt das wohl kurz nach 1211 auf- 
gezeichnete Hennegauer Dienstrecht nicht allein durchweg die 
Erblichkeit der Ämter voraus , sondern wir finden das Schenkenamt 
sogar in der Hand einer Erbtochter (PQrth Ministerialen 534), 
während im Allgemeinen nach einem Rechtsspruche von 1230 kein 
Weib Anspruch auf Folge in den vier Ämtern hatte (Mon. Germ. 
4, 278). 

19. Was die Erblichkeit der Reichshofämter insbeson- 
dere betrifft, so scheint sich diese im Beginne des dreizehnten Jahr- 
hunderts festgestellt zu haben. Ein ausdrückliches Zeugniss gibt uns 
allerdings erst jene Urkunde, durch welche an Philipp v. Falkenstein 
und seine nach Lehnrecht berechtigten Erben das Kämmereramt und 
die übrigen Reichslehen der Minzenberg geliehen werden (IV §. 35). 
Was das thatsächliche Verbleiben der Ämter bei einzelnen Familien 
betrifft, so finden wir Marschälle v. Pappenheim schon ununter- 
brochen seit 1138, falls wir die sich möglicherweise zwischen 
1183 und 1185 ergebende Unterbrechung (I §. 3. 7) nicht beach- 
ten, Schenken v. Schipf (Limburg) seit 1200 (III §. 11), Küchen- 
meister v. Rutenburg (Nordenberg) seit 1202 (II §. 24), Kämmerer 
v. Minzenberg (Falkenstein) seit 1209 (IV §. 19), Truchsösse von 
Boland seit 1212 (II §. 14). Ein letztes auffallendes Beispiel für 
Nichterblichkeit gibt nach 1197 die Nichtberücksichtigung der Erben 
Markwarf s v. Antweiler, dessen Sohn uns bekannt ist (II §. 7), und 
Heinrich's v. Lautern (III §. 9), welcher, wenn nicht Söhne, jeden- 
falls nähere Verwandte hinterliess. So auffallende Beispiele finden 
sich seitdem nicht mehr. Denn mit Heinrich v. Waldburg scheint 
1209 oder kurz nachher der Mannsstamm seines Hauses ausgestorben 
zu sein (II §. 13). Heinrich v. Ravensburg hinterliess allerdings 
Bruder und Sohn, und suchte sich jener anfangs im Reichsamte zu 
behaupten, so scheinen doch später alle Ansprüche aufgegeben zu 
sein; aber dabei wird doch auch in's Gewicht fallen müssen, dass 
die Stellung Heinrich's selbst zuletzt keine unbestrittene gewesen zu 
sein scheint (IV §. 19. 23. 24). Den Ansprüchen jener erbberech- 
tigten Familien wurden wohl noch andere entgegengestellt; aber 

Sitzb. d. pliil.-liist. CI. XL. Bd. IV. Hfl. 36 


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doch ohne schliesslichen Erfolg. Anselm v. Justingen konnte die 
Pappenheim nicht mehr verdrängen (I §. i7). Zuletzt, wenn wir 
von den durch die späteren Gegenkönige herbeigefuhrten Schwan- 
kungen absehen, scheint das Erbrecht als massgebend für die Nach- 
folge in Frage gestellt zu sein 1222 nach dem Tode Weruer’s I. 
v. Boland (II §. 16); aber nicht allein, dass seine Nachkommen sich 
doch thatsächlich beim Amte behaupteten; es wird auch zu beach- 
ten sein, dass Werner Oberhaupt der erste seines Geschlechtes ge- 
wesen war, welcher das Amt bekleidete, was bei keiner der anderen 
der jetzt als erbberechtigt erscheinenden Familien der Fall war. 

20. Der verhältnissmässig rasche Übergang von anscheinend 
ganz willkürlicher Besetzung zu kaum bestrittener Erblichkeit, wie 
wir ihn für den Beginn des dreizehnten Jahrhunderts nach dem bis- 
her Gesagten anzunehmen hätten, hat etwas Auffallendes; die 
Schwäche des Königthums würde ihn allerdings von dieser Seite 
her genügend begründen; aber wie wäre es zu erklären, dass 
andere Familien, aus welchen das Amt früher gleichfalls besetzt wurde* 
diese Bevorzugung einzelner Geschlechter ohne Einspruch hinnahmen, 
wenn eben nur die zufällige Besetzung in der Zeit des Überganges 
dafür massgebend war? Und doch würden uns, von der besonderen 
Stellung der Ravensburg abgesehen, nur etwa die Kämmerer Hermann 
und Heinrich (IV §. 22), falls diese, was zudem sehr zweifelhaft 
ist, zu den Siebeneich gehörten, ein Beispiel geben, dass eine 
zweite der früheren Amtsfamilien Erbrechte gelten^ machte. Es 
scheint nun aber auch, dass hier noch etwas anderes eingegriffen 
hat, nämlich ein hergebrachtes Vorrecht einzelner Ge- 
schlechter auf die einzelnen Ämter. Es muss von vorne herein auf- 
fallen, dass von den später erbberechtigten Familien die Pappenheim, 
Rotenburg und Schipf gerade wieder diejenigen sind, welche wir 
schon unter K. Konrad III. im Amte fanden, ein Kämmerer v. Minzen- 
berg wenigstens schon in der früheren Zeit K. Friedriche I. auftritt 
(IV §. 8), die 1212 zuerst auftretenden Boland aber ein Amt ver- 
sehen, auf welches nach Abfindung der Rotenburg ein althergebrach- 
tes Vorrecht nicht mehr bestehen konnte. Sehen wir auf das Ein- 
zelne, so ist das ununterbrochene Vorkommen der Pappenheim 
im Amte seit 1138 keineswegs in dieser Richtung das Auffallendste; 
auf einem Vorrechte wird das nicht nothwendig beruhen müssen. 
'Statt der Rotenburg finden wir 1162 — 1167 (II §. 3), dann 


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Die Heichsliofbeamlen der sUufische» Periode. 


543 


wieder seit 1183 Truchsesse aus anderen Familien; aber Konrad, der 
Bruder des letzten Truchsess v. Rotenburg behält trotzdem den Amts- 
titel bei (II §. 4. 8. 10), erscheint mit demselben mehrfach in Kaiser- 
urkunden, einigemal neben den anderen Truchsessen; und wellte 
man das nicht auf ein Vorrecht der Familie, sondern darauf beziehen, 
dass er früher als stellvei tretender Truchsess neben seinem Bruder 
fungirt hat, so hätte solcher persönlicher Anspruch wenigstens mit 
seinem Tode aufhören müssen. Aber gerade da scheint nun ein An^ 
sprach des Geschlechtes, trotzdem, dass es so lange das Amt nicht 
versehen, auf’s bestimmteste hervorzutreten durch die Errichtung 
des Küchenmeisteramtes zu seinen Gunsten (II §. 10. 24). Die 
Schipf finden wir als Schenken 1138 — 1146, 1165 — 1183, 
dann seit 1200 (III §. 2. 5. 11). Dieses Wiederauftreten ist auf- 
fallend. Das Streben K. Philipp’s ging unzweifelhaft dahin, seine 
herzoglichen Hofbeamten beizubehalten, wie ihm das auch bei den 
Waldburg und Ravensburg gelang, und bei dem Schenken v. Tanne 
beabsichtigt sein mag (III §. 12); dieser aber hatte nun nicht dem 
Schenken des Vorgängers, Heinrich v. Lautern, oder dessen Erben, 
sondern einem Mitgliede eines Geschlechtes zu weichen, welches seit 
geraumer Zeit das Amt nicht mehr bekleidet hatte. Und weiter wird 
zu beachten sein, dass die Rotenburg und Schipf zwar nicht immer 
im Amte sind, aber doch nach Zwischenräumen in demselben wieder- 
kehren, während aus anderen Geschlechtern überall nur einzelne 
Personen als Truchsesse und Schenken nachzu weisen sind, nie zwei 
aus demselben Geschlechte (II §. 3. 5. 7. III §. 3. 4. 6. 8. 9). An- 
ders stellt sich das bezüglich der Minzenberg. Im Kämmereramte 
finden wir 1153 — 1191 drei v. Siebeneich (IV §. 5. 6. 14); in 
diesen sollten wir demnach die bevorzugte Kämmererfamilie vermu- 
then. Es wäre möglich, dass diese ausgestorben, möglich aber auch, 
dass sie wirklich noch später Ansprüche erhob (IV §. 14. 22). Aber 
nun ist es schon sehr auffallend, dass der ältere Kuno von Minzen- 
berg 1162 — 1168 den Kämmerertitel führt und dabei einen höhe- 
ren Rang einzunehmen scheint, als der von Siebeneich (IV §. 8). 
Vierzig Jahre lang hören wir weiter von keinem Kämmerer v. Min- 
zenberg, während dann nicht bei einem Regierungswechsel, sondern 
während der Regierung Otto’s und einem Kämmerer gegenüber, 
welcher schon lange Jahre anscheinend ohne allen Widerspruch das 
Amt versehen hatte, der jüngere Kuno Anspruch auf das Amt erhebt 

36 * 


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(IV §. 19) und sich dieses nun in seiner Familie vererbt, obwohl 
sein Nachfolger Ulrich keineswegs in besonders naher Verbindung 
zum Kaiserhause zu stehen scheint (IV §. 21); ohne die Annahme 
eines alten Vorrechtes der Familie scheinen diese Umstände kaum 
zu erklären. 

Wir würden darnach etwa anzunehmen haben, dass es schon vor 
dem Erblichwerden der Ämter in jedem Amte eine bevorrechtete, 
gleichsam an der Spitze aller Amtsgeschleehter stehende Familie gab, 
aus welcher herkömmlich auch der oberste Hofbeamte vorzugsweise 
bestellt wurde; dieses Vorrecht wusste man dann später bis zu einem 
ausschliesslichen Erbanspruche auszudehnen. Daraus mochte sich in 
einem Falle, bei den Pappenheim schon früh eine wenigstens that- 
sächliche Erbfolge entwickeln, während in einem andern, bei den 
Minzenberg, besondere Verhältnisse ein Versehen des Amtes durch 
ein Mitglied des Geschlechts längere Zeit hintanhalten mochten. Das 
Vorhandensein einer bevorzugten Stellung wird sich kaum bezweifeln 
lassen; zu näherer Bestimmung ihrer Wirksamkeit dürften uns aber 
genügende Haltpuncte ganz abgehen. Bezüglich der Zeit der Aus- 
bildung dieses Vorrechts wird sich von den Pappenheim, Rotenburg 
und Schipf mit zierlicher Bestimmtheit sagen lassen, dass wir über 
die Zeit der staufischen Könige nicht zurückgreifen dürfen, insoferne 
sie früher überhaupt nicht zur Reichsdienstmannschaft gehört zu 
haben scheinen (§. 16). Der Vorrang der Hagen-Minzenberg mag 
weiter zurückreichen; fehlen uns auch frühere Zeugnisse für eine 
nähere Beziehung zum Kämmereramte, so scheint wenigstens Eber- 
hard v. Hagen schon am Hofe K. Heinriche IV. eine einflussreiche 
Stellung eingenommen zu habeh (vgl. Wenck Hess. L. G. 1, 273); 
die v. Hagen finden wir dann auch in Urkunden K. Heinrich’s V. 
(B. 2072. 80), Lothar's (B. 2110), und besonders häufig in denen 
K. Konrad's III. ; wir werden sie unzweifelhaft schon für die früheren 
Zeiten des zwölften Jahrhunderts als das angesehenste Reichsdienst- 
mannengeschlecht bezeichnen dürfen. m 

21. Wurden die Ämter später als Reichslehen betrachtet, so 
müssen für die Erbfolgeordnung auch die Grundsätze des Reichs- 
lehenrechtes massgebend gewesen sein, wie das bei der Belehnung 
Philipp’s v. Falkenstein 1257 ausdrücklich gesagt wird (IV §. 35); 
das Amt vererbte demnach nur von Vater auf Sohn. In früherer Zeit 
scheint, auch wenn das Amt bei der Erledigung dem Geschlechte 


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Die Reich*hofl>eamtea der sUufischeu Periode. 


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verblieb, nicht gerade der Sohn, sondern häufig zunächst der Bruder 
berücksichtigt worden zu sein, während sich dann aber doch eine 
Annäherung an die Grundsätze der Erbfolge in Lehen darin zeigt, 
dass wir nach dem Bruder den Sohn des Verstorbenen im Amte fin- 
den. So lange ein eigenfliches Erbrecht sich noch nicht ausgebildet 
hatte, mochte in dieser Richtung häufig derümstaud einwirken, dass 
der Sohn zu jung war, um ihm ein einflussreiches Amt anzuvertrauen. 
So folgt, wenn unsere Bestimmung des verwandtschaftlichen Zu- 
sammenhanges richtig ist, auf Arnold v. Rotenburg und Hartmann 
v. Siebeneich zunächst ihr Bruder, dann ihr Sohn (II §. 2. 3. 4 . IV 
§. 5. 6). Im dreizehnten Jahrhunderte finden sich noch entsprechende 
Fälle, und zwar so, dass der Bruder schon bei Lobzeiten dem in- 
zwischen etwa erwachsenen Sohne das Amt zu überlassen scheint. 
Auf Heinrich v. Ravensburg folgt zunächst sein Bruder Dieto, 
welcher aber nach einigen Jahren den Amtstitel zu Gunsten seines 
Neffen aufgibt (IV §. 23. 24). In ähnlicher Weise folgt auf Walter 
v. Schipf zunächst sein Bruder Konrad v. Klingenberg; neben diesem 
tritt dann später auch der Neffe Walter v. Limburg als Schenk auf, 
ohne dass freilich der Oheim den Titel aufgibt; aber der Umstand, 
dass später die Limburg, nicht die Klingenberg als Reichsschenken 
galten, beweist doch, dass man auch hier das Erbrecht des Sohnes 
als massgebend betrachtete (III §. Io. 16. 22). So mag auch nach 
Anerkennung eines ausschliesslichen Rechtes einzelner Geschlechter 
eine Zeit lang eine Einflussnahme des Königs auf die Besetzung noch 
in so weit stattgefunden haben, als es ihm zustehen mochte, inner- 
halb des Geschlechtes den Beamten nach Belieben zu wählen; aber 
auch dieser letzte Rest seines Einflusses musste aufhören, als die 
Anschauung durchdrang, dass die Ämter Reichslehen seien und sich 
nach den Grundsätzen des Reichslehenrechtes vererben müssten. 

22. Werden wir diese Anschauung schon für die spätem Zeiten 
K. Friedrich^ II. als massgebend annehmen dürfen, so wird eine 
Beachtung der Einwirkung des Interregnum ergeben müssen, 
in wie weit dieselbe bereits als allen Wechselfallen gegenüber fest- 
stehend betrachtet werden darf. Mochte nur ganz ausnahmsweise 
einer der Gegenkönige sich stark genug fühlen, einem ihn nicht 
anerkennenden Grossen seine Lehen absprechen zu lassen, so musste 
das doch näher liegen bei Ämtern, deren nächste Beziehung zur 
Person des Königs doch noch kaum ganz in Vergessenheit gerathen 


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war. Und sowohl K. Konrad IV. als K. Wilhelm versuchten es auch 
wirklich, statt der erbberechtigten Hofbeamten, von welchen sie nicht 
anerkannt wurden, andere aufzustellen. Auch diese nicht ganz will- 
kürlich; für den Marschall K. Wilhelm’s, Anselm v. Justingen (I §. 23), 
sprach die einstige Stellung seines Vaters; die übrigen, K. Wilhelm'» 
Schenk Werner v. Boland (III §. 22), dann K. Konrad's Truchsess 
Philipp v. Falkenstein (II §. 21) und sein Kämmerer Philipp v. Hohen- 
fels (IV §. 33) gehörten sämmtlich einer der mächtigsten berechtig- 
ten Familien an, so dass wenigstens vermieden wurde, Ansprüche 
anderer Geschlechter zu begründen. Aber schliesslich hat in keinem 
Amte dieses Aufstellen von Gegenbeamten die Ansprüche der Erb- 
berechtigten beseitigen können; schon unter K. Richard wird e9 als 
anerkannt gelten dürfen, dass der Erbanspruch das allein massgebende 
sei, die etwaige Fernhaltung von einem nicht allgemein anerkannten 
Könige ihm keinen Eintrag thun könne. Denn obwohl der Erbmar- 
schall und Erbschenk nie bei K. Richard, wohl aber bei dem Staufer 
Konradin nachweisbar sind, hat der König keine Gegenbeamte auf- 
gestellt (I §. 23, 11 §. 21. 22). Um so weniger konnte später noch 
das alleinige Massgeben des Erbrechts in Frage kommen. Dafür war 
nun auch die nähere Beziehung zur Person des Königs ganz ge- 
schwunden, wie schon das seltene Vorkommen der Erbbeamten am 
Hofe erweist; nur bei einzelnen feierlichen Gelegenheiten war noch 
von einem Versehen des Amtes die Rede ; es handelte sich wesent- 
lich nur noch um einen mit bestimmten Einkünften und Lehen ver- 
bundenen Titel. Die später zur täglichen Dienstleistung verwandten 
Hofbeamten sind nie zu ähnlicher Bedeutung gelangt. 

23. Übersicht der Reichshofbeamten und der häufiger 
vorkommenden Nebenbeamten und Gegenbeamten: 

I. Reichsmarschälle: Konrad 1116. §. 1. — Heinrich v. 
Pappenheim 1138 — 83. §. 2. 3. — Bertold 1161. 68. §. 5. — 
Wolfram v. Hagenau 1169 — 87. §. 8. — Werner r. Strassburg 
1181 — 96. §. 6. 10. — Heinrich v. Lautern 1183 — 86. §. 4. — 
Ekbert v. Lautern 1188. 89. §. 4. — Heinrich v. Kalentiii (Testa, 
Pappenheim) 1188 — 1218 ? §. 7, 11, 18. 17. — Sifrid v . Hagenau 
1192 — 1219. §. 8. 13. 20. — Eberhard x> . Anebos 1193. 94. §. 9. 
— Ulrich v . Rechberg 1199. 1200. §. 12, — Hüdebrand v. Rechberg 
1200 — 26. §. 12. 19. — Anselm v. Juslingen 1212. 18 — 24. 34. 
§. 17. — Heinrich v. Pappenheim 1218? u. s. w. §. 18. 23. — 


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Die Reichshofbeamten der stuufischcn Periode, 547 

Hermann Knußing 121o — 21. §. 21. — Anselm v. Justingen II 
1249. §. 23. 

II. a) Reichstruchsesse: Volkmar 1104 — 41. §. 1. 2. — 
Arnold v. Rotenburg I. 1144 — 50. §. 2. — Walter (?. Rotenburg I) 
1150—58. §. 2. 3. — Rudolf v. Scharfenberg 1154. 62—65. §. 3. 

— Ulrich 1166. 67. §. 3. — Walter (v. Rotenburg II) 1168—83. 
§. 4. — Arnold r. Rotenburg II. 1172 — 79. §. 4. — Konrad 
v . Rotenburg 1175 — 99. §. 4. 8. 10. — Heinrich v. Bomencburg 
1184. 85. §. 5. — Hugo v. Sulz 1186—89. §. 5. — Markward 
v. Anweiler 1185 — 97. §. 7.— Heinrich v. Waldburg 1200 — 9. §.9. 
13. — Gunzelin v. Wolfenbüttel 1208 — 36. §’. 13. 17. — Werner 
v. Roland I 1212 — 21. §. 14. — Eberhard p. Tanne-Waldburg 
1214—34. §. 15. 16. — Werner v. Boland II 1222-57. §. 16. 
23. — Otto Betiold v. Waldburg 1239 — 60. §. 22. — Philipp 
p. Falkenstein 1246 — 53. §. 21. — Werner v. Boland III 1257 

u. s. w. §. 23. 

II. b) Reichsküchenmeister: Heinrich v. Rotenburg 1202 

— 25. §.24. — Hartwig v. Rotenburg 1217 — 34. §. 25. — Lupoid 

v. Rotenburg-Nordenberg 1246 u. s. w. §. 26. 

III. Reichsschenken: Konrad Bacho 1128. §. 1. — Konrad 
Pris (v. Schipf) 1138—46. §. 2. — Reiner 1150. §. 2. — Hildebrand 
1152 — 57. §. 3. — Konrad v. Ballenhusen 1163. 64. §.4. — Konrad 
Kolbo (v. Schipf, Klingeuberg, deMaciis) 1165 — 83. §. 5. — Ludwig 
Kolbo 1165. 67. §. 5. — Konrad v. Waldhusen 1184-89. §. 6.— 
Herdegen v. Grindlach 1191. §. 8. — Heinrich v. Lautern 1191 — 97. 
§. 9. — Ebeihardv. Tanne 1198. 1205. 14. §. 12. 17. — Walter 
v. Schipf 1200 — 18. §. 11. 13. 14. — Konrad v. Schipf-Klingenberg 
1210—46. §. 13. 15. 21. — Konrad p. Tanne-Winterstetten 
1220 — 42. §. 18. 22. — Eberharde . Tanne-Winterstetten 1223 — 
27. §. 18. — Friedrich r. Staufen 1221. §. 19. — Walter v. Schipf- 
Limburg 1230 u. s. w. §.16. 21. — Konrad v. Schmalneck 1243. 
45. §. 21. — Konrad r. Winterstetten 1248 u. s. w. §. 21. — 
Werner r. Boland 1249 — 55. §. 22. 

IV. Reichskämmerer: Egeno 1123. §. 1. — Anno 1134. §. 1. 

— Bertold 1137. §. 1. — Tibert v. Weinsberg (Lindach) 1138— 
51. §. 2. — Wichnand v . Schonenberg 1145. §. 3. — Konrad 
Walhusm 1150. 52. §. 4. — Hartmann v. Siebeneich 1153 — 77. 
§. 5. — Bertold (v. Schonenberg) 1162 — 68. §. 7. — Kuno 


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0 . Minzenberg I 11 62-— 68. §. 8. — Rüdiger 1162 — 69. §. 9. Sige- 
bod v . Groitsch 1162—81. §. 10. — Rudolf v. Siebeneich 1 116& — 
80? §.6. — Rudolf v. Siebeneich II 1180? — 91. §. 6. 14. — Heinrich 
v. Lautern 1187 — 91. §. 14. — Vakanz 1192—97. §. 15. — Hein- 
rich v. Rayensburg 1202 — 12. §. 16. 19. — Kuno v. Minzenberg II 
1209. 10. §. 19. — Ulrich y. Minzenberg I 1212 — 34. §. 19. 21. 

— Albert v. Tannhausen 1212. §. 20. — Hermann und Heinrich 
(v. Siebeneich?) 1213 — 18. §. 22. — Dieto v.Ravensburg 1214 — 
17. §. 23. — Friedrich v . Bienburg 1219 — 25. §. 24. — Konrad 
v. Werd 1219 — 30. §. 26. — Heinrich r. Ravensburg 1231 u. s. w. 
Hohenfels §. 35.— Kuno v. Minzenberg III 1240. §. 33. — Philipp v. 
1246—50. §. 33. — Ulrich v. Minzenberg II 1249 - 55. §. 35. 

— Philipp y. Falkenstein 1157 u. s. w. §. 35. 

24. Verzeichn iss der er wähnten Ges ch lech tsnameu: 
von Aachen IV 12. 15. 15. 28. 31. V 11. — Aeys? I 20. - Alfter I 

14. — Altenburg I 5. V 11. — Althann III 22. - Amerstede IV 

15. — Anebos I 9. — Anestetten IV 15. — Anweiler (Husen) II 7. 18. 
V 4. — Apolda HI 10. — Bacho III 1. - Ballenhusen III 4. V 4. — 
Bienburg (Ravensburg) IV 24. 25. 34« — Boland (Falkenstein, 
Hohenfels) II 14. 16. 17. 21. 23. III 22. IV 33. 35. V 3. 8. 10. 
13. 16. 19. — Bomeneburg II 5. — Boppard IV 15. V 11. — 
Capece II 20. — Donnersberg V 14. — Eger IV 26. — Erpach 
111 20. V 14. — Esbeck II 12. — Eversberg I 13. — Falkenstein 
(Boland, Minzenberg) II 21. IV 35. V 13. — Filangieri I 22. — 
Flügling V 14. — Gelluden (Ballenhusen?) UI 4. — Germersheim 
I 3. V 11. — Gienberg (Bienburg?) IV 34. — Giselingen 
(Nürnberg?) IV 29. V 11. — Gnufting (Raderach) I 20. — 
Grindlach (Nürnberg) HI 8. — GroitsehIV 10. 15. V 11. — Gron 
(Groitsch?) IV 15. — Hagen (Minzenberg) IV 8. V 3. 20. — 
Hagenau 1 5. 8. 9. 10. 13. 20. IV 9. Y 11. — Helmsceliingen III 
3. — Hohenfels (Boland) IV 33. V 13. — Hohenzollern IV 35. — 
Horenburg I 10. — Huebor? I 10. — Husen (Anweiler) II 3. 7. — 
Justingeil I 6. 13. 17. 23. V 4. 8. — Kalentin (Pappenheim, Testa) 
IT. 11. 15. 17. V 8. — Kemnat V 14. — Kestenburg (Speier, 
Trifels) IV 15. 17. V 10. 11. — Klingcnberg (Scliipf) III 5. 15. 

16. 21. 22. V 13. - Kolbo (Schipf) III 5. 9. — Lautern I 4. 9. 
III 2. 9. 20. IV 14. 30. V 11. 16. — Leren (Werd) IV 26. — 
Limburg (Schipf) III 16. 21. 22. V 13. — Lindach (Weinsberg) 


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Die Reichshofbeamten der slaufischen Periode. 


549 


IV 2. - Lupus IV 31. — Lure I 13. 21. — de Maciis (Kolbo, 
Schipf) III 5. — Merern II 20. — Minzenberg (Hagen, Falkenstein) 
IV 8. 19. 21. 33. 38. V 3. 8. 13. 19. 20. — Mahlhusen IV 12. 
18. 30. 11. — Nambach I 13. — Neuenburg IV 12. — Norden- 
berg (Rotenburg) II 26. — Nürnberg (Grindlach. Giselingen?) 

III 8. IV 29. V 11. — Pappenheim (Kalen I in, Testa) I 2. 3. 7. 

17. 18. 19. 20. 23. V 3. 16. 19. 20. — Peine (Wolfenbüttel) II 17. 

— Preising V 14. — de Principatu I 22. — Pris (Schipf) III 

— Querfurt I 23. — Rabemint (Pappenheim ?) 1 7. — Rahenstein 

IV 31. V 4. — Raderach (Gnufting) I 20. — Rasche I 20. — 
Ravensburg (Rienburg) IV 16. 19. 23. 24. 28. 34. V 8. 12. — 
Rechberg I 10. 12. 19. V 3. 12. — Revinringen IV 30. — Rivello 
II 20. — Rötingen (Schipf) III 13. — Rotenburg (Nordenberg) 
II 2. 3. 4. 8. 10. 24. 28. 26. V 4. 16. 19. 20. — Salzberg II 19. 

— Scharfenberg II 3. — Schildberg V 14. — Schipf (Pris, Kolbo, 
de Maciis, Klingenberg, Rötingen, Limburg) III 2. 8. 11. 13. 14. 

18. 16. V 8. 16. 19. 20. — Schlegelthal I 10. — Schlotheim II 
11. — Schmalneck (Winterstetten) III 18. 21. V 13. — Schmidel- 
feld U 21. — Schonenberg IV 3. 7. 18. V 11. — Seefeld II 11. 

— Seinsheim IV 38. — Seideneck II 26. 27. — Siebeneich IV 8. 
6. 14. 18. 22. V 20. — Speier (Kestenburg) IV 11. 18. 30. V 
10. 11. — Spilenberg IV 2. — Staufen UI 19. IV 18. V 11. 16. 

— Strassburg I 8. 10. V 11. — Sulz *U 8. — Tanne (Waldburg, 
Winterstetten) U 18. III 12. 17. 18. V 12. 16. — Tannhausen IV 
20. — Testa (Kalentin) I 7. — Tobil IV 34. — Trifels (Kestenburg) 
IV 18. — Tungau I 20. — Ummendorf I 20. — Velsberg II 19. — 
Voburen (Vohburg?) I 10. — Volkmerode I 14. — Vourwurs 
(Romeneburg?) U 8. — Waldburg (Tanne, Warthusen) U 9. 10. 
13. 18. 16. 18. 22. 27. IU 17. V 3. 8. 12. — Waldhusen HI 4. 6. 

IV 18. V 16. — Walhusen IU 6. IV 4. 12. 18. V 11. — Wal- 
purgfeld IV 17. — Waltenhofen 16. — Wartemberg HI 9. — 
Warthusen (Waldburg) II 22. — Weinsberg (Lindach) IV 2. 38. 

V 16. — Wellenburg V 14. — Werd (Leren) IV 26, V 11. — 
Wilre U 12. — Winterstetten (Tanne, Schmalneck) IU 18. 21. 22. 
V 12. 13. — Wirzburg U 19. — Wisent I 21. — Witolshausen 
II 19. — Wittingeo (Waldburg?) U 9. — Wolfenbüttel (Peine) 
II 13. 17. V 8. 17. - Worms IV 11. V 11. — Zebingen II 11. 


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550 Freih. v. Schle htn-W«*th rd , Walachei, Moldau, Bessarabien etc. 


SITZUNG VOM 12. NOVEMBER 1862. 


Vorgelegt: 

Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow 
(in der Mitte des vorigen Jahrhunderts). 

Ein topographisch* ethnographischer Beitrag zur Kennloiss der 
damaligen Türkei. 

Aus dem Türkischen übertragen: 
von dem c. M. Ottokar Freiherr v. Schlecht*- Wssehrd. 

VORWORT. 

Bekanntlich waren die Osmanen mehr Topophagen als Topo- 
graphen und fanden es erspriesslicher, Länder in Besitz zu nehmen 
als sie zu beschreiben. In Folge dieses Grundsatzes hat ihre Literatur 
yerhältnissmässig wenig geographische Leistungen aufzuweisen und 
die bedeutendste derselben, Hadschi Chalfa's, des türkischen „Ritter* 4 , 
„Dschihann&ma“ beschränkt sich auf Asien und Theile der europäi- 
schen Türkei. Seine Schilderung dieser letzteren der Vergessenheit 
entrissen zu haben *) ist das Verdienst Hammer-Purgstairs, dessen 
Gedächtniss — was immer Pygmäen an dem stumm gewordenen 
Giganten zu bekritteln finden mögen — jedem Orientalisten für alle 
Zeiten theuer bleiben wird. Von einer ähnlichen Beschreibung der 
übrigen Provinzen und Dependenzen des osmanischen Reiches aus 


*) Siehe Rumili uud Bosna. Wien 1812. 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow. SSI 

einheimischem Kiele hat, mit Ausnahme flüchtiger Andeutungen in 
den „Reisen Ewlia Efendi’s“ *), deren ausgebreitetere Bekanntschaft 
gleichfalls dem Fleisse Hammer- Purgstall’s zu verdanken, bisher 
nichts verlautet. In diesem Umstande, nämlich in ihrer Eigen- 
schaft als theil weisen Erstlingen ihrer Art, liegt, der Übersetzer 
glaubte es annehmen zu dürfen, eine Rechtfertigung der Veröffent- 
lichung nachstehender Notizen. Selbe sind dem umfangreichen Werke 2 ) 
eines türkischen Beamten entnommen der sich längere Zeit in eini- 
gen der Gegenden aufhielt welche er schildert, und somit in den 
meisten Fällen als Augenzeuge urtheilt. Die Zusammenstellung seiner 
Arbeit fällt, da das Jahr 1155 (1742) als spätestes Datum darin ange- 
führt ist, aller Wahrscheinlichkeit nach in die erste Hälfte oder 
in das zweite Drittel des vorigen Jahrhunderts. Bei der Übertra- 
gung wurde möglichste Treue angestrebt, daher auch Manches 
belassen was westländischer Anschauungsweise zufolge weniger 
passend erscheint. 

Der Übersetzer. 


l ) Narration of trarels io Europa, Asia and Africa etc. (London 1S34.) 

*) Selbea gilt als Unicom und befindet sich im Besitze meines gelehrten und gefälligen 
Freundes S. E. des Reichsrathes Ssubhi Bey in Constantinopel. Es zfihlt drei Bünde 
die auf 327 Folioseiten die Beschreibung Egyptens, Westafrika’s, der europfiischeu 
Türkei, des christlichen Europa’s, Amerika’* und eingestreute Notizen über osmanisches 
Hof-, Militfir- und Marinewesen umfassen. Der hier übersetzte Theil ist dem dritten 
Bande entnommen und wurde hiezu die Abschrift benutzt welche, durch den Über- 
setzer an Ort und Stelle erworben, nunmehr der k. k. Hofbibliothek zu Wien ange- 
hört. (Siehe Orientalin, neuer Fund.) 


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552 


Freih. v. Schlicht« - W»»ehrd 


Eflak (die Walachei) 

bildete ursprünglich mit der Moldau nur Ein Land; später wurden 
beide getrennt und erscheinen nunmehr als zwei abgesonderte 
Territorien welche von je einem Fürsten (Bey) mit dem Range 
eines Paschas von zwei Rossschweifen unter Oberhoheit der Pforte 
verwaltet werden. Derselbe wird in Gegenwart des Sultans mit einem 
Pelze und einem Janitscharenofficiers-Helme (Kuka) bekleidet und 
durch zwei grossherrliche Trabanten (Ssolak) in seine Wohnung 
zurückgeleitet. — Bei dieser Gelegenheit bezieht der Thorhüter der 
mittleren Seraipforte (Orta Kapu) gewisse Ehrengeschenke und 
Geldsporteln. Geht der Fürst auf seinen Posten ab, begleiten ihn 
ebenfalls zwei Trabanten (Peik und Ssolak) und ein Kämmerer 
(Kapidschi) des Grossherrn bis in seine ungläubige Residenz. 

Die ursprünglichen Einwohner der Walachei waren Scythen 
(Dschita), ein tatarischer Stamm. Kaiser Trajan (Trajano Krali) sie- 
delte 30.000 Individuen dort an welche Ackerbau trieben. Ein anderer 
römischer Kaiser jedoch setzte Soldaten -Colonien an deren Stelle, 
um sich gegen die Einfälle der Tataren eine Schutzwehr zu sichern. 
Im Jahre 866 moh. Zeitr. (1461 — 1462) wurde das Land von Sultan 
Mehmed Chan (II) dem Vater des Sieges, in Besitz genommen. 

Grenzen: 

Im Osten die Moldau; im Norden Polen ; im Westen Alt-Orsowa 
am Eingänge des Temeswarer Banates und Siebenbürgen ; im Süden 
der Donaufluss. 


Städte und Orte: 

Die Walachei zählt viele Städte und Flecken. Die vornehmste 
unter den ersteren ist Bukarest (Bükresch) *), zwölf Stunden von 
Giurgevo (Jergöji)*) an der Donau entfernt. 




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Walachei, Moldau, Beasarabien, die Krim, Taman und A»ow. 553 


Bikresch (Bukarest), 

unter dem 51. Längen- und 44. «/ 2 Breitengrade in einer Ebene an 
den Ufern eines Flusses welcher den walachischen Namen Dimbo- 
yitza fiihrt, ist eine wohlgebaute Stadt mit schönen und reichen 
Kirchen und prächtigen Häusern die zum Theile von Ungläubigen und 
zum Theile von Musulmanen bewohnt sind. Auch dient die Stadt zahl- 
reichen Kaufleuten zum Aufenthalte. Sie hat eine ausgedehnte Vor- 
stadt, wohlgebaute Märkte und zwei Bäder. Im Centrum der Stadt 
befindet sich auf einer Anhöhe ein Kloster das, einem Castelle gleich, 
von Mauern umgeben ist und von welchem aus man ganz Bukarest 
ubersieht. Besonders gut gebaut und, wie gesagt, reich geschmückt 
sind die Kirchen; sie tragen vergoldete Knäufe und Kreuze von 
verschiedenen Formen an der Spitze die auf eine Meile weit sichtbar 
sind. Über den Fluss führt eine feste Brücke. Die Umgegend ist 
fruchtbares Land mit Gärten und Weingärten. Jeden Nachmittag 
spielt die Militärmusik vor dem Fürsten. Sein erster Rathssecretär 
(Diwan Efendi), sein erster Aga und der Vorstand der Posttataren 
sind Mohammedaner, seine übrigen Hausofficiere Ungläubige. Kurz 
vor Schlafenszeit wird mittelst eines trömpetenartigen Instrumentes 
welches sie Tuba nennen, ein Signal gegeben worauf Niemand mehr 
sein Haus verlassen darf. Die Weinschenken der Stadt sind offen zu- 
gänglich. Knaben und Mädchen laden den ersten besten Ankömmling 
ein, um sehr geringen Preis seine Lust zu befriedigen. Viele Araber 
und Türken sind dort ihrem Glauben abtrünnig geworden und im 
Lande geblieben. 

Eine andere walachische Stadt heisst: 

Teragaseha *) (Tergowist). 

Sie liegt ih einer Ebene nahe der siebenbürgischen Grenze, hat 
eine ausgedehnte, von Gärten und Weingärten durchschnittene 
Vorstadt und eine grosse Kirche. Nebenbei strömt ein grosser 
Fluss. Die Häuser sind hübsch gebaut, auch gibt es dort Bäder und 
Markthallen. Die Umgegend hat ausgebreitete Wein- und Gemüse- 
gärten. Ein Gebirge trennt die Stadt von Siebenbürgen. 

Ein anderer Ort heisst: 




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554 


F reih. v. Schlechte- Wssehrd 


kirkdsch ? 0 

auf der Strasse nach der Moldau, eine Station (Merhele) von Buka- 
rest entfernt. 


Bote 3 ) (Buzeo) 

am Flusse gleichen Namens gelegen. Die Entfernung von dort nach 
Rustschuk beträgt 7 Meilen. Nahebei liegt der Flecken : 

Rinne *) (Ruranik). 

Landesheschaffenheit. 

Die Walachei ist ein sehr fruchtbares und sehr wohlcultivirtes 
Land. Ihre Städte und Flecken nicht minder als die meisten ihrer 
grösseren Klöster sind wie Festungen mit Ringmauern umgeben. 
Saubere Marktplätze, ganz nach städtischer Weise hergerichtet, die- 
nen zur Verschönerung. Flüsse, Quellen und Garlenland sind häufig. 
Fett, Honig, Rindvieh, Schöpse und Pferde sind in Unmasse vor- 
handen; Kühe und Schafe werden von den Viehhändlern (Dschelleb) 
bis Venedig und Polen verführt. Die Pferde sind stutzigen Naturells, 
doch zum schweren Tragen geeignet. Viehzüchter (Dschoban) gibt 
es in grosser Menge und, fände kein Verkauf in’s Ausland Statt, 
deren Producte würden binreichen, den Bedarf von Constantinopel 
mehr als zu decken. In einigen Flecken werden regelmässige Messen 
und Märkte äbgehalten. So in Krajova (Kral Owa)*) und mehreren 


& 


oder 


I° leresse der Feststelluug'der gegenwärtigen Benennung so- 


wohl dieses Ortes als der folgenden, mit einem Fragezeichen 
versehenen, auf der österr. Generalstabskarte von mir nicht aufgefundenen Orte 
habe ich mich an meinen hochverehrten Freund, den Herrn kais. Agenten und Gene- 
ralconsul in Bukarest, Freiherrn von Eder, gewendet desseu mit dankeswerthester 
Bereitwilligkeit angestetlte Nachforschungen in dieser Beziehung jedoch nur insofern 
Aufklärung boten, als selbe den Beweis herstellten, dass viele Örtlichkeiten in den 
beiden Ffirstenthumern überhaupt heutzutage ganz andere Namen führen als jene 
welche ihnen früher von den Türken beigelegt wurden. So mögen denn auch die 
fraglichen türkischen Ortsnamen später durch andere rumänische ersetzt worden 
und nunmehr in Vergessenheit gerathen sein. 


*) 


*) 


*) 


J 


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Walachei, Moldau, BeMarabien, die Krimi Taman und Asow. 555 

Orten an der Grenze von Siebenbörgen wo Kaufleute aus allen Rich- 
tungen zusammeoströmen. 

Minen. 

Die Walachei hat mehrere Salzbergwerke die man Okna *) 
nennt. Dort wird das Salz unterirdisch in grossen Stücken gebro- 
chen und zu Tage gefordert. Zum Betriebe werden auch Ver- 
brecher verwendet die dann auf Lebenszeit dort bleiben. Ferner 
gibt es in der Walachei: Gold-, Silber-, Kupfer- und Bleibergwerke. 
Eben so Erdpech -Quellen wo dieses Pech wie Wasser aus dem 
Boden hervorfliesst. Man füllt es in Schläuche und versendet es ausser 
Land wo man es bei der Wagenfabrication verwendet. Nahe bei 
den Quellen halten sich Leute auf die auf Verlangen gegen ein 
Trinkgeld von zwanzig bis dreissig Para die herausfliessende Masse 
in Brand setzen welche dann mit grosser Heftigkeit auflodert, wäh- 
rend der Rauch in der Luft verschiedene Gestalten bildet, als da 
Pferde, Kamele, Kioske u. s. w. was einen seltsameu Anblick gewährt. 

Volkscharakter. 

Die Walachen sind von misstrauischer Gemüthsart und daher 
zur Freundschaft durchaus nicht geeignet. Ihre Weiber sind aus- 
nehmend schön und werden hochgehalten, so dass die meisten 
Geschäfte in deren Hand ruhen. Die Tracht ist der ungrischeu 
ähnlich, die Sprache ein Gemisch aus Slavonisch und Russisch *). 
Die Walachen sind kriegerisch und tapfer. Sie verstehen Bogen und 
Pfeil, Flinte und Säbel zu handhaben. An ihren Fürsten (Woiwoden) 
zahlen sie jährlich i 00.000 Goldstücke. Das Kopfgeld welches sie 
jährlich an die hohe Pforte abliefern, beträgt 100.000 Piaster. 
Früher hatte ausserdem jedes zehnte Haus jährlich je ein Rind an 
den Fürsten abzustellen. Jetzt aber nimmt man ihnen monatlich je 
ein Rind ab. Überdies zahlen unter dem Titel „Okarit“ je ein Rind 
monatlich 20, je ein Schöps 10 Aspern Steuer. Rindvieh und 
Hammel gibt es in der Walachei in so ausserordentlicher Menge, 
dass man davon nach Russland, Polen, Ungern, Danzig, Böhmen, 


■) 

*) Die Unrichtigkeit dieser Angabe ist sattsam bekannt. 


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556 


Freih. r. Schlecht«- Wtsehrd 


Schlesien, Österreich, Bosnien, ja bis Rom ausfiihrt. Wachs, 
Getreide, Fett und Salz jedoch gehen ausschliesslich nach Constsnti- 
nopel. Bei Eröffnung eines Feldzuges verfügt sich der Woiwode 
persönlich an die Donau, um den Brückenschlag zu leiten. Er stellt 
Pontons, Balken, Bauholz und Bretter bei. Statt eiserner Anker 
bedient man sich viereckiger, an einander gereihter und mit 
Steinen beschwerter Kisten welche mittelst 120—150 Klafter 
langer, aus Weinranken gedrehter und an die Pontons befestigter 
Taue in die Donau versenkt werden und die Pontons in unbeweg- 
licher Stellung erhalten. Behufs des Transportes von Kriegsbedarf, 
Munition und Gepäck der türkischen Heerführer liefern die Wa- 
lachen und Moldauer über sechstausend Fuhrwerke und Miethpferde. 
Sie selbst führen im Kriege Säbel, Flinte, Lanze, Bogen und Pfeil. 
Den Kopf bedecken sie mit einem Helme (Thuglugha). Die Mehr- 
zahl ist beritten, das Fussvolk trägt Schaufel und Spaten und zieht 
dem Heere voran, um die Wege zu ebnen. Man nennt es Baldar. 
Die Walachen eben so wie die Tataren schneiden ihren Pferden die 
Nüstern auf, um ihnen das Athmen zu erleichtern. In früheren 
Zeiten betrug das Contingent welches sie im Kriege stellten, 
60.000 Mann Reiterei unter Anführung ihres Woiwoden. Sie sind 
tapferund rasch in ihren Bewegungen. Der Woiwode wird, wie 
bereits bemerkt. Seitens der hohen Pforte ernannt und vor seinem 
Abgänge auf seinen Posten in Gegenwart des Sultans mit Pelz und 
einem Janitscharen-Officiers-Helme bekleidet. Ein Tschausch der 
dann den Dienst eines Fahnenträgers (Sandschakdar) versieht, zwei 
Kämmerer (Kapitschi) und zwei grossherrliche Leibtrabanten (Peik 
und Ssolak) begleiten ihn auf der Reise. In den Städten welche sie 
passiren, schreiten die Kämmerer und Trabanten in feierlichem Zuge 
voraus. Dasselbe Ceremoniel wiederholt sich bei dem Einzuge in 
Bukarest. Dort wohnt dieses Ehrengefolge in eigens ihm angewie- 
senen Häusern, erhält Kleidung nebst Reisegeld und wird, nach 
Empfang der hergebrachten Taxen, hochgeehrt nach Hause ent- 
lassen. Die Sporteln (Awald) welche der Woiwode zu entrichten hat, 
betragen für den Grosswezir 100.000 Gulden (flori) und so weiter 
nach diesem Verhältnisse für den Reis-Efendi und die übrigen Wür- 
denträger. Der Sultan erhält zum Bairam einen Zobelpelz, die Sul- 
taninn-Mutter und der Harem Zobel-, Fuchs- und Hermelinpelze und 
goldgewirkte Stoffe im Gesammtwerthe von mehr als 200 Beutel. 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Tarnen und Asow. 557 


Auch der Grosswezir und die übrigen Grosswürdenträger erhal- 
ten bei Gelegenheit desselben Festes, ausser kostbaren Wolfs- und 
Fuchspelzen nebst Tüchern und Stoffen, Geldbeträge und, je 
nach der Jahreszeit, Naturallieferungen an Schmalz und Honig. An 
den Fiscus zahlt die Walachei, wie bereits erwähnt, jährlich nur 
100.000 Piaster. Da aber jeder neu ernannte Woiwode an Sporteln 
1200 Beutel zu erlegen hat, übersteigt die jährliche Gesammtaus- 
lage an solchen Gebühren den Betrag des an den Fiscus zu ent- 
richtenden Tributs um das Vierfache. Zur Zeit Sultan Soliman's war 
die Walachei mit 48.000 und die Moldau mit 30.000 Häusern (im 
Kataster) verzeichnet. Durch Bedrückungen der Woiwoden wurde 
diese Zahl nach und nach vermindert. Zehn Bojaren welche im 
Lande gewissermassen die Stelle von Prinzen (Kralzade) einnehmen, 
sind die erblichen Besitzer des gesammten Grund und Bodens und 
verflogen über das Volk beiläufig wie über Sclaven. Jeder dieser 
Bojaren treibt in dem ihm unterstehenden Bezirke die Steuern ein 
und führt sie an die Centralcasse in Bukarest ab. Auch hat das 
Land einen eigenen Finanzverwalter und Finanzsecretär welche 
Rechnung führen über Einnahmen und Ausgaben. Der Woiwode ist 
dort zu Lande eine Art von Grosskönig (Krali kebir). Jener der 
Walachei steht im Range höher als der der Moldau. Der Erstere 
hat den Rang eines Wezirs, der Letztere blos eines ßeylerbeys. 


Boghdan (die Moldau). 

Dieses Land hiess ursprünglich Dacia *). Seine neuerliche 
Benennung stammt von der dort gedeihenden Getreidesorte mit 
schwärzlichem Fruchtkolben (kara boghdai), daher sein Namen: 
Kara boghdan. 

Grenzen, Volkscharakter, Städte und Orte. 

Die Grenzen der Moldau sind : im Osten das schwarze Meer, 
im Westen Siebenbürgen und die Walachei; im Süden theils die 


*) des Originals scheint mir verschrieben fflr ljUo 

Sitzb. d. phil.-biat. CI. XL. Bd. IV. Hfl. 37 


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5S8 


Freih. v. S ch I ech (a - W ssehrd 


Walachei theils die Donau; im Norden der Dniesfr (Turla). Die 
Moldauer sind gcwaltthätige und treulose Christen. Ihr Woiwode 
wird eben so wie jener der Walachei von der Pforle ernannt. Seine 
Residenz ist: 


jAsch (Jassy). 

Sie liegt nach Angabe des Atlas minor beiläufig unter dem 
52. Längen- und dem 47. Breitengrade, hat Markthallen v ein Bad 
und ein Schloss des Fürsten welches „Corte“ heisst. Auch finden sich 
mehrere wohlgebaute Klöster daselbst; doch ist die Stadt im Ganzen 
nicht so schmuck als Bukarest. Dagegen gibt es in der Moldau 
manche andere sehr wohlerhaltene Städte und Flecken, als da: 

Sndschaw *) (Suczawa) , 
die alte Residenz, eine schöne Stadt. 

Isniandsche *) (Niamcz), 
beiläufig zehn Meilen diesseits gelegen. Ferner 

Kalas 3 ) (Galaz), 

an der Donau, hat gut gebaute Markthallen und einige prächtige 
Klöster, jedoch kein Bad. Ein Serdar der Janitscharen hat dort seinen 
Sitz und zwar ward derselbe auf Verlangen des dortigen Inspectors 
der Fischerei und der Bojaren bestellt, um die zahlreichen Lazen 
(Serben?) im Zaume zu halten die sich als Taglöhner dort ein- 
finden und häufig zu Raufhändeln Anlass geben. Die Scala von Galaz 
wird von Schüfen aus Constantinopel und Egypten besucht welche 
Schlehdornholz (Kizldschik) laden das im letzteren Lande zu Klopf- 
stöcken (mathrak) verarbeitet wird. Nach Constantinopel verfuhren 
sie Bauholz und Salz in Stücken. Auf der Strasse von Jassy nach 
Chotin liegt am Ufer des Pruth: 


*) 2 ) 


3 ) 


(nach moderner Schreibart 




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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Tnmau und Asow. 


559 


Dschudschire ? «) 

ein Getreide - Depdt des osmanischen Fiscus. Dorthin werden 
die in Rumelien und an den Donauufern aufgekauften Getreidevor- 
räthe geschafft welche bestimmt sind, entweder bei Feldzügen gegen 
Russland und Polen für die Armee,’ oder zur Verproviantirung der 
Garnison von Chotin verwendet zu werden. Das Getreide wird näm- 
lich bei Tomarova 2 ) (Reni), einem Dorfe am Ausflusse des Pruth in 
die Donau, auf kleine Fahrzeuge und Flüsse geladen und zu Wasser 
bis Dschudschire geschafft wo sich auch meistens ein eigener Proviant- 
Inspector befindet der es in Empfang nimmt und im Depdt unter- 
bringt. Die Entfernung von dort bis Chotin beträgt 42 Stunden. Von 
Chotin selbst bis zum Pruth sind zwar (den kürzesten Weg an- 
genommen) nür sechs Stunden Weges, doch hindern an mehreren 
Stellen gefallene Stämme die Schifffahrt, so zwar dass die Fahrzeuge 
nicht so weit stromaufwärts fahren können. Der äusserste Punct bis 
wohin selbe gelangen mögen, ist der Flecken Kanli köprü (Blut- 
brücke). Unweit von Dschudschire wurden vormals aus den Gruben von 
Chan Tepe (Chans-Hügel) grosse Massen von Salniter gewonnen. 
Nach Laz Mustapha Agha's, des letzten Unternehmers, Tode meldete 
sich jedoch kein neuer, so zwar, dass die Gruben durch einige Zeit 
unbenützt blieben. Gegenwärtig aber soll, wie ich höre, dessen Sohn 
sich wieder daran gemacht haben, sie auszubeuten und den Salniter 
an das Münzamt zu Constantinopel und nach anderen Orten zu 40 
Asper die Okka ausverkaufen. Er hat nicht weniger als drei tausend 
Untergebene die einzig und allein von ihm abhängen, dem Woiwoden 
der Moldau keine Steuern zahlen und nach Salniter graben wo sie 
nur immer mögen, müssten sie selbst zu diesem Zwecke den Grund 
einer Kirche umwühlen. Die moldauischen Fürsten sind übrigens ge- 
schworene Feinde dieses fiscalischen Vorrechtes welches aufheben zu 
machen sie nicht im Stande sind. Es konnte ihnen daher auch nur 
im allerhöchsten Grade willkommen sein, als die Russen im Jahre 1152 
(1739) Chotin einnahmen und auch Mustapha Aga starb, so zwar 
dass der Betrieb der Salnitergruben, wie gesagt, eine Zeit lang 


37 ' 


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SCO 


Freih. v. Schlecktn-Wssehrd 


unterblieb. Die Quantität des dort zu Tage geforderten Salniters ist 
so bedeutend, dass sie die hohe Pforte jeden Bedarfes nach einer 
anderweitigen Bezugsquelle überhebt und zudem ein Überfluss 
erübrigt. Doch müsste, um die Sache gehörig auszubeuten , erstens 
dem Unternehmer ein ausreichender Vorschuss an Geldmitteln 
gewährt und zweitens auf die gegen den Betrieb überhaupt gerich- 
teten Einstreuungen der Woiwoden keine Rücksicht genommen 
werden, denn diese sind ohnedem wahre Feinde der osmanischen 
Regierung. Hat doch der Woiwode Michal *) als Entgelt für die 
Schleifung von Chotin der Pforte 30.000, dem Mustapha Pascha, 
Kiaja des früheren Festungscommandanten Jusuf Pascha, 150, dem 
ehemaligen Defterdar der Stadt und gegenwärtigen Oberproviant- 
meister Mustapha Efendi 50 und dem Schreiber dieses der ich 
damals Secretär war bei der Arsenalverwaltung und in der Finanz- 
kanzlei zu Chotin, 15 Beutel anbieten und das von ihm untersiegelte 
Verzeichniss der angegebenen Bestechungssummen durch seinen 
Agenten, Namens Jamandi, dem Pfortenagenten des genannten 
Defterdars zu Constantinopel, damaligem Archivsdirector in der 
Residenz , einhändigen lassen, .wofür er auch noch am selben Tage 
abgesetzt und der Pforten-Dragoman Ligor l ) an dessen Stelle zum 
Fürsten der Moldau ernannt wurde. Dieser war aber ein noch weit 
niederträchtigerer Unglänbiger als sein Vorgänger, indem er, kaum 
in Chotin angekommen, es dahin brachte, dass die Festung den 
anrückenden Russen in die Hände fiel. Was aber verlor er dabei? 
Hatte er doch zahlreiche Gönner in der Hauptstadt und begnügte 
man sich doch damit nur seinen Bruder, den Pforten-Dolmetsch, 
vor Alai Köschk *) hinzurichten , während er selbst sich noch heutzu- 
tage der besten Gesundheit erfreut. 

Art und Weise den Salniter zu gewinnen. 

Die Erde wird aufgegraben und über die Gruben ein langes 
rinnenartig ausgehöhltes Brett gelegt worauf man die Fässer und 
Körbe stellt in welche die ausgeschaufelte Erde eingefüllt wird. 
Auf diese giesst man dann heisses Wasser welches, unterhalb wieder 

*) Michael Rakowitr.a. 

*) Gregor Gbyka. 

*) Ein Kiosk des Palastes von Topkapu in Constantinopel zwischen dein Serai-Thore 
„Babi humqjtin" und der heutigen Pforte des Grosswezirs. 


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Walachei, Moldau, Bessarabieu, die Krim, Taman und Asow. 


561 


ablaufend, in Kessel geleitet wird wo man es umrQhrt und siedet, 
worauf man Holzstäbe in die Kessel steckt an welche sich im Zeit- 
räume einer Nacht der Salniter in der Dicke eines Fingers ansetzt. 
Um noch ausgiebigere Resultate zu erzielen, muss die Operation 
mehrere Male wiederholt werden. Kein Land producirt besseren 
Salniter als der hierortige. Das türkische Ärar bezieht ihn, wie er- 
wähnt, zum Preise von 40 Aspern die Okka. So viel über Dschudschire, 
um die Aufmerksamkeit für die Zukunft auf diesen wichtigen Punct 
zu lenken. 


Städte und Orte. 

Gegen die moldauische Grenze zu, auf der Strasse nach Chotin 
liegt, unweit der Station Stephaneschti *) ein Eichenwald welcher 
den Namen „Polengehölz“ (Leh kurusi) führt. Dort fand nämlich vor 
Zeiten zwischen Polen und Moldauern eine Schlacht Statt in welcher 
die Letzteren siegten und den polnischen Anführer (Hetman) 
gefangen nahmen. Man legte ihm ein Joch auf, spannte ihn vor den 
Pflug und zwang ihn zu ackern. In die von ihm gezogenen Furchen 
wurden dann Eicheln gesäet die seither zu mächtigen Stämmen auf- 
wuchsen. Daher die erwähnte Bezeichnung. Jenseits Stephaneschti 
auf dem Territorium von Chotin am Ufer des Pruth liegt in einer 
Ebene der Ort 


Ak lesdschid 

mit einer von dem Gouverneur von Oczakow, Abdi Pascha, auf Für- 
bitte des tapfern Agha von Ak Mesdschid im Jahre 1130 (1715) 
erbauten Moschee in welcher die Richtung der Gebetnische (Kibla) 
durch den Schreiber dieses bestimmt wurde. 

Jenseits dieses Ortes und gleichfalls am Ufer des Pruth liegt 
Kanli Köprü (Blutbrücke) wo die Lipkaner 2 ) ihren Sitz haben. 
Es ist ein überaus wohlgebauter Flecken. Im Jahre 1137 m. Z. 
(20. September 1724 — 8. September 1725) baute Kodscha 
Mustafa Pascha dort eine Moschee. Von dort bis Chotin beträgt die 
Entfernung sechs Stunden. 


*) lilwl Aju IU AiJ 


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Freih. v. S c li I e c h t n - \V s s e li r d 


Chotin 0 (Choczim). 

unter dem SO. Längen- und 48. Breitengrade auf dem moldaui- 
schen Ufer des Dniestr in einer Thalenge gelegen. Unterhalb der auf 
einem Felsen gebauten alten Citadelle liegen in der Thalsenkuog 
neue Fortificationen sackförmig ausgebreitet. Innerhalb der genann- 
ten alten Citadelle befindet sich eine aus einer ehemaligen Kirche 
umgewandelte Moschee, die Wohnung des Inspectors über das Fuhr- 
wesen (Dschebedschibaschi), jene des Grenzhüters (Dizdar), die 
Kasernen der Artilleristen und die Häuser des Imam und des Gebet- 
ausrufers. Diese alte Festung ist mit viel Kunst und Geschick ange- 
legt. Die Erdgeschosse enthalten Magazine aus welchen gemauerte 
Gallerien und Gänge in’s Freie führen. Zu den sehr hübschen Wohn- 
zimmern der Garnison steigt man, wie zu Minareten, auf Stiegen 
empor. Dieselben sollen, wie die Sage geht, einst zu einem Mädchen- 
Serai (Kiz Seraji) gehört haben. In der Mitte dieser alten . Citadelle 
ist ein dreihundert Klafter tiefer,* in harten Fels gegrabener Brun- 
nen der vom Dniestr gespeist wird. Die Festung steht unter talis- 
manischen Einflüssen, indem weder Scorpione noch Schlangen und 
ähnliche schädliche Reptilien, noch auch Hühner und Tauben daselbst 
am Leben bleiben. Letztere müssen daher von aussen zugefuhrt 
werden. Innerhalb der Citadelle zurückbehalten, stehen sie nach ein 
paar Tagen um. Eben so sterben Schlangen die zufälliger Weise auf 
Heuwägen hereingebracht werden, alsogleich, sobald sieden Boden 
berühren. Die Thürme sind sehr hoch, nützen aber wenig, da sie von 
umliegenden höheren Puncten so sehr dominirt werden, dass man sie 
von der ausserhalb gelegenen Position wo das Residenzschloss des 
Pascha steht, mit Handgranaten bestreichen kann. 

Die ausserhalb des alten Castells neu aufgeführte Festung hat 
vier Thore: das von Constantinopel, das von Temeswar, das Wasser- 
thor und das „heimliche“ Thor 8 ). In dieser äusseren Festung finden 
sich zwei Bäder, zwei Moscheen und, nahe am Constantinopolitaner 
Thore, zahlreiche Markthallen; ferner gegenüber der innern Cita- 
delle in der Thalenge ein Bad, die Pforte des Janitscharen-Agha’s, 
unweit derselben die Moschee des Janitscharen-Agha's (Aga dscha 


’) 2 ) 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow. 


563 


missi) und die Kasernen der Janitscharen, endlich am Saume *) der 
Thalenge das Pulvermagazin. Höher, nahe beim Constantinopolitaner 
Thore, liegen : das Serai des Pascha und gegenüber das Haus seines 
Rathssecretärs (Diwan Efendi). Diesem letzteren gegenüber befindet 
sich das prächtige und reich bemalte öffentliche Bad des Defterdar 
Kasim Efendi welches den Bädern in Stambul ähnelt; ihm gegenüber 
eine Fontaine und die Moschee der verstorbenen Sultaninn-Mutter, nahe 
dabei das Tribunal (Mehkeme) und der Friedhof wo Abdi Pascha 2 ) 
begraben liegt. Auch ruhen mehrere Defterdare dort und Ober- 
controlore (Mokabeledschi). Gegenüber dem Moscheenthor lag die 
Wohnung des Verfassers wo er im Jahre 1136 (1723 — 24) seinen 
Sohn verlor auf dessen Tod er ein Chronogramm anfertigte und selbst 
auf dem Grabstein einschrieb. Auch schlummern mehrere fromme 
Männer auf demselben Friedhofe. Abdi Pascha's Ruhestätte war mit 
eiuem schön gearbeiteten und reichverzierten Sarkophage aus Marmor 
bedeckt. Der darauf angebrachte Wezirs-Turban (Kalewi) war ver- 
goldet. Die russischen Ungläubigen jedoch, als sie die Festung in Be- 
sitz nahmen s ), rissen die Bleidachung und das Pflaster der Moschee 
auf und zerschlugen aus Verachtung auch jenen Sarkophag Abdi Pa- 
scha's. Innerhalb des Constantinopolitaner Thores, rechts, liegen Kaser- 
nen der Artillerie und des Fuhrwesens, die Wohnungen ihrer Agha's 
und das Serai des Defterdars; zur Linken trifft man eine geräumige 
und schön gebaute Getreidevorrathskammer die weder im Innern Rume- 
liens, noch in den Scalen (Eskele), noch auch in anderen Festungen 
ihres Gleichen findet. Die Bretter aus welchen sie gebaut ist, wurden 
auf Veranlassung des Verfassers, laut höheren Befehls, von dem Woi- 
woden der Moldau geliefert, sind aus, auf den dortigen Bergen gefäll- 
tem Eichenholz, 24 Pik (Siraa) lang, zwei Spannen breit und eine 
halbe Spanne dick. Anstossend an das Bad des Defterdars Kasim Efendi 
liegen eine hübsch gebaute Schule und ein Verkaufsgewölbe. Die 
Vorstadt ist sehr weitläufig. Dort in der Nähe des Serai's Kultschak 
Pascha’s befindet sich die aus einer Kirche umgewandelte Moschee „Aja 
Sofia“; in der Mitte des Marktes die Moschee des Defterdars Mustafa 
Efendi, endlich, ausserhalb der Verschanzungen der Vorstadt in dern 


•) & (fehlt bei Meuiuski). 

2 ) Der später mehr erwähnte Seriasker der Moldau. 
Am 3t. August 1739. 


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564 


Freib. v. Schlecht* -Wasehrd 


Viertel wo die Lipkaner wohnen, die Moschee Atak dschamissi. 
Die Professoren, Imamer, Prediger, Koranleser, KQster und Gebet- 
ausrufer dieser letzgenannten Moscheen erhalten ihre Besoldungen 
vom Ärar und zwar aus den Mauteinkünften von welchen sie der 
Defterdar allmonatlich in Abzug bringt. Aus derselben Quelle werden 
die Beleuchtungskosten dieser Gotteshäuser bestritten. Ausserdem gibt 
es noch viele kleine Moscheen die sich durch Spenden wohlthätiger 
Private erhalten. Jene ersterenaber sind sogenannte grossherrliche Mo- 
scheen und das Freitagsgebet wird dort abgehalten. Bäder gibt es im 
Ganzen neun. Auf den wohleingerichteten Märkten sind Zünfte aller Art 
vertreten. Der Markt selbst ist zum grössten Theil überdacht. Als die 
Russen die Stadt nahmen, plünderten sie ihn und trieben ausserdem, 
wie versichert wird, noch an Baargeld und Waaren 25.000 Beutel 
zum Besten ihrer Regierungscassa ein. Einem einzigen Kaufmanne 
Namens Simon wurden, seiner Aussage zufolge, allein baare 
600 Beutel abgenommen. Die alte Citadelle von Chotin wurde zuerst 
im Jahre 1 030 (1621) von Sultan Osman (II.) in Besitz genommen, aber 
ihrer Entfernung von der Hauptstadt halber, deu Woiwoden der 
Moldau überlassen. Unter Sultan Ahmed (111.) wollte der später im 
Kampfe gebliebene Ali Pascha 1 ) den Stanislaus zum König von 
Polen erhoben wissen zu welchem Zwecke im Jahre 1125 (1713) 
60.000 Mann türkische Truppen unter dem Seriasker Abdi Pascha 
und dem Chan der Tataren Kaplan Gerel gegen Dschudschire vorrück- 
ten *). Doch ward der Sache nicht weiter Folge gegeben, da seitens 
der ungläubigen Österreicher schriftliche Einsprache erfolgte und man 
die bestehenden Tractate nicht verletzen wollte. Damals wurde die 
alte Citadelle von Chotin mit einem neuen Erdwalle umgeben den 
man später durch einen aus Stein ersetzte. Da selbe aber verhält- 
nissmässig tief liegt, kann sie feindlichem Feuer unmöglich Stand 
halten. Die Chronogramme über dem Constantinopolitaner dem 
Temeswarer und dem Wasser-Thore sind von Dschanbaz-Zade aus 
Adrianopel, Gold auf Lasur, im Taalik-Zuge geschrieben. Jenes über 
dem erstgenannten Thore ist von Schehid Ali Pascha ’) verfasst Zur 
Zeit der Beendigung der Festungsarbeiten war der Schreiber der 


*) Damad Ali, auch Schehid Ali, Günstling und Grosswezir Ahmed des Dritteo, fiel vor 
Peterwardein im Jahre 1716. 

*) So, und nicht „Gerai* oder „Girai“ hörte ich den Namen von Tataren aussprechen. 
Der oben genannte Grosswezir. 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow 


565 


vorliegenden Zeilen Secretär im Departement des Munitionswesens 
zu Chotin. Abdi Pascha der ebeu zum zweiten Male aus Egypten 
zurflckgekehrt und währeud seines Aufenthaltes zu Chotin zum Gou- 
verneur von Oczakow und Seriasker ernannt worden war, befahl, die 
Gelegenheit durch einChronogramm zu feiern welches, zwölf Verse 
lang, von mir verfasst, in Stein gegraben und vergoldet wurde. Ein 
anderes verfasste ich und schrieb es auf Marmor für das Portale des 
„heimlichen Thores“ wofür ich von der Garnison 200 Aspern an Lohn 
nebst einem halben Beutel und einem schönen Gewände als Ehrenge- 
schenk erhielt. Aus derVerlassenschaflt des unter S. Ahmed (I.) Un- 
gerichteten Nassuh Pascha wurden dreihundert drei und drcissig 
Stück werthvolle Bücher als Stiftgut (Wakf) nach Chotin zum 
Gebrauche der dortigen Leser abgetreten und in einem derThürmeder 
alten Citadelle oberhalb der Moschee in eigenen Kästen untergebracht. 
Auch wurden ein Bibliothekar und Aufseher darüber bestellt. Ebenso 
befanden sich in der Moschee des Janitscharen-Agha's unter Aufsicht 
eines besonders hierzu ernannten Bibliothekars, 200 Bände welche 
derJanitschareu-AghaEwIia Hasan dorthin gestiftet hatte. Sämmtliche 
Bücher aber wurden von den Russen geraubt und nach Russland 
gebracht wo sie theils in Verlust, theils in die Hände der Juden 
geriethen welche einige davon dem dort gefangen gehaltenen Jahia 
Pascha *) brachten der sie um einen Spottpreis erstand. Andere 
wurden durch die Lipkaner den Juden abgehandelt und dann in 
Constantinopel und anderswo verkauft. Ein grosser Theil derselben 
jedoch befindet sich noch heutzutage in Russland. Im Nordwesten 
von Chotin, gegenüber dem Fort von Svaniec (auch Svancze) ’), 
bei dem „Atak“ 4 ) genannten Orte, hat der Defterdar von Chotin, 
Mustafa Agha, einen Jahrmarkt gestiftet und zu diesem Zwecke 
einen grossen Kiosk am Ufer des Dniestr, ein Zollhaus, Kaufläden 
für die Handelsleute und Ställe für die Pferdehändler erbaut welche 
letztere den grösseren Theil der Messbesucher ausmachen. Auch 
sind dort fünfzig Weinhäuser wo polnische Musikanten und hübsche 
Freudendirnen ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Zwanzig 


') Im Jahre 1614. 

*) Siehe Hammer - Pu rgstal l's Geschichte des osm. Reiches. Bd. VII, S- 604. 

3 ) 

4 ) Das Otaki oder Otoki der Karten. 


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566 


Freih. v. Schlechta-Wssehrd 


Janitscharen sorgen für Aufrechthaltung der Ordnung. Dieser Markt 
findet siebenmal im Jahre Statt. Später, als die (türkische) Regie- 
rung davon Kunde erhielt, wendete sie die Zolleinkünfte desselben 
als Fruchtgenuss einem Secretär des Diwans und anderen Würden- 
trägern zu. Gegenwärtig bilden dieMauth von Cbotin und das Ertrag - 
niss des besagten Jahrmarktes eine Dotation (Chass) des Gouver- 
neurs. Vor der russischen Eroberung war der Aufenthalt in Chotin 
wohlfeil. So kosteten zwei Kilo Gerste einen Para, 1500 (?)Okka vom 
besten Mehl einen Piaster, 25 Okka Butter einen Piaster. Von pol- 
nischem Tuche wurde der Pik zu 15 bis höchstens 40 Para verkauft. 
Feinen Wolfspelz (Dschulkafa) erhielt man um 20 — 30 Piaster, 
Fischotter um 2 Aspern das Fell, Hermelin um 8 Para, russischen 
Fuchs um 40 — 50 Para. Letztere Gattung führten die Kosacken in 
Lasten umher. Eben so Fuchspelz von den Halstheilen (Nafe). Petit- 
gris-Pelzwerk (Sindschab) verkauften die polnischen Kaufleute zu 
2 Piaster den Thulum *)und baten noch, dass man es abnehme, denn 
jeder Winkel war voll damit. Thee, Bernstein, Ingwer, Gewürz- 
nelken und Muscatnüsse wurden in grosserMenge inHandel gebracht. 
Zimmt, Gewürznelken und Muscatnüsse kosteten bei den Gewürz- 
händlern 4 Piaster die Okka. Goldgespinnst war von drei Sorten zu 
haben, die beste Sorte zu 80, die zweite zu 45 — 50 Piaster, die dritte 
Sorte noch wohlfeiler. Auf den Bezug von Thee, Schnüren und Bern- 
stein von dorther machte der Schreiber dieses die Pforte zuerst 
aufmerksam. Namentlich fand der polnische gedruckte Ziz (Dschit) 
von dort aus Eingang nach Constantinopel. Vom Ziz kostete der Pik 
10 Para, vom besten 40 Aspern. 

Das Klima von Cholin ist sehr gut, das Wasser klar; Quellen 
sind häufig, eben so smaragdgrüne Berge und Eichenhaine. Früchte, 
als da: Äpfel, Birnen und Pflaumen, gibt es in Menge und von aus- 
nehmender Güte. Eine Gattung schwarzer Pflaumen (Zwetschken?) 
ist so leicht verdaulich , dass man Morgens bei nüchternem Magen 
getrost 500 Stück davon verzehren mag. Die Kerne springen von 
selbst heraus. In den Niederungen gedeihen Erdbeeren und eine 
andere Gattung von Beeren (Himbeeren) die im Polnischen „Malina* 
genannt wird. Der Strauch auf dem sie wächst, gleicht dem Strauche 


*) Thulum heisst das Kinheitsmass dessen man sich heim Verkaufe von 

Pelzwerk bedient. 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow. 567 


der Rose, ihr Blatt dem Blatte der Johannisbeere. Sie duftet süss 
wie Moschus, wird nach Stambul gebracht und dort in eigenen 
Töpfchen verkauft. Die im Übermasse vorhandene wilde Weichsel 
erreicht die Grösse einer Nuss; dieselbe reift später als die Garten- 
weichsel. Auch die Stämmchen der wilden Rose (Jer güli) erreichen 
die Dicke eines Fingers. Die nächste Umgegend Chotins wird durch 
Zier- und Gemüsegärten verschönert. Kirschen und Weichsel, letz- 
tere noch besser als die Gattung der Kathirli*) genannten Weichsel 
finden sich dort in Massen. Dank der guten Luft, fehlen Fieber und 
derlei Krankheiten gänzlich. Eigentümlich ist, dass das Getreide 
nur ungedrosehen aufgespeichert ’) bewahrt werden kann. Wollte 
man es, wie dies in anderen Ländern der Fall, dreschen und so in 
die Scheune bringen, würde es noch vor Monatsfrist in Gährung 
gerathen und faulen. Manche Garben liegen so (ungedrosehen) seit 
zehn Jahren. Der Viehstand der Bewohner war vormals so bedeu- 
tend, dass ein einziger Janitschar 40.000 — 50.000 Hammel besass. 
Ein Hammel kostete nämlich nicht mehr als 8 — 10 Para. Dieselben 
überwintern auf dem Schnee, eben so das Rindvieh welches keinen 
Stall kennt. Zur Zeit der Lammung konnte man ein Lamm um 
8 Para ankaufen und überdies dessen Fell um 20 Para an den 
Kürschner absetzen, denn die dortigen Schafe gehören zur Gattung 
der langschwänzigen (Kiwirdschik). So hatte man einen Lammsbraten 
zur Speise und noch 12 Para Gewinn. Gegenüber dem Fort von 
Akub *) liegt Atak (Otok) , ein hochgelegener reizender Platz der 
seines Gleichen sucht, an dessen einem Abhange Quellen , ähnlich 
den Paradiesesfluthen , aus der Erde hervorrauschen. Kemankesch 
Ahmed Agha, Kiaja und Eidam Mustafa Pascha’s*), liess ihn so her- 
richten. Etwas rechts davon in einer Biegung liegt das Thal von 
Kiredsch-chane (Kalkhaus, Kalkofen), gleichfalls ein äusserst lieb- 
licher Ort mit duftigem Eichenschatten. Auch die Höhen umher sind 
reich an lebendigem Wasser. Eine der dortigen Fontainen rührt vom 


(Maulthier- Weichsel). 

8 ) Id 4-XÜ aM 

t das Okopi der Karten. 

4 ) Wahrscheinlich der schon früher erwähnte Deflerdar von Cliutin. 


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568 


Freih. v. Scblechta-Wssebrd 


Saghardschibaschi Kim oghlu Mehmed Agha her. Das Chronogramm 
auf dem Brunnensteine ist yon mir verfasst, geschrieben und eingemeis- 
selt. Ein Fluss, gebildet aus den rings umher entspringenden zahl- 
reichen Quellen, durchströmt das Thal. Waldige Höhen begrenzen es 
yon beiden Seiten. Einige der in den besagten Bergen entspringenden 
Gewässer sind kräftig genug, für sich eine Mühle zu treiben. Auf den 
Feldern wächst Iris coelestis wild. Auch gedeihen gelbe Rühen. 
Lachende Flächen wechseln mit Gärten und eichenbewaldeten Anhöhen. 
Die Äcker werden mit Getreide (der schwärzlichen Gattung Kara 
boghdai) und mitMohn besät Aus dem Mohnsamen bereitet man Mohnöl, 
aus Getreidemehl eine Art von Pilaw, ähnlich dem Muse aus Gersten- 
graupen, und verzehrt dieses Gericht, indem man den Löffel womit man 
es isst, in Mohnöl taucht. Der Mohn erreicht bisweilen die Grösse 
eines Granatapfels. Die Kinder pflegen einen, zwei Köpfe davon in 
die Schule mitzunehmen und den Samen als Leckerbissen zu ver- 
zehren. Ein anderes einheimisches Gericht welches man Perhu *) 
nennt, hat auch in Constantinopel Anwerth gefunden. Was die Lip- 
kaner betrifft, so sind 6000 davon seinerzeit aus Polen nach Chotin 
eingewandert und haben dort unter ihren Bairak-Agha's häufig Sol- 
datendienste genommen. Heutzutage aber sind die meisten der von 
ihnen besetzten Agha-Stellen eingegangen. 18 Stunden von Chotin 
auf moldauischem Territorium gegen Bender zu am Dniestr liegt. 

Sewarika*) (Soroka), 

ein kleines, aber festes Castell auf einem hohen Berge. Kaplan 
Pascha belagerte es, konnte es jedoch nicht nehmen, denn es ist 
eine sehr steil gelegene und feste Burg. Nahe dabei: 

Ladewa *) 

wo Jahrmarkt gehalten wird. 

Lewische*) (Leowo), 

auf dem Wege nach Akkerman mit einem Castell. 


') 2 ) 3 ) 


4 ) kl) Ji 


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Ein Versuch der Vereinigung der russischen mit der römischen Kirche. 569 


Ksmania *) (Roman), 

eine Stadt auf dem Wege nach Ghotin. Unweit davon Baku 
(Bakeu) *). Nahe bei diesem Adschud (Adzsut). 

Odsbeschti 8 ) , 

zwischen Leowo und der Donau bis zu welcher noch eine Tag- 
reise. 


Takiseb*) (Tekutsch), 

eine Post vom Seretb entfernt. Eine Post von dort Birlat *) und 
Waslui •). 


Isnatin 7 ) (Snyatin), 

• 

12 Stunden von Chotin gegen die siebenbQrgische Grenze, ein 
beträchtlicher Ort mit einem bedeutenden Jahrmärkte der selbst in 
ungünstigen Fällen 200 Beutel abwirft. Zur Zeit, als die Festung 
von Chotin gebaut wurde, floss der Ertrag dieses Jahrmarktes in die 
Casse dieser Stadt deren Defterdar ausserdem noch auf mehrere 
andere Jahrmärkte die Hand legte welche ihrerseits 80 Beutel ein- 
trugen. Später aber überliess die Pfortenregierung selbe an die 
moldauischen Ungläubigen. In der Moldau werden irn Ganzen an 
17 Orten Jahrmärkte abgehalten deren Ertrag allein hinreicht, den 
Tribut an die Pforte zu decken. Das Land zwischen Dniestr, Pruth, 
Chotin, Bender und Ismail an der Donau ist in 16 Districte getheilt. 
Wollte man es den Tataren von Bessarabien gegen Entrichtung des 
gesetzlichen Zehents überlasseu, wäre man einerseits gegen einen 
feindlichen Übergang über die Donau und nicht minder gegen die 
bösen Anschläge der Moldauer selbst sichergestellt. Auch die 
Sicherheit der Festungen könnte bei einem solchen Wechsel nur 
gewinnen; eben so wenig würden die Einkünfte welche der osma- 
nische Staatsschatz aus der Moldau bezieht, darunter leiden denn. 


1 ) *) li AI«iJ U Ol j 

7 ) OCLJ 


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570 


Freih. v. Schlecht* - Wssehrd 


wer immer das Land besitzen mag, er wird eben so viel za leisten im 
Stande sein und ausserdem noch für sich erübrigen. Zahlt doch die 
Moldau an jährlichem Tribut (Miri) an die Pforte nicht mehr als 
58.000 Piaster und liefern doch die Jahrmärkte allein einen ungleich 
höheren Ertrag. Die Gesammtbevölkerung der Moldau beläuft sich 
auf 150.000 Rajah. Die von ihnen monatlich zu entrichtende Abgabe 
heisst Okarit. Ferner liefern sie an die Pforte jährlich 500 Stück 
Pferde und Falken. Mit Hinsicht auf die Kriegführung gleichen sie 
den Walachen. Sie sind verrätherisch und gewaltthätig, aber auch 
kriegstüchtig. Ihren Woiwoden beschützt eine Garde von 500 Reitern 
und eben so viel Mann Fussvolk, denn das Landvolk ist, wie gesagt, 
von gewaltthätigem Naturell. Zehntausend (?) Mann Cavallerie sind 
jederzeit in Bereitschaft. Sie haben ihre eigenen Lehen. Gegen 
Siebenbürgen zu liegen Gold-, Silber- uud Salzbergwerke welche 
Okna heissen. Das Salz gewinnt man in grossen Stücken. Schafe, 
Rindvieh und Pferde sind überaus zahlreich. Unter die Fruchtgat- 
tungen welche die Moldau erzeugt, zählt auch eine Gattung Äpfel 
die Domaneschti *) genannt und geschenkweise nach Hof versendet 
wird. Diese Art Äpfel ist gross und dem feinsten Zucker vergleich- 
bar. Die Woiwoden pflegen ihren Söhnen eine eigene Marke 
(Stämpel) aufzudrücken, um sie für ihr späteres Alter als Beyzades 
(Söhne von ßeys) kenntlich zu machen. Einstens gehörte die Mol- 
dau zu Ungern, dann zu Polen; später wurde sie durch die Pforte 
erobert. 


Verzeichniss der Ortsentfernungen in der und durch die Walachei und 

Moldau. 

Von Akkerman am schwarzen Meere bis nach Leowo an der 
Grenze der Moldau eine Station 2 ); dort wird der Pruth übersetzt; 
von dort nach Jassy* eine Station. Nächste Station: Suczava. 


’) D. i. llcrrenapfel (von Dominus hergeleitet). 

*) Wie viel Weges nuf eine Station (meiuil oder Meiliele) gerechnet wird, ist nicht 
angegeben. 


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Walachei, Moldau, ßessarabien, die Krim, Taman und Asow. 571 

Von Nicopoli nach Rustschuk oder dem gegenüber liegenden 
Giurgevo eine Station, von dort nach Bukarest 12 Stunden, von dort 
nach Kokureschti (?) eine Station. 

Von Silistria über die Donau nach Dschukenesch *) (Kikinez?) 
eine Station, von dort nach Baldu? 2 ) eine Station, von dort bis zum 
Sereth eine Station, von dort nach Birlat ebenfalls eine, von dort 
nach Wuslui idem, von dort nach Kotnar? Totnar 8 )? idem, von dort 
nach Suczava eine Post. 

Von Giurgevo nach Chotin: Erste Station: Budanesch (Bu- 
deschti) 4 ); zweite Station Bukarest; dritte Station Korscheschti (?); 
von dort nach Buze (Buszeo) zwei Meilen , von dort nach Rumnik 
dritthalb Meilen, von dort nach Zebrudsch 5 ) (?) eben so viel, von 
dort nach Fokschan (Foschan bazari) •) eine Station. Dort ist die 
Wassergrenze zwischen Moldau und Walachei welche letztere auch 
hier Zoll behebt. Von dort nach Adschud vier, von dort nach Bakeu 
ebenfalls vier Meilen , von dort nach Romania (Roman) idem,' 
von dort nach Sebus (?) 7 ) idem, von dort nach Suczawa sechs 
Meilen, von da nach Sereth ebenfalls sechs Meilen, von da nach 
Kozo (?) 8 ) eilf Meilen , von da über den Pruth nach Chotin fünf 
Meilen. 

Von Bender nach Chotin rechnet man 64, von Ismail 105 Stun- 
den, eben so viel von Chotin nach Kili (Kilia). Der Weg von Chotin 
aus führt über Kanli köprü nach Ak Mesdschid, von dort durch den 
Engpass „Jaman Jol“ nach Bender, Kili und Ismail. 


*) *) All li *) oder 4 ) 4 ) 

7 ) yjty** oder^j^J 


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572 


Freih. v. SchlecUta-Wssehrd 


Budschak (Bessarabien). 

Dieses von der Moldau getrennte Land hiess vormals Serab 
und fuhrt jetzt den Namen Budscbak. Seine Länge beträgt 36, seine 
Breite 16 Meilen. Seine Grenzen sind: östlich das schwarze Meer, 
nördlich der Dniestr, südlich die Donau, westlich die Moldau. Es ist 
eben und fruchtbar. Die Tataren welche es bewohnen, sind Oberaus 
wohlhabend. Jeder derselben besitzt grosse Heerden von Hammeln, 
Rindvieh, Pferden und Stuten die man Dschalgi *) nennt, und 
zweihöckerige Kameele. Letzteren legen sie Joche auf und verwen- 
den sie zum Ackern und zum Ziehen von Wagen. Korn, Gerste und 
andere Getreidearfen gedeihen im Überflüsse und werden auf solchen 
JCameelfuhrwerken nach den nahe gelegenen Plätzen Kili, Ismail, 
Akkerman zum Verkaufe gebracht. Schafwolle gibt es in solcher 
Menge, dass der Verfasser im Jahre 1134 (1721 — 1722) zu Kili 
von einem dieser tatarischen Wagen 120 Okka um einen Piaster 
erstehen konnte wonach die Okka auf nicht mehr ah einen Asper zu 
stehen kam. Gegenwärtig aber haben sie gelernt, dieselbe auch 
nach Polen abzusetzen, so zwar, dass nunmehr die Okka auf zwei 
Para zu stehen kommt. Überdies geht viel davon nach der mittler- 
weile neu entstandenen Tuchfabrik in Bukarest wo gutes Tuch pro- 
ducirt wird. Dasselbe ist von blauer Farbe. Um es roth zu färben, 
schickt man es nach Sistowa. Der Pik kostet 30 Para. Sogenanntes 
albanesisches Getreide (Arnaud boghdai), eine Fruchtart mit klei- 
neren Ähren als das gewöhnliche Getreide, gedeiht in grosser Menge 
und Güte. Milch , Jourt (gesäuerte und gestockte Milch) und Fett 
werden nach Constantinopel gebracht. Armenier und Mohammedaner 
aus Akkerman, Kili und Ismail, bekannt unter dern Namen Kirdschi*) 
(Feldhändler), bringen letztere Artikel von den Producenten selbst 
an sich, indem sie selben Geld vorstrecken, und versorgen jene Orte 
damit. Auch Kaufleute betreiben den Handel mit Fett. Sie mischen 
dasselbe mit dem Schweiffett von Fettschwanzschafen, fallen es in 


') •> 


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Walachei, Moldau, Bessarahicii. die Krim. Taman und Asow. 


373 


Kröge und Schläuche und fuhren es nach Constantinopel. Manche 
besonders unternehmende Tataren bringen es auch persönlich in den 
Handel, statt es demSpeculantenzu überlassen. Jourt der besten Sorte 
wird in Bottichen zum Verkaufe gebracht und die Okka zu einem 
Para abgesetzt. Das Land Budschak bildet den Eingang zur grossen 
Steppe von Heihat. 20 Posten Weges entlang findet man dort auch nicht 
einen Stein von der Grösse eines Ringsiegelsteines, noch auch einen 
Baum von der Länge eines Fingers. Die dortigen Bewohner heizen 
daher im Winter ihre Öfen mit den Excrementen von Rindvieh und 
Schafen welche sie mit Stroh mengen, daraus Ziegel kneten und 
diese trocken legen. Ein anderes Heizmaterial liefert das Schilfrohr 
welches in den zahlreichen Sümpfen und stehenden Gewässern reich- 
lich vorkommt, im Winter, wenn diese gefrieren, von den Tataren 
geschnitten und zum erwähnten Gebrauche wagenweise verkauft 
wird. Packsättel gebraucht man hier zu Lande für die Kameele 
nicht, da diese, wie gesagt, zweihöckerig sind. Dass diese Tataren 
eben hier angesiedelt wurden, erklärt sich aus dem Wunsche, das 
Land vor feindlichen Einfallen zu schützen. Sie stehen unter der 
Gerichtsbarkeit eines vom Tatoren-Chan in der Krim eingesetzten 
Agha, welcher den Titel Jali Agha (Agha des Litorales) führt. Auch 
sie haben ihre eigenen Prinzen (Sultane) und ihren Adel (Mirza's). 
Sie zerfallen in verschiedene Horden von welchen jede ihre eigenen 
Mirza's bat die von der Horde erhalten werden. Wenn sie zu Felde 
ziehen, marschiren sie in einzelnen Corps welche Kazan (Kessel) 
genannt werden, unter Anführung ihrer Mirza’s. Die Vorbereitungen 
zum Feldzuge beginnen damit, dass sie die Pferde eintreiben 
(at baghlarlar) welche gewöhnlich frei in der Steppe weiden. Diese 
werden dann 40 Tage lang mit Gerste gefüttert. Ihre Rathsver- 
sammlungen heissen Jenisch, d. h. die weiten. In denselben führen 
nur die Alten das Wort. Einmischung von Jungen gilt für unan- 
ständig. Den Ulema und frommen Männern bezeugen sie hohe 
Achtung. Jeder Bezirk hat seinen Kadhi der vom Chan eingesetzt 
wird und nur im Falle von Richtersprüchen welche dem heiligen 
Gesetze zuwiderlaufen, abgesetzt werden darf. Diese Kadhi’s sind 
gerechte Richter. Sie nehmen nicht, wie die osmanischen zu thun 
pflegen, Sporteln unter den verschiedensten Titeln, als da: Aadi 
Resm, Ihzarie, Kudumie, Muhsirie, Tschokadarie u. s. w., sondern 
begnügen sich nach gefällter richterlicher Entscheidung mit dem 

SiUb. d. phit.-hist. CI. XL. Bd. IV. Hft. 3g 


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574 


Freih. v. S c h 1 e c h t a - W » • e h r d 


was man eben geben will, und wären es z. B. auch nur fünf Para für 
eine eingetriebene Forderung im Betrage von 1000 Piaster, ja sie 
fragen dich wohl gar, ob du die Kleinigkeit gerne gegeben hast. 
Jeder Kadhi wird von der Horde erhalten der er angehört. Die 
Zahl der ursprünglichen tatarischen Ansiedler betrug nicht mehr 
als 10.000. Heutzutage jedoch stellen Bessarabien 30.000 und die 
Noghaiensteppe (Ulu Noghai) 40.000 waffenfähige und kampftüch- 
tige Männer. Der Zahl nach ist diese Kriegsmacht nun allerdings 
nicht bedeutend, da sie aber aus tapferen und sehr streitlustigen 
Individuen besteht, wird sie gleichwohl yon den Russen, Polen und 
Ungern gefürchtet. Die Raubzöge nach Russland werden meistens 
im Winter unternommen wo alle Wasser gefroren sind. Genommene 
Städte und Ortschaften werden ohne Schonung niedergebrannt, ihre 
Bewohner als Gefangene fortgeschleppt. Die Beute überhaupt nennen 
sie Thojumluk. Sobald der Kriegsruf ertönt, sei es nun, dass auch 
die Tataren der Krim mit aufgeboten werden oder nicht, bestimmen 
sie eine Frist innerhalb welcher sie aus den verschiedenen Rich- 
tungen gleichzeitig aufbrechen. Wer immer zwei Pferde sein nennt, 
folgt, oft hundert Meilen weit, und eilt an den Ort des gemeinschaft- 
lichen Stelldicheins. Dort halten sie eine allgemeine Versammlung 
die sie Chosch-Jenisch nennen und rücken dann in getrennten Hau- 
fen, doch immer so, dass die einzelnen Abtbeilungen sich nicht zu 
weit von einander entfernen, vorwärts. In der Mitte marschirt der 
oberste Anführer den sie Dib Alai betiteln , sei es nun der Chan der 
Krim selbst oder einer ihrer Prinzen (Sultane). Ihr Proviant wel- 
chen sie mit dem Gesammtnamen Aghirlik , d. i. schweres Gepäck, 
bezeichnen, besteht in Hirsemehl das dortlands Talkan genannt 
wird. Spione gehen in allen Richtungen aus, um Kundschaft einzu- 
ziehen. So dringen sie über den Dniestr und über den Bug in das 
Land der Kosacken ein, geleitet von eigenen Wegweisern deren 
Beschäftigung sich vom Vater auf den Sohn forterbt. Ein solcher 
Wegweiser erhält seine geheime Parole und eine Peitsche in die 
Hand mit welcher er dem Heere Yorauszieht. In Feindesland einge- 
troffen, streifen sie zwei Tage lang, rauben was sie nur immer fin- 
den und kehren wieder um. ln den meisten Fällen verbarricadiren 
die Ungläubigen die Engpässe mittelst Wagenburgen hinter welchen 
sie Schützen aufstellen, um die Tataren zu hindern. Gefangene weg- 
zufübren. Solche Hindernisse nun pflegen die Tataren entweder mit 


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Walachei, Moldau, Besaarabieu, die Krim, Tamau und Asow. 575 

stürmender Hand zu beseitigen , wenn dies überhaupt möglich; wo 
nicht, hauen sie ihre sämmtlichen Gefangenen nieder und streifen in 
einer andern Richtung. Sehen dann die Ungläubigen, dass sie auf 
diese Art nicht zu widerstehen vermögen, machen sie die gesperrten 
Wege wieder frei. Während des Auszuges in den Krieg herrscht 
unter den Tataren die grösste Mannszucht. Kein Zahnstocher gerälh 
in Verlust; auf der Rückkehr hingegen rauben sie was ihnen nur 
immgr io die Hände geräth. Über die Gefangenen führen sie regel- 
mässige Verzeichnisse und vertheilen sie unter sich nach den be- 
stehenden Vorschriften. Niemand wird hierbei irgendwie beein- 
trächtigt. Flüsse übersetzen sie, indem sie langes Rohr zu Flössen 
zusammenbinden, auf diese ihr Gepäck laden und sie an den Schweif 
ihrer Pferde binden, worauf sie diese nackt besteigen und, die 
Peitsche in der Hand, durch das Wasser schwimmen. Die Tataren 
ziehen Winterfeldzüge vor, weil dann die Wasser mit Eis 
bedeckt und die Feinde weniger leicht beweglich sind. Ihre 
Tracht besteht in Pelz und Hosen aus Schaf- oder Wolfsfell. 
Diese Tataren bekennen sich durchaus zum hanefitischen Ritus 
und beten nach dessen Vorschrift. Mohammedanische Bewohner 
der Donau-Ufer die sich ihren Streifzügen anschliessen, werden 
bei der Vertheilung der Beute mit den Tataren selbst gleich- 
gehalten. Die bemerkenswerthesten Städte und Orte in Bessarabien 
sind folgende: 


Ismail *)> 

gegenüber von Tultscha an der Donau, eine schöne Stadt. Wer aus 
Rumelien in die Krim oder nach Russland reist, setzt von Tultscha 
aus über die Donau und berührt nach der Insel (Ada) als ersten Punct 
Ismail. Die Stadt hat hübsche Märkte, Bäder und Moscheen. Von 
Seite der Centralverwaltung der frommen Stiftungen für die heiligen 
Stätten residiren dort ein Verwalter (Muteweli) und ein Kadhi. Rei- 
sende finden dort Postpferde nach Bender, Oczakow und Akkerman. 
Die nächste Station ist Tatar Bunar. Von dort aus gelangt man, dem 
Laufe der Donau folgend, nach Kili. 


•) J^pU 


38 * 


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570 


Freili. v. S c li I e c ti t a - W s s e li r <1 


1111 o (Kilia). 

Kili ist eine starke Festung nebst einer wohlgebauten, mit einem 
Graben umgebenen Stadt. Die innere Citadelle stösst an die Donau 
welche einen Theil der dortigen Mauer einriss. Diese Citadelle hat 
ihren eigenen Ringgraben über welchen eine hölzerne Zugbrücke 
führt. Sultan Bajezid Weli welcher die Stadt eroberte, pflegte am 
Thore der Citadelle auf einem Stuhle niederzusitzen und ermächtigte 
die jeweiligen Festungscommandanten, das Gleiche zu thun. Dafür 
drängen sich aber auch die Armen fort und fort auf jenem Platze. Die 
äussere Festung hat vier Thore: Jali Kapussi, d. i. das Thor des 
Litorales, gegen die Donau zu. Dort landen die meisten Flösse, 
welche Holz bringen. Ferner Su Kapussi, d. i. das Wasserthor. Dort 
halten die Leute welche von Ait-Kili her täglich Milch und Jourt 
bringen welche letztere Speise in Bottichen verkauft wird. Der 
Bottich zu^iinf Para gerechnet, reicht für den Wochenbedarf einer 
Familie aus. Dort landen auch die Boote mit Früchten deren Ver- 
käufer Sergidschi genannt werden und dort in hölzernen Ständen 
ihre Waare feilbieten. Von dort führt eine Brücke über den Festungs- 
graben nach der Vorstadt und in das alte Bad. Das dritte Thor 
heisst „die grosse Pforte“ (BabiKebir) und öffnet sich gegen den 
„Markt der Tataren“ (Tatar bazari)? zu. Dort befindet sich zwischen 
Graben und Festungsmauer eine Grabstätte wo Hilfesuchende im Vor- 
übergehen einen Para opfern und, vorausgesetzt, dass sie von wahrhaft 
festem Vertrauen beseelt sind, unfehlbar eine Stimme vernehmen die 
ihre Fragen beantwortet. Die grosse Moschee wurde von Sultan Bajezid 
erbaut. Eine andere kleine Moschee liegt auf dem Wege nach dem 
Wasserthore am Rande des Ringgrabens der inneren Festung. Auch 
diese hat ihre grosse Moschee und ein Bad gegenüber dem Thore. 
In der Vorstadt befinden sich das sogenannte alte Bad und einige 
reich gebaute grosse Moscheen. Auch sind dort mehr als 60 Herber- 
gen (Chane), hübsche Marktplätze und schmucke Kaffeehäuser. Nahe 
am Zollhause liegt das Tribunal und der Fischmarkt. Die Fischerei 




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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow. 


877 


untersteht einem eigenen Intendanten (Batik Emini). Auch gibt es 
Speisehäuser und ärarialische Bratküchen (Kebabschi Dükiani) wo 
man die Braten umsonst zubereitet, indem man sich mit dem vom 
Spiesse abrinnenden Fette das man in Pfannen auffängt, als Ent- 
gelt begnügt Je mehr man braten lässt, desto willkommener ist 
man. Während der Sommermonate herrscht in Ismail ein sehr bedeu- 
tender Menschenandrang. Leute aller Nationen finden sich dort ein, 
denn die Stadt ist ein so starker Handelsplatz, dass man versucht 
wäre sie fär einen Jahrmarkt zu halten. Auch ist in der schönen 
Jahreszeit Alles wohlfei). Dagegen hält es im Winter der hier über- 
aus streng ist und wo Niemand gern sein Haus verlässt, schwer auf 
den Markt zu gelangen welcher ausserhalb der Festung in der Vorstadt 
liegt. Die Handelsartikel von Ismail sind: Schafwolle, Fett, mari- 
nirter Fisch, Caviar und Pferdehäute. Letztere werden in der Ger- 
berei gereinigt, dann auf dem Boden ausgebreitet und mit Senft 
begossen worauf sie alsogleich trocknen. Oberhalb Ismail spaltet 
sich die Donau in zwei Arme. Einer ergiesst sich durch die Sulina 
(Sonne) in’s Meer; der zweite Arm fliesst bei Kili vorbei und mün- 
det, in fünf weitere Arme getheilt, gleichfalls in das schwarze Meer. 
Zwischen diesen Armen liegen flache und reichlich bebaute Inseln 
mit Meierhöfen von wo aus die Bevölkerung ihre meisten Schafe, 
Rinder und Pferde bezieht. Auch Milch und Jourt werden von dort- 
her zum Verkaufe gebracht. Die Bereitung von Butter und Käse ist 
unbekannt. Hingegen ist das Jourt vortrefflich. 

Akkirman 0 (Akkerman), 

unter dem 38. Längen- und 47. Breitengrade am schwarzen Meere 
gelegen, ist eine sehr starke Festuug und wurde im Jahre 889 
(1484) durch Sultan Bajezid Weli gleichzeitig mit Kili erobert. 
Ursprünglich commandirte dort ein Pascha dritten Banges (Liwa). 
Der seichten Rhede wegen müssen die Fahrzeuge drei Meilen vor 
der Festung vor Anker gehen. Die Festung hat sehr tiefe und breite 
Gräben; Ungläubige .die in selbe stürzen, kommen um; Musulinanen 
dagegen bleiben in gleichem Falle unversehrt. Die Ursache hiervon 
erklärt Scheich Saadi 3 ) aus Schiraz über den Gottes Barmherzigkeit 

’) 

«) Der berühmte Diehler des „Rosengartens“ u. s. w. 


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578 


Freib. t. Schlechte -Wssehrd 


walten möge. Jener Festungsgraben wurde nämlich, wie er sagt, 
während Saadi selbst in russischer Gefangenschaft schmachtete, ron 
60 gefangenen mohammedanischen Heiligen gegraben. Diese richteten 
nach Beendigung ihrer Arbeit die Bitte an Gott, er welle Musul- 
manen die hineinfielen, unbeschädigt, und nur Ungläubige beim Sturze 
in denselben sich tödten lassen. Saadi selbst wurde bei dieser Gele- 
genheit yon einem Kaufmanne um 10 Goldstücke aus der Sclaverei 
losgekauft der ihm auch später seine Tochter zur Frau gab wel- 
cher er ein Heirathsgut yon 40 Goldstücken auswarf. Es ist dieses 
dieselbe Frau welcher, als sie nach einiger Zeit einmal ihrem 
Manne seine Vergangenheit rorwarf, dieser antwortete: „Wohl bat 
mich dein Vater um 10 Goldstücke aus den Händen der Russen 
erlöst, jedoch nur, um mich um 40 Goldstücke in die deinen zu 
liefern aus welchen keine Erlösung möglich 4 *. 

Die Umgegend yon Akkerman hat gesundes Klima und rings- 
um wohlgepflegte Zier- und Gemüsegärten. Die umliegenden Dörfer 
sind ganz so wie die tatarischen um Kili. Auch die Bevölkerung ist 
tatarisch. Bei der ersten Belagerung durch die Osmanen waren 
diese bereits nahe daran, die Unternehmung aufzugeben, als das 
Abschiessen einer Kanone die drei Centner schwere Kugeln schoss, 
die Belagerten zur Übergabe vermochte. Seiner Schwere wegen 
konnte man dieses Geschütz beim Abmarsche nicht von der Stelle 
bringen und liess es daher in der Nähe eines der Festungsthore 
zurück. Noch heutzutage sitzt ein Krämer darin und benützt dessen 
Mündung als Verkaufsbude. In der Nähe von Akkermann residirt der 
vom Chan der Krim bestellte Gouverneur von Budschak (Jali Agha). 
Die zwei Stationen zwischen Akkerman und Bender sind Janik Pa- 
langa und Tatar bunari. Orte, beinahe wie kleine Städte. Auf dem 
Wege nach Oczakow von Bender passirt mau dieselben, ohne 
genöthigt zu sein Akkerman zu berühren. 

Bender 0) 

eine starke und wohlerhaltene Festung unter dem SS. Längen- und 
48. Breitengrade am Dniestr gelegen. Sie ist zugleich ein festes 
Grenz-Bollwerk des Islams gegenüber Russland. Früher war selbe 




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Walachei; Moldau, Bessarahien, die Krim, Taman und Asow. 


579 


minder bedeutend uud residirte dort ein Bey mit nur Einem Ross- 
schweife welchen der Chan der Krim einsetzte. Im Jahre 1122 
(1710) aber geschah es, dass der Schwedenkönig (Karl XU.) am 
Bug Ton den Russen geschlagen und zur Flucht in die Steppe ron 
Oczakow genöthigt wurde. Der Gouverneur dieser Festung, Jussuf 
Pascha welcher damals eben beordert worden war, die äusseren 
Festungswerke ron Bender zu restauriren, meldete den Vorfall an 
den in Gott ruhenden Sultan Ahmed (III.) der befahl, den König 
nach Bender zu bringen und ihn auf Kosten der Pforte zu erhalten. 
Diesen Umstand benützten die Russen, um der Pforte den Krieg zu 
erklären, wesshalb man auch Bender durch neue Befestigungen in 
guten Stand setzte. Im Rebi ulewwel des folgenden Jahres 
(April 1711) kamen auch die Russen wirklich mit ihrer ganzen 
Heeresmacht, um Rumelien und wohl gar Constantinopel selbst zu 
erobern. In der Nähe de! Forts Soroka, zwischen Chotin und 
Bender, schlugen sie zwei Brücken über den Dniestr und wälzten 
sich, selbst brausende Ströme, dem Pruth zu. Dort aber trat ihnen 
einerseits der Schwedenkönig mit der Garnison von Bender und 
andererseits der Chan der Tataren Dewletgerei* Chan und der 
Grosswezir Baltadschi Mehmed mit der heiligen Fahne bei Dschu- 
dschire am Pruth entgegen. So Ton allen Seiten umringt, abge- 
schnitten von seinen ProYiantquellen, und ausser Stande, den Pruth 
zu erreichen, ward er bald dahin gebracht, Baumrinde statt des 
Brotes zu Yerzehren und endlich seinen Minister, Namens Schere- 
met oghlu (Scheremetew), ein Linnentuch (statt des Strickes) um 
den Hals, mit der Bitte, um Frieden in's osmanische Lager zu sen- 
den welcher ihm gegen die Abtretung YonAsow und die Schleifung 
Yon Taganrok gewährt ward. Von dem 16 Stunden weit Yon Chotin 
gelegenen Orte Ladova aus bis über den Dniestr an die Grenze 
Polens, wurde er dann von einigen Weziren zurückgeleitet. Allein 
was half es? Das Schwein bleibt nun einmal Schwein, sei ihm 
der Schweif abgeschnitten worden . oder nicht. So war auch 
er (Peter der Grosse) ein räudiger Hund ohne Treue und Glauben 
und schuldige Achtung für die Verträge. Denn nicht nur suchte er 
die stipuiirte Herausgabe Asow's durch allerlei Ränke zu verzögern, 
sondern zuletzt wusste er sogar alle diesfälligen Schwierigkeiten 
dadurch zu lösen, dass er — es w'ar im Jahre 1148 (1735) — 
Asow der Pforte wieder abnahm. Der Fluch Gottes über ihn! Seit 


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580 


Freih. v. Schlecht»- Wssehrd 


diesem Vorfälle mit dem Schweden blieb Bender eine wichtige 
Grenzfestung in der folgerichtig ein Wezir commandiren musste. 
Gegenwärtig bat sie eine doppelte Mauer und einen tiefen Graben. 
Ihre Vorstadt ist von schmucken Zier- und Obstgärten unter- 
brochen. Der Dniestr liefert das Trinkwasser. Die Umgegend ist 
schönes Land. Die Entfernung Benders von Kili beträgt 18, die von 
Ismail 24 Stunden. Auch hübsche Bäder, Moscheen und Märkte sind 
in Bender zu finden. 

Der Dniestr aber an welchem es Hegt, entspringt in der 
Nähe von Halicz, fliesst bei Akub (Okopi), Svaniec, Chotin, Soroka 
und Bender vorbei und mündet gegenüber von Akkerman iiTs 
schwarze Meer. Er ist so breit als das Schatth (vereinigter Euphrat 
und Tigris) und hat mehrere im Sommer gangbare Fürthen. Eine 
derselben, zwischen Svaniec und Chotin, oberhalb des Dorfes 
Braha *) und von Chotin aus sichtbar, ist in der genannten Jahres- 
zeit so seicht, dass das Wasser nicht höher reicht als bis sum 
Steigbügel. 


#*i 8 ) (Oczakow), Festung, 

liegt unter dem 88. Längen- und dem 48. Breitengrade, 36 Stun- 
den von Bender, am Flusse gleichen Namens (Dniepr) *). Sie hat 
keinen Hafen, doch können Schiffe ohne Gefahr vor ihr ankern. Das 
Wasser des Dniepr entbehrt dort des Süssgeschmackes, indem die 
Seefluth bis oberhalb der Festung in den Fluss hinaufdrängt. 
Gegenüber von Oczakow liegt das Fort von Kilburun (Kinburn). 
Daselbst residirt ein eigener Festungscommandant. Oczakow selbst 
ist nicht im Stande, das Auslaufen von Raubschiffen (Schaika) der 
Kosacken aus dem Dniepr zu verhindern , da dieser Fluss dort eine 
Breite von 4 Meilen hat. Dagegen kann es einer russischen Flotte 
die Ausfahrt wehren. Der erwähnten Unzulänglichkeit gegenüber 
den Kosacken halber, wurden im Jahre 1090 (1679) in der Nähe 
von Toghan hissari 4 ) zwei Befestigungen angelegt welche die 


*) Wy *) 3 ) d. '• Wasser vou Oczakow. 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Asow. 


581 


Kosackenboote abhielten, in's schwarze Meer zu gelangen. In Folge 
der fortschreitenden Übergriffe der Ungläubigen jedoch mussten 
jene beiden Forts später aufgegeben werden. Doch bestehen noch 
zwei befestigte Puncte und ein schiffbarer Hafen (Liman) den man 
„Hafen von Berezan* ‘) nennt. Oberhalb Oczakow fliesst der Bug 
welcher auch Ak su heisst. Er kommt aus Russland. In der Nähe 
von Toghan hissari liegt ein Wald „Karendaschöm Ormani" (Wald 
meines Bruders) geheissen, wo die Potkali- 2 ) Kosacken wohnen. Selbe 
unterstanden in früheren Zeiten den Chanen der Krim und wurden von 
der Einwohnerschaft von Oczakow, Akkerman, Bender und Kili allge- 
mein als Taglöhner verwendet. Man nannte sie desshalb „Ter oghlu“ 
(Schweissbursche). Auch verkaufte man sie bisweilen als Sclaven an 
Kaufleute aus Constantinop£l und Egypten welches Verfahren 'seitens 
des Kosacken-Hetmans häufige Klagen bei dem Chane der Krim und 
den in jenen Gegenden befehlenden Seriaskern hervorrief. Doch 
kehrte sich Niemand daran. Diese Kosacken sind Ungläubige kriege- 
rischen und tapfern Charakters, wohl 12.000 Mann an Zahl und führen 
Büchsen. Sie dulden keine Weiber unter sich, sondern ergänzen sich 
durch junge Leute aus Russland und Polen die irgend welcher Ver- 
brechen halber von dort flüchtig werden. Vormals waren sie der 
hohen Pforte unterworfen und lieferten ihr zu Kriegszeiten ein 
stets kampfbereites und windschnelles Contingent leichter Truppen. 
Im Jahre 1135 (1722 — 1723) aber zur Zeit als Mengeli Gere! Chan 
der Krim war, führten sie neuerliche Beschwerde darüber, dass 
bisher angeblich nicht weniger als 500.000 Kosacken aus den ver- 
schiedenen Städten und Seeplätzen in Bessarabien als Sclaven aus- 
verkauft worden seien. Doch auch diesmal wurde ihnen kein Gehör. 
Die hierüber unter ihnen entstandene Entrüstung benützten ihre 
bisherigen Todfeinde, die Russen, um das Ansuchen an die Pforte 
zu stellen, dass man sämmtliche Kosackenstämme ihrer Botmässigkeit 
überlasse. Vergebens erhoben diese ihre flehende Stimme dawider. 
Ihr Hilferuf verschallte ungehört, man liess sich durch die Ungläu- 
bigen bethören und mehr als 12.000 streitbare Männer wurden an 
Russland abgetreten. Doch steigerte dieser Zuwachs nur die Be- 




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Freib. v. Schlechte- Wssehrd 


gierde der Moskowiter, sich der Herrschaft über das schwarze Meer 
zu bemächtigen. Bald darauf nahmen sie Asow weg. Im Jahre 1 1 49 
(1736) drangen sie gar in die Krim ein, indem sie Perecop (TJr) 
erstürmten dessen Bevölkerung sie in die Gefangenschaft nach 
Russland fortschleppten und erst nach geraumer Zeit wieder los* 
gaben. Als die (türkische) Regierung hieron Kunde erhielt, schickte 
sie den Mehmed Pascha, Schwiegersohn Topal Osman Pascha's, als 
Seriasker an die Donau wo er mit 60.000 Mann Kerntruppen in 
Kartal gegenüber von Isaktscha Stellung nahin, ohne dass ihm jedoch 
gestattet worden wäre, weiter vorzurücken. Unmittelbar darauf 
erschien auch Silihdar Seijid Mehmed Pascha mit der heiligen Fahne 
und setzte nach Isaktscha über, blieb aber eben so unbeweglich 
stehen« Jahia Pascha, damaliger Festungscommandant von Oczakow, 
liess ihnen hilfefordernd melden, die Russen hätten bereits den Bug 
überschritten und seien im vollen Anmarsche gegen die Stadt. Osman 
aber, des Grosswezirs Kiaja, erklärte die Nachricht für leere Erfin- 
dung und schenkte der schriftlichen Meldung keine Berücksichti- 
gung. Inzwischen rückten die Ungläubigen wirklich vor Oczakow 
und begannen die Belagerung. Das Auffliegen eines Pulvermagazins 
erleichterte ihnen den Erfolg. Ein Theil der Festung wurde in 
Trümmer geschossen; was stehen blieb, der Plünderung preisgegeben, 
der Rest der Bevölkerung nackt und bloss in die Gefangenschaft 
fortgetrieben. Oczakow erhielt russische Befehlshaber und eine 
russische Flottille nahm dort ihre Station. Indessen standen, wie sich 
der bei der heiligen Fahne befindliche Verfasser der gegenwärtigen 
Schrift selbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, in Kartal, die Rei- 
terei ganz abgerechnet, nicht weniger als 200.000 Mann Jani- 
tscharen. Wozu aber waren sie nutz, da sie nichts zur Rettung der 
Stadt unternahmen. Um dieselbe Zeit wurde Mengeli Gerel zum 
Chan der Krim ernannt und von Rhodos nach Kartal geschickt, 
um Oczakow zurück zu erobern. Zwei Wochen vor Herbstanfang 
(S. Dimitri) rückte auch der neu ernannte Seriasker Gendsch Ali 
von Bender aus vor Oczakow das nun durch die vereinigte Macht 
(seine und die des Chans) belagert wurde. Aber bald trat der 
Winter ein, der Chan ging über den Dniepr in die Krim ab und der 
Rest der Truppen zerstreute sich mit Zurücklassung der Bagage. 
Viele der Verwundeten gingen unter Eis und Schnee jämmerlich zu 
Grunde. Auch die Hauptarmee kehrte nach Constantinopel zurück 


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Walachei, Moldau, Beasarabien, die Krim, Taman und Asow, 


583 


worauf die Russen die Festungswerke von Oczakow sprengten und 
dem Boden gleich machten. Nach ihrem Abzüge aber baute sie die 
Pforte abermals auf. 

Oczakow bezieht sein Trinkwasser aus Brunnen die eine Stunde 
weit von der Stadt entfernt sind, denn das Flusswasser in der Nähe 
ist salzig. Dagegen ist die umliegende Ebene schön und fruchtbar. 
Auch ist das Klima gut. Das Flachland nährt überaus zahlreiche 
Heerdeft von Rindern, Schafen und Pferden. In der benachbarten 
Steppe gibt es wilde Schafe, wilde Pferde und auch wild lebende 
Menschen. Vor dem russischen Einfalle war die Bevölkerung 
sehr wohlhabend, so zwar dass Nothdurfltige ganz fehlten. Doch 
übernahm sie sich in vieler Beziehung , daher sie Gott durch 
die Ankunft der Ungläubigen strafte. Um von Oczakow in die Krim 
zu gelangen, setzt man auf Pontons nach Kilburun über. Von dort 
dehnt sich eine 36 Stunden weite Steppe bis Perecop (Ur) welche 
Haihat heisst und in welcher die Reisenden zwei oder drei Nächte 
zubringen. 


Ur 1 ) (Perecop) 

am Eingänge der Krim, unter dem 63. Längen- und 49. Breiten- 
grade gelegen, ist eine rechts vom schwarzen und links vom asowi- 
schen Meere begrenzte Landenge von anderthalb Meilen Länge mit 
einer berghohen Verschanzung und einem Graben von 7 Pik Tiefe 
und 20 Pik Breite. Am Seegestade liegt ein aus Stein gebautes Fort 
nebst einer Vorstadt. Das Trinkwasser wird aus Brunnen bezogen; 
Zier- und Obstgärten fehlen. Das Ganze gleicht mehr einem Ei- 
lande, doch ist das Klima gesund und der Winter milde. Wegen 
Holzmangels brennt man Viehmist. Auch Perecop wurde seinerzeit 
von den Russen genommen und mittelst Minen gesprengt, doch hat 
es die Regierung wieder aufbauen lassen. Es ist die Pforte und das 
feste Bollwerk der Krim. Leider nur hat man dies nie genug 
beherzigt, sonst hätte man eine der stärksten und vollendetsten 
Festungen daraus gemacht. 


■)*« 


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Freih. v. Schlecht»- Wsiehrd 


Die Krim 

ist eine triangelförmige Insel von 700 Meilen im Umfange die Im 
Norden mit dem Festlande durch die anderthalb Meilen breite Erd- 
zunge von Perecop (Ur) Zusammenhang!. Sie wird von Tataren 
bewohnt. Ihre Hauptstadt, die Residenz der Chane, heisst Bagdsche 
Serai. Sämmtliche Städte und Orte unterstehen der Botmässigkeit 
des Chans mit Ausnahme von Kaffa und der Festung Jenikale wo 
osmanische Pascha's als Gouverneure sitzen. 

Kaffa 0 (Keffe), 

unter dem 65. Laugen- und 47. Breitengrade gelegen, ist eine 
wohlgebaute Stadt und starke Festung, 464% Meilen (?) von Con- 
stantinopel entfernt. Sie ist, so recht zu sagen, der Schmuck der gan- 
zen Insel. Früher im Besitze der Genueser, wurde sie unter Sultan Mo- 
hammed (II.) nebst Asow und Menkub durch Gedik Ahmed Pascha der 
mit der Flotte dahin abgegangen war, för die Pforte erobert und der 
dort befindliche Mengeli Gerei, ein Nachkomme Hadschi Gerefs, 
gefangen genommen. Diesen schickte der Pascha nach Constan- 
tinopel wo er vom Sultan Mohammed ein paar Tage lang eingesperrt 
gehalten, dann aber frei gegeben und auf Vorstellung Mirza Begs (?) 
welcher, unter Anerkennung der türkischen Herrschaft und mit Hin- 
weisung auf das Bedürfniss einer obersten Leitung, um Einsetzung 
desselben als provisorischen Chan nachsuchte, mit Trommel 
und Fahne belehnt und in Begleitung eines Corps osmanischer 
Truppen nach der Krim zurückgesendet. Dort zog ihm Mirza Beg 
entgegen und installirte ihn unter entsprechenden Feierlichkeiten 
in Bagdsche Serai. In Kaffa wo, wie gesagt, ein türkischer Gouver- 
neur seinen Sitz hat, ist die tatarische Bevölkerung verhältnissmässig 
gering, dagegen sind die Ungläubigen zahlreich. Letztere betreiben 
die Auslösung der Sclaven und deren Abstellung nach Polen und 
Russland. Kaffa hat 12 griechische und 32 armenische Kirchen. Zur 








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Walachei, Moldau. Bessarabien, die Krim. Taman und Asow. 


585 


Zeit der Eroberung durch die Pforte betrug die Zahl der Einwohner 
6000 Familien nebst 30.000 Sclaven. Auch heutzutage noch ist der 
Ort wohlerhalten, hat schöne Moscheen, Bäder und Marktplätze und 
gilt als bedeutender Handelsplatz der von Kaufleuten aus Constanti- 
nopel und Trapezunt stark besucht wird. Viele der dortigen Bäder 
und Verkaufsgewölbe sind Stiftsgut zu Gunsten der heiligen Städte 
(Haremein). Auch ein Mufti, ein Kadhi und andere Ulema haben dort 
ihren Sitz. 


Bagdsche Serai, 

unter dem 64. Längen- und 48. Breitengrade gelegen, ist die Haupt- 
stadt der Krim und ein sehr wohl gebauter Ort mit gesundem Klima. 
Ein Wasser durchströmt die Stadt die durch Zier- und Obstgärten 
verschönert wird. Sie ist die Residenz des Chans. ImJ. 1180(1737) 
unter Kaplan Gerel wurde sie von den über Perecop mit bedeutenden 
Truppenmassen eingedrungenen Russen gänzlich zerstört, wobei der 
Palast des Chans, die Moschee u. s. w. in Feuer aufgingen. Auch 
die benachbarten Ortschaften wurden bei dieser Gelegenheit ver- 
wüstet und die Bevölkerung in die Gefangenschaft fortgeschleppt. 
Nach Abzug der Russen wurde der Palast w ieder neu aufgebaut zu 
welchem Zwecke seitens der Pforte von Constantinopel aus Bau- 
material, Architekten und Anstreicher geliefert wurden. Unweit 
von Bagdsche Serai liegt auf einer Anhöhe das „Dschehud Kale a 
genannte Fort, ein starkes Castell, von Juden bewohnt. 

Ak Hesdschid *) (Simferopol), 

die Residenz des Kalga Sultan (Vicars des Chans) mit beiläufig 
150 Häusern. Gegen Bagdsche Serai zu liegt ferner die Ortschaft 
Elma Serai (Apfel-Palast) mit einer europäischen fränkischen Kirche 
und beiläufig 50 Häusern. 

Crfflewe a ) (Eupatoria), 

ein ansehnlicher Ort an einem Engpässe mit einem guten Hafen. In 
der Nähe davon liegt ein anderes Städtchen wo Salz gewonnen wird. 


t) j ^ *> 


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586 


Freih. v. Schlechta - Wssehrd 


Es hat einen Hafen der den Namen Oleita (das heutige Sebastopol) 
führt. 


Baliklawa 0 (Balaklawa) 

hat einen sehr tiefen und gut gelegenen Hafen in dem Schiffe vor 
Stürmen aus allen Richtungen geschützt liegen. Die Citadelle schliesst 
beiläufig ISO Häuser ein. Der Weg von dort nach Kaffa ist steinig 1 . 

lersch (Kertsch) *), 

unter dem 67. Längen- und 48. Breitengrade, im Norden von Kafia 
am asowischen Meere gelegen, ist ein verschanzter Platz (Palanka). 


Taman ’) 

gegenüber von Kertsch, in Asien, gegen das Land der Nogaien zu 
auf einer kleinen aber wohlcultivirten Halbinsel gelegen, eine Stadt 
und Citadelle, als guter Handelsplatz bekannt. In der Citadelle resi- 
dirt ein Commandant (Muhafiz). Auch befindet sich Garnison dort. 
Der Ort hat hübsche Moscheen, Bäder und Märkte. Einige der dor- 
tigen Verkaufsgewölbe sind Stiftgut der heiligen Stätten (Haremein 
wakfi). Das Fett von Taman ist berühmt. Dort haben die Kaufleute 
ihren Sitz die mit den Tscherkessen , Abasen und Ulu Noghai Handel 
treiben. Gegenüber von Taman liegt das „Akindi burnu“ (Vorgebirge 
der Strömung) genannte Vorgebirge und: 

Jeni Kaie 4 ), 

unter der Regierung Sultan Ahmed's (III.) und dem Grosswezirat 
Ali Pascha's aus Tschorlu erbaut. Daselbst residirt ein Festungs- 
commandant. Ebenfalls in der Krim, am Ufer des dort sich weit in's 
Land hinein erstreckenden asowischen Meeres liegt die kleine 
Festung: 


1) *) 8) L>U U 4) AjJl 9 oder & «Xi 


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Walachei, Moldau, Bessarabien, die Krim, Taman und Aso\r. 


587 


tebat 0 (Arabat). 

Sie wurde erbaut um bei eintretendem Zurückstauen de9 Meeres den 
Raubüberfällen der Kosacken wehren au können. Zur Zeit des Ein- 
bruches der Russen in die Krim setzte ein Theil derselben durch 
eine Furth in der Nähe ron Rebat und schleppte aus den nahe 
gelegenen krimischen Dörfern zahlreiche Gefangene fort. 

■enkab *) (Karassubazar) 

in der Krim, auch Karassu genannt, ist ein fester Platz mit etwa 
60 Häusern, zum Theile von Juden bewohnt. Die Umgegend ist 9tark 
bewaldet. 


Karasebka *), 

oberhalb von Taman auf dem äussersten Ende der Meerenge am 
asowischen Meere gelegen, ist eine zerstörte Festung. 

Kizil Tbaseb 4 ), 

drei Stunden von Taman am Ufer des Kuban, eine kleine Festung 
und Durchzugsstation. Sie wird als zu Taman gehörig betrachtet. 
Vor der Citadelle befindet sich eine Brücke. 

Dsekane *), 

ein bedeutendes Dorf an einem grossen Flusse der in das asowische 
Meer mündet, mit einer gegen den Fluss gerichteten Verschanzung. 
Dort residirt der Ak Tschibuk Beg, ein dem Chan der Tataren unter- 
stehender t9cherke9sischer Häuptling der über die umherliegenden 
dreihundert Tscherkessen-Dörfer das Regiment führt. Die Entfernung 
von Dschane nach Kizil thasch beträgt 6 Posten (Menzil), die von dort 
nach Asow zehn Tagreisen. Über den erwähnten Fluss setzt man auf 
Flössen. Von dort aus bis Asow ist Wüste. 


*) *) oder *) «V *) JJ s ) 

oder Aj \j 


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588 


Freih . v. S chlechta-Wsschril 


Chirssowa 9? 

zwei Posten von Asow gegen Circassien zu, ist eine wohlgebaute 
Stadt. Timur, heisst es, belagerte sie, konnte sie aber nicht einneh- 
men. Da schloss er scheinbar Frieden und verlangte als Unterpfand 
eine Sendung lebendiger Sperlinge. Die Einwohner der Stadt fingen 
daher eine Anzahl dieser Vögel und Oberschickten sie ihm. Er aber 
band den Sperlingen brennenden Schwefel unter die Achselhöhlen 
und liess sie wieder los worauf sie, ihre alten Wohnstätten aufsuchend, 
in die Stadt zurückflogen und selbe in Flammen aufgehen machten. 

Temruk 2 ), 

zwischen Taman und dem Kuban, ein aus Holz gebauter fester 
Platz, meistens von Tscherkessen und Abasen bewohnt. Musulmanen 
halten sich nur wenige dort auf. Die Entfernung von dort an den 
Kuban beträgt 3, jene nach Taman im Westen 2 Posten (Menzil). 
Von Taman nach Asow führen überhaupt drei Wege: der eine über 
Dschane; dieser ist die Heerstrasse und hat 16 Posten; der andere 
über Temruk längs des Meerufers (4 Stationen), vorausgesetzt jedoch, 
dass das Wasser gefroren ist; endlich jener über Alt-Üschana *); 
dieser hält die Mitte zwischen beiden, indem er 8 Stationen zählt. 
Die Strecke von Taman an den Kuban führt theils durch Wald, theils 
durch offenes Feld. 


Der Kuban 

kommt aus Circassien, fliesst von Osten nach Westen und erscheint 
in der Nähe von Kizil thasch in zwei Arme getbeilt wovon der eine 
sich in’s schwarze, der andere in’s asowische Meer ergiesst. Das 
Land zwischen diesen beiden Armen gleicht einer hochliegenden Insel. 
Dort liegt, wie ich glaube, die Festung Adschu*) (Atschuew) 
welche ganz neuerlich als Ersatz für Asow erbaut wurde. Sie wird 
nach zwei Seiten von den gedachten beiden Armen des Kuban, auf 
den beiden anderen Seiten vom Meere begrenzt. Aufderselben Strom- 
insel liegen auch Temruk, Taman selbst, Kizil thasch und Karaschka 
die sämmtlich Dependenzen von Kaffa bilden. 


X J *) *) * <) auch 


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Walachei, Moldau, Besaarabien, die Krim, Taman und Asow. 


589 


Azak *) (Asow) 

welches, seiner Nachbarschaft zur Krim halber, gleichfalls hier seine 
Erwähnung finden 90 II, unter dem 73. Längen- und 49.% Breiten- 
grade am östlichen Ufer des Don, von Gebüsch umgeben, auf einer 
flachen Anhöhe gelegen. Es besteht au9 drei verschiedenen Citadel- 
len wovon jede, ähnlich dem alten Serai in Constantinopel, ihr eigenes 
Thor hat wodurch sie zugleich mit einander in Verbindung stehen. 
Gegen die Landseite ist das Ganze durch einen Graben geschützt. 
Alle drei Castelle zählen zusammen 9 Thürme. Die Mauern sind 
einfache schwarze Erd wälle. Die einzelnen Castelle hiessen: Ta sch 
kale mit der Wohnung de9 Janitscharen-Agha's und einer vom Sultan 
Bajezid gebauten Moschee. Orta kale wo der Beg von Asow (Asak 
Beeji) residirt, und Toprak kale. Asow war eine schöne und brauch- 
bare Festung; im Jahre 1149 (1736) jedoch wurde sie an die 
Russen überlassen. 


Tscherkes Kirman *) (Tscherkask), 

eine Insel des Don, 7 Stunden von Asow mit einem aus Erde errich- 
teten Fort und einer russischen Garnison von 1000 Mann. 

Der Den *) (Ton), 

ein bedeutender Fluss, fliesst von Norden nach Süden durch das 
Land der Kosacken, an Asow vorbei in’s asowische Meer. Längs des- 
selben haben die Kosacken 36 Verschanzungen. Von Tscherkes Kir- 
man au9 befahren sie ihn auf kleinen Booten (Schaike). Hinter dem 
letztgenannten Orte, nämlich zwischen Tscherkes Kirman und Asow, 
bei der Stelle die Besch Tepe (fünf Hügel) genannt wird, spaltet er 
sich in zwei Arme wovon der grössere sich nach Norden wendet und 
der obere Don (Ulu Ton) heisst. Dieser theilt sich ebenfalls in zwei 


■) J'jl •) »> ^ j: 

Sitzb. d. phil.-hi.Ht. CI. XL. Bd. IV. Hft. 39 


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590 


FreiK. v. Schied» ta-Wssehrd 


Anne wovon der eine hart an Asow vorbei sich in’s Meer ergiesst 
und daher den Namen Azak Suji (Fluss von Asow) annimmt. Der 
mittlere Arm wird Kanlidscha genannt. Beide fallen durch eine und 
dieselbe Mündung in's Meer durch welche auch die russischen Boote 
in die See gelangen. In früherer Zeit konnte man diesen den Aus- 
gang in'sMeer wehren, indem man an der seichten Stelle des oberen 
Don, dort wo sich der Fluss spaltet und den zweiten, Kanlidscha 
genannten Arm bildet, auf Piloten ein Fort errichtet hatte das 
jedoch später verlassen wurde, weil man der Garnison ihren Sold 
vorenthielt. Später zerstörten es die Ungläubigen. Der genannte 
Fluss von Asow geht, wie gesagt, hart an der gleichnamigen Festung 
vorüber und fällt dreissig Meilen davon in's Meer. An den Ufern ist 
er seicht, daher man 18 Meilen weit von der Mündung aufwärts das 
Fahrwasser durch eingetriebene Pfähle bezeichnete. Dort wo diese 
aufhören, lichten die einfahrenden Sehifle ihre Waaren die dann 
in Kähnen nach A 90 W gebracht werden. Auf dieser Wasserstrasse 
gelangen Fahrzeuge längs des tscherkessischen Ufers bisweilen bis 
nach Ak Kujular *)• Bei Nordwind zieht sich das Meer in Folge der 
Ebbe zurück, bei Südwind hingegen dringt es in Folge der starken 
Fluth weit in den Fluss aufwärts, so dass dessen Wasser bis gegen 
Asow zu salzig wird. Im Winter friert die ganze Strecke zu und 
während zwei Monaten gehen Wagen und Karawanen darüber. 


Sitten und Gebräuche der krimischen Tataren. 

Diese Tataren sind von mittlerem Wüchse, breitrückig, haben 
einen starken und kurzen Hals, grossen Kopf und kleine schwarze 
Augen in welchen die Blutadern sichtbar hervortreten, stumpfe 
Nase und schwarzes Haar. Gegen Kälte und Hitze sind sie äusserst 
abgehärtet und baden ihre Kinder in Salzwasser, um sie gegen den 
Frost zu stählen. Schon mit 12 Jahren beginnen diese sich im 
Kriegshandwerke einzuüben. Die Tracht besteht aus einem doppel- 
ten kurzen Kleide aus Fuchspelz und einem aus dem Schweife des- 
selben Thieres angefertigten Kalpak, den sie Buk *) nennen. Manche 


J' *) 


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Walachei, Moldau, ßessirnhien, die Krim, Taman und Asow. 591 

tragen auch Schafsfelle, mit der rauhen Seite nach aussen gekehrt» 
was ihnen, namentlich zu Pferde, ein fürchterliches Aussehen ver- 
leiht. Ihre Waffen sind ein Dutzend Pfeile sammt Bogen, Säbel und 
Messer. In einem Sacke führen sie Riemen mit, um die Gefangenen 
zu binden, nebst einem Feuerzeuge. Ihre Mirzen tragen eiserne 
Helme und eben solche Handschuhe. Einzelne führen auch Lanzen, 
angefertigt aus Baumästen mit einer Spitze aus Eisen. Diese 
Tataren sind überaus leicht beweglich. Jeder von ihnen führt je 
nach seinem Vermögen 4—5 Pferde mit sich. Ist deren eines müde 
geritten, besteigt er ein anderes. Die Pferde selbst sind so dressirt, 
dass, wenn eines derselben sich in Bewegung setzt, alle ihm folgen. 
Eben so, bleibt eines, so bleiben alle übrigen stehen. Zudem sind sie 
stark und lebhaft, obgleich äusserlich ganz unscheinbar. Dabei flie- 
gen sie, dass sie Niemand einholt. Das beliebteste Gericht der 
Tataren ist Pferdefleisch. Auch ein gekochter Brei aus Mehl und 
Pferdeblut ist als Speise sehr geschätzt. Während eines Streifzuges 
pflegen sie ihr Fleisch so zu bereiten, dass sie es unter die Sattel- 
decke des Pferdes legen auf welchem sie reiten, und es verzehren, 
sobald es so weit mürbe geworden, dass es zu bluten beginnt. Die 
wohlhabenden Tataren trinken statt des Wassers Stutenmilch die sie 
durch Beisatz eines Ferments innerhalb zwei Tagen sauer machen. Man 
nennt dieses Getränk Kumis. Auch lieben sie Buze (eine GattungBier) 
welches namentlich bei Hochzeiten und an Festtagen nicht fehlen darf. 
Von Getreidearten finden sich in der Krim Korn und Gerste; auch 
gedeiht dort Reis, und zwar alles dieses in Menge. Die krimischeu 
Tataren bekennen sich beinahe durchwegs zum hanefitischen Ritus. 
Ihren Ulema und frommen Männern bezeugen sie hohe Achtung. 
Sie haben ihren eigenen, von dem osmanischen abgesonderten Prie- 
sterstand und eigene Lehranstalten (Medrese). Knaben werden häufig 
von den Sofia (angehenden Ulema) ihren Altern in der Absicht 
gewaltsam weggenommen, um sie zu unterrichten und sie zu Gesetz- 
gelehrten heranzubilden. In solchen Fällen fällt es Niemanden bei, 
die Herausgabe seines Sohnes zu verweigern. Neugeborene Kinder 
werden ohne allen Unterschied bei einem Nährvater (Ataligh) unter- 
gebracht der bis zu ihrem siebenten oder achten Jahre für sie sorgt. 
Die Weiber des Volkes gehen nicht verschleiert. Am Bairamsfeste 
ist es den jungen Leuten gestattet, jedes beliebige Weib zu umarmen 
und zu liebkosen, so viel ihnen beliebt. Diesen Gebrauch nennen sie 

39 * 


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892 


Freih. v. Sch lechtn- Wssehrd 


„kollaschmak“ *). Will Einer eine Jungfrau heirathen, erkält er das 
Recht, ihr vorerst die Jungfrauschaft zu nehmen. Tritt aber in Folge 
dessen keine Schwangerschaft ein, braucht er sie nicht zu heirathen. 
Besonders geehrten Freunden werden die eigene Sclavinn oder, wenn 
keine solche im Hause vorhanden, die eigene jungfräuliche Tochter 
oder auch das eigene Weib zum Genüsse überlassen. Schreibt die 
Pforte einen Kriegszug aus, ist es Sitte, dass, wenn der Chan selbst 
in's Feld zieht, ihn nicht weniger als 80.000 Mann Tataren begleiten. 
Wird aber der Streifzug nur vom Kalgha, vom Nurredin. oder auch 
vom Sohne des Chan angeführt, beträgt das Contingent welches ihm 
folgt, nur 40.000 Mann. Während des Lagerns wird auf Kessel- 
pauken musicirt. Den Lagerplatz verlassen sie nicht eher, als bis ihr 
Anführer selbst aufbricht. Auch ihre Streifzüge werden zumeist im 
Winter unternommen, da die gefrornen Gewässer den Marsch erleich- 
tern, und die ungläubigen Russen und Polen ihrerseits in dieser 
Jahreszeit minder widerstandsfähig sind. Die Pferde der Tataren sind 
nicht beschlagen. Während des Ausmarsches pflegen die Tataren nur 
langsam vorzurücken, halten strenge Mannszucbt und sogar das täg- 
liche fünfmalige Gebet. Bei der Heimkehr hingegen legen sie wohl 
fünf Stationen in einer zurück und lassen Gebetruf (Ezan) und Gebet 
beiSeite. Dann eilen sie, rasch wie die Wolken, die Flussniederungen 
entlang, ohne je Feuer anzuzünden oder länger als eine Viertel- 
stunde Rast zu halten. Auf das erste Hornsignal brausen sie 
wieder fort wie Giessbäche. Während der Plünderung oder bei 
nächtlichen Überfallen versammeln sich ihre Mirzen auf einer be- 
stimmten Stelle wo die Beute zusammengetragen wird. Dort rasten 
sie dann, vorausgesetzt dass keine Feindesgefahr droht, drei Tage 
lang. Auf dem Heimmarsche ziehen sie in drei Abtheilungen. Die 
erste Abtheilung führt die Beute mit; dieser folgen die beiden 
anderen. Beim Verkaufe der Sclaven sind sie ohne alle Menschlich- 
keit und Barmherzigkeit, reissen Mutter von Tochter, Vater von 
Sohn und verhandeln sie einzeln. Die Tataren haben ihre eigenen 
Kadhi's, der Chan hat seinen eigenen Kadhiasker *). Zum Chane selbst 


■) 

*) Obenthcerricbter. 


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Walachei, Moldau, Besaarabien, die Krim, Taman und Aiow. 


593 


hat Jedermann freien Zutritt und trägt ihm persönlich seine Be- 
schwerden vor. Ihre Mirzen und Obrigkeiten sind unabsetzbar, denn 
ihre Würde ist erblich. Männliche Kinder des Chans werden nach 
Circassien zur Erziehung gesendet von wo sie erst als Jünglinge in 
das Vaterhaus zurückkehren. Die Söhne verstorbener oder abge- 
setzter Chane begeben sich unter den Schutz der Pforte, die ihnen 
in Janboli und anderen Orten Wohnsitze auweist. Bei günstigem 
Glücke werden sie häufig selbst Chane an ihres Vaters Stelle. Die 
Töchter der Chane werden gleichfalls ausser dem Hause erzogen 
und im entsprechenden Alter an Mirzen vermählt. 


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594 


G. Bier mann 


SITZUNG VOM 19. NOVEMBER 1862. 

Herr y. Karajan legt als Referent der historischen Commission 
einen derselben eingesandten Aufsatz vor : 

„Die Finanzlage Niederösterreichs im 16. Jahrhundert - . 
Nach handschriftlichen Quellen von Karl Oberleitner. 

Vorgelegt: 

Zur Geschichte der Herxoqthümer Zator und Auschwitz . 

Von Cr. BJ ermann. 

* 

Es gibt keinen Ländertheil in unserem grossen Vaterlande, 
welcher, früher selbstständig oder in Lehensabhängigkeit von einem 
grösseren Staate, nicht seinen Historiker gefunden hätte. Special- 
geschichten finden sich über jedes Kronland der österreichischen 
Monarchie, ja es wurde dem Leben und Weben fast jeder nur etwas 
bedeutenderen Stadt nachgespürt. Eine Ausnahme davon machen die 
Herzogthümer Zator und Auschwitz, sie haben meines Wissens noch 
nicht ihren Geschichtschreiber gefunden, kaum dass sie ein oder 
das anderemal in den historischen Werken über Polen und Schlesien 
erwähnt werden. Zacharias Stark, welcher 1580 ein „Kurtz 
Verzeichnus von dem Stamlingk und Herkommen der Hertzoge zu 
Teschen und Grossen Glogau“ verfasste, erwähnt nur selten die 
genannten Fürstenthümer 1 ), und sein Nachtreter El easar Tilisch, 
der im Jahre 1588 sein „Kurtz Verzeichnus, Bericht vnd Auszug 
von dem Stamling vnd AnkunfFt der Hertzoge zu Teschen - veröffent- 
lichte 2 ), ist höchst karg mit Berichten über Auschwitz, ganz fehler- 

4 ) Die Handschrift befindet sich in einem Foliobnnde der Bibliothek des Appellations- 
Berichtes in Breslau, welcher IV, 469 signirt ist. 

2) Das Werk hat spater Sommersherg in seinen Silesiacarum rerum scriptores 
Tom. I, 723 u. s. f. aufgenommei). 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator uud Auschwitz. 


595 


hafl aber ist seine genealogische Tafel. Das Programm des k. k. 
katholischen Gymnasiums vom Jahre 1852 theilte eine „muthmass- 
liclie genealogische Tabelle der Herzoge von Oäwi^ciin und Zator“ 
mit, sie ist gleich den meisten der beigegebenen historischen An- 
merkungen unbrauchbar. Ohne alle Bedeutung endlich sind die 
Mittheilungen Temple's in den Schriften der historisch-statistischen 
Section derk. k. mähr.-schlesischen Gesellschaft für Ackerbau u. s.f. 1 ). 
— Ich habe im Notizenblatt der historisch «- statistischen Section, 
Jabrg. 1862, Nr. 5 und 6 „Beiträge zur Genealogie der Herzoge von 
Auschwitz“ veröffentlicht, meine inzwischen ansehnlich vermehrte 
Sammlung von Urkunden für die Geschichte der Fürstenthümer Zator 
und Auschwitz liefert mir den Stoff zur vorliegenden Abhandlung. 


Die älteste Bevölkerung des spätem Herzogthumes Auschwitz 
(polnisch Oäwi^cim), voh der eine Kunde auf uns gekommen, war 
slavischen Stammes; es wohnten hier die Weiss- oder Grosschor- 
vaten, in denen man die von den Griechen und Römern erwähnten 
Karpianer oder Karper zu erkennen geneigt ist. Der Name der 
Chorvaten ist slavischen Ursprungs, man will ihn von den Chrben, 
den Karpathen ableiten, was von chrib oder chrb, d. h. Gipfel oder 
Berg herstammen soll. Die Chorvaten, Bergbewohner, wären somit 
die Bevölkerung der Karpathen 8 ). Der byzantinische Schriftsteller 
ConstantinPorphyrogeneta erwähnt ein Weiss- oder Grosschorratien, 
aus welchem zur Zeit des Kaisers Heraklius (610 — 64t), die nach 
dem Süden wandernden Chorvaten unter fünf Brüdern auszogen, von 
denen einer Chorvat genannt wird, ähnlich den Archegeten der 
hellenischen Colonisten, und der Sitte so vieler Völker gemäss, die 
• einen gleichnamigen Stammvater an die Spitze ihrer Sagengeschichte 
stellen 3). Jenes Weisschorvatien erstreckte sich von Ostgalizien bis 

1) Bd. XII, 527 u. s. r. 

2) Safarik's slarische Altertümer (deutsch von Mosig von Ährenfeld) I, ASS. 
Der ganze nördliche Bergabhang von der SuUchawa bis an die Weichselquellen 
hiess vom fünften bis zum zehnten Jahrhunderte Chrby, und mit Veränderung der 
Consonanten b in w Chrwy, Charwaty. Mit der obigen Ableitung erklärt sich Koch 
(Altertümer hei Nikolsburg, in den Schriften der historisch-statistischen Section VII , 
102) nicht einverstanden, er meint: die Karpathen bekamen zweifellos ihren Namen 
von dem celtischenVolksnamen der Karpier, Kapnot, daher SafanVs Ableitung falsch ist. 

3 ) Palacky (Geschichte von Böhmen 1, 64) stellt die Hypothese auf, dass jene in 
das byzantinische Kcich ziehenden Chorvaten und Serben ihre bisherigen Wohn- 
sitze verlassen hüllen, um sich der Macht Saiuo's zu entziehen. 


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596 


G. (Hermann 


nach Krakau hin, die späteren Herzogtümer Teschen und Auschwitz 
waren Bestandteile desselben. 

Die Cechen gründeten unter Samo, ihrem umsichtigen und kriegs- 
tüchtigen Führer, im Kampfe gegen die Avaren den ersten slavischen 
Staat, welcher in den Kriegen mit dem fränkischen König Dagobert 
seine Feuerprobe bestand. Samo hatte seine Oberherrlichkeit auch 
über Grosschoryatien , mithin auch über das Auschwitz'sche ausge- 
dehnt. In der möglicher Weise den Choryaten angehörigen Leschek- 
sage hat sich vielleicht das Andenken an seine Herrschaft erhalten 1 ), 
die jedoch unter seinen schwächeren Nachfolgern für Böhmen wieder 
verloren ging. 

Moimir, Rastislaw und Swatopluk, die Gründer des gross- 
mährischen Reiches, haben demselben auch das Gebiet von Au- 
schwitz und überhaupt ganz Chorvatien einverleibt, in welchem 
Verhältnis es aber zu jenem stand, wird bei dem Mangel näherer 
Angaben wohl nie zu ermitteln sein. In diesem Zeiträume wurde 
hier der erste Same des Christenthums ausgestreut. Da der bischöf- 
liche Sprengel des Slavenapostels Methodius mit den Grenzen des 
grossmährischen Staates zusammengefallen sein wird, und sicher 
auch die zinspflichtigen Stämme seiner oberhirtlichen Leitung anver- 
traut gewesen sein werden, so wird gewiss auch Grosschoryatien 
sammt dem Auschwitz'schen zu seinem ausgedehnten Sprengel 
gehört haben. Wenn auch nicht von ihm selbst, so wurde doch 
von einem oder dem * andern der zahlreichen begeisterten Schüler 
des Glaubensboten das Evangelium hier gepredigt, weiss ja eine, 
freilich unsichere Sage, einen gewissen Ozlaw als solchen namhaft 
zu machen, welcher für die Ausbreitung des Christenthums in Ober- 
schlesien gewirkt haben soll 9 ). 


*) GuUchmid : Kritik der polnischen Urgeschichte, im Archiv für die Kunde 5sterr. 
Geschichtsquellen, Bd. XVII ; vergl. dagegen Röpell’s Geschichte Polens S. 70 n. f. 

*) Friese t Kirchengeschichte des Königreiches Polen 1786. I, 12. Dass der in jener 
Zeit ausgestreute Same der christlichen Lehre tiefe Wurzeln in diesen Gegenden 
geschlagen habe , bezeugt Adalbert’* Bemühung während seiner Anwesenheit in 
Krakau den slavischen Ritus durch den lateinischen zu verdrängen, sodann weil 
in den Bisthumssprengeln Breslau und Krakau noch gegen die Mitte des 13. Jahr- 
hunderts die Fastenzeit nach der Weise der griechischen Kirche eingerichtet war. 
was aus den Klagen der Deutschen gegen ihre Bischöfe erhellt, welche sie 
a septuagesima usque ad pascha vom Fleischessen abhalten wollten (Montbach: 
Statuta synodalia dioeeesaua s. ecclesiae Wratislavieusis. Wratisl. 1833, pag. 317J, 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 


597 


Grossmähren erlag nach kurzem Bestände der Uneinigkeit der 
Nachkommen Swatopluk’s, dem Streben der unterworfenen slavi- 
sehen Stämme nach Selbständigkeit, und den Angriffen der Deutschen 
und Magyaren. Man wird über das Schicksal der Chonraten, unmit- 
telbar nach dem Zusammensturz des grossmährischen Reiches, kaum 
eine historisch beglaubte Nachricht je erhalten, vermuthlich standen 
sie wieder wie früher unter ihren jetzt unabhängigen Häuptlingen. 
Dies mag bis in die Zeit der Bähmenherzoge Boleslaus I. und II. 

V 

gewährt haben, unter deren Leitung sich die Cechen abermals zu 
hohem Ansehen und grosser Macht erhoben. Zeugniss davon legt 
der Stiftungsbrief des Bisthums Prag ab *). Wenn auch nicht alle 
jene Gebiete, welche diese Urkunde aufzählt, zu den Eroberungen 
der Böhmen gerechnet werden könnten , so wird doch sicher Gross- 
chorvatien dazu gehört haben, was die Thätigkeit des heiligen Adal- 
bert's daselbst beweist. Dem frommen Boleslaus II. folgte sein ihm 
unähnlicher Sohn Boleslaus III., Rothhaar genannt, ein Mensch von 
unermesslicher Gottlosigkeit, der das Volk mit unsäglicher Tyrannei 
behandelte *). Mit ihm sank das Reich der Böhmen von seiner Höhe, 
Grosschorvatien ging für dasselbe verloren. Das Gebiet von Krakau 
wurde für immer, das spätere Herzogthum Auschwitz für einen 
Zeitraum von achtzehn Decennien mit den Geschicken Polens ver- 
knüpft. 

Mieczyslaw's von Polen grosser Sohn, Boleslaw Chrobry, wel- 
cher 902 zur Regierung gelangt war, muss als der eigentliche 
Stifter des polnischen Reiches angesehen werden. Unter seinen 
vielen Kriegszügen ist für uns der gegen die Chorvaten unternom- 
mene von besonderem Interesse , sie wurden eine Beute des Polen- 
berzogs, das Krakauer Gebiet und Oberschlesien ein Bestandtheil 
des piastischen Staates ’). Das eroberte Land verschmolz mit Polen 

und endlich die Wasserweihe in der Vigilie der heil. Dreikönige (Stenzel's 
Geschichte Schlesiens S. 13). 

*) Der Stiftungabrief ist bekanntlich nur in einer Bestätigung Kaiser Heinrich's IV. 
vom 29. April 1086 hei Cosmas in Mon. Germ. IX, 91. erhalten, ea ist mir 
nicht unbekannt, dass er in manchen seiner Theile nicht über jeden Zweifel 
erhaben ist; vgl. Palacky’s böhm. Geschichte 1, 226. Dudik's mähr. Geschichte 
1,313. Dudfk's, Troppau’s ehemalige Stellung zu «Mähren, 230. Bfidinger's österr. 
Geschichte I, 314. Dümmler’s Piligrira von Passau*173. 

*J Thiefinar, Mon. Germ. III, 793. 797. 

8 ) Cosmas, Mon. Germ. IX, 56. dux Poloniensis Mesco (immo Bolezlaus cognnmine 
Chrabry) mox urbem Krakov abstulit dolo , omuibus quos ibi invenit 


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598 


G. B i e r in a n n 


zu einem Reiche, und die beiden Bruderstämme wuchsen dergestalt 
zu einer Nation zusammen, dass den späteren Chronisten die Kunde 
von einer frühem Trennung fast ganz verloren ging. Kaiser 
Otto III. errichtete im Widerspruch mit Magdeburgs Metropolitan- 
rechten im Jahre 1000 in Gnesen ein Erzbisthum, dem er die 
gleichzeitig errichteten Bisthümer Kolberg, Breslau und Krakau 
unterordnete; zu dem Sprengel des letzteren gehörten und gehören 
bis in die neueste Zeit die Herzogtümer Zator und Auschwitz. Die 
vom Kaiser getroffene kirchliche Organisation war für Boleslaus von 
doppelter Wichtigkeit, denn seine Eroberungen erlangten dadurch 
die kaiserliche Bestätigung, und das von dem Herzog beherrschte 
Land wurde in kirchlicher Beziehung von Deutschland getrennt; der 
kirchlichen Selbständigkeit aber musste die politische auf dem Fusse 
nachfolgen. 

Meines Wissens wird Auschwitz, welches bis gegen das Ende 
des XII. Jahrhunderts auf das Allerengste mit Polen verknüpft blieb, 
auch nicht einmal bei irgend einem der Chronisten angeführt, auch 
weiss ich mich nicht zu erinnern, dass es mir in dieser Periode in 
irgend einer Urkunde begeguet wäre, und doch bestand ganz gewiss 
bereits in diesem Zeiträume eine Ortschaft dieses Namens, und zwar 
mit einem Castell, in welchem ein Castellan oder Burggraf sass, der 
den Landesherrn in dem dazu gehörigen Districte, der Castellatur 
oder der Castellanei vertrat, und in seinen Händen die militärische 
richterliche und administrative Gewalt innerhalb seines Bezirkes 
vereinigte, in deren Ausübung er von Unterbeamtea unterstützt 
wurde. 

Im Jahre 1163 wurde den Söhnen des vertriebenen polnischen 
Grossfürsten Wladislaw's, Boleslaus, Mesko und Konrad von ihrem 
Oheim Boleslaus IV. alles zum Breslauer Bisthumssprengel gehörige 
Land abgetreten. Sie theilten sich in dasselbe. Mesko bekam Ratibor, 
später auch Oppeln, er und seine drei nächsten Nachfolger, welche 
ganz Oberschlesien beherrschten, nannten sich Herzoge von Oppeln. 
Von Boleslaus IV. erhielt Mesko bei Gelegenheit der Taufe seines 
Sohnes, das jetzt von Polen getrennte Beuthen und Auschwitz, 


Boemiis exstinctis giadio. — Res gestne principum et reguiii Poloniae per Vin- 
centium (Kadlubkonem) saei*. XII & XIII enarrutae ; Vars. 1824, I. 90. Huuuos seu 
Hungiros, C r a v a I i n s & Mar dos — siio inauiipavit imperio. 


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Zur Geschichte der Herzogthümer Zator und Auschwitz. 599 

dazu ohne Zweifel auch Zator, Siewierz und Ptess, überhaupt was 
von Schlesien zum Krakauer Bisthumssprengel gehörte *). 

Unangefochten blieben seitdem die Herzoge von Oppeln iin 
Besitz der Castelia tu r Auschwitz» in ihrer Begleitung finden 
sich zuweilen auch die Castellane von Auschwitz , wir begegnen 
ihnen als Zeugen in den herzoglichen Urkunden» so unterfertigt am 
1. August 1228 Wernberus Castellan von Auschwitz» einen Brief 
Kasimir’s von Oppeln» und in einer Urkunde Herzog Wladislaw's vom 
21. October 1258 begegnen wir dem Burggrafen Laurentius 2 ). Ein 
Castellan Jaroslaus von Auschwitz wird 1262 in einem Schreiben 
desselben Herzogs erwähnt 2 ). 

Es kann liier nicht mit Stillschweigen übergangen werden, dass 
merkwürdiger Weise Wladislaus von Oppeln urkundlich zweimal als 
Herzog von Auschwitz angeführt wird. Das erste Mal geschieht 
es in einem zu Auschwitz am 22. Mai 1250 ausgestellten Brief, 
kraft welchem Wladislaus H erzog von Auschwitz in Anwe- 
senheitseinesleiblichen Bruders Janusiu s, Herzog vonRatibor, 
für das Seelenheil seines Sohnes Wlodimir, Mönch des Benedic- 
tinerklosters Tiniec, dem Abt Daniel und der Abtei das Dorf Lac- 
zany oberhalb der Weichsel schenkt. Die Marken der Ortschaft, die 
er abgrenzen habe lassen, werdeu angegeben, auch ein Zehntel 
aller Einkünfte und freies Holz» so wie die Dörfer Wola, Radzieszow 
und Zorzow werden den Benediclinern zugetheilt*). Dass diese 
Urkunde ein Falsifieat und noch dazu ein sehr grobes sei, braucht 
kaum bemerkt zu werden, die oberschlesische Geschichte dieser Zeit 
weiss weder einen Herzog von Auschwitz, noch einen von Ratibor 
namhaft zu machen. Es kann aber auch nicht an eine Verwechslung 
mit dem später zu erwähnenden Wladislaus, dem ersten Herzog vor 
Auschwitz gedacht werden, denn dessen Zeitgenosse im Herzogthum 
Ratibor war ja Herzog Lestko. Auch die übrigen in diesem Schrift- 
stücke angeführten Personennamen siud historisch unbeglaubigt, die 


*) Boguphal bei Sommersberg II, 46. Stenxel's schles. Geschichte S. 32. Erst 1821 
wurde durch die Bulle de salute animaruro Beuthen und Pless dem Breslauer 
Bisthume ciuverleibt. 

Codex diplomaticus Poloniae Tom. III, edid. Barloszcwicz p. 13. Codex diplom. 
Silesiae, edid. Watlcnbach II, 2. 

3 ) Stenzel's Heinrichau S. 58. 

4 ) Sczygielski Tinecia p. 153. 


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600 


G. Biertnann 


Geschichte des Klosters Tiniec kennt in dieser Zeit keinen Abt 
Daniel , und Wlodimir, der Sohn Wladislaw's, ist mir in keiner der 
vielen Urkunden dieses Fürsten noch begegnet, ja der Herzog von 
Oppeln, welcher 1250 noch im jugendlichen Alter stand, konute 
unmöglich schon einen Sohn haben, der bereits damals das Kloster- 
gelöbde abgelegt haben konnte. 

Das zweite Schreiben ist von Boleslaus dem Schamhaften, Her- 
zog von Krakau und Sandomir, am 28. September 1278 ausgestellt. 
In demselben erklärt er, dass er zwar alle an der Skawa liegenden 
Ortschaften dem Herzog Wladislaus von Auschwitz als 
ewiges Besitzthum übergeben habe, dass er jedoch davon die Dörfer 
seiner Ritter insbesondere aber Trebol eximire *), da sie als seine 
treuen Diener dem Herzogthum Krakau auf keine Weise entfremdet 
werden sollen, daher denn auch Wladislaus von Auschwitz weder 
Dienste und Abgaben von ihnen fordern, noch sie vor sein Gericht 
laden dürfe. Was der Herausgeber der Urkunde zur Rettung der- 
selben (in der Anmerkung 3) anfühl t, ist nicht stichhaltig, ich halte 
auch sie wenigstens in der Form wie sie uns vorliegt, für unecht *). 

Für die Geschichte des Städtewesens im Auschwitzer Gebiete 
ist der Wladislai’sche Brief von 1277 von Bedeutung, laut welchem 
der Herzog von Oppeln den Kauf der Vogtei von Kenty bestätigt, 
und den Käufern Arnold und seinen Brüdern Rüdiger und Peter von 
60 Hufen, die sechste zinsfrei ertheilt, ihnen das Recht zum Bau von 
Mühlen, zur Anlegung von Fleisch-, Brot- und Schuhbänken zu- 
spricht, und die Commune mit dem Lewenberger Rechte bewidmet*). 

Nach dem Tode Wladislaw's von Oppeln (f 13. November 1282) 
theilten sich seine Söhne in das väterliche Erbe. Boleslaus erhielt 
Oppeln, Kasimir, Beuthen und Kosel, Mesko und Przemislaus 
bekamen Ratibor und die Castellaturen Teschen und Auschwitz, den 
Titel eines Herzogs von Oppeln neben den eines Herrn von Beuthen, 
von Ratibor oder von Auschwitz führten sie noch mehrere Jahre 
lang gemeinschaftlich. Mesko und Przemislaus, der älteste und 
jüngste der Brüder haben ursprünglich gemeinsam geherrscht, ja 


*) Triebonia, Pfarrdorf im WadowiUer Kreis bei Myslenitx. 

*) Cod. dipl. Pol od. Tom I. edid. Mucxkowski Sc Rzyczewski. Bestätigungen dieses 
Briefes aus den Jtbren 1356 und 1428 finden sich im 3. Bd. des Codex. 

3) Cod. dipl. Polen. 111, 114. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 


601 


es stand möglicher Weise dieser eine Zeit lang unter der Vormund- 
schaft des ersteren *)• Für die gemeinschaftliche Regierung spricht 
unter andern die Stelle eines Briefes, welcher zu Gunsten der 
Stadt Ratibor am 10. November 1290 von Przemislau 9 ausgestellt 
wurde, sie lautet: Postmodum etiam tempore fratris nostri 
Charissimi IUustrissimi Ducis Musconis simul et nostro*). 

Auch haben die Brüder anfänglich eine andere Theilung vor- 
gehabt als später beliebt worden ist, was aus den nachfolgenden 
Urkunden ersichtlich wird. 

Przemislaus, Herzog von Oppeln und Herr von Auschwitz, 
gibt 1284 den Klosterbrüdern in Mogila für sechs Hufen urbaren 
Landes in Spytkowitz (bei Zator) sechzehn fränkische Hufen von 
seinem Walde mit deutschem Rechte *). 

Mesko, Herzog von Oppeln und Herr von Ratibor, bestätigt 
zu Rybnik am 23. März 1287 die der Adalbertskirche in Nikolai 
gemachten Schenkungen; Przemislaus von Oppeln und Herr von 
Auschwitz hängt sein Siegel an den Brief 4 ). 

Eine Urkunde von 1284 führt Przemislaw’s Siegel mit der 
Umschrift: S. P(remislii Dei) GR(a Du)CIS. OPOLIEN. D. OSVEN- 
CIM *). 

In dem Schreiben vom 7. Mai 1286, kraft welchem das Brüder- 
paar die Stadt Ratibor zum Oberhof für alle in ihrem Lande mit 
flämischem Rechte bewidmeten Ortschaften setzen, und die Form 
eines Gerichtes in letzter Instanz anordnen, nennen sich Mesko und 
Przemislaus, Herzoge Yon Oppeln und Herren von Ratibor 4 ). 

Am 13. November 1288 befreien die beiden Herzoge von 
Oppeln und Herren von Ratibor die Dörfer des Stiftes Czarnowanz, 


\) Przemislaus wird in der für das Benedictinerkl<fster Orlau im Teschnischeo vom 
Herzog Wladislaus am 12. Juni 1268 ausgefertigten Urkunde (in Hormayr’s Archiv, 
Jahrg. 1820, Nr. 46; und in Heyne’s documentirter Geschichte des Bisthums, 
Breslau S. 1039, Anm. 1) zum ersten Male urkundlich angeführt, er war mithin 
1289 mindestens 24jährig. 

2 ) Sommersberg I, 914. A. Heinrich in Woliiy's histor. Taschenbuch, X. Jahrgang 
1829, S. 217, schiebt diesen Worten die irrige Bedeutung unter, dass Przemis- 
laus hier seines verstorbenen Bruders gedenke. 

*) Cod. diplom. Poloniae III, 135. 

4 ) Im fürstlichen Archiv in Pless. 

s ) Vosberg hat es in seineu : Siegel des Mittelalters von Polen u. s. w. 1854. 
S. 30 beschrieben und auf Taf. XIX abgebildet. 

•) Tzschoppe und Stenzei : Urkundensammlung S. 403, Nr. 79. 


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602 


G. BiermAnn 


Krawarn, Radoschau und Knizenitz von allen herzoglichen Diensten 
und Lasten; das eine der angehängten fürstlichen Siegel hat die 
Umschrift: S. MESCONIS, DI.GRA. DVCIS. OPOLIEN. DNI. DE. RATIBOR. 
das andere S. PMIZLII. DI. GRA. DVCIS. OPOLIEN. DNI. D. (Osv) 
ENCIM. *). 

Herzog Mesko von Oppeln, Herr von Ratibor, schenkt laut 
der am 31. Octobfcr 1289 zu Ratibor ausgefertigten Urkunde, 
mit Zustimmung seines Bruders dem Kloster Czarnowanz hunder 
fränkische Hufen bei Novum castrum (in Oppeln) im Walde Uitalis- 
soua poramba (Yitaiienrott) a ). 

Die mitgetheilten Urkunden liefern den Beweis, dass Auschwitz 
dem Jüngern , Ratibor dem älteren Bruder bestimmt war. Es muss 
jedoch im Jahre 1289 eine Verabredung getroffen worden sein, auf 
Grund welcher dem Herzog Mesko die Castellaturen 
T eschen und Auschwitz zufielen, Przemislaus aber Ratibor 
erhielt. 

Jener stellt nämlich am 31. Jänner 1290 zu Teschen einen 
Brief aus, in welchem er sich Herzog von Teschen und Herr 
von Auschwitz nennt. Als solcher bestätigt er seinem Dienst- 
mann Bogusius die Freiheit für jene an der Olsa in der Nähe der 
Stadt Teschen gelegenen zehn fränkischen Hufen, welche er von dem 
herzoglich teschnischen Münzer Fritto erlangt hatte, Mesko gibt 
dem Bogusius (er ist gewiss der Locator, des Dorfes Boguschowitz) 
die Befugniss zum Mühlenbau, Fischfang und zur Jagd, befreit die 
anzusiedelnden Bauern von allen Diensten und Lasten, und von der 
Gerichtsbarkeit des Hofrichters und der Stadtvogte. Unter den 
Zeugen wird auch Nikolaus genannt Lisignat, Castellau von Au- 
schwitz angeführt 3 ). 

Am 9. August 1290* ertheilt Przemislaus, Herzog von 
Oppeln undHerr vonRatibor, die Erlaubniss zu einem Mühlen- 
bau 4 ). 


i) Cod. diplora. Sil. I, 17. 

*) Ebendas. S. 19. 

3 ) Abschriftlich im Hausprotokoll des Bürgerspitals in Teschen (im Stadtarchiv 
aufbewahrt), gedr. in den Schriften der hist. -stalist. Section XII. 164. Ein Ca- 
stellan Nikolaus von Auschwitz kommt in einer Urkunde vom 2. August 1297 
vor; Codex dipl. et epistol. Moraviae V, 74. 

4 ) Im konigl. Provinzinl-Arehiv in Breslau. 


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Zur Geschichte «1er Ilerzogtlinmor Zator und Auschwitz. 


603 


Die erstere Urkunde ist für die Geschichte Teschens yom hohen 
Werthe, von dein Tag ihrer Ausstellung an ist das Bestehen eines 
Her zogthu ms Te sehen urkundlich gesichert, mit diesem neuen 
Fürstenthume war Auschwitz bis zum Ableben Mesko’s verbunden. 

Der erste Herzog Teschens bezeichnet sich in den wenigen auf 
uns gekommenen Urkunden meist als Herr von Auschwitz, so in 
dem den Bürgern der Stadt Bielitz am 3. Juni 1312 ausgestellten 
Schreiben, auf Grund dessen er ihnen den Wald bei Nikelsdorf bis 
Kamnitz gibt, welcher heute noch städtisches Eigenthum ist 1 ). 

An einem Brief Herzog Lestko's von Ratibor vom 9. April 1313 
befindet sich Mesko’s Siegel mit der Umschrift: (S. Mes) CON. DI. 
GRA. DVC. (Tessin) ET. DNI. D. OSSUECI. «). 

Derselbe Herzog ertheilte am 3. September 1291 der Stadt 
Auschwitz das Recht, dass alle in der Castellatur vorkommenden zur 
höheren Gerichtsbarkeit gehörigen Rechtsfiille von dem Stadtgerichte 
durch Schöffen zu entscheiden seien, auch gab er ihr das Niederlags- 
recht för Blei und Salz, und das Zollgefall auf den zwei Brücken *). 
Die Vogtei von Zator verkaufte er laut seinem zu Auschwitz am 
10. November 1292 ausgefertigten Brief an seinen Caplan Arnold, und 
stattete ihn mit den üblichen Freiheiten eines Locators aus 4 ). 

Die Stadt Auschwitz hatte also bereits zu Ende des 13. Jahr- 
hunderts deutsches Recht, sie erhielt dasselbe wenn nicht früher, so 
doch sicher vom Herzog Wladislaus von Oppeln; der gleich seinem 
Bruder Mesko II. (f 1246) und seinem Vater Kasimir (f 13. Mai 
1230) für die Anlegung von Dörfern und Städten nach deutschem 
Rechte tliätig war. Das der Stadt Auschwitz ertheilte Niederlagsrecht 
für Blei und Salz lässt auf einen lehhafteren Transitohandel dieser 
Artikel schliessen, und beweiset, dass die Stadt als Durchgangspunct 
für den mährisch-polnischen Handel nicht unwichtig war. Auch Zator 
und Kenty waren im 13 Jahrhundert mit deutschem Rechte bewidmete 
Städte. Gleich wie in ganz Schlesien und iin Ht‘i*zogthume Krakau, 

') Als Transsuint io einer Confirmationsurkunde Herzog Friedrich Kasimir's vom 
Jahre 1565 iin Archiv der vStadt Bielitz; gedr. in den Schriften der hist. -statist. 
Seet. XII, 106. 

2 ) Cod. dipl. Sil. II, 123. 

3 ) Schrift, d. hist. -statist. Sect. XII, 333. Am 14. November 1296 erlheilt König Weuzel 
der Stadt Troppau das Niederlagsrecht auf Blei, Wein, Tuch, Salz und andere 
Waaren; Cod. dipl. Poloniae III, 161. 

*) Sommer&berg 111, letztes Blatt. 


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604 


G. Biermann 


werden in dieser Zeit auch im Auschwitz’schen zahlreiche deutsche 
Colonisten von den Landesherrn gerufen, und mit den üblichen 
Rechten und Freiheiten ausgestattet, sich in mitten der polnischen 
Bevölkerung niedergelassen, und zur Hebung der Bodencultur, des 
Handels und der Gewerbe wesentlich beigetragen haben (Kunzen- 
dorf, später Lipnik genannt, wird gewiss schon im 13. Jahrhundert 
zu deutschem Rechte ausgesetzt worden sein). Die schon angeführten 
Namen des Castellans Werner, der Vögte Arnold und Rüdiger, des 
Caplans Arnold deuten auf den deutschen Ursprung dieser Männer. 

Das Herzogthum Teschen mit dem Auschwitzer Gebiete gerieth 
bereits unter Mesko in Abhängigkeit von der Krone Böhmen. In dem 
am 17. Jänner 1291 zu Olmütz mit Wenzel von Böhmen abge- 
schlossenen Vertrag, machte sich der Herzog verbindlich, dem König 
in der Erwerbung, Verfolgung und Verteidigung seiner Rechte, 
Länder und Besitzungen in allen Fällen und gegen Jedermann beizu- 
stehen, und von ihm aufgefordert in eigener Person mit allen seinen 
Leuten, seiner ganzen Macht und seinem Vermögen bei jeder Gele- 
genheit ihm behilflich zu sein; auch verpflichtet er sich dem König 
und seinen Leuten die Burgen und Festen seines Landes zu öffnen, 
und ihm und den Seinigen freien Ein- und friedlichen Abzug aus 
denselben zu gewähren *)• Obgleich diese Militärconvention , wenn 
wir sie so bezeichnen dürfen, bei weitem verschieden ist von dem 
von Kasimir von Beuthen am 10. Jänner. 1289 ausgestellten Docu- 
mente, laut welchem er sem Herzogthum dem Böhmenkönig förm- 
lich übergibt und als Lehen zurück erhält so erscheinen doch 
auch im erstem Vertrag die Pactirenden keineswegs auf gleichem 
Fusse, ja es lässt sich aus den einzelnen Vertragsbestimmungen das 
Verhäitniss des Lehensmannes zu seinem obersten Lehensherrn 
herauslesen. Sollte aber auch eine wirkliche Lehensoblation von 
Seite Mesko's um diese Zeit noch nicht stattgefunden haben, so war 
sie doch für die Dauer bei der Ohnmacht der oberschlesischen 
Fürsten und der geographischen Lage ihrer Länder inmitten ihrer 
mächtigen, damäls im Krieg verwickelten böhmischen und polnischen 
Nachbarn unausweichlich, sie erfolgte im August 1292 zu Oppeln 8 ). 


') Archiv für Runde österr. Gesch. Quellen XIV, 172, Nr. 1. 

2 ) Sommersberg I, SSi. 

*) Chron. Aulae Regiae, edid. G. Dobner in Monum. histor. Bobemiae V, 78. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 


605 


Die Heirat zwischen Wenzel III. von Böhmen und Viola, der Tochter 
Mesko ’s im Jahre 1305, mag den Herren yon T eschen und Auschwitz 
noch enger an das Interesse des Königs geknüpft haben. Mit dem 
Tode des letzten Przemisliden hörte jedoch die Abhängigkeit des 
Teschner und Auschwitzer Gebietes yon der Krone Böhmens für 
eine kurze Zeit auf, denn die nächstfolgenden Könige fanden nicht 
die nöthige Müsse, die Politik ihrer Vorfahren in Bezug auf Polen 
wieder aufzunehmen, und Johann yon Lützelburg, tief verflochten in 
die dazumaligen Wirren des deutschen Reiches, und nicht selten 
taktlos in der Behandlung seiner neuen (Jnterthanen, Hess eine 
Reihe von Jahren verstreichen , bis sich seine Aufmerksamkeit auf 
die schlesischen und polnischen Angelegenheiten richtete. In der 
Zwischenzeit gerieth die Lehensabhängigkeit Oberschlesiens in Ver- 
gessenheit und auch Auschwitz wurde unter seinem eigenen Fürsten 
wieder selbstständig. 

Urkundlich sicher gestellt ist es, dass Herzog Mesko zwei 
Söhne Wladislaus und Kasimir besa9s *) , welche sich nach seinem 
Hinscheiden in das väterliche Erbe theilten 2 ). Dieser bezeichnet 
sich in seinen Briefen einfach als Herzog von Teschen , so in dem 
Anm. 2 angeführten Schreiben, und in der zu Bielitz am 1. Mai 
1316 ausgestellten Urkunde über zwei, dem Peter, Bürger der Stadt 
Bielitz geschenkte Freihufen in dem Dorfe Bielitz (Alt-Bielitz) *), 
so auch in allen späteren von diesem Herzoge herrührenden 
Schriftstücken. 

Wladislaus erhielt aus der Hinterlassenschaft das Auschwitzer 
Gebiet. Mir ist zwar noch kein einziger von diesem Herzog aus- 
gefertigter Brief in die Hände gekommen, erwähnt aber wird er in 
zwei vom Pap9t Johann XXII. zu Avignon ausgestellten Schreiben. 


i) Sie werden in der Urkunde vom 31. Jänuer 1290 (vgl. S. 602. Anm. 3) und in einem 
Restätigiingshriefe Herzog Bolko’s von Teschen vom 6. Februar 1417 erwähnt; 
das Original des letzteren wird von der Dorfgemeinde Goleschau aufbewahrt, 
mitgelheilt ist er in den Schriften der hist. -statist. Section XII, 168. 

*) Das S. 605, Anm. 2 augeführte Schreiben vom 9. April 1313 ist das letzte, welches 
Mesko's gedenkt, bis zu der vom Herzog Kasimir von Teschen am 14. März aus- 
gestellten Urkunde über 4 1 8 Hufen Laudes zur Viehweide für die Bürger der 
Stadt Bielitz (Schriften der hist. -Statist. Section XII, 167), mangelt jeder urkund- 
liche Nachweis. Mesko muss in der Zwischenzeit gestorben sein. 
s ) Die vom Bielitzer Magistrat am 4. November 1617 vidimirte Copie befindet 
sich im Prov.-Archiv in Breslau, bez. Bielitzer Herrschaft. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. IV. Hfl. 40 


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606 


G. Bierraaoo 


Das erstere vom 22. September 1321 ertheilt dem Herzog Wladis- 
laus und seiner Gemahlinn Euphrosine, Herzoginn von Ausch- 
witz die Erlaubnisse sich einen tauglichen Priester zu ihrem Beicht- 
vater wählen zu dürfen <). Die andere Urkunde, vom 15. December 
1321, ist an den Krakauer Scholasticus Johann, dem SohneWla- 
dislaw's, Herzogs von Auschwitz gerichtet, in derselben 
erklärt der Papst, dass er die Pfründe eines Scholasticus der Kra- 
kauer Kirche, welche durch die Erhebung Boieslaw's zum Erzbischof 
von Gran erledigt wurde, dem genannten Johann mit allen Rechten 
und Zugehör ertheile. Derselbe habe sich, sobald er das dazu taug- 
liche Alter erreicht haben wird, der Priesterweihe zu unterziehen. 
In ähnlichem Sinne schrieb der Papst nooh an mehrere geistliche 
Würdenträger»). 

Es lässt sich also nicht im geringsten zweifeln, dass Wladis- 
laus, der Sohn Mesko's von Teschen, Fürst von Auschwitz war. Er 
ist der erste Herzog dieses Landes, die frühere Ca stel- 
latur Auschwitz wurde durch ihn ein eigenes Herzog- 
thum. Dasselbe war aber auch während seiner Regierung ein voll- 
kommen selbstständiges Land , und der Herzog ein völlig unabhän- 
giger Herr. 

Allerdings änderte sich dieses bereits unter seinem Sohn und 
Nachfolger Johann I.; es ist derselbe, welcher uns schon aus dem 
letzterwähnten päpstlichen Schreiben bekannt ist. Als Herzog von 
Auschwitz und Scholasticus von Krakau urkundet er zu Beuthen am 
24. Februar 1327, dass er Fürst und Vasall König Johann's von 
Böhmen sei, und dass er von ihm das Herzogtbum Auschwitz mit 
allen Städten und Burgen und zwar die Städte Auschwitz und Zator, 
Lant (? wohl Kenty) , Zipsa (? wahrscheinlich Zywiec = Seipusch), 
Wadowitz und Spytkowitz mit ihren Bewohnern und mit allen Dörfern, 
Leuten, Vasallen und Rittern und allem Zugehör von dem König als 
Lehen erhalten habe »). An demselben Tage verbriefte der Böhmen- 


*) Nobili Tiro, schreibt der Papst, Wladislao duci, et dilecte in Christo filie nobili 
mulieri Effrosine ducisse Oswecinensi. 

*) Beide Urkunden in Theiner's Vetera Monuments Poloniae et Lithuaniae ect. Romae 
1660, I, 170. 171. Nr. 259 et 261. Im Eingänge des zweiten Schreibens bedient 
sich der Papst der Worte: Johanni nato dilecti filit Ladislai ducis 
de Oswericin, Scolastico ecclesie Cracuviensis. 

8 ) Sommersberg f, 807. 


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Zur Geschichte der Herzogthümer Zator und Auschwitz. 


607 


könig dem Herzog Kasimir I. von Teschen sein und seiner Nach- 
kommenschaft Erbrecht auf das Herzogthum Auschwitz, im Falle 
Herzog Johann I., der Brudersohn des Teschner Fürsten, oder seine 
Nachkommen ohne eheliche Kinder sterben sollten *)• In dem Trent- 
schiner Vertrag vom 24. August 1335 erklären die polnischen Abge- 
ordneten, dass ihr König Kasimir den König Johann von Böhmen 
und seinen Sohn Karl, Markgrafen von Mähren, in dem Besitz und 
der Herrschaft Schlesiens auf keine Weise nie und nimmer kränken 
und belästigen wolle. Im November desselben Jahres trafen sodann 
auf der ungrischen Königsburg Wischegrad die Könige von Böhmen, 
Polen und Ungern zusammen, es wurden daselbst die Bedingungen 
des früheren Vertrags bestätiget. In beiden ersteren wird Johann 
von Auschwitz unter den schlesischen Lehensherzogen mit auf- 
gezäblt*). 

Es wurde mithin Johann L von Auschwitz, welcher ursprüng- 
lich für den geistlichen Stand bestimmt war, nach dem Tode Wladi- 
slaw's (er starb zwischen 1322 und 1326) aber die Regierung des 
Herzogthums übernommen hatte, der Vasall Böhmens und das Her- 
zogthum Auschwitz ein zur böhmischen Krone gehöriges Lehen- 
förstenthum; in diesem Verhältnis verblieb es bis in die Mitte des 
15. Jahrhunderts. 

Wir erinnern uns, dass Papst Johann XXII. im Jahre 1321 dem 
Scholasticus Johann auftrug die Weihen zu empfangen, sobald er 
die dazu tauglichen Jahre erreicht haben würde; er stand also noch 
im jugendlichen Alter als er zurRegierung des Herzogthums gelangte. 
Die Priesterweihe hat er gewiss nie empfangen, und das geistliche 
Amt eines Scholasticus wird er bald niedergelegt haben*). Bereits 
in der am 1. September 1333 zu Auschwitz ausgestellten Urkunde, 
laut welcher er dem Zegota von Benkowitz einen an der Skawa 
liegenden Wald zuerkennt, ist der Titel eines Scholasticus fallen 
gelassen *), er kommtauch nicht, weder in dem von den Abgeordneten 
des Polenkönigs Kasimir in Trentschin zu Stande gekommenen Ver- 


i) Sommersberg I, 804. 

*) Ebendaselbst \ f 774—778. Üod. dipl. et epist. Morariae VII, 56. 69. 

*) Der Scolastjcus war Domherr, er wird auch Praelatus Scolasticus genannt. 

4 ) Inventarium omnium et singulorum privilegiorum etc. quaecnnque io archivo regni 
in arce Cracoviensi contiuentur , per commissnrios confectum Ao. Dni. 1682. 
Lutetiae Parisiorum 1862, p. 228. 

40 * 


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608 


G. Biermann 


trage, noch in irgend einem Briefe des Herzogs überhaupt vor. 
Dieser scheint jedoch nicht alle mit der' erwähnten Pfründe ver- 
bunden gewesenen Einkünfte abgegeben, sondern etliche Zehnte und 
Bischofsvierdunge, welche von dem Scholasticus aus dem Herzog- 
thume Auschwitz bezogen wurden, zurückbehalten zu haben 1 )* Dies 
wird aus dem an den Breslauer Bischof gerichteten Schreiben Papst 
Urban's V. vom 27. August 1365 ersichtlich, kraft welchem er ihn 
beauftragt den Rechtsstreit zwischen Arnold von Cancina, Scholasticus 
von Krakau, und dem Herzog Johann von Auschwitz über etliche zur 
Scholasterie gehörige Zehente zu entscheiden 2 ). 

Noch lebte bei den Piasten Oberschlesiens die Erinnerung an 
ihre Zusammengehörigkeit, und trotz der Zersplitterung Oberschle- 
siens in zahlreiche kleine Fürstenthümer wurden Land und Leute 
noch immer als das Gesammteigenthum des Geschlechtes betrachtet. 
Die plastischen Fürsten glaubten sich noch an das polnische Erb- 
recht halten zu können, dem zu Folge in Ermanglung von Söhnen 
die Oheime, ja selbst die entfernteren Mitglieder des Geschlechtes, 
mit Ausschluss der Töchter, sich in das hinterlassene Erbe theilten. 
Als nun mit dem schon erwähnten Lestko von Ratibor, die von 
seinem Vater Przemislaus gestiftete plastische Linie der Ratiborer 
Herzoge erloschen war, erhoben sämmtliche oberschlesische Fürsten, 
darunter auch Johann von Auschwitz Ansprüche auf die Hinter- 
lassenschaft, auf welche jedoch der Przemislide Nikolaus von Trop- 
pau, als Schwager des verstorbenen Lestko ein Recht zu haben 
vermeinte. Die Streitfrage wurde dem König Johann von Böhmen 
zur Entscheidung vorgelegt, der sich die Gelegenheit nicht ent- 
gehen liess, seine oberlehensherrliche Gewalt zur Geltung zu bringen, 
und sie den in den inneren Angelegenheiten ihres Landes fast voll- 
kommen souveränen schlesischen Fürsten fühlbar zu machen. In 
einem zu Breslau am 14. Jänner 1337 ausgefertigten Schreiben 
bezeugt der König, dass Wladislaus von Beuthen, Kasimir von 
Teschen, Bolko von Falkenberg, Bolko von Oppeln, Albert von Streh- 
litz und Johann von Auschwitz Ansprüche auf Ratibor erhoben 


*) Auch der Scholasticus des Domcapitels in Breslau war fast ausschliesslich auf 
Getreide und Silberzinsen angewiesen, er bezog ausserdem nur noch die ausge- 
setzten Prüsenzgelder für seine kirchlichen Functionen. 

-) Theincr, Vetera Monumeuta I, 637. Nr. 857. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 


609 


hätten. Auf dem vom König angeordneten Tag wurde die Frage 
aufgeworfen, ob nach deutschem Lehens-, oder nach polnischem 
Rechte die Sache zu entscheiden wäre, die Herzoge sprachen sich 
für dieses aus, Nikolaus von Troppau, welcher gleich nach Lestko's 
Tode vom König mit Ratibor belehnt worden war, wollte die Ange- 
legenheit nach dem Lehensrecht behandelt wissen, denn er fühlte es, 
dass er sich nur auf dieses gestützt in dem neuen Besitze werde 
behaupten können. Auch der König entschied sich dafür, nur ver- 
pflichtete er den Herzog von Troppau das zur Hinterlassenschaft 
gehörige Kosel und Gleiwitz aufzulassen. Ein an demselben Tage 
erlassenes königliches Schriftstück verspricht dem Herzog Nikolaus 
ihn im Besitz Ratibors zu schützen, und sagt ihm zu, dass er darüber 
nur nach deutschem Lehensrechte Rede und Antwort zu stehen 
habe *). 

Ein ähnlicher Fall trug sich achtzehn Jahre später zu, als mit 
Wladislaus und seinem Sohne Bolko die herzogliche Kosel-Beuthen- 
sche Linie ausstarb. Wieder wurde die Verlassenschaflt den weib- 
lichen Descendenten zugesprochen, mit welchen Konrad von Oels 
und Przemislaus I. von Teschen ehelich verbunden waren. Diese 
theilten sich in das Erbe und die Ansprüche der Fürsten von 
Oppeln, FaJkenberg, Strehlitz und Johann 1. von Auschwitz 
wurden auf den vom Kaiser Karl IV. am 14. October 1358 zu Prag 
abgehaltenen Tag zurückgewiesen *). 

Unser Herzog stellt am 20. December 1344 zu Auschwitz eine 
Urkunde zu Gunsten der Benedictinerabtei Tiniec aus»), und erkennt 
am 3. October 1355 mit den übrigen Fürsten, welche auf die Kosel- 
Beuthen sehe Erbschaft Ansprüche erhoben hatten, Karl IV. auf Grund 
der Krone Böhmens als seinen Herrn an 4 ), im November 1358 ist er 
im Gefolge des Kaisers in Breslau zu treffen 5 ). 


*) Beide Urkunden sind in dem in Prag befindlichen , für die oberschlesische 
Geschichte höchst wichtigen Registrum S. Wenceslai zu finden , welches schon 
von Peltzel in seinem Kaiser Karl IV. benützt wurde, er nennt es Copiarium 
S. Wenceslai. Eine vom Herrn Dr. W. Wattenbach besorgte und von ihm sorg- 
fältig mit dem Prager Codex verglichene Abschrift befindet sich im Breslauer 
k. Prov. -Archiv, sie ist von mir benützt worden. 

2 ) Sommersberg I, 837 und Registrum S. Wenceslai. 

3 ) Sczygielski Tinecia, p. 65. 

4 ) J. Cbr. Ltinig’s deutsches Reichs-Archiv. I. Contin. t. Forts, S. 308. 

5 ) Klose : Von Breslau. Documentirte Geschichte und Beschreibung II, 208. 


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610 


G. B i e r m a n u 


Johann batte sich der in seinem Fürstenthume liegenden, dem 
Cistercienserstifte Räuden gehörigen Dörfer Abtsdorf, Ludwigsdorf 
und Petersdorf bemächtigt (die beiden letzteren Pietrzykowice und 
Lodygowice auch Lodwigowice sind bei Seipusch), den in dieser 
Angelegenheit vom Propst von Oppeln gegen den Herzog gefällten 
Spruch bestätigte Papst Urban V. am 22*. April 1364 *). 

Urkundlich zum letzten Male erscheint Johann 1. von Auschwitz, 
welcher mit Hedwig, Tochter des Herzogs Ludwig von Brieg ver- 
mählt war*), in dem von Przemislaus I. von Teschen 1370 aus- 
gefertigten Schreiben, betreffend die Tbeilung des Kosel-Beuthen- 
schen Gebietes, er wird als Schiedsrichter mit angeführt *). 

Ihm folgte sein Sohn Johann II., welcher in einem päpstlichen 
Schriftstück vom 6. August 1373 uns zum ersten Male begegnet. Aas 
demselben und einem andern Schreiben vom 1. Juni 1378 geht her- 
vor, dass trotz des oben angeführten Briefes von 1365 (S. 608, 
Anm. 2), die der Krakauer Scholasterie entfremdeten Zehnten von 
Johann 1. nicht zurückgestellt worden waren, denn Papst Gregor XI. 
befiehlt dem Bischof von Krakau den Herzog von Auschwitz zur Be- 
zahlung der 3000 Mark Silbers und der SO Goldgulden anzuhalten, 
die sein Vater dem Arnold von Cancina, Seholasticus der Krakauer 
Kirche, schuldet. In dem zweiten Schreiben beauftragt derselbe Papst 
die drei von ihm ernannten Vollstrecker, den Spruch zu vollziehen, 
welcher zu Gunsten des Cardinais Jakob gegen den Herzog von 
Auschwitz in Angelegenheit der zur Krakauer Scholasterie gehörigen 
Zehnten gefällt worden war. Johann II. wird in dieser Urkunde 
bezeichnet als Herzog von Auschwitz, Sohn und Erbe des ver- 
storbenen Johann, welcher jetzt das Fürstenthum besitzt 4 ). 

Wahrscheinlich ist Johann I. schon mit oder kurz nach dem 
Beginne des Jahres 1372 todt, dafür scheint mir ein kurzes Regest 
aus dem letztgenannten Jahre zu sprechen, nach welchem Wenzel 
von Böhmeu das Herzogthum Auschwitz lehensrechtlich auf Przemko 


*) Codex diplom. Silesiae II, 33. 

*) Chron. princ. Polon. in Stenzel's Scriptores rerum silesiae, f, 145. Anm. 3. 

*) Sommersberg III, 120. 

*) Beide Briefe in Theiner*s Vet. Monum. Pol. 1 , 693. 733. Oie uns intere&sirenden 
Stellen lauten : ideinque Job. dux, non satisfaeto Arnoldo de premissis Tiam 
fuerit universe carnis ingressus, dilecto filio — Johanne duce Oswantzinensi ejus 
nato sibi unlversitatj berede reliclo — und C'uin aulem — Johannis filius et heres, 
qui Duea um Qswanciuejiseni tenet ect. 


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Zur Geschichte der Herzogthumer Zator und Auschwitz. 


611 


von Teschen überträgt. Wie kam der jugendliche König Wenzel 
dazu mit dem Fürstenthum Auschwitz den Herzog Przemislaus zu 
belehnen, da es ja nicht erledigt, sondern wie die päpstliche Urkunde 
yon 1373 bezeugt, Johann II. der Herr des Landes war, welches 
auf Grund des Lehenbriefes vom 24. Februar 1327 rechtmässig auf 
ihn übergegangen ist? Ich bin der Meinung, dass der Wenceslai*sche 
Brief yon 1372 yon den Commissären des Königs und der Republik 
Polen, welche 1682 beauftragt wurden die im Reichsarchiy in Krakau 
befindlichen Urkunden zu revidiren und aufzuzeichnen, flüchtig 
gelesen und unrichtig aufgeführt worden ist. Przemko t. yon 
Teschen, welcher sich kurz vorher als Kaiser Karl’s Gesandter an 
König Ludwig von Ungern keine geringen Verdienste um das luxem- 
burgische Haus erworben batte <) , wurde durch das um diese Zeit 
erfolgte Ableben seines Vetters Johann I. an die Ansprüche seines 
eigenen Hauses auf das Fürstenthum Auschwitz erinnert, und diese 
Anrechte liess sich Przemko, was durchaus nicht ungebräuchlich 
war, bestätigen und erneuern, nicht aber dass König Wenzel, wie 
unser Regest will, ihn mit dem Herzogthume belehnt hätte. 

Im Jahre 1397 schliessen mehrere schlesische Fürsten mit 
Wladislaus von Polen eine dreijährige Einigung und geben das 
Versprechen Räuber, Diebe und Überläufer nicht schützen, und die- 
jenigen, welche Polen zu beschädigen im Sinne haben, als ihre 
Feinde behandeln zu wollen. Wenn aber einer von den Fürsten 
Polen beschädigt, so hat derselbe vor dem Herzog von Teschen zu 
erscheinen und seinem Ausspruch Folge zu leisten. Unter den Pac- 
tirenden kommt auch ein Johann vor, es wird wohl niemand anderer 
als unser Herzog von Auschwitz sein*). 

Vermählt war auch Johann U. mit einer Hedwig. Derselben 
verschreibt er am 23. Februar 1396 die Stadt Zator, die Feste 
Woiek, und die Ortschaften Spytkowitz, Przeciszow und Przewoz *), 
zwei Jahre später versprechen die Bürger von Zator derselben 
Hedwig Gehorsam 4 ), und 1400 bestätiget König Wenzel diese Ver- 


*) Dobner: Monument« historica Bohemiae II, 382. s. f. 

*) Beide Regesten im Inrentar. Cracov. p. 228 and 54. 

*) Stenzel'« Script, rer. siles. I, 145, Anm. 3 und latent. Cracov. p. 228. 

4 ) latent. Cracov. p. 228. In diesem Regest ist Hedwig sicher mit Unrecht als 
Herzoginn ton Zator bezeichnet; ein Herzogthum dieses Namens war damals 


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612 


G. (Hermann 


Schreibung, welche der Herzoginn 1407 nach dem Tode ihres 
Gemahls von eben demselben König confirmirt wird. 

Im Jahre 1398 verträgt sich der Herzog von Auschwitz mit 
Przemislaus von Teschen und seinen Söhnen Bolko und Przemko *), 
und 1402 ist auch er auf jenem Fürstentag in Breslau , auf welchem 
die schlesischen Herzoge und die Städte Breslau, Neumarkt und 
Namslau urkundeten, bei König Wenzel „getreulich und feste stehen 
und bleiben M und den Landfrieden aufrecht erhalten zu wollen 2 ). 

Johann II. starb um das Jahr 1406 ohne Leibeserben hinter- 
lassen zu haben , mit ihm erlosch nach einer neunzigjährigen 
Regierung der drei ersten Herzoge von Auschwitz die von Wladislaus 
gestiftete Nebenlinie der Piasten Teschens. Das erledigte Fürsten- 
thum ging auf die Kasimir’sche Linie über. Ein Regest aus dem 
Jahre 1407 benachrichtigt uns, dass König Wenzel von Böhmen der 
(Witwe) Hedwig und dem Herzog Przemislaus von Teschen den 
Lehensbesitz des Herzogthums Auschwitz bestätigt habe, dass jedoch 
der letztere schon das Jahr zuvor das Fürstenthum sein nannte, 
kann aus einer von ihm 1406 herstammenden Urkunde gefolgert 
werden, laut welcher er den Verkauf des dem Mike Plaschke gehöri- 
gen Dorfes Mückendorf, „Vnsers Teschnisches Vnd auch 
ausswenznisses gebietes vnd weichbildt* an Bruss um 
140 Mark gut heisst 2 ). 

Mit unserer Angabe, dass Johann H. um 1406 das Zeitliche 
gesegnet habe, stimmt die Erzählung des polnischen Chronisten 
Dlugosch nicht überein, denn dieser lässt auf Anstiften des Herzogs 
Johann von Ratibor Przemislaus den Jüngern, Herzog von 
Auschwitz, Sohn Przemko’s von Teschen, am 1. Jänner 1400 
durch Mörderhände fallen, es müsste demnach Johann bereits vor 
dem letztangegebenen Datum gestorben sein *). 


noch nicht zu finden, in der Originalurkunde wird sie wahrscheinlich Her rinn 
▼ on Zator genannt worden sein. 

f ) Z. Stark und E. Tilisch bei Sommersberg I, 731. 

*) Sommersberg I, 1006. 

*) Inrent. Cracor. p. 328. Nicht das Herzogthum Auschwitz, sondern blos ihr Leib- 
geding auf Zator und so fort wird der Herzoginn in diesem Schreiben bestätigt 
worden sein. 

*) Iu den Ton Georg Hans Lorenz zusammengetragenen Privilegienbuckern, 1663, 1. 
fol. 211; die Codices im Prov. -Archiv. 

§ ) Dlugosch, Lib. X, a. a. 1400. 


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Zur Geschichte der Herzogthümer Zator und Auschwitz. 


613 


Ich habe bereits in den „Beiträgen zur Genealogie der Herzoge 
von Auschwitz“ die Unhaltbarkeit der ganzen Erzählung dargethan, 
denn erstlich ist Johann II. noch 1402 als Landesherr von Auschwitz 
urkundlich sicher gestellt, sodann lebte Przemko der Jüngere noch 
im Jahre 1409, und endlich starb der ältere Przemislaus, trotz 
Dlugosch's Angabe *), vor und nicht nach dem jüngeren, er konnte 
mithin auch seinen Sohn nicht auf jene entsetzliche Weise an seinen 
Mördern gerächt haben, wie der Geschichtschreiber Polens erzählt *). 

Przemislaus, Herzog von Teschen, erhielt auf Grund des könig- 
lichen Lehenbriefes von 1327 das Fürstenthum Auschwitz. Er hatte 
zwei Söhne, Bolko und den schon erwähnten Przemko den Jüngern, 
sie werden in dem Lehenseid der Stadt Glogau vom 2S. Februar 
1383 3 ) und in dem Briefe vom 21. October 1397 angeführt, laut 
welchem Przemislaus und seine Söhne bekennen, dass der Palatin 
von Krakau, Spietko von Mielsztyn, die Ortschaften Lublinietz, 
Rosenberg und Gorzow um 1000 Mark verpfändet habe 4 ); ihrer 
wird sodann 1398 bei Zach. Stark, und in dem schon angeführten 
Landfrieden von 1402 (S. 612. Anm. 1 und 2) gedacht. — Der Vater 
räumte den Söhnen in seinen letzten Lebensjahren einen Antheil an 
der Regierung seiner Länder ein 6 ), nach seinem wahrscheinlich 
zwischen den Monaten März und September des Jahres 1407 
erfolgten Tode fiel das Herzogthum Teschen Bolko dem älteren der 
Brüder, Auschwitz aber dem jüngeren Przemko zu. Dass dieser 
noch 1409 lebte, ist aus Z. Sfark's Anmerkungen ersichtlich, er wird 
jedoch nicht lange darauf das Zeitliche gesegnet haben, da sich sein 
Bruder Bolko seit 1412 in seinen Urkunden Herzog von Teschen 
und Auschwitz nennt. Aus diesem Jahre führt Stenzei einen Brief 
an, auf Grund dessen Herzog Boleslaus von Tesche n-Auschwitz 


*) Dlugosch, Lib. X, a.|a. 1410. 

*) Notizenblatt der hist. -statist. Section, Jahrg. 1862, S. 45. 

*) Sommersherg I, 1074. 

4 ) Cod. dipl. Poloniae III, 359 and Invent. Cracov. p. 84. 

5 ) Dafür legen zwei Stellen bei Stark Zeugenschaft ab, nach der erstem von 1400 
theilt er mit, dass die Sdhne „noch bei Leben ihres Vaters in’s Regiment 
getreten**, nach der andern von 1403 bestätiget Herzog Bolko, „des Sigmund 
Luck's Privilegia über seine Gütter“; derselbe gibt am 1. April 1404 seine Ein- 
willigung zu dem Verkaufe des halben Dorfes Centawa im Tostischen au Marcus 
von Ncpascze um 150 Mark Prager Groschen; Cod. dipl. Silesiae II, 93. 


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614 


G. Biermano 


den BQrgern von Peiskretscham und Tost vollständiges Erbrecht bis 
in das fünfte Glied ertheilt 1 )* 

Am 17. März 1412 bekennt „Bolko bey gotes gnaden berczog 
in Teschin vnd zu Awswinczeo**, dass die Brflder Heinze, 
Hermann und Niklas von Alischdorf an Nikel von Stachaw erblich 
aufgegeben und verreicht haben ihren Theil an dem Gute „Wammil- 
wicz in vnserm Strelnischen gebite vnd wicbilde M gelegen*). 

Derselbe Bolko „hertzug Zu Teschin, Zu Ausswintzin 
Vnd Herre Zu grosen Glogau* conOrmirt am ersten Mittwoch nach 
dem S. Margarethentag des Jahres 1413 den Bielitzern ihren Wald 
bei Nikelsdorf, und 1414 Mittwochs nach Pfingsten bestätiget er 
einen Brief dem Hantschko von Miechowitz (im Beuthen’schen) *). 

Kasimir, der Sohn Przemislaw's von Auschwitz trat bald darauf 
die väterliche Hinterlassenschaft an, was aus dem Tbeilungsvertrag 
von 1414 ersichtlich wird, auf Grund dessen er das Land Auseh- 
witz. Tost und die halbe Stadt Gleiwitz behält 4 ). Damit war jedoch 
Kasimir nicht zufrieden, denn am 21. November 1416 urkundet 
Heinrich Herzog von Lüben , dass die Fürsten Bolko von Teschen 
und „hercog kazemir zu Awswitzin vmb die Stat vnd Lande nem- 
lich'Strelen, Grossenglogaw vnd Gor" sich geeinigt und freundlich 
getbeilt haben, so zwar, dass Bolko die Stadt Gross-Glogau mit dem 
Land, der Mannschaft und allem Zugehör bekommen soll. Kasimir 
„sal zu seyme theile haben halden vnd besitzen die Stat Strelen, 
Dorczu sal Bulko dem herezog kazemir" 30Ö0 Mark böhmische 
Groschen geben am nächsten Weihnachtsfeste zahlbar *). 

Es hat also Bolko nach dem Tode seines Bruders Przemislaus 
auch im Herzogthume Auschwitz, jedoch nur als Vormund seines 

*) Tzschoppe uud Steozel, Urkundensammlung S. 205, Anm. 1. 

*) Das Original mit anbüngendem Siegel im Prov.-Archiv, E. A. 23. 

*) Die erster« Urkunde im Archiv der Stadt Bielitz, die zweite (Original, das Siegel 
fehlt) im Schlossarcbir zu Miechowitz bei Beuthen. 

4 ) Diese Theilung ist nicht nur durch Stark und Tiliscb , sondern auch durch die 
Anführung des betreffenden Briefes iu eiuem Verzeichniss von Teschner Urkunden 
sicher gestellt, welches zu der Zeit verfertiget wurde, als nach dein Aussterben 
der Piaslen Teschens die in der herzoglichen Kanzlei in Tescheu befindlichen 
Do cu mente in Kisten verpackt nach Breslau abgeführt wurden. Die Urkunden 
selbst sind bis jetzt nicht aufgefundeu , es ist möglich dass sie uoch einmal in 
Prag oder Wien zum Vorschein kommen werden, das Verzeichnis« befindet sich 
im Prov.-Archiv. 

5 ) Aus den vom verstorbenen Justizrath Zickusch in Glogau herrührenden Hand- 
schriften im Prov.-Archiv. 


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Zur Geschichte der Herzogthiimer Zator und Auschwitz. 


615 


Neffen Kasimir regiert; als dieser mündig geworden war, übernahm 
er das väterliche Erbe, zu welchem ausser Auschwitz auch noch 
Tost, Peiskretscliam, Gleiwitz und Strehlen gehörte, der Oheim 
aber lässt seit dieser Zeit den Titel eines Herzogs von Auschwitz 
fallen. Es sind mir leider keine Urkunden Bolko’s aus den Jahren 
1414 und 1415 bekannt, ln dem Schenkungsbriefe dieses Herzogs 
über das Dorf Iskritschin im Tesclmischen an Michael von Fried- 
richsdorf vom 7. Jänner 1416 fehlt bereits der Titel Herzog von 
Auschwitz«), ebenso in dem am 14. Februar desselben Jahres aus- 
gestellten Schreiben, laut welchem Hannos Czweibroth in Gegen- 
wart des Herzogs bekannte, »das her von wegen der vormunde- 
schaft von Thomeschken Cunczen Neproth Son“ kein Recht zu dem 
Gerichte in dem Dorfe „Woyslawicz, nohe bei Strelin gelegin“ 
habe*). Auch in dem Hauptprivilegium der Stadt Teschen vom 
28. Februar 1416 nennt sich Bolko blos »herezog In Slizen hie zai 
Tesschin vnd zai Grosenglogaw“ *) , eben so noch in zwei andereu 
Kaufsbestätigungen vom 22. April und 4. October 1416 über das 
Vorwerk Dielowiz und das Dorf Pogorsch im Teschnischen 4 ). 

Als Herzog von Auschwitz tritt Kasimir auf in dem Kaufbrief 
über zwei Theile der Vogtei von Zator an Elisabeth Pilczyna 4 ), 
verschreibt er der Kirche der heil. Jungfrau Maria, welche auf dem 
Ring in Krakau steht, 13 Mark jährlicher Zinsen auf Auschwitz *). 

Die Städte Tost und Peiskretscham urkunden am 29. April 
1421, dass sie mit Bewilligung ihres Herrn, des Herzogs Kasimir 
von Auschwitz, welcher dem Briefe sein Siegel angehängt habe, der 
Stadt Oppeln 60 Mark Zinsen verkauft haben, und zwar auf Wi'eder- 
kauf um 600 Mark 7 ). 


*) Lorenz, Privilegienbuch 1663, I, f. 253. 

*) Prov.-Archiv. E. A. 24. 

3) Das Original im Archiv der Stadt Teschen. 

*) Lorenz, Privilegienbuch 1663, I, f. 234. II, f. 1. 

*) Invent, Crncov. 226. Daselbst wird aus dem Jahre 1404 angeführt, dass Paulus 
der Sohn des Vögten von Zator, mehrere Theile der Vogtei an Margaretha, 
Witwe des Vögten Matthias vou Zator um 150 Mark verkauft habe. Die Vogtei- 
rechte waren mithin zwischen mehrere Personen aufgetheilt, was bekanntlich 
auch anderwirts nicht selten der Fall war. 

Ä ) In circulo fori Cracovieosis situm. Invent. Cracov. 229. 

7 ) Registrum S. Wenceslai. 


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616 


G. Biernmna 


Aus dem Jahre 1422 wird eine Schuldverschreibung dieses 
Herzogs auf die Vogtei in Seipusch erwähnt, und von ihm der 
lebenslängliche Genuss gewisser Güter denf Nikolaus Procki zuge- 
standen, 1433 endlich verkauft er etliche Güter der Dorothea Zel- 
ziechowitz und ihrem Sohne Stanislaus *). 

Kasimir nahm seit 1419 eine sicher hervorragendere Stellung 
am Hofe König Siegmund's von Deutschland, Ungern und Böhmen 
ein, da er ein Jahresgehalt von 3000 ungrischen Gulden bezog«); 
seine Gemahlinn war Anna, die Tochter des Herzogs von Sagan , mit 
der er drei Söhne, Wenzel, Przerako und Johann erzeugte, nach 
Dlugosch starb Kasimir am 7. April 1433 »). 

Einer Angabe im Inventarium Cracoviense zu Folge haben die 
zwei älteren Söhne Kasimir’s schon im Jahre 1422 eine Urkunde 
über die Auflassung von Kenty ausgestellt, sie hätten also lange vor 
dem Tode ihres Vaters und noch dazu in den Jahren ihrer Kindheit 
bereits fürstliche Rechte ausgeübt. Aus den wenigen Worten des 
Regestes ist nicht viel zu machen , jedenfalls hat sich ein Irrthum 
eingeschlichen, entweder ist das Jahr unrichtig, oder aber der Brief 
wurde von Kasimir und seinen beiden Söhnen ausgefertigt, der 
Name des ersteren wäre dann in dem Regest ausgefallen. 

„Wenczlaw und seine Brüder zu Auschwitz“ treten vereint in 
dem zu Breslau am 24. Februar 1435 geschlossenen Landfrieden 
auf 4 ). 

Drei Jahre später starb Kaiser Siegmund; es fanden sich 
welche, die die Erbansprüche Albrecht’s II. bei Seite setzend, an die 
Erhebung Kasimir 's, eines polnischen Prinzen, auf den böhmischen 
Königsthron dachten. Um sich den Weg nach Böhmen zu ebnen, 
mussten die Jagellonen zuerst eine Verständigung mit den benach- 
barten schlesischen Fürsten anbahnen, Wladislaus von Polen 
schloss daher 1438 mit den herzoglichen Brüdern von Auschwitz 
eine Übereinkunft mit einjähriger Verbindlichkeit, in welcher sie 
versprechen, im Falle einer oder zwei der Fürsten Schlesiens sich 


*) Alle drei Regesten im luveut. Cracov. 229. 

2 ) Stark und Tilisch bei Soinmersberg I. 732. 

3 ) Lib. XI, a. h. 1433. 

4) Soinmersberg I, 1019. 


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Zar Geschichte der Hersogthümer Zator und Auschwitz. 617 

für Kasimir, den erwählten König Böhmens erklären würden, dass 
sie ihm dann gleichfalls als solchem huldigen wollten *)• 

Die drei Söhne Kasimirs von Auschwitz zersplitterten durch 
Theilung das väterliche Erbe; nach Dlugosch soll Wenzel Tost, 
Przemislaus Zator, Johann endlich Auschwitz erhalten haben. Ob 
der polnische Geschichtschreiber, ein Zeitgenosse der genannten 
Fürsten, die Aufteilung der Kasimir’sclien Hinterlassenschaft richtig 
angibt, darüber werden die anzuführenden urkundlichen Belege 
Aufschluss geben , gewiss ist es aber , dass die Brüder den Titel 
Herzog von Auschwitz gemeinsam führten, und dass in Folge der 
Erbtlieilung Zator, welches bisher mit Auschwitz verbunden war, 
ein eigenes Herzogthum wurde. 

Die Theilung ging 1445 vor sich» sie wurde im Beisein des 
Herzogs Nikolaus von Troppau und etlicher anderer Schiedsrichter 
vorgenommen 8 ). Vor derselben hatten bald der eine, bald der andere 
fürstliche Hechte in diesem oder jenem Territorium ausgeübt, das 
spater zum Besitz des Betreffenden nicht gehörte. So verpfändet 
z. B. Wenzel, Herzog und Herr von Auschwitz, am 4. Juli 1438 
dem Wernken von Wyssnicz seine Zinsen und Genüsse in deu Dör- 
fern Niesdrowitz und Keltsch im Tostischen. Przemko von Auschwitz 
bestätigt am 26. März 1440 den von der Frau Anna Droeskynne, 
weiland Marczischen von Schreiberdorf Tochter, getroffenen Verkauf 
ihres väterlichen und mütterlichen Erbtheils auf dem Gut und Dorf 
Schreiberdorf im Tostischen Weichbilde an Johann Plotzken *). 
Derselbe Herzog verkauft am 19. Jänner 1445 dem Stifte Bauden 
sein oberstes Recht aufLudwigsdorf und Petersdorf „in unserm Zey- 
wisschen (Seipusch) weigbilde gelegen 4 * *), und Johann von Au- 
schwitz ertheilt am 28. September 1447 dem Brief, welchen seine 
leiblichen Brüder Wenzel und Przemko dem Martin von Mnikow über 
76 Mark ausgestellt hatten, seine Bestätigung *). 

Was nun die Art der Theilung anbelangt, so ist es urkundlich 
sicher gestellt, dass Przemko Tost, nicht aber, wie Dlugosch 


•) Inventar. Cracor. p. 56. Einen ähnlichen Vertrag schloss am 18. October desselben 
Jahres Wenzel Herzog von Troppau und Ratibor; Sommersberg I, 1010. 
a ) Invent. Cracor. 229. 

*) Beide Urkunden im Registr. S. Wenceslai. 

4 ) Cod. dipl. Silesiae II, 58. 

5 ) Invent. Cracov. 229. Die hier bestätigte Urkunde Wenzel'* und l’rzemko's ist 
sicher vor dem Theilungsvertrng des Jahres 1445 ausgestellt worden. 


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618 


G. Biermnnn 


meldet, Zator erhalten hat. Als Herzog von Tost wird er angeführt in 
dem am 2. Juli 1453 mit Kasimir IV. von Polen geschlossenen zwei- 
jährigen Waffenstillstände *), eben so in der noch zu erwähnenden 
Urkunde seines Bruders Johann III. vom 22. Februar 1457. Al9 
Herzog von Auschwitz und Tost bekennt er am 2. Jänner desselben 
Jahres, dass Swircze von Raschau denVicarien zu Oppeln vier Mark 
Zins von Raschau schuldet Ä ) , in gleicher Eigenschaft verkauft er 
am 19. April 1459 sein Oberrecht auf Schonwald im Gleiwitz'schen 
an Peter Smolken ’), und quittirt dem König Kasimir Ober 120 Gul- 
den *). Aus dem Jahre 1463 sind mehrere Briefe des Herzogs Prze- 
mislaus’ von Auschwitz und Tost erhalten, so urkundet er am 
25. Februar, dass HerzogNiklas von Oppeln ihm seine Tochter Machna 
gegeben und 3000 Mark Heiratsgut zugesagt habe, dafür verspricht 
Przemko seiner Frau Tost als Leibgeding zu verschreiben. Dieser 
Vertrag kommt am 12. März zum Vollzug, bei welcher Gelegenheit 
Przemko gelobt, im Falle Machna ohne Kinder sterben sollte, die 
3000 Mark und die Kleinodien zurfickzustellen. Drei Tage später 
quittirt er die empfangene Summe, und am 11. October erklärt er, 
dass Nikolaus von Oppeln ihm Ujest abgetreten habe für 2200 Gulden 
an dem Gelde, welches er mit seiner Ehefrau Maelma erbalten 
sollte *). Am 16. Mai 1465 wohnte Przemisiaus von Tost mit Wenzel 
von Zator, Johann von Gleiwitz u. A. der Taufe einer polnischen 
Prinzessinn bei •), am 10. August 1469 tritt er mit anderen oberschle- 
sischen Fflrsten einer Verschreibung und Vereinigung mit König 
Matthias von Ungern bei 7 ) , den 5. October 1472 fällt Bischof 


*) Soromersberg II, Maat. Dipl. p. 89. Da* Inrent. Cracorien. fuhrt S. 58 dieselbe 
Urkunde mit folgenden Worten an: Premyslans dux Thoicenaia inddciaa 
biennales, sancit cum rege Casimiro, und S. 230. Premysl dux Oswieci- 
(!) e ii s i s cum Casimiro rege Poloniae inducias facit. Es ist ein und dieselbe 
Person und Urkunde. 

*) Registr. S. WenzesJai. 

9 ) Codex diplom. Silesiae II, 65. Das herzogliche Siegel an diesem Briefe fuhrt die 
Umschrift; sigilum. dvcis. primislai. avswicxien. Auch sein Bruder Hans von 
Auschwitz hing seine Petschaft , deren Inschrift s. iohannis. dvcis^ de osswanc- 
neho. lautet, an die Urkunde. 

4) Invent. Cracov. p. 59. 

5 ) Die Urkunden sind im Regist. S. Wenceslni. Nach einem eben daselbst be- 
findlichen Schreiben rom 26. April 1472 war Machna um diese Zeit bereits 
gestorben. 

•) Dlugosch XIII, a. a. 1465. 

7 ) Sommersberg I, 1054. 


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Zur Geschichte der Herxogthfimer Zator und Auschwitz. 


619 


Rudolf von Breslau als Schiedsrichter zwischen Przemko von Tost 
uud Niklas von Oppeln den Spruch, dass das Schloss Labut zu dem 
Lande des letzteren gehöre *)• und am 13. Mai bringt Herzog Prze- 
mislaus von Tost und Auschwitz einen Ausgleich zwischen Przemko II. 
von Teschen und dessen Neffen Kasimir von Teschen zu Stande, 
kraft welchem sie alle ihre Streitigkeiten und Irrungen vollständig 
und endlich vertragen und ausgleichen *). Gegen das Ende des 
Monats Juli 1477 endlich soll er mit Przemko II. von Teschen und 
Victorin von Münsterberg einen Erbvertrag geschlossen haben *). 

Przemislaus war also Herr von Tost, Peiskretscham und Glei- 
witz, später auch von Ujest. Er muss jedoch, sei es durch* Verkauf, 
sei es auf andere Weise, Gleiwitz und dann auch Ujest an seinem 
Bruder Hans von Auschwitz abgetreten haben , denn dieser wird 
schon 146S bei Gelegenheit deh bereits erwähnten Taufe der polni- 
schen Prinzessinn Janussius Gleiwicensis genannt. In der S. 618, 
Anm. 3 angeführten Urkunde von 1459 bezeichnet Przemko seinen 
Bruder Hans als Herzog von Auschwitz, als aber Peter Smolka 
von Blazeowitz, zu dessen Gunsten der Brief ausgestellt worden war, 
denselben 28 Jahre später (24. Mai 1489) dem Abt Peter von Räuden 
überreichte, und das Oberrecht im Dorfe Schönwald dem Kloster 
restituirte, sagt er, dass jenes Schreiben von 1459 Hans von 
Auschwitz und Gleiwitz mitbesiegelt habe *). 

In einer Urkunde vom 14. Mai 1482, welche König Matthias 
von Ungern in Pressburg ausfertigte, erklärt dieser, dass Herzog 
Hans von Auschwitz und Ujest seine halbe Stadt Gleiwitz 
sammt der Vogtei an den oberschlesischen Hauptmann Herrn Bielek 
von Körnitz um 4000 ungrische Gulden verkauft habe. Aus dem- 


1 ) Registr. S. Wencealai. 

2 ) Z. Stark und Ti lisch. Im Invent. Cracov. wird Przemko zweimal (S. 231 de 59) 
bloa als Herzog von Auschwitz angeführt; 1458 nämlich bekennt er, dass der 
König Polens für die von ihm und seinen Bittern geleisteten militärischen Dienste 
ihm Genüge geleistet habe, und 1459 vermittelt er zwischen seinem Bruder 
Johann von Auschwitz und dem König Kasimir (auch bei Sommersberg II, 
Maut. Dipl. p. 89). Die Bezeichnung Herzog von Tost ist gewiss durch die Schuld 
der Commisskre von 1682 ausgefallen. 

3) Sommersberg II. Mant. Dipl. p. 90. Da nach Dlugoscb's Versicherung (lib. XIII. 
a. a. 1477) Przemislaus II. von Tescheu bereits am 11. Mörz 1477 gestorben 
ist, so kann das mitgetheilte Regest nicht mit Unrecht als verdächtig bezeich- 
net werden. 

*) Cod. dipl. Silesiae II, 68. 


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620 


G. Biermann 


selben Schriftstück wird auch ersichtlich, dass die andere Stadthälfle 
vom König Matthias erkauft, und dem Oberhauptmanne ßielik über- 
geben worden ist *)• 

Przemko, Herzog von Auschwitz und Tost, vergleicht am 
9. October 1483 seinen Bruder Hans von Auschwitz mit Kasimir If. 
von Teschen, um jene 700 Oulden, welche er dem verstorbenen 
Przemko II. von Teschen schuldig war; Hans soll 400 Gulden zahlen, 
für den Rest soll seine Gemahlinn Barbara vonTroppau und Ratibor 
sich ihrer Ansprüche auf dasPlessische begeben, und in einem Briefe 
vom 2. November desselben Jahres erklärt Herzog Hans von 
Auschwitz und Ujest, dass er 700 Gulden schuldig gewesen, 
dass sein Bruder Przemko mit Kasimir von Teschen, als Vormund 
der Tochter Przemislaw's von Teschen einen Vertrag aufgerichtet, 
dass er (Hans) 400 Gulden gezahlt und mit seiner Frau auf das 
Plessische verzichtet habe a ). 

Es könnte vielleicht noch der vom Herzog Hans von 
Auschwitz und Gleiwitz am 6. Februar 1478 zu Ujest ausge- 
stellte Brief angeführt werden, laut welchem er den Empfang der 
Pfandgelder von Kreuzburg, in der Höhe von 1600 Gulden 
quittirt *). 

Ich kehre zur Geschichte von Zator und Auschwitz unter der 
Regierung der Brüdet* Wenzel und Johann III. zurück. 

König WenzePs von Böhmen schwache Regierung und die 
Schrecknisse des Husitenkrieges hatten eine dem gewerbfleissigen 
Bürger und dem Landmanne verderbliche Fehdelust genährt und 
gross gezogen. Die von Zeit zu Zeit geschlossenen und erneuerten 
Landfrieden brachten den Schlesiern nicht die erwartete Ruhe, gab 
es doch das ganze 16. Jahrhundert hindurch entweder nur schwache 
oder nicht allgemein anerkannte Oberlehensherrn. Albrecht II., König 
von Deutschland, Ungern und Böhmen war bereits 1439 gestorben ; 
zwar wurde das Erbrecht seines nachgeborenen Sohnes Ladislaus 
von den Schlesiern nicht in Zweifel gezogen, obschon ihm die Böh- 
men erst am 28. October 1469 die Krone auf das Haupt setzten, 
während seiner langen Minderjährigkeit aber mangelte vollständig 


*) Registr. S. WenceGni. 

2) Oie lelztangefuhrten drei Urkunden eben daselbst. 

3) Prov.- Archiv, E. A. 45. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 


621 


irgend ein Centralpunct. Die vielen Fürsten Schlesiens bekriegten 
sich gegenseitig, und die Herren und Ritter beschädigten den Bürger 
und Bauer. Es fehlte auch nicht an beständigen Reibungen zwischen 
der Grenzbevölkerung Schlesiens und Polens. Raubritter und aben- 
teuerndes Gesindel von manchen der schlesischen Grenzherzoge 
entweder geduldet oder wohl gar unterstützt, machten die Strassen . 
unsicher. Auch die Fürsten von Auschwitz sahen solchen Wegelage- 
rungen ihres Adels ruhig zu, die Grenzfehden nahmen daher kein 
Ende. So wurde durch die Räubereien eines gewissen Nikolaus 
Körnitz Syestrzenyecz im Jahre 1434 ein arger Grenzkrieg herbei - 
geführt, um ihn beizulegen hielten am lS.October mehrere polnische 
Herren und schlesische Fürsten einen Tag, auf welchem auch Herzog 
Wenzel von Auschwitz anwesend war ! )* Wichtiger ist eine andere 
Fehde, in welcher die Feste Zator von Derslaus von Rytwi an 
genommen wurde. Zu schwach um sie behaupten zu können, übergab 
er sie dem König Wladislaus von Polen, welcher sie am 24. October 
1440 den Herzogen von Auschwitz unter der Bedingung zurück- 
stellte, dass sie das Schloss Berwald, einen der Hauptpuncte, von 
wo au9 räuberische Einfälle nach Polen gemacht worden waren, dem 

v 

Zupan Nikolaus Seraphin von Krakau käuflich abtreten mussten *). 

Dass dieser Vertrag vorzugsweise den Herzog Wenzel betraf, 
geht aus einem Briefe de9 Jahres 1441 hervor, in welchem er als 
Herzog von Auschwitz verspricht, dass er für die vom polnischen 
König Wladislaus ihm zurückgegebene Stadt Zator innerhalb vier 
Wochen, nachdem er von dem König berufen worden, in Krakau 
erscheinen, und ihm und der Krone Polen den Lehenseid leisten 
würde. Und der Adel von Auschwitz verbürgt sich in einer 
Urkunde desselben Jahres, an welcher sechsunddreissig Siegel 
angehängt wurden, das9 Herzog Wenzel den Lehenseid, der mit dem 
König getroffenen Verabredung gemäss schwören werde *). 

Wie wir bis jetzt die Gelegenheit hatten wahrzunehmen, 
kommt dem Herzog Wenzel, besonders in den äusseren Angelegen- 

’) Dlwgoach üb. XI, a. a. 1434. 

*) Invent Cracov. p. 229. Das Schloss Berwald ist spater im Besitze der Brüder 
Waltburth und Wodel, sie verkaufen es 1465 nebst dem Caslell Seipusch und 
allen dazu gehörigen Dörfer« an de« König, welcher beide Schlösser an Nikolaus 
Komorowski abgetreten haben wird, denn dieser ist nach Dlugosch (XIII. a.a. 1477) 
im Jahre 1477 im Besitze derselben. 

*) Inventar, p. 2-9. 

Sitzb. d. phil. hist. CI. XL. Bd. VI Hft. 41 


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G. Biermann 


heiten des Fürstenthums Auschwitz, bis zurTheilung von 1445 eine 
vor seinen beiden jüngeren Brüdern hervorragendere Stellung zu, 
diese scheinen bis zu dem angegebenen Zeitpunct unter seiner Vor- 
mundschaft zu stehen. Auch führt er, gleich seinen Brüdern, einfach 
den Titel eines Herzogs von Auschwitz. Erst nach der Theilung wird 
er Herzog von Zator genannt. Dass gerade diesem Theilungs- 
vertrage das Fürstenthum Zator seinen Ursprung verdanke, haben 
wir bereits erwähnt, dies wird auch durch die letzterwähnte Ur- 
kunde bekräftigt, denn nicht der Adel von Zator, sondern der von 
ganz Auschwitz, das heisst des noch ungetrennten Herzogthums, wie 
es seit Wladislaw's Zeiten bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts 
bestand, verbürgt sich für den Herzog Wenzel. 

In einem Hegest aus dem Jahre 1448 wird einesHerzogs dieses 
neuen Fürstenthums gedacht, der kein anderer als Wenzel sein 
kann *)• Als Herzog von Zator wird er angeführt in dem noch zu 
erwähnenden, von seinem Bruder Johanne III. im Jahre 1457 aus- 
gestellten Verkaufsinstrumente; und in dem Briefe König Kasimirs IV. 
von Polen aus dem Jahre 1454 wird Wenzel Herzog von Auschwitz 
und Zator genannt. Der königliche Aussteller dieser für die Ge- 
schichte Zators höchst wichtigen Urkunde erklärt, dass er auf den 
Wunsch und das Verlangen Wenzel's dessen Land mit dem König- 
reich Polen vereinige, es ihm einverleibe, den Herzog unter seinen 
und seiner Krone Schutz nehme, und die von den böhmischen Königen 
seinen Vorfahren ertheilten Briefe und Privilegien bestätige. Über- 
dies befreit Kasimir den Herzog von Zator, seine Person und seine 
beweglichen und unbeweglichen Güter von allen Kriegscontributionen 
und Diensten, auch sagt er ihm zu es nicht zu gestatten, dass sich 
irgend wer, der in dem genannten Fürstenthume ein Gut besitzt, 
der Unterthanenpflicht gegen den Herzog entziehen, oder dass irgend 
Jemand, er sei vom Adel oder dem Bürgerstande aogehörig, von 
seinem gerichtlichen Ausspruche appelliren dürfe a ). 

So wurde das Herzogthum Zator der böhmischen Krone ent- 
fremdet, und nachdem bereits in den Jahren 1440 und 1441 
die ersten Schritte dazu gemacht worden waren, dem Königreiche 


*) Invent. Crac. p. 229. 
*) Sommersberg l y 810. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator und Auschwitz. 623 

Polen unterworfen. Zator wurde ein Lehen der polnischen Krone 
und sein Herzog ein Vasall derselben. 

Bin gleiches Schicksal war auch dem Herzogthume Auschwitz 
Vorbehalten, welches, wie schon bemerkt, dem Herzog Johann IH. 
zugefallen war. Wir haben seiner schon wiederholt gedacht, genannt 
wird er zuerst in dem 1447 zu Krakau zwischen dem König von 
Polen und mehreren Fürsten Oberschlesiens geschlossenen Ver- 
trage 1 ). Vier Jahre darauf soll er bereits seinem Herzogthume zu 
Gunsten des Königs Kasimir entsagt haben *); es mögen damals, wie 
dies 1441 bei Zator der Fall war, die Vorbereitungen zur Unter- 
werfung des Herzogs unter polnische Herrschaft eingeleitet 
worden sein. 

Auch Johann von Auschwitz hatte unkluger Weise seinen 
mächtigen Nachbar durch Einfälle in die angrenzenden polnischen 
Landestheile gereizt, Krakauer Kaufleute niedergeworfen und aus- 
geplündert und sonstigen Unfug sich zu Schulden kommen lassen. 
Er wurde hierauf in Auschwitz von dem Starosten Johann Szcze- 
kocki und dem Kämmerer Johann Kuropatwa von Lublin belagert. 
Das zu Krakau am 25. Jänner 1453 von dem Herzog ausgestellte 
Schriftstück macht uns mit den harten Friedensbedingungen bekannt, 
zu welchen er sich genöthigt sah. In diesem Briefe bekennt sich 
nämlich Hans von Auschwitz für schuldig, und verspricht dem König 
Kasimir das Schloss und sein ganzes Land zu übergeben, nach 
erlangter Verzeihung will er Vasall und Unterthan des Königs und 
der Krone Polen werden, und mit allen seinen Leuten an dem vom 
König bestimmten Tag den Lehenseid leisten , auch verpflichtet er 
sich zur Zahlung einer Summe von 1100 ungrischen Gulden, bis 
zur Erlegung derselben bleibt das feste Auschwitz im Besitze des 
Königs und der Krone. Das Jahr darauf leistet zu Krakau der Adel 
des Herzogthums Auschwitz, nach vorhergegangener Übereinkunft 
zwischen König Kasimir und Herzog Johann , und nachdem jener 
das Fürstenthum um eine bestimmte Summe erkauft hatte, dem 


l ) In der Urkunde hei Sommersberg I, 1011 werden die beiden angeführten Brüder 
Przemko und Hanussius „Teschnenses et Oswiecenses Duces“ genannt , offenbar 
ist Teschnenses in Thoscenses umzufindern. 

*) Das betreffende Regest vom Jahre 1451 im Inren. Cracov. p. 230 lautet: Janussius 
du* Oswiecimensis Casimiro regi resignat ducatum Oswiecimensem. 

41 * 


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624 


G. BierniDQ 


König und dem Lande Polen den Eid der Treue *)• Im Jahre 1455 
begegnen wir einem Regest , laut welchem König Kasimir mit dem 
Herzog Hans dahin übereinkommt, dass jener ihm für sein Fürsten- 
thum 4300 Mark Prager Groschen und 21 Gulden zu zahlen ver- 
spricht, und 1456 bekennt Nikolaus Marschall von Dubowitz, Haupt- 
mann von Auschwitz, dass er mit König Kasimir einen Vertrag über 
das Schloss und das Land Auschwitz geschlossen habe, und ver- 
spricht alle Bedingungen desselben zu erfüllen *). 

Um diese Zeit hegte Herzog Hans die Hoffnung, durch eine 
Überrumpelung der polnischen Besatzung in dem Schlosse Ausch- 
witz, während der Entfernung des Königs in Lithauen, wieder in den 
Besitz seiner Feste gelangen zu können. In seiner Erwartung 
getäuscht, verkaufte er sein Land förmlich an die Krone Polen. In 
dem am 22. Februar 1557 zu Gleiwitz ausgestellten Documente 
erklärt Herzog Johann III. von Auschwitz, dass er nach voraus- 
gegangener Berathung seiner Barone und mit der Einwilligung 
seiner Brüder, der Herzoge von Zator und von Tost, sein Land 
und Herzogthum Auschwitz, d a s als väterliches Erbtheil ihm 
zugefallen ist, dem König Kasimir IV. und der Krone Polen für 
50.000 Mark Prager Groschen polnischer Zahl verkauft und den 
Kaufscbilling erhalten habe, er leistet nun Verzicht auf alles und 
jedes Recht, das er und seine Vorfahren bisher in dem Herzogthume 
besassen, und entbindet alle Barone, Edle, Schulzen, Bürger und 
Kmeten, alle Geistliche und Laien ihrer Untertbunenpflicht und 
ihres Vasalleneides. Ein kurz darauf ausgefertigtes Schreiben quit- 
tirt den Empfang der oben angeführten Summe *). 


l ) Am Christi Himmel fahrtstag des Jahres 1453 hekeunt Herzog Hans, dass er vom 
König Kasimir 100 ungrische Gulden erhalten habe, welche Summe er dem auf 
das Schloss und die Stadt Auschwitz haftenden Capitale hinzufugt; 1455 erklärt 
der König, dass er dem Herzog 200 Mark böhmische Groschen geliehen. 

*) Derselbe Nikolaus von Dubowitz wird in einem Briefe Kasimir'« von Polen aus dem 
Jahre 1468 als Castellan von Auschwitz bezeichnet , als solcher ist er mir noch 
in Urkunden von 1471 und 1473 begegnet, 1469 nennt er sich Nikolaus Slop 
de Dubowice. Sein Nachfolger in dem Amte eines Castellans von Auschwitz war 
vielleicht Peter Myszkowski , Welcher wenigstens 1485 als solcher bezeichnet 
wird, und der 1490 starb. — Ich muss hier bemerken, dass die Teschner Urkunden 
in der Zeit von 1440 — 1472 wiederholt einen Nikolaus genannt Marsckalk von 
Dubowce (Baumgarten) anfiibren , möglich dass er mit dem genannten Castellan 
ein und derselben Familie angehört , wie denn überhaupt mancher aus dem Her- 
zogthume Auschwitz stammende Adelige sieh* im Teschnischen heimisch niederliess. 
*) Sommersberg I, 808 und 810, auch im Invent. Cracov. 


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Zur Geschichte «ler HerzogUiümer Zator und Auschwitz. 


625 


Aus den mitgetheilten Urkunden wird ersichtlich, wie Polen 
die MisgrifTe der Herzoge Wenzel und Johann benützend, sein auf 
die Erwerbung der Fürstentümer Zator und Auschwitz gerichtetes 
Ziel vollkommen erreicht hatte. Es braucht kaum erwähnt zu werden, 
dass die machtlosen Fürsten dieser kleinen Herzogtümer nicht im 
Stande waren dem grossen Nachbarstaate auch nur den geringsten 
Widerstand entgegen zu setzen, und da sich nun einmal Polen die 
genannten Territorien zu seiner Beute ausersah, handelten die Herren 
derselben ihrem wohl verstandenen Interesse gemäss, wenn sie ihr 
Besitztum um eine möglichst hohe Summe losschlugen, da an eine 
ausgiebige auswärtige Hilfe, um ihre Länder sich zu erhalten, nicht 
zu denken war. Die Herzoge von Teschen waren von jenen Kauf- 
verträgen am empfindlichsten berührt, war ja doch das Ausch- 
witz'scbe, wenn man so sagen darf, gleichsam eine Secundogenitur 
dieses fürstlichen Hauses, sie konnten aber natürlich nicht daran denken, 
ihre Anwartschaft auf dasselbe dem polnischen Könige gegenüber zu 
verteidigen *). Das übrige Schlesien konnte es auch nicht zum 
Kampf mit Polen wegen der dem Lande entfremdeten Herzogthümer 
Zator und Auschwitz kommen lassen, war ja doch ganz Schlesien 
zerfahren, die zahllosen kleinen Herzoge in beständige Fehden ver- 
wickelt, und das mächtige Breslau nicht lange darauf für einen Kampf 
von ganz anderer Beschaffenheit begeistert. Auch muss hier erinnert 
werden, dass die deutschen Nieder- und Mittelschlesier sich wenig 
um die polnische Bevölkerung der beiden Fürstentümer kümmer- 
ten und den Verlust derselben leicht verschmerzten, und endlich 
darf auch nicht vergessen werden, dass die Besitzergreifung der 
genannten schlesischen Länderstriche den Polen dadurch erleichtert 
wurde, dass sie trotz einer fast dreihundertjährigen politischen Ver- 
bindung mit Schlesien kirchlich stets davon getrennt waren, indem 
sie zum Bistbume Krakau gehörten. 

Verwunderung könnte es aber vielleicht erregen, dass die Krone 
Böhmen sich zwei ihrer Lehensherzogthümer ohne Widerstand ent- 
winden Hess, ein Blick jedoch auf die damalige Lage Böhmens 
wird dies genügend erklären. Seit Albrecht's Tode bis zur Krönung 


') Allerdings lässt sich streiten, ob die in dem Briefe König Johann'» vos 1327 
den Herzogen von Teschen zugesicherte Anwartschaft auf Auschwitz auch auf die 
Nachkommenschaft Bolko's von Teschen ausgedebut werdeu könne. 


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626 


(J. ßiermann 


seines Sohnes Ladislaus ,war das Land ohne König, und obschou 
der kluge und umsichtige Georg Podiebrad als Statthalter die Ruhe 
und Ordnung im Innern nach Kräften aufrecht erhielt, so blieb seine 
Stellung doch nicht unangefochten, und er vermochte nicht den 
schlesischen Angelegenheiten die nöthige Aufmerksamkeit zu schen- 
ken. In diese Zeit fallen aber gerade die ersten Unternehmungen 
der Polen zur Erwerbung von Zator und Auschwitz. Ladislaus 
Posthumus stand in zu gutem* Einvernehmen mit seinem nördlichen 
Nachbar und regierte viel zu kurz, um fQr die Rechte der Krone Böh- 
mens gegen seinen Schwager Kasimir IV. von Polen in die Schranken 
zu treten *)• Dem König Georg von Podiebrad aber musste viel an 
einem freundlichen Verhältniss mit Polen liegen, und wirklich wurde ein 
solches auf den durch die Vermittlung des Herzogs von Teschen am 
6. Jänner 1460 zu Beuthen zustande gekommenen Tag angeknöpft. Im 
Mai des darauffolgenden Jahres trafen dann die beiden Könige zuGlo- 
gau zusammen , allwo unter andern auch bestimmt wurde, dass Zator 
und Auschwitz mit allen Zugehörungen bei Polen zu verbleiben habe. 
Als später Podiebrad’s vollständiger Bruch mit der römischen Curie 
erfolgt war, und er in König Matthias von Ungern einen gefährlichen 
Gegner gefunden hatte, musste Georg ängstlich jede Gelegenheit 
meiden, welche ihn der Freundschaft Polens hätte verlustig machen 
können. Aber auch Matthias, dem König von Ungern und Herrn von 
Schlesien war es nicht gegönnt, den Anspröchen dieser seiner Provinz 
auf Zator und Auschwitz Geltung zu verschaffen, und die zwei nach- 
folgenden obersten Lehensherren Schlesiens, dem königlichen Hause 
in Polen entsprossen, dachten nicht im entferntesten daran, die der 
Krone Böhmens entfremdeten Herzogtümer zurück zu gewinnen; sie 
blieben für immer von Schlesien getrennt. 

Von Johann III. haben wir noch nachzutragen, dass er den 
Titel eines Herzogs von Auschwitz auch nach dem Verkaufe seines 


*) Seine Schwester Elisabeth war dieGemahlinn Kasimir's. Auf ihrer Reise nach Krakau 
berührte sie am 2. Februar 1454 die Stadt Tescheu. Mit ihrem glanzenden aus 
900 Herren und Reisigen bestehenden Gefolge , an dessen Spitze Heinrich von 
Rosenberg, der junge Johann Hunyad und Siegmund Eiziuger standen, langte sie 
hier eine Stande vor der Ankunft der 2000 berittenen Polen an , welche ihrer 
jungen Königiun bis Teschen entgegen geschickt worden waren. Die zahlreichen 
Gaste von dem Herzog Przemko II. von Teschen ihrer Stellung angemessen 
empfangen und gastlich bewirthet, setzten zwei Tage später ihre Reise fort 


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Zur Geschichte der Herzogthümer Zutor und Auschwitz. 


627 


Fürstenthums fortführte und wahrscheinlich im Besitz der ererbten 
Allodialgüter im Auschwitz'schen verblieb. Im Jahre 1461 legen die 
Herzoge Przemko von Teschen und Konrad von Oels gewisse Diffe- 
renzen zwischen ihm und dem polnischen König bei» 1464 verlängert 
er diesem zweimal bestimmte Zahlungstermine. Jener zu Olmötz 
am 10. August 1469 getrofTenen Übereinkunft der oberschlesischen 
Fürsten mit Matthias von Ungern, kraft welcher sie versprachen dem 
König „unterthan, getreu, gehorsam und gewehr zu sein“, trat auch 
Hans von Auschwitz bei; das Vorkommen seines Namens in dieser 
Urkunde würde natürlicher Weise unser Befremden erregen, wenn 
wir nicht wüssten, dass er Herr von Gleiwitz war und als solcher 
den oberschlesischen Fürsten beigezählt werden muss. Er soll 1498 
gestorben sein und zwar, wie es scheint, ohne eine Nachkommen- 
schaft Unterlassen zu haben. 

Während Herzog Hans sein Land durch Verkauf vollständig an 
die Krone Poleus abgetreten hatte, beschränkte sich Wenzel in Bezug 
auf das Herzogthum Zator auf die blosse Anerkennung der polnischen 
Oberberrlichkeit, er war ein Lehensherzog Polens geworden, wie er 
früher Vasall Böhmens war. Obgleich ihm aber verbrieft wurde, 
dass die von seinen Vorfahren überkommenen Rechte und Privilegien 
aufrecht und die Pflichten seiner Unterthanen ihm gegenüber diesel- 
ben verbleiben sollten, so ist doch seine Stellung mit dem Wechsel 
des Lehensherrn eine wesentlich ungünstigere geworden. Im An- 
schluss an einander haben sich die schlesischen Lehensherzoge auf 
ihren Fürstentagen bis in das 17. Jahrhundert einen bedeutenden 
Einfluss gewahrt, und wurden in den inneren Angelegenheiten ihrer 
Territorien von der Krone nicht sonderlich beirrt; aus dieser Gemein- 
schaft als Lehensträger Polens gerissen, war der Herzog von Zator, 
dessen Land noch dazu in fast unmittelbarer Nähe der polnischen 
Königsresidenz lag, zur Rangstufe der polnischen Magnaten herab- 
gesunken. Überdies setzte sich der König die vollständige Einver- 
leibung des Herzogthumes in gleicher Weise wie es bei Auschwitz 
erreicht worden war, zum Ziel, was ohne Schwierigkeit erreicht 
wurde. 

Herzog Wenzel von Zator, welcher mit Margarethen, der 
Tochter Kopczowski's genannt Swirczena, aus dem Hause Nowyna, 
vermählt war, und mit ihr drei Töchter und vier Söhne Kasimir, 
Wenzel, Johann und Wladislaus erzeugt hatte, beschloss im 


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628 


G. B i e r in « n n 


Jahre 1465 seine irdische Laufbahn *). Seine Söhne theilten sich in 
das ererbte Herzogthum, sie schieden es 1477 in zwei Theile mit 
der Bestimmung, dass Wenzel seinem Bruder Kasimir, und Wladis- 
laus dem Johann nachzufolgeu hätten, wenn sie ohne Kinder sterben 
sollten. In zwei undatirten Briefen, welche vermuthlich gleichfalls 
um das Jahr 1477 ausgestellt worden sind, versprechen die vier 
Brüder mit Niemanden als mit dem König von Polen einen Vertrag 
eingehen, und diese Bestimmung von nächsten Weihnachten bis zu 
demselben Feste des folgenden Jahres halten zu wollen. Offenbar 
hat König Kasimir den Verkauf des Herzogthums voiaussehend, 
denselben in seiner Übereinkunft mit den fürstlichen Brüdern im 
Auge gehabt, er wollte sich durch den erwähnten Vertrag das Land 
Zator für eile Fälle sichern *). 

Der vorausgesehene Fall trat 1494 ein, am 29. Juli dieses 
Jahres stellt nämlich König Johann Albert von Polen einen Brief 
aus, kraft welchem er erklärt, dass er vom Herzog Hans von Zator 
und seiner Gemahlinn Barbara das Herzogthum Zator um 80.000 
ungrische Goldgulden erkauft habe, mit der dem Herzog zuge- 
sicherten Bedingung im lebenslänglichen Besitze des Fürstenthums 
verbleiben zu dürfen, dieser leistet sammt seiner Gemahlinn mit 
einem körperlichen Eide Bürgschaft für die Übereinkunft 8 ). Der- 
selbe Johann bestätiget 1807 die königliche Urkunde, in welcher 
die Bedingungen angegeben wurden, laut welchen er sich und das 
Herzogthum Zator dem König Johann Albert und der Krone Polen 
nach Lehensrecht unterworfen hatte. Hans IV., Herzog von Auschwitz 
und Zator ertheilt im Jahre 1515 einer Schuldverschreibung des 
Georg Ziemia und seiner Ehefrau Katharina seine Bestätigung. 
Dieser Brief, das letzte mir bekannte schriftliche Document eines 
Herzogs von Auschwitz und Zator, widerlegt die Angabe, dass Herzog 
Johann IV. im Jahre 1513 von einem polnischen Edelmann Lorenz 
Mieszko auf der Jagd erschlagen worden wäre 4 ). Z. Stark theili 
zum Jahre 1515 mit: „König Sigmund zu Polen bewilliget, weil das 


*) Dlugosch, lib. XI. a. a. 1433. 

*) Das Hegest im Invent. Cracov. p. 232 lautet: Casimirus, Veneeslaus , Jaousaias 
et Vladi*laus duces Zatorienaes promittant Casiiniro se ad dccursum unius anui 
cum nullo alio de eodem ducatu contractum inituros. 

3 ) Sommersberg I, 811. 

■*) luveut. Craeov. p. 232. 


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Zur Geschichte der Herzogtümer Zator urnl Auschwitz. 


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Herzogthum Zator nach Absterben Hertzog Janossen der Krön Polen 
anheimbfallen sol, vermöge etlicher Pacta und Vergleichungen, 
dass seinem Sohne Janossen nichts desto minder das baare Geld, 
Silber-Geschirr und ander Fahrnus sol herausgegeben werden“. 

Von seinen Brüdern sind mir nachstehende Urkunden vorgekom- 
men. Kasimir, der älteste der vier Söhne Wenzel's von Zator, war mit 
Machna von Ratibor vermählt, er verschreibt ihr am 25. April J484 
mit Zustimmung seines Bruders Wenzel, als Witthum die Ortschaften 
Spytkowitz und Rachowitz, diese Verschreibung bestätiget am 
14. September desselben Jahres König Kasimir von Polen. Auch in 
dieser Confirmationsurkunde wird die Zustimmung Herzog Wenzel's 
erwähnt, sie war erforderlich und zwar auf Grund des Theilungs- 
vertrages von 1477. Da nun in dem Briefe, welchen Herzog Kasimir 
von Auschwitz und Zator und seine Gemahlinn Machna von Troppau 
und Ratibor am 5. October 1487 ausstellen, ihr Land für den Fall, 
dass sie ohne Nachkommen sterben würden, dem Herzog Hans von 
Troppau und Ratibor vermachen, so muss Wenzel II. bereits früher 
gestorben sein *). 

Herzog Kasimir scheint in dem letzterwähnten Schriftstücke 
seine Befugnisse überschritten zu haben; diesem Erbvertrag ist 
daher gewiss nie die Bestätigung des polnischen Oberlehensherrn za 
Theil geworden, und nicht der Herzog von Troppau und Ratibor, 
sondern Hans IV. von Auschwitz und Zator ist der Erbe der Kasi- 
mir- WenzePschen Hälfte von Zator geworden, was aus der Höhe der 
Kaufsumme hervorgeht, um welche König Johann Albert das Herzog- 
thum im Jahre 1494 erstanden hatte. 

Vom Herzog Wladislaus von Auschwitz (Zator) ist mir ein 
einziges und zwar nicht unmittelbar von ihm ausgestelltes Schreiben 
bekannt. König Siegmund von Polen bestätigt nämlich 1509 eine zu 
Auschwitz am 25. Jänner (das Jahr wird nicht angegeben) von dem 
genannten Wladislaus ausgestellte Urkunde, laut welcher der Herzog 
dem Nikolaus Pokrzywka eine Hufe (laneum) Ackers im Dorfe 
Dwory zu kaufen gestattet, mit der Verpflichtung zur Zeit eines 
feindlichen Einfalles Kriegsdienste zu leisten 8 ). 


4 ) Die drei Schreiben von 1484 uud 1487 im Registr. S. Weiiceslai. 
luvent. t’racov. |». 233. 


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630 


G. B i e rm «an 




Noch dem Erlöschen der Piasten von Zator fiel auch dieses 
FQrstenthum vollständig an die Krone Polen, es wurde mit 
Auschwitz der Woiwodschaft Krakau ein verleibt; dennoch wurden 
beide auch ferner noch als HerzogthQmer bezeichnet und führten 
im Wappen einen Adler, welcher eine von dem Krakauer Adler 
verschiedene Farbe hatte. Der Landbotenberedung der Krakauer 
Woiwodschaft in Proszow ging die Berathung der beiden Herzog- 
thümer in Zator voran, sie schickten bis 1736 einen, sodann 
zwei Landboten nach Proszow sowohl als auch zum allgemeinen 
Reichstag. Der Castellan von Auschwitz war zugleich Senator, hier 
war auch ein Starost <). Zator, Lipnik und Berwald waren gleichfalls 
Starosteien, ihre Starosten besassen jedoch keine Gerichtsbarkeit. 
In Auschwitz war ein Burg-, in Zator ein Landesgericht. Die von 
dem Reichstag bewilligten Steuern trieb ein dazu gewählter Ein- 
nehmer ein , nach einer von ihm entworfenen und vom Auschwitzer 
Burggerichte genehmigten Steuertarifliste. 

Das Städtewesen, welches im 13. Jahrhunderte unter deutschem 
Einflüsse in ganz Schlesien und auch im Krakau'schen viel verspre- 
chende Blüthen angesetzt hatte, kam dort zur schönen Entfaltung, 
wurde aber hier durch die Opposition des seit Wladislaus Lokietck’s 
Zeiten sich geltend machenden national-polnischen Elementes zum 
grossen Schaden des Landes geknickt. Auch im Auschwitz'schen 
haben Wladislaus von Oppeln und sein Sohn Mesko durch Aussetzung 
von Städten nach deutschem Rechte ein Bürgerthum zu gründen 
versucht, welches jedoch unter den Herzogen von Auschwitz kaum 
vegetirte, und unter polnischer Herrschaft sein Dasein nur kümmer- 
lich fristete. Die Entwickelung der Städteverfassung gerieth in 
den beiden Herzogtbümern gar bald in's Stocken, haben ja doch die 
Städte Zator und Auschwitz es nicht einmal zur Beseitigung der 
Vögte gebracht. In einem Briefe König Siegmund's von 1515 wird 
Johann Larisch (Larysz) als Besitzer der Vogtei von Auschwitz 
angeführt. In Gegenwart des Starosten von Auschwitz verkaufen 
1517 der Vogt Johann, sodann Johann Tomicki und Johann Rudol- 
towski die Vogtei von Zator um 700 Gulden und 100 ungrische 


’) Im Jahre 1508 kommt iu einer Urkunde Kasimir II. von Teschen ein Joh. Mysx- 
kowski als Castellan von Auschwitz vor, das Amt eines Starosten führte 1491 
und 1493 Peter von Kurosw^ki, in einer Urkunde von 1532 kommt auch ein 
Unterstarost vor. 


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Zur Geschichte der Herzogthiimer Zator und Auschwitz. 


631 


Gulden. Dieser Verkauf wird wohl nur eine Verpfandung gewesen 
sein, denn Johann nennt sich noch im Jahre 1519 Vogt yon Zator, 
als solchen bezeichnet sich Johann Tomicki in den Jahren 1518, 
1519 und 1525, eben so Johann Rudoltowski im Jahre 1521. Dieser 
verschreibt sechs Gulden jährlicher Zinsen auf die Vogtei dem 
Altaristen der Bruderschaft zum heiligen Geist in Zator, und 1525 
urkundet er und Johann Tomicki, Vögte von Zator, dass sie dem 
König Siegmund die Vogtei Zator um 1000 Goldgulden abgetreten, 
und die Kaufsumme erhalten haben. Die Vogtei (eigentlich Scholtisei) 
in Lipnik, in unmittelbarer Nähe Biala’s, welche Stadt erst später 
entstand, verkaufte 1481 Paul Myszkowski an Johann Staszkowski, 
von dem sie 1499 König Johann Albert um 400 ungriscbe Gulden 
erhält. 

Ich führe noch an, dass im Jahre 1540 der Arcbidiakon Georg 
von Krakau und sein Bruder Johann von Przeczow das Städtchen 
Wadowitz und alle ihre Güter im Herzogthume Zator gelegen, 
dem König Siegmund übergeben *). 


*) Invent. Cracov. S. 232 — 234. 


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SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN, 


PHILOSOPHISCH- HISTORISCHE CLASSE. 

XL. BAND. V. HEFT. 

JAHRGANG 1862. — DECEMBER. 


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SITZUNG VOM 3. DECEMBER 1862. 


Vorgelegtt 

Zend&tudien. 

I. 

Von Dr. Friedrich Miller, 

Doeent der Allgemeinen Sprachwiiseniehtft an der Wiener Uaieenitil. 

In den nachfolgenden Aufsätzen will ich einzelne Puncte der 
altpersiscl^en Philologie, sowohl sachlicher als grammatischer und 
kritischer Natur, welche mir noch nicht gehörig festgestellt zu sein 
scheinen, zu beleuchten und einer endlichen Lösung näher zu führen 
versuchen. Die betreffenden Fragen abgeschlossen zu haben, darauf 
machen diese Zeilen keinen Anspruch; uns muss es vor allem andern 
genügen — wie nun die Sachen stehen — dass sich Mehrere mit 
diesen schwierigen Studien beschäftigen und ihr Scherflein zum 
Ausbaue dieser Wissenschaft beitragen, d. h. dass sie das, was sie 
gefunden , Anderen mittheilen und dem Urtheile Umsichtigerer und 
Gelehrterer vertrauensvoll unterbreiten. 

I. Ober den Namen „Zarathustra“. 

Der Name des grossen Propheten der Eränier, den wir gewöhn- 
lich nach der uns von den Griechen überlieferten Form Zwpoacjrpjf 
Zoroaster nennen, lautet in der Sprache, in welcher er selbst 
geredet, Zarathustra Seine wahre etymologische 

Bedeutung ist nichts weniger als über allen Zweifel gestellt. 

Die heutigen Anhänger des Propheten erklären den Namen 
nach der im neueren Idiom sich vorfindenden Form Zarduscht oder 


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Fr. >1 ii I I * r 


Zartuscht j j), armen, yiuMt**£U9 9 als „Goldstern“. 

Führt man diese Erklärung auf das Altbaktrische zurück, so ergibt 
sich dafür, da dem ersten Gliede „Gold“ , altb. entspricht, 
während für das zweite Glied „Stern“ tuscht , duscht , der Name 
des Sternes Tistar, -“"V-tw, supponirt werden muss, die Form 
zairitistrya, die von der wirklichen Form des Namens Zarathustra 
himmelweit verschieden ist. Darnach ist also die von den heutigen 
Parsen vertretene Etymologie als ganz ungenügend aufzugeben. 

Eine auf die Form Zarathustra selbst basirte Etymologie gab 
der Begründer der Zendstudien, E. Burnouf (Comm. sur le Ya$na, 
XII). Derselbe theilt das Wort in zarath-ustra ab und erklärt es 
„fulvos camelos habens*. Davon lässt sich nun das zweite Glied 
sowohl in der Bedeutung „Kamel“ im altbaktrischen Sprachschätze 
nachweisen (altind. ushtra , neup. als auch passend Eigen- 
namen mit „Pferd“ im zweiten Gliede (z. B. 

mit demselben verglichen wer- 
den können. Was aber das erste Glied, zai'ath-, betrifft, so bemerkt 
Haug mit Recht (Die Gäthäs des Zarath. II. 245, Note), dass es 
nicht „gelb“ heissen kann (denn dies lautet bekanntlich altbaktr. 
•***^$t neup. sondern die Form eines Part, praesent. (altb. 

zarat = altind. harat oder garat ) sein muss. Burnouf’s Deutung 
ist also wegen Schwierigkeiten im ersten Gliede der Zusammen- 
setzung nicht zulässig. 

Eine andere Deutung, die — irre ich nicht — Rud. Roth 
angehört, ist die des Zarathustra als „Goldschmied“. Dagegen 
lassen sich aber zweierlei Bedenken, sowohl lautlicher, als sach- 
licher Natur, erheben. Offenbar muss man, wenn man dieser Erklä- 
rung folgt, zara-thusira abtheilen und zara als „Gold“ erklären. 
Diese Form lässt sich aber im Altbaktrischen nicht nachweisen; 
denn die Form für „Gold“ lautet dort immer nur = altind. 
hari *)• Eben so setzt dann das zweite Glied thustra sowohl eine 
starke Contraction als Weiterbildung im Suffixe der Form 
(= thwarstar ) voraus, die beide in diesen Bildungen im Altbaktri- 


*) Altbaktrische Themen in a entsprechen zwar oft altindischen in i, z. B. 

„Knochen“ = aalhi, „Weiser“ = kavi y — aakhi, „Hegen" = 

vari „Wasser“; ein zara gegenüber dem gesicherten zairi aus einigen schlechten 
Lesesrten aufzunehmen, scheint nicht rathsam. 


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Zendfetihlien. I. 


637 


sehen keine Analogie für sich haben. Was nun die sachlichen 
Bedenken anlangt, so wiegen sie — glaube ich — noch schwerer. 
Bekanntlich erwähnt das Avesta überall nur drei Stände: Priester 
Krieger und Ackerbauer (V'V* 4 ^). und es 

findet sich in den älteren Stücken keine Spur von Handwerkern, 
noch weniger yon Künstlern, die sich der Bearbeitung eines solchen 
Luxusartikels wie Gold gewidmet hätten. Da nun Zarathustra diesen 
Namen entweder von seiner eigenen oder seiner Väter Beschäftigung 
erhalten haben konnte, so müssten wir in Widerspruch mit den 
• Schriften und den äusseren Nachrichten etwas voraussetzen, wozu 
wir durch nichts als etwa die aufgestellte Etymologie bewogen 
würden. Wir müssen nach diesem also auch die Etymologie Zara- 
thustra = Goldschmied fallen lassen. 

Eine auf die Theilung zarath-ustra begründete Ableitung gibt 
Haug in seinen Gätliäs, II, 246. Nachdem das erste Glied eine 
dreifache Erklärung zulässt als „alternd“ (altind. garat ), „Herz“ 
(altind. hrd ), „lobsingend“ (altind. garat), wird der erster©* Fall 
als unpassend im vorhinein bei Seite geschoben. Das letzte Glied 
„ustra“ wird aber nicht als „Kamel*, sondern als eine Zusammen- 
ziehung von nttara „trefflich“ erklärt. Darnach ist Zarathustra, je 
nachdem man sich für die eine oder andere Fassung im ersten 
Gliede entscheidet, entweder „der ein treffliches Herz hat“ oder — 
was besser scheint — „der treffliche Lobsänger“. 

Gegen beide Etymologien erheben sich sowohl lautliche als 
sachliche Bedenken. Was erstere betrifft, so ist zarath — zarad 
und dieses = auffallend; denn einestheils lässt sich in jenen 

Stellen, welche Haug citirt (Ya^na XXXX, 11; XXX, 1), in denen 
zaraz- als erstes Glied in Compositis vorkommt, die Erklärung des- 
selben als altind. hrd bestreiten , da man mit demselben, wenn nicht 
mit grösserem Rechte an haras (Benfey, Glossar zum Sämaveda, 
S. 206) denken kann; anderestheils bleibt, selbst wenn die Paralle- 
lisirung des zaraz - mit hrd auch zugegeben wird, th~d immerhin 
bedenklich. 

In eben derselben Weise ist ustra = uttara nicht ohne 
Schwierigkeiten; denn auch die Ausstossung des a zugegeben, zu 
der übrigens kein Grund vorliegt, da sie sich in dem Suffixe tara 
nirgends findet, müsste nach anderen Analogien, wie = 

bad + ta, = dath + ta , auch ugtra erwartet werden. Die 

Silzl». d. phil.-l.iat. CI. XL. Kd. V. Hft. 42 


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638 


Fr. Müller 


Form gegenüber der fehlerhaften ist aber 

einerseits als die richtige beglaubigt, andererseits können die neuen 
Formen mit ^ ^ nur die erstere, nicht die letztere voraussetzen. 

Zu diesen lautlichen Schwierigkeiten kommt noch in Betreff 
des Namens eine sachliche. Wenn Haug den Namen als „treff- 
licher Lobsänger“ deutet und dabei bemerkt, dass das Singen yon 
Liedern in den Gäthä's eine wichtige Rolle spielt und Zarathustra 
selbst als Dichter erscheint, so schwebte ihm dabei jedesfalls die 
Person des Propheten und Religionsstifters vor. Man müsste dann 
annebmen, Zarathustra sei nicht der wirkliche, sondern nur der 
Ehrenname des Stifters der parsischen Religion gewesen, zu 
welcher Annahme uns aber die heiligen Bücher nicht den gering- 
sten Anlass bieten. Ist der Name aber kein blosser Ehrenname, 
sondern wirklicher Name, der dem Propheten von seiner Kindheit 
an zukam, so lässt sich eine solche Namengebung durch keine 
Analogie wahrscheinlich machen ; denn wenn wir die im Avesta und 
andefwärts vorkommenden alten persischen Eigennamen durch- 
mustern, so finden wir keinen darunter, der in ähnlicher Weise, 
nämlich auf so hohe geistige Vorzüge Bedacht nehmend, gebildet 
worden wäre. 

Die Deutung des Namens Zarathustra als „vortrefflichster 
Liedersänger“ wurde später von Haug selbst (Essays on the 
sacred language, writings and religion of the Parsees. Bombay 1862. 
S. 252, Note) zurückgenommen und eine andere, wornach der Name 
„der vortrefflichste Vorsteher“ bedeuten soll, an deren Stelle 
gesetzt. In diesem Falle ist das erste Glied zarath = altind. garat 
„alt“, während das zweite Glied in derselben Bedeutung wie oben 
bleibt. Gegen die Form erheben sich hier dieselben Schwierigkeiten 
wie früher; von begrifflicher Seite hätten wir wieder dasselbe ein- 
zuwenden , wenn nicht Haug den Namen Zarathustra wirklich nur 
als Prädicat, etwa wie „Hoherpriester“,. fasste. Nach diesem wäre 
der eigentliche Name des Stifters d$r parsischen Religion ganz unbe- 
kannt , wogegen einesteils die heiligen Schriften und die älteste 
Tradition der Parsen, anderestheils die Geschichte anderer Religio- 
nen deutlich sprechen. Zudem müssten sich mehrere Zarathustras 
nachweisen lassen , und weder die heiligen Bücher, noch die erä- 
nische Sage könnten von Zarathustra so sprechen, wie sie es wirk- 
lich thun. 


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Zenditudien. !. 


639 


Ich glaube, um den Namen richtig zu erklären, muss man ihn 
einerseits in seine Elemente richtig zu zerlegen , andererseits durch 
passende Parallelen begrifflich zu rechtfertigen versuchen. Betrach- 
ten wir nun den Namen, der ohne Zweifel zusammengesetzt ist (da 
man im Gegentheile nur zarathus-tra abtheilen könnte, das sich 
aber schwer erklären Hesse) , so müssen wir ohne Frage zarath 
ustra theilen. Davon muss ustra wieder nur so gefasst werden, wie 
es sonst vorkommt, nämlich in dem Sinne „Kamel“. Zarath aber 
kann nichts anderes sein als ein Participium praes., wie schon Haug 
richtig gesehen hat Es handelt sich also nur um die richtige 
Erklärung desselben. Am einfachsten wäre es wohl, an altind. har 
„nehmen, erbeuten“ zu denken und das Wort dann, nach Analogie 
von bharad-vdga, tfamad-agni als „Kamele erbeutend“, vergl. 
-*»o „erworbene Pferde habend“ zu deuten. Ich ziehe aber 
vor, zarath als Participium praes. von har = ghar zu fassen , wovon 
auch haras „Gluth“, dann auch „Zorn“ (haras krödhandma ) her- 
kommt. Darnach ist also Zarathustra (vergl. „magere 

Pferde habend“, „zottige Pferde habend“) als „muthige 

Kamele besitzend“ zu erklären. Diese einfache Erklärung wird auch 
von der begrifflichen Seite her unterstützt, indem mit „Pferd“ 
im zweiten Gliede auftretende Namen wie bei den Griechen, so 
auch bei den Persern äusserst häufig Vorkommen. Dass aber das 
Kamel ein Haustbier bei den alten Persern war, gleich dem Pferde, 
geht unter anderm aus Vend. XV, 68 ff. hervor; es galt als kost- 
barer denn das Pferd (vgl. Vend. XIV, 50 — 53). 

Was nun das Epitheton „muthig“ beim Kamele betrifft, dar- 
über vergleiche man die vortreffliche Schilderung desselben bei 
Tarafah Muallaqah, Vers 11 ff. 

II. (her den Namen „Ahnrä-masdät“. 

Der Name des höchsten Gottes der zarathustriscben Religion, 
des absolut guten Principes derselben, lautet bei uns gewöhnlich 
Ormuzd (griech. ’ßpopidadrjs), in der neueren Form bei den 
Parsen Hormezd (^jjtt^o»), in der älteren Form aber und zwar 
in den Keilinscbriflten Auramazdä, in den Zendbüchern meistens 
Ahurd-mazdäo *V>0”»). Auf den ersteren Denkmälern 

wird der Name meist als ein Wort gefasst, woraus dann die neuere 
Namensform Hormezd sich erklärt, während im Avesta beide Theile 

42 * 


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640 


Fr. Müller 


flectirt werden. Der Name besteht also ursprünglich aus zwei 
Bestandtheilen: ahuro und mazddo. Was bedeuten diese beiden 
Namen? in welchem Verhältnisse stehen sie zu einander? 

Lautlich ist Nominativ von identisch mit dem alt- 

indischen amra „lebendig“, von a$u „Leben“ und dem Suffixe ra 
griech. pog. Ahura heisst also „der lebendige“ oder auch cau- 
sativ gefasst „der Lebenspendende“, wie auch das altindische a$ura 
in den Veden von den Scholiasten als prdnada erklärt wird 1 ). 

Schwieriger als das erste Glied ist das zweite zu erklären. 
Burnouf und Benfe y versuchten mazddo = altind. mSdhds zu 
deuten, für welche Parallele auch = ddhi und = 

altind. idhi zu sprechen scheinen. Ganz anders stellt sich aber die 
Sache, wenn man genauer zusieht. Denn obschon obige Parallelen 
richtig sind, insofern als in ihnen altind. tdh einem zd im Alt- 
baktrischen entspricht, so ist diese Regel nur für den Fall von 
Giltigkeit, als ein alter Dental vor dem dh sich nachweisen lässt. 
Ob aber bei midh [etwa mat + dhd?~\ ein alter Dental so ganz 
sicher anzunehmen sei, bleibt immer sehr fraglich. Und gesetzt 
auch, dass der lautliche Punct hier in Richtigkeit wäre, so ist die 
Parallelisirung des mazddo mit altind. medhds — wie sich weiter 
unten zeigen wird — schwer zu rechtfertigen. 

Offenbar ist die Bildung mazddo mit und ähnlichen Bil- 
dungen zusammenzuhalten, in denen ddo einer Wurzel dd angehört, 
die im Altbaktrischen in den beiden Bedeutungen „schaffen, setzen“ 
= altind. dhd und „erkennen“ = neup. sich nachweisen 

lässt. Trennt man letzteren Bestandtheil ab, so bleibt maz als erstes 
Glied der Zusammensetzung übrig, das nach eränischen Laut- 
gesetzen an dieser Stelle entweder aus maf oder mag entstanden 
sein kann. Ersteres bedeutet „mit“ (vergl. griech. fxrrd), letzteres 
„gross“ (vergl. griech. /xvixog). Es sind also hier mehrere Fälle 
der Erklärung möglich, je nachdem man das erste und zweite Glied 
in einer oder der andern Bedeutung fassen und bei der zweiten 
Fassung des ersten Gliedes entweder Tatpurusha oder Bahuvrflii 
oder Karmadhäraya annehmen will. Diese Fälle sind: 1. mit + 
schaffen, also = „Mitschöpfer“; 2. mit -f- erkennen, also = 


») Oder liegt dieser Erklärung die falsche Zurück fiihrung des Suffixes ra auf d e 
Wurzel ra = da zu Grunde? 


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ZemMudien. !. 


641 


„Miterkenner“, beide wie griech. juir-ö-^os, /xer-oixog; 3. Grosses 
+ schaffend; 4. Grosses + wissend; 5. grosse Schöpfung habend; 
6. grosses Wissen habend; 7. grosser -f- Schöpfer; 8. grosser + 
Weiser. Nur diese acht Formen sind möglich; denn Haug's 
(Essays, S. 100 Note) vorgeschlagene Erklärung des mazd&o als 
maf + ddo „the creator of all“ entbehrt aller Wahrscheinlich- 
keit. Denn gesetzt auch, maf liesse sich in derselben Verwendung 
wie altind. sa nach weisen, so hiesse dann mat-ddo nicht „der 
Schöpfer von Allem“, sondern „mit Schöpfung begabt“ oder „mit 
[einem andern] dieselbe Schöpfung habend“. Es liegt aber auf der 
Hand, dass weder die Bedeutungen „Mitschöpfer“ noch „Mit- 
erkenner“, welche beide grammatisch möglich sind , noch die bei- 
den grammatisch unmöglichen Deutungen „mit Schöpfung begabt“ 
oder „dieselbe Schöpfung habend“ zulässig sind. Wir sind also 
auf die sechs übrig bleibenden Deutungen: „Grosses schaffend“, 
„Grosses wissend“, „mit grosser Schöpfung begabt“, „mit grossem 
Wissen begabt“, „grosser Schöpfer“, „grosser Weiser“ angewiesen. 
Von diesen sind aber die beiden ersten, die in die Kategorie Tatpu- 
rusba gehören, bei näherer Betrachtung desswegen auszuschliessen, 
weil der Begriff „gross“ als Object des Schaffens oder Wissens auf 
den absolut allmächtigen und all weisen Schöpfer bezogen, nicht 
passend erscheint. Denn hier findet nur der Ausdruck „all“ oder 
„ganz“ passende Anwendung. Was die zwei folgenden Erklärungen 
(Bahuvrlhi) anlangt, so ist nach dem, was wir weiter unten be- 
merken werden, nur die zweite, wornach mazddo „mit grossem 
Wissen begabt“, altind. mahdgndnin , zulässig. Gleichen Grad der 
Möglichkeit haben die beiden folgenden Deutungen (Kharmadhä- 
rayas) „grosser Schöpfer“ und „grosser Weiser“. Bedenken wir 
aber, dass der Begriff des Schaffens und Erhaltens schon in dem 
Begriffe ahura zu Tage tritt und Ahura-mazda nach dem in den 
heiligen Büchern ausgeprägtem Begriffe als der heilige, dem un- 
heiligen, unreinen, verderbenden Geiste entgegengesetzte Geist 
erscheint, so scheint uns nur die letztere Erklärung, nämlich 
„grosserWeiser“ passend. Wir hätten sonach die acht grammatisch 
möglichen Deutungen auf zwei, nämlich „mit grossem Wissen 
begabt“ und „grosser Weiser“, zurückgefiihrt. 

Jede dieser Deutungen hat etwas, was für sie spricht, und in 
der Hauptsache laufen beide auf dasselbe hinaus. Nur ist erstere 


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042 


Fr. Müller 


mehr adjectivischer, letztere mehr substantivischer Natur. Da nun, 
wie wir weiter unten sehen werden , letztere Natur besser zu der 
Geltung und Entwickelung dieses Begriffes passt, so entscheiden 
wir uns für letztere Deutung und erklären mazdäo als mag-ddo 
„magnus sapiens“. 

Nachdem wir also die beiden Ausdrücke ahurö und mazdäo 
jeden für sich erklärt zu haben glauben , entsteht weiter die Frage, 
in welchem Verhältnisse beide zu einander stehen, d. h. ist ahurö 
Adjectiv zu mazdäo oder umgekehrt, oder stehen sie zu einander 
im Verhältnisse der Apposition? 

Bei dieser Frage erscheint es vor allem andern nothwendig, 
diese beiden Benennungen in den ältesten uns aufbewahrten Stücken 
der Zend- Literatur (den drei Gebeten Yathä-ahu-vairyd, Ashem 
vöhu, Yönh£ hatäm, die Gäthäs, Ya$na haptanhaiti etc.) zu ver- 
folgen und aus dem dort stattlindenden Gebrauche einen Schluss auf 
selbe zu machen. In dem Gebete Yathä-ahu -vairyd (Honover) 
kommt der Name mazdäo nicht vor, sondern nur einmal der Name 
ahura . In den fünf Gäthäs kommt der Name ahura KOmal vor, der 
Name mazdäo hingegen 112mal, die Verbindung ahurö-mazddo 
ISmal, mazdäo ahurö hingegen 57mal. Eben so steht in Ya$na 
haptanhaiti ahurö 2mal, mazdäo 2mal, ahurö mazdäo 9mal, mazdäo 
ahurö 15mal. 

Daraus lässt sich nun Folgendes ableiten: 

1. Kommt der Ausdruck mazdäo öfter vor, als der Ausdruck ahurö . 

2. Ist die Verbindung mazdäo ahurö häufiger als die Verbindung 
ahurö mazdäo . 

3. Stehen beide Theile zu einander nicht im Abhängigkeitsverhält- 
nisse, sondern im Verhältnisse der Coordination. 

4. Ist der später in den Keilinscbriften als eine Wortform geltende 
und dem neueren Hormezd zu Grunde liegende Ausdruck ahurö 
mazdäo nicht alt, sondern späteren Ursprungs. 

Darnach bedeutet der Ausdruck ahurö mazdäo „der lebendig- 
machende, der grosse Weise" oder „der lebendige, der grosse 
Weise", so ziemlich entsprechend der traditionellen Deutung der 
Parsen : lil-> (.$1 

Was die Geschichte dieser beiden Ausdrücke betrifft, so scheint 
Folgendes das Wahrscheinlichste. Ahura ist der Name des alten 
indogermanischen Gottes, den das Volk schon vor der Trennung der 


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Zendstudien. f. 


643 


Eränier und Inder als den noch nicht näher bestimmten Allmächti- 
gen, den Schöpfer und Erhalter der Welt verehrte. Im Veda werden 
mit dem Ausdrucke asura die Götter im Allgemeinen bezeichnet. 
Als später jene sociale und religiöse Trennung eintrat, welche eine 
tiefe Kluft zwischen eränischer und indischer Lebensanschauung 
zog, bezeichneten die Inder, welche einem ihrem kriegerischen 
Geiste entsprechenden Religionssysteme folgten, mit dem Namen 
asura, den die inzwischen sesshaft gewordenen Eränier zur Be- 
zeichnung ihres alten Gottes beibehielten, die feindlichen, bösen, 
yon den neueren Göttern zu bekriegenden alten Götter, welche 
ihren neuen, glänzenden (Suras identisch mit Devas) entgegen- 
gestellt und, nachdem die wahre Bedeutung ihrer Bezeichnung 
abhanden gekommen war 1 ), als die asuras „Nicht-Suras“ auf- 
gefasst wurden. In gleicher Weise thaten dies die Eränier mit den 
alten Devas, aua deren Mitte die neuen indischen an Rausch, Kriegs- 
und Beutelust sich erfreuenden Götter hervorgegangen waren. 

Die Bezeichnung ahura für den alteränischen Haupt- und 
Schutzgott mag lange Zeit ausschliesslich angewandt worden sein, 
wahrscheinlich galt sie so bis zu Zarathustra’s Auftreten. Ihm ist vor 
allem andern die neue vergeistigte Idee des Ahura als Mazdäo zuzu- 
schreiben, ähnlich dem Jhvh -Begriffe der Israeliten gegenüber dem 
Elohim- Begriffe der Semiten. Diese That wurde jedenfalls in einer 
Zeit vollzogen, in der Inder und Eränier bereits den alten Hass ver- 
gessen hatten und sich als völlig fremd und geschieden betrachteten. 
Denn wäre dies nicht der Fall gewesen, so müsste es uns sehr 
wundern, dem Namen des neuen, daher auch feindlichen Gottes 
als einem solchen in den Büchern der Inder nicht zu begegnen. 
Da wir ihm aber dort wirklich nirgends begegnen, so ist auch 
Haug's Hypothese von Garadashti in Betreff Zarathustia’s, der 
so innig mit Mazdäo zusammenhängt, als nicht erwiesen fallen 
zu lassen. 

Aus diesen Bemerkungen erklärt sich der Gebrauch des Namens 
ahura und mazdao in den Gäthäs, von denen der letztere nach den 
obigen Angaben doppelt so oft als der erstere vorkommt, indem es 
hier besonders galt, den zarathustriseben Gott als den geistigen, 
denkenden, reinen zu bezeichnen. Ebenso erklärt sich die alte Ver- 


*) Vgl. das, was wir oben über «Aura = prdnada bemerkt haben. 


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644 


Fr. Möller, Zendatudien. I 


bindung mazdao aliuro 9 die mit der hebräischen mrp voll- 

kommen übereinstimmt. Erst später trat, nachdem wahrscheinlich 
die adjectivische Bedeutung des ahuro mehr und mehr sich geltend 
machte 1 )» nach Analogie von anro mainyu , gpönto mainyu die Ver- 
bindung ahuro mazdao ein, welche dem nunmehr ausschliesslich 
gebrauchten Namen des obersten Gottes der persischen Religion zu 
Grunde liegt. 

*) Vgl. Hang, Eftsajrs, S. 236. 


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I)r. Pf iziintter. Die (iescbicble des Hauses Thai-kung. 


645 


SITZUNG VOM 10. DECßMBER 1862. 


Vorgele gt: 

Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 

Von dem w. M. Dr. Anglist Pfiimaier. 

Die auf verschiedenen Machtslufen stehenden, zu den Zeiten 
der Tscheu den berühmten Fürstenländern des Alterthums Vorge- 
setzten Häuser sind in weisheitsfreundlichen und anderen Werken 
sowohl der Vergangenheit als der Gegenwart so häufig Gegenstand 
der Erwähnung, dass die Kenntniss ihrer Geschichte, welche der 
Schlüssel zu vielen dunklen in Büchern vorkommenden Stellen, zu 
den nothwendigsten Erfordernissen der mittelländischen Gelehr- 
samkeit gehört. 

Da die auf jene Häuser bezüglichen, übrigens weniger durch 
ihre Grösse als durch die ihnen gewordene Beachtung denkwürdigen 
Ereignisse bei uns nur sehr unvollständig bekannt sind, so hat es der 
Verfasser dieser Abhandlung unternommen, vorerst die Geschichte 
des Hauses Thai-kung nach den in dem Sse-ki enthaltenen Angaben 
in ihrem ganzen Zusammenhänge zu bearbeiten. 

Das Haus Thai-kung ward in sehr frühen Zeiten (1122 vor 
uns. Zeitr.) mit dem berühmten und mächtigen Lande Tsi belehnt, 
welches dessen Fürsten bis zu dem dreiundzwanzigsten Jahre des 
Königs Ngan von Tscheu (379 vor uns. Zeitr.) lenkten. Innerhalb 
dieses Zeitraumes ist die Geschichte des Hauses Thai-kung diejenige 
des Landes Tsi. Nach dem Erlöschen des genannten Hauses gelangte 
Tsi in den Besitz des Hauses Tien- tschung, dessen Geschichte 
hierauf ebenfalls mit derjenigen des Landes gleichbedeutend ist. 


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646 


Dr. P f i z m a i e r 


Der erste Landesfürst von Tsi war Liü-schang 

mit dem Beinamen ^ ^ Thai-kung-wang, eine Zusammen- 
setzung, deren eigentliche, unter näher erläuterte Bedeutung: „der 
grosse Fürst hofft“. Derselbe stammte aus den Gegenden am Ufer 
des Ostmeeres und war, wie in Liü-pu-wefs ^Frühling und Herbst“ 
angegeben wird *), ein Kriegsmann der östlichen Fremdländer. 

Der Ahnherr Liü-schang’s war bei dem Allhalter Yao ein Ange- 
stellter „der vier Berggipfel“, in welcher Eigenschaft er die Ange- 
legenheiten der Lehensfürsten zu besorgen hatte. Zugleich half er 
dem nachherigen König Yu die Gewässer leiten und den Boden 
ebnen, wobei er sich sehr grosse Verdienste erwarb. 

In der Zwischenzeit der Lenkung der Häuser Yü und Hia wurde 


der hier genannte Mann mit dem Gebiete Liü s ) belehnt, wäh- 
rend einige Mitglieder seines Hauses das Gebiet Schin als Lehen 
erhielten. Der Allen gemeinschaftliche Geschlechtsname war 


jfc Kiang-schi. Zu den Zeiten der Hia und Schang wurden 

in Schin und Liü einigemale die Brüder der Lehensfürsten einge- 
setzt, und unter den Söhnen und Enkeln sanken einige zu Menschen 
des Volkes herab. Liü-schang gehörte zu den Nachkommen der 
letzteren. Sein ursprünglicher Geschlechtsname war Kiang-schi, 
er heisst jedoch Liü-schang, weil für ihn ein neuer Geschlechtsname 
von dem gleichnamigen Lehen Liü gebildet ward. 

Liü-schang war zu der Zeit, als sein Name bekannt wurde, 
arm, erschöpft und in Jahren vorgerückt. Er fischte einst mit der 
Angel, als er mit Si-pe, Fürsten von Tscheu, zusammentraf. Si-pe, 
nach seinem Tode ^König Wen“ genannt, hatte, im Begriffe auf 
die Jagd zu gehen, die Schildkrötenschale gebrannt, und dabei fol- 
gende Vorhersagung erhalten: Was du erjagen wirst, ist kein 
Lindwurm und kein gehörnter Lindwurm, es ist kein Tiger und kein 
Bär. Was du erjagen wirst, ist die Schutz wehr obergewaltiger 
Könige. — Als Si-pe jetzt sich auf die Jagd begab, traf er wirklich 
den oben genannten Thai-kung an dem nördlichen Ufer des Flusses 


*) Diese Angabe ist in einer Anmerkung zu der Ausgabe des Sse-ki enthalten. 
*) Dasselbe lag westlich von dem spateren Kreise Yuen in Nan-yang. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


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^pj Wei 1 )' Indem er sich mit ihm in ein Gespräch einliess, fand 

er an ihm grosses Wohlgefallen und sagte zu ihm: Mein eigener 
Vorgänger, der grosse Fürst sprach: Es wird geben einen höchst- 
weisen Menschen, der zu Theil wird Tscheu. Tscheu wird dadurch 
emporkommen. Bist du wirklich dieser Mensch? Mein grosser 
Fürst hofft auf dich schon lange Zeit. — Von den Worten dieser 
Anrede erhielt Liü-schang den Ehrennamen Thai-kung-wang, d. i. 
der grosse Fürst hofft. 

Si-pe nahm hierauf Liü-schang zu sich in den Wagen und 
kehrte mit ihm nach Tscheu zurück , wo er ihn zu seinem Lehrer 
ernannte. 

Dies die gewöhnliche Erzählung. Nach Anderen war Thai-kung 
ein Mann von vieler Erfahrung, der schon früher in Diensten des 
Königs Tsch’heu von Yin gestanden. Wegen der Ruchlosigkeit 
dieses Königs hätte er sich von dem Hofe entfernt und wäre als 
wandernder Redner in den Ländern der Lehensfürsten umhergereist. 
Es hätte keine Begegnung stattgefunden, und Liü-schang hätte sich 
zuletzt aus eigenem Antriebe nach Westen gewandt und sich dem 
Fürsten Si-pe von Tscheu unterworfen. 

Eine andere Nachricht lautet: Liü-schang hatte einen blei- 
benden Wohnsitz und lebte in Verborgenheit an den Ufern des 
Meeres. Als Si-pe von Tscheu auf Befehl des Königs Tsch’heu in 

Yeu-li festgehalten wurde, Hessen ^ San-I-seng und 

^ Pi! Hung-yao, zwei Freunde, d. i. Räthe des Königs Wen, 

an Liü-schang, den sie bereits kannten, eine Einladung ergehen. 
Liü-schang gab dieser Einladung Folge, indem er sagte: Ich habe 
gehört, dass Si-pe weise, und auch vortrefflich sorgt für die 
bejahrten Menschen. Warum sollte ich mich nicht zu ihm begeben? — 
Liü-schang und die zwei genannten Männer machten jetzt dem 
Könige Tsch’heu eine weise Tochter von dem Geschlechte ^ ^ 
Yeu-sin nebst einer Anzahl seltener Gegenstände zum Geschenk, 
indem sie Si-pe dadurch loszukaufen gedachten. Dieser Fürst ward 
auch wirklich aus dem Gefängnisse entlassen und erhielt die Er- 
laubnis in sein Land zurückzukehren. 

*) Dieser in der Geschichte oft genannte Fluss durchzieht die heutigen Landschaften 
Kan-su und Schen-si vou Westen nach Osten. 


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648 


Dr. P f i zu a i c r 


Obgleich die Angaben über die Dienste, welche Liü-schang 
dem Hause Tscheu geleistet, verschieden lauten, wird doch ein- 
stimmig berichtet, dass er der Lehrer der Könige Wen und Wu 
gewesen. 

Nachdem Si-pe aus Yeu-li entkommen und in sein Land zurück- 
gekehrt war, ging er mit Liü-schang im Geheimen zu Ruthe und 
übte sich in Tugenden, um die Lenkung der Schang zu stürzen. Die 
Gegenstände dieser Berathungen waren häufig das Übergewicht 
der Waffen und ungewöhnliche Entwürfe. Wo man daher in den spä- 
teren Geschlechtsaltern von den Waffen und dem geheimen Einflüsse 
des Hauses Tscheu sprach, ward Thai-kung als der eigentliche 
Schöpfer der Macht und Urheber des Entwurfes hingestellt. Die 
Lenkung Si-pe s war übrigens wohl eingerichtet, so dass dieser 
Fürst den Streit der Länder Yü und Nui schlichtete und 
die Dichter von ihm sagten, dass er den Befehl des Himmels zur 
Obergewalt erhalten habe und ihn den König Wen uannten. Ausser- 
dem unternahm er Kriegszüge gegen die Länder Thsung und 

$$ Siü-mi, ferner gegen die „Hunde-Fremdländer“ *) und 

erbaute die umfangreiche Hauptstadt Bp Fung*). Dass damals zwei 
Drittheile der Welt sich dem Hause Tscheu unterwarfen, wird dem 
Umstande zugeschrieben, dass Thai-kung durch lange Zeit seinen 
Rath ertheilte. 

Als König Wen starb, folgte ihm dessen Sohn, der nachherige 
König Wu. Im neunten Jahre seiner Lenkung entschloss sich dieser 
Fürst, das Werk seines Vaters fortzusetzen und im Osten Erobe- 
rungen zu machen. Er hielt zu diesem Behufe eine Heerschau über 
die Lehensfürsten, wobei er zugleich erfahren wollte, welche 
Männer sich um ihn versammeln würden. Liü-schang, dem bei 
diesem Anlasse der Ehrenname ^ ßjj] Sse- schang -fu, d. i. 
Lehrer, Geschätzter und Vater, beigelegt ward, hielt als Führer des 
Heeres von Tscheu in der linken Hand eine gelbe, d. i. mit Gold 
verzierte Axt, in der Rechten einen weissen Kuhschweif als Fahne. 

, Er forderte die Lehensfürsten auf, indem er sprach: Ohne euch zu 


') Das San-hai-king berichtet von einem Volke mit Angesichtern von Menschen und 
Leibern von wilden Thieren, welches unter dem Namen: „die westlichen Hunde- 
Fremdlinder " bekannt war. 

z ) Fnng, die Hauptstadt des Königs Wen, lag in der Nähe des späteren Tschang-ngan. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


649 


besinnen, zieht zusammen eure Heeresmenge, leiht eure Schiffe und 
Ruder. Wer zu spät eintrifft, wird enthauptet. — Demnach versam- 
melten sich zu einer ungewöhnlichen Zeit auf dem Gebiete 
Meng-tsin *) achthundert Lehensfursten. Sämmtliche Anwesende 
waren der Meinung, dass König Tsch’heu jetzt angegriffen 
werden müsse, wogegen König Wu meinte, dass hierzu die Zeit 
noch nicht gekommen sei. Er zog sein Heer zurück und verfertigte 
gemeinschaftlich mit Thai-kung das „grosse Übereinkommen“ *). 

Zwei Jahre später tödtete Tsch’heu den Königssohn 

Pi-kan und liess -J- Khi-tse in ein Gefängniss setzen. Als 

König Wu jetzt den König Tsch’heu angreifen wollte und zu diesem 
Zwecke die Schildkrötenschale brannte, erhielt er ein Ergebniss 
von unglücklicher Vorbedeutung. Zu gleicher Zeit erhob sich 
ein plötzlicher Sturm mit Regen. Sämmtliche Fürsten des Landes 
waren von Bangigkeit erfüllt und Thai-kung war der Einzige, der 
diese Stimmung nicht theilte, sondern die Zagenden zur Thätigkeit 
zwang und auch den König Wu ermunterte. Der Feldzug fand hier- 
auf Statt. 

Im eilften Jahre seiner Lenkung verkündete der König das 
„Übereinkommen“ in der „Wildniss der Rinderhirten“ und machte 
den Angriff auf Tsch’heu, den König der Schang. Das Heer dieses 
Königs wurde geschlagen, Tsch’heu selbst floh nach seiner Haupt- 
stadt zurück und bestieg die „Erdstufe der Hirsche", wo er sich den 
Tod durch Feuer gab. Die ihn verfolgenden Sieger schlugen ihm 
später das Haupt ab. 

Als König Wu am folgenden Tage die Landesgötter einsetzte, 
reichten die Fürsten vonTscheu das vermittelst einer Sehscheibe von 
dem Monde gewonnene „glänzende Wasser“, Khang-scho von Wei 
breitete die buntfarbige Matte, Liü-schang als „Lehrer, Geschätzter 
und Vater“ führte das Thier die Darbringung, der Vermerk er ^ 
Yi verlas, in den Händen ein Rohrbrett haltend, die Anrufung und 
meldete den Göttern, dass man die Verbrechen des Königs Tsch’heu 
gestraft habe. 


Auch durch die Verbindung \ 


heutige 




7 $ 


Meng-tsin ausgedrückt. Das Gebiet ist das 


Meng oder Mung, Krei* Hoai-khiog in Ho-nan. 


3 ) So heisst ein dreifacher Aufruf, der in dem Buche der Tscheu enthalten ist. 


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650 


Dr. P f i x m a i « r 


König Wu verstreute hierauf die in der Erdstufe der Hirsche 
aufgehäuften Geldstücke und Hess das Getreide von Khifi- 

kiao herausschaffen, indem er damit die Armen und Schwachen ver- 
sorgte. Er versah ferner das Grab des Königssohnes Pi-kan mit 
einem Hügel, befreite Khi-tse aus dem Gefängnisse, Hess die neun 
dreiftissigen Gefässe wegführen, begründete die Lenkung der 
Tscheu und gab der Welt gleichsam einen neuen Anfang. Bei allen 
diesen Verfügungen war Liü-schang durch lange Zeit dem Könige 
berathend zur Seite gestanden. 

Nachdem König Wu die Länder der Schang beruhigt und die 
Waltung über die Welt erlangt hatte, belehnte er Liü-schang, den 
Lehrer, Geschätzten und Vater, vor allen übrigen Lehensfürsten mit 
P* & Ying-khieu, d. i. der Erdhöhe des festen Lagers *). Das 
hierzu gehörende Gebiet hiess das Land Tsi. 

Thai-kung begab sich jetzt in das ihm zugewiesene im Osten 
liegende Land, wobei er auf dem Wege öfters übernachtete und die 
Reise langsam fortsetzte. Die den Gästen entgegenziehenden Leute 
äusserten sich: Wir haben gehört: Die Zeit ist schwer zu gewinnen 
und leicht zu verlieren. Die Gäste schlafen sehr ruhig : es sind wohl 
solche, welche nicht in ihr Land gelangen. — Als Thai-kung dies 
hörte, kleidete er sich in der Nacht an, machte sich auf den Weg 
und erreichte sein Land noch vor Tagesanbruch. Daselbst w ar 
indessen der Fürst von Lai zu einem Angriff herbeigekommen 
und machte ihm den Besitz von Ying-khieu streitig. An den Marken 
von Ying-khieu lag nämlich Lai, ein von östlichen Fremdländern 
bewohntes Land. Zu jener Zeit war man in Folge der durch den 
König Tsch’heu hervorgebrachten Zerrüttung und bei dem Umstande, 
dass die Macht von Tscheu erst gegründet worden, noch nicht 
fähig, Streitkräfte in den fernen Gegenden zusammen zu ziehen. Im 
Hinblick auf diese Verhältnisse wagte es daher der Fürst von Lai, 
mit Thai-kung um den Besitz des Landes zu streiten. 


i) Diese Stadt hiess später Lin-thse, d. i. die auf den Floss Thse herabblickende. Rs 
wird angeführt , dass ein Ort der an seiner Vorderseite und zur Linken ron einem 

Flusse umgeben ist, *4 = Sr> Ying „ein festes Lager“ genannt wird. Andere bemerken 


indessen, dass der Fluss yppj Thse im Süden des heutigen Ying-kbieu oder Lin- 
thse rorbeizieht und hierauf seinen Lauf naeh Osten nimmt. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


651 


Sobald Thai-kung in seinem Lande angekommen war, richtete 
er die Lenkung ein, machte die Sitten des Landes zur Grundlage 
der Gebräuche, eröffnete ein Feld der Thätigkeit für die Hand- 
werker des Hauses Schang und erleichterte den Betrieb des Fisch- 
fanges und die Gewinnung des Salzes, ln Folge dieser Einrichtungen 
wendete sich vieles Volk nach Tsi, welches dadurch zu einem 
grossen Fürstenlande anwuchs. 

König Wu starb wenige Jahre nach Überwindung der Schang. 
Während der Minderjährigkeit seines Nachfolgers, des Königs 
Sching, erregten Kuan-schö und Tsai-scho, die Oheime des jungeh 
Königs, einen Aufruhr, und auch die. an dem Flusse Hoai wohnenden 
östlichen Fremdländer fielen von Tscheu ab. Der Fürst von Tscheu 
liess Thai-kung durch Schao-kung und Khang-kung einen höchsten 
Befehl zustellen, worin es hiess: Im Osten bis an das Meer. Im 
Westen bis an den Fluss *)• Im Süden bis Mo-ling*). Im Norden 
bis Wu-ti # ). Die fünf Gattungen von Lehensfürsten, die Lehens- 
fürsten dritten Ranges, die in den neun Landstrichen, du sollst sie 
in Wirklichkeit strafen durch Kriegszüge*). — In Folge dieser 
Weisung befasste sich Tsi mit Strafangriffen und wurde ein grosses 
Fürstenland. Seine Hauptstadt war das oben erwähnte Ying-khieu. 

Thai-kung starb in einem Alter von ungefähr hundert Jahren 
und hatte zum Nachfolger seinen Sohn *j ^ jÖj Liü-khT, genannt 
Fürst J Ting. Fürst Ting hatte zum Nachfolger seinen Sohn, 
den Fürsten YI. Nach dem Tode des Fürsten YI folgte dessen 
Sohn ^ jjg; Thse-mu, genannt Fürst Khuei. Der Nachfolger 

des Fürsten Khuei war dessen Sohn ^ Pu-schin, genannt 
Fürst Ngai. 


*) Bis an den gelben Fluss. 


») 


Mö-ling, jetzt nicht mehr zu bestimmen, lag im südlichen Thcile der 


heutigen Landschaft San-luug. 

Wu-ti, jelzt nicht mehr zu bestimmen, lag im nördlichen Theile der 
heutigen Landschaft Sau-tung und im südlichen Theile der heutigen Landschaft 
Pe-tscln-li. Bis zu den hier genauuten Gegenden erstreckten sich die Marken des 
Landes, mit welchem Thai-kung ursprünglich belehnt worden. 

*) Für den Full, dass sie etwas verbrochen haben. Einen solchen Kriegszug unter- 
nahm der Höhere, namentlich der Himmelssohn, gegen den Niederen. 


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652 


Dr. P f i z m • i er 


Der letztgenannte Fürst wurde von dem Fürsten von Ki *) 
bei dem Himmelssohne, dem durch seine Übelthaten berüchtigten 
Könige ^ I, verleumdet und auf Befehl dieses Königs gesotten. 
Tscheu setzte an die Stelle des getödteten Fürsten Ngai dessen 
jüngeren Bruder Tsing, genannt Fürst jij^Hu. Dieser Fürst ver- 
legte seinen Wohnsitz nach der Stadt jßlj P5-ku*). 

Unterdessen stellte sich |Jj San, der gleichfalls zu den Zeiten 
des Königs I von Tscheu lebende leibliche jüngste Bruder des 
Fürsten Ngai, von Hass gegen den Fürsten Hu erfüllt, mit seinen 
Genossen an die Spitze der Bewohner von Ying-khieu, drang in das 
Gebiet von Po-ku, überfiel und tödtete den Fürsten Hu und setzte 
sich selbst an dessen Stelle. San heisst in der Geschichte Fürst 

Hien. Dieser Fürst vertrieb gleich im ersten Jahre seiner 
Lenkung sämmtliche Söhne des Fürsten Hu und zog wieder von 
PÖ-ku weg, indem er das in unmittelbarer Nähe von Ying-khieu 
gelegene ^ Lin-thse als Hauptstadt einrichtete. 

Fürst Hien starb nach einer neunjährigen Lenkung und hinter- 
liess das Land seinem Sohne Scheu, genannt Fürst Wu. 
Im neunten Jahre des Fürsten Wu verliess König Li von Tscheu in 
Folge eines Aufstandes das Land und floh nach Tsch’hi *). Im 
zehnten Jahre des Fürsten Wu (841 vor uns. Zeitr.) befand 
sich das Haus der Tscheu in einem Zustande grosser Zerrüt- 
tung, und die Fürsten von JjEJ Tscheu und Schao, die zwei 
Landesgehilfen von Tscheu, führten unter dem Namen 
Hung-ho „die gemeinsame Verständigung“ die Lenkung 4 ). Im vier- 
undzwanzigsten Jahre des Fürsten Wu (827 vor uns. Zeitr.) war 
in Tscheu, nachdem die Lenkung Kung-ho vierzehn Jahre gewährt, 
König Siuen , der Sohn des Königs Li, eingesetzt worden. 

Fürst Wu starb im sechzehnten Jahre seiner Lenkung 
(828 vor uns. Zeitr.) und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 


i) Dieses Fürstenlnnd entspricht dem heutigen l-schui, Kreis I-tscheu in San-tung. 
t) Diese Stadt lag nördlich von Lin-thse in der Gegend des heut ; gen Pö-hing, Kreis 
Tsing-tscheu inJSan-tung. 

3) Damals ein Gebiet von Tsin, zu den Zeiten von Han ein Kreis der Landschaft Ho- 
tung, der seinerseits das heutige Fen-si, Kreis Ping-jrang in Schan-si. 

4) Hier, mit dem ersten Jahre der Lenkung Kung-ho (841 vor uns. Zeitr.), beginnt die 
Zeitrechnung des Sse-ki. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


653 


jtl 4K Wu-ki, genannt Fürst |j|| Li. Dieser Fürst übte Grausam- 
keit und Bedrückung, was den vertriebenen Sohn des Fürsten Hu 
veranlasste, nach Tsi zurück zu kehren , wo man ihn zum Fürsten 
einzusetzen wünschte. Die Bewohner von Tsi verbanden sich mit 
ihm gegen den Fürsten Li, der durch sie rasch angegriffen und 
getödtet ward (816 vor uns. Zeitr.). Aber auch der Sohn des 
Fürsten Hu war in dem Kampfe gefallen, worauf ^ Tsch’hi, 
der Sohn des Fürsten Li, von den Bewohnern von Tsi zum Landes- 
fürsten erhoben ward. Dieser Fürst, in der Geschichte Fürst 
Wen genannt, liess indessen siebenzig Menschen, welche seinen 
Vater, den Fürsten Li, getödtet hatten, hinrichten. 

Fürst Wen starb im zwölften Jahre seiner Lenkung (804 
vor uns. Zeitr.) und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 
Yue, genannt Fürst Sching. Dieser Fürst starb im ne u nten 
Jahre seiner Lenkung (795 vor uns. Zeitr.) und hatte zum 
Nachfolger seinen Sohn 0^ Keu, genannt Fürst Fj’-J Tschuang. 
Im vierundzwanzigsten Jahre dieses Fürsten (771 vor uns. Zeitr.) 
tödteten die „westlichen Hunde-Fremdländer“ i) den König Yeu 
von Tscheu, in Folge dessen die Tscheu nach Osten übersie- 
delten und der Wohnsitz des Himmels'sohues nach der Stadt m 
Lo verlegt ward, ln demselben Jahre wurden die Fürsten von Thsin 
wegen der Dienste, welche das Land gegen die westlichen Fremd- 
länder geleistet, zum ersten Male als Lehensfürsten des Mittel- 
landes anerkannt. Im sechsundfünfzigsten Jahre des Fürsten Tschuang 
(739 vor uns. Zeitr.) tödtete Tsin seinen Landesfürsten, den Für- 
sten Tschao. 

Fürst Tschuang starb im vierundsechzigsten Jahre seiner 
Lenkung (731 vor uns. Zeitr.) und batte zum Nachfolger seinen 
Sohn Lö-fu, genannt Fürst Hi. In das neunte 

Jahr dieses Fürsten (722 vor uns. Zeitr.) fällt der Lenkungsantritt 
des Fürsten Yin von Lu, womit das Geschichtswerk „Frühling 
und Herbst“ beginnt. Im neunzehnten Jahre des Fürsten Hi (712 
vor uns. Zeitr.) tödtete Hoan, Fürst von Lu, seinen älteren Bruder, 
den Fürsten Yin und setzte sich als Landesfürsl an dessen Stelle. 

i) Dieser Fremdländer ist oben in einer Anmerkung gedacht worden. 

Sitzb. d. phil.-hist.Cl. XL. Bd. V. Hft. 43 


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654 


Dr. P f i % m a i e r 


Im fünfundzwanzigsten Jahre des Fürsten Hi (706 vor uns. 
Zeitr.) richteten die nördlichen Fremdländer einen Angriff* gegen 
Tsi. Tsching entsandte den zur Nachfolge bestimmten Fürsten- 
sobn fyl Hoe mit einem Heere, damit er Tsi Hilfe bringe. Nach- 
dem die Fremdländer geschlagen worden, wollte man in Tsi eine 
Tochter des fürstlichen Hauses, die später bekannt gewordene Wen- 
kiang, dem Fürstensohne Hoe zurGemahlinn geben. Hoe lehnte diese 
Ehre ab und gab die denkwürdige Antwort: Jeder Mensch hat 
Jemanden, der seines Gleichen ist. Tsching ist klein, Tsi ist gross, 
es ist nicht meines Gleichen. 

Im zweiunddreissigsten Jahre des Fürsten Hi (699 vor uns. 
Zeitr.) starb 1 -tschung-nien, der leibliche jüngere 

Bruder des Fürsten Hi. Der Söhn I-tschung-nien’s war der Fürsten- 
enkel JE Wu-tschi, den der Fürst besonders liebte und dem 
er dieselben Einkünfte anweisen Hess, wie dem zur Nachfolge 
bestimmten Sohne. Fürst Hi starb in dem dreiunddreissigsten Jahre 
seiner Lenkung (698 vor uns. Zeitr.) und hinterliess das Land 
seinem zur Nachfolge bestimmten Sohne Tschü - ni, ge- 

nannt Fürst Siang. Fürst Siang hatte schon ziir Zeit, als er 
zum Nachfolger bestimmt war, mit Wu-tschi Streit gehabt. Als er 
jetzt zum Fürsten erhoben ward, entzog er gleich im ersten Jahre 
seiner Lenkung Wu-tschi die übermässigen Einkünfte , was diesen 
mit grossem Unwillen erfüllte. 

Im vierten Jahre des Fürsten Siang (694 vor uns. Zeitr.) kam 
Hoan, Fürst von Lu, mit seiner Gemahlinn nach Tsi. Diese Fürstinn 
von Lu war die oben genannte Wen-kiang, die jüngere Schwester 
des Fürsten Siang von Tsi, der schon früher mit ihr geheimen 
Umgang gehabt hatte. Wen-kiang war noch zu den Zeiten des 
Fürsten Hi, ihres Vaters, mit Hoan, Fürsten von Lu, vermählt wor- 
den. Nach der Ankunft des Fürsten Hoan in Tsi setzte Fürst Siang 
seinen geheimen Umgang mit Wen-kiang fort. Als dies der Fürst 
von Lu erfuhr, zürnte er seiner Gemahlinn , was diese wieder ihrem 
Bruder, dem Fürsten von Tsi, meldete. 

Fürst Siang veranstaltete jetzt eine Feierlichkeit, wobei er den 
Fürsten Hoan betrunken machte und ihn durch einen mit ungewöhn- 
licher Leibesstärke begabten Kriegsmann, Namens ± ti 
seng, in die Arme nehmen und auf den Wagen heben liess. Bei dieser 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kuug. 


655 


Gelegenheit erdrückte Peng-seng den Fürsten von Lu, der, als man 
ihn von dem Wagen herabnahm, eine Leiche war. Die Machthaber 
von Lu stellten indessen den Fürsten von Tsi wegen dieser Thal 
zur Rede, worauf Fürst Siang den Kriegsmann Peng-seng hinrichten 
Hess und sich in Lu entschuldigte. 

Im achten Jahre des Fürsten Siang (690 vor uns. Zeitr.) 

bekriegte Tsi das Fürsteniand Ki 1 )» dessen Volk auswanderte 

und die Hauptstadt des Landes aufgab. 

Im zwölften Jahre seiner Lenkung (686 vor uns. Zeitr.) verlor 
Fürst Siang sein Lehen durch Mörderhand, ein Ereigniss, über 
welches folgende Eiuzelnheiten angeführt werden. In früherer 


Zeit hatte Fürst Siang die zwei grossen Würdenträger ^j|| 
Lien-tsching und«^^ Kuan-tschi-fu ausgeschickt, damit 


sie die in das Gebiet 


Khuei-khieu*) gelegte Besatzung 


befehligen. Es war dabei bedungen, dass sie „zur Zeit der Klauen*, 
d. i. im siebenten Monate des Jahres, ausziehen und zur Klauenzeit 
des folgenden Jahres abgelöst werden sollten. Die beiden Männer 
begaben sich zu der Besatzung, wo sie ein Jahr verbrachten. Als 
endlich die Zeit der Klauen wiedergekehrt war, schickte der Fürst 
Niemanden, der sie bei der Besatzung abgelöst hätte. Selbst als 
mehrere Männer die Bitte stellten, jene Beiden ablösen zu dürfen, 
verweigerte der Fürst hierzu die Erlaubnis. Die zwei Würden- 
träger wurden darüber unwillig und verabredeten sich, mit Hilfe des 
Fürstenenkels Wu-tschi Aufruhr zu erregen. 

Lien-tsching hatte eine Nichte, welche sich in dem fürstlichen 
Wohngebäude befand, aber der Gunst des Gebieters nicht theil- 
haftig ward. Er gab dieser den Auftrag, den Fürsten Siang aus- 
zuspähen, indem er ihr versprach, dass sie, wenn der Anschlag 
gelänge, die fürstliche Gemahlinn Wu-tschin’s werden solle. 

Unterdessen war der Winter und der zwölfte Monat des Jahres 
gekommen. Fürst Siang zog zu seinem Vergnügen auf dem Gebiete 
Ku-fen umher und beschäftigte sich zuletzt auf dem Gebiete 


f ) Dieses Fürstenland ist bereits früher erwähnt worden. 

*) Es gab drei rerschiedene Gebiete dieses Namens. Das hier gemeinte soll sieh ioi 
Westen des späteren Kreises Lin-tbae befinden. 

43 * 


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CSC 


Dr. Pfizmai er 


JE 7f|l ^ e *“khieu *) mit Jagen. Daselbst sah er ein Wildschwein, 


welches ihm folgte und von welchem man glaubte, dass es der Geist 
des hingerichteten Peng-seng gewesen. Der Fürst ward zornig und 
schoss nach ihm einen Pfeil. Sofort stand das Wildschwein vor ihm 
in menschlicher Gestalt und laut weinend. Vor Entsetzen stürzte 
der Fürst aus dem Wagen und verletzte sich den Fuss, wobei er 
zugleich einen Schuh verlor. Zu Hause angekommen, liess er dem 
mit der Aufsicht über die Schuhe betrauten Manne, dessen Name 
n Fe, dreihundert Streiche mit der ledernen Gerte geben. Fe 
verliess hierauf das fürstliche Wohngebäude. 

Während dieser Zeit hatten Wu-tschi, Lien- tsching, Kuan- 
tsehi-fu und deren Genossen bereits erfahren, dass der Fürst sich 
auf der Jagd verletzt habe. Sie stellten sich sofort an die Spitze 
einer ihnen ergebenen Menge und drangen in das fürstliche Wohn- 
gebäude. Daselbst trafen sie den mit der Aufsicht über die Schuhe 
betrauten Fe, der zu ihnen sagte: Moget ihr es für den Augenblick 
unterlassen, einzutreten und das Wohngebäude aufzuschrecken. 
Wenn ihr das Wohngebäude aufschreckt, wird es euch nicht mehr 
leicht sein, einzutreten. — Wu-tschi mass diesen Worten keinen 
Glauben bei. Als ihm aber Fe seine von den Gertenschlägen her- 
rührenden Wunden zeigte, glaubte er ihm. Erwartete ausserhalb 
des Gebäudes und hiess Fe früher eintreteu. Sobald Fe früher ein- 
getreten war, versteckte er den Fürsten Siang zwischen einer Thüre. 
Nach einer längeren Weile wurden Wu-tschi und dessen Genossen 
misstrauisch, und sie drangen unverzüglich in das Gebäude. Unter- 
dessen kam Fe zurück und machte mit den Leuten des Wohn- 
gebäudes und den begünstigten Dienern des Fürsten einen plötz- 
lichen Angriff auf Wu-tschi und die übrigen Verschworenen. Der 
Angriff misslang jedoch, und Alle, die sich au ihm betheiligt hatten, 
verloren ihr Leben. 

Wu-tschi drang hierauf in das Gebäude und suchte den Fürsten, 
ohne ihn zu finden. Da erblickte einer seiner Leute einen mensch- 
lichen Fuss zwischen einer Thüre. Als man die Thüre öffnete und 
nachsah, entdeckte man den Fürsten Siang, der auf der Stelle getödtet 


*) Dieses Gebiet befaud sich südlich von dem heuti£ en Po-hing, Kreis Thsing-Ucbea 
io San-tung. 


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Die Geschichte des Hauses Tliai-kung. 


657 


ward. Nach dieser That bewerkstelligte Wu-tschi seine eigene Ein- 
setzung zum Landesfürsten von Tsi. 

Im Frühlinge des folgenden Jahres (685 vor uns. Zeitr.) 
zog Wu-tschi, der neue Landesfürst von Tsi, zu seinem Ver- 
gnügen auf dem Gebiete Yung-lin *) umher. Die Bewohner 

dieses Gebietes waren schon früher von Hass gegen Wu-tschi 
erfüllt. Als dieser jetzt seinen Vergnügungszug antrat, fielen die 
Bewohner von Yung-lin über ihn her und tödteten ihn. Sie meldeten 
hierauf Folgendes den grossen Würdenträgern von Tsi: Wu-tschi 
hat getödtet den Fürsten Siang und sich selbst an dessen Stelle 
gesetzt. Wir in unserer Sorgfalt verhängten über ihn die Strafe des 
Todes. Nur die grossen Würdenträger mögen, indem sie eine neue 
Einsetzung vornehmen, von den Fürstensöhnen einSetzen denjenigen, 
der mit Recht soll eingesetzt werden. Nur dem höchsten Befehle 
wird Folge geleistet. 

In früherer Zeit, als Fürst Siang den Fürsten Hoan von Lu 
betrunken machte und tödtete, mit dessen Gemahlinn geheimen Um- 
gang hatte, mehrmals ungerechter Weise Hinrichtungen verhängte, 
mit Weibern Unzucht trieb und mehrmals die grossen Würdenträger 
täuschte, fürchteten sämmtliche Brüder des Fürsten, dass ihnen ein 
Unglück widerfahren werde. Der ihm im Alter zunächst stehende 
jüngere Bruder ^ij- Khieu floh daher nach Lu, da seine Mutter eine 
Tochter des Fürsten von Lu gewesen. Ihm folgten als Zugesellfo 
die Würdenträger 'jtj] Kuan-tschung und ^7 ^ Schao-hoe. 
Der dem Letzteren zunächst stehende jüngere Bruder 

loh nach Khiü, wohin ihm der Würdenträger 

Pao-scho als Zugesellter folgte. Die Mutter Siao-pe's war 
eine Tochter des Fürsten von Wei, welche von dem Fürsten Hi 
besonders begünstigt worden war. 

Siao-pe stand seit seiner frühesten Jugend in einem Verhält- 
nisse der Freundschaft zu dem grossen Würdenträger fH 1^1 
Kao-hi. Als nach der Tödtung Wu-tschi’s durch die Bewohner 
vonYung-iin man in Tsi beratschlagte, wen man zum Landesfürsten 
einsetzen solle, riefen die Männer der Geschlechter j^jKao und 




') Dieses Gebiet befand sieb in der Gegend des heutigen Ngan-khieu, Kreis Thsing- 
(scheu in San-tung. 


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658 


I) r. I* f i z ni a I e r 


Kue *) früher im Geheimen den Fürstensolm Siao-pe aus dem Laude 
Khiü herbei. Aber auch in *Lu entsandte man, sobald man daselbst 
den Tod Wu-tschi’s erfahren, eine Kriegsmacht, welche dem nach 
Tsi zurückkehrenden Fürstensohne Khieu das Geleite gab. Za 
gleicher Zeit liess man durch Kuan-tschung eine andere Kriegs- 
macht befehligen, welche dazu bestimmt war, dem Yon Khiü nach 
Tsi daherziehenden Siao-pe den Weg zu verlegen. Bei dem hierauf 
erfolgten Zusammenstosse schoss Kuan-tschung einen Pfeil nach 
Siao-pe und traf dessen Panzergürtel. Der Getroffene stellte sich 
todt, worauf Kuang-tschung Leute entsandte, welche sich in eiligem 
Laufe nach Lu begaben und daselbst deo Tod des Fürstensohnes 
Siao-pe meldeten. Die zur Begleitung des Fürstensohnes Khieu 
bestimmte Kriegsmacht zog jetzt noch langsamer ihres Weges und 
gelangte in sechs Tagen nach Tsi. Daselbst war Siao-pe bereits 
eingetroffen und wurde von Kao-hi zum Fürsten von Tsi eingesetzt. 
Siao-pe heisst in der Geschichte Fürst Hoan. 

Indem Fürst Hoan , in den Panzergürtel getroffen, sich todt 
stellte, hatte er Kuan-tschung getäuscht. Er liess sich hierauf in 
einen mit Zunder beladenen Wagen setzen und jagte in schnellem 
Laufe davon, was ihm ebenfalls durch das im Inneren mit den Män- 
nern der Geschlechter Kao und Kue unterhaltene Einverständnis9 
möglich wurde. Auf diese Weise traf er zuerst in Tsi ein, wo er 
sofort eingesetzt ward und eine Kriegsmacht zum Widerstande 
gegen Lu aussandte. 

Im Herbste desselben Jahres (68S vor uns. Zeitr.) erfolgte 
zwischen Tsi und Lu auf dem Gebiete 0t Kan-schi *) ein 
Kampf, dessen Ergebniss die Niederlage und Flucht der Kriegs- 
macht von Lu. Die Kriegsmacht von Tsi besetzte die Wege, auf 
welchen die Kriegsmacht von Lu nach der Heimat zurückkehren 
konnte. Unter diesen Umständen sandte die Lenkung von Tsi an 
Lu das folgende Schreiben: Der Fürstensolm Khieu ist einer der 


*) Die zwei durch den Himmelssohn eingesetzten Erlauchten des Landes Tsi. Der 
Mann des Geschlechtes Kao ist der oben genannte Kao-hi. 

*) Ein Gebiet von Tsi in der Gegend des heutigen Lö-ugan, Kreis Thsing-tscheu in 

San-tung. An der Markscheide von LÖ-ngnn befindet sich der Fluss Schi, der 

daselbst, in mehrere Arme gelheilt, dahinfliesst. Bei eintretender Dürre versiegt 
das Wasser in diesen Armen, wesshalb das Gebiet den Namen Kan-schi, wörtlich 
„der versiegende Schi“ erhielt. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


659 


Brüder, wir bringen es nicht über uns, ihn hinrichten zu lassen. 
Wir bitten Lu, dass es ihn selbst todte. Schao-hoe und Kuan-tschung 
sind Feinde. Wir bitten, dass wir sie in unsere Gewalt bekommen, 
so dass wir an ihnen Rache nehmen können und ihr Fleisch einlegen. 
Geschieht dieses nicht, so werden wir Lu belagern. 

Die Machthaber von Lu waren dieser Drohung willen besorgt 
und liessen unverzüglich den Fürstensohn Khieu auf dem Gebiete 
Sing-tü *) tödten. Schao-hoe tödtete sich selbst. Kuang- 
tschung hingegen stellte an Lu die Bitte, dass man ihn in einem 
Gefängnisse verwahre. 

Indem Fürst Hoan gleich nach seiner Erhebung eine Kriegs- 
macht aussandte und Lu angriff, hatte er die Absicht, Kuan-tschung 
zu tödten. Der frühere Zugesellte Pao-scho stellte jedoch dem Für- 
sten Folgendes vor: Ich war so glücklich, mich dir, o Gebieter, 
anschliessen zu können. Du, o Gebieter, wurdest zuletzt erhoben zu 
der Würde des Landesfürsten. Ich, der Diener habe nichts, was ich 
dir, o Gebieter, hinzugeben könnte. Wenn du, o Gebieter, lenken 
willst Tsi, so sind Kao-hi und Schö-ya 2 ) dafür hinreichend. Willst 
du aber walten als obergewaltiger König, so ist dir dies ohne 
Kuan-I-ngu«) nicht möglich. Das Land, in welchem I-ngu wohnt, 
wird als Land von Wichtigkeit, und man darf die Gelegenheit nicht 
versäumen. 

Fürst Hoan befolgte diesen Rath. Er liess Kuan-tschung ver- 
stellter Weise vorladen, als ob er an ihm Rache nehmen wolle, in 
Wirklichkeit jedoch hatte er die Absicht, ihn im Dienste zu ver- 
wenden. Kuan-tschung hatte dies erfahren, und er stellte daher 
selbst die Bitte, dass er sich nach Tsi begeben dürfe. Pao-scho war 
nach Lu gekommen, um ihn abzuholen und reiste, nachdem er ihn 
in Empfang genommen, mit ihm ab. Sobald man das an den Marken 
von Lu gelegene Gebiet ^ IjP Thang-feu erreicht hatte, löste 
Pao-scho die Handfesseln und Fussringe, mit denen Kuan-tschung 
belastet war. Er beschenkte ihn hierauf mit stattlichen Kleidern und 


*) Ein Gebiet von Lu. 

Scho-ya , wörtlich der Oheim Ya. Das letztere ist der Kindesname Pao- 
schö’s, der sonst Pao-schö-ya, wörtlich: „der Oheim Ya von dem Geschlecht« Pao“ 
genannt wird. 


3 ) D. i. Kuan-tschung, dessen Kindesname 


I-ngu. 


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660 


Dr. P f i a m a i e r 


stellte ihn dem Fürsten Hoan vor, der diesen seinen Gefangenen 
sehr ehrenvojl behandelte, ihn zu einem grossen Würdenträger 
ernannte und mit der Lenkung des Landes betraute. 

Nachdem Fürst Hoan an Kuan-tschung einen Helfer gewonnen, 
verlegte er sich mit den Männern Pao-scho, ßfj| ST-peng und 
Kao-hi auf die Lenkung des Landes Tsi. Eine der ersten Einrich- 
tungen war das sogenannte Zusammenziehen der Streitkräfte von 
fünf Häusern. Dabei bildeten fünf Häuser ein „Geleise“, zehn 
„Geleise“ eine Gasse, vier Gassen eine „Zusammenhängung“, zehn 
„Zusammenhängungen“ einen Gau, welchem letzteren ein Befehls- 
haber des Heeres Vorstand. Man bestimmte ausserdem das Erträg- 
niss des Fischfanges und der Salzteiche in verschiedenen Ausmes- 
sungen zum Besten der Nothleidenden unter dem Volke, während 
den weisen und befähigten Männern Gehalte verliehen wurden. In 
Tsi war man allgemein mit diesen Einrichtungen zufrieden. 

Im zweiten Jahre des Fürsten Hoan (684 vor uns. Zeitr.) 
bekriegte und vernichtete Tsi das Land Tan, dessen Fürst 
sich in das Land Khiü flüchtete. Fürst Hoan war nämlich zur Zeit 
seiner Verbannung vorerst nach Tan gekommen, wo man ihn 
schlecht behandelte. Diese Behandlung war die Ursache des gegen- 
wärtigen Strafzuges. 

Jm fünften Jahre des Fürsten Hoan (681 vor uns, Zeitr.) 
richtete Tsi einen Angriff gegen Lu. Die Machthaber dieses 
Landes stellten sich an die Spitze eines Kriegsheeres und wurden 
geschlagen. Tschuang, Fürst von Lu, bot die Stadt Sui *)> um 
von Tsi den Frieden zu erhalten. Fürst Hoan bewilligte dies und 
hatte mit dem Fürsten von Lu eine Zusammenkunft in Ko *), 
einer Stadt von Tsi, wo Friede und Bündniss zwischen den beiden 
Ländern geschlossen wurde. 

Als Lu den Vertrag beschwören sollte, bedrohte y^ 1ÖT 
Tsao-mö, Heerführer von Lu, mit einem „löffelhäuptigen“ Schwerte 
den Fürsten Hoan auf der Höhe der geheiligten Erdstufe, indem er 
rief: Gib das geraubte Land von Lu zurück! — Fürst Hoan will- 
fahrte diesem Wunsche, worauf Tsao-mö das „löffelhäuptige“ 


*) Nach dem „Frühling und Herbst^ vernichtete Tsi in diesem Jahre das Fürstenland Sui. 
2 ) Diese Stadt ist das heutige Thsi-ho, Kreis Thsi-nan in San-tung. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


661 


Schwert zurückzog und, mit dem Angesicht nach Norden gekehrt, 
sich zu dem für die Diener des Landes bestimmten Sitze begab. 
Später reute den Fürsten Hoan sein Versprechen, und er wollte die 
Zurückgabe des Landes an Lu verweigern und Tsao-mo tödten 
lassen. Dagegen machte Kuan-tschung Vorstellungen, indem er 
sprach : Jemanden, so lange er uns bedroht, willfahren, und hierauf, 
der Treue den Rücken kehrend, ihn tödten, dies ist immer mehr nur 
eine kleine Genugtuung. Aber die Treue zurücksetzen gegenüber 
den Fürsten der Lehen und verlieren den Anhalt der Welt, dies 
kann nicht geschehen. — Der Fürst gab jetzt das Land, welches 
Tsao-mö in Folge dreier Niederlagen verloren hatte, an Lu zurück. 
Als dies die Lehensfürsten erfuhren, hatten sie Zutrauen zu Tsi und 
wünschten, sich ihm anzuschliessen. 

Im siebenten Jahre des Fürsten Hoan (679 vor uns. Zeitr.) 
hatten die Lehensfürsten eine Zusammenkunft mit dem Fürsten 
Hoan auf dem Gebiete Kien *)* wodurch dieser Fürst seine 
Ansprüche auf Obergewalt zum ersten Male thatsächlich zur Gel- 
tung brachte. 

Im vierzehnten Jahre des Fürsten Hoan (672 vor uns. 
Zeitr.) kam Hoan, der Sohn des Fürsten Li von Tschin, als 
Flüchtling nach Tsi. Fürst Hoan von Tsi wollte diesen Fürstensohn, 
der sonst auch unter seinem Jünglingsnamen f[|l King-tschung 
bekannt ist, zum Erlauchten ernennen. Hoan schlug dies aus, worauf 
ihn der Fürst zum IE T Kung-tsching, d. i. Vorsteher sämmt- 
licher Handwerker ernannte. Hoan ist der Ahnherr Tien-tsch'hang’s» 
der in späteren Zeiten den Fürsten Kien tödtete und sich der Len- 
kung von Tsi bemächtigte. 

Im dreiundzwanzigsten Jahre des Fürsten Hoan (663 vor 
uns. Zeitr.) machten die westlichen Fremdländer der Berge *) 
einen Angriff auf Yen. Dieses Fürstenland begehrte Hilfe von 
Tsi, welche Fürst Hoan auch leistete. Er griff hierauf die west- 
lichen Fremdländer der Berge in ihrem eigenen Lande an, wobei er 
bis Ku-tscho 3 ) vordrang. Als er von diesem Feldzuge 

heimkehrte, gab ihm Tschuang, Fürst von Yen, das Geleite und 


’) Damals ein Gebiet von Wei. 

2 ) Dieselben werden auch die nördlichen Fremdlauder geuauut. 

3 ) Das heutige Luan-tscheu, Kreis Yung-ping in Pe-lschi-li. 


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662 


Dr. P f i % m a i e r 


überschritt bei dieser Gelegenheit die Marken von Tsi. Fürst Hoan 
bemerkte: Wenn es nicht der Himmelssohn ist, so ziehen die 
Lehensfürsten, die einander begleiten, nicht hinaus über ihre 
Marken. Ich kann nicht die Gebräuche ausser Acht lassen gegen 
Yen. — Er trennte hierauf das Gebiet, zu welchem der Landesftirst 
von Yen gelangt war, durch einen Wassergraben und trat es an 
Yen ab. Zugleich wies er den Landesfiirsten von Yen an, die Len- 
kung Schao-kung's, des ersten Landesfürsten von Yen, wieder 
linzurichten und den Zoll für Tscheu, so wie es zu den Zeiten der 
Könige Sching und Kbang Sitte gewesen, darznbringen. Als dies 
die Lehensfürsten erfuhren, schlossen sie sich in Gesammtheit 
an Tsi. 

Fürst Hoan hatte eine junge Schwester, Namens 3p Ngai- 
kiang, welche an Tschuang, Fürsten von Lu, vermählt war. Diese 
Fürstinn trieb mit |Jg Khing-fu, Fürstensohn von Lu, Unzucht. 
Kurze Zeit nach dem Ableben des Fürsten Tschuang (660 vor uns. 
Zeitr.) tödtete Khing-fu den Sohn Ngai-kiang's , den minderjährigen 
Fürsten Min vbn Lu, worauf Ngai-kiang dem Fürstensohne Khing-fu 
die Nachfolge in Lu verschaffen wollte. Die Machthaber von Lu 
bewirkten jedoch die Einsetzung des Fürsten Hi. Nach diesen Vor- 
gängen beschied Fürst Hoan (659 vor uns. Zeitr.) seine Schwester 
Ngai-kiang nach Tsi und liess sie daselbst tödten. 

Im achtundzwanzigsten Jahre des Fürsten Hoan (658 vor uns. 
Zeitr.) begehrte Wei, welches von den nördlichen Fremdländern 
angegriffen wurde und zugleich an innerer Zerrüttung litt, Hilfe 
von Tsi. Fürst Hoan stellte sich an die Spitze des Lehensfürsten, 
vertrieb die Fremdländer und verfügte, nachdem er auf dem Gebiete 
von Wei die feste Stadt JJ- Tsu-khieu erbaut, die Einsetzung 
des Fürsten Wen von Wei. 

Im folgenden Jahre (657 vor uns. Zeitr.) befand sich Fürst 
Hoan mit seiner Gemahlinn, 

Fürsten von Tsai, auf einem Boote. Diese Fürstentochter, welche mit 
dem Wasser vertraut war, brachte muthwilliger Weise das Boot zum 
Schaukeln. Der Fürst, der einen Unfall besorgte, verbot ihr dies, und 
da sie dessen ungeachtet von ihrem Beginnen nicht abstand, verliess 
der Fürst zürnend das Boot und schickte seine Gemahlinn Tsai-I nach 
Tsai zurück, ohne jedoch die Verbindung zu trnunen. Auch der 


Tsai-I, die eine Schwester des 


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Di»» Geschichte, des Hauses Thai-kung. 


663 


Fürst von Tsai zürnte und vermählte seine Schwester an einen 
Andern. Als dies Fürst Hoan erfuhr, verdoppelte sich sein Zorn. Er 
hob ein Kriegsheer aus und rückte gegen Tsai in's Feld. Im Frühling 
des nächsten Jahres (656 vor uns. Zeitr.) bewerkstelligte er an der 
Spitze der Lehensfürsten den Angriff auf Tsai, welches sich auflöste, 
indem das Volk seinen Vorgesetzten entlief. Fürst Hoan machte 
hierauf den Fürsten Mo von Tsai zum Gefangenen, lre$s ihn indessen 
nach einiger Zeit, da sich die Lehensfürsten für i hn verwendeten, 
wieder in sein Land zurückkehren. 

Von Tsai wandte sich Vürst Hoan nach Tsu, welches er an der 
Spitze der vereinigten Heere der Lehensfürsten angriff. Sching, 
König von Tsu, hob ein Heer aus und Hess die Männer von Tsi fragen, 
aus welchem Grunde sie zu seinem Lande herübergekommen. Fürst 
Hoan schickte durch Kuan-tschung die folgende Antwort: Einst haben 
die Fürsten Schao und Khang verkündet den höchsten Befehl meinem 
Vorfahr Thai-kung mit den Worten : Die fünf Gattungen von Lehens- 
fürsten, die Lehensfürsten dritten Ranges, die in den neun Land- 
strichen, du sollst sie in Wirklichkeit strafen durch Kriegszüge und 
dadurch Zusammenhalten das Haus der Tscheu. — Man verlieh 
meinem Vorfahr das zu betretende Gebiet. Im Osten erstreckte es 
sich bis an das Meer, im Westen bis an den Fluss, im Süden bis Mo- 
ling, im Norden bis Wu-ti. Der Zoll von Tsu, das gepackte Schilf- 
rohr, wird nicht eingebracht, bei der Darbringung des Königs ist es 
nicht vorhanden *). Ich komme daher, es zu fordern. König Tschao 
befand sich auf einem Eroberungszuge im Süden und kehrte nicht 
zurück. Ich komme daher, euch zu fragen a ). 

Der König von Tsu antwortete: Dass der Zoll nicht eingebracht 
wird, ist gegründet. Es ist dies meine, des unbedeutenden Menschen, 
Schuld. Durfte ich es wagen, ihn nicht zu reichen? Dass König 


1) Wie in dem Zolle Yii's bestimmt ward, hatte Tsu dem Himmelssohne als Zoll das 
gepackte Schilfrohr zu entrichten. Dasselbe diente znm Läutern des Weines, den 
der Himmelssohn in den Anbetnngsorteti der Götter darbrachte. 

2 ) König Tschao von Tsrlieu, der eigentlich zum Zwecke der Jagd seiner Zeit im 
Süden umherzog, setzte über den Fluss Han und batte noch nicht das jenseitige 
Ufer erreicht, als das Fahrzeug, auf dem er sich befand , zerschellte und er selbst 
ertrank. Die Leute des Königs beeilten sich nicht, dieses Ereigniss zu melden «nd 
suchten es vielmehr zu verheimlichen. Da die Gründe dieser Verheimlichung unbe- 
kannt blieben, so fordert Fürst Hoan jetzt Rechenschaft von dem Lande Tau. 


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664 


I)r. P f i z m a i e r 


Tschao ausgezogen und nicht zuröckgekehrt , darum befrage, o 
Gebieter, die Ufer des Gewässers *). 

Das Heer von Tsi setzte seinen Zug fort und lagerte nach 

einigen Tagen auf dem Gebiete Hing 2 ). Im Sommer hiess der 

König von Tsu den Heerführer ^}j Khie-hoan sich an die Spitze 
der gesammten Streitkräfte stellen und dem Vordringen von Tsi 
Schranken setzen. Das Heer von Tsi zog sich hierauf eine Strecke 

zurück und lagerte auf dem Gebiete Schao-ling *). Fürst 

Hoan prahlte gegen Khie-hoan mit der Menge seines Heeres. Khie- 
hoan antwortete: Wenn du, o Gebieter, dich richtest nach dem 
Wege, so mag es sein. Richtest du dich nicht, so wird Tsu den Faog- 
sching 4 ) machen zu seiner Feste , den Strom und den Han zu 
seinem Wassergraben. Wie könntest du, o Gebieter, dann Vordringen? 
— Fürst Hoan schloss hierauf mit Khie-hoan einen Vertrag und 
verliess das Land. 

Auf dem Rückwege von Tsu berührte das Heer von Tsi das 
Fürstenland Tschin. ^ Yuen-tao-thu von Tschin, dem 

der Durchzug des Heeres von Tsi zuwider war, betrog Tsi, indem 
er es bewog, bei dem Auszuge <len östlichen Weg, der von schlech- 
ter Beschaffenheit war, einzuschlagen. Tsi merkte den Betrug und 
erschien im Herbste des Jahres wieder, um Tschin zur Strafe für 
seine Unredlichkeit anzugreifen, bei welcher Gelegenheit es Yuen- 
tao-thu gefangen nahm. 

In das oben genannte Jahr fallen auch die Ränke an dem 
Hofe von Tsin, in deren Folge Schin-seng, Fürstensohn von Tsin, 
sich das Leben nahm. 

Im fünfunddreissigsten Jahre des Fürsten Hoan (681 vor uns. 
Zeitr.) hielt Tsi zur Zeit des Sommers eine Versammlung der 
Lehensfürsten auf dem Gebiete ^ Khuei - khieu 6 ). Siang, 


*) Zu den Zeiten des Königs Tschao bildete der Fluss Han noch nicht die Markscheide 
von Tsu, wesshalb dieses Land an dem Tode des Königs keine Schuld tragt. 

2 ) Im Süden des späteren Schao-ling, welches in dem heutigen Kreise Ying-tscheu iu 
Ho-nan gelegen. 

3 J In dem heutigen Kreise Yiug-tscheu in Ho-nan. 


4 ) Der Berg 


mt 


Fang-sching befand sich im Norden von Tsu, in der Gegend 


des heutigen Yu-tscheu, Kreis Nan-jrang in Ho-nan. 

•) Das hier genannte Khuei-khieu, von dem früher vorgekommenen Gebiete dieses 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kuug. 


065 


König von Tscheu, ertheilte bei dieser Gelegenheit seinem Landes- 
gehilfen Khung, der die Benennung eines Fürsten von Tscheu 
führte, den Auftrag, den Fürsten Hoan mit dem Fleische der in dem 
Ahnenheiligthume der Könige Wen und Wu von Tscheu statt- 
findenden Darbringung, ferner mit einem rothen Bogen, mit Pfeilen 
und einem grossen bei dem Besuche der Lehensfursten an dem 
Hofe des Himmelssohnes verwendeten Wagen zu beschenken. Ein 
höchster Befehl lautete, dass Fürst Hoan bei diesem Anlasse sich 
nicht zu verbeugen, d. i. öffentlich zu bedanken habe. Fürst Hoan 
wollte sich hiermit einverstanden zeigen, aber Kuan-tschung bedeu- 
tete ihm, dass ein solches Vorgehen unstatthaft sei, worauf der 
Fürst die Stufen der Halle, wo er sich befand, hinabstieg und, indem 
er sich verbeugte, die Geschenke in Empfang nahm. 

Im Herbste fand eine neue Versammlung der Lehensfürsten in 
dem nämlichen Khuei-khieu Statt. Bei dieser Versammlung, zu 
welcher Tscheu wieder den Landesgehilfen Khung absandte, zeigte 
sich Fürst Hoan hochmiithiger als vorher, was die Ursache war, dass 
nicht weniger als neun Fürstenländer sich von Tsi lossagten. Der 
ebenfalls zu der Versammlung reisende Fürst von Tsin konnte wegen 
Krankheit nicht zur rechten Zeit eintreffen. Auf dem Wege begeg- 
nete er dem Landesgehilfen Khung von Tscheu, der zu ihm sagte: 
Der Fürst von Tsi ist bereits hochmüthig. Mögest du, o jüngerer 
Bruder, die Hinreise und den Anschluss unterlassen. 

Der hier erwähnte Fürst Hien von Tsin starb übrigens noch 
in diesem Jahre, worauf Li-khe von Tsin die Fürstensöhne Hi-tsi 
und Tscho-tse tödtete. Mo, Fürst von Thsin, führte seiner Gemahlinn 
willen, welche eine Tochter des Fürsten Hien von Tsin, den Fürsten- 
sohn I-ngu nach Tsin zurück, und auch Hoan, Fürst von Tsi, liess 
unter dem Vorwände, dass er bei den Wirren in Tsin strafend ein- 
schreiten wolle, in dieses Land ein Kriegsheer einrücken, welches 
bis ^ Kao-liang 1 ) vordrang. Nachdem Si-peng auf Befehl 
des Fürsten Hoan den Fürstensohn I-ngu, dessen Name in der 
Geschichte Fürst Hoei, eingesetzt, kehrte das Heer zurück. 


Namens verschieden, befand sich östlich vor der alten Feste Wai-hoang, welche 
ihrerseits in Tschin-Iieu, Kreis Khai-fting in Ho-nan gelegen. 

% ’) Ein Gebiet von Tsin, südwestlich von der Hauptstadt des heutigen Kreises Ping-yang 

in Schan-si gelegen. 


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666 


l)r. P f i l. m a i e r 


Um diese Zeit war das Haus Tscheu ohnmächtig, und mächtig 
waren nur die Förstenländer Tsi, Tsu, Thsin und Tsin. Was Tsin 
betrifft, so hatte dieses anfänglich an den Versammlungen Theil 
genommen, seit dem Tode des Fürsten Hieii jedoch litt das Land an 
innerer Zerrüttung. Mo, Fürst von Thsin, hatte sich nach den fernen 
Gegenden seines Landes zurückgezogen und nahm an den Ver- 
sammlungen und Verträgen des Mittellandes nicht Theil. Sching, 
König von Tsu, hatte unlängst die verschiedenen Stämme der süd- 
lichen Fremdländer unter seine Botmässigkeit gebracht und hatte 
mit diesen neuen Erwerbungen zu thun. Auch die nördlichen Fremd- 
länder waren damit beschäftigt, sich selbst Einrichtungen zu geben. 
Es erübrigte somit unter den genannten mächtigen Fürstenländern 
nur noch Tsi, welches in dem Mittellaude Versammlungen und Ver- 
träge zu Stande brachte. Zudem besass Fürst Hoan die Gabe, seine 
Wohlthaten allgemein zu verbreiten, wesshalb auch die Lehens- 
fürsten sich zn ihm als Gäste wandten und an seinen Versammlungen 
Theil nahmen. 

Fürst Hoan strebte daher nach Höherem und war gesonnen, 
nach Gewohnheit der Himmelssöhne den Geistern der berühmten 
Berge Gaben darzubringen. In Rücksicht hierauf rühmte er sich an 
seinem Hofe mit folgenden Worten: Ich, der unbedeutende Mensch, 
habe im Süden Angriffe gemacht und bin gelangt bis Schao-Iing. 
Ich habe von Ferne erblickt den Berg Hiung 1 ). Im Norden habe ich 
den Angriff gemacht auf die westlichen Fremdländer der Berge, auf 
Li-tschi*) und Ku-tscho. Im Westen habe ich den Angriff gemacht 
auf Ta-hia«), bin gewatet durch Lieu-scha*), habe angebunden die 
Pferde, angehängt den Wagen 5 ) und erstiegen den Thai-hang. Ich 


_ AL 

, ) Uber die Lage de« hier gemeinten , dem Süden angehörenden Berges 0 £ Hiang 

i *•% 

konnte von dem Verfasser nichts aufgefunden werden. Ein anderer Berg gleichen 
Namens, auch Hiung-ni „das Barenohr* genannt , liegt im Westen des Flusses Lö in 
Ho-nan und wurde auch damals sowohl Hiung-ni als Hiung genannt. 


*) Von 


Li-tschi wird vermuthet , dass es das spätere 


X $ 


Ling- 


tschi, welches seinerseits das heutige Tsien-ngan, Kreis Yung-ping in Pe-lschi-li. 


•> 1 A 
4> 'Jk 


Ta-hia ist die Gegend des heutigen Ho-tscheu, Kreis Thi-tao in Kaa-ee. 
Lien-scha „der fliessende Sand*, eine allgemeine schon in dem Zolle 


des Königs Yü vorkommende Benennung der äussersten Gegenden des Westens. 

&) Wenn man einen Berg besteigen will, bindet man früher die Pferde an und hingt * 
den Wagen an einen Haken. 


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Die Geschichte de« Hanses Thai-kung. 


667 


gelangte bis zu dem Berge Pi-ni *) und kehrte zurück. Unter den 
Fürsten der Lehen ist keiner, der sich widersetzt mir, dem unbe- 
deutenden Menschen. Dass ich, der unbedeutende Mensch, hielt eine 
Versammlung der Kriegswagen, geschah dreimal. Dass ich hielt eine 
Versammlung der gewöhnlichen Wagen, geschah sechsmal. Neunmal 
vereinigte ich die Fürsten der Lehen und zwängte in eine einzige 
Lade die Welt. Als einst die drei Zeitalter in Empfang nahmen des 
Himmels Befehl, in wiefern war dies hiervon verschieden? Ich will 
die Erde aufnäufen vor dem Thai-san, die Erde wegnehmen vor 
dem Liang-fu 2 ). 

Kuan-tschung machte gegen ein solches Beginnen nachdrück- 
liche Vorstellungen, fand jedoch kein Gehör. Endlich setzte er dem 
Fürsten aus einander, dass man nach dem Beispiele des Alterthums 
erst dann, wenn die kostbaren und wundervollen Gegenstände der 
fernen Gegenden angelangt sein würden, den Bergen Gaben dar- 
bringen könne. Fürst Hoan stand hierauf von seinem Vorhaben ab. 

Im achtunddreissigsten Jahre des Fürsten Hoan (648 vor uns. 
Zeitr.) machte ^ Tai, der jüngere Bruder des Königs Siang von 
Tscheu, in Gemeinschaft mit den nördlichen Fremdländern einen 
Angriff auf das Land des Himmelssohnes. Tsi entsandte Kuan- 
tschung, der Tscheu von den Fremdländern befreite. Tscheu wollte 
seinen Befreier nach den für einen ersten Erlauchten geltenden 
Gebräuchen empfangen, aber Kuan-tschung äusserte mit zu Boden 
gesenktem Haupte, dass er von Rang niedriger als ein erster 
Erlauchter und desshalb die ihm zugedachte Ehre nicht annehmen 
könne. Nachdem er sich dreimal geweigert, liess er sich endlich 
wie einen letzten Erlauchten behandeln 8 ) und stellte sich dem 
Himmelssohue vor. 


*) Der Berg 


? ¥ 


Pi-ni liegt auf dem Gebiete des ehemaligen 


Wi i ^ 


Thai-jrang in Ho-nan. 



Liang-fu ist ein kleiner Berg in der Nahe des Thai-san. In den alten 


Zeiten liess der Himroelssohn auf seinen Rundreisen vor dem Thai-san die Erde auf- 
thurmen und daselbst dem Himmel Gaben darbriugen. Vor den kleinen Bergen liess 
er die Erde weguehinen uud daselbst Wein zur Darbringung für die Berge und 
Flüsse ausgiessen. 

8 ) Ein grosses Fürstenland wie Tsi hatte drei Erlauchte, von denen zwei durch den 
Himmelssohu eingesetat und desshalb die ersten Erlauchten genannt wurden. Den 
dritten, welcher der letzte Erlauchte hiess, ernannte der Landesfnrsl. 


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668 


Di*. P f i l m h ier 


Im folgenden Jahre (647 vor uns. Zeitr.) erschien der Königs- 
sohn Tai, der die nördlichen Fremdländer herbeigerufen hatte, als 

Flüchtling in Tsi. Dieses Fürstenland entsandte ^[|]Tschung- 

sün, damit er bei dem Himmelssohne wegen dessen jüngeren Bruders 
bitte und Entschuldigungen vorbringe, aber Siang, König von 
Tscheu, beharrte in seinem Zorne und gab den Bitten des Abge- 
sandten kein Gehör. 

Im einundvierzigsten Jahre des Fürsten Hoan (645 vor uns. 
Zeitr.) nahm Mo, Fürst von Thsin, den Fürsten Hoei von Tsin in 
der Schlacht von Han-yuen gefangen, liess ihn jedoch, nachdem er 
mit ihm Friede geschlossen, nach Tsin zurückkehren. 

In demselben Jahre starben Kuan-tschung und Si-peng. Wäh- 
rend der erstere erkrankt war, fragte ihn Fürst Hoan, wer unter 
8ämmllichen Würdenträgern die Stelle eines Landesgehilfen ein- 
nehmeu könne. Kuan-tschung antwortete: Den Diener kennt am 
besten der Gebieter. — Fürst Hoan fragte: Was hältst du von Yt- 
ya 1 )- — Kuan-tschung antwortete: Er tödtete seinen Sohn und 
ging zu dem Gebieter. Es ist dies nicht das Gefühl eines Menschen : 
man kann ihn nicht ernennen. — Der Fürst fragte wieder : Was 
hältst du von Khai-fang*)? — Kuan-tschung antwortete: Er kehrte 
den Rücken den nahen Verwandten und ging zu dem Gebieter. Es 
ist dies nicht das Gefühl eines Menschen: es ist schwer, ihm zu 
nahen. — Der Fürst fragte noch: Was hältst du von Schü-tiao 3 ) ? — 
Kuan-tschung antwortete: Er vollzog an sich selbst die Strafe des 
fürstlichen Wohngebäudes und ging zu dem Gebieter. Es ist dies 
nicht das Gefühl eines Menschen: es ist schwer, ihn zum nahen Ver- 
wandten zu haben. 

Als Kuan-tschung starb, war Fürst Hoan der Warnung dieses 
seines Landesgehilfen uneingedenk und verwendete die drei genann- 
ten Männer, welche sich sofort alle Gewalt anmassten. 

Im folgenden Jahre (644 vor uns. Zeitr.) machten die west- 
lichen Fremdländer wieder einen Angriff auf Tscheu, welches von 


*) Yi-ya wird weiter unten wieder genannt. 

Khai-fong, Fürstenaohn von Wei , gab die Stellung des Nachfolgers 

in einem grossen Lande auf und diente als Unterthan dem Landesfürsten von Tsi. 

*) Schü-tiuo wird weiter unten wieder genannt. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


669 


Tsi Hilfe begehrte. Tsi befahl den LehensfUrsten, je eine.Abtheilung 
Krieger auszusenden und sie nach Tscheu als Besatzung zu legen. 

Hoan, Fürst von Tsi, hatte drei forstliche Gemahlinnen, nämlich 

Wang-I, ^|}i Siü-I und die früher Yorgekomraene 

Tsai-I. Dieselben waren sämmtlich kinderlos. Dieser Fürst liebte 
übrigens den Umgang mit Weibern und war in dem inneren Hause 
freigebig mit seiner Gunst. Er hatte sechs Weiber, welche fürst- 
lichen Gemahlinnen gleichgeachtet wurden. Unter diesen war die 

ältere ^|ji Wei-1 die Mutter des Sohnes =^4E Wu-kuei. Die 
jüngere Wei-I war die Mutter des nachherigen Fürsten Hoei, dessen 
Name 7t Yuen. Tsehing-I war die Mutter des nachheri- 

gen Fürsten Hiao, dessen Name Tschao. jjjjjf Ngo-yingwar 
die Mutter des nachherigen Fürsten Tschao, dessen Name y||| Fan. 

MT-I war die Mutter des nachherigen Fürsten I, dessen 
Name j^j Schang-jin. |fpE Sung - hoa - tse war die 
Mutter des Fürstensohnes Yung. 

Fürst Hoan hatte es Kuan-tschung überlassen, den nachherigen 
Fürsten Hiao dem Schutze des Fürsten Siang von Sung anzuver- 
trauen, indem er ihn zugleich zum Nachfolger bestimmte. Der oben 

genannte ^ Yi-ya, der aus dem Geriete Yung stammte und 

den Namen AJA Wu führte, stand bei den beiden Wei-1, den Ge- 
mahlinnen des Fürsten Hoan, in Gunst. Derselbe überreichte durch 
den Halbmann ^ ^ Schü-tiao dem Fürsten Hoan sehr bedeu- 
tende Ehrengeschenke und erhielt gleichfalls dessen Gunst. Fürst 
Hoan machte ihm das Zugeständnis.«, dass er Wu-kuei, den Sohn 
der älteren Wei-I, zum Nachfolger bestimmte. Nach dem Tode 
Kuan-tschung's bewarben sich särnmtliche fünf Fürstensöhne um die 
Einsetzung zu Nachfolgern. 

Fürst Hoan starb im dreiundvierzigsten Jahre seiner Lenkung 
(643 vor uns. Zeitr.), wobei noch als Zeit der Winter, der zehnte 
Monat des Jahres und zwölfte Tag des sechzigtheiligen Kreises ver- 
merkt wird. Yi-ya trat in das fürstliche Gebäude und tödtete in 
Gemeinschaft mit Schü-tiao und mit Hilfe der Begünstigten des 
Sitzb. d. phil -hist. CI. XL. Bd. V. Hfl. 44 


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670 


Dr. F f i z m a i e i* 


inneren Hauses 1 ) sämmtliche Angestellte 2 ) , worauf er den Fürsten- 
sohn Wu-kuei zum Landesfürsten ausrief. Der ursprünglich zum 
Nachfolger bestimmte Sohn Tschao, der nachherige Fürst Hiao, 
floh nach Sung. 

Schon während der Krankheit des Fürsten Hoan hatten die 
fünf Fürstensöhne Anhänger gesammelt und sich gegenseitig die 
Nachfolge streitig gemacht. Sofort nach dem Tode des Fürsten 
fielen sie kämpfend übereinander her, was zur Folge hafte, dass 
das Innere des fürstlichen Gehäudes leer war und Niemand sich 
getraute, den Verstorbenen einzusargen. Dieser blieb siebenund- 
sechzig Tage aufgebahrt liegen, und die Fliegenmummen der Leiche 
drangen aus der Thüre hervor. Erst im zwölften Monate des Jahres, 
an einem Tage, der wieder der zwölfte des sechzigtheiligen Kreises, 
ward der Fürstensohn Wu-kuei eingesetzt. Derselbe Hess den 
Leichnam schnell einsargen und am achtzehnten Tage des sechzig- 
theiligen Kreises in der Nacht durch die Trauergäste abholen. 

Fürst Hoan hatte ungefähr zehn Söhne, von denen fünf in ver- 
schiedenen Zeiträumen zu Fürsten von Tsi eingesetzt wurden. Unter 
diesen fand Wu-kuei schon drei Monate nach seiner Erhebung den 
Tod, und ihm ward daher der nach dem Ableben zu ertheilende 
Name nicht beigelegt. Die übrigen waren nach der Abstufung des 
Alters die nachherigen Fürsten Hiao, Tschao, I und Hoei. 

Im dritten Monate des folgenden Jahres (642 vor uns. Zeitr.) 
stellte sich Siang, Fürst von Sung, an die Spitze der Streitkräfte der 
Lehensfürsten, indem er Tschao, dem zur Nachfolge bestimmten 
Sohne von Tsi, das Geleite gab und Tsi angriff. Die Machthaber die- 
ses Landes geriethen in Furcht und tödteten ihren Landesfürsten 
Wu-kuei. 

Zur Zeit, als man in Tsi den zur Nachfolge bestimmten Sohn 
Tschao zum Fürsten einsetzen wollte, wurde derselbe von den 
Genossen der übrigen vier Fürstensöhne angegriffen und floh, wie 
schon früher berichtet wurde, nach Sung, welches Land sofort den 


i ) Die Begünstigten des inneren Hauses sind nach Einigen die sechs Weiher, welche 
fürstlichen Gemahlinnen gleichgeachtet wurden , nach Anderen sind es im Allge- 
meinen die Bewohner des inneren Gebäudes, welche sich die Gewalt angemasst und 
sich hei dem Fürsten in Gunst gesetzt hatten. 

9 ) Nach Einigen sind unter diesen Angestellten sämmtliche grossen Würdenträger zu 
verstehen. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


671 


Kampf mit den Bewohnern von Tsi und den vier Fürstensöhnen auf- 
nahm. Im fünften Monate des Jahres schlug die Macht von Sung die 
Heere dieser vier Fürstensöhne und bewirkte die Einsetzung des. 
Sohnes Tschao zum Fürsten von Tsi. Derselbe heisst in der Ge- 
schichte Hiao, Fürst von Tsi. Wie bereits angegeben worden, 
hatten Fürst Hoan und Kuan-tschung den zur Nachfolge bestimmten 
Sohn dem Lande Sung anvertraut. Sung glaubte sich daher berechtigt, 
eine Kriegsmacht ausrücken zu lassen , um die in Tsi begangenen 
Unthaten zu strafen. Im achten Monate dieses Jahres endlich ward 
der Leichnam des Fürsten Hoan von Tsi zur Erde bestattet. 

Kurze Zeit nach der Erhebung des Fürsten Hiao (641 vor uns. 
Zeitr.) hatten die Lehensfürsten wieder einen Vertrag mit Tsi be- 
schworen, wodurch sie zu erkennen geben sollten, dass sie die Wohl- 
thaten des Fürsten Hoan nicht vergessen haben. An diesem Vertrage 
hatte Siang, Fürst von Sung, der damals den Weg der Obergewalti- 
gen betreten wollte, nicht theilgenommen. Im sechsten Jahre des 
Fürsten Hiao (637 vor uns. Zeitr.) machte Tsi einen Angriff auf 
Sung aus dem Grunde, weil dieses Land von dem Bunde mit Tsi 
sich ausgeschlossen hatte. Dieser Angriff geschah im Frühlinge. Im 
Herbste desselben Jahres starb Siang, Fürst von Sung, an den Folgen 
seiner in der Schlacht von Hung erhaltenen Wunde. 

In das folgende Jahr (636 vor uns. Zeitr.) fällt die Einsetzung 
des Fürsten Wen von Thsin. 

Fürst Hiao starb im zehnten Jahre seiner Lenkung (633 vor 
uns. Zeitr.). Fan, der jüngere Bruder des Fürsten Hiao, Hess durch 
Khai-fang, Fürsteusohn von Wei, den Sohn des Fürsten Hiao tödten 
und sich selbst einsetzen. Derselbe heisst in der Geschichte Fürst 

^ St ^ ao un( ^ war e * n S°h n des Fürsten Hoan. Seine Mutter war 
die früher genannte, einer fürstlichen Gemahlinn gleichgeachtete 
Ngö-ying. 

Im ersten Jahre des Fürsten Tschao (632 vor uns. Zeitr.) 
schlug Wen, Fürst von Tsin , das Heer von Tsu in Sching-po und 
hielt eine Versammlung der Lehensfürsteu in Tsien-tu. Er erschien 
hierauf an dem Hofe des Himmelssohnes von Tscheu und bewirkte, 
dass Tsin als obeigewaltiges Land anerkannt ward. 

Im sechsten Jahre des Fürsten Tschao (627 vor uns. Zeitr.) 
machten die nördlichen Fremdländer einen Einfall in Tsi. In demsel- 
ben Jahre starb Wen, Fürst von Tsin, und ward das Heer von Thsin 

44 * 


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Dr. P f i * in a i e r 


in der Schlacht von Hiao vernichtet. In das zwölfte Jahr des FQrsten 
Tschao (621 vor uns. Zeitr.) fallt der Tod des FQrsten Mo von 
Thsin. 

Fürst Tschao von Tsi starb im fünften Monate des neunzehnten 
Jahres seiner Lenkung (614 vor uns. Zeitr.), worauf sein Sohn 
^ Sehe zum LandesfÜrsten von Tsi eingesetzt ward. Die Mutter 
dieses Sohnes war bei dem Fürsten Tschao nicht in Gunst gestanden, 
und die Bewohner des Landes hegten gegen sie keine besondere 
Ehrfurcht. Schang-jin, der jüngere Bruder des Fürsten Tschao, 
hatte schon nach dem Tode des Fürsten Hoan um die Nachfolge 
gestritten, ohne jedoch seinen Zweck erreicht zu haben. Derselbe 
unterhielt jetzt geheime Verbindungen mit einsichtsvollen Männern 
und wendete sich mit Vorliebe dem Volke zu. Er ward daher bald 
bei dem'Volke beliebt. Als nach dem Tode des Fürsten Tschao der 
Fürstensohn Sehe, eine schwache Waise, eingesetzt wurde, verband 
sich Schang-jin mit der grossen Menge. Im zehnten Monate des 
Jahres tödtete er Sehe, den reclitmäs.sigen Landesfürsten von Tsi, 
auf dem Grabhügel des verstorbenen Fürsten und nahm von der 
höchsten Würde Besitz. Schang-jin heisst in der Geschichte Fürst 
Derselbe war ein Sohn des Fürsten Hoan, und seine Mutter 
war die früher genannte, einer fürstlichen Gemahlinn gleichgeachtete 

MM. 

Fürst I gewann übrigens nicht die Herzen des Volkes. Zur Zeit 
als er von Rang noch ein Fürstensohn war, befand er sich mit dem 
Vater eines Mannes, dessen Name ^ Ping-jung, auf der Jagd, 
wobei er mit ihm wegen der Beute stritt, aber nichts ausrichtete. 
Als Schang-jin zum Landesfürsten erhoben ward, liess er dem Vater 
Ping-jung’s die Füsse abschneiden und verwendete dessen Sohn 
Ping-jung zu einem Diener, der den fürstlichen Wagen zu lenken 
hatte. Ausserdem gefiel dem Fürsten die Gattinn eines Mannes, dessen 
Name Jjj^ jpj|‘ Yung-tschi. Er nahm dieses Weib in das fürstliche 
Wohngebäude und verwendete deren Gemahl Yung-tschi zum Dritten 
im Wagen *)• 


! ) Nach den für das Fahren gellenden ßestimmungen sitzt der Geehrteste zur linken 
Seite des Wagens, der Wagenführer in der Mitte. Ausserdem sitzt noch ein Mann, 
welcher das Umwerfen des Wagens zu verhüteu hat, zur rechten Seite des Wagens. 
Dieser Maon heisst „der Dritte im Wageii*. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


673 


Im fünften Monate de9 vierten Jahres seiner Lenkung (609 vor 
uns. Zeitr.) zog Fürst I zu seinem Vergnügen in der Gegend des 
Teiches ^ Schin *) umher. Die beiden genannten Männer, welche 
sich in der Gesellschaft des Fürsten befanden, badeten 9ich und 
machten sich über einander lustig. Yung-tschi sagte zu seinem 
Gefährten: Der Sohn eines Mannes, dem die Füsse abgeschnitten 
worden! — Ping-jung sagte wieder zu dem Anderen : Ein Mann, dem 
man das Weib entrissen! — Die beiden Männer nahmen einander 
diese Worte übel und waren von einem solchen Unwillen erfüllt, 
dass sie sich gegen da 9 Leben des Fürsten verschworen. Als sie 
hierauf mit dem Fürsten I in einem Geröhricht umherzogen, tödteten 
sie ihn in dem Wagen, warfen den Leichnam in das Geröhricht und 
ergriffen die Flucht. 

Fürst I hatte sich gleich nach seiner Erhebung gegen das Volk 
übermüthig benommen und sich dasselbe nicht geneigt gemacht. 
Nach seiner Ermordung setzte man daher in Tsi seinen Sohn zurück 
und holte den Fürstensobn Yuen aus Wei ab. Yuen, der sofort zum 
Fürsten erhoben ward, heisst in der Geschichte Fürst JÜL Hoei. 
Derselbe war ein Sohn des Fürsten Hoan und seine Mutter eine 
Tochter des Fürsten von Wei, welche die jüngere Wei-I genannt 
wurde. Yuen hatte sich bisher, uin den Wirren in Tsi auszuweichen, 
in Wei aufgehalten. 

Im zweiten Jahre des Fürsten Hoei (607 vor uns. Zeitr.) kamen 
sogenannte „lange nördliche Fremdländer“ *) nach Tsi. Der Königs- 
sohn ^ Iß Sching-fu, ein grosser Würdenträger von Tsi, 
tödtete sie in raschem Angriff und begrub ihre Leichname vor dem 
nördlichen Thore der Hauptstadt. In demselben Jahre veranlasste 
Tschao-tsch'huen von Tsin die Tödtung seines Gebieters, des 
Fürsten Ling. 


*) Die Lage dieser Gegend ist ganz angewiss. Es wird angegeben, dass das südliche 
Thor der Hauptstadt von Tsi denNainen: Thor Schin führte. Unter den Mauern dieser 
Hauptstadt habe sich jedoch kein Teich befunden, und es sei zweifelhaft, ob hier 
ein Teich zu beiden Seiten des Thores Schin gemeint werde. !o einer angeführten 
Bemerkung zu einem biiderlosen Gedichte auf die Hauptstadt von Tsi beisst es: Der 
Teich Schin liegt an den Ufern des Meeres und ist ein Sumpflaud von Tsi. 

*) Kö-Iiang macht die sagenhafte Angabe, dass der Leib eines „langen nördlichen 
Fremdlanders 0 neun Morgen Landes bedeckt und dass , wenn das abgeschlagene 
Haupt eines solchen Riesen auf einen Wagen geladen wird, die Augenbrauen auf dem 
Vorderdache sichtbar sind. 


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074 


Dr. P f i z m a i e r 


Fürst Hoei starb im zehnten Jahre seiner Lenkung (599 vor 
uns. Zeitr.) und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 4jE Wu-ye, 

genannt Fürst Khing. In diesem Jahre wird der in späterer Zeit 
noch öfter vorkommende ^ Thsui-tschü zum ersten Male ge- 
nannt. Derselbe war damals schon ein Günstling des Fürsten Hoei. 
Nach dem Tode dieses Fürsten besorgten die Geschlechter Kao und 
Kue, dass sie durch den genannten Mann bedrängt werden könnten, 
und sie vertrieben ihn. Thsui-tschü floh hierauf nach Wei. 

Im ersten Jahre des Fürsten Khing (598 vor uns. Zeitr.) 
machte Tschuang, König von Tsu, einen gewaltigen Angriff auf das 
Fürstenland Tschin. Im folgenden Jahre (597 vor uns. Zeitr.) be- 
lagerte König Tschuang wieder die Hauptstadt von Tsching, dessen 
Fürst erst, nachdem er sich auf das Äusserste gedemüthigt, in seinem 
Lande belassen wurde. 

Im sechsten Jahre *) des Fürsten Khing (593 vor uns Zeitr.) 
schickte Tsjn im Frühlinge den Heerführer Khie-khe als 

Gesandten nach Tsi. Der Fürst von Tsi versteckte ein Weib, einem 
Berichte zufolge seine eigene Mutter, hinter einem Vorhang, damit 
sie den Gesandten sehe. Als Khie-khe, der von Gestalt gekrümmt war, 
die Stufen emporstieg, verlachte ihn jenes Weib. Khie-khe schwor 
zu dem Gotte des gelben Flusses, indem er sprach; Wenn ich mich 
nicht räche, so will ich nicht wieder den Fluss übersetzen. — Nach 
seiner Heimkehr verlangte er, dass Tsi angegriffen werde, wozu 
jedoch der Fürst von Tsi seine Zustimmung verweigerte. Als hierauf 
eine Gesandtschaft von Tsi in Tsin eintraf, liess Khie-khe vier Mit- 
glieder der Gesandtschaft auf dem Gebiete Ho-nei festnehmen und 
tödten. Im achten Jahre des Fürsten Khing (591 vor uns. Zeitr.) 
unternahm Tsin einen Kriegszug gegen Tsi. Dieses Land stellte 
den Fürstensohn Khiang als Geisel, worauf die Streitkräfte 
vou Tsin das Land Tsi räumten. 

Im zehnten Jahre des Fürsten Khing (589 vor uns. Zeitr.) 
richtete Tsi im Frühlinge einen Angriff gegen die Fürstenländer Lu 
und Wei. Die grossen Würdenträger dieser Länder begaben sich 
nach Tsin und baten um ein Heer, wobei sie sich der Vermittlung 

4) An allen übrigen Stellen der Geschichte wird das siebente Jahr Angegeben. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


675 


Kbie-khe's bedienten. Tsin entsandte Khie-khe, den es zum Anftih- 
rer des mittleren Heeres ernannte, mit achthundert Wagen oder 
einem Heere von seehzigtausend Streitern. Unter ihm standen 
9t ± Sse-si als Anführer des oberen und Luan-schu 

als Anführer des niederen Heeres. Diese Macht eilte den Ländern Lu 
und Wei zu Hilfe und bekriegte Tsi. 

Im sechsten Monate des Jahres, an dem neunten Tage des 
sechzigtheiligen Kreises stiess man an dem Fusse des Berges 

^ Mi-khi auf die von dem Fürsten Khing in Selbstheit be- 
fehligten Streitkräfte von Tsi. Am folgenden Tage, dem zehnten des 
sechzigtheiligen Kreises, stellten sich. beide Heere auf dem Gebiete 

Ngan in Schlachtreihung. Fung-tsch’hcu-fu, ein 

grosser Würdenträger von Tsi, war der Wagengenosse des Fürsten 
Khing. Der Fürst sprach zu ihm in seinem Übermuthe: Wir sprengen 
gegen sie und zertrümmern das Heer von Tsin. Hierauf versammeln 
wir uns zur Mahlzeit. 

Im Beginne des Kampfes befand sich Tsin im Nachtheil. Khie-khe 
ward durch einen Pfeilschuss verwundet, und das Blut drang ihm bis 
in die Schuhe. Er war daher gesonnen, den Rückzug anzutreten und 
sich hinter den Verschanzungen zu vertheidigen. Sein Wagenführer 
hielt ihn davon ab, indem er sprach: Ich ward gleich im Beginne des 
Handgemenges zweimal verwundet und wage nicht, von Schmerzen 
zu reden ; denn ich fürchte die Kriegsmänner und Streiter. Ich 
ersuche dich, es mit Geduld zu ertragen. — Tsin erneuerte jetzt den 
Kampf und das Heer von Tsi erlitt eine vollständige Niederlage. 

Während das Heer von Tsi in eiliger Flucht begriffen war, 
besorgte Fung-tsch'heu-fu, dass Fürst Khing von den Feinden ein- 
geholt werden könne. Er wechselte daher mit seinem Gebieter den 
Sitz, indem er ihn die rechte Seite des Wagens einnehmen hiess. 
Der Wagen verrannte sich zwischen den Bäumen und stand still. In 
diesem Augenblicke erschien j ^ Han-kiue, der kleine Heer- 

führer von Tsin. Er warf sich vor dem Wagen des Fürsten zu Boden 
und entschuldigte sich weitläufig, dass er gezwungen sei, den 
Landesfürsten von Tsi gefangen zu nehmen. Seine Worte, mit denen 
er eigentlich den Fürsten zum Besten hielt, lauteten: Unser unbe- 
deutender Gebieter gab uns Dienern den Auftrag wegen der Bitte 
von Lu und Wei. Er sprach. Ich heisse nicht das gesammte Heer 


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076 


Dr. Pfi zmuier 


einfallen in das Gebiet jenes Landesfürsten. Ich der niedere Diener 
bin so unglücklich, zu gehören zu den Reihen der Streitwagen, ich 
habe keinen Ort, wohin ich könnte entfliehen und wo ich mich könnte 
bergen. Auch fürchte ich mich, zu entlaufen und auf die Seite zu 
treten, so dass ich Schande brächte über die beiden Gebieter. Ich 
bin beschämt als Kriegsmann der Streitwagen, ich wage es, zu 
melden, dass ich nicht rührig. Ich nehme Besitz von dem Amte, indess 
ich aushelfe bei dem Fehlenden. 

Fung-tsch*heu-fu, der, weil er mit seinem Gebieter den Sit* 
gewechselt hatte, für den Fürsten von Tsi gehalten wurde, ertheilte 
dem wirklichen Fürsten, den man für den Wagengenossen hielt, den 
Auftrag, aus einer nahen Quelle Wasser zu schöpfen. Fürst Khing fand 
hierdurch Gelegenheit zu entkommen. Als hierauf Fung-tsch'heu-fu, 
dessen Betrug man bald entdeckte, zu dem feindlichen Heere als 
Gefangener geführt wurde, wollte ihn Khie-khe tödten lassen. Fung- 
tsch'heu-fu stellte jedoch vor: Wenn diejenigen, die an der Stelle 
ihres Gebieters sterben, hingemetzelt werden, so werden die nach- 
folgenden Diener unter den Menschen ohne Redlichkeit sein gegen 
ihren Gebieter. — In Folge dieser Äusserung Hess ihn Khie-khe 
los, und Fung-tsch'heu-fu entkam nach Tsi. 

Tsin verfolgte das geschlagene Heer von Tsi und drang in das 
feindliche Land bis [1= Ma-Iing. Der Fürst von Tsi erbot sich, 

eine Anzahl der kostbarsten Gegenstände seines Landes zu über- 
lassen und um Entschuldigung zu bitten, wenn man ihm den Frieden 
gewährte. Tsin ging auf diese Vorschläge nicht ein, sondern ver- 
langte, dass das Weib, welches den Heerführer Khie-khe verlacht 

hatte und welches die Tochter des Landesfürsten |» JpJ Thung- 
schö von Siao und die leibliche Mutter des Fürsten Khing von 

Tsi, vor allem als Geissei gestellt werde. Ausserdem verlangte man, 
däss in Tsi allen Feldern die Richtung von Westen nach Osten 
gegeben werde. Indem man das letztere verlangte, wollte man 
bewirken, dass ein in Tsi von Westen nach Osten vorrückendes 
Heer an den in einer andern Richtung sich hinziehenden Wasser- 
gräben der Felder kein Hinderniss für seine Streitwagen finde. 

Tsi antwortete im Wesentlichen: Die Tochter Thung-scho’s 
ist die Mutter des Landesfürsten von Tsi, sie ist gleichsam auch die 


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Die Geschichte des Hasses Thai-kung. 


077 


Mutter des Landesforsten von Tsin *). Wohin gedenkt ihr sie zu 
setzen? Wenn ihr ferner gerechter Weise den Angriff macht, aber 
mit der Grausamkeit nachkommt, darf dies wohl geschehen? — Tsin 
gewährte hierauf den Frieden und verlangte nur, dass Tsi die 
Gebictstheile, welche es den Ländern Lu und Wei entrissen, 
zurückgebe. 

Im eilften Jahre des Fürsten Khing (588 vor uns. Zeitr.) 
wurden in Tsin zum ersten Male sechs Kriegsheere gebildet 
und sechs Erlauchte ernannt, wodurch man sich ein Recht 
des Himmelssohnes anmasste. Die Veranlassung dazu war der 
Wunsch, die Heerführer filr ihre in der Schlacht von Ngan erwor- 
benen Verdienste zu belohnen. Fürst Khing von Tsi erschien um 
diese Zeit an dem Hofe von Tsin, wo er dem Fürsten King die einem 
Könige gebührenden Ehren erweisen wollte. Fürst King von Tsin 
getraute sich jedoch nicht, diese Ehrenbezeigungen anzunehmen, 
worauf Fürst Khing wieder heimkehrte. 

Nach seiner Rückkehr von Tsin gab Fürst Khing seine Thier- 
gärten frei, verminderte die Abgahen, unterstützte die Verwaisten, 
erkundigte sich nach den Kranken und leerte seine Kornspeicher 
zum Besten des nothleidenden Volkes. Unter dem Volke war daher 
auch die Zufriedenheit vollkommen, und man benahm sich gegen die 
Lehensfürsten mit grösster Zuvorkommenheit, so dass nach dem 
Tode des Fürsten Khing die Anhänglichkeit gegen die LehensfÜrsten 
allgemein war und Niemand sich gegen dieselben etwas zu Schulden 
kommen liess. 

Fürst Khing starb im siebenzehnten Jahre seiner Lenkung 
(582 vor uns. Zeitr.) und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 
jjj||Hoan, genannt Fürst ||| Ling. Im neunten Jahre dieses Fürsten 
(573 vor uns. Zeitr.) tödtete Luan-schu, Heerführer von Tsin , 
seinen Gebieter, den Fürsten Li. Im nächstfolgenden Jahre (572 
vor uns. Zeitr.) machte Tao, Fürst von Tsin, einen Angriff auf Tsi. 
Dieses Land schickte den Fürstensohn ^ Kuang als Geissei 
nach Tsin. 

Im neunzehnten Jahre des Fürsten Ling (563 vor uns. 
Zeitr.) ward der Fürstensohn Kuang zum Nachfolger und jj|j 
Kao-heu zu dessen Zugesellten bestimmt. Man hiess sowohl den zur 


*) Weil die Leheiistiirsten eiuunder ebenbürtig sind. 


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678 


Dr. Pfi iraaier 


Nachfolge bestimmten Sohn Kuang als Kao-heu sich zu der Ver- 
sammlung der Lehensfürsten begeben, welche damals durch U auf 
dem Gebiete Tsch’hung-li in Tsu veranstaltet ward. 

Im siebenundzwanzigsten Jahre des Fürsten Ling (855 vor 
uns. Zeitr.) entsandte Tsin den Heerführer Tschung-hang-taien- 
tse 1 ) zum Angriff auf Tsi. Fürst Ling sah die vollständige Nie- 
derlage seines Heeres und floh nach seiner Hauptstadt Lin-thse. 
Ein grosser Würdenträger, Namens Yen-ying wollte ihn 

zurückhalten, fand jedoch kein Gehör. Yen-ying sprach hierauf zu 
dem Fürsten die Worte: Du, o Gebieter, hast ebenfalls keinen 
Muth. — Die Kriegsmacht von Tsin schritt sofort zur Belagerung 
von Lin-thse, welches sich, da'die daselbst eingeschlossenen Streit- 
kräfte nicht auszurücken wagten, auf die Vertheidigung beschränkte. 
Das Heer von Tsin zog endlich ab, nachdem es früher sämmtliche 
Vorstädte in Asche gelegt hatte. 

Fürst Ling hatte zurGemahlinn eine Tochter aus dem Hause Lu. 
Deren Sohn war der oben genannte Fürstensohu Kuang, den man 
zur Nachfolge bestimmte. Ausserdem hatte der Fürst zwei Gemah- 
linnen, deren Namen Tschung-I und ^ Jung-I, und 

unter welchen die letztere von niedriger Herkunft war. Tschung-I 
erhielt einen Sohn , Namens ^ Ya, den man der Obsorge Jung-Ts 
übergab. Diese stellte die Bitte, dass der Sohn Ya zum Nachfolger 
bestimmt werde, was ihr von dem Fürsten auch zugestanden ward. 
Dagegen machte Tschung-I , die eigene Mutter des Sohnes Ya, Vor- 
stellungen, indem sie sprach: Dies darf nicht geschehen. Als Kuang 
eingesetzt ward, stellte man ihn in die Reihe unter den Fürsten der 
Lehen 2 ). Wenn man ihn jetzt ohne Grund absetzt, wirst du, o 
Gebieter, es gewiss bereuen. — Der Fürst erwiederte kurz: Dies 
kommt nur auf mich an. — Sofort versetzte er den zur Nachfolge 
bestimmten Sohn Kuang an das äusserst östliche Ende der Halle und 
befahl Kao-heu, bei dem Sohne Ya, den er zur Nachfolge bestimmte, 
das Amt eines Zugesellten zu versehen. 

Als Fürst Ling hierauf erkrankte, zog der in Wei weilende 
Thsui-tschü 3 ) dem frühem Nachfolger Kuang entgegen und bewerk- 

1 ) Sonst auch Fan-hien-tse genannt. 

2 ) Bei der oben erwähnten Zusammenkunft von Tsch’hung-Ii. 

s ) Thsui-tschii wird in dem zehnten Jahre des Fürsten H«»ei (599 vor uns. Zeitr.). also 
fünfund vierzig Jahre vor den hier erzählten Ereignissen, zum ersten Male erwähnt. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


679 


stelligte dessen nochmalige Einsetzung zum Nachfolger. Dieser Sohn 
Hess Jung-I, die Gemahlinn des Fürsten Ling, tödten. 

Fürst Li ng starb im achtundzwanzigsten Jahre seiner Len- 
kung (554 yor uns. Zeitr.), im. fünften Monate des Jahres und 
an dem neunundzwanzigsten Tage des sechzigtheiligen Kreises. Der 
Sohn Kuang, in der Geschichte Fürst Tschuang genannt, nahm 
sofort von der höchsten Würde Besitz und Hess den Nachfolger Ya 
auf der Erdhöhe von p§> ^ Keu-teu festnehmen und tödten. Im 
achten Monate desselben Jahres tödtete Thsui-tschü den Zugesellten 
Kao-heu. Als Tsin von diesen Wirren in Tsi hörte, machte es sich 
dieselben zu Nutzen und richtete einen Angriff gegen Tsi, wobei es 


bis jöj Kao-thang *) vordrang. 

Im dritten Jahre des Fürsten Tschuang (S5I vor uns. 
Zeitr.) kam Luan-ying, ein grosser Würdenträger von 

Tsin und Enkel des Heerführers Luan-schu, als Flüchtling nach 
Tsi. Fürst Tschuang empfing ihn als Gast und mit grossen Ehren- 


bezeigungen. Yen-ying und /jr |J| Tien-yen-tse riethen dem 
Fürsten, diesen Mann nicht aufzunehmen, fanden jedoch kein Gehör. 

Im folgenden Jahre (550 vor uns. Zeitr.) begab sich 
Luan-ying im Aufträge des Fürsten Tschuang nach seiner in Tsin 
gelegenen Stadt Khio-wö. Daselbst unterhielt er mit Tsi ein 
geheimes Einverständniss, während eine Kriegsmacht dieses Landes 
ihm auf dem Fusse folgte, die Anhöhen des Berges Thai-hang 
besetzte und in die Engwege von Meng-men drang. Unter- 

dessen wurde Luan-ying, nachdem sein Unternehmen anfänglich vom 
Glücke begünstigt worden und er selbst in Kiang, die Hauptstadt 
von Tsin, eingedrungen, in dem Kampfe mit den Anhängern des 
Fürsten von Tsin geschlagen und verlor das Leben, worauf auch die 
Kriegsmacht von Tsi den Weg nach der Heimat antrat und auf dem 
Rückzuge, um sich wegen des Angriffes auf Lin-thse zu rächen, die 
zu Tsin gehörende Stadt Tschao-ko wegnahm. 

Ein Grosser von Tsi, dem von der in seinem Besitze befind- 
lichen Stadt Thang der Name „Fürst von Thang“ beigelegt 
ward, hatte eine schöne Gattinn. Nach dem Tode des Fürsten von 


*) Das Gebiet entspricht dem heutigen gleichnamigen Kao-thang, Kreis Thsi-nan in 
San-tung. 


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680 


Dr. Pf i i m a i e r 


Thang nahm Thsui-tschü dessen Witwe zum Weibe. Fürst Tschuang 
hatte mit diesem Weibe geheimen Umgang. Er besuchte öfters ihr 
Haus und machte den Leuten ein Geschenk mit Thsui-tschffs Mütze. 
Die in dem Hause aufwartenden Diener stellten ihrem Gebieter das 
Ungebührliche eines solchen Verhaltens vor. Thsui-tschü war darüber 
erzürnt und gedachte schon zur Zeit des Angriffes auf Tsin mit 
diesem Lande ein geheimes Einverständnis zu dem Zwecke eines 
Streifzuges nach Tsi zu unterhalten, fand jedoch Niemanden, der 
sich mit Ausspähung befasst hätte. 

Fürst Tschuang hatte einst f|* Ku-khiü, einen Diener des 
Inneren, mit Gerten schlagen lassen. Dieser Mann, der hierauf 
wieder die Dienste eines Aufwartenden im Inneren versah, unterzog 
sich aus Rache der Aufgabe, eine günstige Gelegenheit, wo der 
Fürst durch Tsui-tschü überfallen werden könne, zu erspähen. 

Im fünften Monate des sechsten Jahres des Fürsten Tschuang 
(548 vor uns. Zeitr.) erschien der Lehensfürst von Khiü an 
dem Hofe von Tsi, wo ihm Fürst Tschuang an dem eilften Tage 
des sechzigtheiligen Kreises einen feierlichen Empfang bereitete. 
Thsui-tschü, der sich krank melden liess, besorgte nicht die ihm bei 
dieser Gelegenheit zukommenden Geschäfte. 

Am zwölften Tage des sechzigtheiligen Kreises begab sich der 
Fürst in die Wohnung des vorgeblich Erkrankten, um sich nach 
dessen Befinden zu erkundigen, und folgte der eben anwesenden 
Gemahlinn Thsui-tschü’s sofort auf dem Fusse nach. Das Weib trat in 
den inneren Theil des Hauses, vorschloss gemeinschaftlich mit Thsui- 
tschü die Thüre und kam nicht wieder zum Vorschein. Der Fürst 
umfasste mit den Armen eine Säule und sang <). 

Unterdessen verlegte Ku-khiü, der Diener des Inneren, dem 
Fürsten den Weg, auf welchem dieser von dem fürstlichen Wohn- 
gebäude in das Haus gekommen war, und verschloss das Thor. Zu 
gleicher Zeit griffen auch die Leute Thsui-tschü's zu den Waffen und 
erhoben sich von innen. Der Fürst stieg auf die Erdstufe und bat, 
dass man ihn loslasse. Die Bitte wurde ihm abgeschlagen. Er bat um 


*) Nach Einigen bitte der Fürst desswegen gesungen, weil er geglaubt habe, die 
Gemahlinn Thsui-tschü's wisse nicht, dass er sich vor der Thüre befinde , nnd er 
bitte sich dadurch zu erkennen geben wollen. Nach Anderen bitte der Fürst gewusst, 
dass er betrogen sei, und es sei in ihm der Gedanke aufgestiegen, dass er das Haus 
nicht mehr werde verlassen können. Rr habe daher aus Reue gesungen. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


681 


einen Vergleich, was ihm ebenfalls abgeschlagen wurde. Er bat 
zuletzt um die Begünstigung, sich in seinem Ahnenheiligthume tödten 
zu dürfen. Aber auch dieses wurde ihm verweigert, und man sagte 
zu ihm: Tschü, der Diener des Landesfürsten, ist krank, er ist nicht 
im Stande, den Befehl zu hören. Wir sind hier nahe dem Wohnsitz 
des Fürsten 1 ), zugesellte Diener wetteifern, schnellen Schrittes vor- 
wärts zu gehen. Hinsichtlich des Verführers kennen wir nicht zweier- 
lei Befehle *). — Der Fürst stieg jetzt über die Mauer, erhielt aber 
in diesem Augenblicke einen Pfeilschuss in den Schenkel und stürzte 
wieder zu Boden. Er ward sofort von den Leuten Thsui-tschü's 
getödtet. 

Auf die Kunde, dass der Fürst getödtet worden, kam Yen-ying 
herbei. Nachdem zehn Menschen in ihrer Trauer um den Fürsten sich 
das Leben genommen, fragte man Yen-ying, ob auch er ein Gleiches zu 
thun gedenke. Yen-ying verneinte dies und sprach: Wenn der Ländes- 
fürst für die Laudesgötter stirbt, so stirbt man mit ihm. Wenu er 
für die Landesgötter in die Verbannung geht, so geht man in die 
Verbannung mit ihm. Wenn er aber seiner selbst willen stirbt, seiner 
selbst willen in die Verbannung geht, wer dann, wenn es nicht seine 
besonderen vertrautesten Diener, würde es wagen, sich dem zu 
unterziehen? — Als endlich das Thor geöffnet ward, trat er ein, legte 
den Leichnam des Fürsten auf seine Schenkel und klagte um den 
Todten. Er machte hierauf, um seine Trauer kund zu geben, drei 
Sprünge und verliess das Haus. Einige Leute wollten Thsui-tschü 
bereden, Yen-ying ebenfalls tödten zu lassen. Jener zeigte sich hier- 
mit nicht einverstanden und sagte: Er ist die Hoffnung des Volkes. 
Wenn wir ihn freilassen, gewinnen wir das Volk. 

An dem vierzehnten Tage des sechzigtheiligen Kreises bewerk- 
stelligte Thsui-tschü die Einsetzung des Fürstensobnes 0f 
Hiü-khieu, genannt Fürst «jjjr King. Derselbe war ein jüngerer Stief- 
bruder des Fürsten Tsch iang und der Sohn einer Tochter des in 


Dm Wohngebfiude Thsui-tschü's befand sich in der Nfihe des fürstlichen Wohn- 
sitzes. Es könne daher sein, dass der Verführer unbegründeter Weise sich für den 
Fürsten ausgebe. 

*) Thsui-tschü habe befohlen, den Verführer zu strafen, ein anderer Befehl sei ihnen 
nicht bekannt. 


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682 


Dr. P f i z in a i e r 


der Geschichte vorkomraenden ^ Schö-sün-siuen- 

pe *), eines grossen Würdenträgers von Lu. 

Fürst King ernannte nach seiner Erhebung Thsui-tschü zum 

Landesgehilfen der Rechten und jiij“ ^ Khing-fung, den Genossen 
Thsui-tschü’s, zum Landesgehilfen der Linken. Die beiden Landes- 
gehilfen fürchteten den Ausbruch eines Aufstandes. Sie schlossen 
daher mit den Bewohnern des Landes in dem Ahnenheiligthume des 
Hauses Thai-kung einen Vertrag, worin es hiess: Wer nicht hält zu 
Thsui-tschü und Khing-fung, möge sterben*). — Als auch Yen-ying 
den Vertrag beschwören sollte, blickte er zum Himmel und sprach: 
Jch schwöre es: nur denjenigen, die redlich sind gegen den Landes- 
fürsten und Nutzen bringen den Landesgöttern, werde ich folgen. — 
Er weigerte sich, den Eid auf die oben angegebene Weise zu leisten. 
Khing-fung war willens, Yen-ying tödten zu lassen, aber Thsui-tschü 
liess diesen Mann frei ausgehen, indem er von ihm sagte: Er ist 
ein redlicher Diener. 

Der oberste Vermerker von Tsi ritzte in seine Blätter die 
Worte: „Thsui-tschü tödtet den Fürsten Tschuang* — Thsui-tschü 
liess diesen obersten Vermerker sofort hinrichten. Der jüngere Bruder 
des Vermerkers ritzte diese Worte nochmals in seine Bücher und 
ward ebenfalls hingerichtet. Als endlich der jüngste der Brüder die 
nämlichen Worte einritzte, getraute sich Thsui-tschü nicht, auch 
diesen hinrichten zu lassen und gab ihn frei. 

Thsui-tschü besass ursprünglich zwei Söhne, deren Namen 

Sching und tjj|| Khiang. Als die Mutter dieser Söhne starb, ver- 
mählte sich Thsui-tschü mit einer Tochter der „östlichen Vorstadt* 


und erhält von dieser letzteren Gemahlinn einen Sohn, Namens 0Jj 
Ming. Die Tochter der „östlichen Vorstadt* brachte es dahin, dass 
jflE Wu-khieu, der Sohn ihres früheren Mannes, und ihr jün- 
gerer Bruder Yen zu Landesgehilfen in dem Hauslehen des 
Geschlechtes Thsui ernannt wurden. Der Sohn Sching liess sich einst 
etwas zu Schulden kommen. Die beiden Landesgehilfen in dem llaus- 
lehen sprachen in Eile Recht und bestimmten den Sohn Ming zum 


i) Sonst auch Scho-sün-kiao-ju genannt. 

*) Der Eidbrüchige möge von dem höchsten Allha Iler, d. i. dem Gotte des Himmels, 
gestraft werden und sterben. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


683 


Nachfolger in dem Lehen des Vaters. Der Sohn Sching^at Thsui- 
tschü um die Stelle eines „Alten“, d. i. gleichsam Erlauchten in dem 
Hauslehen. Thsui-tschü gewährte ihm die Bitte, die beiden Landes- 
gehilfen in dem Hauslehen gaben jedoch kein Gehör und sagten : Die 
Stadt des Stammhauses Thsui *) darf es nicht sein. 

Die Söhne Sching und Khiang waren uher diesen Ausspruch 
erzürnt und meldeten die Sache dem Genossen ihres Vaters, dem 
Landesgehilfen Khing-fung. Dieser Mann batte damals mit Thsui- 
fschü ein Zerwürfniss und wünschte das Verderben dieses seines 
Genossen. Die Söhne Sching und Khiang tödteten endlich den Sohn 
Wu-khieu sowie Yen, den jüngeren Bruder der Tochter der östlichen 
Vorstadt, in Thsui-tschü's eigenem Hause, worauf sämmtliche Bewoh- 
ner des Hauses die Flucht ergriffen. Thsui-tschü zürnte über diese 
That, fand aber das Haus leer. Er schickte einen besonderen Diener 
des Inneren zu Khing-fung. Dieser Mann liess seinem Genossen sagen : 
Ich bitte, jene an deiner Statt strafen zu dürfen. — Sofort entsandte 

er den grossen Würdenträger ^jij| Jfj Lu-pu-pi, einen Feind 

Thsui-tschü’s, mit dem Aufträge, das Geschlecht Thsui mit bewaff- 
neter Hand zu überfallen. Die ausgesandten Leute tödteten die Söhne 
Sching und Khiang und vertilgten das ganze Geschlecht Thsui. Die 
früher erwähnte Gemahlinn Thsui-tschü's 2 ) tödtete sich selbst. Als 
Thsui-tschü in sein Haus zurückkehrte, nahm er sich ebenfalls das 
Leben (547 vor uns. Zeitr.). Khing-fung ward hierauf der alleiuige 
Landesgehilfe und befand sich im ausschliesslichen Besitze der 
Gewalt. 

Khing-fung ward, nachdem er Thsui-tschü getödtet, noch über- 
müthiger als er zuvor gewesen. Zugleich ergab er sich dem Trünke 
und liebte die Jagd. Da er sich um die Lenkung nicht mehr beküm- 
merte, überliess er es seinem Sohne ^ Khing-sche, alle 

öffentlichen Geschäfte zu fuhren. Zwischen Vater und Sohn war es 
indessen schon zu Zerwürfnissen gekommen, und Tien-wen-tse 
machte seinen Verwandten -j- ^0 [j] Tien-hoan-tse darauf auf- 
merksam, dass der Ausbruch von Unruhen zu erwarten sei. Die 


*) Die feste Stadt des Geschlechtes Thsui befand sich im Osten de* heutigen Thai- 
yang, Kreis Thsi-nan in San-tung. 

-V 

2 ) Dieselbe wird mit ihrem Namen ZJ 


23V 


_^j:L Thnog-kiang genannt. 


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684 


Dr. P f i z id ■ i e r 


Geschlechter Tien, Pao, Kao und Luan schlossen demnach unter sich 
einen Bund gegen das Geschlecht Khing. 

Im zehnten Monate des dritten Jahres des Fürsten King (545 
yor uns. Zeitr.) war Khiug-fung auf die Jagd gezogen. Khing-sche 
liess Gepanzerte ausrücken und das Wohngebäude Khing-fung's um- 
stellen. Die Leute der genannten vier Häuser griffen jetzt gemein- 
schaftlich die Gepanzerten Khing-sche's an und versprengten sie. 
Als Khing-fung hierauf von der Jagd heimkehrte, war ihm der Ein- 
tritt in die Hauptstadt nicht mehr möglich, und er floh daher nach 
Lu. In Tsi stellte man Lu wegen der Aufnahme Khing-fung's zur 
Rede, und dieser floh zuletzt nach U, wo ihn König Yü-tsai mit dem 
Gebiete Tschü-fang belehnte. Khing-fung versammelte um 

sich alle Verwandten seines Hauses und schlug mit ihnen auf dem 
genannten Gebiete seinen Wohnsitz auf, wo er sich im Besitze 
grösserer Reichthümer befand als vordem in Tsi. 

In Tsi überführte mau im Herbste desselben Jahres den Leich- 
nam des Fürsten Tschuang nach einer andern Grabstätte , während 
man an dem Leichname Thsui-tschü’s öffentlich die Hinrichtung voll- 
zog. Die Machthaber des Landes gaben dadurch dem Volke ihre 
Gesinnung kund. 

Im neunten Jahre des Fürsten King (539 vor uns. Zeitr.) ging 
Yen-ying als Gesandter nach Tsin, wo er mit Schö-hiang eine denk- 
würdige vertrauliche Unterredung hatte. Er sagte in derselben: Die 
Lenkung von Tsi wird zuletzt zufallen dem Geschlechte Tien. Das 
Geschlecht Tien besitzt zwar keine grossen Tugenden, aber vermöge 
seiner öffentlichen Machtstellung erweist es für sich allein Wobl- 
thaten dem Volke. Das Volk ist ihm daher zugethan. 

Im zehnten Jahre des Fürsten King (538 vor uns. Zeitr.) unter- 
nahm Ling, König von Tsu, unter dem Vorwände, ein Beispiel 
Öffentlicher Gerechtigkeit zu geben, einen Kriegszug nach Tschü- 
fang iu U, wo er Khing-fung zum Gefangenen machte und hin- 
richten liess. 

Fürst King begab sich im Ganzen zwei Mal nach dem ihm be- 
freundeten Tsin. Das erste Mal, im zwölften Jahre seiner Lenkung 
(536 vor uns. Zeitr.), besuchte er deu Fürsten Ping, den er bat, 
zu einem gemeinschaftlichen Angriff auf Yen die Hand zu bieten und 
den vertriebenen Fürsten dieses Landes wieder einzuführen. Das 
zweite Mal, im achtzehnten Jahre seiner Lenkung (530 vor uns 


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Die Geschichte des Haines Thai-kung. 


685 


Zeitr.) besuchte er den neuen FGrsten Tschao. Nach Lu gelangte er 
im sechsundzwanzigsten Jahre seiner Lenkung (522 vor uns. Zeitr.), 
indem er an den Marken dieses Landes jagte und in dasselbe hierauf 
hinüberzog. Bei dem Eintritte erkundigte er sich mit Yen-ying, der 
ihn begleitete, nach den Gebräuchen von Lu. 

Im einuuddreissigsten Jahre des Fürsten King (517 vor uns. 
Zeitr.) suchte Tschao, Fürst von Lu, dem durch das Geschlecht Ki 
drohenden Unglück aus dem Wege gehend, eine Zufluchtstätte in 
Tsi. In diesem Lande wollte man ihm ein Gebiet von tausend Auf- 
stellungen der. Götter des Bodens 1 ) als Lehen überlassen. Der den 
Fürsten von Lu begleitende Tse-kia bewog seinen Gebieter, dieses 
Anerbieten auszuschlagen. Fürst Tschao verlangte hierauf, dass man 
Lu angreife. Tsi willfahrte diesem Wunsche, indem es im folgenden 
Jahre jpß Yün»), eine Stadt von Lu, wegnahm und den Fürsten 
Tschao daselbst wohnen liess. 

Im zweiunddreissigsten Jahre des Fürsteu King (516 vor uns. 
Zeitr.) zeigte sich an dem Himmel ein Haarstern. Fürst King sass fn 
dem „Gemache der Cypressen“ und sagte kläglich: Eben hier! Wer 
wird dieses hier besitzen?*) — Alle Würdenträger weinten, aber 
Yen-ying lachte. Der Fürst zürnte dem Letzteren, und dieser sprach: 
Ich lache, weil die sämmtlichen Diener allzusehr dir dasr Wort 
reden. — Der Fürst sprach: der Haarstern kommt hervor im Nord- 
westen, er steht über Tsi und theilt das offene Land. Ich bin darüber 
in Betrübniss. — Yen-ying erwiederte: Da du, o Gebieter, durch 
hohe Erdstufen, tiefe Teiche, durch Zölle und Einsammlungcn nichts 
erreichtest, so war zu fürchten, dass die Strafen nichts ausrichten 
und dass dunkle Sterne zum Vorschein kommen. Was braucht dir 
vor dem Haarstern zu bangen ? — Der Fürst fragte jetzt: Kann 
man ihn beschwören oder nicht? — Yen-ying antwortete: Kann 
inan die Geister anrufen, damit sie erscheinen, so kann man sie auch 
beschwören, damit sie sich entfernen. Die hundert Geschlechter 
sind elend und grollen in Mengen von Zehntausenden, doch du, o 
Gebieter, heissest einen einzigen Menschen ihn beschwören. Wie 


i) Auf fünfundzwanzig Häuser kommt eine Aufstellung der Götter des Bodens. Der 
Fürst von Lu hätte somit ein Lehen von fünfuiidzwsnzigtausend Häusern erhalten. 

*) Das heutige I-schui, Kreis Thsing-tscheu in San-tung. 

*) Der Fürst will hiermit ssgen, dass er, dessen Tugenden gering sind, nicht lange 
mehr das Land Tsi besitzen könne. 

Sitzb. d. phil.-bist.CI. XL. Bd. V. Hft. 45 


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686 


Dr. P fi z maier 


könntest du etwas ausrichten gegen die Reden der grossen 
Mehrheit? 1 ) 

Um diese Zeit Hess Fürst King mit Vorliebe grosse Gebäude 
aufführen, er hielt sich eine Menge Hunde und Pferde, legte schwere 
Abgaben auf und verschärfte die Strafen. Yen-ying benützte daher 
die Gelegenheit der Erscheinung eines Haarsternes, um seinen 
Gebieter zu ermahnen. 

In das zweiundvierzigste Jahr des Fürsten King (506 vor 
uns. Zeitr.) fällt der denkwürdige Kriegszug des Königs Ko-liü von 
U nach Tsu, in welchem Kriegszuge dieser König das berühmte 
Ying, die Hauptstadt von Tsu, eroberte. 

Im siebenundvierzigsten Jahre des Fürsten King (501 vor 
uns. Zeitr.) kam Yang-hu, ein Grosser von Lu, nachdem ihm sein 
Angriff auf die drei vorzüglichsten Geschlechter dieses Landes miss- 
lungen, als Flüchtling nach Tsi. Er bat den Fürsten King, dass die- 
ser das Land Lu bekriege, wogegen jedoch $^1 Pao-wen- 

tse Vorstellungen machte. Yang-hu ward hierauf in ein Gefangniss 
gesetzt, fand jedoch Mittel zu entkommen und floh nach Tsin. 

Im achtundvierzigsten Jahre seiner Lenkung (500 vor uns. 
Zeitr.) hatte King, Fürst von Tsi, eine freundschaftliche Zusammen- 
kunft mit Ting, Fürsten von Lu, auf dem Gebiete Kiä-ko*). 

Khung-khieu (Confucius) bekleidete damals bei dem Fürsten von 
Lu die Stelle eines Landesgehilfen, Li-tsu, ein Grosser 

vonTsi, sagte zu seinem Gebieter: Khung-khieu kennt die Gebräuche, 
aber er ist ein Feigling. Ich bitte, dass du heissest die Menschen 
von Lai*) das Klangspiel aufführen und bei dieser Gelegenheit fest- 
nehmen den Landesfürsten von Lu. Auf diese Weise kannst du deine 
Absicht erreichen. — Fürst King sah mit Verdruss, dass Khung-khieu 
in Lu Landesgehitfe geworden, indem er fürchtete, dass dieses Land 
durch den Besitz eines solchen Mannes zur Obergewalt gelangen 
werde. Er befolgte daher den Rath Li-tsu s und liess im Augenblicke 
der Zusammenkunft durch die Menschen von Lai das Klangspiel auf- 
führen. Khung-khieu, der den Anschlag merkte, ging längs den 


f ) Die grosse Mehrheit stösst Verwünschungen ans und ruft dadurch die Geister herbei. 
*) Das heutige Lai-wu, Kreis Thai-ngao in San-tung. Das Gebiet gehörte noch zu Lu. 

>) Die Menschen vor Lai sind die östlichen Fremdländer von Lai, deren Wallung durch 
Tsi vernichtet worden. 


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Die Geschichte des Danses Thai-kung. 


687 


Stufen der Halle, stieg empor und Iies9 die Menschen yon Lai durch 
den Inhaber de9 Vorsteheramtes festnehmen und enthaupten. Hierauf 
stellte er Iden Fürsten King auf Grundlage der Gebräuche zur Rede. 
Dieser Fürst schämte sich. Br gab das Gebiet, welches vordem Lu 
entrissen worden, wieder heraus, entschuldigte sich und yerliess, 
indem er von seinem Vorhaben abstand, den Ort der Zusammenkunft. 

ln dasselbe Jahr, in welchem die oben erwähnte Zusammen- 
kunft stattfand, fällt der Tod des öfters genannten Yen-ying. 

Im funfundfünfzigsten Jahre des Fürsten King (493 vor uns. 
Zeitr.) empörten sich die Geschlechter Fan und Tschung-hang in 
Tsin gegen ihren Landesfürsten. Von Tsin angegriffen, wandten 9ich 
diese Geschlechter in ihrer Bedrängniss an Tsi und baten dieses 
Land um Getreide. fQ Tien-khe, das Haupt des mächtigen 

Geschlechtes Tien in Tsi, gedachte schon damals, Aufruhr zu erregen 
und warb zu diesem Zwecke Genossen unter den ungehorsamen 
Würdenträgern. Er sagte daher zu dem Fürsten King: Fan und 
Tschung-hang haben sich verdient gemacht um Tsi, man darf es 
nicht unterlassen, ihnen zu Hilfe zu kommen. — Tsi hiess daher 
Tien-khe jenen Geschlechtern Hilfe bringen und ihnen Getreide 
zuführen. Wirkliche Hilfe durch Absendung einer bewaffneten Macht 
leistete indessen nur das Fürstenland Tsching , dessen Kriegsheer 
jedoch von Tsin geschlagen wurde. 

Im Sommer des achtundfünfzigsten Jahres des Fürsten King 
(490 vor uns. Zeitr.) starb der zur Nachfolge berechtigte Sohn 
der fürstlichen Gemuhlinn Yen-I. Fürst King hatte, von 

einer begünstigten Nebengemahlinn, welche Nui-I genannt 

wurde, einen Sohn, Namens Thu. Dieser Sohn Thu war noch 

jung, während dessen Mutter, von Geburt niedrig , keinen guten 
Wandel führte. Sämmtliche Grossen des Landes fürchteten, dass 
dieser Sohn der Nachfolger des Fürsten werden könne. Sie sprachen 
daher zu ihrem Gebieter: Es ist zu wünschen, dass man unter den 
Söhnen wähle den ältesten und weisesten und ihn bestimme zum 
Nachfolger. — Fürst King war damals schon alt, und es war ihm 
zuwider, sich in eine Erörterung über die Nachfolge einzulassen. 
Ausserdem hatte er eine Vorliebe für die Mutter Thu’s und wünschte 
diesem Sohne die Nachfolge zu verschaffen. Er schämte sich jedoch, 
dies verlauten zu lassen. Daher sagte er zu den Grossen des Landes: 

45 * 


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688 


Dr. Pfiunaier 


Seid getrost! Warum sollte das Land besorgt sein, dass es keinen 
Gebieter haben werde ? 

Im Herbste des oben genannten Jahres erkrankte Fürst King 
und gab den grossen Würdenträgern ^ Kue-hoei-tse *) 

und T ® iinj Kao-tschao-tse *) Befehl, seinen jüngsten Sohn 
Tbu zum Nachfolger zu bestimmen. Man vertrieb hierauf sämmtliche 
Fürstensöhne und hiess sie in der an den Ufern des Ostmeeres gele- 
genen Stadt Lai») ihren Aufenthalt nehmen. Fürst King starb 
noch in demselben Jahre und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 
Thu, der in der Geschichte nur ^ Yen-ju-tse, „der 

Säugling von dem Geschlechte Yen“ genannt wird. 

Es war jetzt im Winter und das Leichenbegängniss des ver- 
storbenen Fürsten hatte noch nicht stattgefunden, als sämmtliche 
Fürstensöhne, fürchtend, dass über sie die Hinrichtung verhängt 
werden könne, sich auf die Flucht begaben. Unter den von ver- 
schiedenen Müttern geborenen älteren Brüdern des Sohnes Thu 
flohen der Fürstensohn *|ip Scheu-kiü-kien nach Wei, 

der Fürstensohn Tsu-yang-seng*) nach Lu. Die 

Bewohner von Lai hatten mit diesen Söhnen Mitleid und gedachten 
ihrer in einem kurzen Volksliede, welches lautet : 

Fürst King ist gestorben, 

Sie helfen nicht ihn begraben. 

Die Sache der drei Heere, 

Nicht Theil an dem Rathe sie haben. 

• Die Mengen! Die Mengen! 

Wohin wird man sie drängen? 

Tien-khe widmete tückischer Weise seine Dienste den Ge- 
schlechtern Kao und Kue, deren Mitglieder Kao-tschao-tse und Kue- 
hoei-tse jetzt die Stellen von Landesgehilfen bekleideten. So oft 
diese Männer sich an den Hof begaben, gesellte sich Tien-khe zu 
ihnen als der Dritte im Wagen, und sagte im Gespräche zu 
ihnen: Ihr habt einen Landesfürsten gefunden. Die Grossen des 


Kue-hia. 

I Kao-tsch'hang. 


*) Kue-hoei-tse heisst sonst auch 

*) Kao-tschao-tse heisst sonst auch 
*) Das heutige Lai-tscheu in San-tung. 

«) Diese beiden Namen haben die Bedeutung: Kiu-kien vor dem Geschlechte Scheu und 
Yang-seng vor dam Geschlechte Tsu. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


689 


Landes sind in Gefahr und wollen sich zu Aufruhr verschwören. — 
Zu den Grossen des Landes sagte er wieder: Kao-tschao-tse ist zu 
fürchten. So lange er noch nicht losgeschlagen hat, möge man ihm 
zuyorkommen. — Die Grossen des Landes befolgten auch bald die- 
sen Rath. 

Im sechsten Monate des ersten Jahres Yen-ju-tse’s (489 vor 
uns. Zeitr.) drangen Tien-khe und Pao-mö , zu denen sich 

die Grossen des Landes gesellten , mit Bewaffneten in das fürstliche 
Wohngebäude und überfielen Kao-tschao-tse. Dieser, der von dem 
drohenden Überfall Kenntniss erhalten hatte, brachte im Vereine mit 
Kue-hoei-tse dem Fürsten Hilfe. Das fürstliche Heer ward jedoch 
geschlagen und von den Leuten Tien-khe’s verfolgt. Kue-hoei-tse 
flüchtete sich nach Khiü. Die Leute Tien-khe’s kehrten hierauf 
zurück und tödteten Kao-tschao-tse. jj^J Yen-yü, ein Sohn 
des öfters genannten Yen-ying, flüchtete sich nach Lu. Nebstdem 
wird zu den Ereignissen des achten Monates des Jahres der Name 

: e|f Jj^ P*ng-I-thse von Tsi einfach angeführt *). 

Nachdem Tien-khe die beiden Landesgehilfen geschlagen, 
schickte er Leute nach Lu, welche den daselbst weilenden Fürsten- 
sohn Yang-seng zur Rückkehr aufforderten. Als Yang-seng in Tsi 
ankam, Hess er sich im Geheimen und gleich einem nahen Angehöri- 
gen in dem Hause Tien-khe's nieder. 

Im zehnten Monate des Jahres und an demfünfundzwanzigsten 
Tage des sechzigtheiligen Kreises Hess Tien-khe den Grossen des 
Landes die folgende Einladung zugehen: Die Mutter Tsch’hang’s *) 
begeht die Darbringung der Fische und der Bohnen 3 ). Möget ihr 
mich begleiten, indem ihr kommt und euch versammelt bei dem 
Trinken. — Als die Versammlung stattfand, steckte Tien-khe den 
Fürstensohn Yang-seng in einen Sack und stellte diesen mitten in 
dem Raume, wo die Gäste ihre Sitze eingenommen hatten, nieder. 
Hierauf öffnete er den Sack, Hess Yang-seng hervorkommen und 


*) Io dem Sse-ki eine Lucke. In der Geschichte Tso-khieu-ming's, wo der Geschlechts- 
name dieses Mannes durch Hing- ausgedrückt wird, heisst es : Im achten Monate 
begab sich Ping-I-thse von Tsi auf die Flucht nach Lu. 

*) Tsch’hang ist Tien-tscb’hang, der Sohn Tien-khe's. 

3 ) In Tsi war es Sitte, dass die Weiber in den Heiligthümern die Darbringung leiteten. 
Durch den Ausdruck „Fische und Bohnen“ wird bedeutet, dass die Gabe gering sei 
und dass man eigentlich nichts besitze. 


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690 


Dr. P f i z m a i e r 


rief: Seht hier den Landesfürsten von Tsi! — Die Grossen des Landes 
warfen sich zu Boden und meldeten ihre Namen. Tien-khe war jetzt 
im Begriffe, mit ihnen ein feierliches Übereinkommen zu treffen und 
den Förstensohn einzusetzen. 

Unter den anwesenden Grossen war Pao-mo von dem 

Weine 9tark angegriffen. Tien-khe benützte diesen Umstand , die 
Grossen irre zu führen, indem er ihnen sagte: Ich habe mich mit 
Pao-mo verabredet, Yang-seng einzusetzen. — - Pao-mö war über 
diese Worte entrüstet und rief: Hast du denn vergessen den Befehl 
des Fürsten King? — Sämmtliche Anwesende sahen einander an 
und waren geneigt, ihren Entschluss zu bereuen. In diesem Augen- 
blicke trat Yang-seng vor, neigte das Haupt zu Boden und rief; 
Wenn es sein darf, so setzet mich ein. Darf es nicht sein, so lasset 
es bleiben! — Pao-mo fürchtete ein Unglück. Er erhob sich und 
sagte diesmal: Beide sind die Söhne des Fürsten King. Warum 
sollte es nicht sein dürfen? — Die Grossen des Landes beschworen 
hierauf den Vertrag und erhoben Yang-seng zum Fürsten von Tsi. 
Derselbe heisst in der Geschichte Fürst /| Jp Tao. 

Sobald Fürst Tao seinen Wohnsitz betreten hatte, gab man 
Befehl, den bisherigen Landesfürsten Yen-ju-tse nach der Stadt 
Tai abzufuhren. Allein Tien-khe tödtete ihn noch unter den Zelten 
und vertrieb dessen Mutter Nui-tse *). Dass der junge Landesfurst 
so leicht bei Seite geschafft werden konnte, hatte seinen Grund 
darin, dass Nui-tse von niedriger Geburt und der Sohn Yen-ju-tse 
unmündig war. Beide waren daher alles Einflusses bar, und die 
Bewohner des Landes schätzten sie gering. 

Als Yang-seng sich noch als Flüchtling in Lu befand, gab ihm 

-p Jpj^; Ki-khang-tse, das Mitglied des mächtigen Geschlech- 
tes Ki in Lu, seine jüngere Schwester zur Gemahlinn. Dieselbe wird 
unter dem Namen 7^ Ki-I angeführt. Nachdem Yang-seng zum 

Fürsten von Tsi erhoben worden, schickte er Abgesandte nach Lu mit 
dem Aufträge, seine daselbst zurückgelassene Gemahlinn Ki-I abzu- 
holen. Unterdessen hatte Ki-I mit Ki-fang-heu , dem 

Oheime Ki-khang-tse's, geheimen Umgang gehabt und machte jetzt 


') So wurde jelzt Nui-I genannt. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


691 


aus ihrer Leidenschaft kein Hehl. Lu getraute sich daher nicht, die 
Gemahlinn Yang-seng* s herauszugeben. Aus Anlass dieser Weigerung 
richtete Tsi im ersten Jahre des Fürsten Tao (488 vor uns. Zeitr.) 

einen Angriff gegen Lu und entriss diesem die Gebiete Hoan 

und |1^ Tschen. Zuletzt gestattete Lu, dass man Ki-I abhole. Diese 
besass sofort die Gunst des Fürsten Tao, worauf Tsi die Gebiete, 
welche es in dem Feldzuge erobert batte, in Lu zurückgab. 

Der oben vorgekommene Pao-mo, auch Pao-tse genannt, hatte 
sich mit dem Fürsten Tao überworfen und stand zu diesem in keinem 
freundlichen Verhältnisse. Als im vierten Jahre des Fürsten Tao (485 
vor uns. Zeitr.) die Länder U und Lu die südlichen Gegenden von 
Tsi angriffen, todtete Pao-tse den Fürsten Tao und lenkte seine 
Schritte nach U. Fu-tschai, König von U, weinte aus Anlass dieses 
Ereignisses drei Tage vor dem Thore seines Lagers und gedachte 
hierauf, längs dem Meere hinzuziehen, auf dieser Seite in Tsi einzu- 
fallen und die That zu bestrafen. Er ward indessen durch die Macht 
von Tsi geschlagen, worauf das Heer von U den Rückzug antrat. Zu 
gleicher Zeit richtete noch Tschao-yang von Tsin einen Angriff gegen 

Tsi, wobei er bis zu der Stadt j| Lai *) vordrang und sich dann 
ebenfalls zurückzog. 

ln Tsi ward indessen "3r ** ,n ’ ein Sohn des Fürsten Tao 2 ), 
durch das gemeinsame Zusammenwirken der Grossen des Landes 
eingesetzt. Derselbe heisst in der Geschichte Fürst jjj|j Kien. 

In früherer Zeit befand sich Fürst Kien mit seinem Vater, dem 
Fürstensohne Yang-seng, in Lu und schenkte daselbst seine Gunst 

einem Manne, Namens -it Hfl Kkien-tsch'hi, der häußger noch 

unter seinem Jünglingsnamen Tse-ngo erwähnt wird. Nach 

seiner Erhebung betraute Fürst Kien diesen Khien-tsch’hi mit den 
Geschäften der Lenkung. Hierüber war Ip. Tien-sching- 

i / . 

tse, der sonst auch unter dem Namen Tien-tsch'hang bekannte 

Sohn des früher vorgekommenen Tien-khe 3 ), auf das Äusserste 


’) Über die Lage dieser Stadt wurden keine Angaben vorgefuoden. 

*) In den zeitberechnenden Blättern des Sse-ki wird Jin der Sühn des Fiirstea King 
genannt. 

J ) Tien-khe war im vierten Jahre des Fürsten Tao (485 vor uns. Zeitr.) gestorben. 


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692 


Dr. Pfiimai er 


beschämt. Bei dem Erscheinen an dem Hofe gab Tien-sching-tse 
auch äusserlich seine Unzufriedenheit dadurch zu erkennen» dass er 
öfters nach rückwärts blickte. Yü-yang, ein Grosser von 

Tsi, bemerkte dies und sagte zu dem Fürsten: Die Geschlechter Tien 
und Khien können nicht neben einander gestellt werden. Mögest du; 
o Gebieter, unter ihnen wählen. — Der Fürst beachtete jedoch 
diesen Rath nickt und fuhr fort, beide genannte Männer zu ver- 
wenden. 

Im vierten Jahre des Fürsten Kien (481 vor uns. Zeitr.), zur 
Zeit des Frühlings, war Tse-ngo im Begriffe, sich in Geschäften an 

den Hof zu begeben und kam eben dazu» als [JJ Tien-nie, ein 

sonst auch unter dem Namen -jp Tse-hang bekanntes Mitglied 
des Hauses Tien, einen Menschen tödtete. Tse-ngo Hess den Mörder 
sogleich festnehmen und trat hierauf bei dem Fürsten ein. Die Mit- 
glieder des Geschlechtes Tsien waren um diese Zeit in Folge der 
Bemühungen Tien-tsch’hang's, der sich in dem Besitz des Landes Tsi 
setzen wollte, vollkommen unter sich einträchtig. Man trug daher dem 
Gefangenen auf, sich krank zu stellen und schickte den Wächtern des 
Gefängnisses Wein. Nachdem jener die Wächter des Gefängnisses 
trunken gemacht, tödtete er sie und fand hierauf Gelegenheit zu ent- 
fliehen. Als Tse-ngo sah, dass Tien-nie lebendig aus dem Gefängnisse 
entkommen, beschwor er, der den Hass des Geschlechtes Tien fürch- 
tete, mit sämmtlichen Angehörigen dieses Geschlechtes einen Ver- 
trag der Freundschaft in dem Ahnenheiligthume des Hauses Tschin *). 

Schon früher hatte [JJ Tien-piao , ein Seitenverwandter 
des Hauses Tien, den Wunsch geäussert, in die Dienste Tse-ngo’s 
zu treten. Dieser hatte Kung-sün, einen Grossen von 

Tsi, beauftragt, mit Tien-piao zu unterhandeln. Da Tien-piao unter- 
dessen die Trauer um einen Verwandten zu begehen hatte, so gab 
er die Sache auf. Einige Zeit später trat er dennoch in die Dienste 
Tse-ngo's und erlangte die Gunst dieses seines Gebieters. Eines 
Tages sagte Tse-ngo zu ihm: Ich möchte vertreiben das ganze Ge- 
schlecht Tien und dich als das Haupt einsetzen. Ist dieses möglich? — 
Tien-piao antwortete: Ich gehöre zu den entfernten Verwandtschaften 

Tschin ist, wie bereits früher angegeben worden, der ursprüngliche Name des 

Geschlechtes Tien. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


693 


des Geschlechtes Tien. Aach sind diejenigen, welche dir entgegen- 
stehen, höchstens einige Einzelne. Warum solltest du das ganze 
Geschlecht vertreiben? 

Tien-piao theilte sofort den Inhalt dieses Gespräches seinen 
Verwandten mit. Tse-hang, d. i. Tien -nie, sagte zu Tien-tsch’hang : 
Jener hat gewonnen den Landesförsten. Wenn du ihm nicht zuvor- 
kommst, so bringt er dich in’s Verderben. — Tse-hang nahm jetzt 
seinen Aufenthalt in dem fürstlichen Wohngebäude, um daselbst die 
Gelegenheiten auszuspähen. 

Im Sommer, im fünften Monate des Jahres und an dem neunten 
Tage des sechzigtheiligen Kreises fuhr Tien-sching-tse, d. i. Tien- 
tsch’hang, mit seinen sämmtjichen ßrüdern in vier Wagen, somit im 
Ganzen acht Menschen f ) bei dem fürstlichen Wohngebäude vor. 
Tse-ngo, der eben hinter einem Vorhänge sass und in Angelegen- 
heiten der Lenkung Gehör gab, trat hinaus, um ihnen entgegen zu 
gehen. Sobald Tien-scking-tse und dessen Brüder bemerkten, dass 
Tse-ngo hinausgetreten, drangen sie ungestüm in das Gebäude und 
verschlossen das Thor von innen, so dass Tse-ngo nicht mehr ein- 
treten konnte. Ein Diener des Inneren stellte sich ihnen mit bewaff- 
neter Hand entgegen, ward jedoch durch Tse-hang, der als ein 
Bewohner des Gebäudes die Gelegenheiten kannte, getödtet. 

Fürst Kien befand sich zur Zeit dieses Überfalls auf der Erd- 
stufe der Sandelbäume, wo er in Gesellschaft eines Weibes Wein 
trank. Tien-sching-tse forderte den Fürsten auf, sich in die Ge- 
mächer zurückzuziehen. Der Fürst ergriff eine Hellebarde und 
schickte sich an, seinen Gegner niederzustechen. Ein Grosser von 

Tsi, Namens j|§; ^ ^ Thal -sse-tse-yü ermuthigte ihn, 

indem er sprach : Es ist nicht ohne Nutzen. Dies wird den Schaden 
entfernen. — Tien-sching-tse ging dem Zorne des Fürsten aus dem 
Wege und begab sich in das Rüsthaus, wo er eine zeitlang ver- 
weilte. Als er hörte, dass der Fürst noch immer zürne, wollte er 
das Gebäude gänzlich verlassen. Er äusserte dabei kleinmüthig: 
Was kann ich thun ohne einen Landesfürsten? — In diesem Augen- 
blicke zog Tse-hang das Schwert und rief: Der Wankelmuth ist der 
Tod der Unternehmungen. Wer ist hier, der nicht von dem Stamm- 


’) Nebst dem Wagenführer sassen in einem Wagen zwei Menschen. 


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Dr. Pf is m a i er 


hause Tien? *) Dass ich dich tödte, schwöre ich dir bei demStamin- 
hauseTien! — Durch diese Drohung eingeschüchtert, gab Tien- 
scbing-tse den Gedanken an Flucht auf. 

Unterdessen war Tse-ngo in Begleitung einer Schaar Bewaff- 
neter zurückgekehrt und stürmte sowohl gegen das mittlere Thor 
als gegen das grosse Thor des fürstlichen Gebäudes. Da er yod 
keiner Seite etwas ausrichtete, verliess er die Hauptstadt, während 

das Geschlecht Tien ihn verfolgte. Die Bewohner von Bp 

Fung-khieu, einer dem Geschlechte Tien gehörenden Stadt, nahmen 
ihn fest und brachten ihrem Gebieter die Meldung. Tse-ngo ward 
hierauf in dem Engwege Ko getödtet. 

Tien-sching-tse war willens, auch * ^ Tse - fang von 
^a-lö, einen sonst unter dem Namen ^ :p|] f|5 Tung- 

ko-ku bekannten Grossen von Tsi und Amtsgenossen Tse-ngo’s, 
tödten zu lassen, Hess ihn jedoch auf die Fürbitte Tien-nie’s frei aus- 
gehen. Tse -fang nahm, sich auf den fürstlichen Befehl berufend, 
einen auf dem Wege daherfahrenden Wagen in Besitz und hielt 
seinen Auszug durch das Thor ^ Yung. Tien-piao stellte ihm einen 
andern Wagen zur Verfügung, aber Tse -fang nahm ihn nicht an 
und sprach: Tien-nie legt für mich Fürbitte ein, Tien-piao gibt mir 
einen Wagen. Ich hätte somit zu ihnen geheime Beziehungen. Wenn 
ich gedient habe Tse-ngo und geheime Beziehungen hätte zu seinen 
Feinden, wie könnte ich dann unter die Augen treten den Männern 
von Lu und Wei? 2 ) 

An dem siebzehnten Tage des sechzigtheiligen Kreises Hess 
Tien-tsclfhang den Fürsten Kien in Siü-tscheu, einer 

Stadt des Geschlechtes Tien, festnehmen. Der Fürst erinnerte sich 
jetzt der Worte des ihm ergebenen Dieners Yü-yang und sagte: 
Hätte ich den Rath Yii-yang’s befolgt, so wäre es nicht so weit mit 
mir gekommen. — An dem einunddreissigsten Tage des sechzigthei- 
ligen Kreises tödtete Tien-tscb’hang den Fürsten Kien in der Stadt 
Siü-tscheu. 


') D. i. die Mitglieder des Hauses sind eine grosse Menge. 

*) Tse-fang war gesonnen, sich über Lu nach Wei zu flüchten. In der Geschichte Tso- 
khien-raing's wird gesagt: Tung-kö-ku floh nach Wei. 


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Die Geschichte des Hauses Thai-kung. 


695 


Tien-tsch'hang erhob jetzt Ngao , einen jüngeren Bruder 
des Fürsten Kien, zum Landesfürsten von Tsi. Derselbe heisst in 
der Geschichte Fürst ^p Ping. Sobald Fürst Ping in seine Würde 
eingesetzt worden, stellte sich ihm Tien-tsch'hang als Landesgehilfe 
zur Seite und führte ausschliesslich die Lenkung von Tsi. Zugleich 

trennte er alles Land, welches östlich von ^p ^jr Ngan- ping *) 

bis Lang-ye sich erstreckte, von Tsi los und bildete daraus Lehen 
des Geschlechtes Tien. Die Besitzungen des Hauses Tien waren auf 
diese Weise von Umfang bedeutender, als das Land des Fürsten von 
Tsi. Seit den Zeiten des Fürsten Ping wird daher das Haus Thai-kung 
nicht mehr als selbstständig betrachtet, und Tsi heisst das Besitzthum 
des Geschlechtes Tien. 

In das achte Jahr des Fürsten Ping (473 vor uns. Zeitr.) fällt 
die Vernichtung des Königslandes U durch Kieu-tsien, König von Yue. 
Fürst Ping starb im fünfundzwanzigsten Jahre seiner Lenkung 

(456 vor uns. Zeitr.) und hatte zum Nachfolger seinen Sohn 
Tsi, genannt Fürst 'g* Siuen. Dieser Fürst starb im einundfünf- 
zigsten Jahre seiner Lenkung (405 vor uns. Zeitr.) und hatte zum 
Nachfolger seinen Sohn Tai, genannt Fürst Khang. Im 

Jahre der Einsetzung dieses Fürsten empörte sich |J) Tien-hoei, 

ein Mitglied des Hauses Tien, auf dem Gebiete JJ* Lin - khieu. 

In das zweite Jahr des Fürsten Khang fällt die Erhebung der Häuser 
Han, Wei und Tschao zu Fürstenländern der Reihe. 

Im neunzehnten Jahre des Fürsten Khang (386 vor uns. Zeitr.) 
erhob sich wea Tien-ho, der Urenkel Tien-tseh’hang’s, zum 
Lehensfürsten der Reihe und bestimmte den Fürsten Khang zur 
Übersiedlung an die Ufer des Meeres, wo er ihm die Einkünfte einer 
einzigen festen Stadt zum Unterhalte anwies. 

Als Fürst Khang im sechsundzwanzigsten Jahre nach seiner 
Einsetzung (379 vor uns. Zeitr.) starb, nahm das Geschlecht Tien 
von dem gesammten Lande Tsi Besitz und die Darbringung in dem 


*) Das hier gemeinte Ngan-ping lag östlich vor dem heutigen Tlising-lsiheu , in der 
Gegend des heutigen Wei, Kreis Lan-lscheu in Snn-tung. 


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696 Dr. Pfizmaier, Die Geschichte des Hauses Thai-kuog. 


Ahnenheiligthume des Geschlechtes Liö hörte auf. In dem nämlichen 
Jahre starb auch Fürst Hoan aus dem Hause Tfen und hatte zum 

Nachfolger seinen Sohn 5^ |J| Yin-tsi. Derselbe heisst in der 

Geschichte König Wei und war der mächtigste Fürst seiner 
Zeit 


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▼. Arneth, Archäologische Analekten. 


697 


SITZUNG VOM 17. DECEMBER 1862. 

Herr v. Karajan zeigt als Referent der historischen Com- 
mission an, dass derselben zur Herausgabe eingesandt und nach 
vorhergegangener Prüfung von ihr zur Aufnahme in die Fontes 
rerum austriacarum bestimmt wurden: „Mittheilungen aus dem 
Archive des Cistercienser-Stiftes Hohenfurth in Böhmen“, nebst dem 
Urkundenbuche dieses Stiftes. Von Matthias Pangerl. 

Gelesen: 

Archäologische Analekten . 

Von dem w. M. Joseph Ritter v. Arneth. 

(Mit i Tafel.) 

Das römische Grab im Kchernthale bei Rallstatt. 

Mit Recht haben die Auffindungen eines grossen Leichenfeldes 
über Hallstatt in der Nähe des Rudolfsthurmes oberhalb der Wohnung 
des Bergmeisters des grossen Salzbergwerkes, ziemlich nahe vor 
dem Eingänge in dasselbe, ein sehr grosses Aufsehen in der für 
solche Dinge empfänglichen Welt nicht nur, sondern auch bei solchen 
Menschen gemacht, denen die Gegenwart viel mehr am Herzen liegt 
und die mit einer Art Geringschätzung auf die Vergangenheit und 
ihre Zeugen herabsehen. Bei beiden erregte das Erhabene der 
Gegend, ein ihr eigentümlicher zu ernsten Gedanken stimmender 
Reiz, der schöne See, die von den* übrigen Welt fast getrennte Ort- 
schaft, zu der nur von Ischl aus auf drei Arten ein Zugang möglich, 
auf den Wellen, auf einem schmalen Pfade oder auf der Sohlen- 
leitung, die Neugierde. Diese wurde besonders durch den Umstand 
erregt, dass 1086 Fuss über dem Spiegel des Sees ein Begräbnissort 
ganz durch Zufall aufgedeckt wurde, aus dem nun schon 967 


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698 


v. A r n e t h 


theils bestattete, theils verbrannte Leichen auf Kosten des k. k. Münz- 
und Antiken -Cabinetes an das Tageslicht gefördert wurden; aber 
auch die Archäologen vom Fache haben an diesen Funden den 
grössten Antheil genommen. Es ist in Europa und Amerika ein 
Zweig der Archäologie in den jüngeren Zeiten zur Pflege gekommen, 
der den älteren grossen Archäologen fast unbekannt war; denn 
Winkelmann, Heyne, Wolf, Eckhel, Visconti bekümmerten sich 
wenig um die Hügel, welche die Steppen und Felder Russlands, 
Skandinaviens, Polens, Böhmens, Mährens, Deutschlands, Englands 
und viele Länder* Amerika's durchziehen und in ihren Eingeweiden 
theils die Gerippe, theils die verbrannten Reste der alten Bewohner 
dieser Gegenden, ohne Schrift, ohne Bild, mit kümmerlichen Zierra- 
then auf ihnen zugeschriebenen Bronzen und auf wahrscheinlich von 
ihnen gearbeiteten Thongefässen bergen. Es lässt sich diesen Grä- 
bern und deren Ausschmückungsweisen und Umgebungen, die 
zumal in Skandinavien, wo der weniger urbar gemachte Boden die 
ursprüngliche Beschaffenheit entweder gar nicht oder nur gering 
verändert hat, noch häußg die mannigfachsten Gestalten, von Söhiffen 
z. B. zum Zeichen, dass ein oder mehrere Seehelden dort bestattet 
liegen, uns vorführen, ein grosses Interesse nicht absprechen. Sie 
erregen die Einbildungskraft in einem um so höheren Grade, je 
ungewisser deren Hervorbringer sind. Wenn man sich zu den 
grossen Monumenten der Inder, der Ägypter, der Griechen, der 
Römer und auch zu ihren Gräbern wendet, so tritt alles mit einem 
der Sonne welche diese Gegenden bescheint, gleichen Lichte, vor 
die Anschauung. Es sind Tempel, es sind Paläste über der Erde 
und diesen ähnliche Wohnungen unter der Erde, in denen der 
Mensch selbst nach seinem Tode heiter fort zu leben bestimmt ist. 
Selbst die erst im vorigen Jahre in Rom entdeckten Grabstätten 
sind Prachthallen vergleichbar und die Monumente, unter welchen 
ihre Todten ruhen, sind ein lebendiger Unterricht in der Geschichte 
durch Schrift und Bild. Auch in unseren Alpen, an unserer Donau 
haben sich vielfache Überreste römischer Bildung erhalten und das, 
so viel ich weiss, am jüngsten aufgedeckte, befindet sich in Hallstatt. 
Es ist der Gegenstand folgender Zeilen diese merkwürdige That- 
sache vorzulegen. Es kann hier nicht der Ort sein, all* die Zeugen 
von der Ansiedelung der Römer in unseren Gegenden abermals vor- 
zuführen, die Triumphbögen, die grösseren und kleineren Statuen, 


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Archäologische Analektea. 


699 


die Inschriftsteine, die Münzen, die Grabstätten. Werdas ungemein 
liebliche Thal der Traun ihrem Ursprünge zu hiuaufgeht, sieht in 
Enns, Wels, Lambach, Gmunden, Ischl römische Iuschriftsteine ; 
römische Münzen werden an diesen Orten überall gefunden, ferner auf 
dem Wege von Ischl nach Hallstatt, in Goisern und Umgegend, wie 
zu Hallstatt; daher werden durch Funde die römischen Ansiedelungen 
und deren Festsetzung auch in diesem Thale bestätiget; am Schlüsse 
des Thaies zu Hallstatt haben neueste Nachgrabungen ein Bruch- 
stück eines römischen Inschriftsteines und eines bestimmt römi- 
schen Grabmonumentes entdeckt. Am 4. October 1858 richtete der 
k. k. Bergmeister Herr Ramsauer an die kaiserliche Akademie der 
Wissenschaften das Ersuchen, ihm zu Nachgrabungen im Echernthale 
bei Hallstatt einen Vorschuss von etwa 300 — 360 fl. C.M. zu bewilli- 
gen. Herr Ramsauer unterstützte diese Bitte mit folgenden Gründen: 

Er hat im Jahre 1846 im Hochthale des Saizberges über Hall- 
statt eine grosse Begräbnissstätte entdeckt, welche die Aufmerksam- 
keit der Archäologen in hohem Grade auf sich gezogen hat, desshalb 
erlaubt er sich der k. Akademie der Wissenschaften „eine Bitte vor- 
zulegen durch deren Genehmigung, wie sich mit Sicherheit voraus- 
sehen lässt, nicht nur wesentliche Aufklärungen über die Katastrophe 
welche jener Gegend ihre gegenwärtige Gestalt gab, erlangt, sondern 
auch wichtige Funde gemacht werden würden“. Herr Ramsauer 
führt ferner an, dass in den 12 Jahren seiner Nachgrabungen 680 
Gräber aufgedeckt wurden, und zwar in vierfacher Art: a) Gräber 
mit Skeleten und zwarGräb erdieser Art in grösster Zahl; b) Leichen- 
brände; c) Leichenbrände, wo der halbe Körper verbrannt, die an- 
dere Hälfte beerdigt wurde und d) in demselben Grabe ein Skelet 
und eine verbrannte Leiche“. Herr Ramsauer fährt fort, „dass von 
allen Seiten Anfragen um Daten an ihn gelangen, welche Anhalts- 
puncte zur Beantwortung der Frage geben könnten, wie diese merk- 
würdige Begräbnissstätte in die so bedeutende Höhe von 1086 Fuss 
über Hallstatt gekommen sein könne“. Alle Umstände deuten aber 
daraufhin, dass der Ort, zu welchem diese Begräbnissstätte gehörte, 
nahezu in derselben Höhe wie dieselbe gelegen sein musste. Die 
wichtigsten der dafür sprechenden Thatsachen sind nach Herrn 
Ramsauer: 

a) „Dass die gegenwärtig bebauten Salzlager auf eine theil- 
weise in einer früheren Epoche stattgehabto, gewaltsame Zerstörung 


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700 


v. A r n e t h 


hindeuten, indem sich wohlerhaltene Pflanzen, Stücke von gewebten 
Stoffen zu Kleidungen, Thierfelle und Bruchstücke von Bronzegegen- 
stdnden finden. 

b) Finden sich auf der ganzen Strecke von Hallstatt bis zum 
Rudolfsthurm Reste von Thongefössen und Knochen (wie auch 
Asche), wie sie in den Gräbern Vorkommen. 

c) Hat man beim Graben eines Brunnens im Echernthale am 
Fusse des Salzberges, 6 — 12 Fuss Tiefe unter der Erdoberfläche, 
ein canellirtes Säulenstück mit Gesimse von weissem Marmor, welcher 
in hiesiger Gegend nicht vorkömmt, gefunden. 

Diese Thatsache, so wie die Schieb tungs- und überhaupt die 
geologischen Verhältnisse der den Hallstätter See umgebenden 
Gebirge sprechen dafür, dass durch einen grossartigen Einsturz der 
bewohnte Ort, der in der Höhe der jetzigen Grabhügel gelegen 
haben mag, gegenwärtig theils den Boden des Echernthales bildet, 
theils an den Ort gelangt ist, über welchem sich jetzt der Hallstätter 
See befindet. Weitere Nachgrabungen in der Nähe des Brunnens 
würden daher höchst wahrscheinlich zu Funden führen, welche diese 
Frage aufklären und von hohem Interesse für die Wissenschaft sein 
müssten.“ 

Der General-Secretär der k. Akademie der Wissenschaften 
leitete dieses auf diese Weise begründete Gesuch um die genannte 
Unterstützung am 5. Novemder 1858 an die phil.-hist. Classe mit 
dem Bemerken: „die mathematisch-naturwissenschaftliche Classe 
der k. Akademie hat (in ihrer Sitzung am 4. November) sich bereit 
erklärt, die Hälfte der von dem k. k. Bergmeister zum Behufe wei- 
terer Nachgrabungen im Echernthale erbetenen 350 fl. C. M. aus 
ihren Mitteln zu bestreiten, wenn die phil.-hist Classe sich geneigt 
finden sollte, die andere Hälfte zu bewilligen. Die mathematisch- 
naturwissenschaftliche Classe glaubte diesen Weg einschlagen zu 
müssen, da sie der Ansicht ist, dass die Resultate dieser Nach- 
grabungen von gleichem Interesse für beide Classen sein dürften“. 

Am 14. November 1858 Unterzeichneten die Akademiker, die 
Herren E. Birk und J. Aschbach einen Commissionsbericht, in dem 
sie sich äusserten: Die nunmehr von Herrn Ramsauer proponirten 
Nachgrabungen bilden eine wichtige Ergänzung der mit so glänzendem 
Erfolge früher veranstalteten Untersuchungen. Sie sollen nach 
seinem Anträge diesmal auf der Sohle des Echernthales und zwar 


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Archäologische Ansichten. 


701 


an einer Stelle begonnen werden, an der beim Graben eines Brun- 
nens bereits Bruchstücke künstlich behauenen Marmors zu Tage 
gefördert wurden. Bei so bestimmten Anzeicheu und der seit Jahren 
erprobten Umsicht und rastlosen Thätigkeit des Herrn Ramsauer 
scheint alle Hoffnung auf ein grosseres Resultat vorhanden zu sein. 
Die Kosten dieser Nachgrabungen , die in zwei Wintern beendigt 
sein könnten, sind mit 300 — 350 fl. veranschlagt, ein Betrag der sehr 
mässig erscheint. Da überdies die mathematisch-naturwissenschaft- 
liche Gasse die Bestreitung der Hälfte der Auslagen (mit 350 fl. 
beziffert) übernommen hat, so stellt die Commission den Antrag, die 
geehrte Gasse wolle Herrn Ramsauer gleichfalls den Betrag von 
175 fl. bewilligen und in diesem Falle ihn einladen, die zugesicherten 
Berichte über die Ergebnisse dieses Unternehmens nebst den zur 
Versendung geeigneten Fundstücken von Zeit zu Zeit einzusenden“. 

In Folge dieses günstigen Berichtes der Commission erklärte 
der Secretär der phil. - hist. Classe an den Generalsecretär, dass 
diese sich in der Sitzung am 17. November bereit gezeigt habe, das 
Unternehmengegen dem zu unterstützen, dass der Bittsteller Berichte 
über den Fortgang seiner Arbeiten erstatte, die versendbaren Fund- 
gegenstände der Akademie zusende und ihr das Verfügungsrecht 
über sämmtliche Funde einräume“. 

Die Gesammtakademie beschloss in ihrer Sitzung vom 25. No- 
vember das Ansuchen Herrn Ramsauer’s mit 350 fl. C. M. gegen dem 
zu genehmigen „dass von dem Fortgange der Arbeiten von Zeit zu 
Zeit der Akademie Bericht erstattet, dass die einsendbaren Fund- 
stücke der Akademie vorgelegt und dass jener öffentlichen Anstalt, 
welche die Akademie bestimmen wird, zuerst das Recht der entgelt- 
lichen Erwerbung zustehe“. Herr Ramsauer bestätigte am 16. De- 
cember den Empfang des bewilligten Betrages und seine Einstim- 
mung in die gestellten Bedingnisse. 

Am 9. Jänner 1859 erstattete Herr Ramsauer Bericht über seine 
im December gemachten Arbeiten im Echernthale und lieferte zur 
Veranschaulichung derselben Zeichnungen. Laut dieser hat Herr 
Ramsauer beim alten Brunnen des Jos. Höll in einer Tiefe von 3 — 4 
Fuss vier alte Mörtelmauern entdeckt, welche Umfangsmauern von 
5 Fuss im Quadrat und 1 Fuss Stärke hatten. „In dieser Mauer 
fand man die unerwartete Erscheinung eines Grabes mit einem Lei- 
chenbrande, so wie diese am Rudolfsthurme Vorkommen, wie die 

Sitr.b. d. phil. -hist. CI. XL. Bd. V. Hfl. 46 


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702 


▼. A r n eth 


Zeichnung zeigt: Die Umfangsmauern traf man 2 1 /* Fuss tief in der 
Erde, deren Zwischenraum mit kleinen Steinen und Schotter bedeckt 
war. Bei sorgfältiger Wegräumung derselben bis auf die Tiefe von 
S Fuss, wurde eine Kohlenlage von 2 Zoll Stärke gefunden. Bei 
kleinweiser Wegnahme der Kohlen fand man zwischen den Kohlen 
eine Menge kleiner Knochen und in der Mitte derselben folgende 
Grabesbeigaben: 1. Ein Glasfläschchen, ringsum mit erhobenen 
Kreisen. 2. Drei Stück knopfähnliche weisse Steinplättchen *). 
3. Vier Stück solche schwarze *). 4. Sieben Stück röthlich braun« 
5. Bruchstück einer Bronzenadel. 6. Kleines rothes Thongeschirr 
und Bruchstück von ähnlichen. 7. Es wurde 4 Fuss tiefer im aufge- 
schwemmten Erdreiche, Sand und Lehm, eine römische Münze *) 
gefunden, ferner wurde noch ein 7 Fuss 6 Zoll langer, 3 Fuss 6 Zoll 
breiter und 2 Fuss 6 Zoll tiefer (Fig. a) und ein canellirt gearbei- 



<• 31 - - 

(Fig. «.) 

teter Stein aus Marmor gefunden, den er für das Piedestal eines 
Monumentes hält. 

Im Berichte vom 7. Februar legt Herr Rainsauer vier Zeichnun- 
gen der aufgefundenen Gegenstände, d. h. das Grabmonument vor, 
und entwirft die muthmassliche Aufstellung desselben. 

Nach Herrn Ramsauer’s Zeichnung ist eine weibliche Büste 
innerhalb eines Kranzes, sie scheint eine doppelte Torques um den 


*) Sind Dicht von Stein, sondern von Glas. 

’) Wie eine ganz ähnliche in Vincorce in der Militärgrense gefnnden wurde. 
*) Von Antonius Pin«. Sie ist: ANTON. 


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Archäologisch« Analekten. 


703 


Hals zu haben, in der linken Hand eine Taube zu halten; dieser 
Büste rechts liegt eine halb entkleidete weibliche Gestalt, links ist 
ein Genius auf eine niedergesenkte Fackel gestützt, neben ihm 
Köcher und Bogen. 

Ausser diesem Bruchstücke eines Grabmals ist blos der Buch- 
stabe T einer Inschrift erhalten, alles sonst zertrümmert bis auf einen 
Kopf, der aber auch sehr beschädigt ist, 9 Zoll 4 Linien gross. 

LautBerichtvom 10. April wurde bei den ferneren Nachgrabungen 
nur Mauerwerk in einer Länge von 8 Klaftern gegen Westen hin auf- 
gedeckt und die Fortsetzung der Arbeiten auf günstigere Witterung 
verschoben. Hierauf bat ich am IS. Mai Herrn Ramsauer um Bestim- 
mung des Gewichtes und der Transportabilität des Fundes. Am 
1. Juni schickte er mir genaue Auskunft über meine Anfrage und 
erklärte zugleich auf jeden Ablösungsbetrag Verzicht leisten zu 
wollen. Ich wandte mich dann an die k. Akademie der Wissenschaften 
mit der Bitte, dem k. k. Münz- und Antiken-Cabinet die Fundsachen 
.abzutreten. Am 30. Juni beschloss die Akademie in ihrer Gesammt- 
sitzung den Fund dieser Hofanstalt zu überlassen. 

Herr Ramsauer schickte endlich unterm 10. Mai 1860 die 
Zeichnung des Terrains, wo die weiteren Ausgrabungen vorgenom- 
men wurden, ein. Da jedoch der Grundbesitzer sich weigerte, seine 
Wiesen aufgraben zu lassen, 90 mussten unterirdische Grabungen 
versucht werden, worauf das ganze hiezu verfügbare Geld verwen- 
det wurde. Das Resultat war leider kein günstiges, da man nur auf 
Mauerwerk eines zerstörten Gebäudes und auf ein ummauertes Grab 
stiess, in welchem ein Leichenbrand lag, wie oben beim Rudolfsthurm. 
Zugleich wurde eine Bronzemünze gefunden. 

Durch diese Nachgrabung ist der sicherste Beweis der An- 
siedlung der Römer am Hallstätter See hergestellt, von der Schon seit 
langer Zeit mehrere Anzeicheu bestanden, wie deren Schultes in 
seinen Reisen zwischen 1804 und 1808 mehrfach anführte 1 )» als: 
Herr Franz Steinkogler (geb. 1735) zeigte mir 1804 ein kleines Münz- 
und Antiken-Cabinet, das er in und um Hallstatt zusammengebracht 
hatte; am Hallstätter Salzberge mehrere Werkzeuge und Schmuck- 


*) J. A. Schultes: Reisen durch Ober - Österreich in den Jahren 1794, 17P5, 
1802, 1803, 1804 und 1808. Tübingen 1809. Thl. 1, S. 797. 

46 * 


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704 


r. ~A r n e t h 


sachen, Fibeln» Messer, Ringe, eine Pikeihaube aus Bronze, zwei 
Todteuköpfe, die man in einem zertrümmerten Sarkophage fand, 
ferner zeigte er eine Münze des Vitellius aus Silber, des Vespasian 
aus Bronze, die erste am Salzbergthurme, die zweite am Salzberge 
gefunden, ferner Severus Alexander, Antoninus Pius, Commodus in 
Hallstatt und am Hirschbrunnen, Claudius (Gothicus), Constantin, 
Valerian in Hallstatt gefunden. Herr Steinbogler hatte auch römische 
Münzen, welche in der Nähe von Hallstatt gefunden wurden, in der 
Lahn: Helvius Pertinax in Silber; in Goisern einen Domitian, einen 
Gordian in Bronze; in Leistling 1 ) einen Gordian, einen Helvius 
Pertinax in Silber, wo 800 alte Silbermünzen auf einmal gefunden 
und geschmolzen wurden. Beim Bau des Hause9 des Baron Hohen- 
bruck wurde in der Nähe eine Bronzemünze des Philippus in Viini- 
nacium geprägt, am Steg von Hallstatt eine von Commodus aus 
Bronze, am Salzberge, bei Eröffnung des Kaiser Franz- Joseph- 
Stollen eine Münze des Nero aus Silber gefunden. 

S. 146 führt Schuttes aus einer Chronik von Goisern an: 
Anno 1760 ist in Goisern, in Leistling genannt, unweit Spühlstein, 
uraltes heidnisches Geld von allerlei heidnischen Kaisern gefunden 
worden, beiläufig 400 Stücke, gut von Silber. 

Dem, der den von Herrn Sirnony *) so schön dargestellten Markt 
Hallstatt verlässt und sich dem Salinenamte zu wendet,um zum Wasser- 
sturze des Waldbaches Strub zu gelangen, öffnet sich rechts das 
prächtige Echernthal. Dieses ist von drei Gebirgen eingeschlossen; 
rechts von dem, der dem Wassersturze zu wandert, der fast ganz 
steil abfallende Salzberg, links von dem ebenfalls so steil abfallen- 
den Hierlatz und vor sich den Zweig des Dachsteingebirges, welcher 
das Thal am See schliesst und von dem der Waldbach Strub ab- 
stürzend* mannigfache Wasserfalle bildet, die dem Wanderer einen 
so höchst angenehmen Eindruck gewähren. 

Selten siud kühne Pläne mit so grosser Ausdauer und solchem 
Muthe ausgeführt worden, wie die des Julius Cäsar durch seinen 
angenommenen Sohn Augustus. Seine beiden Feldherren Tiberius 
und Drusus, ersterer aus Gallien, der zweite aus Italien kommend, 
vereinigten sich am Bodensee und drangen bis an den Lech vor, an 


‘) ln der Nahe von Goisern. 

*) Sitzungsb. der k. Akad. d. Wisseutch. IV. Bd., 3 SS, 1850. 


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Archäologische Ansichten. 


705 


welchem sie im Land der Vindelicier eine Stadt gründeten, die sie 
dem Augustus zu Ehren Augusta Vindelicorum nannten, zogen dann 
an die Donau und an derselben herab bis in unsere Marken den über 
Dalmatien bis Essegg, durch Augustus zum Waftenplatz erhoben, von 
Mösien herauf ziehenden Römern die Hände reichend. Dass sich die 
Römer nicht blos an den grossen Heerstrassen, sondern auch in 
den verborgenen Thälern und Bergschluchten niederliessen, zeigen 
die häufig aufgefundenen Reste aller Art Inschriften *), Mosaiken*), 
Münzen*) am Gmundner, Atter — und Hallstätter See gefunden, und 
bewahrheiten die Niederlassungen der Römer an den reizenden Seen 
des schönen Oberösterreichs. 

Bevor noch die Häuser in Laho gebaut, war von dem Orte, auf 
dem jetzt das Haus des Höll liegt, die Ansicht frei auf den See, auf 
den in diesen, wie ein Vorgebirg hineinschauenden und ihn ein- 
dämmenden Sarstein , uud auf den um letzteren sich umbiegenden 
Obersee und über ihn hervorragenden Koppen, von dem ein präch- 
tiger Weg nach Aussee fuhrt. 

So wurde mir auch erzählt, dass auf der Höhe von Pötschen 
ebenfalls ein römischer Inschriftstein gefunden wurde. Es werden 
später die Fundobjecte beschrieben werden; zu den wichtigsten 
darunter gehören die Münzen des Domitian und des Antoninus Pius. 
Wer den fürchterlichen Zustand Roms in den Zeiten des Domitian 
von 81 — 96 bedenkt, wird einen Ruhesitz so abgeschieden von der 
von einem solchen Wütherich beherrschten Welt nur beneidenswerth 
finden. Allerdings waren die Zeiten des Antoninus Pius von 138 bis 
161 ruhiger und ruhmvoller. Er war der Schieds ichter in den 
Streitigkeiten der damaligen Völker, denn Inder, Baktrier, Hyrcaner 
u. s. w. schickten zu ihm, um von ihm das Urtheil über ihre Zwie- 
stigkeiten zu erfahren und sich darnach zu richten. Er, dieser so 
fromme und so unterrichtete, den Künsten so sehr geneigte Mann 
schien jedoch mehr rückwärts als vorwärts zu schauen, er setzte 
Könige ein — rexArmeniis, rexQuadis datus — denn sonst hätte er 
nicht die abgelebten Formen des alten Roms, z. B. den Glauben an 
die vom Himmel gefallenen Schilde , den Cultus des Hercules und 


*) Gaiaberger, Komische Inschriften. Linz . I Säa. 

*) Paasinger, Mosaik lioden bei Weyereck am Attersee. 
») Schulte«. 


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706 


v. A r d e t h 


seiner Thaten u. s. w. wieder zu beleben gesucht, sondern er hätte 
die Lehren des so grosse Zukunft versprechenden Christenthums 
angenommen. Die Vorbereitung zur Annahme des Christenthums, 
die Stoa gewann unter Antoninus Pius an Anhängern, er selbst 
bekannte sich wahrscheinlich zur Stoa, was die Adoption des der 
Stoa ergebenen Marc - Aurel bewies , dessen Buch „Ober sich 
selbst" nicht nur auf den Kaiser, sondern auf die ganze Lehre und 
die Weltanschauung der damaligen Zeit das überraschendste Licht 
wirft. 

Die Donau und die von selber bespülten Länder gehörten Ober 
vier Jahrhunderte zu den wichtigsten Grenzen des römischen Welt- 
reichs. Es ist hier nicht der Ort, diese Geschichte näher oder um- 
ständlicher aus einander zu setzen. Ich gehe demnach zur Beschrei- 
bung des Fundes : 

Als Holl der Besitzer des Hauses im Echernthale einen Brunnen 
graben wollte, fand er das canellirte Marmorstück (Fig. 1). Dieses 



(Fi*, i.) 


Stück gelangte an Herrn Prof. Simony welcher es an Herrn Ram- 
sauer abtrat. Auf dieses stützt Herr Ramsauer sein oben ange- 
führtes Gesuch an die k. Akademie der Wissenschaften. Bei den 


‘) Die Alterthümer vom Halttatter Salzberg von Simony. Sitxungab. 1850, IV* 
S. 338. 




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Archäologische Ansichten. 


707 


Nachgrabungen stiess er auf die oben angeführten Mauern ; in a und 
b des beiliegenden Planes II fand Herr Ramsauer die verbrannten 



(Fi?- * ) 

Gebeine eines Menschen mit der Münze des Antoninus Pius (Fig.3). 



(Fig. 3.) 

ANTONINVS AVG PIVS P: P* TR* P COS III. 

Antoninus Augustus Pius Pater Patriae Tribunitia Potestate 
Consul tertium. Diese Münze stammt vom Jahre 143 nach Christo 


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70 « 


r. Arneth 


und da möglicherweise eine gleichzeitige Münze dem Verstorbenen 
als Fährlohn für Charon mitgegeben wurde, so ist die Asche des 
Verstorbenen vielleicht um das Jahr 143 beigesetzt worden, oder 
wenn das Grabmonument zu diesem Grabe gehört, da der Kopfputz 
an den der Julia Domna erinnert, zur Zeit des Septimius Severus. 
Ausser obiger Münze wurde im gleichen Grabe noch gefunden ein 
Stück geschmolzenes Glas (Fig< 4), ein sehr hübsches um den Hals 
gereiftes Fläschchen (Fig. 5), aus sehr dünnem und darum sehr 



(Fi{?- 4.) (Fig. 5.) 


leichten Glase, welches durch den Einfluss der Oxydation etwas 
gelblich geworden ist. 

Ein sehr nettes römisches Gefässchen (Fig. 6) aus röthlichem 
Thone terra sigillata, woraus fast alle römischen Gefasse gemacht sind, 
die in den Donau- und den Rheinländern gefunden werden. Ausserdem 
lagen noch einige Knöpfchen aus Glaspasta *) bei (Fig. 7). Der Haupt- 
fund bestand in einem giebelartigen Bruch- 

Q / ^ f^ stücke eines Grabmonumentes , eines Bas- 
reliefs aus Marmor (Urkalk) 8 ). Dieser Stein 
stammt laut Angabe des Herrn Vorstandes 
des k. k. Mineralien -Cabinetes Dr. Hörnes 
(Kig. 6.) (Fig. 7.) von St. Nikola *) in der Sölkerscbarte in 
Steiermark her. 


*) Wiener Zeitung 1845, Nr. 56. Uber die antike Paste vom Funde zu Vinkovce. 

*) S. Tafel. 

*) Von den Römern in Steiermark benutzte Steinbrüche waren nach Dr. Knabl's 
Angabe : 

A. In Oberateiermark: 1. zu St. Lambrecht, Maria Hof, Neumarkt und auf der 
Seetbalalpe, 2. auf der Seckaueralpe , 3. bei St. Dionisen nächst Bruck an 
der Mür, 4. bei Pfannberg und Fronleiten. 


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Archäologische Ansichten. 


709 


Das Materiale von Fig. 1 ist nach Herrn Professor Simony 
ebenfalls Urkalk aus der Sölkerscharte *)• 

Die Mitte nimmt eine jugendliche, weibliche Büste ein, mit der 
rechten Hand auf einen in der linken gehaltenen Vogel (Taube) 
zeigend. 

Dieses Brustbild innerhalb eines Kranzes zeigt das Bild der 
Verstorbenen, wie dies sehr viele ähnliche Vorstellungen am un- 
widerleglichsten darthun, wie das Grabmahl im Museo Lateranense *) 
beweiset, die darauf befindliche Inschrift heisst: 

GLADAE* PRIMITIVAE | CONIVGI 8ANC- 
TISSIMAE CVM | QVA VIXI ANNIS XXXIII 
SINE 1 VLLA QV AERELLA | M.MANLIVS. 

EGLECTVS FECIT ET SIBI 

Aus dieser merkwürdigen Inschrift geht hervor, dass M. Man- 
lins Eglectus noch lebend dieses Monument seiner Frau und sich 
errichtet hat. Von der Inschrift imEchernthale, die Aufklärung geben 
könnte über den Namen und vielleicht über noch mehr, ist nur der 


B. Auf der Grenze zwischen Ober- und Mittelsteiermark in Oswald und Stobler- 
graben am Fusse der Kleinalpe, beim Wirthahause, genannt Neuhiusel 
(a. Mitth. des, bist. V. f. St., 6. HfL, S. 147). 

C. ln Mittet Steiermark : bei Waitz, Anger, Pöllau, Voran und Hartberg, endlich 
zu Frauenberg, nächst dem Schlosse Seckau bei Leibnitz (jetzt verschüttet). 

D. ln Untersteiermark : an der Ostseite des Bachergebirges bei St. Martin oder 
bei Windischfeistritz , welches für die in Sudsteiermark vorgeftindenen 
Monumente das meiste Material geliefert haben mag. Ferner an der Südseite 
des Bacher bei Skommer Hudina and Weitenstein, endlich an der Westseite 
des Bacher bei St. Ägyden. 

2. Auf dem Vipotaberge und an einigen umliegenden Gebirgen hei Cilli, wo aber 
grfisstentheils nur Obergangsmarmor gebrochen ward. 

3. Am linken Saveufer zwischen Steinbruck und Trifail, wo grauer Alpeakalk, 
dolomit- und glimmerartiger Gneiss verwendet ward. 

Von diesen Steinbrüchen sind am meisten ausgebeutet worden: a) der Oswalds- 
graben, wo eine Steinmetzwerkstätte war; b) der Franeaberger ob Leibnits 
wegen des nahe gelegenen Municipium Flavia Solva; c) der Bacherer. Marmor 
wegen bequemer Zufuhr nach Poetovio uad d) der Steinbruch am Vipotaberge 
bei Cilli, wegen des Municipium Celeja. 
t) Sitzungsberichte der k. Akademie 1850, Bd. IX. 

*) Monumenti del Museo Lateranense descritti ed iliustrati da Raf. Garrecci Roma. 
1861, XXX. 


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710 


r. Arn e t h 


Buchstabe T (Fig. 8) erhalten. Gesims und Form des Buchstaben 

entsprechen der Zeit von Anto- 
ninus Pius, bis inclusive Septimius 
Severus, aus welcher Zeit die Büste 
stammen dürfte, da der Kopfputz 
der Büste innerhalb des Krauzes 
sehr an den der Julia Domna der 
Gemahlinn des Septimius Severus 
erinnert *). Rechts dieser weib- 
lichen Büste liegt eine weibliche jugendliche Gestalt, von der nur die 
Füsse mit einer leichten Draperie umhüllt sind und die den Kopf 
auf den rechten Arm stützt. Sie ist als Nymphe der Berge durch 
die Felsen, auf denen sie liegt, gekennzeichnet. Bekannt sind die 
Personificationen der moralischen Eigenschaften und der Gegen- 
stände der Natur, wie der Flüsse, Quellen, Berge, ferner der Winde 
etc., wie diese auf einem der schönsten Gemälde, die aus dem Alter- 
thume uns erhalten sind, Vorkommen. Die Aphrodite als Meergöttinn 
von einem Tritonen (See-Centauren) und einer Nereide gezogen, in 
Pompeji im J. 1833 entdeckt. Die Abbildung, die Zahn 8 ) uns davon 
gab, gehört zu den gelungensten Farbendrucken, und der antikisi- 
rende Beüvenuto Cellini hat die Idee der Winde auf seiner schönen 
Saliera den Alten glücklich nachgebildet 8 ). Ähnlich mit der Vor- 
stellung der Nymphe des Berges sind auch auf manchen der schön- 
sten Werke der griechischen wie der römischen Kunst der Berg 
Pelion, Cithaeron und andere dargestellt, und zwar der Cithaeron 
auf einem griechischen Gefässe 4 ) auf der schönen Portland- Vase *), 
Pelion im britischen Museum, ferner in einem Gemälde der Villa 
Pinciana 6 ) deutlicher und unverkennbarer als hier und auf dem 
ausserordentlich schönen Bilde mit der Darstellung des Actaeon und 
der Diana in den Wandgemälden zu Pompeji 7 ), ferner der Ida in 


-4b£- 



*) Reber. Ruinen Roms und der Campagne. Leipzig 1863, S. 129. forum Rom S. 124. 
8 ) 111. Bd., Taf. 4. 

8 ) X. Bd. der Denkschriften d. k. Akad. 

4 ) Millin monumens inedits 1. p. 47, Taf. V. 

8 ) Villa Pinciana Stan/a VII, Nr. 17. 

•) Millingen acient unedited monument« Bd. 1, 1. A. p. 28. 

7 ) Zahn, Wandgemälde zu Pompeji etc. 111. Bd. 50. Tafel. 


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Archäologische Analekten. 


711 


der Darstellung auf einem Wandgemälde zu Pompeji 1 ); ferner ist die 
Bemerkung gestattet, dass die griechische und römische Mythologie 
in der Wahl der Personen sehr sinnreich war. Die grossen Flösse, 
die Donau (Danubius), Rhein (Rhenus), Nil(Nilus), Euphrat (Euphra- 
tes) wurden immer männlich abgebildet, indess die kleineren Flüsse 
und Quellen, von denen so viele Darstellungen übrig sind, immer 
als weibliche Bildnisse Vorkommen. Ähnliche AufTassungsweise gilt 
auch bei den Bergen grösserer Art, wie die oben angeführten und 
bei den kleineren, wie unsere im Echernthale, daher die Berge des- 
selben blos durch eine Nymphe dargestellt werden. 

Man sieht also hieraus, dass sich das Motiv der Darstellung auf 
uuserem Basrelief an die erhabensten Kunstwerke der römischen 
und griechischen Welt anschliesst. Der Ausdruck dieser Figur ist 
meines Bedünkens der der Trauer und des Schmerzes, den sie vor 
dem Beschauer verbirgt, wie Agamemnon auf einem Gemälde in der 
Casa di poeta tragico sich abwendet, sein Gesicht verhüllend, weil 
seine Tochter der Artemis geopfert wird ») . 

Ähnlich, wenn schon nicht so kräftig ausgesprochen ist auch 
Agamemnon auf der berühmten mediceischen Vase zu Florenz •). 

Diese beiden Darstellungen haben auf ihre, wenn schon ver- 
schiedene Weise, da die Gesetze der Bildhauerei, Malerei und der 
Dichtkunst verschiedene sind, doch glücklich die Verse des Euripi- 
des ausgelegt , der da sagt: ’A x$p. 7raXtv arplipas xapa 
Aaxpua npoYjyev. optpidrojv iztnXov npoSeig 4 ). Die Götter der heid- 
nischen Welt sind lebendig in die Schicksale der Menschen verfloch- 
ten. So auch die Genien und die Personificationen des Pelio'n, des 
Cithaeron, des Ida geben ihre Theilnahme an den bei ihnen vorkom- 
menden Ereignissen durch den Ausdruck ihrer Bewegungen kund. 
Es scheint mir daher nicht zu gewagt auch dieses hier bei der Nymphe 
des Berges an dem Tode der Verblichenen anzunehmen. 

Links ist der geflügelte Genius des Todes , die umgestürzte 
Fackel mit beiden Händen haltend. Neben ihm ist Köcher und 
Bogen. Wie häufig Eros auch als Todtengenius erscheint, zeigen die 


*) Raoul Röchelte, Pein tu res de Pompeji. 

*) Zahn, a. a. 0. III, Taf. 42. 

3) Reale Galleria Firenxe, Serie IV. Vol. III. S. 254. Tav. 156 und 157. 

4 ) Iphigenie in Aulia v. 1546 aqq. 


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712 


v. A r d e t h 


Werke an dem schon oben angeführten Sarge im Lateran *) , an 
dessen beiden Enden Eros in gleicher Weise als Todtengenius steht, 
weil zwei Verblichene angedeutet werden, ferner auch auf dem 
Aschengefäss bei Zoega und Gerhard *). 

Die Bedeutung, die der Eros als Todtengenius hat, zeigt sieh 
eben so unwiderleglich wie auf den vorhergehenden Monumenten, 
auch auf dem trefflichen Gemälde, welches den Tod des Narcissus*) 
darstellt. Auf diesem ist der Genius des Todes auf beiden Beinen 
stehend, indess er auf den angezeigten Monumenten mit überschla- 
genen Beinen vorkömmt. 

Bei den späteren Nachgrabungen wurden noch gefunden meh- 
rere Bruchstücke mit Canellirungen wie 
das zuerst gefundene und der Kopf 
einer älteren Frau in natürlicher Grösse 
(Fig. 9). Der Kopfputz erinnert an die 
Marciana, Schwester des Kaisers Trajan 
ihrer Tochter Matidia, und den der Sabina, 
Gemahlinn des Kaisers Hadrianus *). 

Da die Verbreitung der Moden, be- 
sonders der älteren Frauen aus der Haupt- 
stadt in die Provinz immer längere Zeit 
brauchte, so würde es nicht gegen die 
Annahme sprechen, dass das Monument aus der Zeit des Antoninus 
Pius herrühre. Der letzte Fund war ein Grab mit Leichenbrand, 
wie sie nach Ramsauer's Aussage oben auf dem Salzberge Vor- 
kommen, in welchem folgende Münze des Domitian gefunden wurde, 
deren Vorderseite gut erhalten, deren Rückseite aber sehr abgenützt 
ist. Die Beschreibung ist folgende: 

IMP • CAES • DOMIT • AVG • GERM • COS • XV . CENS • PER • P • P (Imperator Cae- 
sar Domitianus Augustus Germanicus Consul decimum quinium Censor 
perpetuus, pater patriae). Fig. 10. FORTVNAE AVGVSTI-SC* nach 
einem besser erhaltenen Exemplare des Cabinetes gezeichnet. 



*) Monnmenli del Museo Lateraneuse da Raf. Garucci Roma 61. 

Archäologische Zeitung 1848, Nr, 22. Aschengefäss des P. Severeanus und seines 
Sohnes Biolo. Zoega, Bnssirilievi I. ßd. 

3 ) Ternite, Wandgemälde ?on Pompeji F. XXV 
«) Clarae, VI. Vol. P. 1037, 3291. 


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Archäologische Ansichten. 


713 

Diese Münze rührt demnach vom Jahre 90 oder 91 «) her und 
könnte entweder einem dieser Münze gleichzeitigen Grabe ange- 



(Fig. 10.) 


hört haben oder es ist auch möglich, dass einem viel später Begra- 
benen sie als Schiffslohn für Charon mitgegeben wurde. 

Dass den Todten auch Münzen als Schifferlohn mitgegeben 
wurden, erhellt auch aus einer Lampe, worauf Charon eine Münze 
von einem über den Styx zu fahren im Begriffe stehenden erhält*), 
ferner aus Lucian’s Dialogen der Todten *). 

Da die Schönheit dieses Monumentes und die Überbringung 
desselben aus ferner Gegend einen gewissen Grad von Wohlhaben- 
heit und Bildung derjenigen Personen voraussetzt, die es veranstal- 
tet haben, so könnte hier das römische Salinenamt gestanden haben, 
zumal da der Weg vom Salzberg in's Echernthal nachHrn. Simony's 
Meinung natürlicher und leichter als nach dem heutigen Hallstatt 
und überall mit römischen Überresten bedeckt war. 

Das Ganze zusammenfassend geht aus dem Funde im Echem- 
thale bei Hallstatt so viel hervor. 

Wie die Alchimie der Chemie , wie die Astrologie der Astro- 
nomie viel Nutzen brachte, so gab auf eine ähnliche Weise die, wie 
ich glaube, unrichtige geognostische Idee, dass einst der Salzberg 
und der Hierlatz in Verbindung waren, einer richtigeren geognosti- 


*) Aroetb, Synopsis numorura romaoornm. 

*j Bartoli ei BeUori; lucern. sepulcr. P. 1. t. 12. Wieseler, Denkmäler der alten Kunst, 
Bd. II, Taf. 69. 

*) Ausgabe von fiencdictus . Amsterdam, 16S7, I, S. 30S (Charon ei Menippus), 
S. 356 (Contemplantes) und II, S. 302 (de Inctu). 


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714 


r. A r n e t h 


sehen Ansicht Raum. Die hypothetische uralte vorhistorische Stadt, 
zu der das Leichenfeld auf dem Salzberge so zu sagen der Friedhof 
war und deren Trümmer das Echernthal begrub, wird blos zum 
Reste eines römischen Hauses mit zwei Begräbnissplätzen und zwei 
Grabmonumenten aus bestimmter römischer Zeit. 

Die zufällige Ausgrabung eines marmornen canellirten Bruch- 
stückes gibt die Veranlassung die oben angeführte Hypothese zu 
beleuchten, was aber nicht meine Sache ist und strenge genommen 
auch nicht hieher gehört. Es gab aber die von der kaiserlichen 
Akademie der Wissenschaften unterstützte und von Herrn Ram- 
sauer mit gewohnter Genauigkeit geleitete Nachgrabung die Über- 
reste mehrer bestimmt römischer Gegenstände, die vermuthlich aus 
der Zeit des Domitian (81 — 96) und Antoninus Pius (138 — 161) 
herrühren. Dies sind jene zwei Gräber mit verbrannten Gebeinen, 
nach Herrn Ramsauer ganz so wie die auf dem Salzberge vor- 
kommenden Leichenbrände. In jedem derselben war eine römische 
Münze. Ganz in ihrer Nähe waren Trümmer römischer Bildhauer- 
arbeiten, von denen das ziemlich gut erhaltene Relief das Vorzüg- 
lichste. Die Benennung der Verstorbenen, deren Asche wahrschein- 
lich da beigesetzt wurde, ist unmöglich, da von der Inächriflt nichts 
als der Buchstabe T erhalten wurde. Das auf dem giebelartigen 
Monumente noch vorkommende Brustbild gehört einer jugendlichen 
Person an, man könnte glauben einer Braut, die in der Blüthe ihrer 
Jahre verschieden; denn sie hält mit der linken Hand die Taube der 
Venus, auf die sie mit der rechten Hand zeigt. Um die Verstorbene 
trauert selbst die Nymphe des Berges, welche durch die rechts von dem 
Bildnisse auf Felsen liegende weibliche halbentkleidete Gestalt an- 
gedeutet wird. Links von dem Bildnisse der Verstorbenen hat Amor 
Bogen und Pfeilköcher weggelegt und verwandelt sich durch die 
umgestürzte Fackel in den Genius des Todes. So mannigfache Be- 
weise der Herrschaft der Römer nicht blos in der näheren Umgebung 
von Hallstatt, wie in Ischl, in Salzburg, in Wels, in Linz, sondern 
auch in der ganzen Monarchie bis an die Donau und nur in Ungern 
und Siebenbürgen über dieselbe aufgefunden werden, so flösst das 
im Echernthale neu entdeckte Monument ein nicht geringes Interesse 
durch seine eigene Bedeutung sowohl als durch den Beweis der 
einheitlichen Bestrebungen der römischen Kunst ein. Denn ähnliche 
römische Monumente wie das vom Echernthale sind vorhanden in 


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Archiologische Analekten. 


315 

Huesca in Aragonien', in Frankreich, Italien, Dalmatien, fast überall 
in den einst so blühenden Ländern um das mittelländische Meer, das 
im römischen Weltreiche wirklich nur einen See bildete. Jedoch 
nimmt das Monument vom Echernthale durch seine sinnreiche Dar- 
stellung einen ausgezeichneten Platz ein; es steht jetzt unter den 
übrigen Stein-Monumenten des k. k. Münz- und Antiken -Cabinetes 
im unteren Belvedere. 


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Arnf IK. Ueber das im Krhernthalr bei Hall Mau gefundene römische ('.rabmommienl 



Srlainysb d.k. ,4k*d d W ]>liil«s hist. CI. \tJ»d. 1862 . 


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Verzeichnis» der eiugegangeuen Druck schrifteil. 


717 


0 


VERZEICHNISS 

DER EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(NOVEMBER 1862.) 

Acädemy» The American» of Arts and Sciences. Memoirs. N. S. 
Vol. VIII, Part 1. Cambridge and Boston, 1861; 4°. — Pro- 
ceedings. Vol. V. 31 — 48. 8°. 

Acad^mie Imperiale des Sciences, Arts et Belles-Lettres de Dijon. 
Memoires. 2 e Sdrie, Tome IX*. Annöe 1861. Dijon et Paris, 
1862; 8o. 

Accademia Pontificia de’ Nuovi Lincei. Atti. Anno XIV. Tomo XIV. 
Sess. 4*— 7*. Roma, 1861; Anno XV. Tomo XV. Sess. l a — 3\ 
Roma, 1862; 4°. 

Akademie der Wissenschaften, königl. bayer., zu München. 

Sitzungsberichte. 1862, I. Heft 2 & 3. München; 8°. 
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. IX. Jahrgang, 
Nr. 8 & 9. Nürnberg, 1862; 4°. 

Austria. XIV. Jahrgang, XL1II.— XL VI. Heft. Wien, 1862; 8®. 
Brandis, Christ. Aug., Geschichte der Entwickelung der griechi- 
schen Philosophie und ihrer Nachwirkungen im römischen 
Reiche. I. grössere Hälfte. Berlin, 1862; 8°. 

Breslau, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften aus dem 
Jahre 1861/62. 8® & 4®. 

Coussemaker, E. de. Notice sur Pabbaye de Ravensberg. (Extr. 
des Annales du Comitö Flamand de France, t. VI.) Lille, 1862; 
8®. — Statistique archöologique du Departement du Nord. 
(Extr. du Bulletin de la Commission Historique du Depart. du 
Nord. t. VI.) Lille, 1862; 8®. 

Ellero, Pietro, Giornale per Pabolizione della pena di morte. 
V. Bologna, 1862; 8®. 

Sitzb. d. phil.-hist. CI. XL. Bd. V. Hft. 47 


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718 Verzeichntes 

Gesellschaft, k. k. geographische in Wien. Mittheilungen, 
V. Jahrgang, 1861. Wien; gr. 8°. 

— Schlesische, für vaterländische Cultur: 39. Jahresbericht 
Breslau, 1862; 8°. — Abhandlungen :Philos.-histor. Abtheilung. 
1862, Heft 1 & 2; Abtheilung für Naturwiss. und Medicin. 
1861, Heft 3; 1862, Heft 1. Breslau; 8®. 

— der Wissenschaften, Oberlausitzische: Neues Lausitzisches 
Magazin. XXXIX. Band, 1. & 2. Hälfte; XL. Band, 1. Hälfte. 
Görlitz, 1862; 8°. 

Graham, J. D., Annual Report on the harbor improvements of Lakes 
Michigan and St. Clair for 1855, 1857 & 1858. Washington; 8°, 
nebst 19 Plänen und Karten, gr. Folio. 

Hammelitz.'ll. Jahrgang, Nr. 47, 49, 50; III. Jahrgang, Nr. 1. 
Odessa, 1862; 4». 

Helsingfors, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften aus 
den Jahren 1861 & 1862; 4° & 8*. 

Iyes, Jos. C., Report upon the Colorado River of the West. Was- 
hington, 1861; 4°. (Presented by the Smithsonian Institution.) 

Kandier, P., Documenti raccolti e pubblicati in occasione di collo- 
cazione di busti enei sulla facciata del duomo di Trieste in 
onore di Enea Silvio Piccolomini, di Andrea Rapicio e di Rinaldo 
Scarlichio. Trieste, 1862; 4*. — Sr. Excellenz, Freiberrn 
Friedr. von Burger zur wohlwollenden Erinnerung an Triest. 
Triest, 1862; 4». 

Kiel, Universität. Akademische Gelegenheitssehriften aus dem 
Jahre 1861, Band VIII. Kiel, 1862; 4*. 

Lesehalle der deutschen Studenten zu Prag. 1848 — 1862. Prag, 
1862; 8®. 

Maak, Richard v., Heise nach dem Amur, unternommen 1855 auf 
Veranlassung der sibirischen Abtheilung der k. russ. geogra- 
phischen Gesellschaft. Mit einem Atlas von 36 Tafeln. Peters- 
burg, 1859; 4® & Folio. — Reise nach dem Flussthale von 
Ussur, unternommen auf Veranlassung der k. russ. geogra- 
phischen Gesellschaft, Band I & II. Petersburg, 1861; 4®. 
(Russisch.) 

Message from the President of the United States to the two 
Houses of Congress at the Commencement of the thirty-sixth 
Congress. Vol. I — III. Washington, 1860; 8®. 


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der eingebundenen Druck scliriflen. 


719 


Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Baudenkmale. VII. Jahrgang, Nr. 11. Wien, 
1862; 4®. 

— aus dem Gebiete der Statistik. X. Jahrgang, 1. Heft. .Wien, 
1862; gc. 8®. 

— aus J. Perthes' geographischer Anstalt. Jahrgang 1862, 
X. Heft. Gotha; 4°. 

Pamätky. Dfl. V., sesit. 3. # V Praze, 1862; 4». 

Report, Thirteenth Animal-, of the Regents of the University of 
the State of New York. Albany, 1860; 8«. 

Rhees, William J. Manual of Public Libraries, Institution and Socie- 
ties, in the United States and British Provinces of North 
America. Philadelphia, 1859; 8°. 

Romanin, S. Storia documentata di Venezia. Tomo X, Parte 3*. 
Pubblicato per cura di Angelo Dalmedico. Venezia, 1862; 8®. 

Smithsonian Institution. Annual Report for 1860; 8°; Results of 
Meteorological Observations, under the Direction of the Smiths. 
Instit. from 1854 — 1859. Vol. I. 4°; Catatogue of Publications 
of the Smiths. Instit. corrected to June 1862. 8°; Smithsonian 
Miscellaneous Collections. Vol. I — IV. Washington, 1862; 
8°. — Le conto John L. Classification of Coleoptera of North 
America. Part I. Washington, 1861 —1862; 8®. — Hagen 
Hermann. Synopsis of North American Neuroptera. Washington, 
1861 ; 8®. — Morris, John G. Synopsis of North American, 
Lepidoptera. Washington, 1862; 8®; Smithsonian Museum Mis- 
cellanea. Washington, 1862; 8®. 

— Institution, The — . (Extr. from the Amer. Journ. of Sciences 
and Arts. Vol. XX.) 8®. 

Society, American Philosophical : Transactions. Vol. XII. N. S. 
Part I. Philadelphia, 1862; 4° — Proceedings. Vol. VIII, 
Nr. 65 & 66. Jannary — December, 1861 ; 8°. 

— of Antiquar ies of London: ArchaeoJogia. Vol. XXXVIll, Part 2. 
4®. — ?i •oceedings. Second Series. Vol. I. Nr. 2—7. Dec. 
1859 — April 1861. London; 8®. — List. 1861, 1862. 8®. 

— The Royal Dublin: Journal. Vol. III. Nr. 24 — 25. Dublin, 
1862; 8®. 

— The Royal, of London: Philosophical Transactions for the Year 
1861. Vol. 151. Part 1 — 3. London, 1861 — 62; 4®. 

47 * 


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720 


Verzeichniss 


Proceedings. Vol. XII. Nr. 49. London, 1862; 8°. — Morgan, 
Aug. de. Contents of the Correspondence of Scientific Men of 
the seventeenth Century, printed at the (Jniversity Press, 
Qxford, in 2 Volums Octavo, 1841. Oxford, 1862; 8°. * 

Societö, Provinciale des Arts et Sciences d’Utrecht, Programme 
1862—63. 

Subhi Bey, J. E., Geschichte der Seleuciden und Arsaciden. (Tür- 
kisch.) 4®. 

System der Anordnungen über Pflichten. I. Buch. Anordnungen 
über die Recrutirung. Petersburg, 1862; 8°. (Russisch.) 

Verein für Geschichte und Alterthum Schlesiens: Zeitschrift. 
IV. Band, 2. Heft. Breslau, 1862; 8°. — Codex diplomaticus 
Silesiae . V. Band. Breslau, 1862; 4°. 

— historischer, für Niederbayern: Verhandlungen. VIII. Band, 
1. & 2. Heft. Landshut, 1862; 8®. 

— historischer, für Niedersachsen: Zeitschrift. Jahrgang 1861. 
Hannover, 1862; 8®. — 26. Nachricht. Hannover, 1862; 8®. 

— für Nassauische Alterthumskunde und Geschichtsforschung : 
Denkmäler aus Nassau. III. Heft. Die Abtei Eberbach im Rhein- 
gau. Wiesbaden, 1862; 4®. — Urkundenbuch der Abtei Eber- 
bach im Rheingau. Von K. Rossel. I. Band, 3. Heft. Wies- 
baden, 1862; 8®. — Bücherverzeichnis. 1862. 

W ard, A. F., Universal System of Semaphoric Color Signals. Phila- 
delphia, 1862; 8®. 

W ol ny, P. Gregor, Kirchliche Topographie von Mähren. I. Abthei- 
ung, Olmützer Erzdiözese. IV. Band. Brünn, 1862; 8®. 


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der eingegangenen Druckschriften. 


721 


VERZEICHNISS 

DER EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN. 

(DECEMBER 1862.) 

Academia Real das Seiencias de Lisboa: Memorias. Classe de 
Scieneias mathematicas, physicas e naturaes, Nova Serie, 
Tomo II, Parte 1 & 2. Lisboa, 1857 & 1861 ; 4°. — Por - 
tugaliae monumenta Jüstorica , Vol. L ( Leges et consuetu - 
dines). Fase . 2. 1858 : VoL L (Scriptores) Fase . 2 $ 3. 
1860 1861. Folio . — Annaes das Scieneias e Lettras: Scien- 

eias inalh. phys. e mit. Tomo I. Outubro de 1857 — Fevereiro 
de 1858; Tomo II. Mar$o — Julho de 1858. — Annaes. Scien- 
cias moraes, politicas e Bellas Lettras. Tomo I. de Agosto 
1857 — Fevereiro de 1858; Tomo II. Mar$o — Novembro de 
1858. 8°.; Corpo diplomatico Portuguez. Por Luiz Augusto 
Rebello da Silva. Tomo I. Lisboa, 1862; 4°. 

Academie Imp. des Sciences de St. Petersbourg: Mömoires. VIP 
Serie, Tome III, No. 12 et dernier; Tome IV. No. 1 — 9. 4». — 
Mömoires (Collection in 8®), Tome I. 2. St. Petersbourg, 
1862. (Russisch. ) — Bulletin: Tome IV, No. 3 — 6. 4°. 

Al man ach der österreichischen Kriegsmarine für das Jahr 1863. 
Ilerausgegeben von der hydrographischen Anstalt der k. k. 
Marine. II. Jahrgang. Wien; 12°. 

Arneth, Alfred Ritter v. Maria Theresia's erste Regierungsjahre. 

I. Band. 1740—1741. Wien, 1863; 8®. 

Atti dell’ I. B. Ginnasio Liceale ai S. S. Gervasio e Protasio in 
Venezia. Anno 1° (1862 — 63). Venezia, 1862; 8°. 

Austria. XIV. Jahrgang, XLVI1.— LX. Heft. Wien, 1862; 8®. 


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722 


Verzeichniss 


Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreiches Bayern. 
II. Band, I. Abtheilung. (Mit 2 Karten und einem Trachtenbilde 
in Holzschnitt.) Mönchen, 1862; 8° & Fol. 

Gesellschaft, Fürstlich Jablonowski'sche, zu Leipzig: Gekrönte 
Preisschriften. IX. Victor Böhmert, Beiträge zur Geschichte 
des Zunftwesens. Leipzig, 1862; 4®. 

— der Wissenschaften, Königl., zu Göttingen: Abhandlungen. 
X. Band. Von den Jahren 1861 und 1862. Göttingen, 1862; 4°. 

— der Wissenschaften, Königl. Sächsische, zu Leipzig: Abhand- 
lungen. Philolog.-histor. Classe. IV. Band, Nr. 2 & 3. Leipzig, 
1861 & 1862; 4°; Berichte über die Verhandlungen. 1861. 
II., III. & IV. Heft. Leipzig, 1862; 8®. 

Hammelitz. III. Jahrgang, Nr. 2 & 3. Odessa, 1862; 4®. 

La Roche. Text, Zeichen und Scholien des berühmten Codex 
Venetus zur Ilias. Wiesbaden, 1862; 8®. 

Marburg, Universität. Akademische Gelegenheitsschriften aus dem 
Jahre 1861 — 1862. 8®, 4® & Folio. 

Martius, Karl Friedr. Phil. v. Über die Pflanzen-Namen in der 
Tupi-Sprache. (Bulletin der k. bayer. Akad. der Wissen- 
schaften. 1888. No. 1—6.) München, 1858; 4®. — Denk- 
rede auf Johann Salomo Christoph Schweigger. München, 
1888; 4®. 

Mittheilungen der k. k. Central-Commission zur Erforschung 
und Erhaltung der Baudenkmale. VII. Jahrgang, Nr. 12. 
Wien, 1862; 4®. 

Pichler, Georg Abdon. Salzburgs Landesgeschichte. I. Abthei- 
lung. Allgemeine Geschichte. V. Heft. Salzburg, 1862; 8®. 

Schlechta, Ottokar, Freiherr v. Das Buch vom Fechter von 
Firdewsi. Aus dem Türkischen übertragen. Leipzig, 1862; 8®. — 
Compte rendu d’une ddcouverte importante en fait de numis- 
malique musulmane publid en langue turque par Son Exc. 
Subhi Bey, traduit de Toriginal. Leipzig, 1862; 8®. 

Societas, Regia , scientiarum Upsalemis: Nova acta . Series 3*** 
Vol. IV. Fase. 1. 1862. Upsaliae ; 4°. 

Society, The Asiatic», of Bengal: Journal. N. S. No. II. 1862. 
Calcutta, 1862; 8®. 

Society, The Royal — : Proceedings. Vol. XII. No. 80. London, 
1862; 8®. 


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der eingegangenei» Druckschriften. 


723 


Society, The Royal Geographical, of London: Proceedings. Vol. VI, 
No. 5. London, 1862; 8°. 

Teutsch, G. D. Urkundenhuch der evangelischen Landeskirche 
A. B. in Siebenbürgen: I. Theil. Hermannstadt, 1862; 8°. 

Verein, Siebenbürgischer Museum-: Kalender für das gemeine 
Jabr 1863. Klausenburg, 1862; 8°. 

Wein hold, Karl. Ober deutsche Jahrtheilung. Rede zur Feier des 
Geburtstages Sr. Majestät des Königs Frederik's VII. an der 
Christian-AIbrechts-Universität am 6. October 1862 gehalten, 
Kiel, 1862; 4°. 

Wolf, Ferdinand. Le Brösil littöraire. Histoire de la litterature 
Brösilienne suivie d'un choix de morceaux tirös des meilleurs 
auteurs Brasiliens. Berlin, 1863; 8°. 


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